I. G. v. H e r d e r s sämmtliche Werke. Religion und Theologie. Sechster Theil. Aelteste Urkunde des Menschengeschlechts. Zweiter Band. Mit Großherzoglich Badischem gnädigstem Privileg!«» C a r l s r u h e, im Büreau der deutschen Classiker. »827. t Inh a,k t. l. Anbeginn des Menschengeschlechts . . S. II. Abfall des Menschengeschlechts ... — Hl. Fortgang des Menschengeschlechts u. Ende — IV. Zusätze zu der ältesten Urkunde des Menschengeschlechts Aeltefte Urkunde d e s Menschengeschlechts. Dicktet Lheik. Heilige Sagen der Vorwelt r ein Abgrund aller Menschengeschichte« Herders Werk« >. Nel, u. Th'eol. VI. *>sindurchgedrungen durch ein Gewirr von Völkern, Zeiten, Zeichen und Sprachen, wo sind wir? auf welcher Zauberhöhe! Stimmen Gottes, Sagen des Ursprungs tonen umher von allen Hügeln der Borwelt.*) Moses verlaßt sein Denkmal,**) das, wie die Schöpfung, groß und einfach und unergründlich dasteht, ein in sich gearbeiteter und in sich zurückkehrender ewiger Schild Gottes.***) Aber welch ein Abfall dicht hinter diesem Schilde! Der Spha- rengesang der Schöpfung schweigt und es beginnen einzelne gebrochene Töne'fernher, wie Töne der ländlichen Flöte. Sie singen si) Unschuld und Paradies, Baum des Erkenntnißes und Sünde, Fluch Und Tod, Mord und unschuldiges Opfer, Bann Und Verbürgung, Geschlechter und Namen, Luster- *) Mos. 2. ». f. ") V. !»- ***) wle die Dichterin Theano Achilles Schild nannte» -s) Mos. 2 - 6 . A 2 4 Aelteste Urkunde sindcr und klagende Gottesväter, Verderben, Riesen, Sündflurh, Tod — wer versteht, wer deutet, wer ordnet sie uns, die Echo der Vaterstimmen von Alters? Ueber ein weltzerstorendes Meer der Sündfluth, aus Welt in Welt, wie aus einem Sterne zur Erde kommen sie über. Man schiebt das sogenannte zweite Capitel Moses blind ins erste Capitel — wie wenn die Schwalbe am Kranz der Königssäule nistet. Warum aus allen Theilen des Ersten nur dieser Theile Erklärung? und hingcworftn wie ein Sandhaufe von Sagen, nach einem so festen Ganzen? Bäume, Flüsse, Thiere, -Menschen*) — dort stand Alles an seinem Ort: hier schweben sie wieder zerstreut im Nebel. Dort ein Menschcnpaar, erhaben überdacht, zusammengeschaffen und gesegnet; hier Zeiten wieder,**) „wo noch kein Mensch ist, weil „es noch nicht geregnet, wo der Mann noch allein „ist, und doch ists nicht gut, daß er allein sey, „wo das Weib endlich als eine vergessene Nachschrift erscheinet, ein Nothübel der Schöpfung." Die traurige Geschichte der Bibclrettung und Auslegung zeigt, welche Verstümmelung und Irrungen daher entstanden, von Präadamiten, einem rothen und weißen Adam, und viel Schlammes mehr, davon zum Theil unsere guten Bücher voll sind. Unmittelbar auf solche Trümmergeschichte folgt ein Wunderding,***) dem die Vernunftmänner *) I Mos. 2 , 6. 6. 7, »*) i Mos. », S. rü. »*») r Mos. 3. des Menschengeschlechts. S noch keinen Namen zu geben trauen „das Mahr- „lein vom Fall der ersten Menschen." Jsts Allegorie? Geschichte? Fabel? Und doch stchts als zweite Säule Herkules da, über die nichts weiter! von der alle folgende Geschichte des Menschengeschlechts ausgeht. Sodann folgt welch ein neues Stückwerk! Vom Zetcrmorde und Zeichen Kains: vom Liedlcin Lamechs: eine Namcnreihe tausendjähriger Men- schenccdern: von Riesen und der Sündfluth und einem Kasten — Die philosophischen Schöngeister müssen sich mit den Windeln unseres Geschlechts mühen und sich ihrer schämen; wünschen, daß die Sündfluth sie weggcspült hätte oder sie höchstens nur im Eommentar des Schattcnspielcrs erscheinen dürften. — Und doch seyd ihr, liebe, älteste und ewige Sagen meines Geschlechts, Kern und Keim seiner verborgensten Geschichte! Ohne euch wäre die Menschheit, was so viel Anderes ist, ein Buch ohne Titel, ohne erste Blätter und Aufschluß; mit euch bekommt unsere Familie Grundstein, Stamm und Wurzel bis auf Gott hin und Vater Adam. Und alle sind sie in so einfältigem kindlichen Tone! dem Munde der Vaterfage unter den Baumen Morgenlands entnommen und von Moses so treu und einzeln dahingestellt, als er sie, die Echo ewiger Zeiten, vorfand. Und eine Zauberstimmc! so wunderbar und ferne, auch im Laute so anzüglich, wie im Inhalt, der Seele des Kindes, so lange sie Kind seyn kann, ein bekannter Ton, eine liebliche Mutterstimme. 6 Atteste Urkunde des Menschengeschlechts. Won den Händen des starken Gottes Jakobs Dom Namen des Hirten und Steins Israel Vom Gott der Vater, der hilft, Vom Allmächtigen, der da segnet: Mit Segen des Himmels von oben, Mit Segen des Abgrunds drunten, Mit Segen der Brüste und Mutter, Segen des Vaters über Segen der Vater Bis zum letzten Hügel der alten Zeit. — Könnte ich meine Leser dahin zaubern! Nur einen Laut voriger Tage, Nachklang der Stimmen von Alters erwecken, denen unser Ohr so taub ist. — Wir sind von gestern und wissen nichts, Unsere Tage sind ein Schatten auf Erden. Frage das älteste Geschlecht, Bereite dich, zu forschen die Väter; Sie werden dichs lehren und dir sagen Und dir ausschütten die Schätze ihres Herzens. Kinder, Jünglinge, Mcnschenvater! kommt und forschet mit mir. Es ist Urgeschichte unseres Geschlechts und Gottes Stimme, die uns lehret! I. Anbeginn des Menschen- Geschlechts. Einzelne Stücke. i Mos. 2,4 — 25 . Anbeginn des Menschengeschlechts. Unmittelbar nach der Schöpfung in Werken und Tagen beginnet ein anderer Gottesname. Der dort Elohim hieß, weil man noch von keinem Mißbrauch dieses Namens wußte, und in der Geschichte des Falles meistens wieder so genannt tvrrd, heißt hier*) Jehovah-Elohim, Gott der Götter: ein spaterer Name. Der Sammler dieses Buchs gibt uns also selbst einen Wink auf Unterschied, der sich ja auch im Inhalt und Vortrage zeiget. Und warum mußten denn, um dies Zweite zu erklären, aste Augen immer nur zurückgewandt seyn aufs Erste? auf ein Stück, das seinem Zweck und Gebäude nach weder Einschaltung noch Abbcu- gung bedarf und leidet. Sehet vor euch! Dem, was folget, ist diese Einleitung geschrieben. Im dritten Capitel soll eine Gartengcschichte kommen, die Moses (das zeiget der wiederkommen» de Name Elohim und der einfältige Ton der^Kin» *) i Mos. s. i». deserzahlung!) so ganz dem Munde der Vorwelt entnahm, als sein erstes Denkmal. Wie dunkel stünde sie da, wenn er ansinge „und die Schlange „war listiger," sie, die uns jetzt noch dunkel vorkommt. Er sandte also, aus eben dem Quell der ältesten heiligen Vatersage, Nachrichten und Umstande vom ersten Menschcnzustande gerade in der Ordnung und in dem Maaße voraus, wie sie diese zweite Erzählung forderte. Siehe da Wort für Wort unser Capitel. Eine Gartengeschichte von Mensch und Baum und Felde soll folgen; hier also der Mensch mit Baumen ein Erdgewachs, ein geborner Unterthan des Feldes. (E. 2, 5 . 6.) Aus Erde gemacht, (C. 2, 7.) soll er wieder zur Erde werden: (C. 3 , 19.) soll den Garten verlieren, (C. 3 , »7. 18. 23 ) und hatte ihn auch nur als Gnadengeschenk erhalten. (E. 2, 5 - 8 .) Aus Eden soll er fort; (C. 3 , 23 . 2.5.) hier also wird beschrieben, wo Eden gelegen; und Flüsse waren die daurendsten Weiser dieser Lage. (Cap. 2 , 10 - ,4.) Ein Baum des Erkenntnisses war der Knote; hier die Beschreibung, Erklärung und das Verbot desselben, gerade in dem Maaße, das wir dort bedürfen. (C. 2, 9. 16. 17.) Das Weib, die erste Verführte und zweite Verführerin; (C. 3 , 1-6. 12.) Die Nachricht war also nöthig, wie sie worden? daß sic norhwendiq, daß ohne sie die Schöpfung unvollendet gewesen. (C. 2,18- 24.) Eine Schlange die Verführerin; vorher also ein Wort vom Umgänge des Menschen mit den Thieren in Nahahmung ihrer Kunst und Sprache. (C. 2, 19. des Menschengeschlechts. ar IN.) Vom Baume des Lebens sollen sie entfernt werden; ein Wort hier vom Baume des Lebens. (C. 2, 9.) Scham und Kleidung sind ihr neues Loos; (C. 3 , 7. 2i. 21.) hier eine Nachricht, wie sie ohne beide gewesen. (C. 2, 25 .) Kein» Sylbe des Eapitels wird müssig und untergeordnet. Beides erkläret einander, wie zwo Seiten Einer und derselben Menschheit. Trefflich, daß Moses also treu unterschied und sorgsam cinlcitet. Ware man seinem Winke gefolgt : so wären Eapitel und Verse anders vertheilt, besser auf einander bezogen; Alles stünde in Ansicht, und viele Mißdeutungen waren unterblieben. Lasset uns dem treuen Ordner und sorgsamen Geschichtschreiber auch im Geiste dieser heiligen Sagen folgen. I. Noch war kein Busch auf dem Felde, Kein Feldkraut sprosset? noch, Kenn noch hatte Gott Jehovah nicht regnen lassen auf Erden Und war kein Mensch noch, zu bauen das Land Und Dampf ging auf von der Erde Und feuchtet' , umher das ganze Land. Da bildete Gott Jehovah den Menschen, Staub des Landes Und haucht' ihm Lebensothem ins Antlitz; Der Mensch ward lebende Seel? — Der Ausgang zeiget den Zweck. Es ist die Schöpfung des Menschen, als eines Erdegeschvpfs, des künftigen Feldbewohners. Geschichte und Ent- r 2 Aeltcstc Urkunde strhung dieses Feldes geht also vorher : Kein Wort vergebens. Schon in jenem Zahl - und Denkbilde der Schöpfung, so einzig und gottgeadelr der Mensch da stand, Siegel und Krone des Ganzen: erschien er doch nur als Thier der Erde. *) Kein besonderes Tagewerk ward ihm, selbst kein besonderer Segen. Er stand mit seinen Brüdern vom Staube geweckt, in der Elaste der Erdthicre, Luft- und Wasscrgeschöpfen seblicht gegenüber: mit ihnen bekam er einen äußern Lebenslauf; einerlei Wohnung und Speise. Nun schwieg das Denkbild, und die stille Haus - und Kindergeschichte fangt an vom qebornen Feldlhiere und seinem Vatcrlande, dem Felde. Es war einmal noch nackt, sagt die Stimme, noch ohne seine natürlichsten Erstgebornen, Büsche und Krauter. Noch war auch kein Regen, diese Zärtlinge zu erziehen: das Land lag unter dem Druck der nassen Dunstwolke**) rings umher — Blicke zurück in die Schöpfungsurkunde, wie wahr! wie natürlich!***) Wenn die Erde zuerst Meer *) i Mos. i, -6 — Zo. **) Die Kritiker haben über das ^ sehr gestritten, obs Nebel, Wolke, Dunst, Brunne, Dampf bedeuten soll, und, wie meistens, nicht gesehen, daß hier alles recht sey. Der Begriff deS Schweren , Drückenden der Wolke liegt in der Wurzel des Worts, den meine Erklärung oben genetisch zeigt, und alle Meinungen vereinigt. *") S. Urkunde, Th. I. des Menschengeschlechts. i3 war, und all' ihr Boden nur aus Mecrschlamme gerann: allmählich klärte sich der Himmel oben: (zweites Tagwerk!) allmählich sonderte sich die Erde unten, (drittes Tagwerk!) und trat ein Berg Gottes hervor; in diesem Zustande, den das erste Drei aus dem Zifferblatte der Schöpfungstage ausdrückt, und in dem, wie genug gezeigt worden, beständig das Oben und Unten, alle Räder der Schöpfung, in einander wirken; konnt's damals anders seyn, als wie Moses hier meldet? Dünste stiegen von der ungctrockneten Erde, ein drückender Wolkenncbel lag auf ihr. Oben lernte die Lust saugen, es schied sich aus dieser feuchten Atmosphäre ein Himmel, Sonderung, daß endlich, nachdem Alles vollbracht war, Wasser oben und Wasser unten flössen. So lange es rang, war also noch keine obere Wolke, kein Regen; alles war unten Wolke, drückender Dunstdamps; das zweite und dritte Tagwerk strikten mit einander. Und wie sie sich entwirret hatten, siebe da stand oben der Himmel mit seinen Scblauchen, und unten die trockene Erde mit ihren Büschen und Krautern: das erste durch einander ringende Drei der Schöpfung war vollendet, und Gott sähe, daß eS gut war, was er am zweiten Tage noch nicht sähe. Bestätigt nicht dieser vorübergehende Wink Moses meine Erklärung und Zueinanderdrückung der Tagwerke?— Daohne war diese Stelle stäteloS, und Luther selbst sagt: „Das ist eine wunderliche Rede! wer der Sprach „nicht kundig ist, der wird sich sülen und brechen, „daß er nicht weiß, wo er hinaus soll. Das ist „Moses Weise, daß er ein Ding wiederholet, daß „es auch schier verdrießlich ist." Und Abermal: 14 Aelteste Urkunde „Warum Moses eben also redet, das gehe seinen „Weg: er hat seine eigene l^stsria." *) Der große Mann sähe und sagte, was er nicht wußte; wir verschwatzcns und sehens nicht. Als sich nun erst der Flor der Luft spann - die Erde noch Damps- quell war, waraus sich die Regenkrafte jener bereitet : da konnte noch Mensch, noch Thier nicht ath- men, da war nicht Busch und Kraut, geschweige Ackermann und sein Handewerk. AuSdampfen mußte die Erde — siehe da einen Wink Moses aufs erste nöthige Paradies und die damals auch nicht müssige Erde. Dis Wege Gottes schlingen sich in einander: kein Raum, kein Zeitpunkt, ist absichtleer. Aus solcher noch dampfenden Erde schuf Gott den Menschen, das künftige Thier des Feldes: der feuchtende Nebel vertrat die Stelle des Regens; auch bei der Menschenbildung ist die Beschreibung also an Ort. **) Kann die Sraude wachsen, wo cs *) S. Luthers Schreib. Jen. Ausg. Th. st. — Der spätere Ooininent. in 6snes», das letzte recht elastische Buch von diesem Gotteßmanne, ein Schatz von Erkenntniß, Gelehrsamkeit und Erfahrung, ist vielleicht der beste Commentar, der je über dies Buch geschrieben worden. Auch diese feuchte Erde ist der Tradition des Orients nicht entkommen; jedes Volk hat sie nur nach seiner Weise gebildet, Aegypten zum Schlamme des Nils, Chaldäa zur rothen, blutrothen des Menschengeschlechts. i5 nicht feucht ist, und das Grus sprossen in Dürre der Erde? Der Sprößling grünt auf vom Gerüche des Wassers , und so war auch der Staub, woraus der Mensch ward, gelauterter Dampf. Was ist, wenn wir den großesten Physiologen unseres Geschlechts*) fragen, der Menschenkörper, als feuchte, mit Dampf und Lebensgeist durchgof- sene, Erde? Der gröbere Theil folgt noch, ein Erdklos, Gesetzen der Schwere; ein anderer ist Leim; ein dritter feinergebildeter Staub, der tausendfach verschieden einsaugt und sondert. Da rinnen Ströme jedem Staubthcile Nahrung und Erquickung: überall offene Pforten, den webenden Geist zu empfangen und mitzutheilen, der Erdklos duftet. Nun wird der Bau alt: die Pforten enge: der Schlamm ist Fels: die Milch - und Feuerströme versiegen, Erde zu Erde: siehe da den Kreislauf unseres Körpers. — Hast du mich nicht wie Leim gebildet Und wirst mich wieder in Staub wandeln, . Wie Milch gemolken, Wie Käse lassen gerinnen, Erde; die Araber wissen, wie lange Gott sie trocknen lassen u. f. S. Sale zum Koran Sur. s. Anmcrk. v. u. a. *) S. Hallers größere Physiologie von Anfang bis zu Ende, insonderheit V. VIII. I,ik>. XXX. vlts Ku- Illuna et innr»: eine Beschreibung des Menschenbaues, die in der schlichtesten Wahrheit mit jedem Worte schönes Gedicht ist. * -t6 Aelteste Urkunde Wit Haut und Fleisch bekleidet, Mit Bein und Sehnen gewappnet. ^ Gott war sein Bildner und Töpfer. Versammelt euch nun, ihr Menschcnschopfer und Prediger des Ungefährs! Ihr zweite Prometheus mit plastischen Formen der großen Göttin, deren Händen der Mensch im Ungefähr, eine Ratte des Nils, entschlüpfte! Send ihr nicht unendlich mehr, als das Nichts? das Ungefähr, euer Abgott? — Aber sie haben Augen Und sehen nicht, Sinne und fühlen nicht: wie wir unter keinen, als Schöpfershänden, sich Staub des Fc-ldes zu der tausendfach verschlungenen, lenksamen, zarten, feinen, seelvol- lcn Königsbildung, die wir an uns tragen, fügen konnte.*) Schnüre, Mensch! übet jedem deiner heiligen Gliedmaßen war Finger Gottes. Alle unsere Brüder, die Thiere, rief er aus Staube durch ein allmächtiges Work;**) uns überdachte, be- rathschlagte er, und — trat ans Werk, formte. Sein Wille ward Handlung. —! Herr, *) Es gehört mit zur Schönheit des ersten Gedichts unserer Sprache, des Messias, daß sein Verfasser diesen unseren Erdursprung, unsere Götterbildung, und überhaupt unserer Eltern, Adam Und Eva, so tief und hoch gefühlet. S. die Bildung des Erdkloses unter der Hand Gottes S. 2». Die Anrede an unsere Mutter Erde voll rechter Adamsempflndung S. 7», und wir viele, viele Stellen mehr. **) 1 Mos. », sl». des Menschengesch lechts. 27 Herr, wenn ich deinen Himmel sehe, das Prachtwerk Mond und Sterne, die du auch bereitet» Was ist der Mensch, daß du an ihn dachtest? Der Sohn des Staubes, daß du dich sein annahmst? Fast göttergleich gebildet, Mil Würd' und Schöne gekrönet, Ein Königsgebilde über Alles Werk deiner Hände. Alles kniet dem sichtbaren Gott! *) Das Staubgebilde war noch nicht Mensch; < Othem Gottes blies ihm ins Antlitz: da war der Mensch lebende Seele. ,,Der Worte: blies ihm „ins Angesicht, müssen wir uns gewöhnen, sagt „Luther.**) Es ist nicht deutsch geredet: man kamr „es aber nicht baß verstehen, denn wenn man einen „Menschen ansichet. Den Othem, den ihm Gott „gegeben hat, findet man allein im Angesicht, und „sonst an keinem Ort. — Es soll auch Seele nicht „ein Geist heißen, sondern was ein Zeichen ist, „daß der Mensch lebet. Moses und die Schrift „heißen Seele, was da lebt in den fünf Sinnen," Othcm Gottes, welch Wort der Wahrheit! ***) *) Pfi 8. **) Predigten übers 1 Buch Mos. S. 16. d. **') Zum Verstanvniß des ^ siehe Schüttens OriAZ. x. 16. neuereAusg., wo man den Zusammenhang der Bilder von Antlitz, Nase, Flamme, Othem, Heeders Werke z. Rel. u, Theol, VI. B ,3 Ael teste Urkunde Ncnnets, was in uns lebt, mit Namen von zehnerlei Kräften und Bildern; machts zu Strom und Flamme, ja gar zu Zahl und Saiteuspiel; der Erd- klcs athmet, siehe das Zeichen seines Lebens! Othem ist von ihm, er erkaltet. — Othem Gottes ist in uns, eine Sammlung unsichtbarer, mächtiger und so verschiedener, nur im Duft zusammengeordneter Lebenskräfte.* *) Wo unser Blick in diesen Abgrund hiureicht, sicht er zarte Fibern, wie Grasesspitzen, sich regen: reizbar dem Hauche der kommenden Berührung: linder Othem hat sie durchwehet. Dort gehen Ströme, Röhren, Werkzeuge, Sinne der Empfindung. Die Röhre lebt nicht, der Strom lebt nicht, Othem ist in dem Strome, feinerer Dust, der jene gröbere Regsamkeit zum Leben lautert. Da blitzt Licht! da strömt Glut! das Herz schlägt, Gedanke und Wille wandelt! tausend Düfte, Regsamkeiten und Kräfte, die uns durchwehen, und — sonderbares Wunder! — sich in sich zur Einheit finden, fühlen: ich bin Kraft! Siehe Gottheit! inwendige Gegenwart in recht morgentändisch, d. i. mit ttebermachl sichtet, bis S. 38. und sonst häufig. Die Nase, der vorragende Lheil des Antlitzes wird bei unserer schönen Welt, die alles nur in den Augen und auf den Wangen liefet, zu nennen kaum getrauet; nicht so bei Griechen, Römern, am wenigsten im Orient, da war sie Othemgefäß des Geistes Gottes, Kanal des Lebens. S. unten Anmerk. *) Die Beobachtungen des großen Hallers über die Irritabilität und Sensibilität im Abgrund ihrer Unterschiede leihen mir, was ich sage. des Menschengeschlechts. rg sich, und allwissende, allgegenwärtige, allmächtige Regung des Erdkloses, darin ihn sein Urbild hauchte. In ihrem Körper verliert die Seele Raum und Zeit: sie will und es wird : sie fühlet und weiß, was sie fühlet: hält den Körper, und ist doch nicht Körper. Ein Sturmwind geht vor dem Herrn her; aber der Herr ist nicht im Sturme. Ein Erbeben der Glieder; aber der Herr ist nicht im Erbeben. Ein Feuer; aber der Herr ist nicht im Feuer. Olhem Gottes, ein sanftes Sausen; es ist der Herr und sein Abbild, die Seele. Der das Band der sieben Sterne band und den Orion gürtete, band auch diese unzählbaren, sich unter einander geordneten Kräfte, die er durch ewige Ebbe und Fluth, durch Anstrengung und Erholung zufammcnhält, und daraus Engelsspeise, Gedanken, Triebe, Glaube, Thatigkeit, Leben bildet. Nicht Mond, nicht Sonne, keinem belebten Staube der Welt ist Gott so innig nahe, als mir: gegenwärtiger Gott! ein wandelnder Hauch des Schöpfers. Aber nur in einer Handvoll Erde — siehe da den Widerspruch im Menschen, Himmel und Erde, die zusammengesetzten Ende der Schöpfung! Adam ein Name des Nichts, der Niedrigkeit, Schwäche, Unreinigkeit und des Verschwindens.*) *) Ich mag die Genealogie der Niedrigkeit in den orientalischen Erdename» Menschennamen, Adams» B 2 20 Aeltcste Urkunde Er kennet unser Gemachte: Weiß, mir sind Staub. Menschenleben wie Gras, Menschenblüthe wie Blume des Feldes, Ein Hauch, sie ist nicht mehr, Wo ist sie? — _Ein Geist gicng mir vorüber; ich zitterte, Die Haare starrten empor; Er stand: ein Bild, wie ohne Gestalt; Ein Lüftchen wchete, die Stimme sprach: „Was ist ein Mensch vor Gott? „Ein Man» vor seinem Schöpfer? „Licht-Boten sind nicht treu vor ihm: „Am Engel findet er Fehl. »amen nicht durchführen: sie lauft durch den ganzen Hiob, Psalmen, Propheten und alle morgen- landische Dichter: sie erstreckt sich bis auf alles, was den Menschen umgiebt, Zelt, Hütte, Welt, Dasepn der Erde: lauter Namen des Nichts, der Eitelkeit, des Verschwindens. Nirgend ist diese Wahrheit starker und schmachtender ausgesührt worden, als bei ihnen. Land, Himmelsstrich, Sprache, Lebensart, Regierung, alles trug bei dies Erdenichts im Menschen recht zu fühlen. Uber eben so erhaben sind sie auch, wenn sie den Othem Gottes, den Geist, singen, der uns belebt: da kriechen unsere Dichter, wenn sie hauchen , flammen und wie ein Windsturm brausen. Die oben angeführte Stelle Hiobs, da der Staubmensch dem flammenden reinen Lichtengel entgegengesetzt wird, ist von unfern Uebersetzern selbst nicht verstanden. des Menschengeschlechts. 2c „Und was ist der Wohner der Hüte,von Leim, „Staudgegründet und schnell von Motten zernagt „Bon Morgen zu Abend, so sind sie nicht mehr, „Sind hin und wissen es nicht." Aber in ihm ist Kraft, Weisheit, Würde; Othem des Allmächtigen, das Schnauben seiner Nase. Der Geist ists in dem Menschen Und der Othem des Allmächtigen macht sie weise. — Geist Gottes hat mich gemacht, Der Othem des Allmächtigen hat mir das Leben gegeben. — Die Leuchte des Herrn ist Menschen-Othem, Die gehet durchs Herz. — Laßt ab vom Manne mit Othem in der Nase; Denn groß ist er geachtet. Der Streit Gottes mit dem Menschen heißt Hadern des Geistes im Fleische: das ewige Werk Gottes, Erde mit Geist zu beleben, und aus Leben in Leben zu läutern. — Die älteste Abgötterei war nicht Mond und Sonne, sondern das Gottesbild im Menschen; vor der Sündfluth waren keine andere Götzen, als die Gottessöhne, die Räuber der Erde, Menschen mit Othem in der Nase. Fülle der Wahrheit ist in dem Bilde der Knote unserer Natur, der Knäuel unserer Bestimmung. Verliere Eins dieser Enden, o Mensch, deine Niedrigkeit oder Hoheit; du bist in unermeßlicher Irre. Wir kommen bald in Gegenden und Zeiten, da es Religion war, den Hauch Gottes, als zur Strafe in seinen Erdklos versenkt, zu betrachten, ihn also mit aller Gewalt der Sehnsucht in eik höheres Leben zu entkörpcrn und in seinen Ursprung zu senken. Der Schüler Fohi schwindelte überStern und Sphären an die nächste Grenze des Nichts, seine Gottheit, verlor, was er auf der Erde suchen sollte, und fand was er auf dem Sonnenroß seiner Einbildung finden mußte, Nichts! Traurige Abweichung, die tausend Menschenköpfe und zehntausend Kreise menschlicher Glückseligkeit zerstört hat; nicht aber trauriger, als da jenes Wollustthier, der Epikuraer, alles Göttliche in sich verkennt und im Schlamme wühlet. Der will zu hoch hinaus und fleucht als Othcm in 'die Lüfte; dieser liegt Schlamm auf der Erde; kein Finger des Herrn hat ihn noch berühret. — In der Mitte liegt Wahrhiet. Othem Gottes, aber im Erdegcfaß, der Abdruck des webenden Schöpfers, aber noch Thier des Feldes. Jener verlasse und stürme sein Haus nicht; dieses feßle nicht den Geist zum Wurme. Er belebs mit Liebe und Wahrheit: so wird sein ganzer Leib Licht, und Alles um ihn, von Gottcsnatur bezeichnet, in sie geläutert und ihrer Glückseligkeit Antheil. — Ein webender Gott in Erdgefäßen.*) *) Es wäre der Mühe werth, eine Menschenlehre zu versuchen, wie sie sich der Orient dachte und noch denkt, und wie die Bibel ihre Himmelsan- schlüsse, aus denen jene Lehre ist, gründet. Unsere Metaphysik hät hier alle Begriffe verwirret. — S. zum Ursprung des Worts Seele, Geist Schüttens OriZg. S. 26. 27. 36 . 87. 5 i. 63 . Vis reg. S hl. Zu Hiob seinen Commentar u. m des Menschengeschlechts. 23 Alle einseitigen Systeme der Menschenpflicht und Glückseligkeit sind falsch, wie man sie auch schmücke/ Ihr sprecht von unendlicher Wirksamkeit, Rege und Begierde in uns; wahr! der Geist des Menschen ist wie der Othcm des Allmächtigen unermüdlich. Sprechet aber auch zugleich, daß nichts leichter zu befriedigen scy und cngern Kreis habe, als dieser Othcm. Träger Erdklvs ist seine Wohnung. Die Verbindung dieser zwo entgegengesetzten Ende hat eben das Siegel der Gottesweisheit und Güte auf sich: sie war Zweck und Werk des ersten Meisters. Wie Adam gebildet ward, werden wir noch alle gebildet. Die Erde war seine Mutter, und in der Schrift heißt der Mutterleib immer noch Mittelpunkt der Erde.*) Und eben hier, im tiefsten Geheimniß der Natur, haben die Spahbljcke unserer Forscher**) *) Ps. i38. und sonst. ") S- Hallers auf lauter Erfahrungen gegründetes treuestes System kolem. kli^siol» 1*. VIII. XXIX. letus: er ist durchaus ein Prophet über Moses Worte. Und so wird einst Alles bestätigt werden. Die Hypothesen unserer Weisen über die lebende Mcnschengeschichtc werden Fabeln werden, wie Löwenhbcks und Buffons Romane der Lhiererzeugung. Die älteste Philosophie wird überall, wie hier, die jüngste werden, und cs wird eine Zeit kommen, da man über die xrästa- bilirte Harmonie und den Limbus praformirter 24 Aelteste Urkunde gerade die simpeln Worte Moses zum Inhalt. Erd- klos ist, aus dem wir noch werden; Othcm Gottes, ein Duft voll Lebenskräfte, kommt hinzu, wehet ihn an, cs ist lebendige Seele. Nun lebet schon Alles, Haupt und Herz, und so werden die Glieder. Erde die Mutter, der Bater war der beseelende Gott — Herr! schauerlich - wundersam hast du mich gebildet In Wunderwerken, das fühl' ich tief. Unverholen war vir mein Gebein im Dunkeln, Da ich gewebr ward inrJnncrli der Erde, Noch gestalrlos sahn mich deine Augen, Meine Lage standen in deinem Buch' und der Erste war noch nicht da; Lhcuer, 0 Gott, sind vor mir deine Gedanken, Summen! wie Sand am Meer — Unsere Theilnchmung an der'Bildung Adams, erkläret und fordert sie nicht zugleich Thcilnchmung an seiner Natur und Sünde? -Einverlcibt ist der erste Segen „seyd fruchtbar und, mehret euch!" der ganzen lebenden Schöpfung, und der Mensch ist auch hier Haupt und Ebenbild Gottes, daß er das Kleinod, den lebenden Gottesothem, als seine Kraft, im Schatze seiner Natur tragt. Wie weit das Auge unserer Beobachtung reicht, spricht sie: Bater ists, der die Muttererde beseelet, und die Mutter bildet ihm Glieder. Ists also Ungereimtheit, ihr Weisen, wenn wir das Bild dieses Vaters, dieser Mutter, und also Erbsünde an uns Seelen denken wird, wie man über die moläcu- Iss organignes jetzt schon denket. des Menschengeschlechts. 25 iragen? Der Erdklos war unrein, der Hauch, der ihn beseelte, unrein; wie anders konnte das Gebilde werden? Aus stündlichem Samen gezeuget und von der Mutter in Sünden empfangen —. Nur als der Reine unter den Unreinen erschien der zweite höhere Adam, siche da geschah wieder, was dort geschah. Geist Gottes wehete ein gelautertes Ecdgebilde im Leibe seiner Mutter an — eS ward der Sohn GotteS, Jesus. Die Gottheit weiß gleichsam nur von Einer Mcnschenbildrmg, und der Engel spricht *), als ob er wieder von Adam spräche. After- und Ueberweise reden von einer metaphysischen Seele, der Monade, die in uns denket, die aber weder Zeit, noch Ort, noch Art hat, den Körper zu durchweben: ein unvermögender Sultan, unwirksamer als die Spinne im Mittelpunkt ihres Gewebes. Dies nennen sie Einfach, Geist, Substanz — die größeste Erfindung der Philosophie neuerer Zeiten — und haben System über System ersonnen, ein Todtenreich abgetrennter, unwirksamer Substanzen (die aber innerlich, wenigstens schlummernd, desto mehr wirken) in scheinbare, ja nicht in wahre! Verbindung zu bringen. Der Erdklos soll sich selbst regen — so ist Gotteswahrhcit, Leben, Empfindung in System, Lüge und Narrheit verwandelt! Ist etwas inniger, ewiger, bewahrter, als das Band zwischen Leib und Seele? Laug- nct ihr dieses, weil ein Erdklos cs nicht aus Druck und Stoß des Erdkloses zu erklären vermag, was ch Luc. i, 35, wollet ihr nicht laugncn? Welches andere tausendfach üngewissere, unstatere Band zwischen Ursach und Wirkung, ist vor Trugschlüssen sicher? So bleibt endlich nichts, als daß alle Ursach und Wirkung, alle Erfahrung also, angczweifelt oder geläugnet werde, tvle ja der feinste Sophist unserer Zeiten*) bereits versucht hat. Erscheine, Mann Gottes mitOthem, der dies Reich metaphysischer Schatten und mechanischer Erdklose durch Einen Hauch verwehe oder belebe! Die Menschheit wird sich im Licht sehen, ihre unmittelbare Gvtteskraft fühlen, Moses älteste Philosophie wird Summe aller Erfahrungen, Zwecke, Hoffnungen erscheinen, und als einzig und göttlich siegen! -i- Auch Ahnung der Unsterblichkeit liegt im Bilde des werdenden Adams; aber nur tiefe, dunkle Ahnung. Der Leib muß wieder zur Erden werden, daher er genommen ist: so kehrt der Geist auch wieder zu Gott, der ihn gegeben. Wie aber kehret er wieder? Als Othem ohne Gebilde ins unergründliche Meer, wie jener Wasserkrug sich in den Ocean gcußt? Nein! denn von dem Unbestimmten, Meer, Dcean, Weltgeist kam er nicht her. Gott gab ihm, ein Gebilde zu beleben, cs mit seiner Gottesnatur zu erfüllen, und den tragen KloS von Leben zu Leben hinauf zu lautern. Dies thut er, und thats von Anfang. Der inwendige Mensch ist also ein Buch aller Handlungen, wie ein Ge- bau aller Glieder. Er kam mit einem Reiche von des Menschengeschlechts. 27 Unterthancn, ein Gotteshauch mit tausend Düsten, dahinein: dies Reich hat er vermehret oder vermindert, das Bans aller Lebenskräfte aufgelöst oder gestarket: so muß er, ein ganzer inwendiger Mensch !*) er selbst das Buch seiner Thaten, Otkem Gottes mit all seinen Düften, erscheinen. Die Offenbarung predigt also nicht Unsterblichkeit, sondern Auferstehung. Was dorr in den Händen und am -Munde Gottes geschah, sah Ezechiel auf seinem Todtenge- sielde, und alle Todtenerwecker thatens. Sie belebte mit Gotteshauch! der Erdklos erwärmte! er hatte seine Persönlichkeit nicht verloren: er erwachte nicht aus innerem Selbstdenken seiner Monade — Traumphilosophie, was willt du dagegen? Noch eine höhere Gleichung bei dieser Adams- Bildung giebt Paulus. „Der Erste ins natürliche „Leben: der letzte Adam ins geistige Leben: denn „der geistliche Leib ist nicht der erste, sondern der „natürliche, darnach der geistliche. Der Erste von „der Erden und irdisch; der Andere der Herr vom „Himmel, und wie wir getragen haben das Bild „des Irdischen, so werden wir auch das Bild des „Himmlischen tragen" — Großer Blick! der weiteste Aufschluß über unsere Bestimmung. Was Gott dort am ersten Erdklos that, thut er immer am Menschenerdklos. Adam war Anbeginn der Belebung ins Jrdrsche: ein höherer Adam ins Himmlische. Jener ward Vater und Lebengebec derer, die sein Bild trugen; der Herr vom Himmel b.fruchtet st r Cor. 15, 36 - 5 /. 2 Cor. 5 , 1-10. 28 Acltoste Urkunde uns mit seinem Geiste über dies Leben hinaus. Jener der Erste: aus dem natürlicken Leben muß erst höheres Leben keimen; der zweite Adam blieb nicht aus. Sein Reich und Geschlecht ist nicht Widerspruch , sondern nur Läuterung, höhere Gleichung des Reiches und Geschlechts Adams, die Hand des Werks Gorres wirkt ununterbrochen hinweg über die Zeiten.*). — Mich dünkt, ich habe noch nichts gesagt, was ich sagen sollte: Gorressiegel auf dem Knoten der Menschheit sind Moses Worte.**) Wo regt sich nun dcr Erdklos? Auf dem Felde Damaskus, am Kaukasus oder am Ganges? blieb der Mensch auf dem noch dampfenden Felde, ein Feldthier, oder harre Gotr ihm eine höhere Gegend bereitet? Höre die Sauberstimme aus Eden! *) Der große Feind aller mystischen Tändeleien, Luther, nennet die Verkörperung Gottes in Adams Bildung eine Anagogie auf Christum, und wärmet sich herzlich an Paulus geisterhebender Gleichung, dem Abgründe der Menschennatur und ihrer hohen Bestimmung. O prima iirkslix KnASnti terra ?rometeo rüsten die Heiden: und denn abermals: — veneradile sali llortiti inZenium, äiiiinariimgue capaoes, Lensnm a coelesti äemissum traximus arce. des Menschengeschlechts. 29 II. Gott der Herr pflanzte den Garten Edens gen Morgen, Und setzte dahin den Menschen, den er gebildet. Aufsprossen ließ Gott der Herr aus der Erden allerlei Bäume Lieblich anzuschauen und gut zur Speise. Und den Baum des Lebens mitten im Garten, Und den Baum der Erkenntnis Gutes und Böses. Und ein Strom brach aus Eden wässernd den Garten Und von da aus getheilet ward er zu vier Strömen, Pison, der Name des Ersten, der fleußt ums ganze Jndierland, das Goldland, Das Gold des Landes ist gut: da sind auch Perl' und Edelstein. Der Zweite, Gihon, der fleußt ums ganze Ta- larland; Der Dritte, Tiger, geht an Assyrien hin; - Der Vierte, Euphrat. Da nahm Gott der Herr den Menschen Und setzt' ihn in den Garten Edens, Ihn zu bauen und zu bewahren. Und Gott der Herr sprach zum Menschen: Bon allen Baumen im Garten kannst du essen, Aber vom Baum der Erkenntniß Gutes und Böses Iß nicht von demselben: Denn welches Tages du issest von demselben Wirst du sterben — Verzeihe, Leser, alle Formeln der Kindheit und' Einfalt. Es ist Zweck ihrer Darstellung, wie das Alles im Mutterton lebe und webe, Aelteste Urkunde liv Kein Wort der Beschreibung ist umsonst. Dos Feld dompsle noch; do stnnd schon ein schöneres Feld bereitet: den Säugling der Schöpfung erwartet sein Garte. Er wird aber hineingesührt, und nicht im Garten geschaffen: kein geborner Erbherr, sondern ein Gnadenbelehnter. Garte also; und welches wäre die schönere Pflanzstätte unsers Geschlechts gewesen?*) Da stand der Palmbaum an Wasserbächen: der Jüngling webte in freiem, schönem Raum. Unter dem weiten Himmel wölbt sich seine Stirn; auf grüner Flur sein lachendes Auge: mitten unter den Ncu- geborneu der großen vielbrüstigen Mutter erwuchs er in Fülle, und trank an ihren Brüsten Milch und Honig. Welche Seele bildete sich in dieser freien Welt! und welche Sinne! und welch ein Leib! Erzieher der Menschen, erziehe Gott nach. Das Vaterland jedes Neugebsrnen ist Eden! Es liegt ihm im Herzen: da gedeihet der Sprößling! Eden die freie Anhöhe der jungen Schöpfung: da zog der Urmensch *) Die Weisheitsschulen Orients sind gerne Garten, blühende Gegenden an Flüssen. S. Herbelot S. 707. Wie viel überhaupt diese Gärten, Flüsse, Quellen, Paradiese in ihre Gedichte, Wünsche, Hoffnungen selbst übers Grab hinaus einsliehen, ist allbekannt. M des Menschengeschlechts. 3r Saft Gottes in sich, sein ganzes Geschlecht ward in ihm erzogen. Welch' andere Lebensart war noch für ihn? der sklavische Ackerbau? das Stadtegefangniß? Alle Nationen in Jugend und im schönen Klima der Welt Haffen es noch, und leben in Kindesunschuld: der Garten Gottes ist ihnen gegeben. Poesie ist die Muttersprache des Menschengeschlechts! und der Garten ist erster Saal der Erziehung; alle treue Geschichtschreiber der Menschheit haben's vermuthet, gefordert, und durch unzahlbare Sammlungen von Beispielen erwiesen. Nur die Schwärmerei, die' nichts versteht, hat auch dies Wort Moses nicht fassen können: Paradies ist Garten der Muse unv Spcculation, Verzuckungen und mystischer Gefühle, arkadischer Tändelei und Statuenheiligkeit worden — wie fern alles vom Sinne Moses! Pflanzer und Gärtner wird Adam, dazu hineingesetzt, damit beschäftigt. Gott lehrt den Erstgebornen Baume kennen und Früchte; bald wird er allerlei lebendige Thiere zu ihm führen, daß er sie sehe, forsche, nenne — welch Leben! welche Bewegung! Die ganze Natur war auf ihn im Drange: seine Kräfte rangen, der Leiterin Gottes zu folgen. Jedes Neue betäubt: jede ueuerlangte Kenntniß, Kunst und Uebung ward süßer Taumel: der Mensch das erste Rad im Uhrwerk der Schöpfung, und dies Rad gieng. Alle Pforten der Sinne offen: alle Empfindungen in erster zarter Blüthe: das Paradies ein Auszug der Schöpfung für die Fassungskraft deS Menschen: je- > der Blick, jeder Dthemzug voll Weisheit, Freund- ttchkeit, Süßigkeit, Lehre des Schöpfers. Die Weisheit spielte ans dem Erdboden, und hatte ihre Lust an den Menschenkindern — War das ein Leben zum Müssiggangc, zu mystischen Hymnen und zum Pharisäismus? Wer die fröhliche Unruhe junger Kinder und des regen Thieres gesehen hat, wie sie Frühling und neue Welt fühlen: wer da weiß, was das Kind zu lernen habe, und an Einem Geburtstage der Schöpfung, ungezwungen, willig, aus innerem sprudelnden Triebe lernt, der Haufe und steige und steige, wenn er kann, bis zum ersten seligen Hügel der Vorwelt. Da war ein Kind, das für alle lernen mußte, ein erwachsenes Kind voll frischer Kräfte und Regung.*) Es ^sollte sein Paradies bald verlieren: kein Augenblick der Gottesbildung konnte leer scpn. Auch die Beschreibung der Baumfrüchte: ,,be- ,,zierlich anzuschcn und gut zur Speise" ist nicht vergebens: sie zeigt, daß Trieb und Sinncnprü- fung in Speis' und Trank dem Menschen damals sicherer Führer seyn sollte. Verstummet schweigt hier unsere in Städten und Kunst stumpf gewordene Ich hoffe nicht, (ein - für allemal erinnert) daß Jemand mich thoricht genug halten werde, den in voller Blüthe geschaffenen Adam ein Kind zu glauben. Schnelle Entwickelung der Fähigkeiten aber war nothwendig. Luthers Wort ist bekannt, „daß Adam trotz seiner Weisheit vom inwendigen „Talg des Ochsen — nichts gewußt habe." des Menschengeschlechts. 33 dene Natur: ein künstlicher Mensch in einer neuen Welt, selbst wenn sie Paradies wäre, was hat er für einen Richter deS Sinnlichguten, Annehmlichen und gesunder Nahrung ? Das Thier hat ihn und jedes genau in seinem Paradiese: Völker, die im Schooße der Natur leben, haben ihn in ihrem Lande; der vollkommene Mensch,*) das Urbild aller, in ihm lag Schatz aller sinnlichen Kräfte, Ahnungen und Begierden, den seine Nachkommen nur zertheilt erben. — So viel lebhafte und verworrene Rührungen mußten entwickelt werden; siehe dazu Paradies, Baume und der Baum des Lebens mitten im Garten. Alle begehrlich anzuschaucn und gut zur Speise: der Baum des Lebens gleichsam Mittelpunkt dieser Lieblichkeiten und Güce, da sollte sich also das Band und die Treue der Sinne versuchen und starken : einer den andern vorahnen, unterstützen , leiten. Das Angenehme, nur Schein deS Nutzbaren, des Guten: dazu das Paradies, die sichre Probe vom Fette der Erden. Da stand aber auch ein Baum der Erkennt- niß Gutes und Böses; was war an dem Baume? Gift? körperliches Gift? davon stehet nichts hier. Ein so begehrlicher, reizender Baum, als irgend *) S. Hallers Physiologie der Sinne LH. V., wo eben über den Geschmack und Geruch und das Band beider zum Ernährer der Menschen die erste Theorie versucht ist. Herders WerkeRcl> u. xheol, Vs. C Einer: die Sinnenprobe und das Kosten der Schlange sprach für ihn und ward Grund zur Verführung. Auch jede Folge, die er gab, Scham und Schuld und Strafe war kein Spmpron genossenen Giftes — Was war er denn? und warum hatte er einen so gelehrten Namen? Etwa weil die Schlange ihn so nannte? Und wie hatte ihn die nennen können, wenn er nicht also geheißen? Sie bauet ihre reizende Lüge eben auf den bekannten, durch den Mund Gottes bewährten Namen. Zudem nennet ihn Moses historisch und lange vorher also, lasset ihn Gott selbst also nennen, ehe noch eine Schlange sprach, und spricht Gott aus dem Lügcnmunde der Schlange? Erkcnntniß Gutes und Böses. Verstehts mein Kind nicht bei diesem Apfel, wenn ich ihm sage: „iß nicht; daran werd' ich sehen, ob du ein gutes „oder böses Kind seyst?" Eben in der Einfalt und Dunkelheit liegt Klarheit und Pflickt des Kin- deraehorsams. So bald es abweicht und speculirt: „was ist Erkenntnis des Guten und Bösen? so ist die Sünde schon vor der Thür. Das Kind ist nicht mehr Kind, sondern Philosoph, Metaphysiker und bald vielleicht Bube. Weh, uns, wenn wir aus dem Munde der Schlange erst Deutung schöpfen! Der erste Lügner, Mvstiker und Metaphysiker von Anfang hatte noch zebntach mehr Unsinn dem unschuldigen Namen herausspinnen können; das trug so wenig zu seiner ursprünglichen Bedeutung im Munde Gottes und im Ohre Adams bei, als er ja eben zur Absicht des Menschengeschlechts. 35 hatte, den Sinn dieses Worts wegzuerklarcn, weg- zuerlautern, wegzuphilosophiren. Der erste Kommentator des Worts Gottes, der sich auch einen philosophischen Theologen nannte! Furcht Gottes ist Anfang zu lernen, Das Gebot des Herrn giebt Weisheit, Sein Mund Erkenntniß und Verstand. -Silber und Gold erfand der Mensch, Bringt Erz aus der Erden und die Nacht ans Licht; Aber wo findet er Weisheit? Wo ist Verstandes Ort? Im Lande der Lebende» ist sie nicht, Der Abgrund spricht: sie ist nicht in mir! Und das Meer schallt wieder: ist nicht in mir! — Woher kommt Weisheit dann? Wo wohnt der Verstand? Verholen den Augen der Lebenden, Verborgen den Vögeln des Himmelst Höll' und der Tod antworten: Wir hörten von fern ihr Gerücht. Gott weist den Weg ihr und weiß, wo sie wohnt. Er schaut die Enden der Erden, Er schaut, was unter dem Himmel — Und als er den Wind wog, Und als er das Meer maß Und gab Gesetze dem Regen Und Donner und Blitzen den Weg; Da sah er sie und zählte sie Und forschte sie tief und bestimmte sie Und sprach zum Menschen: dir ist die Furcht des Herrn Weisheit Und meiden das Böse, das ist Verstand! C 2 Siehe da den Baum der Erkcnntniß Gutes und Böses. Warum stand also der Baum da? Weil der 'Mensch ohne ihn ein Thier gewesen wäre, ein Men- schcnthicr im Paradiese. „Iß von allen Baumen „Im Garten! folge den Sinnen, thue, was dir beliebt, sey ohne Gebot," was hieße das anders, als „Mensch sei) Vieh!" Versuchts mie euren Kindern , versagt ihnen nichts, gebietet ihnen nichts, thut, was ihnen gelüstet; Speise den Raben erziehet ihr, nicht Gottes Kinder. Wenn Gott dem Menschen (ich will mich der wesenreichen Sprache unserer Philosophie bedienen) Verstand, Wille», Sinne, Triebe gab: mußte er sie nicht beschäftigen, bilden, üben, wie er den Leib übte und nährte? Der inwendige Mensch ist der edlere Mensch. Wenn Gott nun den Leib durch Speise und Uebung, die Zunge durch Sprache, die Sinne durch Kenntniß nährte: stehe so konnten Herz und Verstaub nicht leer bleiben, oder sie schossen in wildes Gewirrt und eigenmächtiges Unkraut. Er bog sie zu sich: der Zweig sollte am Baum bleiben, die Frucht am Zweige. Gott hatte dem Menschen Alles gegeben, und dieser Baum sollte den Menschen ewig erinnern, wer ihm alles gegeben habe, daß er über kein Staubkorn eigenmächtiger Herr sey. Offenbar lag auf diesem Wege dem Menschen jede edelste Pflicht und Weisheit: sein Auge lernte ins Unsichtbare schauen, sein Herz am Unsichtbaren hangen und ihn lieben. Sein Freund stand hinter der Wand, und sah durch die Büsche, des Menschengeschlecht-. 37 nnd lauschte durch die Sträuche: „erinnere dich, „Sohn, ich habe dir Alles gegeben! allerlei edle „Früchte, heurige und fcrnigc; nur schone dieser! " Der Mensch sollte sich halten zu dem, der ihn gemacht hat, und an den Schöpfer gedenken in den schönsten Tagen seiner Jugend. Luther dachte sich an diesem Baum einen heiligen Hain, einen Tempel, wo Adam des Altars pflegte; er wäre ihm, wenn kein Sophist dazwischen gekommen wäre, wirklich ein Baum der Weisheit worden, der tägliche Gotteserinnerer! Adam dem Kind ein Baum der Liebe. Dem Knecht aber ward er ein Denkmal der Furcht, der Schlange ein Gegenstand der Grübelei und Verführung, dem Sünder das Holz deS Fluchs und der Strafe. „Warum aber rin so kindischer Baum? warum „kein philosophisches Vernunftgebor, wo der Grund „des Befehls selbst in die Augen leuchtet und keine „unphilosophische Autorität." —^ Seyd nicht wie Roß und Mäuler, sagt Luther, die nicht begreiflich sind des Verstandes. „Das sind die, die wie „die sinnlichen Thiere folgen, so fern sie fühlen: „wo sie nicht fühlen oder prüfen, folgen sie nicht. „Pferd und Mäuler sind nicht geschaffen, daß sie „sollen begreifen die Ding, die nicht empfindlich „sind, darum werden sie auch nicht davon bewegt „zu Lieb oder Leid. Also die Menschen, die nicht „weiter thun, kaffen oder leiden wollen, denn eben „was sie ermessen können und begreifen, die können „Gottes Verstands mcht mächtig werden; sie sind „gleich mit Vernunft, das die Pferde sind mit de» „Sinnen, beide nicht weiter denn empfindlich wan- „deln." „Philosophisches Vernunftgebot!" zum Excm- pel: „Geh nicht ins Wasser, sonst ersäufst du! geh „aus der Sonne, wenn dirs zu warm wird, sonst „— wird dirs zu warm!" das sind solche löbliche Vcrnunftgebote. Und wo jedem Narren nachher jeden Augenblick frei steht, daraus zu machen, was er will, und als ein Erdklos den Feuchtigkeiten seines Schlammes zu folgen: wohin auch die ganze heldenmüthig egoistische Absicht gehet. „Philosophisches Vernunftgebot! handeln nach „aufgeklärter Einsicht! reife Abwägung aller Beweggründe von außen und innen," was heißt die Puppe, wenn man sie entkleidet? Die philosophische Vernunft, wo wohnt sie eingefleischt und leiblich? Wann handelt ihr nach aufgeklärter Einsicht, und übersehet Welt, Leben, Zukunft, Folgen, Gutes und Böses bis zum Widerschein der kleinsten Theile vernunftklar? Der erste Sophist gab schon den herrlichen Prospekt „zum leichten philosophischen „Versuch, wie Gott zu werden und zu wissen, was „gut und böse ist" unglücklicherweise mißrieth aber der Versuch, und alle schöne Nachahmungen desselben bisher sind mißrathen. Die Theorie ist noch immer am Anfänge: jede Schlange beginnet von neuem, halt immer die Waage der Beweggründe vor, der nichts als das Zünglein fehlet — das denn die gerade philosophische Schlange, Leidenschaft und Willkühr, selbst werden — „Philosophisches Vernunftgebot!" Siehe deinen des Menschengeschlechts. 