36g.
Briefe/
Kenntnis der Bibel, des Dogma und seiner Ge-schichte, Kenntnis seiner Zeit und seiner Subjecteist nöthig. Hatten wir doch eine Geschichte derDogmatik, mit dem praktischen Endur»lhcil bei jeder Lehre, wie fern sie, nach solchenPrämissen, jetzt am besten unserer Zeit vorzu-tragen wäre! Vorarbeiten über einzelne Artikel ha-ben wir insonderheit unter den SemlerschenArbeiten reichlich; das Werk selbst aber, das ichwünsche, (unpartheiisch, vollständig, philosophisch,menschlich) — ist, so viel ich weiß , noch unge-schrieben.
Eine Geschichte des dogmatischen Pre-digtvortrages wäre ebenfalls zu wünschen:denn cs ist ein sonderbarer Anblick, wenn man ihndie Zeiten der christlichen Geschichte hinab verfolgtund die Farbe stehet, die er jedesmal von seinemZeitalter und der damaligen Modewissenschaft an-nahm. Luther z. B. sprach die einfältige, star-ke, ungcschmückte Sprache des gesunden Verstandes;er sprach aus Brust und Herzen, nicht aus Kopfund Gedächtnis. Seine Predigten sind daher in-sonderheit bei gemüthsfcsten Predigern in unsererKirche lange das Muster ihres Vortrages gewesen;Chemnitz, Matthcsius, Weller u. a. pre-digten ihm nach. Mit der Zeit artete dieser Vor-trag in kleine Mährchen, in erbauliche Stadtge-schichten , wohlgemeinte, aber nicht immer bestehen-de lüonsilia, kurz in einen Stadtpfarrer-Vortrag aus, von dem wir aus dem vorigenJahrhundert noch eine Menge Proben haben. Aka-demien und Höfe wollten sich unterscheiden: