275
seinen Nachbar über Das, was etwa während der Nacht sich ereignete,zu befragen. Einige erschienen heiter, Andere betrübt; Einige müssig,Andere beschäftigt, hier arbeitete Einer, dort scherzte der Andere;und Venedig bot, wie gewöhnlich, und wie es schon an viel tausendähnlichen Morgen geschehen, das Bild eines geräuschlosen, und dochgeschäftigen, gehcimnißvollcn und dennoch beweglichen Platzes dar.
Die Diener schleuderten mit mißtrauischen, vorsichtigen Mienen,kaum wagend, sich gegenseitig ihre geheimen Vermuthungen überdas Schicksal ihrer Gebieterin zuzuflüstern, um das Wasserthor vonDonna Violetta's Palast. Die Residenz Signor Gradenigo's zeigtesich in ihrer gewöhnlichen düstcrn Größe, während die BehausungDon Camillo Monforte's durch kein Zeichen die schmerzlich getäuschteHoffnung ihres Herrn vcrrieth. Die Bella Sorrentina lag nochin dem Hasen mit ausgebreitetem Segel über dem Verdeck, unddas Schiffsvolk beschäftigte sich, nach der gewöhnlichen trägen Weiseder Seeleute, wenn nichts Dringenderes zu thun ist, mit Segcl-ausbesscrn.
Die Lagunen waren mit Fischerbooten übersäet, und Reisendekamen an und reisten ab auf den wohlbekannten Kanälen von Fusinaund Mestre. Hier verließ ein Abenteurer aus dem Norden die Stadt,auf seiner Rückreise nach den Alpen, ihm schwebte das gefälligeBild der mitangesehenen Feierlichkeiten vor, vermischt mit einigendunkeln Vermuthungen über die den beargwöhnten Staat lenkendeGewalt; dort suchte ein Pächter vom Festlande seine kleine Meiereiauf, zusriedengestcllt durch das Schaugepränge und die Regatta desvorigen Tages. Kurz, Alles erschien wie immer, und die Begeben-heiten, die wir erzählt, blieben ein Geheimniß der Mitspielendenund des dabei so betheiligten Senates.
Wie der Tag mehr vorrückte, breitete sich manches Segel ausnach den Säulen des Herkules oder nach der reichen Levante, undFelucken, Mistiks und Galiotten gingen und kamen, je nachdem derLand- oder Seewind vorherrschend war. Noch faulenzte der cala-
18 *