420
Der Weg der kleinen Procession, welche sich vom Zimmer desheimlichen Gerichts nach dem Sommeraufenthalt seiner Schlachtopferbegab, bezeichnet auf traurige Weise den Ort und die Regierung.
Er führte durch finstere, verdeckte Korridore, die dem uneinge-weihten Auge verborgen waren, während nur dünne Wände sie vonden Zimmern des Dogen trennten, welche gleich jenem äußern An-strich des ganzen Staates hinter Pracht und Glanz nichts als Nackt-heit und Elend versteckten. Als das Obergeschoß erreicht war, bliebJacopo stehen und redete seine Führer an:
„Wenn ihr Menschen seid, von Gott geschaffen, so nehmt mir,wenn auch nur für einen Augenblick, diese klingenden Ketten ab."
Die Schließer sahen überrascht einander an, keiner wollte dasLicbcswcrk über sich nehmen.
„Ich will," fuhr der Gefangene fort, „vcrmuthlich zum letztenMal, einen bettlägerigen oder auch schon sterbenden Vater besuchen,und er weiß nichts von meiner Lage; soll er mich in diesem Zu-stande sehen?"
Mächtig mehr durch Ton und Geberde als durch Worte, ver-fehlte diese Anrede ihre Wirkung nicht. Ein Schließer nahm ihmdie Ketten ab und hieß ihn hineingehen. Mit vorsichtigem Trittging Jacopo, als die Thür geöffnet war, allein in das Zimmer,denn keiner nahm an der Zusammenkunft eines gemeinen Bravo mitseinem Vater so vielen Antheil, daß er sich deßhalb hätte der bren-nenden Hitze dieses Ortes aussetzen sollen. Hinter ihm schloß sichdie Thür, und das Gemach wurde dunkel.
Ungeachtet seiner angenommenen Festigkeit blieb Jacopo er-schüttert stehen, als sich ihm so Plötzlich das stille Elend des un-glücklichen Gefangenen veranschaulichte. Ein schweres Athmen ließihm den Ort des Strohlagers errathen, denn die Mauern, welcheauf der Seite des Korridors massiv waren, verhinderten das Ein-dringen des Lichtes durchaus.
„Vater!" sagte Jacopo sanft. Er erhielt keine Antwort.