Gefühle durch allzu vertraute Bekanntschaft mit dem Schicksale derSchwachen an ihrer Reizbarkeit schon verloren haben.
Wer das menschliche Leben und seine Verhältnisse aus einemHähern Standpunkt betrachtet, der würde in Antonio das rührendeBild einer Natur erblickt haben, deren edler Stolz von den Trüb-salcn der Welt sich nicht ganz unterdrücken ließ; die Alltagsmenschen,welche keine andere Nothwendigkcit kennen, als die zufälligen Ein-richtungen der Gesellschaft, zu der sie gehören, hätten hier nur einenmürrischen, unzufriedenen Menschen gesehen, dessen unruhige Projektenur durch heilsame Gewalt gebändigt worden. Ein tiefer Seufzerkämpfte sich aus der Brust des alten Mannes hervor, dann strich ersich die wenigen Haare, welche die Zeit ihm noch gelassen hatte,hob seine Mütze vom Pflaster auf und wollte fortgehen.
„Du bist spät ans, Antonio," ertönte eine Stimme dicht nebenihm. — „Die Fische müssen hoch im Preise stehen, oder du mußteinen guten Fang gethan haben, daß du bei deinem Gewerbe nochin dieser späten Stunde dich in der Piazza zu erlustigen Zeit findest.Du hörst, es schlägt eben die fünfte Stunde der Nacht."
Der Fischer drehte den Kopf nach der Seite hin und blickteden Redenden, welcher maskirt war, einen Augenblick gleichgültigan, dann antwortete er:
„Da du mich kennst, so weißt du wahrscheinlich auch, daß mei-ner nur eine leere Wohnung wartet. Wenn ich dir so bekannt bin,so ist dir ja wohl auch die Unbill nicht unbekannt geblieben, welchemir widerfahren."
„Wer hat dich beleidigt, guter Fischer, daß du selbst unterden Fenstern des Dogen so kühn davon sprichst?"
„Der Staat."
„Das ist eine dreiste Rede für das Ohr des heiligen Marcus!Zn laut gesprochen, könnte sie den Löwen dort zum Zorne reizen.Wessen klagst du die Republik denn an?"
„Führ' mich nur hin zu Denen, die dich schicken, so will ich