3g Unmündigen: die Kindheit jedes Einzelnen ist der Kindheit des ganzen Geschlechts gleich. Wie unglücklich du und er, wenn du ihm alles demonstri- ren, mit Gründen belegen, vorvernünfteln solltest, und er dir nicht glaubte? Wann bist du allvernünftig, und wann ist ers? Kannst du ihm je sein Leben im Nußkecn geben, und nur Einen Zug seiner Bestimmung übersehen im ganzen Gemälde? Wer Übersicht sein Leben? Mußt du nicht glauben und thun? Muß er dir nicht glauben und thun? Ware cs nicht Sklavenarbeit der Erziehung, keinen Glauben finden, sondern bei jedem Wort Philosoph seyn, vollständige Gründe im folgenden Leben zeigen sollen?*) Elender Jugcndgreis, der seine Pflicht aufcinem Meere schwankender Wellen ,,ja sollte? ja sollte?" sucht; er geht unter, oder rettet sich spat im Schiffbruch. Hast du je einen Elender» gesehn als der kein Was und Das mehr hat, und nur immer am Wie? und am Warum? grübelt? — Und so ein philosophisches Kind, solch ein trauriger Jugend- greis sollte Adam seyn? Und das in erster Anlage, *) Ein Philosoph im Sinne der Alten, ein Mann von sehr gesunden und schlichten Sinnen, I. M. Geßner hat gegen die Heere neuerer Philosophen und Raisonneurs mit Kindern diesen Satz, den Grund aller wahren Kindeserzichung, vortrefflich getrieben. S. seinen neu erschienenen Commentar über die xrirnas liueas iu eruäit, viiiu, fast durchhin. 4 » Aclteste Urkunde mit allen seinen sprossenden Kräften und saftvollen Zweigen? In unser aller Namen? Kinder müsset ihr werden, sagt der zweite Adam, oder Himmel und Paradies ist euch verschlossen. Wie selig lebt ein Kind, so lang' es glaubt und folget! wie leicht wird ihm Alles, so lange es noch an Bakers Mund' hanget und Gottheit in ihm stehet! Im Lernen und Ueben fleugts auf mit Flügeln Wie Adler, läuft und wird nicht matt, wandelt und wird nicht müde. Solch ein Gottes Kind sollt' Adam bleiben. Den Menschen , das Vernunftthier, hat die Schlange erzogen:' den Menschen, das Gotteskind, bildete Gott! Welch ein Paradies lag um den Baum! in welchem Himmelsglanzc stand das Gebot! Der Othem des Geliebten gieng durch den Garten : Alles traufte von Güte und Segen — und dieser Baum! dies kleine Opfer! — Daß das liebste Kind aber doch nicht bestand; „das laß dir einen großen gewaltigen Puff seyn, sagt Luther, wider die Narren, „die sich wollen untcrwinden, mit Gesetzen vor Gott „zu kommen. Er hats noch nie im Sinn gehabt, „daß er jemand damit hat wollen fromm machen." — „Gott sprach zu Adam" — siche Vatererziehung. Gott weckte und leitete ihn mit dem Wort seines Mundes. Trotz aller Mühe der Philosophen, die menschliche Sprache als Selbstgewächs der Mcnschennatur, seiner Kräfte und Bedürfnisse darzustellen, wird der des Menschengeschlechts. 4c Versuch doch Hypothese bleiben. Es läuft entweder aus eine tobte Spracksahigkelt hin, die man lebendig nur aus dem Erfolg kennet, und wo cs ewige Frage bleibt: wie ward sie lebendig r Oder der Mensch wird dem Spiel des Ungefährs übergeben, daß das ihn Sprache lehre. Trauriger Lehrer! er hat Augen und sieht nicht, Ohren und höret nicht, hat selbst keine Sprache.-Sprache wird vom Gehör?) Zwischen beiden Sinnen ist ein Band, wie alle Taub - und Slummgrborne, Alberne und Lippenbeweger zeigen. Im Kinde wird Sprache, wie Glaube ans Wort des Vaters, durch Gehör: der Säugling an der Brust der Mutter lallet ihr nach, sein Ohr rüstet sich auf Stimme. Der Anstoß ist jedesmal von Menschen, und denn bildet sic sich das Kind selbst, noch immer wie Adam sie bildet, rinter Leitung und Weckung der Eltern. Gott sprach zum Menschen, und der Mensch sprach. Ohne diese Stimme wäre sein Mund eine verschlossene Grube und mit alle Versuchen der Nachahmung seine Sprache ein Thier des Feldes blieben, wie wirs noch an einsamen und kriechenden Lhiermenschen sehen. Gott war sein Wort, und dies allmächtige Wort thcilte sich nachher der ganzen Natur mit, zu ihm zu sprechen, zurück zu *) Auch hier ist die Sprache des Orients voll Wahrheit. Das Wort ist ihnen Geheimnis, Wunder und Zeichen, ein Einsäuseln ins Ohr, ein Graben des Ohrs zum Kanal der geheimen Weisheit. Die Stelle Ps. ho, 7 — g. sey statt Aller, die ich anführen könnte. 42 Aelteste Urkunde schallen in ihn. Das ist die Stimme meinesFreun- des, er kommt und hüpft auf den Bergen und springet auf den Hügeln. Mein Freund antwortet und spricht zu mir: Stehe auf, der Lenz ist kommen , die Turteltaube lässet sich hören, laß mich auch hören deine Stimme, denn deine Stimme ist lieblich. So sprach Alles Gott nach, und weckte Menschensprache durch ergossenes Mitgefühl. s- . s- Welches war nun dies erste Wort, diese Weckerinnstimme des Vaters? was sie noch bei allen Kindern ist: Speise! „Iß!" Gott zeigte ihm den Frühling seines Reichs, er weidete ihn unter Baumen und Früchten. — Wer begreift, „daß die Traube erquicke des „Menschen Herz, und Brod des Menschen Herz „starke! " Ein Holz der Erde kocht Milch und Feuer für unser Seyn, Licht und Gedanken für unsere Seele — Was ists? Es ist Man! Engel- und Himmelsspeise. Der Alles sättiget mit Wohlgefallen, zog eine große Lcbenskette durch alle Wesen, und knüpfte sie an sich: durch Speise, Tod, Zerstörung lautert sich Leben zu Leben, der Staub wird Pflanze, die Pflanze wird Thier, das Thier Mensch, der Mensch Engel, der überall Gott siehet und jede Frucht, jede Speise aus seiner milden Hand kostet. Nicht vom Brode, das Stein und Staub ist, lebt der Mensch, sondern vom ersten segnenden, krafte- verleihendcn und lcbenbindenden, forlpflanzenben Wort Gottes. Ist dies Wort hin; wenn der Herr des Menschengeschlechts. 43 auch Speise vom Himmel regnen ließe, güldene . Speise: was könnte uns diese Helsen? So sollte er auch vom höher» Wort leben dem Verbot, das ihn ganz an Gott knüpfte: denn jenen Segen hatte er mit allen Thieren gemein. Dem Instinkt jedes Thiers war wie viel versagt! cs kostet nur einen kleinen Theil seines Paradieses;*) dem Herrn des Paradieses sollte Alles freistehen; Eins ausgenommen, den Baum des Gehorsams. An diesem Einen Baume verlor er seinen Egoismus : es war das Kreuz seines Dünkels — die erste und fast einzige Stunde auch in Kindern. So lange ein Kind selbst will, kommt cs zuvor. Nun aber versage, was ihm gelüstet, sey seinem Witten entgegen; es thut, was Adam thun wird, es spricht „Ja sollte?" Mit diesem Losrcißen von der Einsicht und dem Willen seiner Eltern hört alle menschliche und göttliche Bildung auf. Daher stand auf Einem Apfel die große Strafe, Tod! Das Erste, Einige Gottesverbot; Mauer also und kein Spiel. „Aber verstand Adam das Wort Tod?" Wehe ihm, wenn ers verstand und verstehen wollte; er sollts nimmer verstehen lernen! Was versteht der Knabe, wenn ich ihm mit der Ruthe drohe, die er noch nicht geschmeckt hat? und doch versteht er Alles ' *) S. llllniisei Zinsen, ucsä. Vol. II. x, 262» eält. Holm. 4 4 Aeltcste Urkunde aus der ernsten Stimme, aus der ganzen Richter- gebcrde des Verbots. Wagt ers, grübelt, versucht die Ruthe selbst an sich; er ist nicht mehr Kind, sondern Knecht und Sünder. — Hier einen Blick auf die Weisen, die sich das Hirn quälten: „wie Adam desselben Tages, da er „gesündigt, auch gestorben sey, und wie vielfachen „Todes?" Waren die Weise Vater? Aber obgleich hier ein Apfel lag, und dort der Todeslod, und in Gottes Hand und allmächtigem Worte die Waage schwebte; so bald cs zum Vernünfteln kam, überwand der Apfel: das leichte Wort Sterben fuhr in die Luft, und im Apfel sah Eva nichts minder — als Gottheit! -- So war der Mensch im Paradiese; aber wo war dies Paradies? In allen Ländern gieng von ihm Sage: die Dichter aller Sprachen, Schäfer und Schäferinnen, Kinder und Betrübte, sangen überall die erste goldene Zeit. Zm Herzen aller Menschen, sonderlich der Weiber und Kinder, lebt Eden, nur jedem Volke in seinen Bildern. Wo lag Eden? Je weiter nach Morgenlande, desto klärer und reiner tönt die Sage. Da suchen sic noch den Baum der Unsterblichkeit, jene verlorne edelste Pflanze im „Nabel der Welt" : da singen sic noch vom Unglück am Baum, als der bekannte- d«S Menschengeschlechts. §5 sten Geschichte : jeder Morgenländer im schönen Thale spricht: hier war Eden! *) Wo lag Eden? Alles dränget den Ursprung des Menschengeschlechts nach dem Orient: Geschichte, Mahre, Ableitung der Sprachen, Thierc, Früchte, Völker, so daß die Avtochthonen unserer Witzköpfe, die menschlichen Pfifferlinge und Erdschwämme, die in Grönland, Paris und k'erns)? „u äs 6ex selbst wuchsen, jedem Geschieht- und Menschenkenner schon so albern Vorkommen müssen, als eine Genealogie der Menschen aus Pharao's Läusen- Orient aber ist ein Feenland, ein weiter viel- fassender Name! Moses nennet vier Flüsse und giebt den gemeinschaftlichen Quell derselben als Paradies an; wo ist aber der gemeinschaftliche Quell derselben? Sie fließen, zerstreute Glieder des Paradieses, jetzt fern von einander und lassen uns in Wüste. War Moses ein so unbekannter Geograph? Hat eine böse Sündfluth die Welt verheeret, die Flüsse zerstreut, das Paradies vertilget? und muß also die Geschichte der ersten Blätter der Offenbarung ein Zaubergesang ohne Ort und Stätte bleiben, wie unsere jüngsten Blatter eine Kurrentschrift ohne Sinn? — Wir laben uns hier in der Höbe an einem ätherischen Tische heiliger Sagen, wenn wir hinunter steigen, wird eine Welt voll Denkmale, Wunder und Zeichen uns empfangen und. dahin leiten! *) Bo» alle diesem !m Verfolg dieses Werft. 46 Ael teste Urkunde — , üeata ^ ketsmus srus! — Non Iino l^rAvo oontenrüt rernlAS pinux Nec^ue iinpucücs Lolelüs intuüt pslloni — Jupiter 111s piae seorouit ütora tzenii — kür secunäs vute ine äatur tugs! III. Und Gott der Herr sprach: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sey; Ich will ihm eine Gehülsin machen, ihm zur Gattin. Zwar hatte Gott der Herr auch aus Erde gebildet Allerlei Thier des Feldes und Vögel unter dem Himmel, Und führte sie zu Adam, zu sehen, wie er sie nennte? Und wie er nennen würde jedes Lebendige, so sollts heißen. Und Adam nannte allerlei Thier und Vogel und Wild des Feldes, Fand aber keine Gehülsin, sich zur Gattin. Fallen ließ Gott der Herr da tiefen Schlaf aufAdam und er schlief: Da nahm er seiner Ribben Eine und schloß die Stätte mit Fleisch zu. Und Gott der Herr bauet' Adams Ribbe zum Weibe, Und führte sie zu ihm. Da sprach Adam: jetzt ists Bein meines Gebeins Und Fleisch von meinem Fleisch: Männin soll sie heißen: sie ist vom Manne genommen. Drum wird ein Mann verlassen Vater und Mutter Und hangen an seiner Männin und werden wie Ein Fleisch seyn! — des Menschengeschlechts. 47 — Und waren beide nacket, Adam und seine Mannin, Und errötheten nicht! — Hier Paradies im Paradiese! Ein Besitz Adams über Alles, ohne den ihm die Schöpfung leer war! Und die Art und der Ursprung dieses Besitzes, die Bereitung auf denselben und die jauchzende Bewill- kommung, das Hohelied Adams. Adam ward allein und zuerst geschaffen, der Eine, von dem sie alle, selbst sein Weib, kommen sollten: Adam war Gottes. Wie? wenn beide zugleich geschaffen und einander begegenet waren — das Kind dem Kinde? -Nein! Er sollte zuerst sich, den beseelten Erdklos, in Gottes Hand fühlen; allein das Paradies zum Geschenk, alle Bäume zur Speise, und Sprache Gebot und Pflicht aus dem Munde Gottes selbst erlangen, daß er alles hätte, kennete, wüßte, und hernach für Alles stünde. Wenn du sie nachmals in deinen grünen Pallast führest, und ihr den Reichthum und die Freigebigkeit des Vaters zeigest: „stehe, „Freundin, Alles, wie schön und lieblich! Unser „Bette grünet: unseres Hauses Balken sind lebende „Eedern, unsere Decke grünende Erpressen. Die „Lilien geben den Geruch und v.or unserer Thür „sind allerlei edle Früchte:" wenn du sie in den Schatten des Baums führest und zeigest ihr das leichte Gebot des Vaters: „Liebe wehet auch hier „als Panier, als Mahlzeichen an diesem Baume:" sie empfangt von dir Alles, Sprache, Pflicht, Lehre: du wirst ihr das Abbild des Unsichtbaren, du sein 48 Aelteste Urkunde Lehrling ihr Lehrer, du sein Sohn ihr Haupt und Water: die schönste Bildung ist dir ausbehalten, nach deinem Herzen, wie Gott aus deiner Seite sie baute. Du bist Gottes und sie wird dein! Es war also gut, daß Adam allein geschaffen wurde, dadurch ward er Mann. Aber nicht gut wars, daß Adam allein bliebe: nicht sinnlicher Triebe wegen, sondern als erster Baum im großen Garten des Schöpfers. Nichts ist da einsam, unfruchtbar leer und wüste: alles hat Frucht, hanget an Kette und Ordnung, und hat Kette und Ordnung nach sich. Der Segen der Fortpflanzung, daß Alles sich selbst crzeuae, ist der Abdruck des schaffenden Gottes, seine lebendige, immer neue und erste Spur in der ganzen Haushaltung. Und er sein Bild voll innigen Gocteslebcns, von deß Blut alles auf dem Erdboden wohnen, und ewiglich versehen war, wie lange und weit sie wohnen sollten: er allein? er iw Wüste? das erste Glied der Kette, hinter dem die Kette brach? Gott fühlte sich ins Herz seines Lieblings, ehe dieser seinen Mangel selbst fühlte. Sein Seufzer „wie ich allein bin in derSchöpfung ! war nur spater leiser Nachklang der Stimme, die langst oben gesprochen und entschieden: „es ist nicht gut!" So, Mensch, verhalten sich alle deine Wünsche, und ihre himmlische Erfüllung. Immer tönt der trage Erdklos spat und dumpf nach: selbst sein Gefühl des Mangels mußte veranlaßt werden. Fein und von ferne schlich Gott zu Adams Herzen. Warum stieß kein Traum, kein Gebet, keine mp- Mystische Entzückung den Seufzer in ihn, von dem sein Herz wicderhallen sollte? Natur! du bist die Sprecherin Gottes. Von allen Thieren sollrs auf ihn zurückschallen und das unycformte, leise Ach ertönen: ,,du bist allein!" Da war er, wo der Vater ihn haben wollte: er entschlief. Unlaugbar ists allerdings, daß die Vorführung und Namennennung der Thiere die Absicht harre, dies Gelispel in des Menschen Herz zu erregen. Dazu wird die Erzählung hier offenbar eingeschaltet: „Nicht gut, daß der Mensch allein fty — und „Gott führte die Thiere zu ihm — aber ihm ward „keine Gattin funden —Gott baucte ihm ein Weib „seiner Gattung — Nun ists Bein von meinem „Bein." Wie er alle Thiere genannt hatte, nannte er nun Eva „ein Geschöpf seines Gleichendergleichen kein Thier gewesen war, und weissaget. Nun aber, zarte Geschichte, wie bist du besudelt! „daß Gott die Tbicre vorgeführct, damit sie sich— „und er in Vieheslust — und damit er nicht-. „legt Gott dem Niesen Bande des Schlafs an, „schafft ihm sein Weib, und nun fahrt der Brust- „mann empor: Diesmal sinds Knochen von meinen Knochen Und ein Fleischstück von meinem Fleisch „und — — Lanatus A.ckarwus Lockomita! " *) Warurli liesest du uicht weiter, was nach der entzücktesten Umarmung steht „sie waren beide nackt „und wurden nicht schamrolh!" wie spat und nach *) Rach einem neuen Ausleger. Herders Werke z. Rel. u. Theol. VI. D Aclteste Urkunde So welcher Katastrophe es erst dasteht: „Adam erkannte „sein Weib Eva! " —- Kein Trieb schläft tiefer und länger im menschlichen Herzen als dieser. Der ungestümste, wenn ihr ihn auscüttelt, der zarteste und lieblichste, wenn er schlaft. „Wenn Adam nicht gefallen wäre, sagt ,,Luther, wäre es das lieblichste Ding gewesen, Braut „und Bräutigam. Aber nun ist die Liebe auch nicht „rein: jegliches sucht seine Lust am andern, das „fälscht die Liebe. Daß der eheliche Stand nun hin- „fort ein Spital der Siechen ist —" was er aber im ersten Anklange Gottes „es ist nicht gut" und im ersten Nachklange „du die Meine!" wahrlich nicht war. Stets nicht deutlich genug, was Adam fühlte ? was er vermißte? Das große Leere, die Einöde, das betäubende, wirklich ermattende, Gefühl: „ich bin allein in der Schöpfung! Alles hat sei- „nes Gleichen; ich nicht!" fühlst du das nicht? weh dir, daß du's nicht fühlest! Väterlich drückt sich der Gedanke Gottes aus: „Gehülfin, Gattin, zweite Hälfte!*)" Das letzte ») Das Wort heißt ursprünglich mit dem reinsten Begriffe „vor jemand, vor seinen Augen, der „Sonne, Gottes u. s. w." Also gerade die Empfindung jener Sängerin: ^rot. XLt-'o? , o? L-'tt-'rtov roi- ritt» Tr^.aaio»' ttör, -- v.*r«-r«L» ? des Menschengeschlechts. 5r kann alles bedeuten, und hat alles bedeutet: wir werden aber bald aus Adams und Moses Munde selbst hören, wie ganz und rein und dunkel und unzergliedert es sein Vieles, sein Alles, damals in Adams Seele bedeutet hat. Hast du nie zarte, unschuldige Kinder gesehn, wie sie sich von früh auf gatten und zu einander lhun, ohne daß Eins von ihnen weiß oder noch daran denket, was dein Adam dem Thier abgelernt, und aus lieber kalter Nachahmung — Doch genug des Unflaths: lasset uns sehen, in welch ein größeres Licht der handlungsvolle Moses seine Thierevorführung setzet, ob er sie gleich nur als kurze Parenthese einwebet. Gott führte allerlei Thicre zu ihm: zu den Baumen hatte er ihn erst selbst geführet. Dies waren seine lebendigen Unterthanen, sie kamen und huldigten ihm. Gott führte allerlei Thkere zu ihm: wer ist, der nun noch auf die sinnreichen Zweifel unserer zurückhaltenden Weisen merken könnte: „wie und ob „Adam, oder das werdende Menschengeschlecht, nicht wovon ja Kinder und alleLiebcnde voll sind. Gott selbst lasset die Weisheit vor seinem Angesicht spielen, und erfreuet sich an der Ausrichterin seiner Liebe. In Zusammensetzung mit -stjl heißts offenbare regions illius, gleichsam die zweite Säule zu Erbauung seines Geschlechts. Wie ganz und rein und unzergliedert das Adam fühlte, wird sein Lobgesang selbst zeigen. D 2 52 Ael teste Urkunde „Anfangs durch rin kleines Unglück von Löw' und „Tiger habe gefressen werden mögen? da es doch „mit der Rabbinensabel von der Herrschaft Adams, „übcr die Thiere nichts sey" — — Und wenns wäre, zerstört das eine Wort: Gott sonderte die Thiere für ihn ans und führte sie, die Auswahl dcr lebendigen, (wie das Paradies Auszug und Kern dcr tobten Natur war) zu ihm — nicht alle solche Vorsichtigkeiten der Blindschleichen am biblischen Wege? Doch warum müßte sie nur eine Fabel seyn, die Herrschaft AdamS über die Thiere? Der den Segen sprach „herrschet übcr Alles Lebendes erfüllet und „bezwinget die Erde!" führte hier allerlei lebendige Thiere zu ihm, daß er ihnen das Losungswort seiner Herrschaft mikthcilt, und wie Adam alle lebendige Thiere- nennen würde, so sollten sie heißen: kann etwas klarer seyn? Noch jetzt, da die Kette gebrochen und alles in Aufruhr ist, noch jetzt, da dcr Mensch, ein Tyrann, alles mißbrauchet und mit Fluch bezeichnet — sind dcmvhngcachtet nicht Reste und Spuren genug dieses ehemals gewesenen Königrechts und menschlichen Sceptcrs über die Thiere? Welch Thier hat ein Geschlechts, ja alle Geschlechter sich unterworfen daß, es einem Winke der Gedanken diene, den es selbst nicht verstehet und weiß? Einst nun, da dieser Gedanke allemal gut und göttlich war, und eben so tief in dem Willen , in der Natur dcs Lhiercs lag, das der Mensch brauchte, als im Willen des Gebieters — welche Lust und Freude war die Herrschaft! Der Statthalter Gottes sah alles mit dcmKstck des 53 des Menschengeschlechts. Allvaters in den letzten Eapiteln Hiobs an, sorgte, wofür er sorgen konnte, sah in jedem Natur, Art und Regung; und da er selbst keinem Joch der Eitelkeit diente, welchem freigcborncn Geschöpf hatte crs auflegen können und wollen ? Der schönste monarchische Freistaat! Und das nicht durch Wunder, durch Zauberei, durch Glanz des Körpers in Adam: es war nichts, als Nacur der Sache, Harmonie, Gleichlaut der Seelen und der Bedürfnisse in Mensch und Thiercn. Jetzt, da alles gescheucht, verwildert, aufgeregt und überstrcngct, unter dem Joch der Eitelkeit und Nothdurft keichet: habt ihr nie Erzählungen gehört von der Liebe, Treue, Dankbarkeit und Freundschaft der Thiere gegen ihre Herren und Wvhlthater? Die Großmuth jenes Löwen gegen seinen Arzt, die menschenähnliche Vernunft, und mcnschenübertreffende Lugenden des Hundes und Elephanten, die gesprächige Freundschaft des Arabers mit seinem Rosse, und hundert Beispiele mehr? Zeigen sie nicht genug, daß cs noch mehr am Menschen, als am Thier, liege, daß diese Herrschaft dahin sey. Er hat das Auge verloren, ihre Natur und Art zu sehen, daS Herz verloren, sie nach ihrem Herzen zu gebrauchen ; .er ihr Tyrann, und sie seine Rebellen oder Zwang- dicncr. Paradies fehlt! Unschuld fehlt! das gemeine Sensorium der Menschen und Thiere. Gott führte die Thiere zu ihm, daß ec sähe, wie er sie nennte — siehe also die Pflicht und Bestimmung des ersten Königes der Welt. Er schauere, er kannte seine Unterthanen, fühlte sich in die Natur und Glückseligkeit jedes derselben, und Z4 Aelteste Urkunde bezeichnete sie mit dem freiwilligen Wort ihres Mundes. Sanfter Gebieter! Gott hatte sein Herz weich gemacht und mit einem Strahl der Liebe ge- rühret, daß er etwas suchte, was er nicht kannte, und also tief in der Art und dem Genüsse eines jeden da war. Milder König, er war nur im Paradiese ! Du lassest uns auffressen wie Schaafe und zerstreuest uns unter die Völker. Cs weiden uns Hirten, die uns nicht kennen, die unsere Sprache nicht verstehen. Sie fressen uns und könnens nicht genießen, zertreten uns und Wissens nicht mehr. Die Asche unserer Häupter ist ihnen Weihrauch, und das Geschrei der Elenden Gesang ihres Ruhmes — Gott führte die Thiere zu ihm, daß er sie nennete: das Wort des Vaters hatte seine Zunge gelöset, jetz sollt' er sie an den Namen und Lauten seiner Erdbrüder bilden. Kannst du dir eine werdende Mcnschensprache besser denken, als sie hier ward? Tonvoll, wie die lebendige Natur, und lebend wie sie, und handlungsvoll und verschieden und lenksam — ein lebendiger Auszug der Thierwelt, kein Orkia xiotus, sondern V1VU8 in Ton, Stimme, Art, Geberdung. Das waren Fundamente zur Menschcnsprachc über die Erde. Auch hier wie einfach, milde und menschlich, im gewähltesten Zeitpunkt, ward die Sprache gebildet! Liebe schwebte Adam im Herzen; er sah also alles im einfachsten Gesichtspunkte, mit Beziehung auf sich und seine geheimen Wünsche. Sehnsucht nach seinesgleichen zog die feinen Grundfäden der ersten Sprache: wie brüderlich, zart und menschlich mußte sie werden! Alles liebte in ihr und ward d c S Menschengeschlechts. 55 geliebt?) Der Name eines jeden Lebendigen in diesem Kranze der Freundschaft war gutes Acugniß von der Güte des Schöpfers in dieser Natur, ausgeschüttete Salbe aus dem Herzen des erstgeborncn Bruders, zugleich Band und Probe des Verhältnisses zu seinem Herzen, kcmäus, xiAuns uinnris. Jedermann weiß die Fabeln und Sagen der Urwelt, wie einst Menschen und Thiere als Brüder lebten und sprachen: jedermann weiß, daß sich Homers Helden und noch jetzt kein Araber mit seinem Rosse zu sprechen schämet: jedermann weiß, daß zwischen Menschen und geliebten Thieren noch immer Sprache und Lieblingsname das Band sei), das sie bindet. Bringe man diese todte, gebrochene Laute unserer zerstörten Natur und zerrissenen Freundschaft in jene erste lebendige Stadt Gottes auf Erden: wirds nicht des Namens der Sprache wcrth scyn?*) **) Bald werden wir Eva im Gespräch mit einem Thier sinken und weiter reden. Alle ältesten Sprachen sind daher überaus sinnlich, reich, ungeordnet, lebendig, und zugleich beinahe stammelnd und dem Munde der Europäer unaussprechlich. Wir *) Daher liebt Alles kn alten Sprachen, insonderheit den lebendigen der wilden Völker. Alles voll Geschlechter und Geschlechtsrriebe bis auf leblose Sachen und Namen. **) Daher sagen Plato, Iosephus u. a- daß Uranfangs die Thiere gesprochen, Menschen und Thiere einander verstanden rc. 56 A c l l c s: e U rkundc werden im Verfolg dieses Works in Gegenden kommen, wo die Reste dieser Sprachen aus den Zeiten der Kindheit der Welt so viel Sonderbares liefern, als der herabgecrbtcn Trümmer der ältesten Regierung, der immer die Monarchie des Menschen im Thierreiche als Muster vorzuliegen scheinet. Ohne Zweifel lernte der Mensch nicht bloß Sprache von den Thieren, sondern Natur, Art, Kunst, was auch alles zur Herrschaft, Sprache und Liebe gehöret, dazu Gott sie zu ihm führte. Er konnre sie nickt nennen und in sein Reich ordnen, wenn er sich nicht in ihre Natur fühlte, diese auf sich wandte, ganz, lebhaft; und siehe, so ward er unvermerkt Naturweiser und Künstler, der lebendige königliche Mittelpunkt Aller. Dem Menschen ist kein. Kunst angeb. reu, außer der, sich alle eigen zu machen, die ganze Schöp-ung sich einzuvcrleiben. Wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren, so sah er auf den großen Haushalrcr, der im Triebe jedes Thiers vor ihm spielte, und schuf ihm sein Reich nach.*) Welche Kunst hat der Mensch, die ein Thier als *) S. jene Fabel vom Prometheus, der den Men, schen aus allen Lhiereu sonnte. Alle älteste Weis- hclr des Orients ist Fabel, da der Mensch von den Thieren lerner. Jedes Thier hat seinen Charakter , der unschuldige Mensch hat keinen und soll sie alle haben. des Menschengeschlechts. §7 eigenes und Eines Lebenswerk nicht besser habe? Er hat sie alle mit ihren eigenen Waffen überwunden; das kunstloseste Thier prangt mit dem Raube der Schöpfung und spricht: er ist mein! ich habe ihn mir gegeben!- Das war der Lehrling Gottes, der erste Regent, Sprach - und Kunstschöpser, Erfinder und Naturweise. Ohne jüdische Mahrchen und mystische Ein- geistung: Othcm Gottes war in ihm. Es kommt nicht auf die Menge an, ekelnder Thor! Und wenn er wenige Geschöpfe genannt halte, und er nannte sie und blickte so fern hin, als da er die Eva umfaßte : welcher Homer und Plato, Aristoteles und Linncus, Montesquieu und Aesop wäre ihm gleich? Zoizoo? 0 «xvce: xy^crxr? w? Erzieher der Menschen, erziehe Gott nach! Dein Liebling webe in lebender Natur, wie der erste Liebling Gottes. Da dichte und nenne und schaffe und frage und ahme er nach; und du sondre aus, führe zu ihm, wie Gott zu ihm führte. Ec fügte das Gebau seiner Seele, seiner Kunst, seiner Sprache, seiner Triebe, wie er das Gebau seines Körpers fügte. Erzieher der Menschen, erziehe Gott nach! Wenn Aesops Fabelbnch sich über die Natur aus- 58 Aclteste Urkunde breitete, und alles in Handlung, in der verschiedensten und einfachsten Handlung, lebendig darstelltc: stehe Paradies der Thiere, Lehrsaal der Jugend, das beste Buch nach der Bibel, wie es der Vater unserer Theologie*) auch jetzt schon nannte. Erzieher der Menschen, erziehe Gott nach! Eden lebt dem Knaben iin Herzen: was soll das tobte Wörterbuch, das elende Ecdachtnißwerk, der hölzerne Zuchtkerker? Schaffe ihm lebendige Welt, sinnliche, uncrschöpfbar veränderliche Aufmerksamkeit, Lust und Liebe, und keine Mühe verdreußt ihn. Er blickt wie Gott, erforschet, nennet: er ahmet nach, schaffet und erfindet; die ganze Natur liegt in seinem Herzen, wer sie zu entwickeln vermöchte. Paradies aber, freie Höhe der Schöpfung, du bist verschwunden! Der Mensch sucht nicht mehr die Braut, weder in Wissenschaft, noch Kunst, noch Sprache, noch Weisheit; er ist ihrer müde und bietet sie feil. Erzieher! insonderheit lerne die Zeit der dun- kelaufwachenden Liebe wohl gebrauchen; uns die gefährlichste und untauglichste, einst die nützlichste und schönste Zeit der Jugend. Die ganze Kunst-, Sprache» und Verstandcsbildung des Menschen, womit wir unser Leben beschäftigen, knüpfte Gott und sein Schriftsteller in eine Parenthese: sie wird Uebergang zum Weibe. Was wars auch, was Adam hatte *) S. Matthes. Predigten über Luthers Leben. — Der gelehrteste Denker unserß Vaterlandes ist eben der Meinung. S> Lessings letzte Abhandlung zur Fabel. des Menschengeschlechts. §s bewegen können, ein Sprachschöpfer, Thierregent und Naturwciser mit dem Blicke, mit der Theil- nehmung zu werden? Einsamkeit reizte, Liebe und Sehnsucht gaben ihm Flügel: und doch entschlummerte er über dem Werke. — Fordere nicht vom Jünglinge, was Gott nicht fordert. Führe Leben hinzu, das die Trägheit überwinde, und streue Liebe ins Herz, die die Seele ausbreite, so weit die Welt ist. Liebe und Sehnsucht schafft Thcilnehmung an Allem: sie macht Regenten, Schöpfer, Erfinder, Künstler, Weise. Ein Weib ists, die der Jüngling auch in stummen Seufzern und ungeformten Gestalten suchet: glücklich, auf seine Lebenszeit glücklich, wenn ein Vater, Freund, ein menschlicher Gott, unerkannt und ungesehen, dies Labyrinth des Herzens so wendet, wie der erste Vater des Erstgebornen. Der Regent, der sein Land ansahe, wie wenn er in jedem Unterhalt um einen Zweig der Seligkeit buhlte, der ihm noch fehlet: ein Schüler der Kunst und Weisheit, der sich in jedem übenden Schritte seine Braut suchte — der Glückliche lebte noch inr Paradiese! — Der ermattete Sucher entschlaft. So war auch im Paradiese schon der Schlaf des Kummers Linderer, wie Kummer damals seyn konnte. Und doch hat jemand, trotz deS lichten Buchstabens, dem Paradiese die süßeste, unschuldigste Gabe, den Schlaf, gelaugnet!*) *) Garrey Geschichte des Schlafs, Adtim entschlief. Einige Alten nennen diesen Schleif Entzückung. Wenn Adam, weis ihm geschah, im Traume sah, schönster, lieblichster Traum, Werth des ersten Schlummers im Paradiese! Da formen sich die gestaltlosen Wünsche seines Herzens: Je steigen empor: „wer ist, die hervorbricht, wie '„die Morgenröthe, schon wie der Mond, einzig wie „die Sonne: sie steiget herauf in deiner Wüste, „und lehnet sich auf ihren Freund." Erwache Adam ! «S ist That! Sie ist deine Gattin!-Nur noch Ein schönerer Traum ward geträumt, da aus der Seite des Entschlafenen seine Braut, die Kirche, rmporstieg! — Paulus selbst ist der Urheber dieser Vergleichung?) Adam schlief. Das Geschöpf soll nicht, als etwa im Bilde, sehen, wie Gott wirkt, sondern empfangen, was er gewirkt hat — eine Fülle von Seligkeit in der Wirkung. Und nahm seiner Ribben eine: woraus konnte sie auch (ohn' alle jüdische Fabeleien) bedeutender werden? Nah an feinem Herzen, wo edle Lebens- rhcile, Gefäße der Neigungen und Affekten ruhen, da ward sie! da sollt' ec sie an sich drücken und als rin Palladium tragen! da sollte das Weib den Mann umgeben.*) **) Wer verletzet die Brust und wagt *) Ehp. 5, ab-Zr. **) Ich weiß nicht, wie bei so viel weit her gesuchten Deutungen dieser Stelle des Propheten, man der nähesten die Augen verschlossen! „Das Weib des Menschengeschlechts. 6^ nicht ftin Leben? Und was ist ein Weib, die von dieser edlen Stelle weichet? Gebein des AbschcueS und Fraß der Wurme--„Setze mich, wie ein „Siegel auf dein Herz: denn Liebe ist stark wie der „Tod, und Eifersucht hart wie die Hölle!" Und bauete ein Weib aus der Ribbe, die ce vom Menschen nahm: welche Einheit unseres Geschlechts also. Eva war sein, wie Adam Gottes. Er hatte sie in sich getragen und als sein Fleisch gcsleget — Paulus macht eine herrliche Deutung auf den Ehestand und auf die Kirche , die Christus auch als Palladium, Braut und Kleinod auf sich tragt und zu Gott bringet. — Unsere Wortgecech- tcn ärgern sich an Adams Bunde; so lasset das Wort Bund und saget: er war Haupt seines Weibes, Haupt seines Geschlechts: er hatte das Gebot empfangen und stand nun für das Haus! aus ihm erbauet, was wollet ihr mehr?*) Gott führte sie zu ihm: „Güter und Haus „mögen die Eltern versehen; aber ein Weib wird „allein von Gott gegeben: denn nicht umsonst der „wird den Mann schützen." Jeder weiß sa, daß der Mann das Weib schützen muß; nun wellte der Herr ein Neues schaffen im Lande: so friedliche ruhige Zeiten, daß das wehrlose Weib dem Mann Mauer seyn könne. ») Der Orient braucht vom Weibe noch ringere Namen: Schlauch der Frucht z.E. der so wenig den Adel des Kindes ausmacht, als der Beutel den Werth der Münze ec- e. Aelteste Urkunde „allmächtige Gott allein dem Menschen vor allen „Thieren mit solchem Nathschlag' und Bedenken sei- „nen ehelichen Stand cinsetzt. Zu den 'andern Thie- „ren spricht er schlechts: wachset und mehret euch! „und stehet nicht geschrieben, daß er das Weib zum „Manne bringt, darum auch keine Ehe da ist. Aber „Adam, dem macht er ein einigs sonderliches Weib „von ihm selbst, bringt sie zu ihm, gicbt sie ihm, „und Adam vcrwilligt und nimmt sie an, und das „ist denn eine Ehe." Es heißt Ordnung: der Water und Schöpfer knüpfte selbst dies Band, den Grund von aller Menschenordnung. Gott führte sie zu ihm, wie voraus die Thicre; aber jetzt welch ein anderes Geschöpf! wie ward sein Warten und Harren, wie ward seine Weishcitspro» be belohnet. — Das ist Gebein von meinem Gebein Und Fleisch von meinem Fleisch, Männin wird sie heißen: Denn sie ist vom Manne genommen — Pflichten und Seligkeiten, Wunder und Gesetze, Werhaltniß und Bestimmung beider Ehegenossen zu einander liegen in diesem Gesänge des Urvaters. Die Liebe machet hier den ersten Dichter, Gesetzgeber und Propheten. Das Lied der Lieder aus Adams Munde. „Gebein meines Gebeins, Fleisch meines Flei- „sches. Gesunden, was ich suchte, du bist mein „zweites Ich!" — Alle Liebe in der Welt rührt von Sympathie her: hier war das Mitgefühl im höchsten Grade. Zweiklang zu Einem.*) *) Sie sind euch ein Gewand und ihr seyd ihnen ein des Menschengeschlechts. 6L „Gebein meines Gebeins, Fleisch meines Fleisches. Deine Freuden sind meine Freuden, dem „Schmerz mein Schmerz: denn siehe! wunderbar! „ein Ich wir beide." Aus dem Einen Bilde leitet Paulus alle Pflichten und Seligkeiten der Ehe her. „Gebein meines Gebeins, Fleisch von meinem „Fleische. Du nun meine Gattin, meine Hälfte: „das zweite Ich, die Borseite, die ich in dunkler „Ahnung vermißt. Ich sehe dich vor mir, zarten „zweiten Pfeiler zum Gebäude meines Geschlechts." „Männin bist du" — Das Weib ist Männin: siehe die Bildung beider. Mannesbild ist Menschen-- bild; wo Weibsgestalt vom Manne sich sondert, ists Bedürfniß. Aber der milde Vater ersetzt auch Gewand, sagt der Koran: mich dünkt, die fettigste Umschreibung des "M. Die Fabel Platons und der Rabbinen von dem getheilten Androgyn ist nichts als dies Wort in Dichtung. Das Weib ist die geliebte Vorseike des Mannes, ohne die er zu Erbauung seines Geschlechts ein einsamer Pfeiler dastünde. — Die Worte Gottes und Adams bezeichnen den Grund nicht bloß des Naturtriebes, sondern auch des Segens der Fortpflanzung im tiefsten Quell. Kein Geschlecht von Maulesel und Jumars ist noch unter ihnen fort- geflanzt. Es ist nicht allintorium. ipsi simile. Die Menschensungfrau sein Antlitz und seine Vorseite, konnte sie schöner, reiner und edler genannt werden; ist sie nicht auch in der Lhat unsere feinere Seite? der Engel in Menschennatur. 64 Aelteste Urkunde hier Mangel mit Wucher. Er schlang, den Gürtck ums zarte Geschöpf, und seine Schwache ward Schöne, seine mindere Vollkommenheit Reiz und Zauber. Sie siegt, durch das, was sie nicht ist. Mannin vom Manne genommen, und durch ihn genießet sie nur die Schöpfung. Mensch und doch nicht Mann; nur Mannin im Manne, vom Manne genommen und ibm gehörend. Adam war Gottes, das Weib war Adams. Der Mann liebe sein Weib als sich selbst: das Weib aber ehre de» Mann. Männin vom Manne genommen, und darum muß ihr der Mann anhangcn. Ersuchet sein Fleisch. Das Stärkere (so wills die ganze Natur) muß immer dem Schwachen zuvorkommen und ihm dienen. Mannin vom Manne, und darin liegt Segen unseres Geschlechts, der ganze Gottessegen der Fortpflanzung. Nur Zwei, die Eins sind, können ein Drittes schaffen. Das harmonische Zwei, sagt jener griechische Tonkünstler, klingt zusammen, und der dritte Ton entspringt: ein schöpferischer Dreiklang. — Keine ungleichartigen Geschlechter pflanzen sich weiter: oder ihr Nachkomme trägt unreif und hat keine Kraft zu gebühre». Schöpfers Segen Hort auf. Nicht Mann und Mannin, sie kennen sich nicht. „Du aber Mannin vom Manne genommen: „du liebest mich in dir, ich liebe mich in dir: zwei „und nur Eins. Was war' ich ohne dich? du warst „nichts ohne mich ! Nun sind wir Eins! " — Alles des Menschengeschlechts. 6L Alles, Alles liegt also in diesen Worten, und möge nun das folgende darum gesprochen haben, wers wolle, es ist nur aus Adams Seele gesprochen, und warum sollt' ers denn nicht gesprochen haben? Gelange es mir, Vater Adam, dir dein Gefühl wieder zu geben, dein großes, weitsehendes Paradiesesgefühl, das dir das klügere Geschlecht deiner Söhne gcrad' hin abspricht. Was brauchts, die folgenden Worte zu fühlen, als was der fühlte, der die vorhergehenden sprach? Sie sind nur eine Entwickelung derselben in jedeS neue Geschlecht hinunter, als ob ein jegliches ganz und neu an Adams Stelle jetzt wäre. Siehe da, der ganze Knote und welche Seligkeit in ihm! — Mann und Männin: darum wird ein Mann Water und Mutter verlassen und hangen an seiner Männin. „Dreierlei Liebe sind : falsche, natürliche, „eheliche Liebe. Falsche Liebe, die sucht das ihre, „wie man Geld, Gut, Ehre und Weiber außer der „Ehe liebet wider Gottes Gebot. Natürliche Liebe „ist zwischen Vater und Kind , Bruder und Schwerer, Freund und Schwäger und dergleichen. Aber „über die alle gehet die eheliche Liebe, das ist eine „Brautliebe, die brennet wie das Feuer und sucht „nicht mehr denn das ehelich Gemahl. Die spricht: „ich will nicht das deine, ich will weder Gold noch „Silber, weder dies noch das, ich will dich selbst „haben, ich wills ganz oder nichts haben. All au- „dcrc Lieb suchet etwas ganz anders denn den sie „liebet; diese allein will den Geliebten eigen, selb, „ganz haben." — Siehe das fühlte Adam im Na- HeederS Werke j.Rel.u.Theol. Vl. E mm seines ganzen Geschlechts: das Feuer aller in seinen Adern. Und siehe da, ganzen Geschlechts-Segen. „So „lang sie sich lieben, wie wir uns lieben, so brcn- „net die Feuerkettc fort, flammt neu in jedem Glie- „de, unser Bette grünet. Da fühlen wir uns jedesmal neu in jedem unserer Söhne. Er lasset „Barer und Mutter und hangt an seiner Mannin „und stellt uns wieder her. Unsere Gottesflamme „ist neulebendig." „Mannin also, wir opfern uns aus. Wie wir „uns lieben, müssen sie sich auch lieben: verlassen „Vater und Mutter, mich Mann, dich Mannin „verlassend. Ein Fleisch sind beide: sich selbst die „Welt! —" „Es ist nicht Opfer, es ist Gewinn! Verjüngung, neuer Gottessegen für uns. Wir dann in „ihnen, wie jetzt in uns! Mann und Mannin, „Ein Fleisch sie beide"*)-Was war nun hier, was Adam nicht sagen konnte? wo jeder nicht wünschte, daß ecs als ewigen Segen auf sein ganzes Geschlecht gesagt hatte? Was sahn nicht andere Patriarchen in der Zukunft? und der Erste, größte? — Ja, Vater Adam, du sähest! *) tVuä evleen ^vitli env^ tirno tesnsporteä Ltiall rlnnk to nob »8 ok onr jo^8 Von '11 in ^one Ziil8 sgsin Ke oouetoä Lnä l'II Aa s nooinZ in in^ do^ü. des Menschengeschlechts. 6? Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen: Vater, Mütter, wenn sprechen wir so? Wir wollen, daß sie an uns hangen sollen, tändeln, schmeicheln, und sind Tyrannen: fühlen nichts von dem Gottessinn, zu geben und nicht zu empfangen, zu warmen und nicht erwärmt zu werden. Ihr Elenden, rinnet der Strom aufwärts? und kanns ein Strom werden, wenn er nicht rinnet? Warum gabt ihr ihnen das Leben, Schwächlinge oder Tyrannen, wenn sie nicht lieben, und euer Leben weiter geben sollen? Liebet ihr? — wohlan! lieber ihr nicht? desto arger! Sehet, wie Gott liebt. Er will nicht Gegenliebe, als in seinen Kindern. Denn lieben sie ihn, wenn sie sich lieben. Denn lieben sie euch, wenn sie sich lieben, und stellen euch wider her.*) *) Die Wilden sind auch hierin der Natur Adams treuer: sie erziehn für die Welt und nicht für sich. Mit eigenen Manns- und Vaterrechlen, hört fremden Manns- und Baterszwang auf. Die heute so nothwcndigen Verschränkungen dieses Gebots im Paradiese sind aus der Bürger- und Gütergesellschaft, aus Erbverträgen und menschlicher Härtigkeit entstanden; Gesetze der Natur müssen sie indeß nie aufheben sollen, wollen und dürfen. Do tliink, ^our taillier ollioulll be ss a 6 oll Do vvliooi ^011 are but ss a torio in evax Iiim impriutell soll ^vitlrio liis po^vr, Do leave tl>s tiZure or llisllZurs it. E 2 68 Aelteste Urkunde Vater Adam, voll Gottesblick und uneigennützigen, teilnehmenden Gefühls im letzten deiner Söhne! Du rissest dein Herz aus, und fühlest cs in jedem deiner Vermahlten neu und warm schlagen! — Menschenvater, voll Gottcscmpsindung I — Ehe heißt Ordnung. Der erste Mann bei der ersten Ehe macht auf ein ganzes Geschlecht Ordnung, und praqets seiner Gattin im Kuß der Liebe ein. Es ist Paradiesgesctz und also Segen, Natur, noth- weudige Sitte der Menschheit, oder sie erkranket — Heiliger Adam, wo ist dein Gesetz? Was ist entweihter aus der Erde als dein Gottesband, Ehe und Liebe? Durch Vieheözwang und Vieheszügcl- losigkeit entweihet, und Weise, Dichter, Gesetzgeber, die verstummte Religion, alles hilft dazu, daß daS letzte glimmende Fünklein der edelsten Menschen - Gottesliebe sterbe. Da ruft Ein Adam: „du darfst keinen Vater „und Mutter haben! " ein anderer: „darfst an kei- „nem Weibe hangen, sondern" — ein dritter, vierter , Hunderter: „nicht an Einem Weibe! nicht an „deinem! kannst zu ihr kehren, wenn alle Adams- „glur ist Erd' und Asche! — Philosophische Ehen — „oder Stands - und Kleiderehen! Frei' Anstand „Ehre, Geschlecht und Gut' das Herkommen, die „liebe Langeweile" — Kater Adam, so ist das Band zerrissen. Mit eisernen Fesseln schla- cn wir uns blutig und nennen die Fisteln Kranze. des Menschengeschlechts. 69 „Ich sorge, sogt Luther*), daß viel Ehclcut „sitzen bei einander, die wir für unehelich halten „(und viel mehr, die wir ehelich schelten und es „nicht sind) denn dieweil der ehelich Stand stehet „in einem Verwiegen zu einander" (und hangen aneinander, daß wer ein Weib ansichet, ihr zu bcgekren, schon Ehebruchs schuldig scy vor Gott) „und Gott wunderlich ist in seinen Gerichten, will „ichs ihm lassen befohlen seyn." Ich auch. Das Gebot ist im Paradiese gegeben, und, Menschen', Gott rächet die Menschheit. Euch will ich anflchen, Vater des Menschengeschlechts, Gesetzgeber, Richter, Weise: hört den ersten Gesetzgeber, den menschlichsten Richter, den Weisen im Paradiese. Sein erstes Gesetz **) war Aufopferung, Freude mit all seinen Kindern, Gefühl in jedem Neuverlobten, der die erste Knospe der Liebe genießet, Rettung, -.Freilassung, Segen der Menschheit an der nothwcndigflen, lieblichsten Stelle, Frciheitsbrief der Liebe und zugleich stärkstes Siegel der Heiligkeit der Ehe — das war sein Gesetz. Mit Flamme des Herrn vermahlt' er, und wo die Feuerkette sich wand, sprach er: daß auch *) Sermon vom Ehestand, LH. I. Jen. AuSg. ^*) Ir Stands SS SN edier, in destin)'. Das Wort Ehe ist in unserer altdeutschen Sprache das Stammwort aller Gesetze, Treue, Ordnung, Religion, Vertrage; in der neuern nicht also! All die Bedeutungen sind leider! veraltet. Ein Zug unserer Sprache wie aus dem Paradiese. 7 « Ael teste Urkunde viel Wasser nicht sollten die Liebe erlöschen, noch Höllenströmc sic ersaufen, daß Elternliebe und alles Gold des Hauses nichts sollte scyn gegen das Anhängen des Mannes an seine Mannin. Und ihr, Wucherer der Unzucht, Gesetzgeber, Richter und Dichter, was sprechet ihr? Kommt dem Geschlecht eurer Brüder zu Hülfe, ihr Weisen mit Adams Blick und Adams Herzen, stehet, wo Er stand. Wo der Strom fließet, was traget ihr euer Krüglein in den Strom; dort aber, wo er sein Bette verläßt (und unten kriechen Kröten und Schlangen) wo er aufschwillt und Sünd- fluth anrichiet, da dämmet, da kommt zu Hülfe. Da fliehn sie aber und schwimmen dort wieder in sanftem Strome- * . * -i- Liebe, du Gottcsblick!*) du Gotteshand, du alldurchglühende Flamme! Sie gehet aus, wie ein *) I-ove looles not tvitli tlis Hut vvith tlis minä — sagt Shakespear im andern Verstände, der hier reiner und höher gilt: — tlre lovers sxo in s Uns kronr^ rollinA Ootlr glsnre iroin lissv'n to eurtli, krom eortli to Iieav'n ^ncl LS inroginstlon hoäies tortli Dlie' iorins ot tbings unknovvn, tbo lover's exe Vurns tliom to slispe onä glves tlie notliing looul hshitation onä a nnins. des Menschengeschlechts. 71 Bräutigam aus seiner Kammer, und wie rin Heid zu laufen den Weg. Sie gehet auf an einem Ende des Himmels, und lauft um bis wieder an dasselbe Ende, und bleibet nichts ihrem Glutblicke verborgen. So war hier Adams Blick, Adams Liebe. Er fühlt sich Mann am Busen seiner Mannin, sich Barer, Mutter seine Gattin, schwebt auf den Flügeln des Worts Gottes empor „seyd „fruchtbar! ihr sollt euch mehren! ihr werdet füllen „die Erde mit Euresgleichen" und sieht sein ganzes Geschlecht auf den Schwingen dieses Worts. „Wie soll das zugehen?" so dachte er noch nicht, ec zergliederte nicht, er glaubt und liebte. Und so sah er auch nichts als Liebe, immer neue, immer brennende heilige Liebe, wie er sie jetzt fühlte: er sah die Ehe seines Geschlechts rein. „Vater und Mut- „ler verlassen und hangen an seiner Männin, Ein „Fleisch" sein innias Jetzt war Zukunft, er sah, wo nichts war, und zweifelt und zergliederte nicht, was er sähe. „Wie war dem Adam, sagt Luther, „als er erwachte? Et hatte Eva nie gesehen und „kannte sie.' Der Geist war in ihm. — Der Geist „war in ihm, wie es Christus auslcgr bei Matkhco, „daß dies Gottes Wort sind und er damals voll „Gottes gewesen. Da spricht Gott in ihm." So Luther: der edle keusche Mann schwingt sich auf Flügeln der Begeisterung Adams bis in jenes Leben, fühlt Erwachen und daß wir uns alle so kennen werden, wie Adam Eva kannte*)-und wir Gottesmanncr machen Adam für lauter Katechis- *) Predigt über i Mos. 2 und Matthes. Predigt. 