das Studium der Theologie betr. 3i5
Fünfundzwanzigster Brief.
Die kleine Geschichte Ihres Lebens, meinFreund, die Sie mir mit so vielem Zutrauen er-zählen , ist freilich Antwort auf meine Frage. Al-lerdings entscheiden Umstände und Zufälligkeitenbei vielen und den meisten auf's ganze Leben; beiIhnen aber sollen und müssen sie nicht entscheiden.Eindrücke der Jugend vergehen: eine Wolke vonAeitentschließungen verraucht; Vernunft allein, gött-licher Zug und Trieb des Herzens, innerer undäußerer Ruf von Bewegursachen, Zwecken, Fähig-keiten und Kräften, bleibt der Dämon, der unsam gewissesten leitet. Vor jetzt also lasse ich IhreBlödigkeit in Ruhe; nur aber dazu, daß Sie sichbei allem, wovon weiter die Rede seyn wird, schär-fer prüfen. Hören Sie mich noch als Fremder,als Freund der Theologie: noch nicht als ein ansie verkaufter Knecht und Sclave, Ohnstreitig hö-ren Sie sodann edler, williger, freier.
Behalten Sie, mein Freund, diese erste Er-innerung : denn ich weiß nicht, warum man bei
der Theologie nicht so freien Sinnes und heiternGeistes seyn könne, als bei einer der andern Wis-senschaften ? Theologie ist gewissermaßen die libe-ralste von allen; eine freie Goltesgabe an's Men-schengeschlecht, die diesem auch zu allem liberalenGuten der Vernunft, einer cdeln Tugend undAufklärung geholfen. Theologen waren die Väter