44
Kritische Wälder.
ein Schlag, Wunde bleibt Wunde, eine Ohrfeigeeine Ohrfeige, und wird es, so lange die Welt steht,bleiben. Es ist also nicht der nämliche Fall diesermit den vorigen Empfindungen, und unser weichli-cher Zustand hat vielmehr das Gefühl der Schmer-zen unendlich, und oft zum Weibischen erhöhet.Hiernach muß cs also umgekehrt seyn, daß, wenn eingriechischer Thescus, Herkules, Philoktetes, einenSchmerz, eine Wunde einmal fühlet, so müßte einSybarit unsrer Zeit sie siebenfach fühlen, und wennalso „das Schreien der natürliche Ausdruck des kör-perlichen Schmerzes, das Recht der leidenden Na-„tur, ein Eharaktcrzug griechischer Helden seyn soll,"so folgt, daß, wenn jener einmal, der unser« bei'siebenmal heftigerer Empfindung auch siebenfach stac-ker schreien dürfte und sollte, um — ein Held desHomers zu seyn.
Wie sollte es denn nun gekommen seyn, daß„wir feincrn Europäer einer klügern Nachwelt ge-„lernt haben, über unfern Mund und Augen zu„herrschen, und uns also so grausam das Privilc-„gium der leidenden Natur versaget haben?" Wennwir die Empfindungen für Vaterland, Freund, Ge-schlecht, Menschheit und was sey, mithin unter die-sen Empfindungen das weiche Gefühl des Schmerzesdarüber verloren, und den Verlust, den Mangel der-selben mit Anstand und Artigkeit überdeckt haben,so läßt sich das erklären. Nun aber soll uns amkörperlichen Schmerz ein größerer Grad von Empfin-dung beiwohnen, und doch weniger, unendlich weni-ger Rechte der leidenden Natur? Ja noch dazu, wasbei den Heldengriechen, bei mindcrm Anlasse des