72 Aelteste Urkunde musweisheit zum Dummen, oder zum unkcuschen Vieh. „Hatte er denn abcr Baierliebe schon gefühlt?" — und hatte er Mutterliebe gefühlt von der Mutter, und Kindesliebe, um von Kindern zu reden? Soll euer Sohn euch nie Vater nennen und kindliche Pflicht leisten, als bis er selbst Vater worden, bis ihrs ihm demonstrirt habt, daß ihr seine Vater seyd, oder gar bis ihr in eurer Kinder Leib gienget und sie euch Vater und Mutter wurden, um ja uach dem edlen Gesetz des Selbstgefühls und der kalten Billigkeit zu lieben? — Kalte Thoren! Mann und Mannin, das ist der Grund aller Liebe, der Quell: von ihr fließen alle Bache, und wer im Mittelpunkt jener Gottesflammc steht, wie Adam, der ist allwissend, der fühlt Eltern- und Kinderliebe, wie sie sich scheiden und sondern, die Bäche jetzt im Quell. ,,Du meines Gebeins und ich dein! „die von uns werden, sind unseres Gebeins, sie „werden uns, sie werden sich, wenn die Zeit kommt, „unendlich mehr, als uns lieben." So faßt, leitet und wendet Adam den Feuerstrom. Die Worte sind Gipfel all seines Naturgefühls und Blicks in die Haushaltung Gottes: denn vom ersten Augenblick an, da er sich allein fühlte, durch alle Blicke, da er diese Gottcsflamme in allem Lebenden brennen sah, und nun seinesgleichen hat, auch zu lieben, «ine neue Welt zu schaffen — seht, da ist alles in Einem Strom. Er sicht diese neue Welt, die große Familie des Allvaters, im Jubel, in der Empfindung des Segens, und zergliederte nicht.*) Unrei- '') So gar sich selbst weissagte Adam gewissermaßen, des Menschengeschlechts. 73 «er Thor, der seine Braut nur anatomisch kennet «nd liebet — liebet? entweihetes Wort, es ist Unzucht, die Lieb' ist hin. Siehe dein Kind an. Welches Geheimniß ist ihm verborgener und unbegreiflicher, als dies; ja begreifst du noch jetzt etwas ? Wie gern läßt es sich, so lang' es unschuldig ist, mit der ersten Antwort abweisen, wenn ihrs selbst nicht aufregt und rüttelt. Das ist Natur! Gottes Schleier der Schöpfung! — Und doch küßt euer Säugling seinen Eltern den Kuß der Liebe nach, tändelt ein Hohelied Salomons mit seiner Gespielin und weiß von keiner Sünde. Wie manche selige Braut steigt ins Bette und hat sich nichts, oder ganz anders, als so eewas getraumct, und doch war ihre Seele nicht leer: sie träumte paradiesische Traume, der Eltern-, Kindes-, Bräutigamsliebe, und band und ordnete dieselbe, gerade wie Adam. Liebe, Gottesblick in uns, Gefühl der Menschheit und Unschuld, du weit sehender, inniger, nichts zergliedernder, reicher Weissager! Schreibe ich für Salzsäulen Sodoms, die dies unreimbar Lder ungereimt finden? und zergliederte nicht. Mit dem Paradiese sollt' er auch Vater und Mutter verl und hangen an seiner Männin — Wenn man den Patriarchen Jakob auf seinem Sterbebette zergliedernd durch, fragte, wie die Wortweisen Vater Adam im Pa, radiese: woher weißt du das? was stellst du dir darunter vor? — er würde ihnen nicht bestehe» — wollen. 74 Aeltcstc Urkunde „Wie aber? wenn Moses die Worte als Glosse „hinzugefügt halte?" Und warum Glosse? Wer Gefühl und Geschmack und ein Ohrlapplein hak, Rede der Entzückung fortzuhören, muß hören, wer es spreche? Selbst eurer Sylbenkritik machts wenig Ehre, dem begeisterten Liebhaber und Vater das Wort im Munde zu brechen und es dem Glossaror aufzubürden. Wo fangt denn Adam an? wo hört er auf?*) „Glosse!" so kenne ich keine fremdere als diese. Kalt Wasser auf Adams Begeisterung! ein Brct auf den ersten Kuß 'der Liebe. — „Dazu Glosse Moses!" niemanden ist sie fremder als ihm. In Moses Bürgerverfassung, die kein Paradies mehr war, welcher Mann verließ Vater und Mutter, um seinem Weibe anzuhangcn? Er kaufte das Weib und sic hing ihm an, er führte sie mit sich als Sklavin nach Hause- „Wie aber, wcnns hieße: wer Lust hat, die „heiligsten Verknüpfungen zu trennen, und doch „noch mit Maßen sündigen will: der übertrete lic- „ber das vierte Gebot, als" — Das möge Wechs- *) Es ist eine subtile Frage: in welchen Perioden Adam im Paradiese gesprochen habe? wie weit er im Bau der Rede gewesen? und ob die Partikel ihm nicht zu schwere Lection gewesen, daß ich sie herzlich gern den subtilen Geistern unserer bessern scholastischen Zeit lasse. Genug, Moses legts ihm in denMund und er sprach vielleicht bloß Männin. des Menschengeschlechts. ?5 ler und Korbantauscher sagen: das sagt weder Adam noch Moses. Ehen scheidet Moses, und zwar der Hcrzenshärtigkeit seines Geschlechts willen, um kleine Ursach; Kindcspflicht erlasset er nie. Wer Vater und Mutter flucht, soll sterben: sein Blut sey auf ihm, daß er Vater und Mutter geflucht hat. So sprach Moses: er und alle alte Gesetzgeber daueren auf die Vaterheiliqkeit all' ihre Gesetze, wie jeder weiß, der einen Begriff von Staat hat. Und ec sollt' erlauben, den Eltern Kindcspflichtcn zu versagen? Und eine so gottlose Begünstigung sollt' er hier, dem ersten Brautfest, der ersten Elternfreude, als Pfahl im Fleisch anfügen? — o Gefühl, Herz, Sitten, Zusammenhang, mosaisches Recht, Bibel !*) — *) „Sie sollten nur den fff lesen. Es war eine „Erlaubnis Gottes, den Ettern Liebe und Gehorsam zu versagen, wenn man sich,an ein Weib „hing. Und das sagt Moses oder Adam- „Adam? Versteht ihr den nicht? weh euch, „daß ihr ihn nicht versteht. Auf eurem Antlitz „danken solltet ihr, daß der Stammvater anders „sah, als durch eure Brille. Was macht das „Glück der Welt, wenn es nicht bas harmonische „gottgefällige Spiel der Empfindungen macht, „die von der elendesten Kreatur bis zu Gort hin- „auf in Verhältnis zu einander stimmen? Wollt „ihr den Unterschied aufheben, der zwischen den „Namen Vater, Sohn, Schwester, Braut, Mut- „ter, Blntsfrcundin obwaltet? wollt ihr bei ei- „nem nichts anders denken , keine andere Regung „fühlen, als beim andern? Nun wohl, so hebt „euch denn nicht übers Vieh, und laßt meinet- ?6 Aeltestc Urkunde Ihr blinden Ausleger, könnt' Adam nicht sehen, daß der Vogel Vaterhaus verließ, wenn er sein eigenes Nest baute? daß das Küchlein die Henne verließ, wenn sic Braut ward? daß der Storch nicht Sohn blieb, wenn er Mann wurde? Und noch sah ers nicht, was er hier ahnet, nämlich wie sein Geschlecht sich von allem Thier auszeichnet. Daß kein Geschöpf hülfloser auf die Welt kommt, langer Vater- undMuttcrzuchr nöthig hat, als der Mensch, und daß demohngeachtet Vaterwohlthat und Mutter- Wille, den Hetzern Gesetzen des großen Vaters — doch was plaudere ich wieder? „halben die ganze Welt zum Schweinstall wer- „den." — Der neue Menoza. Ich wiederhole nochmals, daß ich das Paradies zu nichts weniger als zum Kloster mache, und den heiligsten Trieb der Natur eben als Summe aller Unschuld- und Freudcngefühle, höchsten Blick der Naturweisheit Adams und das Senso- rium zeige, wodurch er Alles mit sich verband und Glückseligkeit in Allem fühlte. Aber eben weil dieser Gottestrieb, diese reine Schöpfungsflamme, so heilig ist; so verzeihe, Leser, meinen Eifer gegen die Sodomiten und Brunstzergliederer. Sie wollen der Menschheit die letzte Spur einer Paradiesesempfindung rauben, die nur seinesgleichen liebt und nicht zergliedert. Mit dem Zergliedern ist Unschuld und Paradies verschwunden.— Auch mag, wenn ihr ja wollet, Mkses das letzte Darum hinzugefügt haben. Hat ers, so setzte er sich in Adams Stelle ins Paradies, und schrieb ni'cht als Moses. des Menschengeschlechts. 77. Mann und Mannin waren beide nackt und wurden nicht schamroch: daß alles hierunter verstanden werde, zeigt der späte Anfang des vierten Kapitels. — „Wie nun? so waren sie Kinder?" Schlimm genug, daß wir die Unschuld nur etwa noch im Kinde und in der Lilie suhlen ; aber auch hier heißts : nicht immer ists also gewesen. 8sru juvenurrr Vunuo, sagt Tacitus noch von unfern deutschen barbarischen Voreltern, eogrrs inexkauster zgubsr- Iss, neu virgines ksotinsntur. LrZo ärcitla aZunt, riullis 8xsctuLu1orurn illecebris, nullr8 , oorrviviorurri irriiatiouibus corinptae. Casar sagt dasselbe, und noch jetzt gicbts schamlose Wilde, deren Bräuten es Schmach wäre — Wir hören bald mehr vom zweideutigen Ursprünge der Scham; Unschuld und Brautliebe will weder Decke noch Schminke. „O daß du mein „Bruder warst, der meiner Mutter Brüste sauget! „und ich dich auf der Straße fände, und dich küs- „sen könnte ohne Hohn. Ich wollte dich mit mir „nehmen und in meiner -Mutter Haus bringen , „und du solltest mich lehren, und ich wollte dich „tranken, mit Wein, den ich selbst bereitet, mit „Most meiner eigenen Baume." Lebe wohl, liebes glückliches Paar im Paradiese der Unschuld! warum daurete es nicht länger? Ehe wir zur traurigen Katastrophe kommen, noch Ein Rückblick ins Land der Jugend und Liebe. Dies Paradies! erziehcts in eures Lieblings Herzen, 78 Aelteste Urkunde oder Schlange und Tod nisten darinne: auch den Schleier der Liebe nehmet von Gott an.*) Adam und Eva füllten Stammeltern seines Geschlechts werden; er übereilte sie nicht, reizte sie nicht! pflegte der zarten Pflanze in Morgenröthe des Tages, und die Liebe, die ihr kennet, kam als Fluch! — Mann und Mannin, Gebein und Fleisch, Vater und Mutter von Kindern, die einst wieder lieben und Vater und Mutter werden: siehe den ersten Ehe- und Kindcssegen Adams im Paradiese. Kein Sybarit, der davon weicht und in den schönen Stunden, (wie sie's nennen,) nur Engel und geistige Clarissen liebte, der er nie keines gesehn hat, und nicht zugleich in den häßlichen Stunden > (wie sie's nicht nennen,) Scheusale liebt' oder gar selbst Scheusal worden wäre. Eine Abschweifung giebt so natürlich die andere, als der zu spitze den stumpfen Winkel auf derselben Linie giebt. Die Menschheit rächet sich, Menschen, und Gott rächet die Menschheit. Mann und Männin! Vater und Mutter von Kindern, die einst wieder Vater und Mutter werden: das ist Adams Hochzeitgesang und seine Jugendliebe und das Paradies im menschlichen Stamme, wo ewig jung und neu und frisch der Allvater blühet und aufblühet. Wollet ihr Kinder erben. *) Es ist jetzt neue heidenmäßige Lykurguspadogogie, diesen Begriffen vorzueilen, und sie gar in Er- ziehungsbüchcrn zur Schau zu tragen, damit sie nicht ein anderer sage. Wir brennen als» das Haus ab, damit kein anderer die Ehre genieße. des Menschengeschlechts. 79 die Beulen in eurem Fleisch sind, und zuckende Geschwüre in eurem Herzen; Jünglinge und Jungfrauen , so werdet es selbst! und ja so früh ihr könnet: für die Folgen seyd sicher. Ihr schämet euch ja selbst des Segens Adams; er bleibt auch eurem Blicke verborgen. — Geschlecht, kehre zum hohern Paradiese zurück, und der erste Lobgesang der Liebe an Einfalt. , Starke, Wahrheit, Zuversicht, Männlichkeit und nackter Unschuld wird jedes eurer Kinder Hochzeitgesang werden. Nun frage mich niemand über die Zeit, in der dies alles geschehen. Im Paradiese schlägt keine Zeit. Sie ist hier nicht benannt, und jeder hat Raum, es bei sich zu entwickeln, in welcher Frist ihm dies alles geschehen könnte. Das erste Stück von den Tagen und Werken mische hier niemand hinein ; cs hatte offenbar andere und höhere Absicht. Es war die große Tafel der Schöpfung, und dies ist die leider! kurze Familiengeschichte der ersten Pflanzstätte unseres Geschlechts. Sie war bald vorüber: Paradies ward ein schöner Traum. Aber ein Traum der Wahrheit; Er lebt noch in unfern Herzen; er sicht aber mit der andern Sage, mit Dornen und Disteln des Fluchs, die früh genug und aus Natur darauf wachsen. Das Paradies, dem wir jetzt zueilen dürfen, hat ein unbekannterHöherer erworben; daher trügen sich unsere Weisen, und glauben, es sey natürlich. Mögen sie's glauben: wäre dies Paradies wenigstens ÄS-- > 2 ^ 8c> Aelteste Urkunde des Menschengeschlechts. Mit seinem Erdklos von Gott gebildet und begeistet, Mit seiner freien Welt voll Bäume der Lust und Gesundheit, Mir seiner Kindesprobe des Gehorsams, Mit seiner Lhierwelt voll Sprache, Kunst und Regung, Mit seiner schlafenden und sanfterweckten Liebe, Mit seinem Gottesblick und männlichen Vatersegen das achte Paradies unserer Menschenerziehung ! Dies- iind jenseits sind Thiere, Schatten, Träume und Fluch. II' Abfall des Menschengeschlechts. Eine Garte nerzahlung. i -Mos. 3. Cap. Herders Werke;. Rel. Theol. Vs. F I. Ist die Erzählung Fabel? Es scheinet. Die redende Schlange, der Zauberbaum der Weisheit und Unsterblichkeit : die Folgen der Baume: die Gespräche darüber: die Strafen: die neue Welt: der Cherub — fast Alles kündigt Dichtung, ein Arkadien Morgenlands an, das jetzo verschwand. Baum der Weisheit. Wo ist ein Baum der Weisheit? der die Augen öffne, göttergleich mache, wo durch Ein Kosten die Zauberhüllc der Natur weicht, Blick ins Unsichtbare durchs Sichtbare wird, entschleierter, allwissender Blick ins verwickclste Innere der Schöpfung?-Und siehe, der Zauberbaum thuts, beweiset Kräfte: Die Augen sind entschleiert! Adam ist worden als der Elohim Einer — im Apfel har er den Stein der Weisen, § 2 84 Aclteste Urkunde die Zauberquelle der Gottheit funden, die Frucht des Genusses bleibt ihm*.)- Baum des Lebens. Wo ist ein solcher Baum des Lebens? dem die Kräfte der Unsterblichkeit natürlich sind, auch bei einem Geschöpf, das nicht zur Unsterblichkeit gemacht scheint. Wie soll, wie kann, wie darf unser irdischer Bau unsterblich, unsere jeden Augenblick zerriebene, verwesende Hütte unverweslich werden ? lind durch einen Daum, dessen Kräfte Zchovah selbst nicht ändern oder zurückhalten, um deßwillen der Mensch eine andere Welt suchen, vor dem der Cherub wachen mup — — wo blüht der Baum? wo wachet der Cherub? wachet er noch? Schlange endlich: wo spricht die Schlange? wo spricht sie, wie hier, als in der Fabel? wo kann sie wie hier gestraft werden, als in der Fabel ? Sprachen die Thiere einst? gieng sie einst nicht auf dem Bauch? Und wenn sie nicht also gieng, wars gerechte Strafe, die ein unschuldiges Thier über eine Handlung litte, die in dem ihm gegebenen Na- *) Die Sagen der Morgenlander haben Wcisheits- brunnen, Weisheilsbaume. Josephuö sagt: dieser Baum habe gegeben, und ihre romanhafte Weisheit, die sie auch dem Salomo geben, geht noch immer auf diesen Blick in die Natur, Verständnis! der Vögel und Lhicr» sprachen u. s. Den Stein der Weisen nennen sie Kymia: sie suchen ihn aber in der lebenden Natur. d e s M e n s c h en g c s e h l e c h t s. 85 turcharaktcr der Arglist lag? Und doch ists offenbar nichts als Schlange, die hier spricht und leibet. Schlangenlist, Schlangcnleben, Schlangengift, Schlangenschicksal, das listigste und unglücklichste der Thicre des Feldes- Als Fabel nähme Alles andern Schwung. Du kann die Schlange so handeln*), so gestraft weiden, cs ist Anschauung, Lehre, Gerechtigkeit der Fabel. Da locke der versagte Baum der Weisheit und rausche Fluch: da blühe der Baum der Unsterblichkeit und werde mit Zauberstammcn umgeben. Wunderbar! anziehend! das ist Morgenlands Fabel. Horcht den Zauberton! leset die unschuldige Kinder - und Gartenerzahlung. Wie vertraut Schlange und Weib sprechen! beredt, reizend, zum Sehen, zum Gelüsten, zur Lhat! zur Unthat, auf *) „Es ist eine durch das ganze Land herrschende „Meinung, daß alle Krankheiten daher kommen, „weit man die Jenoune beleidigt Hab. Dies sind „eine Art Wesen, die sie zwischen Enget und „Teufel setzen. Man glaubt, sie besuchten die „Schatten und Quellen, nehmen den Körper ei- „ner Schlange. Kröte, oder eines andern klci- „nen Lhierchens an u. f." Shaw's Reisen S. 212. 21Z. Siche überhaupt bei Herbelot die romantischen Artikel: Perl, Div, Gens, Badiad al Gin u. f. Unsere Feen sind alle daher und sind dazu eine Art Dryaden, auf Baume gezaubert u. dgl. 86 Aelteste Urkunde der ein so liebes väterliches Gebot stand. Kaum ist der Apfel gepflückt, genossen, wie fallt alles dahin vor ihnen! Hinweg das Kleid der Unschuld: Scham und Furcht und Reue jagen sie hinters Gebüsche : sie flechten sich K'Kd.r. Abend kommt l der Vater kommt und lustwandelt im Garten. „Ihr wandeltet sonst mit im lispelnden Abendwin- „dc: Kinder, wo scyd ihr?" Da kommt eine zitternde Stimme durchs Gebüsch hervor: da vcrräth sich das schuldige Paar, will sich entschuldigen, und klagt sich an, fällt tiefer. Der linde Vater ist unwissend, höret, fragt aus; beim lezten, auf dem die Schuld blieb, fängt die Strafe an: erhobt sich plötzlich wie ein Donner und donnert fort, und hallet endlich in dem „Erde, zu Erde!" sanft nieder. Wo ist die Schlange? sie ist ver- schlicyen, sie kriecht furchtsam in welcher Enge und frißt ihren Lohn der Verführung, Staub. Arme, nackte Menschen, mit euren Hüllen von Feigenblättern, ihr stehet da und zittert; der Vater erbarmt sich euer und kleidet euch selbst. Er entfernt euch von einer zweiten Gefahr und Thorheit; das Paradies aber, die Geburtsstatte eurer Liebe, die Wohnung eurer jungen Glückseligkeit und Unschuld , müßt ihr verlassen: da flammet der Cherub !-Fraget die Kinder: Kinder sind die ge- bornen Hörer und Richter der Fabel, ob einfältiger , wahrer, schrecklicher, rührender Kindesungehorsam gestraft werden konnte? 4 - * * Also zum Sinne, zum lehrreichen Sinne der Fabel. Was ist er anders, als gestrafter Ungc- des Menschengeschlechts. 87 Hörsum der Kinder, schreckliche Folgen der falschen Weisheit, Ursprung der Nebel des Menschengeschlechts in der anschaulichsten lautersten Quelle? Sie löset Knoten der Ameifel über unsere Bestimmung auf, an denen die Weisen aller Zeiten rissen, pflückten, und sie nur immer fester zusammen- zogcn. — Nur alles steht auch hier im Orient. Der Mensch, der Gott der Schöpfung, und vor allen Thieren, wie wird ihm sein Leben zur Mühe! Ihnen zollet die willige Erde: Vogel und Lilie leben als ächte freie Kinder der Natur; der Mensch ihr geborner Knecht und Ungerathner. In Schweiß und Kummer, mit Eisen und Pflugschaar zerreißt er die Eingeweide seiner harten Mutter und sie giebt ihm Dorn und Disteln zur Speise. Der Mensch, ein Herr der Thiere, und das Thierrcich wie gegen ihn verschworen. Da schleicht, wenn er im Sonnenbrände den Acker bauet, und sein Vrod ißt und Dorn und Disteln mähet, da schleicht eine Schlange zu seinen Fersen, der er ja nichts gethan hat — — Morgenland ist voll giftiger Thiere, und im Herzen des MorgenländerS lebt noch Eden. Die Erdscholle, das nackte Feld voll Schweiß und Arbeit, der sklavische Ackerbau ist ihm noch Summe des größcsten Fluchs: zum freien, frohen, ruhigen, in lebender Natur webenden Gottesbilde ist er geboren — Das Weib, die Krone der Schöpfung, die weiche Morgenländerin, eine Blume in Eden entsprossen ; sie blühet in Eden nicht mehr! Die cin- gcschlossene Bewohnerin der Hütte, eine Mutter voll Schmerzen und eine Haussklavin voll Müh' und Arbeit! so tief, zumal im Orient so tief unter dem Manne, seinem Willen unterworfen, als ob nur durch ihn Ein Genuß der Schöpfung ihr wäre — Jeder kennet im Orient das Loos der Weiber, zumal wenn Armuth und -Bedürfniß die Hütte drücken — Das Weib, die Mutter der Menschen — und ihre Frucht, das erste Geschenk Gottes, der lebendige Zweck ihres Daseyns, — als obs Sünde, Fluch, gestörte Nacurordnung wäre, wird mit Weh und Tod geboren. Und doch ist das Gesetz da, Lust und der Wille des Mannes erneuen die Plage: nur durch Fluch scheinet sie Mutter zu werden, wie der Mann durch Fluch ihr Herr und Ernährer- Endlich beide, wenn sie sich nun müde ge- quälet, gesorgt, geschafft, gewaltet, ihr Haus ge- lbauct haben: siche, so müssen sie fort, und gehen unter die Erde. Müssen Alles verlassen Einem andern, der nichts erworben und für nichts danket. Vo8 uorr voUis. Der Mensch vom Weibe geboren lebt kurze Zeit Voll Unruh Immer im Streit auf Erden: Taglöhners seine Tage. Was hat er von Allem unter der Sonne, Als all sein Lebtag Schmerzen und Grämen und Leib, Daß auch zu Nacht sein Herz nichr ruht, Und läßt es alles, was er verwaltet, Dem Undankbaren, der sein nicht gedenkt! — des Menschengeschlechts. 89 Was soll ich ausführen, was die Klagweiber und Klagwciscn dcs menschlichen Geschlechts übergenug ausgeführet: und ja jedes leidende Herz, jeder erdrückte strebende Geist — fühler. Sein Nichts, Zwecklosen Kampf, gährende und zerfallende Erde, ziehende und zersprengende Wasserblase, Schatten im Wirbel — und sind nicht mehr! — Waren wir ursprünglich also und dazu geschaffen ? War Eden, das in unscrm Herzen liegt und unser Wunsch in jeder seligen und sehnenden Stunde theilweise stehet, nie ganz und wirklich? Water deines Lieblings, gabs Eden nie? Aller Stoff dazu um und in uns; und cs gabs nie? — Oder thatcn sie, was wir alle thun, verscherzten ihre Glückseligkeit? — Verscherzt und wodurch, duldender Vater? Deine Kinder Verbrecher, so große Verbrecher — Und sehet hier, (ein Weiser unserer Zeit redet) welche Probe von Weisheit! Der Menschheit Uebel woher entstehn sie als vom Baum der Erkenntnis?*) Durch falsche Weisheit und Verfemung unseres Geschlechts, durch Anstreben böser Scheingü- tcr und Wanken von seiner Stelle, durch Ueber- fpannung und schlüpfrigen Vorwitz. Dadurch siel Adam und sein Geschlecht ward unglückselig: da- *) Es ist bekannt, daß noch Griechen und Römer die scientia Koni et Mali überhaupt für pruäentia nehmen. Im Koran geht dieser Begriff durchhin. M« 9» Aeltestc Urkunde durch fallen wir alle und Haufen das Unheil der Welt. Daß der Mensch seinem treusten Gefühle nicht treu blieb, daß er sich aus den Schranken seiner einfachen Bedürfnisse, Seligkeiten und Pflichten hinauswarf, ins unermeßliche Land des Wahns, der Phantasie und Begierd.n: Ikarus und Jxion, Prometheus und Sisyphus und all' ihr menschliche Danaiden, dadurch habt ihr euch Holle bereitet! Jene Fähigkeiten, Kräfte und Arten des Genusses an sich so schön, so glänzend in der Ferne; die Früchte lachen, süß und begehrlich, sie verheißen dir neuen Genuß, Wei'ßheit und Göttcrgleichc; zum Unglück aber bist du Mensch, die Göttcrhöhe ist dir nicht bestimmt, du schnappst nach Aethcr und verlierst, oder vielmehr du findest den harten Boden deiner Muttererde erstickt und zerschlagen, Zeit genug wieder. Falsche, fremde Begierden, ihr Auswüchse unsers Herzens, die ihr's seines Safts beraubt, daß cs in sich selbst erkranket! In wilder Verwirrung streben sie da nun alle Kräfte, hundert Hungerschlangen, wenn Eine wüthend kitzelt '' und frißt: tausend offene breite Jammerpforten in dem unermeßlichen Labyrinthe, und kleiner, enger Pfad der Menschcnglückseligkeit, wo bist du? Um- hergelrieben und abgcmattet, müd' und lechzend suchen wir dich so lang' und wo bist du? Das ists nun, was alle Weise rufen: Natur ist gut, nur der Mensch böse! Oder wenn sie noch weiser seyn wollen: Auch der Mensch ist gut, wenn er Mensch bleibt. Aber er bleibt nicht Mensch. Trotzig und verzagt ist seine Losung: zum Himmel oder zur Hölle! und er verbindet beides, wie Berg des Menschengeschlechts. 91 und Thal. Lüsterner Vorwitz und reuiger Nach« witz: Nachhänglichkeit falscher Begierden, Tausche- rci durch ihren vorübergehenden Schein; und da« durch Schwache, Lüge, Grausamkeit, Unterdrückung, unnatürliche Verfeinung, Ueppigkeit, Tod und Elend. Hats in unfern Zeiten jemand schärfer, als der große Menschenkenner und Welkwcise, Z. Z. Rousseau gepredigt? und siehe! cs ist der Baum der Weisheit in dieser Kindeserzählung. Hört die Schlange, sehet das Weib „ja sollte? „nein, nicht des Todes sterben; ihr werdet wie „Götter scyn, erkennen, wissen, sehen — was nicht „sehen? Das Weib sah, lüstete, aß, sie aßen; „und sahn sich — nackt, unglücklich, elend." Der Baum ist Sinnbild des größesten Geheimnisses, was nur unsere Zeit und der Philosoph fand, und — die Kindheit des Menschengeschlechts in einer Kindesfabel wußte. Sie sahn sich nackt *) — Eine neue feinere Empfindung entwickelte sich wirklich; allerdings hat das Menschengeschlecht mit seinem Anstreben nach Erkenntniß gewonnen, aber gewonnen was cs nicht brauchte, was cs nur zum ritzenden Stachel neuen Elends übeckam. Ihr Aufklärer, ihr Verfeiner der Menschheit; allerdings habt ihr aufgeklärt und verfemet , aber daß wir — uns nackt finden. Wir lüsten, haben mehrere Mangel, feinere Begierden, nie »sättigte Wünsche, dürsten nach Wollust und *) Nuäu- ist in allen Sprachen so viel als xauxer, rniser, eZenur. Aeltcskc Urkunde 92 Feigenblättern *): das rauschende Lüftchen weht uns Todtenblässe, Schrecken und Krankbeit zu: der kleinste Blick um uns zündet — Aufklärer und Werfeiner des Menschengeschlechts, das habt ihr ge- lhan. Das Weib, du Schlange, betrogst mich, und wir aßen. — Verloren nun die innere Glückseligkeit, Mäßigkeit, Genügsamkeit, Unschuld. Von innen Scham und Neue, von außen Furcht und Schwachheit: inwendig der Wurm, von außen Feigenblätter und rauschende Schrecken. Sic fliehn der Allgegcnwart, sie läugnen dem, der Alles sichet: Ein Erkenntniß des Guten und Bosen hatte sie in tausend Unwissenheiten , Thorheiten, Sinnlosigkeit und Verwirrung gestürzet. Aufklärer, Verseilter deS Menschengeschlechts, das habt ihr gcthan; euer ist Fluch und Strafe! Alle Uebel, die hier erzählt werden und die als Strafen die Menschheit drücken; wovon sind sie die Folgen im Bande der Natur? Vom Baume der Weisheit. Schmerz und Krankheit, Ungleichheit der Menschen und Sklaverei, unendliche Last, Mühe und Arbeit, der frühere Tod endlich — als Naturfrüchte sprossen sie auf diesem Baume. Was hat dem Weibe den Namen Männin entnommen, und sie zum schwachen Gefäß, zur Staude, die ihre Früchte nicht zu tragen, zu gc- tLiEm «>^k? sagt Theokrit, AristephaneS o, 71 «!«»-«, Loulu-r oxlrulatlo die Lateiner. des Menschengeschlechts. 9.? den, zu nähren vermag, verfemt und verdorret, als Erkenntnis des Guten und Bösen, Zärtelei, Ueppigkcit, Wollust? Wo noch Par.adies ist, Unschuld und Einfalt wohnen, ferne vom Baum der göttergleichen Erkenntnis, da blüht Gesundheit in Weib und Kindern, im Weinstock und seinen Trauben. Arbeit und Noch stärkt den Leib und unterdrückt Begierden: der Mutter wird die Geburt leicht, und dem Weibe das Joch des Mannes und der Kinder: sie sind dem Fluch ferne. — Aber dort um den Baum der Lüsternheit und Feinheit sehet jene Schaar schmachtender Kranken. Das Weib will und kann nicht empfangen, noch gebährcn: gebiert in Schmerzen ungesunde Frucht, die saftlos von ihrer Brust fallt, wie Sodoms Acpfel vom dürren Stamme. Die Herrschaft des Mannes wird ihr Joch, Weib zu feyn Schande. Müs- siggang, Schwäche, Eigenwille, Spiunenfraß, unnatürliche, unersättcte Begierde — dies cs czui xlnit arix Damms , die schöne süße Weiblichkeit, singen ja alle Romanhelden, Ritter und Weiber- dichter. Aus Fluch und Unflath ist ihr Paradies gebaut, und je schwächer, üppiger die schöne Natur ist, desto mehr schmeichelt sie sich in dem Paradiese —> Müh' und Kummer des männlichen Lebens — weß Früchte seyd ihr? Vergebliche Wünsche, fehlgeschlagene Hoffnung, ermattende Geschäfte, Schweiß vor der Stirn, Gram im Herzen, ein ewiger Taumel und Roßgang unnützer, oft lasterhafter, und immer fressender, abzehrcndcr Sorgen — so verduftet das Tröpflein Menschcngeistcs, Erde zu Er- 94 Ae lte ste Urkunde de! — Paradies, wer hat dich geraubt? Wer gab uns den Acker, wo wir Kummer säen und Fluch erndten? Wahn und Phantasie! das liebe Mein und Dein! Neid, Kargheit, Geldsucht, Ehre. Sie trieb uns aufs Feld, zog Furchen auf unsere Stirn, wie wir sie auf den Acker ziehen, zerriß und verwüstete unser Herz, wie wir die Erde zerreißen , und dort und hier wachsen Dorn und Disteln. Auf unser Brod traust Schweiß, und von unserm Ernstgesicht wird Weib und Kind erschreckt, die Hütte düster, Flur und Paradies verwüstet. Der Baum der Weisheit, Sorge und Verfemung duftete um sich, nahm dem Himmel seinen Thau und der Erde ihre Fette, er hat die Luft verpestet, die wir alle hauchen, den Schlamm, auf dem wie jezt alle kriechen, erndten Dornen und säen Disteln auch auf den Acker des Bruders, wenn er schlaft. Der frühere Tod endlich — Das machet dein Zorn, daß wir so vergehen, Dein Grimm, daß wir so plötzlich dahin müssen. Denn unsere Missethat rufest du vor dich, Unerkannte Sünden treten Kläger vor dir auf, Darum schwinden unsere Lage dahin. Unser Leben fleucht, wie ein Geschwätz Ahgeschnitten; und wir sind dahin. Verblühte Knospen des Menschengeschlechts, ihr verführten jungen ewigsterbenden Greise, die ihr kaum Olhem holet und Leben geschmeckt habt, zeuget, weinet, klaget. des Menschengeschlechts. g5 Welche Wohlthat, daß da der Vater uns Elenden Unsterblichkeit untersagte! Verlängerte Unruh, ewige Schmerzen, endloses Daseyn ohne Ende, ohne Absicht: Verdruß, Gram, Ekel, Abscheu, ewige Verzweiflung, und auch diese Verzweiflung ohne Absicht, ein stumpfer Dolch, der sticht und nicht endet. — Kein Mensch, glaub' ich, hat die Hölle dieser Unglücklichen, ewig veralteter und strebender Tithone, gräßlicher geschildert, als ein Unglücklicher, der selbst zu viel vom Baum der Er- kenntniß gekostet- *) Sein Schaudergemahlde lehrt die Trostworte fühlen: „auf daß er nicht ausstrecke „seine Hand und esse vom Baum des Lebens und „ewig lebe." So lohnst du, verbotene Weisheit! Und siehe da Kleider! die Hülle der Ueppig- keit, Lüsternheit, Schwache und falschen Zier. Die Unschuld, die von keiner Sünde weiß, selige Unwissenheit, du darfst keiner Hüllen und Schminke: die Nacktheit dein Kleid, die Einfalt deine Sicherheit und Schöne. Treuloser Gefangener, dem Gitter vorgelegt werden müssen; arme Tugend, die Kleider schützen! Sie decken, damit sie wecken; der Statthalter ist da, weil der Herr weg ist. Ihr kennet jenen Griechen, der die Köpfe der Hyder nicht anders wegzubrennen wußte, als daß er die Gitter und Schwingen der Verführung wegriß und Nacktheit nackt zu zeigen wagte. Es gelang ihm halb, und jenen Naturkindern, die ihr Wilde nennet, gelang es noch mehr. Je weniger sie sich *) Swift in Gullivers Reisen. 96 Aelteste Urkunde schämen; desto minder sie sich schämen dürfen, kennen Pracht, Stolz , Ucppigkeit, Buhlerei, Neid, Betrug, Verschwendung, Verführung, alle die Heere Sylphen und Sylphiden, Gnomen und Dämonen nicht, die in euren Kleidern nisten. Baum der unächten, falschen Weisheit, Feinigkeit und Lanacnweile, du hast dies Hcuchel- und Lumpenstudium der Kleider erfunden! Sie sollten den Flüchtling ersetzen, der dahin war. Wie treflich also ist in dieser Geschichte, Scham, falsche Scham, daß man einander sich selbst verhüllet, Mittelpunkt und Ende; erste Probe der falschen Entwickelung unachter Empsindun» gen und trauriger Ausgang. Nackt sahen sie sich: vom Guten war nichts überblieben, als Scham, und der Ersatz des Mangels gieng auf Heuchelei aus und leere Verhüllung. Siehe Adam ist worden als unser Einer! und steht ins Thierfell gekleidet. Hüllen und Heuchelei! daß wir nichts sind und alles scheinen. Wir decken Schwächen mit Glanz, Mängel der Natur mit Kunst und Goldzier. Und welch em Ding eö war, das uns dahin brachte? die zweizüngige Schlange voll List und. Bosheit. Sehet wie sie da sich auf den Baum schlang, lüstete, züngelte, schwätzte: wie sie Wort und Sinn verrückte, uns im Nichts Alles, im Apfel die Gottheit zeigte; vorgieng, liebäugelte, uns betrog. Da kriecht er nun, unser Verführer, auf seinen Bauch geworfen, frißt Staub statt Göt- des Menschengeschlechts, 97 Götterfrüchte. Der glänzende Herold neuer Seligkeiten ist ein Wurm unter unserm Fuße, der krummen Schlcmgenweg dahin zischet und unserer Ferse ncichschleicht. Scharf ist sein Zahn, Gift unter seiner Zunge: hüte dich! zertritt ihm den Kopf — Edler Mensch, erhabener Jüngling, dem Thie- re bist du gefolgt! Verflucht das Scheusal, das dir früh in den Weg kam, dir Unschuld und Paradies nahm und dich verführte. Ec führte dich zum Baum der Erkcnntniß, ein Höllenwurm stach deine Rose. Und wie leicht giengs zu! Sobald das Geschwätz , das Vernünfteln angieng: der erste Schritt ins Land der falschen Begierde führt' in endloses Labyrinth ein. Wort auf Wort, Frage auf Frage, Zweifel auf Lüge, Laugnung auf Zweifel! das Auge glitt, der Fuß wankte, Fall war unendlich und sonder Rückkehr. So immer im Reich des Wahns und der falschen Begierde. Und alles wie leicht erzählt, so einfältig und natürlich. Eine Muccergcschichke vom Baum und unter Bäumen. Lauter Gegenstände der Kinder, die lockende Frucht, der versagte Apfel, die gefährliche Verführerin, Schlange, der kommende, lustwandelnde, fragende, strafende Vater. Und Alles zugleich so wunderbar, schauerlich, groß; Paradies, Abend, Gebüsch, der Vaterfluch, die verscherzten Bäume, der wachende Cherub. Und Alles erinnert daran: Vaterernst und Mutterelend, Feld und ^ Hütte, Kleider und Brod. Es ist der ganze Kreis Heeders Werke z. Rel. u. Lbevl. Vl . G Z8 Aelteste Urkunde des Menschengeschlechts. der menschlichen Sorgen und Mühseligkeit, d. i. der Seligkeit, die aus Mühe entspringet und sich in Ruhe endet. Welche Philosophie und Moral, welche Theodicee und Kindesfabel enthielt mehr?*) Die Fabelweisheit ist bekanntermaßen die erste und vielleicht einzige in der Welt; dies wäre also die erste und gewiß weiseste, tiefste Fabel- II. Ist diese Geschichte nur Fabel? Hakt' einer der feinen und Hellen Geister unseres Jahrhunderts, deren olympischer Siegeskran; es ist, die Offenbarung Gottes zur Philosophie ihres gesunden Verstandes, zum Schweißtuch ihres duftenden Leichnams zu crniedern, halt' ihrer Einer (denn sie wissen nicht, was sie aus dem Stück, als Allegorie oder Geschichte machen sollen?)*) solch' eine, vielleicht nur viertheil-wahrscheinliche Erklärung, die wenigstens mit sich zusammenhien- gc, erfunden, und in ihrem langkriechenden Schlan- *) Sie geben daher — Wunder und Zeichen! — beides frei, und schwingen sich nach Belieben von Einem aufs Anders. G 2 roo Aelteste Urkunde genstyl und Blindschlcichenbercdsamkeit, dahingezer- ret: welch ein Jubel! welch Frcudengeschrei! „Freilich! so etwas! — Anders auch nichts, oder „lauterer Unsinn, sür den wirs denn auch so ziemlich in unserm Herzen hielten. Nun doch wieder „eine leidliche Erklärung eines vernünftigen Stücks „der Bibel. Welch ein Verdienst hat der Verfas- „ser nicht um den schlichten gesunden Mcnschenvcr- ,,stand, der ja zuerst aus der Bibel — und in die ,,Bibel gebildet werden muß, und denn auch beian „um die Offenbarung. Nun darf sich doch kein „vernünftiger, menschcnliebcnder d. i. menschcnge- „fälliger Theolog des verzweifelten kindischen Stücks „schämen — laßt sich doch retten und manches Erbauliche darüber predigen. Freilich nur für den „einfältigen Haufen, der noch an den alten Hüllen kauet: unsere neuere große Weisen sind schon „weit tiefer in die menschliche Natur gekommen, „wissen also so klarer und bündiger — der kindi- „sche Orient war indeß einmal nicht weiter, liebte „solche weit hergeholte Bilder und dunkle Einkleidung, wo wirs weit vernehmlicher" — In so schlaftrunkenen Ton streicheln sic sich einander zu Tode. Welches von ihren weltgepriesenen, un- gründlichen, schalen, flachen, einseitigen, kurzsichtigen Hirngespinsten über Gott und Mensch, Christus und Belial, Sakrament und Gnade, die sie sokratische Entwickelungen und Vernunfterklärungen nennen, könnte nicht besser dargestellt werden, wenn zum Spott Jemand ihrem Baal einmal baß dienen wollte, als die Baalsdiener ihm dienen können und mögen. Und doch sage ich: daß das Stück als Allego- des Menschengeschlechts. roe rie, e.lS Fabel, nichts sei), dasi die gegebene Erklärung die flachste, einseitigste sei), die je von einem Stück gegeben worden. Was laßt sich nicht allegorisiren? was laßt sich nicht fabeln, wenn man im Drange der Noch, im Mangel des Sinnes ist, und nur einige Lieb- lingsgrillcn zu Gebot hat? Aus solcher kläglichen Armuth und noch kläglicherm Ueberflussc wird, wie jener Wechselbalg der unächten Liebe, so die schönste Vernunfterklärung unseres Jahrhunderts geboren, in der sodann jeder sympathetische Lecr- kopf nichts als seine besten Licblingsmeinungcn wieder findet. So herzt jeder Affe sein Fleisch und Blut, und jeder Thor sieht keinen als sich im Spiegel. Was laßt sich nicht allegorisiren? was laßt sich nicht fabeln? Da will ich euch Augenblicks aus eben diesem Stück eine der schönsten, sinnreichsten und herrlichsten Hypothesen eures Jahrhunderts beweisen, nämlich „wie der Mensch voraus und ursprünglich auf „Vieren gegangen, und wie er am Baum der „Erkenntnis aufrecht gehen gelernt, sammt al- „lem, was daraus erfolgt ist," sehr tragi-komisch zu lesen. Episode. Unter den Thiercn des Feldes ward der Mensch erschaffen und gieng also einst, wie unsere Zcrglie- 10Z Aelteste Urkunde derer zeigen und unsere Philosophen wünschen, auf Vieren. Thier mit Thieren lebt er, sprach mit ihnen, verstand sie, hatte mit ihnen Nahrung und Wohnung unter den Bäumen. Das war der erste gemeinschaftliche Segen Gottes, er war glücklich, das war das Paradies. Leset, ob in Moses sich nicht Alles füge? Zum Unglück aber war er (fragt unsere Weisen!) das perfektibelste unter den Thieren: in ihm schliefen Fähigkeiten, Kräfte, Vollkommenheiten, die er aufwecken konnte, und so ward er Herr aller Welt: das war (verzeihe mir, heiliger Moses, daß ich deine Worte zu Lästerungen entweihen muß!) Bild Gottes im Menschen: denn die Morgenlander drücken sich sehr hyperbolisch aus. Er durfte sie aber nicht aufweckcn, seine Gottesfähigkeiten, so blieb er im Paradiese glücklich, das ist, ein Thier unter Bäumen und Thieren. Der erste Zufall (denn Alles in der Welt hängt vom Zufall ab,) der diese Schlummernde aufweckte, perfcktionirte ihn, d. i. machte das Thier zum Menschen. Und der Zufall (fragt eure Weisen!) konnte kein anderer seyn, als daß der Vierfüßige aufrecht gehen lernte. Von dieser kleinen und großen Veränderung (Philosoph und Zergliederer ist einstimmig) hiengen alle künftigen Veränderungen ab. Aber wie kam er zu diesem Heldcnschritte? dem merkwürdigsten, seit die Erde in der Luft schwebet. Wie Alles Große (fragt eure Weisen !) aus Nichts, durch einen Einfall, durch ein Spiel des Menschengeschlechts. ioZ wird: so auch diese Königsrevolution. Er kletterte auf Bäume, sich einen Apfel zu holen, und so lernte er (seht Affen und Bären) Perpendikular- stellung. Sein Stiefbruder, der Affe, blieb auf halbem Wege; er aber, durch Zufall, oder weil er einen kleinen Grad ^Perfektibilitat d. i. Goktes- bild mehr hatte: lrieb's weiter und zum Unglück so weit, daß er das glückliche Gehn auf Vieren verlernte. Sogleich wandelte sich Alles. Sein Körper voraus auf Vieren hatte weit gleichmäßiger geruhet, sein Herz freier geschlagen, die Frucht des Mutterleibes in einer wecken Welt voll Safte und Zugänge geschwebct: de blühte Paradies und Gesundheit. Nun schlug >as Herz enger: der Körper ruht auf wenigen Zoten und ruhet nie aus: die Frucht ist gedrückt und gedränget: alle Verstopfungen, Krankheit, üble Folgen vor, in, nach der Geburt, im ganzen ledigen Lebenslauf des Menschen rühren daher. Das war der Mutterfluch beim Aufrechtgehen am Baunu — Moscati*) hat Alles bewiesen. Der Mann entgieng chen so wenig. Hypochondrie und Herzbeklemmurg, feigerer, träger Much, nach Moses Ausdruck, Kummer und Sorge waren sein Theil. Und beiden rach einem ungesunden Leben ein früherer Tod, d, der Mensch endlich *) S. seine herrliche Rede vo» Unterschiede der Menschen und Lhiere. ioch Ael teste Urkunde wiederum seinen Brüdern gleich wird. Moscati hats bewiesen, Gegen cille diese Ucbel kein Ersatz? nein, aber eine kleine Erstattung, Vernunft. Das Haupt des Menschen ward höher und seine Sinne nicht scbärfcr, geycntheils viel schwacher, aber feiner. Der Mensch bekam höhern Umschauungskreis, die Triebe wurden kühl , mithin in Mitte und Leere dieser mangelnden Triebe erzeugte sich das zweideutige Irrlicht, Besinnung, das kein Thier noth hat, das seinem Besitzer mehr Jrrthum und Plage, als Besitz und Glückseligkeit schaffet. Siehe da den Baum der Erkenntniß, an dem der Mensch aufrecht ward, in schöner Einkleidung. Nun war er göttergleich, sah, was er sonst nicht gesehn hatte, konnte sich sogar moralische Urterschiede des Guten und Bösen (das feinste Dichungsspicl!) denken. Konnte der höhere, instinkUcwe, hirnschwache Beschauungskreis , der ihm wa.d, schöner beschrieben werden, als durch das „wie Gott seyn !" durch die neueröffneten Augen, durch den Roman, daß es Gutes und Böses gebe! Das aufrechte Thier bekam die Hand frei, fein und lenksam, d. i. es bekam Verstand. Der große Helvetius hat b,wiesen,*) daß nur in den *) Oe l'osprit V. 1 6. 2 . z. Und auf die herrliche Bemerkung ist auch das ganze Buch äs I'bornins on äs ses Insults irirsllcsruelles gebauet: das stgeisterre System der Menschenliebe, Toleranz Jrreligion und abstraktionslosen FingerweislM des Menschengeschlechts. r»5 Fingern der Verstand wohne — und wie herrlich wirds ausgcdrückt: „sic nahm und aß! Sie flochten sich Schürze" — siehe da die ersten Versuche des bildenden Verstandes der Hände, und das Weib kam früher, denn ihre Glieder sind zarter. Das aufrechte Thier sähe sich nackt: denn geschweige dessen, daß der Viergang sie, wie die Thiermenschen zeigen, größtentheils behaart hätte, so standen sie nun aufrecht und sahen das — weß- wcgen sic Kleider brauchten. Der vorige Gang hatte solche nicht nöktzig. Das Haupt sank zur Erde: das Verborgene war verborgen, und nur (wie's billig ist) der nackte Spiegel sah empor. Nur der aufrechte Gang schuf dem Menschen Moden und Kleider und Lüste. Das Thier hat seine Zeit, und nur das entnervte, an Instinkt und Hirn geschwächte Thier, der Mensch, bekam mit dem umschweifenden Jrrlichtlcin seiner Vernunft auch ausschweifende Triebe. Je minder er vermochte, desto mehr begehrte er — und so (heiliger Schriftsteller, verzeihe abermals die Entweihung, die ja auch unsere neuesten Morgenländer billigen,) so mußte das Weib dem Willen des Mannes gehorchen, sich anderer (wir sehn, aus welchem schwachen Grunde?) enthalten, und er ward ihr Herr — aus Schwäche. Trefliche Einkleidung. Es fehlt nichts, als daß wir noch unfern Lehr-, Geh - und Tanzmcister kennen lernten, dem wir dies ganze Weltall entwickelter Götterkräfte und höllischer Plagen, von denen die Wei- Aelteste Urkunde 106 sen noch bis jezt streiten, ob sie im Gleichgewicht stehen? oder welches Unkraut das andere überwinde ? *) — dem wir dies alles zu danken haben. Wars Bar oder Affe, der uns den Baum der Weisheit aufrecht führte? Jener hat selbst noch nicht viel gelernt, und dieser, unser Halbbruder, ohne Zweifel erst von uns gelernt: also keiner von beide», cs war — die Schlange, die leichteste Klimmcrinn baumauf. Sie nascht Obst: sie steht aufrecht, und spielt mit dem Kopfe: sie glanzt, sie züngelt. Welch lockendes Bild des Weiberputzes, wenn sie's bis zum Emporstehen brachte! Auch ist die Schlange wie gelenk, wie klug, wie munter —> Vortrefflich drückt das der Text aus: sic war klug (nackt, gefällig, schmeichelnd) über alle Thierc des Felbels: sie sprach mit dem Weibe, zierte sich, gaukelte, liebäugelte ihr die Frucht zu, ward erstes Urbild des Weibes vorm Nachtisch und der verbotenen Frucht. Darum auch der Richter nachher die Schlange gerad' also verfluchet. Sie muß kriechen , auf dem Bauch gehen, Staub und nicht Früchte naschen, den Fersen nachschleichen und ewige Feindin des Weibes werden; lauter Anspielungen auf die große Veränderung, die sie veranlasset: denn sonst warum müßte ein solcher .Fluch folgen? Gott selbst sagt nachher: „Siche Adam ist worden als unser „Einer!" Er geht, wie die Götter, aufrecht ein- *) S. Itobinet lle lg iistneo! lVIsupertuis Systeme cke la leerste etc. des Menschengeschlechts. in? her, (welches im Morgenlande fast Eins war) und damit er nicht auch seine Hand aussirecke, in der ihm jezv Verstand wohnet, und uns auch die Unsterblichkeit wcghasche, wie er uns Gestalt und Weisheit weggenommen hat: siehe, so entließ ihn Gott dem Paradiese, seinem glücklichen Thiergarten, und nun sieng sich leider! unser gesellschaftliches, gesittetes, vernünftiges Acker - und Hausleben an. Alles von: Baum der Weisheit und der aufrechten Göttergestalt unseres Körpers. Eingeweihetcr in die Geheimnisse der Weisheit unseres Jahrhunderts, du Schüler Rousseau's, Moscati, Nobinets, Helvetius, Diderots und aller großen Lichter, lies nun die Fabel Moses und du wirst entzückt seyn. Welche Einkleidung, Feinheit, Fortlcitung, Entwickelung, treffender Zusammenhang bis zum kleinsten Zuge. Ich sage nicht: „verzeih, Leser!" denn du liesest ja solch Zeug in zehn Büchern mit Unlust oder mit Freude; und Gift kann nur durch Gift, ein Nichts durch Gegennichts geheilt werden. Zehn Auslegungen unseres Capites und hundert weltgepriesene Vernunfterklarungen beider Bücher Gottes, der Natur und Offenbarung, hangen kein Haar fester am gesunden Verstände des Urhebers beider. So schändlich und verächtlich dir diese Hypothese scheint, so ist sie im Grunde mit jener und den neuesten Theorien übers Menschengeschlecht nur Eins. Ucberall hängt Alles so vom Zufall und Acltcstc Urkunde io3 vom Unding und von Geschwätz des Nichtseyns und Werdens, der Perfektibilität und Perfcktisika- tion, der selbstgewachsenen Unschuld und selbstgemachten Ucberspcmnung — lauter Scheinworten! — ab, wie hier. Erde ruht auf der Schildkröte; aber worauf nun die Schildkröte? Da ist die Zndianerphiloso- phie zu Ende. Das Uebel des Menschengeschlechts rühre von Ucberspannung her; aber woher nun die Uebecspannunq? Born allegorischen Weishcitsbau- >ne; aber woher nun dieser? warum stand er da, so reizend? Warum lag die Schcinperfeklibilitat im nächsten Andrange im Menschen? und rings um ihn, wie's kein Thor läugnen kann, Anlagen sic zu wecken? Wo ist die Grenze des Aufhörens? Unwissenheit des Viehes ist keine Menschheit: gök- tergleiche Weisheit freilich auch nicht, aber wo das Zünglein der Waage, die euch das Gleichgewicht zeige? In euch selbst! In selbstgcwachsener, eigenmächtiger Vernunft, Harmonie und Proportion der Seelenkräfte? Habt ihr was unter diesen Wildwörtern, die aus lauter Verhältnissen, Bruch- theilen und Beziehungen entspringen und sich mit jeder Farbe im Pfauengewande andern, habt ihr was gewisses in ihnen? Wo steht der Wcisheits- baum? wann fangt die Schlange an zu schwatzen? und wann muß man aufhoren? — Als Allegorie mags ein Muttermahrchen seyn, das Kinder befriedigt, Kindern Aufschluß von den Uebeln der Welt und den Widersprüchen der Menschcnnatur gewähre; aber nur Kindern. Und so ein Loch bleibt immer im Vernunftgewebe der Abstraktionen und selbstci- ^- 4 ." des Menschengeschlechts. 