Zweites Wäldchen.
n3
Noch offenbarer sind andre Verabredungen, dieimmer heißen könnten, wie sie wollt,n, nur Na-kurempsindungen der Schamhaftigkeit sollten sie ei-gentlich nicht heißen. Dies sind alle Beleidigungendes gesellschaftlichen Wohlstandes, wo man eine Artvon Verweis befürchtet, oder sich selbst giebt. EinKind halt feine Kleider schmutzig, seine Strümpfenachlässig, seine Haare unordentlich. „Sckamc dich!"ist der allgemeine Zuruf der Mutter; und das Kind,insonderheit das Mädchen, lernt sich im Ernste schä-men. Es lernt, sich schämen, und mußte es ler-nen : denn, als Naturempsindung, lag solche Schaamnicht in ihm. Sie lernte sie blos aus dem Worte:von da stieg sie ins Ohr, in die Seele, und zurGesellschaft auch auf die Wangen: mit dem Worteward endlich auch der Begriff, mit dem Begriffedie Empfindung selbst geläufig. An sich immer ei»gesellschaftlich nothwendiger Begriff, eine gesell-schaftlich vortreffliche Empfindung; nur nenne mansie immer lieber ein erworbnes Gefübl des gesellige»Anstandes; oder soll sie ja Schaam heißen, so magman sie, als eine gesellschaftlich formirte Schaam-rmpsindung, betrachten, mit dem Gefühle in uns,so wie es aus den Händen der Natur kam, eigent-lich nicht einerlei.
Unser Sprachgebrauch, und, was noch ärger ist,unsre gemeine Erziehung verwechselt sie: man lernt,sich von Jugend auf über eine widrige Wahl derKlcidungsfarben, über unmodischc Stücke des An-putzes , über mißrathene Komplimente schämen, biszur Röthe schämen, sich schämen, als ob uns die
Herders W.z.sch.Lit.u.Kunst. V. H A'-rt.