qo2 II. Antiquarische Aufsätze.
rolle Grazie anschuf, als wir bei andern Völkernvergebens suchen dürften. Freilich ist ihr Horizontnicht weit: er erstreckt sich wenig hinaus über die-ses Leben, das ihnen der Mittelpunkt ihres Daseynswar. Non diesem Mittelpunkt aus aber, wie r.insahen sie: wie menschlich suhlten sie alle Formen!wie schön wüsten sie diese in ihre Bilder - und Wort-sprache zu kleiden! Keine Nation hat sie hierin er-reicht, geschweige übcrtroffen; so daß man cs als ei-nen wahren Verlust für die Menschheit ansehcn müß-te, wenn ihre Philosophie und Symbolik, ihre Dicht-kunst und Sprache von der Erde vertrieben und in-sonderheit von den Augen der Jugend verbannt wür-de. Ich sehe nicht, womit sie zu ersetzen wäre.
Eine Probe sey der bildliche Begriff, den ichzergliedert habe. Welche Feinheiten liegen in ihm,nicht nur zu eigner Lebensführung, sondern auch zuBemerkung des ganzen Laufs menschlicher Geschichte.Der Abt Geinoz hat es beim ältesten griechischenGeschichtschreiber Hcrodot bemerkt*), daß er ge-wisse Maximen zum Grunde lege, auf die er, so ofter kann, seine Begebenheiten zurückführt; und dieseGrundsätze sind: „daß man sich durch den Schim-„mer der Macht und der Rcichthümer nicht dürfe„blenden lassen; daß ein Mensch, der ein mittel-„mäßiges Glück genießet, oft glücklicher sey, als der„König auf dem Throne; daß man sich dem Ge-
*) lVIeinoir. äs I'eVcLll. cles Inscr, M ig.^ übersetztin Gatierer histor. Biblioth, B. ro. S. 29. u. f.