109 genen Kräfte, wo (ich bekenne meine Schwachheit) man ganze Systeme, Predigten und Lehrbücher liefet und kein Wort, bestimmten Sinnes, verstehet; Alles Name, Abstraktion, Laut, Farbe. Wenn Moses eine Allegorie hier einwebte, war er nicht ein einfältiger und verführender Thor ? Die Schöpfung der Welt, des Paradieses, des Mannes, des Weibes, ist ja doch nicht auch Fabel, sondern einfache, wirklichste Geschichte. Er nennet Namen, Flüsse, Gegend, beschreibt den Lebensund Weisheitsbaum als Naturgewächs, wie Eins, davon Adam aß: redet ja von der Schlange, wie von allen Thieren, die Gott zu Adam führte, und unter denen nichts ihm gleich war. Mitten in dieser Geschichte sind offenbar historische Umstande von Nacktheit und Kleidung, von der Namennennung Eva's und ihrem Wohnen außer dem Paradiese. Einfach läuft die Geschichte fort von der Geburt Kains, dem Brudermorde u. f. , wo fangt nun Allegorie an und wo höret sie auf? wo ist ein Vers, ein Wort, der nicht ins Land Eden, sondern nach Utopien, ins Feenland gehöre?- Unter andern GotlesgabeN Luthers war sein scharfer, gesunder Blick in den rechten Sinn der Bibel und sein Feuerhaß gegen allegorische Tändelei. Wir sind so weit, daß uns nicht nur alles gleichgültig ist, sondern wir auch keinen Sinn für den himmelweiten Unterschied beider Worte Allegorie und That oft mehr haben. Haben doch Thoren gesagt, daß ich die Schöpfungsgeschichte allegorisch erkläre; ich, der Länder und Erden zusammen zu raffen strebest«: darzustellen als That, als Weltgeschichte! Flam- i ic> A e! cesle Urkunde. mender Cherub! einen Funken von deinem Schwer!, ihnen die Auge» zu öffnen oder zu blenden, daß sic bekennen: „um mich ist Dunkel!" — Zur Geschichte ! Wir sind in der frühesten Zeit, im Morgen unseres Geschlechtes: trafen das erste Menschenpaar als Säuglinge der Schöpfung unter der besondersten Obhut des Vaters in einem Paradiese an, wo er für ihre Sicherheit und Nahrung, Pflicht und Uebung, Bildung und Freude gesorgt halte. Alle Bäume erlaubt, nur Einer verboten. Er führte die Thiere zu Adam, daß er sie ncnnete, auf ihre Natur merkte, sich von ihnen zueignete, was er konnte; und siche, da war auch ein Thier, von dem seine Nachahmerin bald nichts Guts lernte — die Schlange war klug*) (verschlagen, listig) *) Es ist vox moäis, gut und böse. Noch ist die Schlange in Orient das Bild der Klugheit, si Loolrart» klieror. S. s8. 2g. und statt aller Math, io, 26. 2 Cor. 11, Z. Auch gehet offenbar die Combination der Gedanken im Weibe von diesem Charakter der Klugheit, als eigen- rhümlich, aus: nehmet ihn hinweg, und sagt, die Schlange heiße nur so, weil sie der Eva einen bösen Streich gespielet, so hängt alles am Winde und die Geschichte wird grundlos. Von der Bestandheit der Charaktere in Lhieren hat Lessing langst philosophisch geredet, s. seine Ab- handl, zur Fabel, des Menschengeschlechts. e i r über alle Feldthiere, zu denen Adam, als Bruder und König, gehörte und von denen er zu lernen hatte.-Ich kann mich nicht Überminden, die Worte schon als böse Eigenschaft zu verstehen: sie schweben noch in der Mitte, die List ward Arglist, aber Eva wußte das noch nicht; ihr war sie nur noch Verschlagenheit, Klugheit: sie nahm die Schlange zur Lehrerin an. Welch ein Aufschluß der ganzen Scene in diesem ersten Wort Moses! Als Thier der Klugheit sah Eva die Schlange, und nun fand sie diese eben auf dem ihr verbotenen Baume. ,, Wie ? das „klügste Thier auf dem Baume? Er seine Speise? „Ha, darauf naschte es seine schlanke Behendigkeit, seine zierliche Klugheit! Der Baum tragt „Götterspeise! Und darum ist er uns auch verboten! Darum heißt er, was ich bisher nicht ver- „stand, Baum der Erkenntniß Gutes und Böses" — Kann was natürlicher seyn? kanns deutlicher und verständlicher gesagt werden? — Aber die Schlange sprach mit dem Weibe, und alle meine vernünftigen Leser wissen, daß Schlangen nicht sprechen — so gemeine Weisheit, daß jezt etwas bcssers zu wissen lohnet. Nicht immer nämlich waren deine Urahnen von so ausgemachter Vernunft, als du bist, Weiser: kein Kind bringt Lasten davon auf die Welt, zu seinem großen Glücke. Wie einzeln der Mensch ist, so war das Geschlecht im Ganzen. Ein Vernunft- und steingrauer Adam aus der Hand des Schöpfers ist kein paßlicher Geschöpf, als ein Greis aus Mut- terlcibe. Alles im Mensche» ist Fähigkeit und noch nichts fertig: eingehülleke Kraft; durch Versuch, Kunst, Uebung, Dringniß zu enthüllen, oder sie stirbt, wie viele Keime sterben. Wer bildete nun die Urpflanzen, in denen Keime fürs ganze Geschlecht lagen? Recht idealisch stehets da: Gott durch die Schöpfung — durch einen Auszug der Schöpfung für die Fähigkeit des Menschen, das Paradies — durch einen Auszug des Thierrcichs in nächster Beziehung auf den Menschen: Gott weckte und leitete den Trieb der Kunst in ihm, daß er sich unter ihnen eine Gattin suchen sollte. Schöne Leitbnhn, ihn vorm Bösen, vorm Niedrigen jeder Thiecart zu bewahren , ihm bei aller Nachahmung, was er für ein edleres, höheres, einziges Geschöpf sep, ins Herz zu weben. Keine Gattin unter den Thieren ward ihm funden; und o, auch keine Verführerin! keine mißbildendc Lehrerin zu einer Kunst, zu einer Speise, die für ihn nicht gehörte! Siehe da, der simple Fortgang der Geschichte, den dir noch täglich Kind, Einsamkeit, Leidenschaft und das Buch der Völker erkläret. Die Welt der Thiere ist noch die Welt für Kinder, sie ahmen nach und sind mit Hund, Hahn und Katze vertrauter als mit dir. Ihr Thiergespiele bequemt sich: er leidet von ihnen, was er von keinem Erwachsenen leidet: sie bilden sich gemeinschaftliches Spiel und Sprache. Ein Kind spricht mit Allem, auch mit dem Spielzeuge, dem Pferde dem Apfel. Es kann nicht anders als in lebendiger Natur heben, des Menschengeschlechts. ri3 bcn, cs ist dazu geboren. Warum sind Fabeln und Feenmahrchen noch die beste Erziehungsschule für Kinder? Wcil Alles darin lebt, spricht, handelt. Das fühlt der Knabe und lebt mit jedem: sein Saft blüht in Allem mit ihm. Seyd einsam, und ihr sprechet mit Allem, oder ihr sprechet gar nicht.*) Der Mensch in der Wüste spricht mit Thier und Baum und Wasser- quelle: der Mensch im Kerker mit der abscheulichen Spinne. Der Mensch muß sprechen und macht sich Gesellschaft. Alle Einsamen sprechen laut, mit sich selbst. Jedes spricht mit seinem Gefährten, der Araber mit seinem Pferde,**) und Bileam mit seinem Esel. Je mehr der Mensch in freier Natur lebt, desto tiefer fühlt er in alles Lebende sich hinein, desto mehr spricht er mit Thieren. Der Wilde belebt Alles, spricht mit Allem, und das ist ihm nicht Schulsigur, sondern Wahrheit. Der Morgenlander liest Gedankenceihen der Thiere und hört sie geistlich den Koran lesen. In Morgenland bestimmt die Religion den Umgang, die Freundlichkeit und die Pflichten zu Thieren als zu Brüdern: *) Lies die Beschreibungen der Wilden, die Geschichte der Gefangenen, Büffon von denen in der Wildniß ausgewachsenen Menschen. Mgcm, Na- turgesch. Th. 6. Martini Ausg. **) S. Arvieux Reisen, LH. 3 . S. 206. u. st Herders Werke z. Rel. «. Theos. VI. H ii4 Aelteste Urkunde sie nehmen von ihnen hier und einst im Paradiese Dank an. Ein Mensch mit noch wenig Abstraktion und Gedankenschnelle har desto mehr sinnliche Aufmerksamkeit und Mitgefübl alles dessen, was lebet. Ein Mensch in Leidenschaft, ein Dichter, ein Verliebter, hört er nicht Wände rufen und Steine schreien, Stimmen ihn locken, Blumen ihn ziehen? ,,es war mir, spricht er, es war mir!" seine Seele ist in Allem, was ihn umgiebt. Ich weiß nicht, wie mir der Apfel kam, ruft das Kind; ich weiß nicht, wie ich dahin flog, ruft der Mensch von Leidenschaft, Lieb' und Ehre. Du Dolch sprichst mir, winkst mir, gehst vor mir, sagt Macbeth. — Das sind kleine Augenblicke, wo das innerste Buch sich aufthut, und so war der ursprünglich lebendige Mensch mit Allem: seine Seele in allem, was ihn umgab, und aus Allem sprach seine Seele wieder. Ein Kind, das Sprache lernt, spricht mit allem, sonst würd's nie Sprache lernen. Das erste Menschenpaar, das Sprache für alle Nachkommen bilden sollte — mit stummer Ungelcnkigkeit und Verschlossenheit konnr's keine bilden. — Doch wozu noch mehr dergleichen? Wer das Alles nicht zusammen ins Paradies und in die zu- bereitenden Worte Moses: „Gott führte die Thiere „zu ihm" und in die erste volle Menschenknospe alles Gefühls hineindenken kann, der spotte immer. Genug die Geschichte ist da ganz und innig aus der Zeit, aus der Welt: nicht kalt und flach,für des Menschengeschlechts. ii5 «ine andere Zeit und ja für unseren tobten Styl voll Namen und Abstraktionen erzählt; sondern dargestellt. Aus Urwelt genommen nd stellet sie dar. Versuchs und kleide die Geschichte voll Einfalt, Thal, Sprache, Leben, in unfern hölzernen Ab- straktionsstyl: mache einen Gedankcndialog daraus, fang' an: die klimmende, naschende Schlange gab Gelegenheit — Elender, was ist Gelegenheit? Erzähle deinem Kinde beides und steh, was es verstand? was es liebte? was es weiß? Die Schlange sprach zum Weibe, und warum zu ihr? Weil sie vorm Baum stand, da jene naschte, und weil diese mit der Schlange nun also sprechen wollte. Aus dem Munde Gottes hatte sie das Verbot nicht selbst gehört, nur vom Manne. Ein so wichtiges Verbot! darüber läßt sich Nachdenken , und, wie die Weiber am liebsten Nachdenken , sprechen. Da eben ist die kluge Nachbarin Schlange: was gilts? so hebt sich das Gespräch an. Es hebt sich, wie jede Convcrsation, an: eine Thatsache wird flüssig gemacht durch ein „Ja „sollte? ist? kanns seyn?" Und es war! es sollte, unvernünftelt und unverschwatzt, bleiben! Die müssige Philosophie ist immer galant. Sie beschwatzet und schwatzet weg. Sie hat sich im Kreise der Aspasien gebildet: die ersten Aspasien sprachen hier. Die Einleitung ins Gespräch war, wie die meisten ihrer Nachfolgerinnen, etwas unbestimmt und zu allgemein, doch schmeichelnd und höflich. H 2 Aelteste Urkunde 116 „Ja sollte Gott gesagt haben — nicht essen von „allen Früchten des Gartens" — arme Beraubte! genau das erste Compliment jedes Verführers. Er nimmt Antheil! mitleidigen, zärtlichen Antheil! beklagt, schmeichelt sich ein, zweifelt — aber noch sehr zurückhaltend, möchte euch so gern helfen. Fliehet, die Schlange zischt. Im Schwindel beginnet Ohnmacht und Menschensünde. Die Gegenstände schwanken: uns ist zu viel untersagt, weil dies Weib, dieser Baum, dies Eine uns untersagt ist: harter Gott! grausames Gebot! — Mensch, fasse dich, oder du bist Augenblicks in der Tiefe. Aergert dich dein Auge, sagt der Mensch von Himmelsunschuld, reiß es sogleich aus und wirfs von dir. Der einzige Rath! die einzige Hülfe! — Eva faßte sich noch: „nein! gcrad' alle erlaubte er uns, nur Einen! diesen Einen! und „den untersagte er so eigentlich, so hart" — „So „hart? des Todes sterben ? Du siehst ja, daß ich „nicht sterbe! Wie ec euch betrog" — Und wo war nun schon die Sache? Gottes Befebl, Wille des Vaters, Strafe, Tod, Alles der Auslegung und Kritik einer Schlange ausgesctzt, von der nun Alles nbhicng. Wahnsinnige Beurtheilerin der simpelsten Gottesgedote, die du die Erde vollgemacht hast deines Gifts und sie entrückt in Allem der ersten lautern Einsalt, welch besseres Urbild könntest du finden? — Vaterlicbe, Mcnschenselig- keit, Tod, Gottcsgebot unter der Kritik des höllischen Wurmes! Nichts als ein entscheidendes Nein könnt' auf das zweifelnde ob? sollte? folgen: denn des Menschengeschlechts. , i- dazu wars angelegt, lind dies Nein! ward durch Erfahrung und Schwur bekräftigt d. i. bewiesen. Kritische Schlange, dir immer selbst gleich. Trügerin von Anfang und nie bestanden in der Wahrheit, denn keine Wahrheit ist in dir. Wie du dich auch mit Schwur, Beweis und Erfahrung gebehrdest, deinem ersten „Ob auch? Za sollte?" sieht mans sogleich an, daß ein grobes „mir Nich- „ten! sehet mich an! Gott weiß" darauf folgen werde. Gott, der du das Herz prüfest und Aufrichtigkeit wägest! dem cs nicht gleichgültig war, daß Eine Erfahrung seiner Natur, ein Gott weißt bei seinem Namen — von einer Schlange zur Verführung der Unschuld und zur Sinnenverrück- ung eines ganzen armen Geschlechts gcmißbraucht ward, aufwachen wirst du und jeder Schlange fluchen! Oeffnet die Pforten! Der Geist ist im Fluge. „Vielmehr weiß Gott, daß des Tages — werden „eure Augen aufgethan werden und werdet seyn wie „Gort und wissen" — dem gaukelnden Lügner ist nichts heilig. Er weiß schon besser, als Gott, versteht mehr als Gott und widerlegt ihn — mit scheinheiliger Ehrerbietung, mit Meineid auf seinen Namen. Schlange war das Erste, das wußte was Gott weiß, und Gott aus ihm selbst widerlegte. Schlange das Erste, das seinen Namen mißbrauchte, zu betrügen, zu imponiren. Schlange das Erste, das neue Welt, Augensalbe zur Gotreswissenschaft, eine Encyklopädie des Guten und Bosen versprach, die gerade Gottes Gebot aufhöbe. Und das Alles aus selbstmachtigem klaren Lon8en8. Der Genuß ri8 Aclteste Urkunde eines Apfels, eine philosophische Viertelstunde unter ihrer Leitung, sollte nichts als die Augen, den natürlichen Menschenverstand, Gott zu Trotz, auf den Thron Gottes, ja über Gott hohen! — Uno das ist wahr, schreien die Schreier, das weiß Gott selbst wohl! darum hals der Ncidige verboten. Hat uns das alberne Wort, das kindische Verbot dahingesetzt, den durchdringenden Menschenverstand in der Gottesfüllc seiner positiven Kraft einzuschranken , zu fesseln! Als ob wir ewige Kinder scyn sollten , die nie sich selbst leiten könnten — hinauf im Fluge zur Gottheit! Jeder sicht aus sich mit offenen Augen, weiß, wie Gott, was gut und böse ist, und wills, ihm zu Trotz, und sich des armen blinden Nächsten zu erbarmen, aus guter Absicht auch andere lehren. Und lehrts denn mit so vieler Entzückung! mit so künstlicher Warme und selbstgemachtem „Gott weiß!" ist oben schon in den lichten Wolken! und Weiber, Kinder und lüsterne Narren bewundern den selbstgewordencn Gott — die bunte Schlange! Es giebt nur eine Versuchung — hinweg von Kindestreue, Glaube und Gottcswort. Auch bei Ehristus wars dieselbe. Aber die äußern Einkleidungen sind tausendfach, wie die Glanzfarben und Krümmungen der Schlange. Vom Thron Gottes bis zum Gewürm der Erde kann alles Lügenbeweis, Pfeil und Hülle des Allbetrügers werden. Die Schlange ist listig vor allem Thier auf dem Felde. Der Name „Baum des Erkenntnisses" war von Gott gegeben: nichts war auch verständlicher des Menschengeschlechts. 119 als dieser Kindcsname des zu prüfenden Gehorsams. Bisher hals Eva recht gut gewußt; nun aber bog die Schlange eine kleine neue Nebenbedeutung daran auf ihrem Lehrstuhle. Könnts nicht auch heißen: „ein Baum, der Erkenntniß Gutes und Böses gc- „be?" Ja freilich! eben deshalb frißt ihn die kluge Schlange, von ihm nascht sie, was sie weiß; er ist ihr Quelle der Weisheit. Eine so leichte Verbindung zweier Bedeutungen, die der Wind zusammen wehte, das der Baum also hieß, und daß eben die kluge Schlange von ihm fraß, war der Ueber- gang zur Lust, zum Zweifel, zur Sünde, zum Mißtrauen, zur Gotteslästerung, zum Falle. „Das vernünftige, hohe göttliche Wesen, der „Mensch, ist unschuldig und Gott gleich. Er will „immer das Gute: er kann nicht sündigen, ohne „daß er irre" — das heißt, er kann nicht irren, ohne daß er irre; aber wie leicht irret er, wenn er einmal irren will, wenn er auf der Bahn ist ? Wie elend dürfen die Scheingründe seyn, daß das hohe, unbctrügliche Geschöpf sich aufs elendeste tausche? Ein nichts, das Zusammenwehen zweier Umstande, ein Name, der unschuldigste, bisher verstandenste Name, und ein Schlangenbiß, spinnen welche Folgen ! welche Reihen! „Weil die Schlange zungero- „chen frißt, kann ich zum Gott werden, wenn ich „davon esse!" Siche die Logik der Selbstverfüh- rung, die bündigen analogischen Schlußfolgen der Täuscherci ! Aus Honig Gift, ein Name aus Gottes Munde, Pfeil gegen ihn und Anlaß, sein Gebot zu übertreten! — Tröste dich, zagendes Bruderherz, Wenns dich 120 Aelteste U r k u n d e ansicht, daß du mit dem Bestgemeinten wider Wissen und Willen ärgerst. Du ärgerst nur Schlangen und ihre Schüler, die wollen geärgert seyn. Der erste Baum des Gebots, und sein Name, den ihm Gott selbst gab, war Stein des Anstoßes, unumgänglicher Fels der Acrgerniß: so ists fortgegan- gcn. Wer ärgerte mehr als Christus und weihcte seine Lehre zur Verblendung der Blinde», zur Verstockung der Tauben, zum Felsen des Falles und Zcrmalmcns ein? Wer ärgert mehr als Gott? durch jede Thal in seinem Naturreich, durch jede größere Gabe. Die edelste Gottesgabe, Wort Gottes, Sprache war von jeher Netz der Verwirrung und Betäubung, ein Fallstrick zu fangen und zu verführen — aber nur für Schlangen und Ottern. Die weitere Verkleidung der Scheingründe war eben so simpel, dem Gesichtskreise der Schülerin schlau angemessen; aber eben so arm und elend. Es ist ungereimt, daß man von dem Menschen so natürlichen Hochmuth, seiner unendlichen Wiß- begierde, seiner unersättlichen Neigung, Gott vom Throne zu stoßen u. s. w. hier plaudert: man versteht weder Sinn noch Sylbc. Die kluge Schlange fraß : der Baum hieß Baum des Erkenntnisses; die zwecn dünne Fäden, durch einander geschlagen, webten den Stoff der Verführung, die Farbe, nach dem Gesichtskreise der Eva, konnte nichts anders, als so werden. „Klug werden? erkennen „Gutes und Böses — was wirds seyn?" Die natürliche Antwort wäre gewesen, wie die Schlange werden, der du folgest; das war aber kein Lorbeer, keine Ehre. „Erkennen Gutes und Böses, was des Menschengeschlechts. 121 „wirds also seyn? Nicht anders, als wie mir (kei- „nen größer», herrlicher» Anblick kannte sie) die „Welt erschien, da ich ward. Meine Augen wa- „rcn eröffnet und sahn *) — 0 was sahn sie nicht! „nun neueröffnet, welche neue höhere Welt werden „sie sehen. Ich werde seyn, wie — die Schlange? „nein! welch ein Tausch! — Wie Adam? Sv bin „ich, ich sehe die Welt, die er sähe; was er weiß, „sagt er mir. Also — nichts blieb übrig und „nichts höheres! — als der Gott, dessen Bild wir „sind, dcr'S ihm gesagt, der ohne Zweifel weiß, „was dahinter scy, aber uns zurückhält — wie Er „werden wir seyn und wissen — was? — was „gut und böse ist." Also auch als prasumirte Gottheit noch eben so klug, iäurn xor iclorn, wie all' ihre Nachfolger, die Demonstratoren. So bettelarm ist die reiche Phantasie, Mystik und Metaphysik der menschlichen Grillcnlehre zur *) Allgemeiner Idiotismus des Morgenlandes, das Sehen mir dem Erkenntnis (beides Ein und der edelste Sinn,) das Trinken aus dem klaren Wasser mit dem Neusehen, dcm Eröffnen der Augen zu verbinden- Ihre ganze Zauber- und Weisheitssprache ist daher, und der Spiegel meistens, oder Ringbecher sind das Bild und Werkzeug dieses Augcneröffnens. So sollts hier die Frucht seyn. — Von den Schlangen ists daher mit ein Stück ihrer Fabclwcisheit worden, daß sie erblindet sich die Augen öffne», sich durch Abstreifung der Haut neue Unsterblichkeit geben u. st S- Bochart. S. 28. ag» 2 r2 Aeltcstc Urkunde Verführung. Nur immer Einkleidung allbekannter Sätze: einzeln genommen ist der Stoff wahr, aber gemein und arm; wie fle's anwendcn, was sie daraus spinnen, ist widersprechend, ungewiß, erbärmlich. Göttergleiche — nach dem Bilde Eva's, Allwissenheit — mit ihren Augen, Erkenntniß Gutes und. Böses — daß sic selbst beim Worte nichts denkt und es unerklärt, aber im Hinterhalt wiederholet. Metaphystkcr, Mystiker, Philosophen, wer war Urheber dieser Methode? Und erster Meister!. Der erste Demonstrator sprach mit dem Beifall, den je Einer sich wünschen konnte, wovon er kein Wort verstand. Das Weib schaucle an, daß von dem Baum gut zu essen wäre, und daß cs ein schöner begehrlicher Baum sey, der klug mache.*) Betrogene, was stehest du in dem Baume? daß er klug mache! das stehest du? die Gottheit in einem Apfel? Zauberauge der Schlange blickt schon in dir! — Lüstern! alle Sinne singen, locken, wanken — nicht mehr bei dir, sie sind hinüber, die Seele davon, du willt, du mußt zu dem von dir getrennten Selbst, was dort in der geliebten Frucht wohnet. Ab fährt der Vogel in den Rachen der begehrenden, lusthauchcnden Schlange: verzückt in ihr Auge, verhüllet in ihren Duft. Vernünftle nicht, Jüngling, und grüble über Pflicht und Drohung: oder du bist schon verloren. H Eva nennt den Baum also „den wegen seiner „Klughcitsreize begehrlichen Baum," das, meint sie, sey sein Charakter. des Menschengeschlechts. 123 I ,,Ob das Gegentheil auch möglich scy?" es findet sich gleich eine Schlange, die frißt und nicht stirbt. „Ob nicht im Gegentheil auch Gutes wohne?" Die ganze Gottheit wohnt darin, weissagt der Herold und bestaligts, so viel er kann , durch Schwur und Beispiel. Du bist in den Armen der Sirene. Wie sich am schwülen Tage dorr jener Dunst, zwei Sonnenstäubchen unbemerkt und ungebeten zu- sammensindcn: das Wölkchen steigt — cs ist Wolke: der Himmel umzogen: alles schwarz: die Lust schwül: Windsturm, Brausen, lezteS Beben der Elemente: der Donner bricht, die Eedcr flammet. „Niemand sage, wenn er versucht wird, daß er „von Gott versucht werde. Gott ist kein Versucher „zum Bösen, er versucht Niemand. Aber ein jeglicher wird versuchet, wenn er von seiner eigenen „Lust (der Schlange) gereizct und gclocket wird: da „empfangt die Lust und gebierst Sünde." Sie aß und gab ihrem Manne auch davon und er aß. Adam ward nicht verführet, das Weib aber ward verführet und hat die Uebertretung eingefüh- ret: mich dünkt, die aufklarenden Worte des Scharfsinnigsten der Apostel sind nicht genug beherzigt. Sie liegen in unserer Geschichte; und kommen in den Antworten der Schuldigen wieder. Adam sagt: „das Weib, das du mir zuqesellet hast, gab mir ,,und ich aß." Eva: „die Schlange betrog mich, „daß ich aß" genau also wars ergangen. Zum Betrüge der Schlange, zur ersten Verführung durch solche Spekulationen und Reize war nicht Adam, sondern das Weib: sie, das Geschöpf mit 124 Aelteste Urkunde feinerer, schlankerer Aufmerksamkeit, mit lüsternen Sinnen: die das Gebot selbst nicht gehört halte, und also eher darüber spekuliren, zweifeln, schwätzen, Geschwal; anhören konnte. Sie könnt' eher „kluge Schlange und Baum des Erkenntnisses" kombiniren, um dem Namen andere Bedeutung zu finden; eher den Sprung thun von Schlangenklugheit zu Goltesweisheit, und in der Phantasie sich weiden. Die Scene ist Wort für Wort weiblich. — Aber nun hat sic gegessen, Adam kommt, und was nun natürlicher, als daß auch er speise? Betäubung , Wundern, Schrecken, Liebe, Mitleid kämpften; was überwand? was könnt' überwinden? Licb' und Mitleid, oder endlich jene Hinlässigkeit, jenes Draufankommenlassen, jene männliche Trägheit, die so oft für entschlossenen Heldenmuth gilt. Das Weib, das du mir zugcsellct hast, das mit mir Eins ist, gab mir und ich aß: das war nicht Wocwurf, den er Gott machte, sondern Wahrheit. „Nicht gut, daß es geschah: aber da es einmal ist „und du lebest: wo du bleibst, will ich auch blei- „ben: wir sind Eins." Und gewiß machte ihm das Bcwußtseyn des Weibes, was Böses gethan zu haben, den Biß nicht bitter. Sie mußte jezt Schlange in Weibsgestalt seyn, oder sie blieb allein -/ Auch in diesem Schritt der Geschichte, welche Wahrheit! Eine Theorie unserer Seclenkräflc in ihrer Entwickelung — am Baum des Erkenntnisses versucht, bliebe kein -Roman mehr. „Wie da sich „der Keim freilich aufschloß! wie, als man vom „Gebot wich, durch ein „Ja sollte?" die Saite des Menschengeschlechts. 125 „schwirrte: Gedächtnis? brachte sie zurück: eine Kombination zweier Begriffe, eines NamenS und einer „Erfahrung spannet sie auf! Phantasie ist im Göt- „terlande; dichtet. Was kann sie dichten? Alles „und Nichts. Sinnliche Aufmerksamkeit gab dem „Nichts Wesen: die Lust entzündet That. Jrr- „thum aus vielen willigen Irrthümern, Sünde. „Im SchocS Eines Sinnes, Einer Begierde gc- „bahr sich das ganze Gespinnst unserer feynsollcn- „den Scelenkräfte und Wesen." „Wie beide Geschlechter sich nun zu dieser gro- „ßen Geisiesgeburt verhalten? was dies und jenes „dazu für Stcff, Farben, Ueberqänge, Gestalten „beitrug, dies mit seiner Leichtigkeit, jenes mit „seiner Trage. Eins, das Begriffe cmpsieng, verband, dichtete, suchte; das andere, das sie fest- „hielt und formte. Männer und Weiber, ihre „Starke und Schwäche gegen einander in Fähigkeiten und Trieben, und das Gespinnst der Zci- „tenbildunq, Strafe» und Erkenntnisse, das da- „bcr entsprang." Der Keim liegt hier. Schlange, Weib und Mann, so stehn sie auch im Fluch neben einander. Da wurden ihre Augen aufgethan und wurden gewahr — daß sie nackt waren. Trauriger Erfolg! und als obs geglückt wäre, im Spiel. Sie blickten freilich nicht als Götter umher; aber doch als Nackte. — Vater im Himmel, ist der Trug deines Geschöpfs dir Spiel? Spottest du sein? Nein! auch der Spott ist Wahrheit: was ich aus Schuld, aus erster frischer Schuld zuerst entwickelt, was kann es, als Scham fepn? Und die erste Scham F- bist 's l26 Aclteste Urkunde des ersten Frevels färbte sie bloß die Wangen? das ganze nackte Geschöpf übcrfloß Blut. Wir sind so fern aus der Natur heraus, haben so viel falsche Scham und unächte Dinge schamerregend gemacht, daß wir die wahre ursprüngliche Empfindung dieser Art, die liebenswürdige Wachterin der Unschuld, der Tugenden lezte und zur Rückkehr die erste, kaum mehr kennen. In Schuld empfangen sind unsere Kinder, schämen sich bei ersten Versuchen schon im Geist, wenn sie sich körperlich noch nicht schämen können. Und wie unsere Erziehung und Kunstwclt die Wahrheit mit Geschwätz und die Menschenliebe eben durch ihre bitterste Feindin, die falsche Höflichkeit, ersetzt d. i. verdrungen hat: zso soll auch die Scham von ihrer elenden Statthalterin, der Hülle und Schminke, der Zweideutigkeit und Buhlerei, dem Sträuben und Erröthen, ersetzt werden: wo Gott für sey! — Weder körperlich noch geistig sind also über diese Empfindung genug tiefe und entscheidende Erfahrungen gemacht worden, und sie ist doch, möchte ich sagen, Ucbergang, Klammer und Grenze zwischen Gut und Böse, Laster und Tugend, sowohl wenn man abweicht, als wenn man zurückkommt: ein Gottesanker in unserer Natur. Die Unschuld weiß von keiner Scham, die Frechheit auch von reiner. *) Sie steht in der *) Im Arabischen ists Sprichwort: sprich nicht mir dem Narren, er schämt sich nicht, s. klrpen. 6ram. x. zor. In Salomo und Sirach ist vie- des Menschengeschlechts. 127 Mitte, die erste Prophetin, wenn du abweichst, und die erste, die dich wieder zurückwinkt ins Land des Friedens. Scham also an sich ist keine Tugend: du mußt rück - oder vorwärts, zum Laster oder zur Unschuld. Sie ist Bcwußtseyn der Schuld; Pfeil des Gewissens , Strahl Gottes des Allmächtigen auf frischer That. Umkehr unseres Blut - und Gedankenstroms, unseres Meeres von Aufwallungen und Trieben, ist die Scham, ziLravora unseres Körpers. Wesen und Gedanke steht still, der Saft des Lebens nimmt Rückweg. Allmächtig hält sie die Zügel und kann, wie ein Schwcrdt, tödten. *) So die geistige Scham; wie aber diese, die Feigenblätter suchet? Bedarf ich Feigenblätter, mich darüber nur zu erklären? Nein! da eben dieser Umstand zu einer Hypothese gemißbraucht worden, der Alles, Alles, und selbst dieses Wort, widerspricht — dieses schändlichen Mißbrauchs wegen muß ichs erklären. Jedermann weiß, daß die natürliche körperliche (nicht die angeerbte, künstliche, sittliche) Scham mit les dergleichen. In diesem z. E. „Man kann „sich schämen, daß man Sünde daran thuc, und „kann sich schämen, daß man Reiz und Ehre da- „von hat," C. h, 2b. und C. ha, 18. bis C. HZ, 6. giebt er ein Werzeichniß dessen, worüber man sich schämen und nicht schämen sollte» S. Haller kb^siol, L^in. V. x, 582. Zielte ste Urkunde 128' Entwickelung der Eeschlechtstriebe anfanqk. Im ganzen Körper gebt eine Umwälzung vor, bei der noch alle Physiologen staunen, und nichts begreifen, nichts erklären: sie hat aber im großen Ganzen die Symptome, die ich dort von einzelnen Fallen anführte. Das Paradies, die unschuldige Kiiidheit ist vorbei, da Mann und Mannin, beide Geschlechter Eins sind; sie fühlen ihren Unterschied, wie durch einen Pfeil, einen sie durchwandernden Strahl von der Hand des Schöpfers. *) Das Meer der Aufwallungen und Triebe, Blut und Gedanken nehmen andern Lauf: die innere Lcbensfluth, die dort blut- roth färbte, treibt hier die Glieder der Leidenschaft auf— dort und hier ein gleiches Geheimnis.**) In den Geschlechtstrieben liegt also, natürlich und körperlich, wirklich die Wurzel der Scham, und wenn sie Alles verlassen, pflegt sie von ihren ersten Schößlingen sich noch nicht trennen zu können. Scham ist das treue Gewand der Liebe, und selbst feinere, der Vernunft nahe Thicre nähern sich ihr. Das *) S. Buffon von den Lebensaltern der Menschheit, zweites Alter: Martini Ausg. Th. b. S. 7 b. **) S. Haller kl-.isiol. "lkoin. VIII. Kniinalium 3inor68 et conjuZia: der große Mann, nachdem er alle Symptome dieser Fluth des Blutes, der er die meisten Kräfte zuschreibt, angeführet, bricht ab wie von einem Geheimnisse der Schöpfung. Auch ich breche ab, so manches ich, eben an dieser Baumesgeschichte, zu fragen und zu winken begehrte. V ' . des Menschengeschlechts, r2g Das zärtcre Geschlecht ist also auch das schamhaftere : mit der Scham hätte es Tugend, Reiz und Alles verloren. — Jede Entwickelung der menschlichen Lebensalter zeugt also von tiefer Wahrheit in dieser Geschichte. Dieselbe Umwälzung, die uns mit Scham kleidet, verändert unsere Stimme und giebt uns natürliche Feigenblätter, die Decke der Zucht. Die große Mutter macht den Busen ihrer Tochter blühend und ihre Wangen erröthen dem Jünglinge, zu dem sie ein geheimes Band leitet, — Der Zusammenhang dieser Triebe in Körper und Seele ist uns ein Räthsel, er ist aber gewiß. Wunder der Natur, du Engel am Paradiese mit dem Flammenschwerdte, heilige Scham! Der Ruchlose läugnet dich, der Spötter verachtet dich, der Fühllose kennet dich nicht; denen allen bist du, wie jener Cherub, ein Mährchen. Dem guten Kinde aber, dem fühlbaren Geschöpf, der aufgcop- serten Unschuld, ihr bist du Gottes Kleinod und Bote, Flamme seiner Gegenwart im Busen, die Hand des Vaters, die uns mit dem Finger der Liebe die Wangen berührt: „Kind, du bist verlogen!" Können Engel mitleidige Freudenthcänen vergießen, so ists, wenn sie Verirrte und Liebende in diesem Hochzeitgewande sehen. — Nicht mehr das Liliengewand der Schwesterliebe; aber Kleid der erröthenden Rose. — „Aber, wie kam das an dem Baume?" Wie?- Wenn jetzt denen in Sünde und Scham Empfange. Herders Werke z.Rel.u.Tlievl. VI. I i3o Ae lteste Urkunde neu der Sauerteig aus dem Körper in die Seele dringt; konnte, mußte er dort nicht, da Sunde geschah, aus der Seele den Körper durchdringen? Schuld erzeugte Scham, und die Scham übergoß ihren Körper: das Gift durchdrang, und wirkte, wie, wenn die Jugendblülhe erwacht, wirs noch jezt wirken sehen.*) Sie sahn sich an, getrauten sich nicht zu sehen, nackt, konnten den Anblick von einander nicht ertragen, flohen. Sahn sie die neue, unbekannte Regung an, wofür ihr sie ansehet, die ihr sie lock, sie mißbraucht, damit, als dem Reize der Natur, tändelt? Nein! für das, was sie war, Krankheit, Fieber, Wuth, Gift, Strafe, Pfeil des Richters in ihrem Busen. Und das, (betrachtet jede erröibende, fliehende Unschuld) das ist sie noch. Der Schwester- und Brautliebe schämet sich niemand, der Aufwallungen dieser Art, als ob sie Sünde wären, ein Jeder. *) Vielleicht grenzen alle die Veränderungen am Körper schnell und sichtlich vor, die eben ihren Blick so stutzig, sich einander unerträglich, scham- roth und abscheulich machten. Sie mußten hinters Gebüsch und zu den Feigenblättern. — Alles wie natürlich! wie lebendig ! — Man braucht also, selbst wenn der Baum physisch beitrug, keine stimulos in ihm anzunehmen, wie unsere stimulati schwatzen: denn unmittelbare stimrrlor fühlten sie ja nicht, vielmehr das Gegeiuheil derselben, Scham, die sie zu unterdrücken wünschten. Der Baum durfte bloß, wie wenn ich brausenden Saft ins stille Element tropfe, die Währung Hervorbringen, die jezt leider! Reise heißt. des Menschengeschlechts. r3r Und sind die ersten Triebe der Natur Bande und Gottcskcime des Menschengeschlechts? wer löset den Knoten? -Mich dünkt, er ist gelösek und nur am Baume der Erkenntniß, den wir jezt alle in uns tragen, kann er gelöset werden. Wenn Philosophen eben über diese zweideutigen Empfindungen so gleichgültig hinweg sind, so zeigts, wie wenig sie vom ganzen Ursprünge oder Begriff des Bösen in der Men- schcnnatur wußten. Engel im Himmel und Kinder, deren Engel allezeit das Angesicht ihres himmlischen Vaters schauen, sind im Paradiese: ihnen ist Alles gut und Nichts böse. Alle Kreatur Gottes ist gut und nichts verwerffich zu nehmen mit Danksagung; wo aber Danksagung, Ansicht des Vaters im Himmel aufhöret, siehe da fangt Sünde, innerer Vorwurf, Zergliederung, Scham an: könnt' ichS zeigen I Von der Speise des Götzendieners wissen wir, sagt Paulus, daß ein Götze nichts ist in der Welt, und daß kein anderer Gott scy ohne der Einige. (Nicht also am Baume, sondern am Verbot hieng auch hier das Nebel.) Hast du den Glauben, so habe ihn bei dir selbst vor Gott. Selig ist, der ihm selbst kein Gewissen macht in dem, das er annimmt. Wer aber zweifelt und isset doch, der ist verdammt: denn es gehet nicht aus dem Glauben; was aber nicht aus dem Glauben gehet, das ist Sünde. Siehe den ersten und einzigen Ursprung des Bösen in der Menschennatur, und seine noth- I 2 132 Aelteste Urkunde wendige erste Anerkennung, die Scham. Selbst der Reue gehet diese Scham vor: denn Reue betrifft schon Folgen, Scham aber die That: sie ist das erstgeborne Kind des Unglaubens, Ungehorsams, des inncrn Zweifels. Und stehe da, wenn ich den Körper zur Seele zu machen wüßte, ihre ersten Symptome im rücktretenden Blute. Es ist der sinnlichste Ausdruck des Zweifels, der Ebbe und Fluch im Meer unserer Affekten, die getheilte Zwei- Herzigkeit, wie der Orient allen Unglauben und Zweifel nennet. *) So lange Unschuld war, floß unser Geblüt (denn alles Leibes Leben ist im Blute) sanft und ungestört seinen Gottesgang hin: nur Ein Gedanke, Ein Wille, der Wille des Vaters, nur Ein Gottesblick seine Empfindung. Da umarmte Adam die Mannin ohne Scham, ohne Zergliederung: sie war die Männin, ihm von Gott gegeben, die große Erbauerin ihres Geschlechts mit ihm; keine Saite seiner Seele oder seines Körpers gieng irre: Alles klang. Nun aber, da er von Gottes Gebot wich, da sich ihr Herz spaltet: in Nichts anderm konnte dieser Mißklang, dieser Rücktritt in seinem Wesen, eher und mächtiger empfunden werden, als eben im edelsten, mächtigsten Gottestriebe, dem Liebes- *) Alles Gute ist in den Sprachquellen des Orients Gerechtigkeit, Lreue, gerade Einfalt: krümmet sechs, theilr sechs, zittert, spalte die Ruthe: siche da all' ihre Urbegriffe Hes Bösen, der Falschheit, der Scham, Unruh. des Menschengeschlechts. r33 organ der ganzen lebenden Schöpfung. Wobei Adam, da er unschuldig war, den größten Jubel, Einklang mit Gott, die entzückteste Gottesahnung geäußert, cs aufs tiefste gesungen und bezeugt hatte, wie er mit sich, und in Eva mit der ganzen jcztlcbcnden und zukünftigen Schöpfung Eins sey, und sich in Ihr mit jedem neuen Geschlechtsglicde Eins fühle; eben da schlug nun zuerst sein gctheil- tes Herz in einer entgegengesetzten Regung. Schuld gegen Gott wurde so natürlich Scham gegen Eva, als Zwei Zwei sind, wenn sie sich nicht Mehr Eins fühlen im großen dritten allgegenwärtigen, allbe- sruchtenden Keim der Schöpfung. Siehe da die Wurzel des Bösen und ihrer Gesellin der Scham: jenes ist Seele und diese ward Leib. Andere Entwicklung wirds nie geben — Sie horten die Stimme Gottes des Herrn, Der lustwandelte im Garten im Hauch des Tages: Da verbargen sich Mann und Männin vor Gott dem Herrn Mitten in Gartens Gebüsch — — Da kommt der Vater, um sie ihrer an sich guten, doch immer aber zu Nichts führenden Scham zu überheben: sie hatte gewirkt, was sie wirken sollte: das zeigt ihre Flucht vorm Vater. — Auch hier ist Adam unbarmherzig geachtet von seinen gerechtem Kindern. „Daß er von Gott gestehn, „dem er in die Arme hätte laufen sollen, daß er „sich vorm Allwissenden hinters Gesträuch verborgen." — Kalte Richter, kennet ihr die Natur keiner Empfindung? Die Engel Gottes freuen sich über einen reuigen Sünder, den die Scham in ihr Aelteste Urkunde rZ4 Wlutgcwand kleidet, und war sie dem Vater des menschlichen Herzens fremde, diese zarte, fliehende Furcht? „Nun fliehest du, Armer, der Stimme, „die dich voraus lockte, die du als Vaterstimme „kanntest! Wo ist die Zeit, da du einst mit ihm „lustwandeltest in der Kühle des Tages, und von „seinen Lippen trankst Honig der Weisheit; nun „schreckt dich seine Stimme, nun bebst du dem „kommenden Lüftchen, wo Gottes wandelnde Spur „ist "-Euer Adam sollt stehen blieben seyn , getrotzt, gewartet, oder sich lügend dem Vater angcschlungen haben, als ob nichts geschehn wäre- Gottes Adam nicht also. Er konnte sich selbst, sein Weib, nicht ansehn; so verändert sah er Alles, und sollte vor Gott erscheinen! — Vaters Stimme kommt ihm zu Hülfe: „Adam, „wo bist du?" Er fühlt sich ins Herz seines Zagenden,*) auch wenns Niemand fühlet. Nicht im Donner kam seine Stimme, nicht im Feuer und brausenden Sturm, nicht in der erschütterten bebenden Erde, (ob unsern Ricsenauslcgern gleich Alles Eins ist) im Lispeln des Windes**) kam er, im lustwandelnden Hauch, da der Tag sich kühlte. — *) S. zw dieser und der vorigen Note Schüttens Vi-l KßA. p, 86. und wer sonst über Gerechtigkeit, Wahrheit, Glaube, Kreue, schlichte gerade Einfalt aus des Orients Begriffen philosophirt bat. **)l S. Schüttens Origg. x>. za. des Menschengeschlechts. i35 Er kennet, was für ein Gemachte wir sind, Er gedenket daran, daß wir Staub sind. Barmherzig und gnädig ist der Herr, Duldend und von großer Güte. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmet — Gott der Herr rief Adam: Adam, wo bist du? und der arme Zitternde bekennt Alles, was er fühlet. „Ich hörte deine Stimme im Garten — und „furchte mich — denn — ich bin — nackt." Nicht a«s Haß bin ich geflohen, sondern aus Scham: wie kann ich erscheinen? Und nun gehet ein Vatcr- vwhör an, das ewiges Muster scyn wird an Lieb' und Strenge und Einfalt. „Nackt? wer hat dir gesagt, „daß du nackt bist? So hast du vom Baum „gkgesscn, davon ich dir verbot und sprach: iß „mcht von demselben?" Der Richter weiß noch nicbts: er richtet aus Thal und eigenem Munde. Largnen kann Adam nicht; aber entschuldigen will er; will Gott zur Barmherzigkeit bewegen: „das „Weib, das du mir zugescllet hast, gab mir von „dem Baume und ich aß!" Freilich siel damit etwas,auf Gott, der ihm das Weib zugcsellet hatte; lasset uns aber nicht richten, und den zitternden Augenblick vergessen, in dem Adam schwebte. „Nicht „aus Hochmuts), aus Ungehorsam etwa" — (und was wir ihm auch sonst noch genug aufbürden.) „Nichts von dem Allen, Vater, aber meine Ge» „sellin hatte gegessen: sie gab mir: hast du sie mir „nicht zugesellet? sollten wir geschieden werden? „Ähr zu liebe" — Der Vater versteht alles, er rechtet und schilt nicht: denn alles war Wahrheit. Er fragt weiter: „und warum thatst du es?" Eva i36 Aelteste Urkunde laugnet nichts, was er gesagt; aber sie ist verführt. Auch das war Wahrheit. Die Kinder waren schwach, aber treu: „Mich verführte die Schlange, und mir ,,gab das Weib: ich verführte mich selbst!" Nun fragt Gott nicht weiter. Die Schlange handelte, wie Schlange handeln muß — schnell bricht die Strafe ein, nach Maas und Ordnung, wie die Verführung ergangen. Weil du, Schlange, solches gcthan hast: lo sey verflucht vor allem Thier auf dem Felde — „Weil du solches gethan hast" — Tief liegt die'e Empfindung im Herzen des Menschen und des gerechtesten unter ihnen, des Kindes. Hassen wr nicht, speien an, wodurch wir litten und verführt wurden? Dies Arglistige, möge es immer nach seiner Narur, ja gar nach Durst und Hunger, gehandelt haben; cs beleidigte uns und wir thalcn ihm nichts: wir folgten und wurden verführet — weh ihm! es komme uns aus den Augen! Sells ohne Rache und Strafe bleiben? — Der Sinn, die Leidenschaften, die allew Leben geben, leihen ihm auch Empfindung, nuthin- Strafe. Fraget ein Kind, laßt'eine Fabel ungerecht ausgehen: Srein oder Thier, das Kind ergrimmet. Jenes erwachsene Kind in seiner Leidenschaft peitschte das Meer, woran cs gestrauchelt. War Eva so voll Lebens, daß sie mit der Schlange sprach, von ihr lernte, und wirklich glaubt' und wußte, sie hatte es von ihr: fühlet ihr die Verwirrung und Erbitterung nicht, im Herzen der Eva, wenn diese listige, scheinheilige, dcsIMenschengcschlechts. 187 schmeichelnde Verführerin ungestraft blieb? Es schiebt sich also dieser Thcil der Geschichte gerad' auf jenen zurück, und wer dort aus seiner Kunsi- welt sich ins lebensvolle Paradies, in die empfindungströmende Quelle der Kindheit unseres Geschlechts zurückfinden konnte: der wird hier nicht gaffen, spotten, fragen, sondern sehn und fühlen. Fühlen, wie schauerlich, aber mcnschcnvaterlich es war daß auf die erste Verführerin der erste und ganze und herbeste Fluch fiel! daß sich eine Schlange fand, auf die der Donner vor ihren Augen traf. Tod war ausgesprochen; das Urthcil wird vcrtheilt auf alle Mitschuldige, und der Menschenvater, der bei der Schlange stehn blieb, hebt an: „weil du „das gethan hast." Ihr ganzes Daseyn wird verflucht, Leben und Weben, Dichten und Trachten, ein Fluch in Feindschaft, Bosheit, Verachtung und Elend bis zum kopszerknirschcnden Tode. Das ist der Lohn des Verführers. Und sehet, darum war das gemißbrauchte Werkzeug des Verderbens eben die Schlange worden, das verworfenste Thier des Feldes. Kroch sie voraus nicht auf dem Bauche ? gierig sie als Mensch ? flog sie ein glanzender Seraph? Wir haben davon weder in der Geschichte Moses noch der Natur die mindeste Spur. Der Naturkündiger findet keine verborgene Füße, kann keine veränderte Lebensart ahnen:*) sie ist, was sie war, und muß, weil sie *) S. Loolisrt. I, e. Hassclquist Reisen S. 363. ahn. u. a. gemißbraucht war, dem Weibe das Bild und erste Vorbild des Fluchs werden l „Was dachtest du an „der glanzenden, schlanken, liebäugelnden, Naschc- ,,rin, die du droben auf dem Baum*) sähest? „Siehe sie danieder geworfen in Staub, das ist „ihr Gang, Nahrung und Erbthcil. Sie gehörte „so wenig auf den hohen Thron, wie du auf den „Thron der Gottheit: Göttcrfrüchte anweisend, und „leckt den Staub, dir unter dem Fuße." „Solch' einem Thier bist du gcfolget, dem niedrigsten, verfluchtesten Thiere des Feldes. GotteS- „ebenbild, Mannin, aufgcrichtete, schöne Gestalt, „Zier deines Mannes, Königin der Erde. — „Sieh, wie cs dahingeworfen im Staube kriecht, „sich fortwindet dir unter dem Fuße — Erhabene, „wolltest du eine solche Gestalt werden ?" **) Die Lüsternheit der Eva, ihre Eitelkeit, Göttin zu seyn, *) Vielleicht ist dies genug, und wir brauchen nicht der Fabel von der einst fliegenden Schlange, dem glanzenden Seraph. Es wird nachher eine gemeine Erd - und Krautschlange, die den Füßen nachschleichr. Vielleicht ist auch das charakteristisch , daß „das Biperngeschlecht seinem Gesuche nach nicht beleidigend, sondern angenehm sey." Shaw's Reisen S. r6o. Ein neuer Reiz für die lüsterne sinnenprüfende Eva. **) Daß im Orient die erhabene Gestalt vorzüglich das Gölrerbild sey, weiß jeder: die gekrümmte kriechende Schlange ist da das scheußlichste Götzenbild. des Menschengeschlechts. 