I. Zur römischen Literatur.
darf man sagen, daß sie nie zur Lüsternheit reize.Stellt man die Oden dieser Art in ihren mancher-lei Situationen neben einander, so wird man einer-seits eine römische Lebensweise, die wiruns gewiß nicht zurückwünschen, andererseits eineernstmoralische Grazie des Dichters gewahr,sich bemühend, auch diesen Scencn wenigstens ehr-baren Anstand zu geben. Bei Jünglingen undMännern verfolgt er den Dienst der cyprischen Göt-tin ebenfalls bis zu ihrer Entlassung aus demselbenin sehr wohlgcwahlten Momenten, so daß cs nureines verständigen Winks bedarf, um den Leser da-hinzustellen , wchin ihn der Dichter haben wollte.Dahin aber gelangt er nicht, wenn man mit einemgeheimen Kitzel antiquarisch an jeder Farbe des Ge.mahldes haftet, vergessend den Zweck des Ganzen.Der gute Oater des Horaz machte es anders. Umseinem Sohn dies oder jenes Schändliche oder Schäd-liche unleidlich zu machen, sprach er: „siehe aufJenen! auf diesen!" So stellet Horaz seine Ge-mahlde in allerlei Formen der Leidenschaft hin undüberläßt Jedem sich selbst zu sagen: „Merke! Da-hin gehts! Hüte dich bei Zeiten!" Nochmals ge-sagt: glücklich, daß wir aus diesen Scenen soge-nannt-antik-römischer Liebe hinaus sind,und derselben wenigstens zu unsrer lyrischen Formnicht bedürfen. In Klop stock, Götz u.f. giebtsandre Scenen der Liebe; und in Horaz selbst, dieer billigt oder preiset, "sind sittlich. Sage man,was man wolle, es ist kein Rücktritt im Gangeder Bildung des Menschengeschlechts, daß sic dieJungfrau über die Buhlerinn, die Liebe über