Briefe,
Vierunddreißigster Brief.
Seyn Sie sicher, mein Freund, daß Apol-lonius von Tyana unscrm Christus nicht schade,und wenn auch noch zehn „weise Männer," wieDamis, oder ,,attische Sophisten," wie Philo-strat, oder „Wahrheit - liebende Philosophen," wieHierokles und Blounk, ihn bis zum Himmelerhöben. Lesen Sie sein Leben bei Philostrat undfragen Ihr unbestochcncs Urlheil. Es ist ein Ro-man von Anfang bis zu Ende: ein Roman, beidem Ihnen Christus etweder gar nicht einfallt,«der etwa so cinfällt, wie man die schlichte, armeWahrheit bei der reichsten aufgeputztesten Lüge ge-denket. Was hielte man von einem Menfchcn, derden Tclcmach, oder die Reisen des Cyrusals eine Geschichte läse, weil ihre Legenden an Na-men der Geschichte geknüpft sind? Mil dem Zau-berer und Wundcrhelden, Apollonius von Tyana,ist's nicht anders.
Sie wissen, in welchem Zeitalter Philostratlebte und wie voll damals alles von philosophischenRomanen war. Seitdem die unglückliche alexandri»nischc Philosophie Wurzel gefaßt und mit ihremUnkraut das ganze römische Reich durchkrochen hatte,ward das nüchterne Denken Schwärmerei, die phi-losophische Geschichte, die die keuscheste seyn sollte,ward Roman der Romane. Man stopfte die Na-men der alten Philosophen mit Zauberei, Wundern