Druckschrift 
15 (1853) Der Bravo : eine venetianische Geschichte
Entstehung
Seite
56
Einzelbild herunterladen
 

56

hat in Venedig, betreffe cs nun Paläste an den Kanälen, oderLändereien ans dem Festland«:, oder Ehrenstcllen, oder einen Sitziin Senat, immer sollte ihm Gerechtigkeit werden ohne Verzug,damit es nicht heiße, die Republik prahle mehr mit dieser heiligenTugend, als sic dieselbe übe."

So heißt dich dein argloser Sinn reden. Es gehört zurGebrechlichkeit des Menschen, meine Tochter, daß er seine öffent-lichen Handlungen von der ängstlichen Gewissenhaftigkeit seinesThuns als Privatmann fernhält, als ob Gott, den Menschen zu-gleich mit Vernunft und mit dem herrlichen Trost des Ehristen-thnms beschenkend, ihm zwei Seelen gegeben hätte, für dereneine nur allein zu sorgen wäre."

Gibt es nicht Leute, mein Vater, welche glauben, cs werdenur dasjenige Böse an uns gestraft, welches wir als Einzelne be-gehen, was aber von Staats wegen geschieht, falle der Nation auchzur Last?"

Der Stolz der menschlichen Vernunft hat manche Spitzfindig-keit ersonnen, seinen eigenen Begierden zu fröhucn, aber er findetan keiner unglückseligeren Täuschung, als diese ist, Nahrung. DieSünde, welche Andere mit fortreißt in ihre Schuld oder in ihreFolgen, ist eine doppelte Sünde, und wenn cs auch die Natur derSünde ist, ihre eigene Strafe nach sich zu ziehen, sogar schon indiesem Leben, so schmeichelt Derjenige sich doch mit falscher Hoff-nung, welcher meint, die Größe des Vergehens werde ihm zurEntschuldigung dienen. Die größte Sicherheit für uns Menschenist, uns von der Versuchung zurückzuziehen; der ist am meisten ge-borgen vor den Lockungen der Welt, wer sich von ihren Lasternam meisten entfernt hält. Ich wünsche zwar, daß der edle Neapoli-taner sein Recht erlange, doch kann es vielleicht um seines ewigenHeiles willen sein, daß ihm diese Vergrößerung seines Ncichthums,nach welcher er trachtet, vorenthalten wird."

Ich kann nftr nicht cinbilden, mein Vater, daß ein Kavalier,