1 konnte sie mehr, als also, gekrankt werden? Ihre Lehrerin ein abscheulicher Wurm! — Eitelkeit, Lüsternheit, Thorheit, wardst du je anders gelohnet? „Und nicht bloß schändlich, arme Betrogene, „schädlich, todbringend ist der Wurm, deine gehässigste Feindin. Meinst du, daß sie's gut meinte, „da sie dir Götterweisheit versprach; du wirst sehen! „Scharf ist ihr Zahn, Gift der Hauch, von dem sie „lebet. Dem Zahne naschtest du nach? Tod ist, „was sie berührt. Ewige Feindin , wird sie dir „nachschleichcn, kann sie nichts mehr, deine Ferse „verwunden. Ewige Feindin deines Geschlechts, „dein Liebstes, unschuldige, wehrlose Kinder cmka- „sten, in deine Hütte schleichen, auf deinen Pfa- „den lauren: dein ganzes Geschlecht wird sich ersannen, Liese Brut zu vertilgen. Und nur im „zerknirschten Haupt ist Ende ihrer Feindschaft." Siehe da in Schlangengcstalt den ersten sichtbaren Teufel. Der Lehrer aus Vaters Schooße, der im Sichtbaren das Unsichtbare sah, und der, woran der erste Ring unserer Erdkette hieng, anschauend kannte, hat es gesagt und offenbaret, daß auch hier schon der Arge im Spiel der Verführung gewesen, Lügner und Mörder von Anfang, den die zeitentwickelnde Offenbarung deutlich genug nachher enthüllet.*) Nur das Auge der ersten Verführten *) Ioh. 8, ich. - Cor. ii, 3. Offenb. i-, S- Auch hier ist die Offenbarung Gottes ein Muster der Entwickelung fürs Menschengeschlecht. Allmählich wurde diese Lehre bekannter, je mehr die 140 Aelteste Urkunde war noch keinen Dämon zu sehen gewapnet. Dem Ohr Eva's war's eben Rückhalt, Merkzeichen gewesen , zu staunen und nicht zu folgen, wenn sic etwas anders als die kluge natürliche Schlange vcr- muthet hatte. Nur diese verführte sichtbar und floß in die Bildung ihrer Gedanken ein; nur düse ward also ihr sichtbar gestraft. Aber, wic's jene nur fassen konnte, das ganze Bild der Verführung, des Elendes, Fluchs und der Strafe: Konnte ein Dämon Eva's Augen abscheulicher seyn und härter gestraft werden? „Hütet euch! sein ganzes Daseyn „ist Fluch und Gift! Ewig stellt er den Fersen „eurer Nachkommen nach, birgt seinen mächtigen „Harfen Kopf immer in neue Schlingen und Kreise. „Ec soll ihm zertreten werden! Trotz seines fortge- „crbtcn Hasses, trotz seiner unzähligen Schlangenbrut, trotz seiner List und Stärke, soll dein Geschlecht, 0 Eva, siegen! Das Licht soll die Fin- ,,sterniß, das Gute einst Las Böse überwinden! „Dein großer mächtiger Nachkomme" — Hier siel die Decke nieder! weiter konnte, sollte und durfte sie noch nicht sehen: es war noch keine Volks-, Geschlechts-, sodern eine allgemeine Menschenverheißung. Menschen unsichtbarer, geistiger Ideen fähig wurden, und in Christo, dem Schlangenzertretcr, wo sie nicht mehr schädlich seyn konnte, erschien sie im größten Licht. Die meisten Bilder von Satans Fluch, Verführung gehen von der Schlange aus. L e s Men sch eng e sch le cht s. igr So mischt Gott Licht und Dunkel! der stärkste Fluch wird seinen Lieblingen Trost und Hoffnung. Mit Freuden nannte Adam sein Weib Eva, der Lebenden Mutter: sie sollte Racher und Helden des Feindes gebährcn, der sie betrogen. Eben im Dunkel, das um die Verheißung schwebte, lag unserer Urahnen kräftigster Trost. Sie sahen nicht weit und also war Er schon ihr: Adam umsing in Eva schon aller Lebendigen Mutter, und sie sah in ihrem Samen nur Einen, den Schlangcnzertreter. Immer also blieb es, dies Sinnbild des Teufels und aller Verführung. Kein Gift über Schlangengift ! keine List über Schlangenlist! kein Kopf über Schlangenkopf!*) Die schleichende, zischende, zwei- züngige Nachstellerin: der große, verschlingende Drache, Zahn, Stachel, Zunge, Schlangenhaut — alles ist an ihr zum Sprichwort worden. In jeder Schlange am Wege sieht bas Morgenland einen Dämon:**) sie bewahrt ihren Kopf, der ihr zertreten werden soll, sorgfältig, und Wenns wahr ist, daß sie einem Nackenden mehr als einem Bekleideten , dem Weibe mehr als dem Manne nachstelle:*** noch besonderer. — Ein ersehenes Werkzeug für diese unglückliche Stelle. Thier des Feldes, sie hat Blut, sie ist unserers Ursprungs. Aber im Staube, ohne Glieder, ein Wurm. Und eben in der gegliederten, aufgerichteten Menschengestalt fand der Orient Gottesblid; unter allen Feldthicccn also *) S. Locdnrr. I, o, **) Shaw's Reisen S. st», ***) Locilisrt, Aelteste Urkunde diese das entfernteste vom Menschen, Wurm und kein Bruder, der ihn lehre. Und dieser Wurm wie schlau und schlüpfrig, flieget und wirst sich, erhebt sich und kämpft, gekrönt und glänzend. Sein Gift schnell, sein Zauberav.gr treffend, seine Wuth*) schrecklich! Alles dagegen in Haß, in Aufruhr! Wo Schlangen kriechen, lebt das Sinnbild. Und wie wahr ! wie wahr auch von Seiten des Bildes! Warum verflucht Gort die Schlange ? Warum ward sie verflucht? — Wer tragt das Uebel der Welt mehr als die unvernünftige, gar lobte Schöpfung? Um des Menschen willen ward sein Acker verflucht: um des Weibes willen die Schlange, und das verachtetste der Thiere des Feldes brachte Fluch auf die edelsten seiner Art. Menschen trösten sich noch mit dem Gedanken, dem Plane, der sie bei Müh und Kummer beseelet; aber womit tröstet sich das geplagte Thier ? die mißbrauchte Schlange?**) Mit einem Tröste, sagt Paulus, der Hoffnung , frei einst zu werden vom Dienst der Eitel- *) Hasselquist S. 23 g. Shaw i 5 g. 160. Uns sind dies alles nur gcternre Bilder, und weil die Schlangen in unseren kälter» Erdstrich weniger schrecklich sind, so verzeihen wir auch den Orien- talern ihre Bilder und Fabeln von der gekrönten, gehörnten, fliegenden Schlange u. s. w. Selbst ja das Gift des Leusels ist bei uns verwittert. '*) Konnte sie dafür, daß Eva bei ihr solche Gedanken verband? daß sie der Teufel mißbraucht^? des Menschengeschlechts. 143 keit und Sünde, (da sie unserm und nicht ihrem Gedanken dienen) vom Joch, dem sie ohn' ihren Willen sich Knechte fühlen, zur herrlichen Freiheit. Der Spruch Pauli ist jedem Zweifelnden auch bei diesem geplagten Thicre Ausschluß. Die Strafe Eva's war nicht mehr Fluch, sondern Vergeltung, genau für die Sünde. Sie hatte gelüstet, und empsieng Schmerzen: mit sanftem Zwange den Mann zur Sünde geleitet und ward seinem Willen unterworfen: die sich eine Göttin träumte, verlohr den Ehrennamen Mannin und ward Mannes Sklavin. Schossen nicht, eben an den zartesten Orten, diese Pfeile ins weibliche Herz? Die Blume, zum Vergnügen gebildet, das cmpsindselige, feinere Geschöpf muß leiden. Die wirkliche Weissagerin, das Geschöpf mit leichterem, glücklicherem Blicke, soll fremdem Willen gehorchen. Die geborne Herrscherin dienet. Aber auch diese Gewichte, so schwer sie ziehn und drücken zur Erde, befördern ein höheres Gute, sie treiben das lebende Uhrwerk der Welt. Die Schmerzengebahrerin wird Mutter des Lebens: die dem Willen des Mannes Zugeordnele wird Hausfrau. Ihr ist das künftige Geschlecht: die Familie blühet um sie, wie Trauben um den belasteten Weinstock. So ist das Buch Gottes geschrieben. Was auf dieser Seite Strafe heißt, kehre da- Blatt um, ist auf jener Wohlthat: die durchfloßnen, durchge- grabnen Züge sind genau dieselben. Was war das Weib im Paradiese? Blume der Unschuld , Schwester aus der Seite, Männin; sie ists nicht mehr. Das Brautgewand der Schaam hat sie ins Joch des Ehestandes gebeuget, ihre hohen Hoffnungen sind zur Erdhütte gesunken: sie tragt, sic leidet. *) Aber freue dich, Weib, du duldest für dein Geschlecht: eine andere Göttin und Königin, der Lebenden glückliche Mutter. Du bist, sagt Adam, voll Leben, und nennet sie Eva. Adams Fluch endlich — aber er trifft nicht Adam; nur das Feld, wo seine Hütte stehet. Die Strafe rollet herunter: die Schlange ward ganz verflucht: das Weib muß noch an ihr selbst leiden: bei Adam leidet sein Acker. Er war nicht verführt, er hatte nicht gegeben. — Aber auch daß er genommen hatte, war schwer: denn ihm war das Gebot wor- *) Eine Analogie hievon bleibt noch immer zwischen Jungfrau und Frau, zwischen Hoffnung und Ehe. Die Jungfrau lebt noch immer im Paradiese: Schmetterling in einem romaniischcn Eden: sie ist frei, sie weiß nicht, wo sie lebe:: fliegr zwischen Himmel und Erde. Die Frau wird Raupe der Erdhütte, und die Verwandlung gehr oft mit eben so vielem Unmulh, wenigstens mit eben so viel Bcfremdung vor, als dorr. Wie verwandelt sich nicht die Jungfrau, die Weib wird? des Menschengeschlechts. 146 worden. Er ward also auch Statthalter der eigentlichen, ihm gedrvheten Strafe; auf ihn kam Tod. Das Weib leidet am Körper und nicht an der Seele. Sie hat zu gehorchen, wohl ihrer Ruhe! Kummer und Mühe, Schweiß und Sorge ist nicht auf ihr. Sie blühet, sprosset und verblühet: ge- wifsermaaßen überall und zu allen Zeiten sich gleich, sie ist Weib. — Der Fluch des Mannes hat seinen Acker getroffen; mit jedem andern Äcker ändert sich seine Sorg' und Mühe: daher ist der Mann ein Abdruck seines Standes, seiner Geschäfte, seiner Zeit seines Orts. Immer sind seine Hände, wie die Dorn und Disteln, mit denen er sich plaget: der Schweiß auf seiner Stirne wird bald vom Lorbeer, bald von der Karre erpresset, und so sind auch die Furchen auf derselben verändert. Die äußere Gestalt des ManncS ist aber freier, da veränderte die Strafe nichts. König seines Hauses, nur seine Krone ward ihm schwer. *) Herrlicher Einblick in die Geschlechterfügung der Menschen, in ihren beiderseitigen Beitrag zum Glück der Welt und beiderseitiges Bcrhaltniß ihrer Freuden und Uebel. Wie väterlich gesagt! wie kindlich erfaßt! wie gerecht gefolgert! So lebt die Geschichte des Mannes und Weibes: jener aus dem *) Auch hier hat sich der freie Jüngling, der Baum des Paradieses, in den Mann der Hütte verwandelt, Hausvater, Ehemann, Bater. Herders Werke z.Rel. u.Theol. VI, K Aelteite Urkunde 146 Rosenjünglinge wird Monn, Water, Hausvater; diese aus der Männin, der Braut des Paradieses, Weib, Hausfrau, Mutter, Eva. Troz aller Verschiedenheit von Erdstrichen, Zeiten, Völkern, hier ist sie im Ursprung. *) Alle Abweichungen davon sind statt der Vatcrruthcn Tyranncnskorpivnen. Zartle, Weib! Wolle nicht mehr in Schauer empfangen und in Schmerzen gcbahren, sondern buhlen: verächtlicher, als das schlechteste lebensvolle Geschöpf. Es ist Mutter, Mutter eines unabseh- lichen Geschlechts von Leben; und du bist ein tod- tes Meer. Herrsche, Weib! bequeme dich nicht dem Willen des Mannes, sondern strebe Tausenden zu befehlen , gieb Ton, wie eine Posaune. Du hast dein Geschlecht erniedert, statt es erhöhet zu haben: Schöne, Reiz und Ehrfurcht sind dahin, die bei euch nur die gefällige, biegsame, stille und im Nachgcben engelstarke Tugend begleiten. Schäme dich endlich, deines Mannes Weib, die Nährerin deiner Kinder, die erste Dienerin deines Hauses zu seyn, und alle Glückseligkeit, Stolz und Freude deiner Bestimmung sind verloren. Du bist nicht mehr Mutter des Lebens. Im Tagwerk des verfluchten Ackers liegt Manneswürde, in Müh und Kummer alle seine Lebtage *) Eine Geschichte des Mannes Und Weibes, nach diesen festen Begriffen und Lebensaltern der Menschheit, welch ein Werk! des Menschengeschlechts. 147 ist seine Glückseligkeit, im Schweiß seines Angesichts ^meckt sein Brod. Was ist Menschenstreben,*) als den verfluchten Acker bauen, Dorn und Disteln jäten, das Kraut des Feldes essen, einen Bissen Brod in Kummer und Mühe: dann zuletzt — Erde zur Erden. Strebe, Mann, 'denn du mußt streben! In Müßiggang wohnt nicht Ehre: Feigheit hat keine Herrschaft. Strebe, denn du mußt streben. Wolle keinen Dank, keine selbstsprossende Ernte; je mehr Undank, je mehr Dorn und Disteln, desto mehr bist du Adam. Wirst doch Erde, und dann ruhest du genug. Strebe, Mann, denn du mußt streben: ein Thor, wenn du was am Ziel erwartest, als — Nuhe. Im Laufen ist Warme, im Kampf ist Muth, im Schweiße schmeckt Brod. Und du erwirbst für alle die Deinen. Das Weib ist Leib, der Mann Seele, und so leidet jedes an dem Theile, der es ist. Dich, Mut- *) Dies ist nun der Sinn jenes mißverstandenen einfältigen Ausspruchs: Der Mensch zur Mühe der Erde geboren: des Räubers Söhne fliegen, wie Funken, empor. Was ist schwerer und mühseli, ger, als der Erdmann, der an der Scholle klebet? was leichter, als der Raubvogel, der wie ein Funke herausschießende Adler? K 2 ter, haben deine Kinder ehrwürdig gealtert: dir, Mann, blühen Gedanken, Sorgen, mißrakhr e Entwürfe, Mühe, Kummer um deine heiligen Schlafe. Uebcr der Blasse ihrer Wangen, denen der erste Rosenthau hinweg ist, lacht ein hohes fröhliches Mutteraugc. Unter dieser grauen Krone sicht ein fester, geprüfter Blick, schlagt ein männliches edles Herz. Die Mutter sieht Töchter um sich wohnen, der Vater sandte Söhne aus, edle Söhne: er ruht auf ihnen, und weiß nicht, wo sie sind. Sic weben und streben, wie er strebte. Endlich der dumpfe Nachklnng: „bis daß du „wieder zur Erde werdest: Erde zur Erden." Isis Fluch oder Wohlthal? Hier Fluch, bald, im Munde Gottes selbst, Wohlthat: gnädiger Fluch also. Was hat der Mensch von aller feiner irdischen Arbeit unter dieser brennenden Sonne, alö — Ruh im Grabe? und doch scheints ihm hart, daß er nichts mehr davon habe? und doch, wie cs jezt ist, wenn er sich fragt, was will er mehr? Ewiges bauen des verfluchten Ackers, und Dorn und Disteln jäten und Gras kauen — Mutter Erde, du nimmst uns auf! nach Kummer und Sorge, Schweiß und Dienst wird deine Ruhe süß seyn. Nimmst uns in deinen Schvoß wieder, aus welchem wir sind: was kannst du uns mehr geben? und was verdienen wir mehr dafür, daß wir dich unterjochet und deinen Rücken zcrackcrt-verdienen wir mehr? Da ruhen, die nie geruht: sie ruhn von ihren Lasten, Sie ruhn die Müden und ihre Dränger schweigen: des Menschengeschlechts. 149 Ruhn mit einander, die Gefangnen singen Feier, Der Klein' und Große: jeder Knecht ist frei. ,,Erde zn Erde!" Wie leicht wär's dein lindernden Vater, der in seinen Strafen nur Evange- lium predigt, die kleinen Worte hinzuzufügen ,,und „dein Geist wieder zu mir, der ihn gegeben" aber er schweiget. Erde zu Erde: Adam sollte des Todes sterben: sterben im Namen des ganzen Geschlechts als Vater. Trug also bis ans Grab seine Bürde hin, sah hinunter und es war Grab: sah er mehr- sah er weiter? Rings war Wolkcnhimmel um sein Feld gezogen: sein längster Gedanke reichte bis — in seiner Mutter Schooß. Und er verlor Abel im Blute, und noch lesen wir nicht, daß ihm ein deutlicher Strahl des höhern Lebens worden. Welche Schmerzen! Verlust seines liebsten Sohns! nur sein Blut schrie auf von der Erde; wußte er mehr? Oder mit welchem Ringen, Hoffen, Sehnen und Ahnen hatte ers sich erringen müssen? — Sogleich nur nach Adams Tode gab Gott den abirrcnden Sterblichen.das erste nähere Bild des höhern Lebens, da er Hcnvch wegnahm. Der Vater aller, der Tod in die Welt brachte , mußte für sie alle auch irdischen Todes sterben. Er war nur gemacht ins natürliche Leben, heißt cs auch in diesem Verstände, seine lezte Weisheit war die, um welche noch MoseS bittet, zu wissen, daß man stirbt. Und sollte sie dir nicht Trost gewesen sehn, diese Grabesweisheit, du aller Sterbenden Vater? Viel Mühe und Kummer hast du erlebt in deinem Ael teste Urkunde. i5o neunhundert neun und sechszigjabrigen Leben! Für eine Welt voll Söhne Paradies, Unschuld und Ewigkeit verloren zu haben! Tod, Uebel und Sünden Aller auf sich zu tragen! — Wo fand Adam von dem langen, unabsehlich langen Gedanken Ru, he, als im Grabe? Hatte er mehr Blick gehabt, Blick von einer Ewigkeit, die sein Geschlecht unglücklich fcyn könnte und eines Theils seyn würde — durch ihn! was lag in dem Blick als Verzweiflung ? Nein , die solltest du nicht leide» , gebeugter Vater! „Erde zur Erde" die Trostwolke umschloß ihn. Leiden sie doch nur wenige Jahre, und gehn zu ihrer Mutter wieder, bis sie, bis mich etwa Gott neu bildet, neu beseelet —- Ein Ackersmann, mit ünbewehrtcn Händen den Acker bauend! voll Sorg' und Kummer, seine Hütte zu schützen, zu versorgen, zu leiten — und voll Herzeleid, unglücklicher vor allen Vätern! Daß dein Erstgeborner Vater - und Mutter - und Bruderherz und Alles zerriß, und dich wieder einsam machte! baß alle Nachkcmmen des Mörders, von dir gerissen, auf Bergen in der Irre gierigen, nickt mehr deine Söhne! und der andere liebere Haufe immer mehr absiel, jenen nach irrte! daß auf der durch dich verfluchten Erde Mühe und Arbeit mit jedem Geschlechtsgliede wuchs, und alle Namen der Stammvater klagten, und Wollüstlinge, Tyrannen, Räuber herrschten — Aber auch Freude hattest du, mühender Adam! Vater aller Lebendigen, und deine Eva und dein Geschlecht um dich her. — Seinem Weibe gab er gleich nach der Strafe neuen Namen, voll Hoff- nung, Trost, Freude, Fülle des Lebens: seinen Erde - Mühe - Kummer- und Todnamen, Adam, behielt er. Ihm hielt er den ganzen Kreis seiner Bestimmung in sich, ewiges Bekenntniß seiner Schuld! ewige Erinnerung seiner Strafe! Ihr sprach der ihrige Muth zu, Licht und Leben — starker Mann, tröstender Ädam, so rächtest du dich! Und Gott der Herr machte ihnen Kleider: Hüllen der Schaam und Noch! Zuhülfkommungen des Vaters, der seinen verlornen Sohn nicht nackt stößt aus seinem Hause, sondern ihm durch ein besseres Vorbild zeigt, wie er künftig für sich sorge. Was sollten die Feigenblätter? das Spiel des Windes, die verdvrrctc Sonnenspcise weniger Stunden: was sollten sie zur Zucht und Nothdurft? Vertriebener, jezt kommst du in ein Vaterland, wo dir stärkere Hullen und Schutzwehr noch sind! Gott der Herr machte ihnen Kleider aus Fellen — die dauerhafteste, aber zugleich die widernatürlichste, grausamste Kleidung; ganz, wie sie war, predigte sie Fluch und Feindschaft. Vormals der König der Thiere, ihr Freund und Erstgeborner; jetzo ihr Räuber und Mörder! Thiere des Feldes, weichet! Er prangt mit eurem Raube: euer Leben ist um ihn.—Mehr als Ein Reifender berichtet, daß die Ungeheuer der Wüste vor dem bekleideten Menschen Scheu haben; wenigstens ist zwischen einem Bekleideten und Nackten ihnen nie Wahl: der Näckte ist Beute. Die erste Kleidung war also dem unbewchrten Menschen Harnisch. Der sich nicht mehr in Brudertreue hüllen konnte, den sollte die Furcht kleiden. Mähne flog um ihn! Panier allen Thieren des Feldes. 132 Aeltcste Urkunde Wenn er sich erhebet, so entsczen sich die Starken,' und wenn ec daherbricht, so ist keine Gnade. Er hat seinen Hals geziert mit schnellem Schrecken, und kleidet sich dunkel in seinen Grimm. Aber auch ausdrückendes Symbol der jetzigen Menschennatur und ihrer Bestimmung war diese Kleidung: in ihr war er Thier des Feldes. Des Paradieses Sohn war nackt Ebenbild seines Schöpfers und Vaters, der sich nur hüllet in seinen Glanz: er ist, was er selbst ist. Sohn des Feldes, jetzt mußt du entleihen, rauben, morden, dich in fremde Leben kleiden, damit du verhüllest, was du bist, und ein anderer scheinest. Deine Nackte ist Schwache: dein wehrloser Glanz ein Spott alles Lebendigen : sey Thier mit Thieren, oder ihre Beute — Naturwaffen sind dir versagt: bilde sie dir selbst und betreug sie mit ihrem eignen Balg. — Von Adams Thierspeise wissen wir nichts. Das erste gctödtete Leben war ohne Zweifel Opfer. So stieß Gott den Menschen auf den neuen Pfad seines Mühelcbcns, öfnerc ihm die Pforie zu allen Erfindungen, die ihn durch Ucberlegung, Prüfung, Rathschlag künftig gegen die Uebcl des Lebens waffnen müßten: das schwerste Vorbild war gegeben. „Die Feigenblätter jezt aus der Hand: „du spielst nicht mehr an den Knien des Vaters. „Waffen sind dir noch, brauche nun deine dir erworbene Erkcnnlniß des Guten und Bösen : *) Allerdings hatte also der Mensch -kuri/rc --«« vom Baume erlangt, und noch sehen wir im Nachbilde dieser Entwicklung äm Menschenle- des Menschengeschlechts. i53 „rathschlage, sey weise. Von einem Thier hast du's „gelernt, nur dadurch bist du jetzo den Thieren „überlegen, und wanderst fort auf deinem ungebahnten Wege." Und Gott der Herr kleidete sic, und sprach: Siche, nun Adam, als Unser Einer, zu wissen, das Gut' und Böse. Freilich waren die Worte auch Spott des Paars in neuer Zierde: „Götter „wolltet ihr werden, und — Thiere send ihr geworden. Wahrlich, wie der Elohim Einer." Dazu-sind sie auch,' wie alle Ironie am besten trist, wcggewandtcs Gespräch: die Götter reden unter einander, und erstaunen, wie er ihnen gleich sey, welche Weisheit er sich erworben. — Auch trifft der Spott weniger den Menschen, als seine neue Zierde, und diese tollen Zierden des Menschen, wie selten waren sie einer andern Bcwillkommung werth? Die erste Ironie auf der Erde gierig ein Kleid an, und kam selbst aus des mitleidigen Vaters Munde, der ihre Noth und Armuth fühlte, sie selbst damit bcn welche Veränderung. Der Mensch ist sich rn seinen Lebensaltern und verschiedenen Umständen fast gar nicht gleich und doch immer gleich: er erkennet sich selbst kaum. Welche Umwandlung macht insonderheit auch an den Seclcnkräften die erste Revolution der Jahre! — Ich brauche es bloß als Aehnlichkeit der Erläuterung; cs erläutert aber sehr» — rn» «ns« kxc-x« Tk üttr -r« , irkno; irr 1)« sagt Lelcmach beim Homer. Aelteste Urkunde 154 versorgt batte — der Urbcber lächelte über sein eigen Werk, die Götterbeute! Wahn, Hdchmulh, Göttergleiche, Narrheit, da sehet ihr eure Belohnung , keines crnstern Wortes jemals werth. Gott selbst, dg er den Ungehorsam gestraft und sich der Kinder erbarmt halte, und nun wieder auf den kleinen Versuch, Gott gleich zu werden, kam — (den ersten Fraucnzimmerversuch, des ersten vielversprechenden und wahrhaftig schönen Geistes in seiner glanzenden Haut auf dem Baume) — er konnte nicht anders als lächeln, mitten im Elende seiner mißrathncn Kinder. -— Und du, der verfemte Sohn dieser rauben Mutter. Thicrhaut, der sie und sich selbst nichr mehr kennet, Wohlstand, Sraat, Pracht, äußerer Anstand, dein erstes Bewillkommungs - und Lobeswort blüht hier auf ewige Zeiten: es war Spott seines Meisters. Ucbcrs erste Gewand der Blöße, das Bedursniß des Elendes und der härteren Norhwendigkeit spotteten die Götter: was thun sie über euch, ihr wohlgekleideten, zehntauscndfech .zcrstücktcn und glänzend zusammengesczten Herren und Damen? ,,Siebe, Adam ist worden, wie unser Einer!" gerade so (empfangen sie uns nach unsrer halbtägigen Vollendung) gerade so die seligen Götter und Göttinnen im Dlpmp! Ungehorsam verdient Züchtigung, Schwachheit Mitleidcn, Lhorhcit Spott, Narrheit Verachtung, Bosheit Strafe. So theille der gerechteste und gütigste Richter. Welch eine Kluft war zwischen den nahen Zeiten und Worten, als Gott einst sprach: „Lasset uns „Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sep!" des Menschengeschlechts. i55 als die Schlange sprach: „Ihr werdet seyn wie „Gott, und Gut und Böses erkennen" und wie es nun heisset: „Siehe den Adam worden, wie unser „Einer!" Einerlei Worte, ein Dreieck eines dreifachen sich einander cntgegenstehenden Sinnes, und doch in der jetzigen Natur des Menschen zusammentreffend, sich einander bestimmend, aufhebend, ein dreifaches Eins. — So war der Mensch! das wollt' er werden! das ist er nun! — Selbst im Spotte des letzten (anders spottet Gott nie) liegt Wahrheit, Unterricht, mitleidsvolle tröstende Lehre, Aufschluß seines künftigen Scyns. Sieh Adam wie unser Einer! und allerdings muß er jetzt so seyn, muß seine erworbene Erkennt- niß und Ueberlegenheit brauche», zeigen, was er von einem Thiere gelernt. „Verbirg deine Klugheit unter dieser rauhen thierahnlichen Hülle, aber „erhalte, brauche sie, pflanze sic fort. Die Er- „kenntniß Gutes und Böses ward dir ein theurcr „Kauf: Erhalte den Zehrpfennig, da du die Perle „verloren, ohn' ihn kommst du, nunmehr dir selbst „überlassen, nicht fort. Du stehest dich an der ,,Thür des Gartens dem nackten Felde nah und in „dein rauhes, blulkostendes Muß gekleidet!"*) — *) Jeder sammle sich hier die Stellen, die er aus Hesiod und Orpheus, Lukrez und Virgil, Ovid und andern Nachträgern von der gotdnen, silbernen, ehernen und eisernen Zeit weiß. — Wäre der Versuch nicht der Mühe werkh, zwischen dieser Vernunft, dem Erkenntniß Gnies und Bösen, iZ6 Aeltcste Urkunde Der Spott des Vaters war ihm Lehre auf den Weg: so drang cs tiefer. Wenn er seine erworbene Haut ansah, die einzige Beute des Paradieses, so rief ihm die Stimme: Adam wie unser Einer! „Du mußt erkennen, unterscheiden, prüden, erfinden , dich deiner Haut wehren. — Siche da den Adelsbrief der gottgieichcn Vernunft, die wir fast allein kennen, üben und loben; er ist ihr im Spotte gegeben. Freilich jetzt nothwcndig, eine Schadloshaltung, ein theurcs, liebes Muß; Muß aber ist noch kein Segen, Schadloshaltung kein Ersaz des Verlernen; und du Perle des Paradieses, gott- gleiche Unschuld ; du heiliger Rathschluß: „Lastet „uns Menschen machen, eine Gebilde, wie wir „sinlfi warst etwas anders. So auch das Verbot vom Baume des Lebens: es war Spott, Strafe und Wohlihat. „Auf daß „der mächtige Geniester nicht auch ausstrccke seine „Hand und koste vom Baum des Lebens, wie er „vom Baum der Götterweisheit bereits gekostet! „und wie er an Erkenntnis ein Gott worden, cs „uns zum Trotze nicht auch an Unsterblichkeit wcr- „dc — so ließ ihn Gott aus dem Garten Eden, und zwischen der Unschuld und Weisheit, die noch von keinem Bösen weiß, die Grenzen ans Licht zu sezen? Schwärmer und Philosophen, die Mystik und Metaphysik, hält Eins oder das Andre für Fabel, und beide sind doch wahr, köstlich, gut: nur sie verhalten sich, wie Paradies und Acker, Jugend und Mannszeir, Frühling und Sommer, Blüthe und Frucht. des Menschengeschlechts. 167 „daß er das Feld bauete, davon er genommen ist." Er kam in sein Vaterland wieder, wo der Tod ihm einst Wohllhat werden mußte; Paradies und Baum des Lebens blieb ihm, mit diesen nachhaUenden Worten , wie ein seliger Traum. ,,Er sichet da noch, „der Baum: sie blühet da noch, meine Unschulds- „statle, nur mir verschlossen: der Cherub flammet „davor." So stahl sich oft ein Seufzer dahin, und sollte sich, bei jeder empfundenen Schwachheit, Mühe, Krankheit sein selbst und der Seinen dahin stehlen. — So beugt und bildet Gott das Her; der Menschenkinder im Dunkel, unter der Wolke, wie im Mittelpunkt der Erde, und sie wissen nicht wie? oder wozu? — Ein höheres Paradies, ein himmlisches Hol; des Lebens sollte für sein Geschlecht sprossen: Adam, gemacht ins natürliche Leben, wandte sich mit Wunsch und Seufzer nur nach jenem; und wußte nicht, was Höheres er in der schönen fernen Wolke sah und zu umarmen strebte — — Und trieb den Menschen, der weinend und ungern Vaters Haus, den Ort seiner schönsten Jugend , verließ, und in die Fremde, in eine Schauer- Müh- und Kummer-volle Wüste sollte; er trieb den Menschen hinaus, und sezte ostwärts Eden Chcrubine mit der Scharfe des blinkenden Schwerts, zu bewahren den Weg zum Baume des ^Lebens. Die Strafe war nicht zu erlassen: der erste Vater- Wille sollte kein Spiel sepn. Hier sieng sich nun die Haushaltung Adams an, in der wir alle leben. Alle als Thierc des Feldks, außer dem Paradiese geboren, seines Bildes, Fleisches und Gebeins; wie i58 Aelteste Urkunde er, jeder auf seine Weise, einen kummervollen Acker bauend, und im Schweiße des Angesichts sein Brvd geniesend, Erde von Erde, Erde zu Erde. Jegliches Weib, je treuer sie ihrer Natur ist, thcilt Schmerz und Freude, Joch und Lebensfülle ihrer ersten Mutter, und heißet Eva. Alle in Adams Göttertracht gekleidet haben wir Paradies, Kindheit und Unschuld verloren, Schaam, Reue, Furcht und Strafe vom Baum der Erkcnntniß gekostet, bringen uns aber, wie 'cs jezt ist, auch blos durch dies künstlich erworbene Erkenntniß durch die Welt. Der Baum des Lebens ist uns versagt; wir arzen und speisen uns mit Kraut des Feldes, ja gar mit aller lebendigen und tobten Natur, mit Kindern und Eingeweiden unsrer großen Mutter, die uns harte Stiefmutter geworden. Wie nun? haben wir's in Adam verschuldet? warum erben wir seine Sünde, Fluch und Tod? Was ist diese Geschichte, wenn sie auch Aufschluß des ganzen Geschlechts wäre, für uns denn für eine gerechte, tröstende, befriedigende Geschichte? >— Siehe da die Höhe der Betrachtung, wozu sie sich jezt hebt; die Untersuchung des Cherubs,*) der Ostgegend, wo Adam gewesen, lassen wir dem Verfolge. Daß aber die Nachricht vom Eherub und dieser Gegend kein plötzlicher Aufschrei eines Gedichts, noch der Lappe einer fremden Mahre sey, sondern im einfachsten Kinderton dieser Erzählung fortlaufe, flehet und höret jeder Mensch von gefunden Sinnen, *) S. Urkunde LH. 5. des Menschengeschlechts. iög Es ist die leichteste, lieblichste, immer sich wendende und Alles aus Einem herleitende Kindererzählung. Spiel eines Apfels, und alle Welt- und Menschengeschichte Folge des Spiels. WM III. Was ist für uns diese Geschichte s Zufördcrst aber, wie wollen wir sie betrachten? als Götter oder als Menschen? — Als Götter, die auch sind, wie Er, sitzen auf seinem Thron und sehen mit weiteröffneten Augen den Niß des Möglichen, das Ding und Unding, wissen was Gut und Böse sei), nicht bloß bei uns, sondern — in allen, allen Welten, unter denen Gott keine als die unsere, und unser Erdgefäß in ihr, schaffen konnte, durfte, mußte? Sind wir das, beweisen als solche, wahrlich so sind wir nicht einmal jenem glanzenden Sophisten auf dem Baum des Paradieses, sondern meistens dem Thier ähnlich, das scholastische Dorn und Disteln auf dem Acker naget, nicht die Löwen - gar die Götterhaut um sich trägt, und sich, nach der bekannten Fabel, an den zu langen Gliedmaaßen der Demonstration, lächerlich hingiebk — — Erd- Aelteste Urkunde des Menschengeschlechts, rb'r Ecdwürmcr, Menschen sind wir, denen ein so hoher Erbsitz, wie Gott zu seyn, in Frag' und Antwort nicht ward, die auf einem schwimmenden Sonnenstaub um diese große Sonne schiffen, und wissen nicht, wie wir dahin, wie Staub und Sonne dahingckommen? die also auch nicht von einem drollichtcn Menschen - und Engelsideal in andern Welten zu sprechen, noch darüber zu verantworten haben; sondern fragen, was sie sind? wie sic's geworden ? Bist du, Leser, mein so treuer Erdcge- fährte und Mcnschenbruder, so setzen wir uns sonder Furcht neben der zitternden Flamme der Cherubim nieder und fragen: wo ist das Vaterland der Menschheit? worauf hat er Ansprüche? was zu hoffen hat er? was hat er verloren? — Ohne Bibel wissen wir von einem sogenannten Stande der Unschuld nichts! der Stand der Natur, oder der Thierstand, das Vaterland unsrer Weisen, ist jenem in Nichts ähnlich. Eine Grille, ein abgezogener Dunst der Abstraktion, der sich selbst widerspricht. *) Also müssest du die Menschheit, wie sie ist, nehmen: wohl aber, da ist sie, wie sie ist, und gut, wie du sagest. Ein Thier des Feldes; und bist ein Thier des Feldes. Von Erde genommen, bist Erde und wirst zur Erde. In deinem Würmer- Schaaf- oder Wolfskleide den Göttern gleich, *) Shastesburi, ReimaruZ Und Mendelssohn haben dies herrliche Abstrakt schon sehr entkleidet» Herders Werke z. Nel. u, Lheol. VI» L i6r Ael teste Urkunde und hast Erkenntniß des Guten und Bösen; wohl! so bist du den Göttern gleich und hast Erkenntniß des Guten und Bösen — was willt du mehr? Unter Dornen und Disteln deines Ackers keimt dir Brvd, oder die Dolmen und Disteln schmecken dir selber: im Schweiß deines Angesichts, in Müh' und Arbeit keimt dir Genuß oder Lotbeet. Wir sind also mit uns selber, mit Gott und mit det Natur Eins; sey Adam, oder Adams Erdklos , oder sein Esel, du bist, was du bist, und was willt du weiter? Nun setze dich hin Nnd dichte, wie und wdhet .der Erdklos oder Esel entstanden? von selbst odet vom andern Esel: warum et nicht umkvmmen? wie er so weit kommen, als du bist? Schadet Al- les nicht, was du erdenkest: l'siomms eolaire xar sag besoins: l'Iioinrns rnac1iiN6t l'Uoitime plantet l'liornwe Kst6 l 1'1iolnm6 sinZs- UnZs 6t ckiukila: e'ldv6 cka 1a natural lalliarnaä ou I'lioirmas cha naar: gar k^'Amalion ou l'Iioirilns 8tstu6 und wie du die Statue nun an Getuch oder Gefühl, durch Rose, Meiste! oder SaiteNspiel zuerst beseelest. Werden doch so viel lebende Menschen zum Zeitvertreib; warum solltest du Nicht einen Blatt - Tint - und BuchstabenmeNschcN zum Zeitvertreib machen, der denn auch seinem Schöpfer gleich ist. Also von diesen Erd - und MeNschenschöpscrn in Platons Höhle hinweg; mögen sie dieselbe «)'- St6kn6 äs 1a natura, oder Natura selbst, leLon S6N8, oder 168 ickö68 naturalls8 vMosäes sux surnaturellao, 1u loi ck'e^arANtz oder korrna5 des Menschengeschlechts. i63 sslastignes, etreg organis^s, oder Is Arsricl lia- earci nennen. Sie sehen oben die Schatten kommen, spinnen, und warum sollte man sie nicht spinnen lassen, zumal ihre Sprache so vortreffliche Spinnweb' hergiebt. Ein Schlafwandrcr kann seines Traums nicht anders überführt werden, als bis er aufwacht und eine andre Welc fühlet: und wann wachen sie auf? Im Schlafe kannst du ihnen keine andre Welt geben: sie sehen Bilder, schreiben Laute, verbinden Redart. Wachst du aber und stehest Menschen, verfolgst ihr ganzes Geschlecht, und fragst: wie wards? wie erhielt sichs? wie hat stchs gebildet? mißbildet? wie ward es, wie — es ist? — entweder must du dich, wie jener verzweifelnde Philosoph, in den Strudel stürzen und ausrufen:- willt du dich nicht fassen lassen, so fasse du mich! oder, wenn dir Gnade ward, diese Kindsgcschichte zu sehen; je tiefer du dachtest und zweifeltest und fragtest, je herzlicher wirst du umfassen und finden! Finden Mehr als du suchtest, aufgeschlossen, beantwortet lesen, mehr als du zu fragen, zu zweifeln vermochtest, dich selbst, deine fortgehenden, wachsenden Lebens« alter, mit Bildung und Mißbildung, dein Geschlecht, seine ganze Geschichte, alles wirst du in Adam finden, und in dem kleinen Umlauf, der ihm ward. Auf dem Felde geschaffen, und siche! was ihm auf dem Felde ward, Menschennatur und Wesen, auch was ihm aus dem Felde blieb, Bestimmung, Segen, Fluch und Dienst hast du noch. — Alle L 2 l Aelteste Urkunde 164 Widersprüche, Knoten, Verwickelung und Enthüllung deines Daseyns, worüber so viel geschwatzet, geräthselt und gezankt worden; tauche in den Abgrund dieser simpcln Kindcrerzählung, wo hast du je etwas gelesen, das sich ihm nur von fern an Tiefe, Fülle, Natur und allbefriedigender Wahrheit nahen dürfe? Ist ein Funke Kinderglaube noch in dir möglich, so mußt du zufahren und verstummen : es ist wahr I Nun ward dem ersten Vater ein freies Gnadengeschenk, das Paradies. Denke dir den werdenden Keim des Menschengeschlechts mit allen Kräften, Fähigkeiten, Zwecken und Anlagen, die du in ihm kennest oder liebest, und dichte ihm eine bessere Erziehungsstatte! den Ort und die Nahrung und das Gebot und die Bildung und die Ordnung von Eindrücken, Bildern, Empfängnis der Empfindungen — ist dir ein Funke reines Gefühls: so wirst du erwachen und aufjauchzen: „Hier ist Menschenkind Gotteshaus! hier ist die heilige Stätte der „Menschenerziehung!" Jener andre Plan, Dichtung oder Geschichte des werdenden Menschengeschlechts ist Pfuhl voll Irrlichts-- Bilde dir nun zuerst ein, dieser Lustort der ersten Freundlichkeit Gottes habe nur Vaterschooß und Mutterbrust seyn sollen, den Säugling, das Kind, den Jüngling zu rauherer Kost zu gewöhnen. Er konnte noch nicht den Acker bauen, der konnte auch vielleicht noch nicht gcbauet werden; hier lag der höhere Garte, das Paradies voll Bäume, die Mnttcrbrust. Den Thieren konnte er noch nicht genug sepn; hier wsr ein Auszug milderer Thiere des Menschengeschlechts. r65 von und zu seiner Fassung : er lag in Batersschooße. An dessen Munde lernte er Sprache, empsieng Richtung auf Gott, Kunst und Weisheit: im Labyrinthe der Empfindungen leitete ihn der Vater und regte das Saitcnspiel seines Herzens, bis cs Zeit war und er die Mannin umarmte. — Denke dir jetzt eine Schaferzeit nach deinen besten Begriffen, da jedes unschuldig war, und keinS noch wußte, was es am andern habe? Du wirst diese Paradieszeit, die noch, wo ihr kleinster Nachlaß webet, Paradies ist, nie edler, reiner, umfassender, wahrer, höher ausgedruckt finden, als im Lobgesang Adams auf seine Mannin — Alles mehr, als ein Mensch dichten konnte: Wahrheit, Göttlichkeit, Ursprung. Nun bilde dir ein, daß dieser Edcnszustand (die Ursachen noch unbetcachtct) nicht länger habe dauren können und sollen, als der gcdauret, bis eine gewisse Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten und Empfindungen da war, daß also der folgende Zustand nicht Unter-, sondern lieber - und Fortgang des Menschengeschlechts im Plane Gottes gewesen; kannst du dir eine Fortleitung, die Entwicklung des ganzen Gewirres menschlicher Empfindungen, Bedürfnisse und Triebe eben an seiner vcrwickelt- sten Stelle, wie oder über diese, denken? So leicht und einfach und milde und weise, überdacht auf alle Falle des kommenden tausendartigen Geschlechts, ganz Vaterliebe und Güte, und doch als ob Gott nichts thuc, als ob er Alles thun müsse! Ein Apfel, Ein Biß, Eine Schlange that Alles. Die entwickelte Schaam und Reue und Furcht und i66 Ae lteste Urkunde Strafe, und in der seynsollendcn Strafe alle künftige Zustände und Erfordernisse des Menschengeschlechts. Der strenge Richter war, nur verkleidet, ein neuer Menschenvater. Alle weisen Mcnschenerzieher, und je weiser, desto mehr stutzen und staunen sie, wenns ans Alter kommt, da sich Geschlcchtcrtncbe, Schaam, der zcrthcilte eigne Mensch selbst, entwickeln. Erziehungsromane einer Unschuldsjugend sind wie alle ah- gczogene Unschuldsromane leicht und unnütz; ergreife die Zügel, das junge Geschöpf, ganz und keimvoll, wie cs ist, zu leiten; an diesem Ziel, wo sich die Are heiß wendet, ersinken dir die Hände- Gott ersanken sie nicht; er thar, als ob er gar nicht lenkte , als yb der Mensch seinem Zügel und seiner Laufbahn entsänke; und sieh, was der entwickelnde Vater auf Jahrtausende und Ewigkeiten aus dem Fehltritt hervorgebracht hat i Das Weib sollte gebühren, und sie gebahr; sie ward der Lebendigen Mutter, und Adam umarmt sie eben nach dem Urthcjl mit diesem Namen, Zwo Sonnen am Himmel und zween Regenten im Hause sollten nicht seyn ; die Männin kam unter Adam und ward die Hand des Hauptes; das Haus der Ehe wurde gegründet. Das Feld sollte gebauct, die ganze Erde sollte bewohnt werden — es ward gebauet, sie ward bewohnt, und, herrlicher Schritt der Entwicklung, aus eigener Veranlassung, durch eigene Schuld des Menschen! Die erste Empfindung der Schaam ward Schauer, Gefühl einer Ucbel- that, und alle harter» Zustande des menschlichen Looses, väterliche Gnaden, Milderungen eines verdienten Todes. d e s M c n sch e n g e sch lech ts. 167 Kennest du einen Netter, der weiser überdenke, barmherziger anordnc, linder und schonender leikc? einen Vater deS Menschengeschlechts, der sein zarteS Geschöpf zu den entgegengesetzten Enden schneller und sorgfältiger und sorkgeherchcr hebe? — Wie ein Adler sein Nest ausführet Und schwebet über seinen Jungen. Er breitet aus die Flügel und nimmt ihn auf Er tragt ihn auf seinem Fittig, Der Herr allein und war kein Abgott mit ihm! Des Herrn Thejl war dies Geschlecht, Der Mensch das Loos seines Erbes- Er fand ihn im Land? der Wüste In dürrer Einöde, da es heulet, Und ließ ihn hoch herfahren auf Erden, Und nähretc ihn mit Frücht?» des Paradieses, Und ließ ihn Honig saugen aus seinen Brüsten Und Del vom Mark der Erde. Da er aber fett und satt war und ausschlug, Fett wurdest du und stark! und verliessest Gott, der dich gemacht hat; da und doch verließ dich dein Gott nicht: eben aus diesem Gifte brachte er Honig. Neugeboren war er der Wüste, wo es heulet, untüchtig; er erzog ihn im Paradiese. Er sollte das Paradies verlassen, und siehe, er verscherzte es selbst: der Säugling sollte sich die Mutterbrufl selbst bittern. WkM hast du es nun zu verdanken, Ungehorsamer, daß Eden nicht mehr dein ist, daß du den verfluchten Acker bauest? Dir! und noch sind dir seine Disteln Rosen, denn Todcslod hattest du verdient. Auf dich seufze in deinem Joch, in deinen Gcburls- 168 Aelteste Urkunde schmerzen, Lasttragcrin der Hütte: mehr als das hattest du verdient; der gnädige Vater aber warf vor dir seinen Fluch auf die Schlange, und machte dich zur Quelle des Lebens. So, duldender Adam, ward dein Schweiß gekühlet: die Last ward dir leichter, weil du sie dir selbst gegeben: selbst zum Grabe sank dein Haupt sanft, denn wie lange hattest du cs verdient! an welchem Tage sollte dich schon der Tod treffen! — Gnädig und barmheizig ist der Herr! gedultiq und von großer Güte. ?lle seine Strafen sind Wohlthat: seine Mittel Zwecke und jeder Zweck wiederum Mittel. Er waget urs menschliche Last zu, züchtigt mit Menschenruther, bereitet, ehe er züchtigt, und jeder Streich wa:d uns tausendfach zu höherm Guten. So leitet, so erzieht, so entwickelt Gott — in jedem Schritte die ganze Zukunft: in Adams Fehltritt noch des ganzen Geschlechts Wohl und Fortleitung der Kette — — Um Alles zu fühlen, dürfen wir nur jedes Ein, zclne betrachten. Wie viel ist über den Ursprung der Kleidung gerathen und geschrieben ! , Uebci ihr Gutes und Böses, Scyn und Nichkseyn: so über alles Gute und Böse unsrer Natur, Wohnung, Lebensweise, Geschlechter, Stande, Alter des Lebens, und betrachte nun Alles, was darüber gesagt ist, gegen diese Urkunde der Menschheit! und in so einfältigen Sagen! und in so einer tausendfach cintal- tigcrn Begebenheit und Thatsachc der Urwelt, «us der sich die lüUartu wsZna aller Alter und Stande unscrs Geschlechts entwickelt. „Wie aber? so mußte Adam fallen ! so ivarS d c s Me n sc h e n ge sch l e ch ts. 169 „versehen im Rathe des Schöpfers!" —- Ich frage nochmals: wie wollen wir hierauf antworten? als Götter oder als Menschen? Als Götter >— und kannst du dir einen Gott, den Schöpfer des Menschengeschlechts denken, der den Erdklos nicht gekannt, aus dem er dies Geschöpf machte? Die Starke des Othems nicht gekannt , den er ihm cingewehct? Kannst du dir einen Gott denken, der das Gebau der Eva nicht kannte, nicht die Schlange hincinschlüpfen und den Zusammenstoß der Gedanken des Weibes voraus sah? Welch ein Gott, welch ein Künstler! So entschlüpfte seiner Hand der Faden, kaum da er ihn anspann: der Schiffer sah sein Schiff im Ungewitter zertrümmern, eh er vom Ungewitter getrau- met und je auf die Rettung einer Menschenseele bedacht gewesen? Wollet ihr Gott vertheidigen mit Unrecht Und für ihn Schande und List brauchen? Wollet ihr seine Person ansehen? ^ Wollet ihr ihn vertreten? Arme Vertreter, er hat eure Tauscherei nicht nöthig. „Ist auch ein Unglück in der Stadt, das „der Herr nicht thuc? Dich jammert der Kürbis, „den du doch nicht gcpflanzet hast, und mich sollte „nicht jammern eines Menschenvolks, einer ganzen „Schöpfung voll Leben," die meiner Versetzung und Erwartung zuwider unwiederbringlich umschlagt Aelteste Urkunde »7vko ksä, no clonkt, svrne nokio oreaturer in der Assini all to pieees. O tke cr^ äill knock SAsinst in^ ver^ kesrt: xoyr sonis, tke^ xorisk'cl» Hall i keen sn^ lioll ok povvr, I lvouiii knve snnk tke 8en vritkin tke esrtk , or ers it skoniä tke goocl skix so kave 8>vsiiolv'(i, sn<1 tke Lreigkting xouls vvitchin kor» I'r. 8e eolleoteii; no niore gnisrernent; teil z'our xiteous kesrt tkere's no Karne äone. iittrn, Olvoe tko cla^ ! fro. Klo Karin! I kavo äono notking , knt in care ok tkeo, ok tkee, nie äesr one, tkse rn^ Aaugtker, wko srt ignorant ok wkat tkou art — Lkakes^osr tke 7em/,ert. eiet. I. des Menschengeschlechts. Wie anders hatte nach solcher heidnischen Gotteslästerlichen Götzcnlchre der beleidigte Richter, der betrogene Schöpfer handeln sollen, als er gehandelt hat! In die Hölle werfen den Teufel, der seine Rechnung geirrxt, an den Felsen schmieden den Prometheus, in die Spalte des Baums spalten, an dem er gesündigt, '— und siehe, der Vater, der Gott ist, und nicht stehet, wie ein Mensch sichet, Er, dessen Gedanken über des barmherzigsten Erdewurms Gedanken sind, als hoch der Himmel ist, über der Erde: Er hatte die Sünde Adams nicht nur vorausgesehen, nicht blos leibliches Gute aus ihr zu bringen gewußt, sondern — Dank dem barmherzigen freyen Vater! — in ihr und nicht in Adams Erdheiligkeit und Sclbsttugend das höhere, geistige, ewige Wohl des ganzen Geschlechts ersehen und verordnet. Würde meine Stimme hier Engelsposaune, diesen viele Zeiten verborgenen und dann offenbarten und jetzt wieder verdeckten und verachteten Aufschluß, das ganze Geheimniß der Menschcnbestimmung, „Menschengottfeligkejt" zu Verkündigen, ivie ichs syst! Der erste Adam ist gemacht ins natürliche Leben, sagt Paulus: unter diesem Haupt und Vater welch' armes Volk Ware sein Geschlecht noch immer blieben! Wenn mit dem Kreisgange vom Erdklos des Feldes ins Paradies und vom Paradies in den Erdklos des Feldes alles aus gewesen wäre, armes Geschlecht! Der belebte Erdklos reget sich, in Freude und Kummer, eine Zeitlang umher: Schweiß und Mühe sind sein Lohn, und er verduftet, wird wieder, was er war — traurige Aelteste Urkunde 17 s Schöpfung! Einzelne Wasserblasen, die aufwaken, sich begegnen, einander verschlingen, hinsinkcn, und waren nichts, und