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15 (1853) Der Bravo : eine venetianische Geschichte
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Was ist das Klügere hier? Recht oder Unrecht?

Maaß für Maaß.

Ai dem beständigen Kampfe zwischen der Unschuld nnd der Ver-schlagenheit ist die letztere so lang im Vortheil, als sie sich auf ge-wöhnliche Lebensvcrhältnisse beschränkt. Sobald aber die erste ihrenWiderwillen gegen Beobachtung des Lasters bekämpft, so gewährtihr der angeborene Adel, der natürliche Math der Tugend sichererenSchutz gegen die Berechnungen der Gegnerin, als wenn sie von derenschlauen Hilfsmitteln die allerfeinsten anwendete. Die Natur hateinem Jeden von der Sünde gerade genug gegeben, um über dieRegungen der Selbstsucht und des Truges in Anderen ein Urtheilfällen zu können; ihre Lieblinge aber sind Diejenigen, deren Absichtenund Beweggründe ein solches Gepräge der Gerechtigkeit und Un-cigennützigkeit tragen, welches allein hinreicht, die Pläne der Arg-listigen zu Schanden zu machen. Unzählige verstehen es, sich Vör-den Geboten eines conventionellen Rechtes zu beugen, aber Wenigenur wissen sich in neuen und schwierigen Lagen zu entscheiden.

Daher kommt es, daß Leute, die allznbewandert sind in demTreiben des Lebens, sich doch beständig vergreifen, sobald sie mitder edlen Einfalt, mit der wahren Weisheit in Berührung kommen.Die Erfahrung eines jeden Tages beweist, daß, gleichwie kein Ruhmdauert, als der aus Tugend begründete, so auch keine Politik Si-cherheit gewähre, als die im Gemeinwohl wurzelt. GewöhnlicheGeister können die Angelegenheiten der Gesellschaft übersehen, solange diese den gewöhnlichen Gang gehen. Wehe aber dem Volke,welches bei großen Ereignissen Anderen vertraut, als den Redlichen,Edlen, Weisen nnd Menschenfreundlichen. Denn ungewiß wird derAnsgang, wenn blos gemeine Gewandtheit die zufälligen, unvorher-gesehenen Umstände handhabt, welche zur Wiedergeburt einer Nation