132 Aelteste Urkunde
wendige erste Anerkennung, die Scham. Selbstder Reue gehet diese Scham vor: denn Reue be-trifft schon Folgen, Scham aber die That: sie istdas erstgeborne Kind des Unglaubens, Ungehorsams,des inncrn Zweifels. Und stehe da, wenn ich denKörper zur Seele zu machen wüßte, ihre erstenSymptome im rücktretenden Blute. Es ist dersinnlichste Ausdruck des Zweifels, der Ebbe undFluch im Meer unserer Affekten, die getheilte Zwei-Herzigkeit, wie der Orient allen Unglauben undZweifel nennet. *)
So lange Unschuld war, floß unser Geblüt(denn alles Leibes Leben ist im Blute) sanft undungestört seinen Gottesgang hin: nur Ein Ge-danke, Ein Wille, der Wille des Vaters, nur EinGottesblick seine Empfindung. Da umarmte Adamdie Mannin ohne Scham, ohne Zergliederung: siewar die Männin, ihm von Gott gegeben, die gro-ße Erbauerin ihres Geschlechts mit ihm; keine Saiteseiner Seele oder seines Körpers gieng irre: Allesklang. Nun aber, da er von Gottes Gebot wich,da sich ihr Herz spaltet: in Nichts anderm konntedieser Mißklang, dieser Rücktritt in seinem Wesen,eher und mächtiger empfunden werden, als ebenim edelsten, mächtigsten Gottestriebe, dem Liebes-
*) Alles Gute ist in den Sprachquellen des OrientsGerechtigkeit, Lreue, gerade Einfalt: krümmetsechs, theilr sechs, zittert, spalte die Ruthe: sic-he da all' ihre Urbegriffe Hes Bösen, der Falsch-heit, der Scham, Unruh.