wissen nicht, was sie waren. Schattensolge von Wesen an der Wand, denen nur ein gegenstehendes Licht Wesen und Einheit leihet, und die Nichts sind. Sie liegen in der Höhle wie Schaafe, der Tod weidet sic, in der Höhle müssen sie bleiben und sehen das Licht nimmermehr. Stelle dich an Adams Grab und fühle das durch, und fühle sein Geschlecht durch, wie sie nach Schweiß und Kummer ihm nachfahrcn, versammlet zu den Vätern, die Erde sind, und sehen das Licht nimmermehr. Es ist eine Qualwüste, das Feld, wo der Mensch ackert, eine verfluchte Einöde voll unnützer Dornen und Disteln, wir fressen Vrod von den Gebeinen der Väter — Zu einem höhcrn Leben waren wir bestimmt, aber nicht in Adam; aus freyer Gnade Gottes, in feinem Sohn. Die Ruthe krümmete sich, ehe sie aufsprang: der Erdklos zeigte, daß er sich, selbst mit allen seinen "verliehenen Vorzügen, aus eigner positiver Kraft, von der unsre Weist» voll sind, nicht in den Himmel hebe, sondern, sobald ihn Gottes Wort nicht halt, in seine Mutter, den Staub sinke. Adam siel: in ihm siel Alles, was seiner Erdenatur war. Das Gesetz, sagt Paulus, ist je heilig, und das Gebot je heilig, recht und gut. Ist denn, das da gut ist, ein Tod worden? Das scy ferne; aber die Sünde erkannte ich nicht» ohne durchs Gesetz. (Ohne dasselbe konnte sie und das Gute, der fceye Gehorsam nicht offenbar werden , siehe da den Baum des Erkenntnisses Gutes des Menschengeschlechts. und Böses.) Da nahm die Sünde Ursach am Gebet und erregte Lust: denn ohne das Gesetz war die Sünde todt, wiewohl der Mensch lebte. Da aber das Gebot kam, ward sie lebendig, und der Mensch starb; da ward zum Tode, was uns zum Leben gegeben war. Und so ist durch Einen Menschen die Sünde kommen in die Welt und der Tod durch die Sünde: (darum siel Adam so bald) und der Tod ist durch ihn zu allen Menschen durchge- drunqen, dieweil sie alle gesündigt haben. Von ihm herunter herrschte er übers ganze Geschlecht, damit vielmehr Gockcs Gnade und Gabe vielen reichlich widerführe durch die Gnade des einigen Menschen, Jesu. Denn so um des Einen Sünde willen der Tod gehercschet hat durch den Einen, vielmehr werden die, so die höhere volle Gnade und Gabe empfangen, lebend herrschen durch den Einen Herrn Jcsum Christ. Tod Adams, Gesetz und Sünde war also ein neben eingekommener cin- gemischter Sauerteig, daß durch das Hinzukom- mcn einer neuen höheren Gnade höheres Leben, höheres Gute würde, als je durch Adams Selbst- strcbcn hätte werden können. Der Komet sank, bis er sich dicht an der Sonne, krast dieser, nen und höher aufschwang. Durch Zwischen - und Miß- töne brach sich das Lied der Schöpfung zum höher» Wollaut: vom todten Jubel der Morgensterne zum beseelten Jubel aller neubelebten, höher erhabnen, der erretteten Christussöhne. Der Künstler jedes-schlechten Werks weiß, daß nur durch Schatten höheres Licht, nur durch Aufopferung höhere Zwecke, nur durch Leiden höhere ^74 Aelteste Urkunde Wollust werde. So jeder Erdesohn im schlechtesten Werke, das nur ganz scyn soll: und euer Ohr ist der Gottesharmonie verschlossen, deren der hohe Aufschluß der Offenbarung übers Menschengeschlecht voll ist? Der erste Mensch Adam ins natürliche Leben; ein zweiter, höherer Adam ins geistige Leben t jener zur lebenden Seele, dieser züm belebenden Geist. Das Geistige konnte nicht das Erste seyn, sondern das Natürliche, Lebendige, darnach das Geistige, das Belebende. Der erste Mensch von der Erden, nur irdisch; der andere der Herr vom Himmel. Und wie wir des Irdischen Bild trugen, so sollten, können Und werden wir auch des Himmlischen Bild tragen. Dos sage ich euch, Brüder, Adams Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben, die Verwesung kann die Unverweslichkeit nicht erben. Selbst wenn wir nicht alle schlafen, müssen wir doch Alle verwandelt werden. Durch Einen Menschen also der Ted und durch Einen die höhere Auferstehung der Tobten. In Adam alle gestorben, in Christo alle zum höhern himmlischen Leben belebet. Lasset buch nicht verführen , Brüder, böse Reden verderben gute Sitten. Erwachet zum richtigen gesunden Verstände und sündiget nicht: denn etliche (zu eurer Schande sage ichs) haben die edle, gerühmte Gottesunwis- senheit, ihn nicht zu kennen*) — — In dev Schöpfung wird und soll einst der Gesang werden! .Verschlungen der Tod in Sieg! Wo dir, o Tod, dein Pscil? I C«r. i ö,. des Menschengeschlechts. r?5 Wo dir, o Hölle, dein Sieg? Gelobt sey Gott, er gab uns Sieg Durch Jesum Christ! Die Sterblichkeit Adams wird verschlungen in höheres, rcindres, belebendes, ewiges Leben Christus. Darum siel Adam sobald und Mit ihm alle: daß aller Mund verstopfet werde, und alle Welt Gott schuldig sey. Er beschloß Alles Unter die Sünde, daß er sich aller erbarme. Wollte ich also mit dir lustwandeln, d Erd» klos, da wir droben das irdische Gute herzahlten, das der Vater des Menschengeschlechts Noch immer aus dem Fehltritt Adams selbst hetzuleilen wußte; mit diesem irdischen Guten allein kommen wir nie weit, es ist kleine Vergütung, aber kein Ersatz: warum will: du das unendlich reichere, mächtigere, wie Sonne in die Augen glanzende, geistige Gute verkennen, das Gott aus der Kelter Adams hervor- zog? Die ganze geistige Bildung unseres Geschlechts, wie sie diesen Weg nahm ich seh immer aus Tod, aus Verwesung höheres Leben quillen. Der Erdklds wird gedemüthigt, gemürbt, zerrieben, und also gelautert, zu Licht emporgcläukert ^ siehe daS Eine Werk Gottes in der Offenbarung und in aller Zeilen Geschichte. Wo die ZerreibuNg nicht geschah, bliebs Erde, Adam; es stieg kein Himmelsdust» kein Geist, auf: wo kein Saamenkorn ver- weßte, kann auch keine reichere Erndte hervorgehn. Das ist Evangelium des neuen Testaments und Paulus — Paulus, des großen Heroldes vom Mathe Gottes. Erde und Himmel, Fleisch Und Geist, Adam und Christus, der alte und Neue Mensch, Aelteste Urkunde r?6 der erste und andere Adam sind die ewigen Säulen seines Evangeliums; aber nicht Parallele, nicht symmetrische Gegensaulcn (wie man unwissend und albern wähnet), sondern wie Himmel und Erde. Wie Himmel über die Erde hinausgeht, sie um. saßt, halt, befruchtet, lautert, wärmt, beseligt, wie Erde ohne Himmel nichts als dürrer Erdklos wäre, unfruchtbar, leer, und durch die ihr angepriesene positive Kraft ihrer Schwere nur in unermeßlichen Abgrund sänke: wie ohne Sonne Alles -Nacht ist, und nur das überwältigende Strahlen- Gluth- und Lichtmcec die kalte Nacht überwindet oder vertreibet : und wie doch Nacht die Sonne nie fasset, die Geisteskraft, die die dumme Erde durchdringt , von ihr nicht erkannt wird, selbst von dem Thier nicht erkannt wird, das Trüffeln aus dem Schlamm wühlet und grunzt: „Du hast sie mir „gegeben! Nichts weniger, als jene Sonne, die „so fern von mir ist und deren Anblick ich selbst „nicht zu tragen vermag" — so Adam und Christus! Der Mensch von der Erden und der allbcle- bende Himmelskönig. Kein irdisches Paradies brachte er wieder, nicht etwa einen neuen schönen Apfel vom Baum der Erkenntnis zum Jubel der Weifen, und zur Gott weiß! nächsten Hoffnung, mit eigen aufge- thanen Götteraugen das Unermeßliche vergnüglichst zu beschauen; keinen schönen Erdwinkel irdischer Glückseligkeit oder menlichviehischen Vergnügens; selbst der verscherzte Baum des Lebens blieb, wo er war, hinter dem Flammen sch wcrd te des Cherubs. Aber des Menschen geschieh cts. 177 Aber ein höherer Baum des Lebens blüht mitten im Strome des lautern, lebendigen Wassers,*) klar wie ein Krystall, das abrinnt vom Stuhle EotteS und des Lamms , und strömt durch alle Seelen und erquickt die Todesgebeine seiner Brüder, und versiegt nimmer, und wird in jedem ein neuer Brunnquell , quillend ins ewige Leben. Mitten im Strom und auf beyden Seiten blüht — nicht mehr ein Baum — ein Hain von Baumen des Lebens, mit immer neuen, unsterblichen Früchten für die Stamme feiner erwählten Brüder, für jeden die seine; selbst von den Blattern des Baums genesen die Völker, die ihn nicht kennen, die seine Früchte nicht kosten. Der Cherub hinweg: Paradies in je- ^er Kinderfeele: werdet Kinder, und das Himmcl- ich ist euer! — Ist jener Kirchengcsang unwahr ad übertrieben, der auch den gebeugten Luther ins Himmelreich versetzte, und über den seine tiefste Lehre vom Sündenfall und von Gottesgnade immer Erklärung blieb: Glückselige Schuld, der solch ein Heiland ward; Berschen Uebel zu Christus Tod! — — Aber, wenn wir rasen, sagt Paulus, so rasen wir Gott, und wenn wir Menschen reden, so reden wir nüchtern. Mußte menschlicher Weise Adam fallen? Lasset uns den besten Zeugen, ihn selbst, fragen! Mußtest du fallen, Adam? „Unsinniger, wird „er sagen, was war mir leichter, als das Gegen- „theil? WarS nicht Ein Baum? hatte ich nicht al- „le Baume ? wars nicht Gott, der mirs gesagt? *) Offenb. Joh. 22. Heeders Werke;. Rel. u.Theol. VI, M 178 Ae l le ste Urk u n d e „und was hotte mir der Gott gegeben! was stand „auf dem Apfel für Strafe! die mir der Allbarm- „herzige, der immer verschonet, und nicht gern „straft , und nicht von Herzen die Menschen betrüget, aus freyer Gnade jetzt nur also gemildert! „Schuldner seiner Barmherzigkeit bin ich, bis ich „zu Staube werde: ich hülle mich in den Staub, „wie in mein Mutterqewand, ein, und danke mit „dem letzten Othern dem Gnädigen, der, da ich „ihn langst verwückt hatte, diesen Gottcsothem „meiner unreinen Erdhütte so lange ließ, und mir „so viele Jahre, durch Müh und Kummer köstlich, „schenkte. Gnädig und barmherzig ist der Herr, „langmüthig, und reuet ihn bald der Strafe." Tausendmal inniger, als also, würde Adam sprechen: er, dcrs wissen mußte, über den die seynsol- lende Ungerechtigkeit ergicng — aber freplich halte Adam das Wörterbuch des großen Baile und seiner hundert Gesellen, die rüstig und unermüdet Pfeile gegen den Donner schmieden, leider! noch nicht gelesen. „Lieber Adam, aber, wärest du nicht frey? „Konntest und durftest du nicht" — „Frey? ich „frey? Ungeziefer, das wider Gott summet, Vieh „der Erde, was sprichst du? — Leider wurden wir „frey, und machten uns frey, d. i. Sklaven der „Lust, Knechte der Sinnen, war das Freyheit? „Freyheit war da verlohrcn! — In Gottes Gebot „war Freyheit: das war der feste Ruhepunkt, „worauf das Kind sich stüzen sollte, eine ganze „Welt zu überwinden. Ein Punkt ausser der „Welt, um Alles in ihr nach Gott zu lenken: des Menschengeschlechts. 179 „das war Freyheit, im Abgrunde des göttlichen „Schoosses. — Da der verscherzt war, Thier der „Erde, ist in den Sinnen Freyheit? mußt du nicht „deinem Triebe folgen, wie das Nad dem ziehenden Rossee Was deine Vernunft dir vorHaukelt, „sie, die Schattenleuchte deiner Sinne und Triebe, „das Zeigeblatt, das sich mit jedem Dunste der „Lust ändert, mit der Gaukeley, mit der Thieres- ,,spräche wollt ihr Gott trotzen, mit ihm rechten, „ihm ins Antlitz schlagen? Meine Kinder, wo seyd „ihr? in welchen Jrrhainen lustwandelt ihr, die „euch nicht einmal Schatten geben; und verlaßt „die lebende Quelle? — So lang ich an Gott „hieng: sehet, da war ich frcy und groß und „mächtig. Wie Eva selbstfreye, mit eigenen Au- „gen sehende Göttin seyn wollte, ward sie — „Schlange, und auch Schlange gegen mich. Da „konnten wir nichts mehr: da folgte ein Muß auf „das andere: Schaam, Reue, Furcht, Zittern, „Strafe; gegen die alle wir nun nichts vermochten: „das Rad rollte in Abgrund, und nur du warst „endlich, freyer gnädiger Vater, der den Tod ein- „hielt und, die Strafe milderte und theiltc. Er „gab uns Lullen gegen unser Elend, und was ich „unter dieser Hülle trage, glaubet ihr, es ist Frey- „heit des Paradieses? Freyheit, die ja jede Schlange „und jedes Thier hat! Droben, auf jenem Baume „blüht Freyheit! — Das nicht thun, was ich lei- „ber! wohl thun konnte, nicht frey seyn wollen, „das ich leider! wollte, das war die Achse der „Gottheit in meinem Kreise; jedes andere M 2 aSo Aelteste Urkunde „ist Schlangenfreyheit- viehische Sinnenknecht- „schast-" „Lieber Water aber, du würdest betrogen, nicht „von der Schlange, nicht vom Weibe, sondern» „zittere nicht! — von Gott betrogen, der die „Schlange dahin sandte- dich betrügen zu sollen. „Siehest du Nicht deinen sterblichen Erdkörper, der „(wenn du Zergliederung verstündest und seinen „Bau kennttcst!) gar nicht Unsterblich seyn konnte ! „Du solltest sterben, denn du wärest Erde: Das „Feld mußte bewohnt werden, dazu wars da: dein „Weib sollte gebahren: denn sieh einmal, dazu sind „ihr" — „Untrügliche Weisheitsnarren , die immer „in ihrem eignen Koth wühlen und sagen: nichts „ist drüber! Soll ich blind seyn? habe ich nicht „den Baum der Unsterblichkeit gesehen, hätte von „ihm gekostet, Saft in meine Gebeine genossen , „soll ich meinem Gott nicht glauben? freilich war „Alles nur Gnadengeschenk, nicht Pflicht und Na- „tur; meinem Ursprung und Körper nach war ich- „auch im Paradiese, sterblich, ein gcbohrnes Thier „des Feldes. Er gab mir aber das Paradies, wie „er mir den Leib gab, der sich ja nicht selbst form- „te: der Baum der Genesung war mein, so wenig „aus Naturpflicht und Schuldigkeit- als sich mein „Erdklos ja aus Erdgesetzcn nicht belebte. Versteht „ihr das? fühlet ihr das nicht? Und ist mir der „Lebensbaüm nicht für alles andere Bürge? *) Die Lehre Luthers lls eerno arvitrio und der Felscngrund seiner leider! verlassenen biblischen Offenbarung» des Menschengeschlechts. rl?r „Der Gott, der die Pflanze, den Baum, so viel „Geschöpfe, anders als dies Vieh fortpflanzct ,,und belebet — was störet ihr mich mit Grillen, „von denen ich nichts wissen mag; jenseit deS „Cherubs habe ich mich, ein brütender Mystiker, „nie mehr gewaget. Weiß ich nicht, wie ich mei- „ne Männin voraus liebte, umarmte, im Blick „Gottes ein reiches Geschlecht voll eben so warmer „reiner Liebe und Umfassung sah, che uns das „Endo aller Paradiesesfreuden, die Schaam, wahr, „lich nicht knüpfte, sondern sonderte, uns gegen „einander voll Schauer und nicht voll Liebe mach- „te! Sähe der Schöpfer meine Schwäche, meine „Thocheit voraus — Unbarmherzige, fühlet ihr „nicht, wie michs beugt, daß er sie sah, daß er „einen so schwachen Erdklos sich in seinem Erstge- „bohrneiz gleich dachte! Doch Dank dir, Vater, „daß du's sähest, auch für alle Thorhest, die ich ^begierig, so väterlich sorgtest. Wo ist ein Gott „wie du? Er ist ein Fels: alle sein Werk ist vollkommen: alle seine Wege Gericht, Weisheit, zuvorkommende Ucberlegung, Valcrgütc. Er sorgt „für alle und auf alle Wege: ein Fels in der „Noth, voll Lebensquelle, Ocls und Honigs auch „für Selbstverirrte in der Wüste." „Vater Adam, wir nehmen aber an dir Theil" — „Und darf ich euch dafür danken? Scyd ihr „nicht meine Kinder? was hättet ihr ohne mich? „was wäret ihr ohne mich? Wohlan! schüttelt die „euch so verächtliche Adamsnatur, die Menschheit, „ab, und seyd nichts! seyd Kröten und Schlangen —" AeIteste Urkunde 182 ,,Aber die Erbsünde" — „Grausamer Vor- „wurf! von Kindern, von all meinen Kindern! „Und hats mir nicht genug gekostet, daß ich sie „euch gnb, daß ich als Erbrheil sie euch Nachlassen „mußte? Könnet ihr euch den Stammvater eines „Geschlechts denken, könnet ihr? und der nun das „fühlet, wie er für Alle, für Alle nicsits als das „gethan, Alles verscherzt hat. Wurde die Bürde „mir nicht schwer genug? kroch mit ihr zu Grabe „und starb des Todes — in welcher Dämmerung! „was sah ich nicht, das ihr sehet! Habt ihr nach „dem Falle ein Wort von mir, als das Bekennl- „niß meiner Schwachheit und Thvrheit ?*) —" „Erbsünde rücket ihr mir vor, und was für „Fülle der Gnade und Gabe habt ihr dagegen! „Habt ihr ein Buch von Lasterthatcn, damit ich „euer Geschlecht verschlimmert ? meine erste Jugendsünde, wie lange, wie tief bereuete ich sie! und „half meine Reue, wenn Gnade, die für euch sagte, „euch nicht lange zuvor, als ob jeder von euch Adam „wäre, überdacht hätte? Und wie wendet ihr diese „euch umstremende, freie, unverdiente, eure an- „gcbohrne Neigung unendlich überwiegende Gottes- ,,gnade an? Wie tausendmal habt ihr meinen Fehl „vorsctzlich erneuert? wen von euch sehe ich, den „ich an meine Stelle zu setzen nur mit Einem „Blick würdigte? Dich? dich?" *) r Mos. 3 , io. 12. Selbst die Namen der Kinder gicbt nachher die Mutter der Lebendigen, Eva. dcS Menschengeschlechts. rA3 „Deine Sünde wird uns aber selbst zugerech- „net, Vater!" „Zugcrechnet? versiebt ibr das edle „Wort nicht, so reißt euch los, werdet einzelne „Erdschwamme, und laßt euch nichts zurechnen c „euch weder unter meinem Geschlecht, noch unter „seinem Nach begreifen. Beydes speye euch aus. „Der Gott, der Alles in Einem sieht, der in mir „euch alle schuf und sah zur Sünde, und in sich „selbst in seinem himmlischen Sohne zur Seelig- „kcit, mußte er euch nicht zurechnen, euch hier „zum Tode, dort zu höhcrm Leben ordnen? Oder „seyd ihr etwas ohne ihn, ohne seinen freyen Rath? „Ncgts euch nun nicht, daß Gott euch in sich „selbst, in seinem Herzen sah, seinen Sohn euch „nicht zurechnete, sondern gab, euch selbst eurem „Geschlecht einverleibte, daß sein Geist Othcm des „Lebens wieder in die zerrüttete Modcrerde hauchen „und Gotkesgeschlecht daraus schaffen könnte — „regt euch das nicht? Fühlet nicht die Eingeweide „seiner Erbarmunq wallen, da ich siel; die Saiten „seiner Gottesempsindung durch alle Wesen zittern „und wiedertönen und fortzittcrn, bis er das Hcrz „seiner Eingeweide, den Sohn und den neuen Geist „seines Othcms euch einpflanzte und seine Natur, „statt meiner, in euch hervorbrachte! Fühlet die „Gottesweisheit, die Vatermilde, das höchste Gesetz der Sparsamkeit seiner Schöpfung nicht, daß „er mit Einem für Alle zufrieden war, und zwar „mit sich selbst, statt euch allen, in eurer Natur, „Gott in Christo, die Welt mit ihm selber versöhnend, damit er ihnen nichts zurechnen dürfte, „und Alles zurechnen könnte: ihr alle in Christo, „in Einem Unschuldigen, die ganze Gerechtigkeit rö4 Aelteste Urkunde „Gottes — fühlet ihr das nicht? Nicht, meine „Söhne! nicht, Christus Brüder! — Witzelt also, „sagt, was dort zugerechnct, werde hier abgerechnet „und so gehe cs auf" — Erster, einfältigster unsrer Vater, verzeih, daß ich deine Stimme und Person aufricf gegen deine Kinder: ich, dem die tiefe Größe deiner schweigen, den Gestalt mindestens im spatesten Nachhall deines Schattens erschien und Ehrfurchtsschauer erweckte dem ersten, starken, mühvollen Dulder! du ath- mest im Paradiese, und wenn du, Erstgebohrner Gottes, Stammvater, die lichten Folgen deines Geschlechts, die dein Gott und dein Solm daraus entwickelte, sichest und unsre Zweifel, Nebel Jrr- thümer, Frechheit hörest — Vater deines Ge, schlechts, ich wischte den Staub von deinem entweihten Bilde, riß etliche Dornen und Disteln von deinem Grabe — da bin ich blutig! da fahrt mir ' eine Otter an die Hand! -- Vater Adam sie fuhr von deinem Grabe auf! Und du, sein Sohn, mein menschlicher Bruder, nimm, was ich dir zu geben vermochte, wirf, wenn du gelesen hast, alles Gerede weg, und lies die Kindererzahlung der Bibel. Fühle und übe und bilde sic vor. In allen Kindern lebt diese Geschichte: die Natur Adams unsre Natur, seine Geschichte der Inhalt der Welt, unsres Geschlechts ganzer Knote, wie Jesus die ganze Auflösung. Lies und bilde sie vor, je kindlicher, einfältiger, spielender, je besser. Ihre erste Sünde ist noch immer die Sünde Adams, jede ihre bessere Regung Spur, Seufzer, Rückkehr ins erste Paradies hin. des Menschengeschlechts. röS Vater, Mütter der Lebendigen, sehet hier die Erziehung des ersten Vaters. Auch sein Sohn mißricth ihm, wie wachte er aber und wandts zum tauscndartigen Besten. Das ganze Wort der Gnade ist nicht für die Gesunden, sondern für die Kranken gegeben, für die Wiederkehrendcn und nicht für die Gerechten. Wenn bringet ihr euer Kind so weit, daß sich selbst seine Fehler nur wie hier entwickeln ? Der erste Ungehorsam im Gewände der Schaam, die Schaam im Gewände der Schuld, die Lasten der Menschheit, heilige Bürde der väterlichen Strafe, der erste kleine Fehltritt, das Spiel eines Apfels, Arznei bis zum jüngsten der Hage -- Und Alles wie leicht, wie jugendlich, wie im Scherz der Vorsehung! Ihr sehet in der ganzen Geschichte keinen ergrimmten Blick, keinen betrogenen zornigen Richter. Es gehet, wie rund um den Baum, rund um den Apfel, „Lasset uns Menschen machen, wie wir sind, Ihr werdet seyn, „wie Gott --— Siehe der Mensch ist worden, „wie unser Einer." „Eure Augen werden aufge- „than werden: da wurden ihre Augen aufgethan „und sahen. — Ihr sollt nicht essen vom Baum „der Erkenntnis; welches Tages du davon issest, „wirst du des Todes sterben — Esset: welches Ta- „ges ihr davon essen werdet, werdet ihr seyn wie „Gott, und wissen, was Gut und Böse ist--- „Siehe, Adam ist worden als unser Einer, und „weiß, was Gut und Böse ist: damit er nun „nicht auch u. f." So treibt, so entwickelt sich dje Geschichte, wie um ein Wortspiel. „Sie schä- - l86 Aeltcste Urkunde „meten sich nicht und nun — sahen sie, daß sie „nackt waren." Nichts mehr? So fragt Gott: so fängt er von der Schlange „nun wohlan! weil „du solches geihan hast!" an: die herbesten Folgen werden, nach Eigenschaft der Ursprache, blos weissagend gesagt: „weil du das thatest, das ist die „Folge" — Die Scheibe läuft umher, und ein ganz ander Geschöpf stehet da, statt des nackten, der bekleidete Adam, statt des honigsauqenden Schmctterlinges im Paradiese die blätterfrcssende Raupe — und doch dasselbe Geschöpf, in Gottes Hand Ein Adam. Es ist, als ob Zeit und Jahrszeit nur sortgerückt sey: statt der lobenden Lerche, statt der liebelockenden Nachtigall schlägt jetzt die Wachtel der Garben — Wie Alles, so ist dieser Ton des Stücks feiner hohen Wahrheit und Göttlichkeit Siegel. Offenbar schriebt, erzahlt's und lenkt's kein Mensch, dem selbst sein Weh und Kummer und sein liebes tägliches Brod hart siel; sondern Einer, der nicht dazu zu gehören schien, der dem Spiel, als seiner Verwandlung, zusah, und den schönern Ausgang wußte. Die arme Raupe soll wieder'Schmeiterlig werden im bessern Paradiese; nur kurz sollt du, mühende Wachtel, schlagen und bald in Lüsten dich aufschwingcn, in neuen Gebüschen ckieben und loben. — Wenn, wie jemand will, eS überhaupt Ton der Götter auf Erden ist, von hohen Sachen niedrig, und von geringen hoch zu sprechen, das Wichtigste durch einen Einfall zu enden und überm Nichts sein Leben zu verlieren; so hat sich auch hier die Gottheit der Menschenthorheit bequemen wollen. Am Baume hindert sie nichts und —kleidet den Menschen. Sie deS Menschengeschlechts. 187 verbeut, sie strafet und — sagt: Adam ist worden, wie unser Einer. Der steifen Pedanterei kanns mißfallen; dem lenksamen Kinde giebts Wonne der Aussicht. Ein Spiel ist Gutes und Böses in Gottes Hand, und, wenn wirs wollen, ein Spiel zum Gewinne. Gerade die drei größten ähnlichen Falle der biblischen Geschichte entscheidet Gott eben so. Jenes Spiel Hiobs, es ward von einem „was gilts? versuchet" veranlaßt, und nach so philosophischen Untersuchungen, die alle nichts waren, durch einen Wettstreit in Frage und Antwort, durch die lebendige große Fabel der Welt, vom Löwen und Raben, Waldesel und Gemsen, Adler und Straus, Leviathan und Behemoth geendigt. Das Schicksal Ninive gicng, trotz des murrenden -Propheten unter dem Kürbis, durch Wurm und Kürbis aus. Die verfluchteste Stadt hatte durch zwei und drei gerettet werden können. Völker und Sprachen entstanden durch einen thörichten Einfall der Himmelsstürmcr und durch eine Neugicrslaune des Herrn, ihren Wahnsinn durch Nichts zu enden, durch Hauche, die sie selbst sprachen. Die größeste Entwicklung des Weltgcheimnisses kam den Menschen in Gleichnissen und Rälhseln des Lehrers aus Gottes Schoos^ Hier wars nun Zeit , die Weisen und Dichter zu befragen, jene mit ihren vortrefflichen Entwicklungen der menschlichen Freiheit und des Uebels der Welt der natürlichen und positiven Gesetze der natürlichen und positiven Strafen i83 Atteste Urkunde des Menschengeschlechts. und weis sie darüber mit tiefsinnigem , mürrischen» Unsinn gepredigt. Allein wann würde ich enden k — Sodann wäre zu zeigen, wie vortrefflich diese Kindereczählung in ein biblisches Heldengedicht verwandelt worden, wo jede Zeile freilich Gedicht, Heldengedicht ist, tönend wie eine Posaune, aber auch keine mehr Wahrheit, menschliche, biblische Wahrheit, eine jegliche tönt, dichtet, bildert, lügt und ärgert. Ich wiederhole das harte Wort: tönt, dichtet, bildert, lügt und ärgert, ob ich gleich mit der aufrichtigsten Demuth bekenne, daß die schlechteste Zeile des großen Gedichts völlig über meine Kraft ist. Jüngling an meinem Buche, wenn dir Ein Strahl der Enthüllung ins Herz traf, so wirds dir Gottesraub und Frevel gegen dein ganzes Geschlecht scheinen, Eine einfältige Sylbe dieser Kin-> dererzählung hinweg zu dichten. Auch meinen elenden Erdkommentar tritt zu Füßen, und schwimme selbst in den Wolkenschleyer voll Morgenrvthe, w- Feld beginnet und Eden schwindet, Fortgang des Menschengeschlechts. Geschlechkssagen. c. Mos. 4. §. 6. Erster Zweig. Kain und sein Geschlecht. Adam erkannte sein Weib Eva: ist das erste und einzige Wort vom weitern Leben Adams. Nur als Stammvater und Sterbender sollte er erscheinen. Eva gebahr, und nannte, sie aller Lebenden Mutter. Adam nannte sie. - Fast hielte ich auch die beiden Erstgebohrnen für Zwillinge, die an der Zwillingsbrust ihrer Mutter lagen. Es war die erste Geburt, das Urbild. Sie gebahr, und entzückt rief sie: ich habe! er ist mein! und nannte ihren Sohn Habe, Besitz- lhum, Kain. Ec war Gottes- und Adamsbild, ein Mann; stolz rief sie: „wohl mir! ich habe ei- „nen Mann vom Herrn. Einen künftigen Beschützer, Mithelfer, Streiter gegen die Brut der .92 A e l t e s t e Urkunde „Schlange und unsre Uebel des Lebens. Adam, „einen Sohn." Sie fuhr fort zu gebähten, und nannte, entweder aus großem Schmerzen, oder aus Schwäche des Knaben und aufsteigender trauriger Mutterahnung, den Zweiten ihres Leibes „Trauer! Mir ah- „net Unglück an ihm. Nichts, Eitelkeit, Hingang: „wir werden ihn verlieren." Oder Abel ist der nachhin gegebene Name, ein Denkmal der ganzen Geschichte seines Lebens: denn es stehet nicht, daß Eva ihn nannte. Abel ward ein Schäfer, Kain ein Ackcrsmann. Der erste, vielleicht auch stärkere, erbte die Lebensart seines Vaters; der zweite sammlete sich das sanfteste, nutzbarste Wollenthicr zur Heerde. Siehe dir zween ersten simpelsten Stände der Menschheit. Der Naturlehrer unsrer Zeit,*) ein Mann von erhabnem Geist und wahrem Blick in die Schöpfung, der fürwahr! nicht einer Bibel zu gut dichtet, sindets fast unerklärlich, wie das zahme, zarte Schaas sich ohne Mcnschenschutz und Sorgfalt erhalten können. Hier ist der Aufschluß. Es war das erste Thier, das sich der Menschenpflcge übergab, und woran sich Zucht und Pflege des Thierreichs übte. Es ist nicht wild, ein gebohrner Nachlaß des Paradieses. Durch seine Natur gleichsam sprichts zum Menschen: „du bist mein Hirt! so mangelt „mir nichts. Du weidest mich auf grüner Aue und *) Bussen vom Schaas. des Menschengeschlechts. ig3 „und führest mich zum frischen Wasser, erquickest „mich und leitest mich mit sanftem Stabe." — Es begab sich aber nach Ende der Tage, daß Kain opferte und Abel opferte auch. Wir hören durchhin den Ton der Hnusgeschichte, der einfältigen Familiensage, die streng und rasch zur Hauptbege- benheit fortgcht. Warum opfern sie? wie? auf wessen Befehl? jetzt das erstemal? — Mich dünkt, die Worte: „Abel ward ein Schäfer, Kain aber ein „Ackersmann, und es begab sich nach Ende der „Tage, daß Kain dem Herrn Opfer brachte von „den Früchten des Feldes, Abel aber brachte auch „Opfer u. f." sind Wink genug aus der Einfalt damaliger Zeiten. Zween Söhne Adams treten ihre Lebensart an auf der wüsten Erde. Ist sie dem Herrn gefällig? wird er sie segnen? Dir, Vater, wies er selbst dein Loos an, wir wählen das unsere auf deinen Befehl: alles uns unbekannt, schwer, fremde, feindlich: jedes Gute trieft vom Segen Jehova's. — „Er hat euch gesegnet, Kin- „der, das Jahr ist um. Nimm, Kain, von dci- ,,ncs Feldes Beute, und du, Abel, das Zarteste „deiner Heerde und tretet für seinen Altar, und „ladet ihn ein und gebets ihm zur Gabe. Er darf „keines Fettes der Schaafe: der Duft des Feldes, „das der Herr gesegnet hat, ist sein erquickendstes „Opfer, und Freude, und Wohlgefallen der Menschenkinder. Aber er wollts! wir geben, was wir „haben, was können wir mehr? thuts, Kinder, „mit ganzem, willigem Herzen, dankbar. Ec wicdS „anfehn, väterlich ansehn" — Und sie brachtens-t: mit so ungleichem Erfolge. Heeders Werke z. Rel. u. Lhevl. VI. N Kein Wink also über den Ursprung der Opfer? eS kommt eine Menschenhand aus der Wolke und beut es Gott dar. Im Fortgänge dieses Werks werden wir die ältesten Denkmale dieses sonderbaren allgemeinen Gottesdiensts auf unsrer Erde sehn, die Stimmen sammeln- Selbst die Beschaffenheit vom Opfer Abels ist noch nicht ausser Zwist. Wars Fett der Schaafe oder ihre beste Milch? Ein unblutiges oder blutiges Opfer? Welches war das erste? wie kam das grausame Blulopfer auf? — Wir nehmen hier nur, was uns die klare Geschichte gicbt, und freuen uns an ihrem einfältigen kindlichen Tische — Da sähe Gott auf Abel und seine Gabe; aber auf Kain und seine Gabe sah er nicht. Warum nicht? weil ihm die Art des Opfers mißfiel? weil Kain ein schlechtes brachte? Oder weil ers schlecht brachte? Ungläubig, wie Paulus sagt, als Knecht, als Lohndiener, und nicht als Kind. Durchs Anhängen an Gott, durchs Greifen ins Unsichtbare, durch den Glauben that Abel ein größer Opfer als Kain: nicht in Kain loderte die Flamme, sondkrn äusscrlich auf dem Altar. Die sähe Gott nicht an: sie war, als ob sie nicht wäre. „Wie sähe Gott auf Abels Opfer? Durch eine „Feuerflamme vom Himmel, oder durch Zinsen aufs „folgende Jahr?" — Was wollen wir den Ton der lieben Geschichte durch elende Vermuthungen unsres Geitzes oder unsres Wahns stören? Hätte Abel der Zinsen wegen geopfert — da war ja ein Mann, der eben ihretwegen opferte — Kain, wie des Menschengeschlechts. iZn giengs ihm? Bringen wir doch das unreine Fett, womit wir opfern, überall hin, machens zum einzigen Blick Gottes, den wir erwarten! — Die Sage spricht kindlich: Gott wandte sein Daterauge darauf; nahm die Gabe des guten Kindes an, und that, als ob er die andre nicht sähe. Daß dies eine gegenwärtige Empfindung beider bei ihrem Opfer gewesen, zeigt der unmittelbare Zusatz: Kain ergrimmte und schlug sein Antlitz zu Äoden. Alles ist Eine Gegenwart, Eine gewisse dastehende Handlung. — Ergrimmet er etwa nach Einem Lahr, als er die Zinsen berechnet? Kaum siehst der Vater, Gott, den glimmenden Funken im Herzen seines zurückgesetztcn Sohnes; so schweben ihm alle Flammen vor, die der Funke geben könnte und würde. Freundlich spricht er zum Erstgebohrnen: „Warum zürnest du, Kain, „und schlägst dein Angesicht nieder? Nicht wahr? „Ein guter Jüngling blickt auf, er darf sein Angs- „sicht zeigen. Ein böser aber: hüte dich! da liegt „ein Löwe*) vor deiner Thür. Er hat Lust zn „dir: er leckt von ferne dein Blut schon; aber auf! „wapne dich, scy Kain, treibe fort den Löwen, *) Bekannter Massen ist das ^ 2 ^ «in Bild vom Löwe», der mit übergeschlagenen Füssen daliegt und lauret. Lette giebts gar sul>8tantive einen Laurer (L^mb. Li-em. 1 °. I!l. x. 562.) von liegenden Lhicren wirds gebrauchr, und das bestätigt hier der Ausdruck: vor der Lhür. N 2 Aelteste Urkunde 196 „daß. deine Hütte frey sey" — Konnte Kain, der Jüngling, der Ackermann, der Erstgebohrne, treffender, väterlicher gewarnt werden, als also? Von seinem Antlitz gehet Gott aus, und tbnt ihm kein Unrecht. Ich höre das Schnauben deiner Nase: dein Blick liegt zur Erde: Kain, was ist dir? hältst du dich von mir beledigt? — Ein edler Jüngling (börets Eltern! hörets Jünglinge und Kinder!) trägt sein Gesicht empor: im offenen Spiegel seines Antlitzes schwebt die reine offene Seele. Dies erste Vaterwort Gottes an den Erstgebohr- nen menschlicher Söhne, war Physiognomie; Frage der Seele vom Antlitz, Bildung des Antlitzes in einer guten Seele. Hörets Eltern, hörets Kinder, der unverdeckbare, untrügliche Spiegel ist vor euch. Er kann euch — ein Angesicht Gottes — glänzen und die Güte eures Herzens, wie die Sonne am Himmel, predigen; oder ihr könnet ihn trüben, zum Abgrund trüben, zur Erde Hinwersen, verlieren das Antlitz Gottes und ein zerbrochener, mürber, gestaltloser, schlammiger Staubklos werden . voll Spuren des Ganges der Würmer. Verbergt die Glut in eurem Herzen: das Schnauben eurer Nase vercäth euch! — „Warum schnaubest du „Kain, und schlägst dein Antlitz zu Boden!" Kein trügender, trügbarer Mensch; der Menschenbilder und Nierenprüser sprach also. — , Nicht also? wenn du Gutes thust, so darfst du die Augen cm^er heben — tief ist er in Kindes Herzen, entfaltets und läßt es selbst darinn le- des Menschengeschlechts. 197 scn. Nicht wahr? wenn du Gutes thust, so darfst du empor schauen — eS ist die erste und ewige Kindeserfahrung: merket es Eltern! Kinder sühlets. Die einfältigste , mächtigste Probe, was euer Herz saget, wie ihr seyd? wie ihr jetzt seyo? wie ihr in dem Geschäfte, gegen den seyd? wie ihr gegen Gott und Menschen seyd? gut oder böse. Die ewige Lehre des lautersten Gottes - und Menschensohns, Jesu, und seines Nachbildes, Johannes, war: „Das ist das Gericht, daß Licht in der Welt ist, ,,und Menschen das Licht fliehen. Wer Arges thut, „muß lichtscheu seyn, und darf nicht ans Licht, „sonst werden seine Werke von jedes Bessern Blicke „gestraft. Wer aber Wahrheit thut, der kommt „ans Licht, daß seine Werke offenbar werden: denn „warum sollten sie's nicht? sie sind in Gott ge- „than. Gott ist Licht, und in ihm keine Finster- „niß. So wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit „ihm haben, und wandeln im Finsterniß, so lügen „wir; so wir aber im Licht wandeln, so haben wir „auch Gemeinschaft unter einander. Und das ist „die Freudigkeit, die wir haben zu ihm, daß uns „unser Herz nicht verdammet, und daß wir nicht „zu Schanden werden vor seinem Angesichte." Siehe da, das erste Kindesgebot Gottes: wenn du Gutes thust, darfst du empor schauen. Thust du aber nicht gut: da liegt der Löwe^) *) Merkwürdig ists, daß hier die Sünde gar masoul. gebraucht wird, um in als Wild oder Löwe dargestellt zu werden, (s. d. vor. Amncrk.) und ja keinen Mißverstand zu erregen. igg Aeltcste Urkunde wie gcweiffagt, was tief in Kain lag, bald nachher ausbrach: der Löwe konnte sich nicht anders, als mit Blute küssen " Und wie geweissagt für dcn Ackermann Kain! Wenn dem der Howe vor seiner Hüttenthür lag, da galt kein Tändeln, kein Zögern. Tödte ihn, oder er hat Lust zu dir, er dürstet Blut! Und wie zugerufen dem Erstgebohrnen: Sohn Adams, herrsche! tödte ihn, und kleide dich in des Erwürgten Gewalt, ein Sieger! Ermanne dich und scy größer als dein Herz. Ueberwinde Und doch hat der neueste Erklärer einen Abscheu daraus gemacht: „Das Bild ist von dem weiblichen Geschlecht genommen, dessen Begierde (Cap. 3 , 16.) auf die Mannsperson gerichtet scyn würde. Wie aber der Mann über die Frau — — lauter Bilder, die den ersten Menschen begreiflich waren u. f." O erste Menschen, weicht Schandflecke ihr seyd! So tag das Weib, von der K. 3 , r6> die Rede ist, vor der Thür und begehrte! Kain hatte seine Mutter vor der Thür liegen sehen — „den ersten Menschen lauter gewöhnliche Bilder!—"Und nichts hat auch ein Staubkorn zum Grunde. Das wird ganz eigentlich von Khieren gebraucht, die niederge- sallen oder sich gelagert: das gilt wieder eigentlich von Lhieren, die anlaufen, gierig zurück kehren und wieder anlaufen zum Raube: endlich wird gar das rnnscnl. gebraucht, ganz wider seine sonstige Bedeutung, und doch! und doch! „Die ihm begreiflichen Wilder" 7^."^' 'i- des Menschengeschlecht«. 199 dich selbst, und sey der stärkere Erftgebohrne! — Einzige Rettung vor dem Stolze, einen edlcrn Seolz zu erwecken, der sein Feind sey, der den Löwen tödte. Aber Kain ermannte sich nicht: er ließ ihn schlafen, den Lewen, spielete mit ihm; und der Blutgierige hob sich. Das Wort des Vaters war vergebens. Die Pharisäischen Weisen rühmen, daß, da die ersten zween Brüder, die Gott selbst, wie sie meynen, zum Lehrer gehabt, einandcr todtschlugen, unsre Brüdcrzeit sich nicht einander würge, mithin — denn mindere Folge kanns nimmer geben — die Mosaische Geschichte abgeschmackt sey, immer Götter und Teufel paare. Die Dichter, eben so verlegen, was sie aus Kain machen sollten, haben ihn bald zum Teufel, bald zum Braven gedichtet, dem der süsse Schäfer nur immer in den Obren schwirre — und so ist wieder alle Theilnehmung der gesunden Vernunft verlohren, oder man nimmt Theil, gerade, wo sies nicht wollen. Lasset uns auch hier nichts als Geschichte der ersten zween Brüder, simple Menschheit, suchen, nach der Erzählung, die offen daliegt. Setzet ein Paar Verschiedene, Mann und Weib, und sie fügen sich ineinander, je verschiedener sie sind; die Ehe ist höchstes Bild von Zween, die Eins sind. Stelle Ellern und Kinder zusammen, die Verschiedenheit ist zu ungleich. Eine Rabenmutter, die ihr Kind erdrückt; eine Spinne, die den verschlingt, der sie erzeuget. Fügt sich nicht Ast und Baum in einander? Nun aber zween Brüder, Zwillinge / mit gleichen Ansprüchen , auf 200 Aclteste Urkunde Einer Stuffe des Lebens — was leichter, als Eifersucht, Neid, Kampf, Zwietracht? „Du der „Erstgebohrne! du stärker! —" das ist schon ein schwerer, böser Neid: hier hat die unüberschauliche Natur geordnet, an die wir uns gewöhnen, wir söhnen uns mit ihr aus. „Nun aber ich der Erst- „gebohrnc, der Stärkere, die Stütze des VarerS, „s«n Bild, er der jüngere, schwächere, ein Mit- „leidswürdiger Schäfer. So lange er hingieng „und nichts seyn wollte, litte ich ihn, half ihm „sein eigen Werk bauen, beschützte Schaafe und „Schäfer, wo keins sich schützen konnte: ich galt. „Nun knien wir beyde mit unfern Gaben; Gott „soll entscheiden: wer hätts gedacht? wer nur ner- „muthen sollen? Jener — ec! und nicht einmal „beyde gleich: ich verworfen — verworfen gegen „ihn — ihn — mit dem ich mich nie verglich !" Der Löwe trat auf seine Füße. „Nachen kannst „du dich nicht an ihm, der dich verwarf — was „ist Er! wie kannst du an ihn? — Und gegen „diesen? wie rächen? er schleicht ja so demürhig „einher, will keinen Vorzug, weiß daß ihm nichts „gebühre! Und eben das hohet ihn nun: Vater „und Mutter an ihm: er der Prophet, der Liebling Gottes: ich gelte nicht mehr! — Da ist keine „Rache, als er muß weg, ganz weg, daß Er oder „ich nicht mehr sey. Also — laß uns hinaus „aufs Feld, Bruder,"*) und jeder weiß was folget. *) Bekannter Massen des Samaritaners, Syrers, der Largums, der 70, und der altenJtalaWorte. des Menschengeschlechts. 201 Natürliche Geschichte der Eifersucht, des Bru- dcrkampfes und alles sogenannten edlen Haders. Das zweite unter zwecn Gleichen will nicht Zweites scyn; das ist Satans Fall, Höllenhochmuth. Das zweite Schwächere soll übers Erste, Starke siegen, mit dem es sich selbst kaum zu vergleichen waget, und sieget durch Etwas, dem das Erste gar nicht nachstrcbcn mag, durch seine Schwache, durch Nichts, die Demuth: das war Kains Schnauben, Jsmaels Schnauben, Esaus Schnauben, Eliabs Schnauben, das Schnauben aller Pharisäer gegen den verachtetsten Menschcnsohn, der — sehet, eben seiner Demuth wegen — Gottes Sohn ist: das ist der einzige und ewige Hader der Großen und Edlen dieser Welt gegen des gekreuzigten Herrn der Herrlichkeit Reich und Herrschaft, die sich immer gleich ist. So siel das erste Opferlamm Gottes, ein De- müthiger, in Trauer gehüllet, den Gott vorzog: so fiel das größte Opferlamm aller Zeiten und färbte mit Blut sein unschuldiges Opfer, das nichts wollte und Alles verdiente: so wird der letzte Erwürgte am Altar Gottes sterben. ,,Um des Worts „Gottes willen und des Zeugnisses willen, das sie „hatten: und wenn sic ihr Zcugniß geendet haben, „so wird das Thier, das aus dem Abgrunde auf- „ steigt, sie überwinden und wird sie tödten, und „ihre Leichnam werden liegen in den Gassen der „großen Stadt Sodoma und Aegypten, da auch „unser Herr gekreuzigt ist. Und alle Völker, Ge- Es ist in der That nicht zu begreifen, woher die Auslassung entstanden seyn konnte? 202 Aclteste Urkunde „schlechter, Sprüchen, werden den Leichnam, der „zween Traurcndcn, d,e mit Säcken angethan wa- „ren, sehen und alle, die auf Erden wohnen, sich „freuen über ihnen, und Wohlleben, und Geschenke „einander senden : de,nn die zween Leidtragenden hat- „tcn sie sehr gequälet." Das ist der Skreit des Aeltcsten und des Jüngsten, des Maximum und Minimum in der Natur, des ganzen Reichs der Erde mit dem Himmelreich im verwesenden Senfkorn und in der kleinen verachteten Perle. — Aber du wurdest gehört, Blut des Gerechten, gerochen am Starken, der ,über dich Vaters Reich, Hütte und Alles einbüßte; und „ein ander Saame gesetzt „für Abel, de« Kain erwürgt hat." Welch ein Schauspiel, der erste Todte auf Erden ! Ein Erwürgter, ein von seinem Bruder Erwürgter, der schwache, Traurende vom starkein Erstgebohrnen, der Rechte seines Vaters. Baker Adam, eines wie vielfachen Todes starbst du da! Du in deinem Sohne Mörder und Ermordeter in deinem Sohne! und ewiger Flüchtling in deinem Sohne! Beyde Zweige von deinem Stamme gerissen und deine Hütte wieder leer: ja! nicht leer, dein Herz irret mit Kain auf den Bergen und schlagt mit Abel im Blute, und hört ewig Geschrei) des Flüchtigen, Blut des Erschlagenen! Und dein Weib, die Mutter aller Lebendigen, im ersten Lebenden, in dem sie den Mann von Gott umfleug, hat sie den Tod gebohrcn, Tod dem Bruder! Zerreisscn der Hütte, ewiges Leid ihren Schwestern und Weibern. Ist in der Geschichte eine schmerzliche Menschenthat, wie diese? „Eva wcinei um des Menschengeschlechts. 2v3 „ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen. „Sie bluten im Staube, sie irren auf den Gebirgen. ES ist aus mit ihrem Geschlechte." Blätter des Schicksals über Erden-Hoffnung und Vaterwunden und Mutterweissagunq und Brüderblut und Opfer und Demuth und Menschenleben, wie fürchterlich rollet ihr auf! Da sprach der Herr zu Kain: „wo ist dein „Bruder Adel t" Er fragt, wo niemand fraget: er rächt, wo niemand rachen kann. — Wie frecher ist Kains Antwort, als dort Adams im Paradiese! Der Sohn ist mehr schon gegen Gott, als der Vater: Menschengeschlecht, du rollest hernieder! — Kein Trug, kein Trotz aber befriedigt den wissenden Richter! Was hast du gethan, Kain? Die Stimme deines Bruders Bluts schreyet — Hier fahrt Schauer durch Menschengebeine, und, ewige Worte, verliert nie eure Kraft! Es ist nicht Dichtung, daß Bruderblut schreyet, daß es ewig aufruft von der Erde, und daß die Mutter , die unwillig ihren Rachen aufthun mußte, um Sohncsblut von den Händen des Bruders zu empfangen, den Mörder verfluche, schrecke und unwillig trage. „Wenn du den Acker bauen wirst, „wird er dir fort sein Vermögen nicht geben! wirst „umirren zitternd und flüchtig!" Weh uns, wenn wir auf diesen zurückwirkenden Fluch der durch uns verfluchten Kreatur nicht mehr glauben! Um Vater Adams willen war der Acker verflucht worden; itzt traf der Fluch von ihr auf seinen Sohn, den ersten von Gott verfluchten Menschen, den Mörder seines Bruders, zurückprallend wieder. — Die Er- 2o/j. Aelteste Urkunde de empört sich: die Wüste ruft: der Leichnam flies- sec: Geschrei des Bims auf leerem Felde zwischen Himmel und Erde: „der Richter kommt: wo ist „Er!" Die Erde flucht, die Wüste ruft, das Blut schreiet, der Mörder fliehet: wo soll er bleiben? wen soll er sehen? den Vater, die Mutter, Geschwister, sich selbst, Himmel und Erde? — ,,Jst „denn für meine Sünde kein Rath?" rufr der aufs tiefste beklemmte, von allen Lebenden abgesonderte , allem Lebendigen und Tobten, der ganzen Schöpfung Feind: ist meine Schuld denn ohne Vergebung, aller Vergebung zu groß, zu mächtig? Siche du treibest mich heute — schnell — itzt — plötzlich von der Erde, muß überall mich vor deinem Angesicht bergen, muß zitternd und flüchtig seyn auf der Erde — verlohrcn, hülflos, unendlich elend — tausendfache Vergeltung! nicht ein Tod — Todesraub Alles, Alles, was mich findet — Gnade Gott dem Gefühl derer, die hier Trotz, pochende Vermessenheit und Verzweiflung allein fanden! Das härteste, beklemmteste Flehen eines harten Menschen, eines Ackermanns, Brudermörders, Erstgebohrnen, KainS, der keine Thrane weinen kann und aufs rührendste bittet, weil er nicht zu bitten vermag. Er fühlt nichts: hört keinen weinenden Laut vom Blut des Bruders, sieht nicht seinen geliebten Schatten, kennt weder Vater noch Mutter; fühlt sich ausgeworfcn der Schöpfung, von Gottes Angesicht vertrieben, verbannt von Allem, wo Leben, Licht, Freude athmet. Die Erde bellend, in Wüste, alle Ellementc in Wirrung, sich ewig im Nachen des Todes — Und der Er- barmec fühlt auch den innen, Seufzer des harten des Menschengeschlechts. 202 Steines: „Nein! wer Kain tobtet, soll siebenfältig ,,leiden! Siebenfach soll er gerochen werden! Auch „jm Fluche bist du mein! Ich selbst habe dich verbürget." Und Gott thut, was er sagt: ec setzt dem Kain ein Zeichen der Sicherheit, eine Verbürgung,*) und Kain zeucht aus vom Angesicht des Herrn ins Elend.