76 II. Ideen zur Geschichte und Kritik
Th. Rechnen Sie denn Güte und Dankbarkeitunter die Handlungen der Freundschaft und desWohlwollens?
P h. Ohne Zweifel; sie sind ja die vornehm-sten.
Th. Gesetzt also, der Verpflichtete entdeckteFeblcr an seinem Wohlthäter, würde dies jenen vonseiner Dankbarkeit lossprcchcn?
PH. 'Nicht im geringsten.
Th. Oder macht es die Ausübung der Dank-barkeit weniger angenehm?
PH. Mich dünkt vielmehr das Gegcnthcil.D nn wenn mirs an allen andern Mitteln der Ver-geltung fehlte, so würde ich mich freuen, wenigstensdadurch meine Dankbarkeit gegen meinen Wohl-thattr sicher zeigen zu können, daß ich seine Fehlerals ein Freund ertrüge.
Th. Und was dje Güte betrifft, sagen Siemir, mein Freund, sollen wir denn blos denen Gu-tes thun, die es verdienen? Etwa blos einem gu-ten Nachbar oder Verwandten, einem guten Va-ter, Kinde oder Bruder? Oder lehrt Natur, Ver-nunft und Menschlichkeit uns nicht vielmehr, einemVater, blos weil er Vater, einem Kinde, blos weiles Kind ist, Gutes zu thun? Und so in jedemVerhältnis des menschlichen Lebens.
PH- Ich glaube, das letzte ist das richtigste.
Th. O Philoklxs! Bedenken Sie also, was Siesagten, da Sie die Liebe gegen das menschliche Ge-