Druckschrift 
15 (1853) Der Bravo : eine venetianische Geschichte
Entstehung
Seite
398
Einzelbild herunterladen
 

398

Es ist nicht so schlimm, als du zu glauben scheinst, Carlo,"bemerkte sie; haben sie dir doch erlaubt, deinen Vater zu gewissenZeiten zu besuchen, und dadurch bewiesen, daß sie nicht ohne Mit-leid sind. Jetzt, da ich aus Nachsicht für deine Wünsche eine vonihren Vorschriften vergessen habe, werden sie nicht so hartherzigsein, diesen Fehler für ein Verbrechen zu rechnen."

Jacopo sah sic mitleidig au, denn er wußte gar wohl, wie wenigsie die wahre Beschaffenheit und listige Politik des Staates kannte.

Es ist Zeit, daß wir scheiden," sprach er,damit du Unschul-dige nicht für meinen Fehler büßest. Ich bin jetzt unweit des öffent-lichen Korridors und muß es meinem Glück anvertrauen, mich aufden Quai zu bringen."

Gelsomina hing sich an seinen Arm, und wollte ihn in demfürchterlichen Hause nicht sich selber überlassen.

Es wird nicht gehen, Carlo, du wirst auf einen Soldatenstoßen und dein Vergehen wird kund werden. Dann lassen sie dichvielleicht nie wieder herein, oder verschließen dir ein für alle Maldie Zelle deines armen Vaters."

Jacopo machte ihr ein Zeichen voranzugehen und folgte. Mitklopfendem, aber doch ein wenig erleichtertem Herzen schlüpfte Gel-somina durch die Gänge und schloß sorgfältig, ihrer Gewohnheitnach, jede Thür hinter sich zu. Endlich erreichten sie die wohlbe-kannte Seufzerbrücke. Das ängstliche Mädchen ging geflügelterenSchrittes, als sie sich ihrer eigenen Wohnung näherte, denn siesann aus Mittel, ihren Gefährten in ihres Vaters Stube zu ver-stecken, wenn der Ausweg aus dem Gesängniß bei Tage zu gefähr-lich sein sollte.

Nur eine einzige Minute, Carlo," flüsterte sie und steckte denSchlüssel in die Thür, welche zu diesem Gebäude führte dasSchloß ging auf, aber die Angeln der Thür wollten sich nicht be-wegen. Gelsomina wurde bleich und ries:Sie haben die Riegelinwendig vorgeschoben!"