**) Wo war dies Land des Elends, das Moses noch mebr mvrgcnwarts gegen Eden bezeichnet, als dort der Cherub flammet und Adam wohnte? Was war das Zeichen der Verbürgung Kains, daß nichts Lebendiges ihn tobten konnte? Start hundert alberner, darüber geschwatzter Fabeln werden wir in der Folge klare, einleuchtende, historischgeographische Wahrheit enthüllen. Wir werden Denkmale von *) Die alte deutsche Sprache kommt uns voctreflich zu statten, diese Strafe und Wohlthat, die Gott Kain zuerkannre, mit zwey Worten auszudrük- ken: Bann und Burg. Bann heißt ursprünglich Mord, Bana ein Mörder: sodenn heißt Bann Höhe, Gipfel: ein Herr, Herrengeheiß: endlich Interdikt, Bann, Verbannung, Straft. Blui»> bann ergieng über Kain, und ward verbannet ins Elend. Er ward aber zugleich gebürget, und da sind wieder die Worte Burg, Schloß, Start, Höhe, Bürge und was davon abstammt, daß alle LhareN des Geschlechts Kains sich gleichsam unter beyden Namen, die ursprünglich Eins sind, sammlen. **) S. im Anhang, das erste Fragment. 2c>6 Aeltesre Urkunde Kain, seiner That, seinem Fluch, seinem Geschlech- te finden, die uns erstaunen. — *) Spricht sie uns aber nichts mehr, diese Gok- tcsahndunq des ersten Mörders? Sein Liebling, zu dessen Tode er selbst die Flamme gewecket, das unschuldige .Opfer an seinem Altar — mit Blut de- Mörders wirds nicht gerächet: so rächet Gott nicht. Statt Eines unschuldig Erwürgten, noch Einen schuldig und also unglücklicher Erwürgten? zwey tvdtc Geschöpfe? Uebel durch ein größeres Uebel vergolten? -Vielmehr bürgt er den Unglücklichen und nimmt den zitternden Flüchtling, nach seiner harten Buße, selbst in Schutz; giebt ihm eine neue noch härtere Welt, wohin Menschen noch nicht kommen waren, wo Mörderhande und Geschlecht eines Mörders erfordert würde, cs zu bauen und zu bevölkern. Statt die Erde wüste zu machen, belebt er sie und ersetzt die Stelle des Verstorbenen. Statt Mörder hinzuopfern, bessert er sie und giebt ihnen ein Land zu harter Buße. So rächet Gott — Nur Menschen gab er die Rache des McnschenblutS mit Menschenblute, eben ihrer Schwache und der zunehmenden Herzensbärtigkeit wegen. Der erste Würger, ein Brudermörder am Altar, vorm Angesicht des Herrn, am Rande des Paradieses, wird nicht erwürgt, sondern gebürget. Spricht sie uns nichts mehr, diese Gottesahndung? Wem gab Gott das erste Zeichen? wem *) S. im Anhang, das zweyt« Fragment über die Kabylen und Beduinen. des Menschengeschlechts. 207 verbürgte er zuerst sein Work? Einem hurten Menschen — einen, Mörder in der mildesten Verzweiflung. Ihr Zeichenfordcrer, ein Wink für Euch! Spricht sie uns nichts mehr, diese Gottesahn- dnng? Eben dieselbe Vaterweisheit, die wir in Adams Falle sahen. Dort ward die Erde und hier die Wüste bevölkert, als obs dazu ersonnen, der Brudermord angelegt, die Verzweiflung Kains so weit getrieben wäre, daß dieser Fluch Trost seyn müßte! — Betrogene Frevler, die, „lasser uns „Böses thun, daß Gutes daraus komme" sprechen! Das Gute für die Welt, das Böse für Euch. Ein wüstes Gebürge blühet, und Kains Geschlecht muß den Fluch tragen. Großer Fluch, wenn du in ihn und seine Verbannung dich fühlest. Von Eltern, vom Angesicht Gottes, der heiligen Gegend seiner Erscheinung, von Segen, Natur, Allem Fruchtbaren und Lebenden abgeschieden! Der Herr der Welt, der erstge- bohrne Erbe der blühenden Schöpfung, in den schrecklichsten Winkel der Erde verbannet, umirrend, flüchtig — der Verfolg wird uns Alles in Geschichte mit Namen und That zeigen. Jetzt zum Geschlecht dieses unglücklichen Erstgedohrnen. Die Sage erzählt uns in ihrer Einfalt mehr, als dichtende Philosophen über den seyn sollend nothwendigen Fortgang des Menschengeschlechts aus Abgründen von Vordersätzen gerathen haben., Kain 2vö A e l t e st e. u r k u II d e ward Namen und That nach der erste Bcsitzthü« mer: er bauete aus Furcht die erste Stadt*) und weihete**) sie seinem Sohn Hanoch, Namen und That nach. Die übrigen Namen scheinen eben so bedeutungsvoll bis zum siebenten von Kain, dem Weiber - Söhne - und Kunst-reichen Lamech. Im siebenten Geschlecht war die polizirteGesellschaft***) Kains, die gepflanzte Stadtzucht schon so weit, daß die Vielweiberei entstehen und auf einmal drei- bis vierfach die Kcmst sprossen konnte. Die Ehrennamen der Erfinder sind uns ausbehalten. Jabal der erste Aettwohnende Hirte: st) Jubal Vater der Tonkunst, dazu auf mehr als einem erfundenen Instrumente: Tubal der Eisenersinder (eine schwere Erfindung!) und erste Künstler von mancherlei) Waffen: die schöne Naema, nach der mündlichen Morgenlandssage die Erfinderin des Putzes und Schmucks — ein sinnreich Geschlecht! Liebe Sage, die uns das Geschlechtcegister dieser Erfindungen und Also Burg auf den Gebürgen. **) Die erste Weihe geschah aus Furcht: Kain ward Herr, Haupt einer Gesellschaft, Bann, im Banne. Das sprach auch, wie wohl Eva nicht daran dachte, weissagend sein Name. ***) Die Bürger der ersten Burg, unter der Herrschaft Kains die erste Bande. st) Da flog Zelt über ihnen Band, Bannier, Verbindung viele zu Einem im Fluge. Das Bannen schließt zugleich eine Gegend ein, die dem Wurgverbaiinereii angewiesen ward» des Menschengeschlechts. 2e>9 und Erfinder aufbehielt: wir werden uns freuen, wenn wir die simpelste Beurkundung davon noch in That und Wahrheit erblicken, und das Geschlecht Kains, trotz der Sündflulh, gleichsam noch nicht dahin ist. Mitten aber unter diesen Erfindern stehe ein Lied, das alle die Jahrhunderte, da unsre Eregese hinaus reichet, noch keinen — verzeihe mir Leser, daß ich sage, was ich gleich zu beweisen gedettke — noch keinen vernünftigen Sinn gehabt hat, das Lied Lamechs an seine Weiber. Ein Lied ist, das tönt der Ton, das zeigt der wiederkommende Rhythmus, das zeigt endlich, wovon er auch rede, der Schwung des Inhalts. Der neueste Biebel- übersetzcr, selbst ein Dichter, sagt: „welcher Ehc- „mann, der nicht im unangenehmen Verstände des „Worts ein schöner Geist von der neuesten Welt „ist, wird mit seiner Frau so poetisch reden?" Aber nun der Sinn,*) ihr schönen Geister? Da soll Lamech bald einen Mann, bald noch dazu einen Jüngling erschlagen haben, und sich der Heldenthat vor seinen Weibern rühmen. Und der Mann und Jüngling soll, wie das alte Orakelmahrlcin sagt, *) Der edle Lowth sagt offenbar: cum xlans nes- ciam, guas sir IiujuL loci SkMieritia — seine Verbesserer aber nichc also. Man lese sie selbst Vyl. I. x. 75. Herders Werkei, Rel. II. Tbeol. VI. ,O 210 Ael teste Urkunde der Greis Kain gewesen-seyn, und sich der siebente Sohn desselben nun mit Trotz; andere sagen (kleiner Unterschied !) Mit weinender reuigen Buße nun dessen an —^ seine Weiber rühmen. Und soll sich nun der Hcldenthat wegen siebzigmal mehr Werth; Andre sagen (kleiner Unterschied!) siebzigmal mehr Fluch und Verwünschung geben, als Gott auf Kain gelegt. Und mit solchem sich selbst, Moses und allem widersprechenden Unsinn tragt man sich selbstgenügsam, und frohlockt, welch ein erklärender schöner Geist man sey, daß man ein Lied LamechS und seinen Parallelismus ohne Sinn funden. — Versteht ihr Sinn, ihr schönen Geister, wenn es heißt: „daß Gott Kain verbürgte!" heißt das, daß sich jeder Narr von Mörder und Trotzheld gegen seine Weiber einer siebzigmal größer» Eottes- beschüzung rühmen könnte? Und hatte dieser Narr und Tcotzheld nun überdeM eben den verbürgten Vater erwürgt, dessen Blut siebenfältig gerochen, jetzt also an ihm gerochen werden soll; ist Sinn darinn, daß ec sich jetzt einer siebzigMal größern Sicherheit und sein Blut, eben des siebenfachen Tod verdienenden Valcrmords wegen, eines siebzig- mal höhern Werths der Rache rühme? Und gegen seine Weiber? was Gott Kain in der bittersten Verzweiflung als Himmelstrost sagte, das jetzt als Trotz, oder als trotzende Reue siebzigmal entweihet ! — Und das lästernde Lied rückt Moses ohne alle Noth und Veranlassung an, nur damit er zeige, „daß Lamech, dem die Worte zugeschrieben „werden, gerade derjenige sey, der — Lamech „heisse." des Menschengeschlechts. 2 c 1 Rückt Moses ein Lied an , ohne Thal der Wer-, anlassung, Noten ohne Text, Räthsel ohne Anfang und Ende? welch ein Stoppler, heiliger, göttlicher Mann, sollt du werden! Thut die Augen auf, ihr schönen Geister, und seht, was vorher geht. Wenn Morgenlander Stellen aus Gedichten anführen, so beweisen, erklären, schmücken sie aus, was sie unmittelbar vorher sagten. Wenn ein vernünftiger Geschichtschreiber von Lamech spricht, nnd plötzlich ihn in Begeisterung anführt, so muß er, worüber die Begeisterung sey, sagen, oder — Und sehet ihr düs nicht? Lauter Namen der Erfinder vorher, mit Ruhm und Ehre genannt, und was singt man lieber, als Erfinder, Erfindung, Abdruck der Schöpfungskrasc des Allerhöchsten, den Bau einet neuen Welt? Die Erfinder waren alle Söhne LaMechs, der hier im Triumphstvne (den muß jedes Ohr anhören dem Liede) singet: sie alle Söhne der Weiber, zu denen er singet: vielleicht war keine Ehe so Erfinder-Ruhms - Namen - und Kunstreich. Der letzte, ohne allen Widerspruch wichtigste, folgenreichste- Nutz - und Schutz bringende Erfinder steht unmittelbar voran!*) ' Thubal, der Schmid, Hamnierer alles Erzes und Eisens, neues Rüstzeug und Schutzwehr der *) Naema wird als Lochtet der Zllla Mit, eingeschaltet. O l> 212 Aelteste Urkunde Kainiten, Mauer der Sicherheit für dies flüchtige Geschlecht, Vcrjüngcr des Greises gegen Mann und Jüngling — kurz, höret den Lobgesang aufs erste Schwert: Ihr Weiber Lamechs, höret meine Stimme: Ada und Zilla, merket mein Wort: Fürwahr ich ertödte den Mann, der mich ver- wundes Und den Jüngling, der mich schlagt: Siebenmal sollt Kain gerochen werden Lamech siebzigmal siebenmal — *) so sicher, so vergnügt, so mächtig ist nun mein Leben , und, Weiber Lamechs, das ist euer Ruhm, das ist der Ruhm unsrer Söhne. — Die Araber haben ein ganz Buch voll Namen und Lobspcüche des Schwerts; mich dünkt, daß dies erste Lied ohne Schwerts Name sie allein in sich fasse im edelsten Gesichtspunkt: es beschützt Leben! — „kein Angreifer, kein Mörder der Unschuld; aber komme jemand, schlage mir Wunde „und schlage mir Beulen! Ein Greis widerstehe ich , Mann und Jüngling, rache meine Wunde, rache „meine Beule mit Blut, mit Leben. Ihr Weiber *) Die Worte sind von Wort zu Wort übersetzt. Jeder Schüler weiß, daß den Hebräern, die kein kr«>esen8 haben, im prophetischen, dichterischen, stolzen Heldenstyl die Zukunft immer vergangen erscheint. Er hat längst gethan, was er erst thun wollte. des Menschengeschlechts. 2i3 „Lamechs, der Greis ist verjüngt, mit siebzigmal „sieben Händen bewaffnet: er kann euch schützen! „er kann euch schirmen!" „Ihr Weiber Lamechs, wir sind ein flüchtig „Geschlecht auf Bergen, in Einöd' und Wüste. „Unserm Vater aber ward Zeichen der Sicherheit: „siebenfache Rache verbürgte sein Leben. Der ihm „gesetzte Sicherheitssegcn, das Zeichen Gottes wirkt „fort, und wird unnoth. Uns ward Stadt, Zelt, „Heerde, ein Band Vieler zu Einem: die Krone „der Sicherheit unseres Geschlechts ist gestiftet: hier „blinkt das Schwert. Lantech verkauft siebzigmal „theurer sein Leben, und seine Söhne mit Zelt und „Waffen und Saitenspiel werden ihn, heiliger als „den Vater unseres Geschlechts, rachen, den Gott „rächen wollte." „Und Weiber Lamechs, das ist euer Ruhm! „die Erfindung eurer Söhne! Ewig wird unser „Name in Zelten, Cyther und Harfen, in Pracht „und Schmuck, ewiger aber in Waffen und Schwert „leben." — Lamech nennet nichts, er lobt durch Lhat und Wirkung.*) *) Das war der erste Bar d. i. Mann, Held, Freier, Handfester, auf jeden Vorfall bereiter Barde. Er zeigte (barete), die erste Barde des Hammers, sein Mordgewehr, wovon im verlebten Deutschen wieder die Urnamen, spalten, streiten, hauen, lobten, d. i. Karden entstanden. Auch aus dem Liede Lamechs ist zu sehen, wie aus der Natur der Sache und alten Gewohnheit, dasi die Streit- srq. Aclteste Urkunde des Menschengeschlechts, Und so, ihr schönen Geister, wäre das älteste Gedicht gefunden, das ^gcwiß auf der Welt lebet. Die Erzählungen voraus, sind, so viel sie mit je, der Zeile enthalten und wirken, was eure Sylben- süsie gewiß nicht wirken: Schöpfungsgeschichte und Garte , Cherub und Abels schreiendes Blut sind so wenig eigentliches oder mit Poesie zcrflicktes Gedicht , als jede Sage aus den einfälligen Zeiten der Natur (und dieß waren die stärksten einfältigsten Zeiten) jedes Wort und jede Rede eines Wilden Gedicht ist. "stK'V aber, wirklich künstlich erhabene Rede mit Schwung, Handlung, Leidenschaft, Fiktion, Feuerstimme, Drakel und Räthsclton, Rhythmus, zu lebendigem Gesänge und zu Verewigung eines Wunders der Menschheit; nennet ihr so etwas Gedicht, so sehet hier das einfältigste, stärkste und älteste auf die schrecklichste und schönste "Erfindung, den Blitz Gottes in Menschenhand, das Schwert! art, Barte, Hellebarte vermuthlich das erste Schutzgewehr gewesen. Nur den schonen Geistern zu gut sctzre ich oben Schwert, Und die erste Karte ward sogleich durch ein Bardit geweiher, Zweiter Zweig. Seth und sein Geschlecht. Das Geschlecht Kains fangt schrecklich an und endet auf einer Höhe, die die Kainsstrafe siebenzig- mal siebenmal Schau tragt. Die Umirrenden wohnen in Gezelten, die Verbanneten im Lande des Elends, machen sich mit Saitenspiel fröhlich, die ihnen verfluchte Erde muß dem Pflugschaar gehorchen, die Unsichcrn rettet, bürgt, sichert ein Schwert. Das singt Lamcch unter Cilher- und Harfenschall, die sein Sohn erfunden, unter bequemen Zelten, die sein Sohn erfunden, das Schwert in der Hand, das sein Sohn erfand, an seine Weiber. So wachst das Geschlecht dieser starken Geister- Die Wüste, der Mangel, die Noch werden Lehrer und Lehrerinnen der Erfindung: sie thun sich zusammen und widerstreben: im siebenten Gliede ist Alles vergessen , mit Musik, Gesellschaft, Ueppigkeit, Schmuck, Pracht betäubet, in Sieg verschlungen: mächtig 2l6 Aeltcste Urkunde hebt Lamech den Fluch und Schutz Gottes auf seinen Gott in der Hand, das Schwert! Auch hier ganz, ganz die Geschichte der Menschheit! Ihr schönen Künste, ihr Werkzeuge der Uep- pigkcit, des Schmucks und Trotzes, was hat euch a'S die liebe -Noth erfunden ? die harte eiserne Noch ! das Bedürfnis! -— Ein Land des Fluchs bewohnet ihr und braucht Sicheln, irret unstät und flüchtig umher und fliegt mit Zelten und Panieren, der Mörder in euch rufet, und ihr trotzt mit blinkenden Waffen. Minerva gab ihrem Volke ein dürres Land, selbst der Oclbaum sproßte nur durch sdic Güte ihrer Lanze hervor: ein desto feineres Volk, gebohrnc schöne Geister im Lande des Elends spros- seten mit. — kaugrsrtas äururn onua — ast inAsni IsrZitor venter. Doch freilich nur bei einem Geschlcchte, wie Kains war, konnte die Noth also erfinden: keim- und saftvoll, stark und langen Lebens, in gepflanzter Gesellschaft, zu der der Stammvater selbst den Grundstein legte — da brachen, auch nur im siebenten Glicde, die Früchte hervor. Der Fluch, allein zu scyn, war in Gesellschaft, der Fluch der Unflätigkeit in Lust umher zu wandern, Trauer in Saikcnspiel, böses Gewissen in Hcldenmuth verwandelt. Zwei Weiber brachten mehr Verschiedenheit, Reiz, Lust und Rege ins Geschlecht, als Eine: die Tochter half, was die Mütter nicht konnten, und die Blume des menschlichen WitzcS und der schaffenden Seelenkraf- te, die Dichtkunst, umschlang alles, krönte Alles. Der erste Dichter in der Welt war ein verjüngter Greis, ein Held in Worten, ein Lobred- des Menschengeschlechts. 2^7 nee sein selbst, ein Sänger von Thaten, die er nicht verrichtet, aber vor seinen Weibern verrichten zu können glaubte, und also schon verrichtet hatte — ihr Dichter, euer Vatcr! Könnte man nicht über die wenigen Worte, die Geschichte sind, einen liefern Roman der Erfindung der Künste und Entwickelung des Menschengeschlechts schreiben, als so viel große Geister über die sieben Könige von Rom, die vier goldncn Zeitalter und Fakkardins versucht haben? Und doch, wie wenige würden cs glauben, daß die Wurzel des Allen Fluch und schreiender Brudermord aus dem Rachen der großen Mutter sey, die uns nur unwillig tragt. Im Lande des Elends sind die schönen und häßlichen Künste erfunden, Musik und Schwert. Furcht und Gram zu betäuben, die innerlich wüthcn, Schminke für blasse Wangen, und Dünge einer verfluchten Erde. Das weiße Zelt umspännet den gcbohrnen Flüchtling, daß er sich glücklich wahne und Haus und Eigenthum träume: das Panier der Ehre fliegt über die niedrigsten, zum Tode gcbohrnen und zum Tode versesscltcn Sklaven: Vielweiberei, Wollusttanz und Heldengesang vermummen den feigen, schwachen, entnervten Greis — der sich aber Jüngling träumet, und also tief vermummet ist. Dies erste Menschcnge- dicht war Gesang sein selbst und Trotz gegen den enlübrigtcn Gott mit Anstand.*) Es brachte sei- *) Er hob den Bann Gottes auf und trat in Schwertsban», Die Sage Zosephus, daß Kain das erste Aelteste Urkunde nrn Gott in der Faust, und Götter und Göttinnen standen umher: das jüngste Gedicht ists anders? —- — Doch wohin stetigst du, Kiel? Sey eingedenk deiner Aufschrift und laß die unsterblichen Kains- söhne unter Schwert, Weibern, Zelten, Musik und Tanz auf seligen Göttergebirgen wohnen. Hinab in die Ebene, wo nichts von alle dem blühet. Eine Reihe Väternamen, mit Zahrzahl und Kindern umgeben, meistens traurcnde, klagende Namen, und kein Erfinder, kein Vielweiber, kein starker und schöner und fruchtbarer Geist. Ein trauriges Volk der Ebene: auf den Gebirgen tönts! Mit Ehrfurcht nah' ich mich dir, heiliges Volk in seinem Schatten, vor seinem Angesichte, du Licht der Welt, du Sol; der Erde! Du wärest das erwählte Geschlecht, ein Patriarchenpristerlhum die Tugenden deines Verufers zu verkünden. Das Denkmal Gottes, die Stimme des Vaters, die Geschichte der Schöpfung und alles Ursprungs erhieltest du: du hast sie auch uns erhallen: du wärest selbst dazu das gesetzte, lebende, bestimmte Denkmal, Haupt (Bann) der Banditen worden, werden wir künftig untersuchen; so lange lese man gegen ihn Mich. Simons Br. LH- 2 , Br. l. S. 6. des Menschengeschlechts. 219 Statt Abels wurde Seth gebohren : Satzung, Stiftung, Denkmal. „Statt Abels ist er mir gesetzt, deutet Eva, statt Abels, den Kain erwürget „hat: dieser wird uns lebendiger Eckstein unseres „Geschlechts bleiben." Und er blieb. Er wuchs, da alle jene Erfinder im Wasser schwammen, zu des Menschengeschlechts großem lebendigen Gebäude! Mundarten, Volker und Sprachen kennen diesen Namen. Im zweiten und dritten Theile dieses Werks war es nur Seth, Thet, Thoyt in allen Dialekten, der die Geschichte des Ursprungs erhalten, der ihr ewiges Denkmal dahingestellt und gefristet, Dies sagten Volker in hundert Sagen, Mahrchen, Verstümmelungen, Gerüchten, Lügen: alle aber winkten auf Denkmal der Schöpfung, lebendiges, ewiges Denkmal, in dem die Geschichte der Natur, die erste Gottesoffenbarung an die Menschen, ihr erster Zejtenkrcis, Einteilung des Lebens, in Ruhe und Arbeit, Menschen - und Gottesordnung, der erste Schritt zu Geschichte,. Zeitrechnung, Gedachtnißbildcrn, Schrift und Sprache, ein lebendiges Gottesbild endlich in der Gestalt des Menschen gewesen. Das modelten sie auf hundert Arten jeder nach seiner Weise, leiteten, als wenn jedes der Mittelpunkt wäre, Alles auf sich zurück und erst von sich weiter. Ein Gewirre von Stimmen, Mahre, heiligen Sagen, dadurch wir hindurch mußten. Der Pöbelhause, der uns in der Wolke kaum sah und sich kreuzte, daß ein Mensch da durchwollte, zum Zeitvertreib also lachte, mit Erdklöscn und Nußschalen nachwarf, der endlich noch nicht weiß, wo es hinaus will, steht, gaffet, be- Aclteste Urkunde 220 klagt oder zischet: „er hat den Artikel der Schöpfung untergraben, er läugnct unserem Herrn Gott ,,sein herrliches Werk, die Schöpfung, ab —" Lieber, armer Pöbel, wirst du's fasten, wenn ich nun meine ganze Arbeit zu Nichts mache und in Eine Reihe der Bibel, in Einen Namen, in Ein Ge- fchlcehtregistcr, das du nicht laugnen kannst, werfe ? Erhielt Seht das Andenken der Schöpfung, die erste Geschichte und Gottesstimme nicht, wer sollt'S erhalten? Der flüchtige Kain auf seinen Gebirgen ? oder der Haufe seiner verabschiedeten Erfinder, Sclbstgötter und schönen Geister? Und hatten sie's erhalten, in den Wassern der Sündfluth gicns mit ihnen in den Abgrund. Seth also: dieser war gesetzt zum Denkmal, und sein ganzes Geschlecht weihte er zum lebenden Denkmal ein. Er blieb vor dem Angesicht Gottes, von dem Kain ausgieng, und feiert' und erhielt auf dieser heiligen Statte, Vatcrfagen, .'Gottesdienst, Sabbath, Zeitcncintheilung und Zahl der Zeiten, lebendiges Bild, Segen und Denkmal Gottes , mithin Gcdachtniß, heilige Schrift und Sprache. *) Das ganze Geschlechtregister von Adam, nach *) Auch im Deutschen war einst Mahl, Denkmal, das Hauptwort, aus dem das Maas der Zeit, der Zahl (einmal, zweimal) des Maaßes, des Orts, des Werths entstanden; und siehe zugleich hieß Mahl, Rede, Gespräch, Versammlung, Mahlzeit, Bund. Bon ihm kam mahlen, d. i. reden, zeichnen, schreiben, versprechen: warum? es war überall Natur der Sache. des Menschengeschlechts. 22c dem Bilde Gottes gemacht, und von Sech nach AdamS Bilde, bis zu Noah hinunter, stammet von ihm her. Hatten wir sie nicht, diese einfältige Urkunde aus dem Archiv seines Tempels — ihc Philosophen, Zeitrechner und schonen Geister! alle Geschichte, alle Zeitrechnung läge im Abgrund. Weder Jubal, der Tonkünstler, noch Thubal, der Schmid, noch Lantech, der starke Geist — Held, Philosoph und Dichter! — hatte sich damit bemühet. Keinem von Ihnen, dem einfältigen frommen Seth haben wirs zu danken. Freilich auch auf die einfältigste Weise, wie ihr noch die Reste davon bei allen Wilden sehet. Sie zählen die Tage an Stäben, bis sie Monate und Jahre werden, wo denn nothwendig Alles in Ungewißheit schwebet. Wie wandelbar ist der Mond ! wer kennet das Jahr! wer kann, ehe erS kennet, darauf rechnen, und wie bald ist sie zerstört, die lange, ungewisse Rechnung! Für Alles hakte Gott gesorgt, unter dessen Schutz, vor dessen Angesicht diese lebten. Ein gegebenes positives Maaß, Woche , sieben — und Alles war sicher. Und an dies Sieben war nun Alles geknüpft, Geschichte der Schöpfung, Kenntniß der Natur, heilige Sagen des Ursprungs, Aeitcinthcilung, Gottesdienst, Sab- bath, Bild Gottes und des Menschen — soll ich wiederholen? Darum fangt nun auch das Register der Zeiten so heilig, göttlich und königlich an, von Adam gemacht nach Gottes Bilde und — (beklagte, entweihete Worte! —) von Seth nach Adams 222 Aeiteste Urkunde Bilde gezeugct:*) sehet du das Denkbild, wovon Alles ausgieng , wohin alles zurückknm, lebend. Gort in die Schöpfung cingepflanzt, ins edle Menschenbild gehüllee, daselbst wirkend mit lebendigem Segen, Mensch genannt in Mann und Weibe, vermenschet also, und in solcher Erstatt Begriff und Inhalt aller Schöpfung, Natur, Geschichte und Sprache, Herrscher über Alles durchs Wort und der immer sich Selbstvermehrer zur Herrschaft—siehe das Urbild, das vvrgedruckte Titelblatt, das bevollmächtigende Gotteögeprage des Bündleins dieser Lebendigen, in welchen und mit welchem Uns alles über die Wasser der Sündflulh kam. Das Denkmal Seths und mit ihm Alles rettete sich herüber; oder wir wüßten vom Ursprünge der Welt nichts! — Und wie einfach, wie einfältig! — An welche geringe Stabe der Erinnerung Alles gcknüpset! Ein Bild, das wir an uns tragen, in dem wir Schöpfung, Alles, dich selbst fühlen, allbelcben- der, allmächtiger Schöpfer! Ein Senfkorn von dir, Vater der Menschen, wird ihnen zum Reiche der Himmel, Zur allumfassenden Perle. Traume ich aber nicht? Stehet ein Wort davon in der Namen - und Zahlreihe hier? Ja es stehet! In der Natur der ganzen Sache nicht allein, sondern steht als Weiser voran. Seth hatte einen Sohn, Enos (schwacher Mensch! denn Mensch, Adam, den Ehrennamen, Urglanz ihres Geschlechts, Bild Gottes im Vater, wagte kein anderer, zu ge- ') r Mos. 5, r. 3. des Menschengeschlechts. 222 ben oder zu tragen. Auch Seth war nicht Gottes Bild mehr, sondern Bild seines Vaters Adam.) Au der Zeit fieng man an zu nennen beim Namen Jehovah*) — was heißt das? Heißts, daß man sich den stolzen Titel „Sohne Gottes gab? von „denen man nur weiß, daß sie. nach den Töchtern „der Menschen sahen, weil sie schön waren und „nahmen zu Weibern, die ihnen gefielen. Und als „sich dic Söhne Gottes mit den Töchtern der Menschen vermischten, und diese ihnen Kinder gebah- „ren, wurden jene Riesen daraus, Machtsöhne, „Helden." Schöner Tittel von Gottessöhnen, die *) Von Wort zu Wort übersetzt. 1 Mos. i»> 26. Wenn Enos und die Seinigen sich genannt hätten, so wäre ja, da alle diese Eapitel in so leichten Construktionen sind, offenbar der Ausdruck gewesen: er nannte sich vom Namen des Herrn; wovon nichts da ist. Man sieng damals an zu nennen im, beim Namen des Herrn. — Dies ist Las Geschtechtsregister: sollte das nicht der klarere Sinn ftyn? heißt doch ursprünglich in Eins sammle», lehren, öffentlich «»zeigen, auSrufen, vorlesen, gar seyn: es heißt also immer, man machte damals Versammlung beim Namen des Herrn, durch Gebet, Anrufung, Namennennung u> f. Eben derselbe Ausdruck wird von Abraham nachher gebraucht, wenn ec bei einem Altar anrief im Namen des Herrn» Bon Enos Zeiten sieng also die heilige Versammlung an, und der Name Kinder Gottes ist hier erdichtet» A eltesce Urkunde wir nur durch solche Heldenthat kennen! und sonst steht der Name nirgends! und diese demüthigen Water, die für sich selbst nicht klagende, weinende Namen genug finden konnten, werden sich weiter erheben, als Adam war! und wo Heist Adam Sohn Gottes, Kind Gottes, in der Bibel ? Selbst dessen Namen getrauten sie sich nicht zu geben, verwandelten ihn in Enos-Kurz, sie haben nie sich des Namens Söhne Gottes im Gegensatz der Söhne der Menschen angcmaßt, als im Wahn unserer Pietisten und Pharisäer. Adams Söhne, Menschenkinder, Menschen ist auch, selbst und eben in diesem Geschlechtsregister, ihr größter Name. Man sieng an zu nennen beim Namen Jeho- vah — Dies ist das Geschlechtsregister von Adam her: so folgts, und ist das nicht einander genug Erklärung? Als Seth seinem Sohn Enos seine Stelle auftrug beim Namen Jehovah, sieng die Versammlung also das Namenverzeichnis an, was seine Nachfolger fortsetztcn — der Wink ist nicht vergebens für die Sicherheit der folgenden Namen und Zahlen. Die Auszeichnung derselben nchmlich ward nicht verspätet, sie sieng sich beim ersten an, dem Seht dies Patriarchen - Priestcrthum, die Vormundschaft fürs ganze Menschengeschlecht, in öffentlicher Gotkesversammlung auftrug. — Da stehn sie also diese Säulen Gottes, diese tausendjährigen Zedern! Allesamt Bilder Adam-Z, der Gottes Bild war: der Vater giebt den Goltessccpter seinem erst- gebvhrncn oder frömmsten Sohne: ihre Jahre werden angezeichnet im Heiligthum, wo sie herrschen, vorm des Menschengeschlechts. 222 vorm Angesicht GotkeS, dem sie dienen, und an ihnen zahlet sich, an ewigen Pyramiden, das Alter der Welt!*) Und haben den Frieden zur Hütte, Sehn ihre Wohnung schön und sündigen nicht, Sehn ihren dichten Saamen um sich her Und Kinder, wie grünendes Gras aus Erden Und kommen in höchstem Alter zum Grabe, Wie der Fruchthügel aufsteigt zu seiner Zeit — Einer dieser Gottesvatcr verliert sich früh' und lebendig aus der Slammreihe ewiger Jahre, Henoch, der siebente von Adam. Geweihet hieß sein Name, und so war sein Leben und so ward sein Hingang. Göttlich, er wandelte mit Gott, und war nicht mehr auf der Erde, denn Gott nahm ihn zu sich. — Das erste und schönste Lob, das einem Menschen ward; Lob aber eines vollendeten Menschen, der nicht mehr war. Göttlich war sein Leben, er wandelte mit Gott: er ist nicht mehr auf der Erde, Gott nahm ihn zu sich. Es steht nicht bei Adams Tode, bei Abels schreiendem Blute. — Paulus erklarts: durch den Glauben ward Enoch wcggenommen, daß er den Tod nicht sähe, und ward nicht erfunden, darum daß ihn Gott hinnahm : denn vor seinem Wegnehmen Halle er Zeug- niß, daß er Gott gefallen — *) S. im Anhang das IN. Fragment, über das Geschlechtregister der Sethilen, und das IV., über Lebensart und langes Leben derselben. Herders Werke». Rel. u. Theot. VI. P 326 Aelteste Urkunde Deutlicher für ein gesundes Auge kann nichts seyn in beiden Stellen der Bibel. Und doch hat der Auslegung unseres Jahrhunderts dies kindliche Gottesleben auf Erde und die auszeichnende väterliche Hinnahme des Kindes nicht mehr behaget. Man hat das erste in einen sinnlosen Priesterdienst (weil Gott gefallen, vor Gott wandeln, auch von Priestern sinnlos gebraucht worden) und die letzte in einen lieben, natürlichen, frühzeitigen Tod verwandelt, damit er die Sündfluth nicht sähe. — Beides mit dem Schalksauge, das, nur immer Erde zu sehen, den Hellesten klarsten Himmel leugnet. In verderbten Zeiten lebt' Henoch: Judas*) führt seine drohende Weissagung an, die lauter Gericht flammet. Ein Eiferer vor Gott also, wie Elias, in Zeiten, da alles schon ohne Gott wandelte, und sein Leben mit Gott, sein Predigen Gottes: „Er kommt, ob ihr ihm gleich spottet!" Zcugniß war. Sein Glaube, der die späteste Zukunft als Gegenwart umfasset, dem alle Heiligen hehr und bei Gott sind — einst Zeugen seiner gewaltigen Rache über die gottlose Schöpfung: sein prophetischer Blick, sein Sich an Gott halten — alles lebt in diesen Worten. Heißt das nicht, er wandelte mit Gott in einer ungöttlicherl Zeit, in einem verkehrten, der Strafe reifen Geschlechte? — Und nun, wie Paulus sagt, weil er das Herz hatte, zu glauben, daß Gott sey, und daß er de- *) Jud. v. iß-. des Menschengeschlechts. 227 nen, die ihn suchen, ein Vergelter seyn werde, *) vergalt Gott, rettete seinen Zeugen, beurkundete sein Zeugnis — wodurch, durch einen frühen Tod? Eben die ärgste Strafe, die ja die Welt, die Fleisch war, fühlte! ,,Da ist er hin, der unsere Seelen „qualete, aus dessen Munde Feuer gieng, und „Weissagung, die Erde zu schlagen mit aller Pla- „ge! Da lieget früh abgerissen sein Leichnam, und „wir blühen! Gottessohne mit den Töchtern der „Menschen, Männer der Ewigkeit, Riesen! Sein „Fleisch war Heu und seine Gottesherrlichkeit wie „des Grases Blume." War das die Rache, mit der Gott seinen Zeugen rächte? mit der er Elias rächte im Auge eben einer solchen Zeit? Höhere „Rache kleidet Johannes auch in seine Offenbarung: „Geist des Lebens tritt in sie von Gott, in die „Hween Zeugen, Oelbäum' und Fackeln stehend „vorm Gott der Erden. Sie treten auf ihre Füße „und eine große Furcht siel auf sie, die es sahen. „Und sic hörten eine große Stimme vom Himmel „zu ihnen sagen: Steiget herauf! und sie stiegen „auf in den Himmel in einer Wolke, und cs sa- „hcn sie ihre Feinde." So fasset Johannes diese Geschichte,**) so fasset sie Paulus: so zeugt sie, eben in ihrer Einfalt, wie Alles, was über die Sündfluth hertönet, von ihr selbst. Könnt' eine kindlichere Weise seyn, die Menschen anderes Leben und unvergänglich Wesen zu *) Ebr. rr, 5. 6. Offenb. ir, 3 — ir. P 2 223 Aelteste Urkunde lehren, als diese? Ich hasse das Work Unsterblichkeit, wenns, als ob wir Riesen der Ewigkeit waren, aus uns selbst, aus der unendlichfortstrebcnden, unaufhaltbarinnhqen Kraft der Monade, felgen soll, der Gott nur immer Raum machen, weichen, Schranken wegnehmen dürfe, daß sie Steig' auf der Geschöpfe Leiter Bis zum Seraph, steige weiter Göttin werde — und genieße ihrer Tugend! — Unendlich inniger ist der erste simple Mcnscbcnbe- wcis und Kinderaufschluß: „er war mit Gott, „wandelte standhaft ihm so nahe, hielt sich an ihn, „Gott verließ ihn nicht, er nahm ihn auf. — ,,Der seine Lust an Gott suchte, er gefiel ihm, „Gott nahm ihn zu sich." Noch wissen die Kinder nichts von Verstorbenen, als: „er ist von der Erde „wcggenommen, er ist bei Gott!" Da beruhigt sich ihr Glaube: siehe die Hinnahme Henochs. Auszeichnender und ausgezeichnet schöner konnte die schwere, hohe, wichtige Lehre der Unsterblichkeit, der Fels aller Religion und fortschreitenden Offenbarung, dem Menschengeschlecht nicht angetönt werden. Adam war tobt, da entführte Gott seinen Liebling: dem Einen Geschlechts stärkender Trost, dem andern lehrender Schrecken. „Er ist bei Gott! „auch er wird also, wie er gesagt hat, mit allen „Heiligen kommen! Er ist bei Gott! So giebt es „höheres Paradies und ewiges Leben." Also lehrt Gott! Durch That und nicht durch Worte. Er legte durch EnochS Hinwegnahme den des Menschengeschlechts. -22g Grundstein zu einer Lehre, die er durch immer hellere Thaten immer zur nolhwcndigsten Zeit entwickelte und stärkte, zuletzt durch Jcsum Christum zum Himmelreich aufschloß. Er hat dem Tode die Macht genommen, und Leben und unvergänglich Wesen ans Licht bracht, gemacht zur Mittagssonne, und Henoch war dazu der erste Aufstcahl- Wiewohl er hinweg ist, redet er noch! wars auch von ihm, wie vom schreienden Blute Abels. Aber auch Er rief, wie jenes, vergebens. Sein Beispiel sollte statt Adams Stimme, der nun hinweg,war, lehren: aber sie waren Fleisch. Sie funken zum Abgrund'. Der letzte Name Noah seufzet um Ruhe, bettelt um Trost ,,in Mühe und ,,Arbeit, auf dieser Erde, die der Herr verflucht „bat." Fünfhundert Iabre war Noah, ehe er Vater wurde. Gerecht und ein Eiferer der Gerechtigkeit wünschte er Ende. „Sie quälten, dieweil „er gerecht war und unter ihnen wohnte, dieweil „ers sehen und Horen mußte, quälten sie die gerechte Seele von Tag zu Tage mehr mit ihren „ungerechten Werken." Und der Herr bewahrte, kannte und half ihm. Vergleiche nun Leben und Schicksal dieser Gottesvater mit jenen auf dem Gebirge — treffende Geschichte der Menschheit, ewiges Bild! Jene in Fluches Jubel und diese im Segen voll Seufzer: jene bauen, singen, erfinden; diese leben, erziehen Kinder und wandeln mit Gott: die Zahl jener vermehrt sich immer, der Haufe dieser wird immer kleiner. Es endet mit Einem Geschlechte, mit Einem Mann und seinen sieben Seelen. So 23 o Aelteste Urkunde des Menschengeschlechts. wicd's, spricht Christus, ciuch seyn am Ende der Tage. — Der Siebente von Kain ward Gottes durchs Schwerdt entübrigt. Er konnte der Unsterblichkeit seiner Seele bei der Unsterblichkeit seines Leibes, seines Geschlechts, seines Ruhms und Namens entbehren. Er sang von Unsterblichkeit, und sich und sein ganzes Geschlecht unsterblich. — Der Siebente von Ädam könnt' ohne Gott nicht seyn auch in einer Welt, die ihn drob höhnte, Gott vergaß ihn nicht und machte ihn unsterblich, zum ersten ewigen Denkmal dieser Gotteswahrheit. Kleiner Haufe, verzage nicht! Ein Noah in dir findet für eine ganze Welt Gnade und wird selbst dieser ganzen neuen Welt Vater. Verzage nicht! sie werden hinuntcrfahren mit dem Klange ihrer Harfen, ihr Bette Schlamm, und Würmer ihre Decke. Verzage nicht! In dir ruhet Adam und alles Heilige des Ursprungs vorm Angesicht Gottes. In dir ruht das erste unschuldige Opfer und ruft unterm Altar der reihanfangenden Märtyrer in dir Henoch, und was er war, was er weissagte, wie er lebte und hingieng, die That und Lehre fürs Menschengeschlecht ist mehr als Eithcr- und Harfenerstndung, giebt Unsterblichkeit höherer Ordnung- m. Naher Untergang der ersten Erde. Untergang kommt:*) er nahet mit jeder Zeile. Ein neues Stück der Geschichte beginnet von einzelnen, gebrochenen, gewaltigen Stimmen, und jede Posaune rust naher, der Richter kommt! Die Erde ist verderbet! Alles Fleisch ist verderbet auf Erden. Wir müssen daher nicht unzeitig dies Kapitel mit ' den vorigen mischen und fernher erklären wollen: «s erklärt sich leider! selbst genug. Das eine Wort „Mensch" enthält wieder Alles: sie sind Fleisch, Thier, ärger als Erde. Der Othem Gottes in der Leimhüttc rechtet, züchtigt, straft; umsonst! sie sind Fleisch.**) Entkräftet, i Mos. 6. **) i Mos. 6, Z. 232 Aelteste Urkunde verderbt und unrein. Je lancier sie leben, best» mehr Frist zur Sünde: je mekr das Menschengeschlecht zunimmt, desto mehr Reiz und Stoff zur Sünde: je mehr noch Stärke vom Anbcainn in ihnen ist, desto mehr seufzt die Erde unter Gewalt und Unterdrückung. Siehe da den Ausschluss der Rede Gottes über dies schreckliche Mcnschengcricht, der mehr eröffnet, als man bisher in ihm hat sehen wollen. Es begunnten die Menschen sich zu vorm obren auf Erden: nichts als dies war zum Verfall der ganzen Art nvlhig. Traurige Ehre! Nichts als vermehrtes Fleisch der Menschen wird erfordert, daß Alles Fleisch werde. Je mehr ihrer sind, je enger sie Zusammenleben, desto mehr verpesten sie sich einander mit ihrem Arhem und salben einander mit ihrer Krankheit: jeder dem andern Werkzeug zu unendlich mehrerem, feineren, zusammengesetzten, weitretchendecn Bösen. Alle großen Reiche, große Verfassungen, große Städte sind noch und ewig davon traurige Zeugen. Triumph der guten Menschennatur! Sie muß gut und durch sich gut seyn, denn je mehr ihrer ist, und je näher sie sich ist, desto schlechter ist sie. W. Z. E. Sie steckt sich selbst an und wird Wurmfraß: denn (und dies faßt alles zusammen!) sie ist Fleisch. Auf dem natürlichsten Wege, wie wirs nennen, (oder auf dem unnatürlichsten, wie wirs nennen sollten) fängts an und endet bei dem, was uns das Unnatürlichste dünket, die natürliche Folge aber ist von dem, was vorgieng. Ueppigkeit, Wol- 233 des Menschengeschlechts. lust beginnet, Stolz, Tyrannei, Unterdrückung enden. Siehe die Bctrugskrümme des Menschcnverder- bens. Ein Blick nach schönen Menschcntöchtern — „was sollte erlaubter, unschädlicher als Er seyn? „Sind sie nicht dazu schön? Sind wir nicht dazu „Söhne GotteS, stacke, blühende, fruchtbare Bäu- „me? Wir nehmen zu Weibern, welche wir wollen l „So wird Freiheit und Anmulh Mensch zu seyn, „täglich neuer Mensch zu seyn, in dem natürlich- „stcn Triebe. Hinweg Kette, hinweg Kerker! ZstS „nicht Natur Gottes, daß ein Göttersohn bei einer „neuen schönen Menschentochter mehr Göt terkraft „Lust und Muth habe? Es giebt belebte, neue, „kraft- und witzreiche Geburten. Zeigt der Er- „folg nicht, daß jene Helden, Riesengewachse, „Männer von Geilt und Namen, Früchte der „Freiheit und Freude sind — wollt ihr gegen Got- „tes Natur reden? Woran erfreuet sich der Schöpfer mehr, als an der Fortpflanzung seines Geschlechts, wenn Göttersöhne neue Göttersöhne, „zeugen? Womit geschiehst dem Geschlechts selbst „mehr Wohlthat, als wenn mans vermehrt, freier „und blühender macht, Sprossen und Kanäle durch „einander leitet, daß jedes neue Kraft im andern „treibe. Da ists nun Lust, ein Mensch zu seyn. „— Zwei Ein Leib! ja sprechet ihr vom Anbeginn „der alten verlebten Muttersage. Ein Fleisch sind „wir Alle und das ist Menschenfreundschaft, weite- „ste, innigste, regsamste, verändernste, Gesellschaft. „Und Gesellschaft der Art, das ist offenbar der „höchste Zweck, wozu Gott die Menschen geschaffen, Aol teste Urkunde „Götter - und Menschenleben." Wir sehen , die Sätze der neuesten Philosophie, die blühendsten Gesetze und Geheimnisse der Toleranz, Freiheit und Politik unsrer Zeit waren dermalen schon im löblichsten Schwange — Im Schwange, zu dem wir sie mit all' unserer Ehefrciheit und Unzuchtfreiheit und schönen Gesellschaft und freien Denkart und löblichen Vermekrungsanstalten leider! noch nicht haben bringen können, denn die alte Pfaffen mähre, Religion, und denn auch leider! (trauriges Aber!) unsre Schwachheit steht entgegen. Wären wir nur Göttersöhne, wie jene! so lange! das Mark der Schöpfung noch in unfern Gebeinen — Und höret den Vaterentschluß Gottes: *) mein Geist soll nicht mehr eine Ewigkeit durch mit dem *) Mein Geist soll nicht mehr mit den Menschen rechten, oder in ihnen bleiben: weil sic Fleisch sind: ihre Lage sollen scyn ros Jahr. So Heiden die Worte. Urlheile selbst, Leser. Die inu Jahr Frist vor der Sündflurh sind eine völlig erdichtete Sache, die gar nicht einmal mir der Zeitrechnung der Bibel stimmet. Im bau Jahr bekam erst Noah seine ii Söhne, im 6oc, Jahr kam die Sündfluth. Noah fand mit seinem Geschlecht Gnade vor dem Herrn, also dauerte es nicht einmal r->o Jahr, bis sie einbrach. — Noah bekam erst im 5<>n Jahr Söhne, es.scheint, daß er in der tiefen Brauer seiner Väter über das Verderben der Welt und im annabenden Gerichte der Weissagung Henochs die unglückliche beS Menschengeschlechts. 235 Menschen rechten, der Vieh ist: abkürzen will ich ihr Leben, ihre Tage sollen künftig seyn hundert und zwanzig Jahr. Es geschah durch die Sünd- fluth, und sehet da den Hauptendzweck der Sünd- flulh: dem Menschen die Frist seiner Graueijahre zu kürzen, ihm eine Welt von Stoff zu Abscheulichkeiten zu rauben. Stelle man sich die Ewigkeit, das halbe Jahrtausend vor, zu dem Damals die Natur der Götlcrsöhne Stoff und Lebenskraft verlieh , den Schlamm, in dem man sich mit solchen Kräften und in solchem Zeitraum badete, über- drüßig quälte, verjüngte und die ganze Schöpfung Erde nicht bevölkern wollte, bis ihm Gort durch die Offenbarung seines Entschlusses von der Sünd- sluth und seiner Errettung dazu Befehl gab. Auch darinn lag Rathschluß Gottes: denn so blieben seine Söhne junge Räter der neuen Welt.— Da man also mit den rno Fristjahren gar nicht vuskommen kann und nachher zu einer Nothlüge die Zuflucht nimmt: sie sey beschleunigt, und Gott habe sein Wort nicht gehalten; warum giebt man nicht lieber die ganze Fabel auf, die aus einem offenbar mißvcrstandnen Rerse herrührt' Da man sich an dem rechtende» Geist Gottes den heilige» Geist dachte: so kam man aus die Fristjahre, daß er sich noch 120 Jahr mit ihnen umher zankte. Weder Eins ist wahr, noch das Andre. Jenes bezieht sich offenbar aus r Mos' 2, 7. und die erste Hälfte des Verses winkt also der zweiten. Auch zeigts ja der Erfolg de? Simdslulh offenbar; doch davon künftig. 236 Aelt oste Urkunde betrübte! „Gott sah auf Erden: sie war verderbet ! „denn alles Fleilch hatte seinen Weg verderbet auf „Erden. Alles Fleisches Ende ist vor mich kom- „men, denn die Erde ist voll Frevels von ihnen: „ich will sie verderben mit der Erde." Siebe die reinigenden Wasser der Sündflukh! Sie spülte Un- flath'weg, der Alles durchdrungen, Alles vergiftet hatte, und in der damaligen Ewigkeit, in der Gottes- und Lebenskraft der Menschen Stoff fand. Sie spann den Faden kürzer, der das Unheil aller Schöpfung mit sich einschlang — Du verscbwcmmetcst sie: schlaff werden sie seyn, Frühe wie Gras verwandelt: Frühe blühend und cs vergieng! Abends gemahct und dürre. So hingenommen sind wir vom Schnauben deines Grimms, Vom Feuer deines Zorns verscheuchet: Du stelltest vor dich unsre Misscthaten; Unser Verborgenes kam vors Antlitz dir ans Sicht, Da sanken unsre Tag' in deinem Schluß, Wir zehren unsre Jahr' ab wie Geschwätz! Unsrer Tage Jahre sind siebzig kaum; In Mächtigen achtzig Jahr; Ihr Stolz ist Kummer und Müh. Du schucidst den Faden, wir flogen dahin. Doch wer erkennt davinn die Stärke deinesZorns? Weß Furcht ist wie dein Grimm? Zu zahlen unsre Tage lehr' uns, Herr, Bild' unser Herz zur Weisheit. Also Moses, und wenn Patriarch Jakob schon schaamroth sprach: „die Zeit meiner Wallfahrt ist des Menschengeschlechts. 237 „hundert und dreißig Jahr: wenig und böse wahren die Tage meines Lebens, und längeren nicht „an die Tage meiner Väter in ihrer Wallfahrt" was sollen wir sagen? — Es ist wahre Wohlthat! Wen welchen Teufeln würde unsre Erde bewohnt seyn, wenn unsre Klugheit sich mit Götterstarke und Götterjahren paarte! Darum find wir Kinder und welken dahin — der Zaum für unsre Fleischlichkeit und Bosheit — Von früh bis spät naget der Wurm Aernager — wer merkt darauf? Der Strick zerrissen? wo ist ihr Zelt? Im Moder — wo sind sie? — Du also, der über die Ewigkeit der Menschen vor der Sündfluth spottet, sieh wenigstens, daß daß Buch, das sie berichtet, sich in der Abnahme des Menschenlebens lief treu scy. Die zweite Folge des verderbten Gökterlebens war eben so schrecklich. Das war, sagt Moses, die Zeit der Rieten, der Söhne jener Goktesman- ner in ihrer wilden Brunst, jene Starken, Weltbezwinger und Namhelden von Alters her, und welche Sage welcher Länder und Völker wüßte nicht auch von ihnen? In Jahrhunderten solcher Starke, was konnte nicht unterdrückt, was überwältigt werden, wenn alles Dichten und Trachten der Menschen auf Bosheit gieng! — Einzig und vvrtreflich ists, wie jede Sage aus diesem Abgründe der Zeiten so genau den Ton trifft, den sie verdienet. Die Brunstmänncr sowohl als die Riesen und Namhelden; jene kommen abscheulich, diese ro-- 238 Ael teste Urkunde mantisch und rasend in ihr gigantisches Licht. Und ihr Niesen im Kleinen, Namhelden und Weltbc- zwinger, weil euch ein Göttersohn in Brunst zeugte, wirds eurer Ehre, eurem unsterblichen Nachruhm einst besser werden? Wie Fabel schallen sie daher über die Wasser der Sündfluth, nur merkwürdig nach ihrem abscheulichen Ursprung, albernen Beginnen und schrecklichen Folgen der Unterdrückung ihrer Brüder! Bebt nicht das Land unter ihrem Tritte? Seufzet und raucht es nicht von Blut? Sie reisten den Mond vom Himmel, und hängen ihr Schild an die Stelle: unsterblich, Männer von Namen von Ewigkeit zu Ewigkeit — Da rcuels Gott den Herrn, daß er Erdmenschcn gemacht hatte, und es schmerzte ihn tief ins Herz. Ec sprach: ich will sie vertilgen von der Erde, die Menschen, die ich erschaffen, vom Menschen bis aufs Vieh, aufs Gewürm, bis auf die Vögel des Himmels: cs reuet mich, daß ich sie machte. — Der Herr zerbrach die Ruthe der Gottlosen und den Scepter der Herrscher, welcher die Völker schlug im Grimm und wüthete über die Brüder ohne Barmherzigkeit. Nun ruhete doch alle Welt, und war stille und jauchzete fröhlich. Auch Cedern und Tannen jauchzetcn über dir: weil du liegst, kommt niemand, der uns haue. — Die Hölle drunten zitterte, da du ankamst. — Das sind nun jene gepriesenen Riesen der Vorwelt, die sich unter dem Wasser ängstigen und aufstchen jedem neuen kommenden Helden: die älteste Sage des Todtenreiches im ganzen Orient-Gott schwcmmete sie weg unter die Erde, und schuf statt ihrer ein« schwächere Menschenart. des Menschengeschlechts. 