Briefe
190
Stillen wirke. Werden Sie so glücklich, nur einigezu überzeugen, daß sie sich, ohne Schwärmerei undAberglauben, entschlössen , dem Leben und der LehreChristi männlich zu folgen, nach seinen Grundsätzenzu leben in Wahrheit und stiller Liebe : mögen Sienun diese Leute kennen oder nicht — das letzte im-mer um so besser! Lasset uns Christo Jünger zie-hen; nicht uns. Lasset uns ihn, nicht uns predi-gen. Liebe ist Geist des Christenthums, nichtGebräuche: allgemeiner, reiner Geist derWahrheit, wo Wahrheit sich finde; keine ein-zelne Clausur von Worten. Nicht nach Sekte wirdChristus am Weltgericht fragen, nicht nach demSaum des Rocks, oder nach erlernten, im Grabegebliebenen Formularen; sondern nach reinem, kind-lichem Menschen sinn, nach allgemeiner, sichselbst unbewußter Menschenliebe. Was ihr ge-than habt Einem unter diesen Gering-sten, das habt ihr mir gcthan. Was ihrnicht gethan habt Einem derselben,habt ihr mir auch nicht gethan. O Freund,wenn wir nur diese einzige Rede Christi, nur dieeinzige Handlung von ihm hakten, als er jenesKind in die Mitte stellte und was er darüber sprach :könnten wir des Weges, Christen zu seyn in sei-nem Sinn, im Geist seiner Wahrheit, je ver-fehlen? Und wie diese, sind ja alle seine Lehren,Handlungen, sein ganzes Leben. Güte lobt er im-mer, als die menschlichste, billigste Gerechtig-keit; Verzeihung, Nachgeben, Duldung, Ueber-windung des Bösen mit Gutem zeigt er jedesmalmal als die wirksamste, beschämendste Güte. DerStolz des lauten Guten hat seinen Lohn dahin;