239 Welch' eine menschenfreundliche Begebenheit wird die Sündfluth in so offenbnrem Ausschluß ih-, res RathschlagerS und Geschichtbeschreiberö! Das Grob einer alten, unzuverbessernden, bis auf die Wurzel verdorbenen Welch und die Mutter einer neuen Erde, eines Menschengeschlechts ganz andrer Gesetze, eines ganz andern Lebens, wo Schwache die List zäumet, und Kürze des Lebens die Bosheit endet. Petrus wagt das große Gleichniß zwischen ihr und den Wassern der Taufe, die auch Unflath abspült und neuen Bund macht. Mit der ganzen Natur machte Gott »ach der Sündfluth neuen Bund, und verjüngte von neuem die Schöpfung. — Was dies für herrlichen Aufschluß über die Art und Beschaffenheit dieser angeseindercn Ucberschwem- mung, über die Vor- und Nachwelt gebe, zwischen welchen sie, ein Ocean Gottes, ein finsteres Tod- tenreich der Riesen unterm Wasser*) dasieht: Naturreiche lichte Felge dieses Werks, das zeige Du!**) Genug, hier endet der Cirkel der ersten Welt, das erste Rathsel und Niesenvorbild der ganzen *) Daß das Todtenreich der Morgenländer Ursprung, lieh aus diesem versunknen Siiesenreich entstanden, soll die Folge zeigen und viel Stellen aufklaren. Das Wort selbst Niedersatz, was unten ii» Meer bleibt. S. Schsids gelehrten Commen- tar in Lsutw, tti-lclse p. ro — Zg, der treflich darüber gesammlet. **) S. Anhang. Vs Fragment, über die Geschichte der Sündfluth. 240 Ae ltestc Urkunde Mcnschengeschichte. Die letzten Zeiten der Welt sollen seyn, wie die Tage des Noah. Henoch sah in den Wassern das kommende Weltgericht, und Judas spricht HcnochS Weissagung auf die letzten Zeiten. Siehe da die Fabel jener beiden Säulen Seths für den Wasser - und Feueruntcrgang der Erde: sie enthalten die Weissagung darüber und das Vorspiel Eines vom Andern auf eine Weise, die wir schon hundertmal fanden. Seth selbst heißt Säule. — Nehmet die Einkleidung des Namenbildes hinweg, und Petrus führt die Parallele zwischen einer Well die im Wasser untergieng, und einer andern, die im Feuer untergehen soll, als Petrus, aus. Die Fabel ist also nicht Fabel. Abgrund der ganzen Menfchcngeschichtc. Du kannst nichts in ihr denken, was du hier nicht im Bilde, im Ricscnvorbilde fühlst. Paradies: Sünde : Strafe: neues Schicksal der Menschen: ihre Lebensart: verschiedene Weise, dem Fluch zu entgehen, oder ihn zu betäuben: Erfindungen: Künste : Religion: Frechheit — in allen Verhältnissen und allen Folgen. Die Lebensalter Eines und aller Menschen: das Verhaltniß der Geschlechte, Stände und Brüder: den wahren Werth alles menschlichen Dichtens und Trachtens, wie manS auch nenne, einklcide und beschönc; das Menschenherz von Jugend auf und immerdar. — Und siehe, es endet mit Grausen! Unschuld, Paradies, w» bleibst du, ein schöner und bald vergeßner Traum! Sünde kam auf Erden und Fluch. Und Fluch, wie bist du gestiegen! Du sankst zuerst nur aufs Thier und den Acker, die todte und thierischc Schöpfung , des Menschengeschlechts. 24c pfung, di- allerdings unsern Fluch tragt und unschuldig mehr als wir leidet. Von der verfluchten Erde auf den Mörder, auf sein Geschlecht fliegst und breitetest dich aus, bis alles verderbet war und nur völliger Untergang retten konnte! — Der Tod kam in die Welt, und der erste Todte war das fromme Opferlamm beim Altäre! Vater versammelten sich zu Vätern, und der Jüngste ihrer, ein Elias, Zeuge der Rache und des Weltgerichts, gieng Vorbild der Unsterblichkeit und Belohnung auf zu Gott: die Niesen gierigen unters Wasser: und die Erde fand Ruhe, Erquickung, Gnade, neuen Bund! — Ring der ältesten Menschcngeschichte. Er ist wie der Sternkreis, der unsere Erde umfaßt: Gott stellte ihn hin, daß du den Lauf deiner Erde mach ihm bemerkest. Und alles wie einfaltig! Du hast für Gott und den Abgrund der Schöpfung nur das leichte Denkmal der sieben Tage und in ihm Alles. Für Menschengeschlecht und Menschengeschichte stehen die Stammaltern da, jedes in seiner Natur, in der Entwicklung zwoer simpler Sagen und in ihnen Alles: zwo Seiten, zwei Hemisphäre, zwei unauflösliche Enden der Menschennatur in Einem Knoten. Die zwei ersten Brüder, und siehe die Geschichte des Menschengeschlechts zwischen den Schwachen und Starken, dem Sohne Gottes und Sohne der Menschen. Nur Ein Opfer wird vor der Sündfluth erwähnet, nur Ein Sohn Gottes ist da, er blutet am Altäre. Die zween Brüder, die zwei Geschlechte Seth und Kain, gegen einander und Herders Werke z, Rel, «, Theol. VI, O. 2,2 AeItefte Urkunde beide stiften: Kain die Stadt nebst allem, was daraus folgt: Seth sein Denkmal, und was sich an ihm erhalten. Dort Erfinder, hier fromme Vater und beider Gesclstechte im Siebenten auf dem Gipfel: Lamech, der Gottes nicht mehr bedarf, Henoch, der an ihm hinaufgeht. In seiner Art wird jedes belohnet: Verhältnis, Ursprung, Wachsihum und Geschichte der Künste des geselligen Lebens zur Religion des Vaterlebens kann nicht einfacher gefaßt, wahrer, fruchtbarer gezeichnet werden, als sie dasteht in zween simpeln Zweigen. Dort endetS mit Poesie und Unsterblichkeit auf Erden; hier mit verhüllter Göttlichkeit im Himmel. Der Vater Noah seufzet und begehret Ruhe; die jovialischcn Göttersöhne nehmen Weiber und werden Helden — beide fördern den Ausgang: das Ende kommt. Stammbaum der Menschengefchichte mit Allem, was Man- nigfaltcs und Fruchtbares daran hangt. Such einen Vorfall in der Geschichte aller Zeiten, der hier nicht Riesenvorbild finde. In alle Lande geht ihre Schnur: die Stimme dieser Muttcrsagen an der Welt Ende. Keine Sprache noch Mundart, da man sie nicht höre. — Leser, ich winkte dir nur, ich konnte dir nichts sagen. Und alles im natürlichsten, tausendfach verschiedensten Tone Der Gesang der Schöpfung ein Lob- gcfang der Sphären, siebenfach Eins und einfach Sieben: der Lichtstrahl des Ersten breitet sich aus in alle Farben, und alle Farben werden am Ende Ein Gocteslichtstrahl. Die Stimme des Paradieses Muttersage, Zauberstimmc aus Eden. Die Geschichte der Umwälzung Fabel, Drama, heiliger anlgmatjscher Knote, leicht entsponnen, von selbst des Menschengeschlechts. 248 entwickelt, schwer im Fortdrang, dunkel am Ende. — Die Geschichte des Brudermords, das Urbild aller Kriege, im Beginn Unschuld, der Löw' in der Mitte, der Äusgang Schrecken, Bann und Verzweiflung. — Die Geschichte der Kannten in Furcht und Flucht beginnend, in Poesie und Lorbeer (welch besserer Ton und Lohn könnt' ihnen werden?) endend. Die stille Größe in Setbs Hause endet in Henoch mit der stillesten Größe: in Noah mit einem Seufzer nach Ruhe. Sofort beginnet ein anderer Ton: Triumph der Gottessöhne, Mahr- und Nitterton ihrer heroischen Thaten, bis die gewaltige Reu - und Trauerstimme Gottes auch in jeder Sylbe wiedcrtönt, eine Welt zu verwüsten. Die Sage hat. tausend Stimmen , sie ändert sich mit der kleinsten Farbe des Gegenstandes auch im Tone, sie enthalt jeden Ton, wie alle Geschichte. Nirgend und überall sich selbst gleich. Geschichtschreiber, Weise, Dichter, euer größtes und verkanntestes Vorbild. *) Soll ich nun noch dem Götzen meine Knie beugen, auf den unsre Zeit so stolz ist, vor dem sie niederfallet unter Trompeten, Pauken und Eymbeln und unserer hundert Ehrcnholde Geschrei ? Sie nennet ihn Geschichte der Menschheit, ein nicht zusammengesetzt, sondern gegossen Bild aus Gold, Sil- *) Auch die Griechen und Römer besingen ihre ersten verschiedenen Zeitalter, als ein Ganzes, als einen geschlossenen Cirkel, der mit der Fluth Deu- kalions endet! es ist aber lauter gebrochene Mahre» 344 weiteste Urkunde des Menschengeschlechts. der, Erz, Stein und Thon, aus allen Sprachen, Zeiten, Völkern, Sitten, Nationen, wo Alles wahr ist und Nichts wahr, Nichts halt, Nichts klebt, man schwimmt im Dufte aller Wesen, und hat kein Wesen, als den unbekannten Gott, Menschheit, das Abstraktum eines Idols und das Idol eines Abstraktum , Ungeheuer aller Bilder und kein Bild mehr. Inkeiix 8iinnlncrnrn stguo ipsins ninbrn (ürensas Vi8L midi ante ocn1o8, ei noin innior iinngo. I'er oonnins ibi coilo änes drnedin oieeinn; 1°ee krn8irs oompre88s ninnU8 ekkugit irnngo^ knr levibui venii8, volneri^ne 8iinillinin 8vinno. So wird er verschwinden der Götze, Trug und selbstgesponnencr Traum ohn' Anfang und Ende. Hier ist Ursprung, tiefste Geschichte, ewige Wahrheit. — Und nun, da wir die Stimme der Prophetin vernommen, die heilige Muttersage der Urwelt, den güldnen Zweig des Paradieses in der Hand, steigen wir hinab ins Reich der Schatten, ins Riesengedrange der Völker, Sprachen, Gewohnheiten, Fabeln, Bilder und Zeichen, und scheuen uns nicht. Der güldne Zweig des Paradieses ist mit uns, die Führerin-Stimme vor uns, und im größten Licht, auf der Höhe der Welt, am großen Denkmal des Urbeginnes, hilfts Gott! finden wir uns wieder. IV. Zusätze zu der ältesten Urkunde des Menschengeschlechts, aus den Handschriften des Verfassers. Die Mosaische Schöpfungsgeschichte.*) I. Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde! — Himmel und Erde! das ist die uralte morgcnlandische Welt — das sinnliche allweite Universum, wenn ich auf einer freien Ebne oder von einem Gipfel der Erde rings um mich blicke, nur Erd' und Himmel sehe und mich in dieser himmlisch irdischen Aussicht verliere. Himmel und Erde! das sind die Höhen und Tiefen der sichtbaren Schöpfung, in denen unser Dichter den Allgegenwärtigen fühlte: Ich hebe mein Aug auf und sehe: Und siehe! der Herr ist überall! — Der große Gesichtskreis, der Bezirk vom Reiche des Menschen, wenn Er, das irdische Bild der Gottheit, von dem Erdpunkte, wo er stehet, sich ') Geschrieben 1778. 248 Zusätze zu der ältesten Urkunde mit dem Auge himmelan hebt, und ringsum auf die Strecken der Erde verbreitet, und endlich in die blaue Grenze des absinkenden Himmels cinflicßt, bis er sich wieder erhebt, und als Herr dieser sichtbaren Schöpfung noch mit Einem, dem letzten, Blick das Ganze der Erde und des Himmels umfasset und cinschließt. Um also das Große, Einfältige zu fühlen, was ursprünglich in diesem Ausdruck der Originalsprache liegt: so trete man in die Zeiten zurück, da der uralte Morgenländer noch sein Weltall würklich innerhalb dieser großen blauen Halbkugel und also zwischen Erd' und Himmel fühlte; da er noch von keinem Gedanken an Gegenfüßler und Planetenwelten gestört, seinen Gott auf dem Thron dieses Himmels suchte, und sich als den Gott dieser Erde ansah. Er trete also hier mit dem himmlischen Scher gleichsam auf die Basis der Schöpfung, in ihrem großen himmlischen Umkreis — auf eine morgenländische Ebne vom weitesten, höchsten, blauen, unermeßlichen Horizont : und fange, die ganze Seele im Blick, den Gesang an: „im Anfänge schuf Elohim Himmel und Erde!" Welch ein Eingang auf das ganze Lied der Schöpfung! Ich erwache aus einem Meere sinnloser Traume und sehe einen prächtigen morgenländi» schen Tempel vor mir, mit der einfältigen kurzen Aufschrift „im Anfänge schuf Elohim Himmel und Erde!" d. i. Ich will euch ein Lied der Schöfung Gottes singen! oder den Gesang der Werke Gottes! Was jener Dichter*) prächtig und verworren zu Pindar. des Menschengeschlechts. 2^9 seinem Gesmigc sagte: „Wer ihn, als einen Pal- „last, zu bauen begönne, der setze güldne Säulen „zum fesicrrichtcten Eingänge: er beginne den An- „fang vortreflich!" Was dieser Dichter sagte, das thut der unsrige: so beginnet, so schließet er den Gesang, „wenn Gott Erd' und Himmel vollendet!" Wer kann noch zweifeln? Wer kann noch deuten? der Eingang, die Aufschrift, die Ankündigung ist da: wie wird der erste Blick in diese Schöpfung Gottes seyn? Dunkel und schaudervoll. Der Gesang rollt fort, nach der Weise solcher uralten Lieder: die letzten Worte werden die ersten: kein Himmel ist noch: Und die Erde war wüst und leer: Finster niß lag auf Tiefen des Wassers Und der Hauch Gottes webte die Liefen: Meine Uebersezung, bleibt dem Eindrücke weit nach, den dieser erste Blick in die ungeschaffne Schöpfung nach der Ursprache machen soll. Der Dichter findet die ewige Erde, gestaltlos, eine wüste Leere, die den Eindruck des schrecklichen Grausens macht, wenn wir in ein Thohu Vabohis*) treten. — Traurige Wüsten Aor uns in entsetzlichem Dunkel, unbildsam und öde! *) Wüste und Leere. s5» Zusätze zu der ältesten Urkunde Mit diesem grauscnden, schreckenden Eindruck, mahlt er die Erde als eine mit Finsterniß bedeckte See! Ewige Dunkelheit ruht auf ihrem Abgründe -L» dem wüsten Bezirk der ungefchaffenen Erde Herrscht die Mitternacht ewig einsiedlerisch. Dunkel und Wolken Fliesen von ihr, wie ein sinkendes Meer, unaufhörlich herunler. Das ist jene alte ewige Nacht, jenes fürchterliche Dunkel, in welches der fluchende Hiob seinen Geburtstag verwünschet:*) sic wird in unserm Gedicht noch grausender, ein kalter Wind, ein Nachtgeist schwebt auf diesen schwarzen Gewässern: er rauscht, er schaudert uns durch. Wer je auf dem Meer in einer dunkeln, kühlen, schaudervol- lcn Nacht diese Scene selbst erlebt hat: der wirds auch lebendig fühlen, wenn -Mitternächtlicher Sturmwind Unaufhaltsam dahinbraus't: die Schrecknisse Gottes Rauschen auf seinen verderbenden Flügeln: die öde Verwüstung Bleibt ungestalt im erschütterten Abgrund hinter ihm liegen! lebendig fühlen, wenn hier der Hauch, der Wind, der Geist Gottes sich auf den Tiefen der ewigen Nacht wälzt! — Er, der Geist des Himmels, Welcher von der Winde Bahn *) Hiob Kap. 3. des Menschengeschlechts. s5r Auf die Fluthen sich Niedcrsenkt — Wie er über Wogen wandelt Fühlet ihn der Ocean, Gährt empor! — — Der kalte nächtliche Wind, in dem das durch, schauderte Gefühl so gern die Nahe, die Gegenwart Gottes empfindet: — Mit heiligem Schauer Fühl' ich das Wehn Hier ist das Rauschen der Lüfte. Es hieß sie wehen und rauschen Der Ewige ! Wo sie wehen und rauschen Ist der Ewige! Nahe Gottes also! der Herr ist nahe: er wandelt auf den Flügeln der Nacht heran: himmlischer Hauch ist der Bote seiner Gegenwart — was wird geschehen? werden wir ihn sehen? werden wir ihn hören? Gott sprach: Sey Licht! Und's ward Licht! Welche Stille! welche erhabne Größe! Ein Heide, der beste theoretische Lehrer des Erhabenen, der in diesen Sachen ganz fremde war , hat sie gefühlt und bewundert; du wirst sie mehr, als er, bewundern können, wenn du sie in ihrem Zusammenhänge und in ihrer Sprache fühltest. Stelle dich in jene fürchterliche, dunkle Nacht hin, in jene leere Wüste, wo Finstcrniß auf dem Abgrunde lag, und lebender Nachthauch die Wogen durchwühltc 252 Zu sähe zu der ältesten Urkunde und der Ausdruck der Ursprache selbst mit dem Grausen der Wüste, Und dem Dunkel der Nacht Und dem kalten Schauer rauschender Wogen kämpfte. Die Scene wurde steigernd immer lebendiger: du fühltest kommende Schöpfungskraft und Annäherung Gottes: durchdrungen erwartest du die Erscheinung — und urplötzlich! — Scy Licht! Und's ward Licht! Welche stille edle Größe! welche woylthatigc, holde, sanfte, Offenbarung der Allmacht! Er kommt nicht der Schöpfer der Welt, wie jener Höllengott: — In dampfendem Nebel! — Ihn sah kein Auge Unter den Augen, die Nacht und Verzweiflung trüb' entstellten! — Nur eilt ein sklavischer Herold Gegen die Feuergebirge, die sonst mit Strömen und Flammen Satans Ankunft dem Abgrund' in allen Gegenden kund thun — Stieg auf Flügeln des Sturms in die grausen Höhlen des Berges Gegen die dampfende Mündung empor. Ein feuriges Wetter Machte den ganzen Bezirk der Finsternkß sichtbar. — So erscheint Er nicht, der schaffende Allmächtige — Sey Licht! Und es ward Licht! des Menschengeschlechts. 253 Was soll ich zuerst, was zuletzt bewundern? die Erscheinung selbst? — Licht ist die erste Glorie der Offenbarung, der erste Blick des Schöpfers in die ungeschaffene Welt hin. Oder die stille Größe, mit der er schaffet? Er spricht! und siehe, da sind alle Schrecken der Wüste, des Meers und der Nacht durch einen Lichtstrahl vertrieben. Oder die glückliche Einfalt des Dichters, der seinen Gott nachahmt, und wie seine Sprache erst Mit dem Leeren der Wüste dumpf ertönte, Mit dem Abgrund und seinen erschütterten Wogen rauschte, jezt dem Worte der Allmacht nachcifert, und uns mit zwo ruhigen, silberhellen Sylben*) wie viel mit Eincmmal singet! — die Größe und Macht seines Schöpfers Sey Licht und's ward Licht -Geräusch und Lerm war nicht um ihn; Als er vordem die kommenden Welten dem Unding' entwinkte! und das Urplözliche seines ersten Winks: Sey Licht und's ward Licht! — — Sieh! er rief ihm^ da wurde das Licht! D»/ Gabriel, sahst es Wie es hervor riß! — und das Helle, Schöne, Erfreuliche seines ersten Geschöpfs: *) ff or,! u5g Zusätze zu der ältesten Urkunde Du erste Geburt der schaffenden Gottheit Wie soll ich dich ehren? wie soll ich dich nennen? Dich , Ausfluß des reinste» , heitersten Wesens Aetherischcr Strom, der die Schöpfung belebet — Sey mir gegrüßt! >- Ja, Menschen, sinnliche, fühlbare Geschöpfe, jauchzt ihm entgegen, dem ersten kommenden Lichtstrahl der Welt: die schaffende Gottheit selbst theilt eure Freude: sie liebt ihr Geschöpf und giebt ihm, als dem erstgcbornen Kinde den Namen. Und Gott sähe, daß das Licht gut war Und Gott unterschied zwischen Licht und Min sterniß Und nannte daß Licht, Lag: D i e Fi n s t e rn i ß, Nacht. Welch ein schönes, menschliches, erquickendes Bild, daß der schaffende Gott sich selbst über den ersten Anbruch des Lichts freuet! und was konnte nach morgenländischen uralten Begriffen für eine frühere, natürlichere Symbole des Guten, des Schönen, des Erfreulichen seyn, als Licht, im Gegensatz jener alten, ewigen, schaudervollen Nacht. Werde ein herumziehender, irrender Morgenländer, oder ein verirrter Wandrer in unbekannten, wüsten Gegenden — die Nacht bricht an, und mit ihr alle Gefahren — — Da regen sich alle wilden Lhiere Die junge» Löwen brüllen nach Raub -- — Da stehen auf die Mörder, die Feinde des LichtS Und tödten den Dürftigen und Armen — Der bricht im Finstern in dis Häuser 2Ü5 des Menschengeschlechts. Des Tages siegle» sie alle sich ein: Und kennen daS Licht nicht» Siehe! nun bist dn der Unglückliche, den die Morgenlander so oft schildern: -Schreckenstöne schallen in deinen Ohren Dich überfällt der Verwüster Hoffe auf keine Rückkehr aus der Finsterniß. Von den Warlen der Berge lauret das Schwert auf dich: Du irrest flüchtig umher, die Speise der Raubvögel, Alle deine Ausgange sind vermauret: Alle deine Wege mit Finsterniß bedeckt! Und nun erhöhe dir noch dies natürliche Grauen und diese würklichen Gefahren der Finsterniß mit allen Schreckbildern der phantasierenden mor- genländifchcn Einbildungskraft, die von Kindheit auf in ihre Seele geprägt waren: erhöhe deine Furcht mit allem Schauderhaften magischer Kräfte, Verwünschungen, Zaubereien, Beschwörungen und nächtlichen Untharen: setze dich in das Gefühl, in welches dich z. B> ein Shakespear zu setzen vermag, wenn er bei Mitternacht die unmenschlichste, schrecklichste That vollbringen laßt: „Es ist nun Mitternacht, die Zeit, wo Zauberer und Unholden hinter ,,dem Vorhänge der Finsterniß ihre abscheulichen „Künste treiben; die Zeit, wo Kirchhöfe ihre Tod- „ten auslassen, und die Hölle selbst verpestete Seu- „chen in die Oberwelt ausdünstet. Nun könnt' „ich heißes Blut trinken, und Dinge thun, vor „deren Anblick der bessere Tag zurückschauderte." — — Oder wenn sein Macbeth voll Königsmord den 256 Zusätze zu der ältesten Urkunde blutigen Dolch vor sich sicht: „Es ist nichts würk „liches, es ist der blutige Dolch meiner Seele, „das sich so in meinen Augen mahlt-jetzt „scheint auf der Hälfte der Welt die Natur todt, „und schwere Träume mißbrauchen den verhüllten „Schlaf: jezt verrichtet die Zauberei den schrecklichen Dienst der blassen Hekate, und der gräßliche „Mord, von seinem heulenden Wächter, dem Wol- „se, aufgeweckt, geht mit räuberischem Schritt sei- „nem Werk, wie ein Gespenst entgegen. Du feste, „unbewegliche Erde! höre meine Tritte nicht, wo- „hin sic gehen.-Die Glocke ruft mir. Höre „sie nicht, Duncan, cs ist die Glocke, die dich „gen Himmel oder zur Hölle ruft! u. s. w." Fühle alle diese Nachtscencn auf Einmal, und welch ein Sinnbild des Bösen wird natürlicher, als Finsterniß, und welche Flüche natürlicher als die schwarzen Nachtflüche der Morgenländer: Selbst die Sterne der Dämmerung scyn dir finster i Vergeblich harre auf Lichr und komme kein Licht! Und sehe nie die schönen Augenlieder Der Morgenröthe! — — Dies Gefühl nun, und alle solche Scencn und Geschichten und Phantasien und Schreckbilder lagen in der Seele der Morgenländer: sie fühlte Hirte und Wandrer, Kind und Weib, und wer je in den Schrecknissen der Nacht auf den ersten tröstenden Morgenstrahl des Lichts gehoffet hatte: und wer sympathisirte nun nicht mit dem Dichter: „Gott sähe, daß das Licht gut war!" Wer fühlt nicht im Gegensatz dieser Nächte den heitern, schönen, unbewölkten Tag unter dem -Simmel der Mor- des Menschengeschlechts. 25 / Morgenländer, der mehr als öfters der nnsrige mit Dämmerung und Nebel Gegensatz macht, a!S das ursprüngliche Bild deS Guten! Gott unterschied also zwischen Licht und Dunkel, und nennete (nach der Weise der Morgenländer, alles in Namen zu hüllen) jenes Tag, dieses Nacht. Nun ist das Tagewerk geendigt. Der Schöpfer hat das schönste Werk, das Licht, hcrvorgebracht: er fand sein Werk gut und frcuetc sich drüber mit der guten Freude eines Werkmeisters. Er setzte also sein Werk hin, und Unterschieds: ja ec eignete es sich endlich als Vater und Künstler zu: er gab ihm, als Urheber, den Namen. So ward der Abend So der Morgen: Ein Tag! Und welch ein schönes, großes einfaches Tagewerk! Die Uebcrschrift des ganzen Stücks gieng voran. Es folgte die fürchterliche Nachtbeschreibung mit einer Steigerung des Schrecklichen, Lebendigen. Gott kam und sprach Licht! die ewige Nacht ist vertrieben: sein Licht ist da: sein Werk ist vortrefflich : er bestimmts: er nennks: das Tagewerk ist vollendet! Wer kanns einfacher beschreiben? Wer kanns vollenden, als Gott? „Weißest du den Weg zum Lande, der Wohnung des Lichts, „Und zum Ort der Finsterniß? „Hast du beide in ihrer Grenz' ergriffen „Und den Fußsteig zu ihrer Wohnung bemerkt?" So ward also auch in der morgenländischen Herders Werke z.Rel.u.Theol, VI. R 2Ü8 Zusätze zu der ältesten Urkunde Gotteslehre dies Tagewerk eins der glänzendsten Werke Gottes. Er, der Batcr des Lichts, Licht ist.das Gewand Jehovahs Mir Glanz und Herrlichkeit ist er geschmückt! und da nun die Symbole von Gut und Bösem nicht blos in der Denkart, sondern auch in der Sprache des Orients lag: so ward also die Benennung Gottes, die er dem Tage und der Nacht gab, ewiger Nationalismus. Das ist das Tagewerk des Lichts! die fluchenden Gewässer stehn noch auf der Erde, aber erleuchtet. II. und Gott sprach: es scy Ausbreitung in der Mitte der Wasser Zur Abt Heilung zwischen Wassern und Wassern. Gott machte also eine Ausbr eitu ng: Und theilte Zwischen den Wassern unter- und über der Ausbreitung! Und es geschah. Daß das Schöpfungswerk in seiner sinnlichen Bilderfolge fortgehe, ist offenbar. Noch waren nur weite hohe Gewässer über der Erdfläche: Gott erhebt einen Theil derselben: eS wird ein großes Expansum in der Mitte, über, und unter welchem Gewässer bleiben: dies Expansum ist das Tagewerk — was ists? was ist diese Ausbreitung, Ausdehnung , oder wie ichS nennen soll? Man muß wieder ein Morgenländer werden, um es sinnlich zu fühlen: es ist die Himmelsluft, unsre Atmosphäre. des Menschengeschlechts. 25 g Dass diese dem ersten Anblick nach wohl ein sinnliches Bild der Ausbreitung/ der Ausdehnung sei), braucht keines Beweises : welch Volk, welcher Dichter hat wohl daher nicht große Maase der Höhe und Breite und Entfernung genommen? So hoch der Himmel über der Erd' ist: So hoch gehn Gottes Gedanken über Gedanken der Menschen! --Denkst du, was Gort erforschet zu entdecken, Und das Maas des Allerhöchste» auszufinden? Höhen des Himmels sinds: was willst du machen? Ein Abgrund, tiefer als die Hölle: was willst du erkennen? Ein Maas, langer als die Erde, Breirer, als das Meer! Was hatte der eingeschränkte, sinnliche Verstand des Menschen, der zwischen Erde und Himmel schwebt, für größere Bilder der Ausdehnung? Ab.er das Bild uniers Dichters sagt mehr und etwas anders. Eine Ausbreitung, ein Fußboden zwischen Wassern und Wassern, welches ist das? Hier nehme man die morgenlandische Mythologie, oder Mythische Naturlehre zu Hülse. Da ihnen in den uraltesten Zeiten die wahre Beschaffenheit der Luft, des Dunstkreises und der Zubereitung des Regens, Hagels, Schnees, der Wolken, des Donners und Blitzes unbekannt, oder noch nicht so bekannt war, wie uns: da schuf sich also ihr begeistertes bildervolles Auge eine Welt, wie sie sie sahen, oder zu sehen glaubten. Da ward der Himmel R 2 > ihnen bald ein großes weitauögcbreitetes Zoll, bald ein blaues, festes Gewölbe, bald der Fußboden Gottes und seiner Donnerwagcn; da priesen also die Dichter: Den, der den Himmel ohne Gehulfen außdehnet, Der ihn, wie einen Teppich, zum Zelte spannet» Da priesen sie den — Der auf die Wolken tritt Und sie fest findet, wie einen gezogenen Spiegel — u. s. f. Aber nun sage man: wie diese Ausbreitung, dieser Teppich, oder dieser Fußboden Gottes zwischen Wassern und Wassern ruhe? Die Wolken? Welche Vergleichung zwischen ihnen und einem Meer, was noch die ganze Erde bedecket, was noch auf ihrer ganzen Oberfläche fluchet? Sie, kleine Schlauche, kleine Dünste, einer Hand breit, und unten ein Ocean! Doch wie unten? Sind sie denn über der Veste? sind sie nicht eben auch, nach allen morgen- ländischen Bildern, unter dem Fußboden Gottes? Und was ist denn nun dies Tagewerk, da Gott ausdrücklich eine Ausbreitung in der Mitte der Wasser, zur Abtheilung zwischen Wassern und Wassern, ausdrücklich zwischen Wassern über und unter dieser Ausbreitung macht? Wenn wir nicht spielen, oder selbst Wasser in die Augen streuen wollen, so erklären hier die Wolken Nichts, und ich glaube das Tagewerk bisher fast unerklärt. Ein Schritt weiter in die poetische Naturlehre -er Morgenländer wirds erklären. Was sind die des Menschengeschlechts. 26c Wasser, die bei ihnen noch oft von Regen und Wolken unterschieden werden? die großen Wasser, auf denen der Donncrwagen Gottes gehet? die Wasser oben im Himmel, die ihn noch außer dem Schnee, dem Hagel und den Wolken loben? die Wasser, mit denen er seinen Himmel gcwölbet, für die er seine Fenster des Himmels aufthut? die Wasser, die seine verborgnen Abgründe und Schatzkammern sind? Spuren genug, daß die Morgenländer noch über dem Himmel, als dem Fußboden Gottes, Meere und große Behaltnißc des NegcnS geglaubt, Vorrathshauser, die der Allmächtige zur Zeit der Dürre noch in seiner Gewalt habe, die Erde zu erquicken. Der weite Himmel war über ihnen, die Residenz Gottes, und da sic diesen, den Schöpfer und Vater der Welt, mit der Hervorbringung , Erhaltung und Regierung des WeltAlls beschäftigten: so gaben sie ihm in seinen Himmel allen Vorrath, den er brauchte. Da war ein Land, wo das Licht wohnet, und ein ander Land der Finsterniß: da waren Schatzkammern des Schnees und ein Zeughaus des Hagels — Den ich auf die Zeit, wenn Feinde sind, Auf den Lag der Schlacht und des Krieges beir, gelegt habe. Da waren also auch Vorralhshäuser des Regens, dem er in Wolkenbrüchc Canäle machte, daß cs über Lander ohne Einwohner regnet — Ueber Wüsten, in denen kein Sterblicher ist Um die tiefste Einöde zu sättigen Und Gras und Krauter aus ihr hervorspricßcn zu lassen. 262 Zusätze zu der ältesten Urkunde Regen und Schnee, Hagel und Blitze waren ihnen also nichts weniger, als Dämpfe, die vcn der Erde aufsteigen: sic waren alle Kinder des Himmels, Werkzeuge aus den Gegenden über dem Fußboden Gottes, Nun wird unser Tagewerk klar. Gott wölbt eine Anslncitung, einen Himmel: oben über ihm sind Wasscrfchatze, unter ihm auf der Erde floß 'noch der Occan. Und nun verstehen wir eine Reihe dichterischer S ellen, die sich auf die Naturleh- re dieses Tagewerks gründen: Der den Himmet ohne Gehütfen ausdehnet Und auf emporschwcllende Wogen tritt — In Wolken Kinder er Wasser zusammen Und der Wolkenschlauch zerreißt nicht unter ihm — Er verschließet die Thür zu seinem Thron Und breiter seine Wolke um ihn herum — Bist du an die Schätze des Schnees gekommen Und hast das Zeughaus des Hagels gesehen? Wer hat den Wotkcnbrüchen ihren Canal bereitet? Und dem donnernden Blitze den Weg? Lassest du deine Stimme schallen, hoch aus der Wolke, Da Wasscrfluthen dich bedecken? Man sichet, daß sich die Bilder im Detail nach der Weise jedes Dichters verändert haben ; im Ganzen aber ist der Orientalismus klar. Und Gott nannte die Ausbreitung Himmel (Himmclshöhe) So wardderAbend: So der Morgen: der zweite Tag! des Menschengeschlechts. 263 So gehet dos Tagewerk wieder zu Ende, indem der Künstler, der sein Werk gemocht Hot, es auch nennet. Do ist nun die große, klare Himmelsaus- breitung, in der Ursprache die Höhe! Do steht sie gegossen, wie ein sapphirner Spiegel, und über- und unter ihr sind gesonderte Wasser, die am ersten Tagewerk noch in fluchende Tiefen zusammen- gedrangl lagen. — Nun funkelt die Bühne des Himmels, nun sieht man Hangende Meere In Hellen Tropfen zerrinnen und aus den Lüften verschwinden. Da' steht in Wassern gewölbt ver Boden des göttlichen Pallasts! Doch dos Werk ist nur noch, wie halb zu Ende; die andere Holste, welche sonderbare Parallele? III. Und Gott sprach: Auch unter dein Himmel fließen di« Masse r zusammen: Das Land erscheine! Und es ward also. Die Parallele ist offenbar. Dort trennet«« sich die Wasser über und unter der Himmelsausbrcitung, und es ward — der Fußboden Gottes. Hier fließen nun die Wasser, die unter der Himmelsausbreitung blieben, zusammen, und es wird — der Fußboden der Menschen, trockncs Land, Erdboden. Jenen nannte Gott: Himmel! Höhe! Diesen: Und Gott nannte das Land Erdboden (Niedere) - 264 Zusätze zu der ältesten Urkunde Und die zu sa m m e n g efl 0 ß ne n Wasser Meer. Und Gott sah, daß dies gut war. Wer kann nun noch an der Parallele zweifeln? Hier ist das Siegel der Benennung: Himmel und Erde! Höhe und Niedrigkeit! Fußboden Gottes! Erdboden der Menschen! wie weit ist schon die Schöpfung ausgebildet — Da steht der Himmel, in Wassern gewölbct! Die Himmel , seiner Hände Werk! Da stehr die Erde am Meere gegründet! Und an den Ocean gesenkt! Und weil nun diese beiden Tagwerke eine so enge, zusammenspielcnde Parallele machen: so sieht man ohne Kopfbrechen und gelehrte Gcheimniße die Ursache, warum bei dem erstcrn von beiden nicht ausdrücklich dastand, daß Alles gut sey. Es sollte nicht abgerissen und geschlossen werden: es ward ein fortgchcndcs Werk, was seine zwole Halste fordert, und da diese vollbracht ist, da der Fußboden des menschlichen Pallasts so geräumt ist, wie dort der Fußboden Gottes; so sicht nun der Werkmeister beider mit Einem Blicke: vollendet, gut, vollkommen! Nun gebührt ihm das Lob, was ihm über dies Tagewerk die morgenlandischcn Dichter in so erhabenen Bildern geben: Wer legte dem Meer Schleusen vor, Als es hcrvorbrach wie aus Mutterleibe? Als ich ihm Wolken zum Gewand' Und Nacht der Gewitter zu Windeln bestimmte? Als meine Hand über ihm Maas nahm, des Menschengeschlechts. 265 , Ihm Thor und Riegel vorlegte Und sprach: bis dahin sollst du gehn! nicht weiter! Der Winkel soll deine schwellenden Wellen Niederdrücken ! Das Lob, da seine Schöpfung dieses Tagwerks wie gegenwärtig gewählt wird: Der du den Boden des Erdreichs gründetest, Daß es ewiglich fcststehet, wie ein Pallast l Mit Tiefen deckest du es, wie mit Gewände Und Wasser stehen über den Bergen! Aber du schiltst und sie fliehen, Du donnerst, und sie rauschen herab! Da gehn die Gipset der Berge hervor, Da breiten sich die Ebnen auf festen Grund aus! Den Wassern setztest du unübersteigliche Grenze, Daß sie nie wieder die Erde bedecken! Rur Brunnen lassest du quellen in den Gründen, Und Ströme rauschen in Lhälern zwischen den Bergen u. s. w> Es mag die Naturlehre dieser Bilde unsrer Natur- lehrc so wenig, oder so viel entsprechen, es mag der Pallast der Erde aufs Leere gegründet, nnd das mit Gewitterwolken umwindelte Meer, und das durch den Donner von Wassern geräumte Erdreich, und die mit dem Maasstabe des Baumeisters ge- meßnen Grenzen des Oceans sich mit unfern Vor- stellungsarten und Hypothesen reimen, oder stossen — wir sind hier in der Denkart und Naturlehre des Morgenlandes und beten also auch Das Aug gen Osten gekehret, Das Knie zur Erde gescnket, Die Hand zur Andacht gefaltet Und vor Wegeistrung aufwallend den Schöpfer des Orients an — Der Hohn und Liefen des Weltbaus, Das Meer, die stehende Veste Der Erdhürt' ewiglich wagte Der Mächtige! Sobald der Erdboden geräumt ist: schnell geht in ihm,die schaffende, würkende Kraft fort: die neue Erde muß gebaren! Hier folgt ein Zusatz der Befruchtung und gleichsam der ersten Bevölkerung Und Gott sprach: Es sproße die Erde zartes jungfräuliches Kraut Und männliches, Saamen säendes Kraut Und Fruchtstauden, die sich selbstbe- s aa m e n: Und es ward also. Dies ist also die erste lebendige Familie des Erdbodens: die Geschlechter, oder wenigstens die Lebensalter der Pflanzen. Daß die Morgenländer, die im Garten der Natur wohnten, bei ihrem botanischen Hirten- oder Ackerleben sich mit Kräutern und Pflanzen wohl gekannt, ist ausgemacht; dies zeigt schon der Reichthum ihrer Sprache an Wörtern und Unterscheidungen in dieser Art, der ein Zeuge des Reichthums ihrer Kenritniße ist. Und sollten sie nun also, die täglich mit diesen Kindern der Natur umgiengen, sie als Lieblinge pflegten des Menschengeschlechts. 267 und warteten; sollten sie, die noch von keinem System, und Elaßrngeist aus Büchern angesteckt, nur noch die ganze, volle, lebendige, würkende Natur sahen; sie übcrdem, die Phantasie genug hatten, Alles im Reich der Schöpfung zu beleben, Alles als fühlbare, handelnde Natur zu sehen, und anzureden — sollten sie, sage ich, an ihren grünenden Freunden, den Pflanzen, nicht Leben und Lebensalter, Geschlechter und Befruchtungen gesehen haben? Ungezwcifelt! und wem meine Ueber- setznng, die offenbar weibliche zarte, männliche besäumende und Hermaphroditen von Pflanzen und Fruchtbaumen findet, die den Saamen in sich selbst haben — wenn diese Uebersetzung zuviel sagen wollte, der kaim wenigstens die Eintheilung in zarte und härtere Pflanzen, und also die Lebensalter, und die Zeit und Unterschied ihrer Besamungen nicht verkennen; und auch das sind schon lebendige Attribute. So ist demnach hier zu Ende des ersten Drei von Tagewerken die erste Befruchtung, die erste Bevölkerung der Erde. Wie weit ist schon die Schöpfung! — < Aus rosefarbnem Gewölk mit jungen Blumen umgürtet - Sinkt schon ein Frühling vom Himmel. Es wirb sein göttlicher Olhem Durchs Herz der Erde gefühlt. Da rollen Güße von Beigen, Der Boden trinket die Flut: das Weltmeer wälzt sich ins Thal hin. Die Luft ist sanfter. Ein Teppich mit wilder Kühnheit auö Stauden 268 Zusätze zu der ältesten Urkunde Und Blumen und Santen gewebt, bekleidet Lhäler und Hügel. Wie schimmert der blühende Garten ! wie düsten die Wälder, wie gaukelt In Wolken von Blülhcn und Saamcn der Zephyr! Er führt sie gen Himmel Und regnet mit ihnen herab. Heil euch ihr jungen Bewohner '''Der Erd'! ihr ersten jungfräulichen Braut'! ihr grünenden Kinder Des Schöpfers! Blumen, von Reitz und Liebe beseelet! -2 — IV. Und Gott sprach: Es werden Lichter in der Ausbreitunz der Himmel, Zwiscbe» Lag und Nacht zu scheiden Und Zeichen zu seyn für Zeiten, Lag und Jahre, Und Lichter zu seyn im Raum der Himmel Zu leuchten der Erd': und es ward! Wie fortgchcnd walzt sich der Gesang noch) immer um die vorigen Ideen, um jede derselben sinnlich weiter fortzubilden. Das Licht des ersten Tages, was Tag und Nacht scheidet: die Himmel des zwei» ten, die über den Menschen gewölbt sind, und die gewonnene Erde des dritten Tagewerks werden fortgeschaffen: Lichter am Himmel, der Erde Tag und Nacht zu geben! — Und wie schön, uralt und einfältig ist der Nutzen der Gestirne betrachtet! Zeichen für die Zeitrechnung, die Witterung, die Erndte, die Feste, die Lebensalter: Lichter, den des Menschengeschlechts. 269 Wohnplatz deS Menschen Tag und Nacht zu erleuchten — was will der gute morgenländische Hirte und Landmann mehr? Und Gott schuf zwey große Lichter: Das große Licht, zum Könige des Tages! Das kleine Licht, zur Königin der Nacht! ' Und die Sterne! O wer in dieser Einfalt nicht Große fühlt: wer hier über das große und kleine Licht und die Proportion zwischen Sonne, Mond und Sterne spotten kann; der fühlt keine Poesie, keinen Gesang des sinnlichen Anschauens: für den schreibe ich nicht. Aber ohne astronomische Maasse und Tabellen im Kopf, nehme ich einen die Natur anschauenden Jüngling, führe ihn Jahrtausende zurück unter die uralten Morgenländer: stelle dich hier, als ein sinnlicher Weltbürger auf diese Höhe, auf diese Ebne und siehe! Die Sonne geht auf! das große Licht, der König des Tages! Da geht sie hervor, ein lachender, glanzender Ein Held, voll Muth, ihren Weg zu wandeln! Da gehl sie hervor an einem HimmelsEnd» Hinüber zum andern HimmelsEnde Und Alles ist voll Glanz und Glut! Die Sonne geht auf! das große Licht, der König des Tages! Da faßt das Morgenroth das Ende der Erden, Und schüttelt die nächtlichen Uebellhater herab. Jüngling! 270 Zusätze zu der ältesten Urkunde Die Erde verwandelt sich, wie Thon unter dem Siegel Und alles steht plötzlich im Schmuck! Entzogen ist den Uebelthatern ihr Licht, Ihr stolzer Arm ist zerbrochen! Die Sonne geht auf! das große Licht, der König des Tages! Da heben sich die brüllenden Löwen davon Und gehen in ihre Höhlen! Da wandelt der Mensch, verjüngt, zu seinem Tagwerk hin Und ackert bis zum Abend. Herr! Deine Werke sind groß und viel, und weise geordnet Die Erd' ist deines Segens voll. Nun siehe, den Mond! das kleine Licht, die Königin der Nacht! --und hinter ihr die Sterne! Schön bist du, Himmelstochter! sanft und huldreich Ist dein verschwiegen Angesicht! Du prangst heran. Die Sterne reihen sich in Osten Um deinen blauen Pfad! In deiner Gegenwart, o Mond, frohlocken Die Wolken. Deinen Schimmer trinkt Ihr dunkelbrauner Saum in sich. Wer ist am Himmel, O Aind der Nacht, dir gleich? Die Sterne sind beschämt und schlagen seitwärts Ihr dammerndsunkelnd Aug von dir — Allein du schwindest selbst ins Dunkel und ent« stürzest des Menschengeschlechts. 271 Der blauen Himmelsbahn. Dann heben Sterne, die du nun beschämest Mit Lust ihr funkelnd Haupt empor — Indessen, da dich noch dein Schimmer kleidet, blicke Bom hohen Thron herab — Wind! brich die Wolke, daß sie niederblicke, Die Königin der Nacht, daß ihr Die Büsche wieder glanzen und in Licht sich walze Die blaue Meeresfluth! *) Siehe den Mond, das kleine Licht, die Königin der Nacht! — — wie er am einsamen Himmel her» aufgehr Und aus dämmernden Lauben den Weisen, ihn an» zuschauen, herwinkt, Wenn er das Menschengewebe der Erdeseligkeit fliehet Und die Bücher der ewigen Zukunft im Stillen eröffnet — — Nun höre weiter: Gott setzte sie in den Raum des Himmels Der Erbe zu leuchten Und Lag und Nacht zu beherrsche n Und Licht undFinscerniß zu begrenze n. Und es geschah! Welche Größe! Er nahm die Sonn und setzte sie *) Ossian, 272 Zusätze zu der ältesten. Urkunde in die Weite des Himmels „leuchte der Erd', und scy König des Tages!" Er nahm den Mond und setzt' ihn in die Leere der Himmel „leuchte der Erd' und sey Königin der Nacht!" Daraus sind nun ähnliche Bilder: Er ruft der Sonn' und schafft den Mond Das Jahr darnach zu theilen!- Er verbietet der Sonn' und sie geht nicht auf Erdrückt auf Sterne sein Sieget: sie verschwinden! Er ists, der den Wagen, und den Orion und das Siebengestirn Und die verhüllten Kammern i» Süden gemacht hat- Auf seinen Befehl wird der Himmel zur Morgen- röthe Und seine Hand todtct den nordischen Drachen — , Bist du's, der das Band des Siebengestirns festbindet Und dem Orion die Löwenhaut ablöset? Kannst du den Wagen zu seiner Zeit hervorführe»? Und die Nachtwandrcrin über ihre Söhne trösten? Kennest du die Gesetze des Himmels Und machst die Abzeichnung für ihn auf Erden? So ward der Abend „S 0 derMorg «n: d er vierteTag!" Ein großes Tagewerk! V. und G 0 tt sprach: „DaS Wasser bringe hervor allerlei lebendige W a sse r t hi cre l „Und über der Erd' an meinemHimmel fliege Gefieder?" Siehe des Menschengeschlechts. 278 Siehe da! wie sich nun Alles wirklich belebet! Da der Himmel mit Sternen geschmückt und die Luft aufgeklärt und das Meer gesammlet und die Erde mit Krautern und Bäumen bevölkert ist, so bekommt Alles lebendige Bewohner. Hier ists zuerst Luft und Wasser! da beide zu Folge des zweiten Tagewerks, nach der Natnrlehre dieser morgenlan- dischcn Schöpfung, verwandt sind — da die Ausdehnung der Luft nur eine Erhebung und Wölbung von Wassern gewesen, die eine Leere unter sich gelassen — was Wunder, daß auch hier im fünften Tagewerk beyde zusammen bevölkert werden? Das Wasser bekommt seine Wasserthicre; die Luft ihr Geflügel — die vorigen Ideen werden immer fortgeführt und entwickelt. Der Himmel ist noch immer das weite Erpanfum zwischen Wassern und Wassern — da schwimmen also die Vögel in einem leichtern Ocean; da unten ist das Wasser unter dem Himmel — das lebet und webet von Fischen und Seegeschöpfen: Und Gott schuf die großen Waffe r-Un- ge Heuer Und alle lebendige kriechende Wasserthier e in ihren Arten, U nd alle Luftgefieder in ihren Arten, Und Gott sähe, daß es gut war» Die Welt der großen Wasserungeheuer war in der Einbildungskraft der Morgenlander sehr furchtbar und lebendig. Sie, die das Weltmeer nicht anders, als ein unendliches furchtvolles Element kannten : sie schufen sich aus dem, was sie wußten und Herders Werke z. Siel, u. Theol. VI, S L74 Zusatz.e zu der ältesten Urkunde dichteten, Mecnmgeheuer, die Alles Ungeheure, Schreckliche Hutten, was nur Drachen und Walisische und Erocodile vereinigen können. Wir haben also Freiheit, das Wort Tannin, hier für das zu nehmen, was es vielleicht am öftesten war, für die Vorstellung der Mccrwunder, von denen aus der Ferne des Weltmeers so viel schreckliche und fabelhafte Erzählungen giengen. Wer Eine davon lesen will, wird sic im Hiob vom Leviathan finden — Bon dessen Niesen Licht ausgehet: Und dessen Augen wie die Morgenröthe funkeln: Fackeln wehen aus seinem Rachen Und ausfahrcnde Feuersunken. Von seinem Schnauben dampfts Wie ein siedender Topf im auswehenden Feuer, Kohlen zündet sein Orhem; Und Flammen sprühet sein Nachen. Sein Riesenfleisch hängt fest zusammen; Ein eherner Panzer ist um ihn, -de» ihm niemand nimmt. Wie ein Stein ist sein Herz, Hart wie der unrere Mühlstein: Kein Schwert kann ihn bestehn! Nicht Spieße, nicht Lanzen, nicht Waffen! Denn Eisen ist ihm Stroh, Und Erz wurmstichiges Holz. Die Söhne des Bogens durchbohren ihn nicht; Die Steine der Schläuder sind ihm Stoppeln. Vor ihm brause! die Liefe, wie Kessel. Ihm brauset das Meer wie gährende Säfte! Hinter ihm glänzt sein Weg, Fluthen mit weißem Scheitel, des Menschengeschlechts. 27L Auf der Erd' ist feines gleichen nicht — Der König der Wasser-Bewohner! Sei) nun dies Ungeheuer, was es wolle, und alle seine Brüder und Unterthanen — man flehet indessen das furchtbare Element der Morgenländer, und die Ansicht, in der es hier geschildert wird. — Ei» blauer Abgrund voll tanzender Wellen. Riesen des Wassers Durchtaumcln die unabsehbare Fläche!- Das ist das Welrmeer, groß und allweit Und wimmelnd von großen und kleinen Bewohnern — Da gehen Schiffe: Da scherzen Meerwundcr, Gott, deine Geschöpfe! Laß dir von diesen die Einbildung mit den Erzählungen der Morgenländer füllen — und nun! hebe den Blick ins andre Reich dieses Tagewerks, in die freien Reviere der Lust! — Welche andre Welt! ,,Er spricht der Schaffende! Schnell rauschet ein ,,Hecc, unendlich mannichfaltig an Bildung und „Schönheit, auf bunten Flügeln: steigt hoch em- ,,por in die Luft, spielt in blumichten Fluren, in „Büschen und schattichtcn Wipfeln: ihr wirbelndes „Lied tönt durch den erstaunten Ham und die rauschende Lust laut des Schaffenden Lob! —" — Schlagt laut, Bewohner der Wipfel! Schlagt, lehrt mich Euren Gesang! O du bist so herrlich im Bogcl Der hier im Dornstrauch hüpft, als in der Veste des Himmels, Zu der der Adler hinanstrebt! S 3 376 Zusätze zu der ältesten Urkunde Und Gott segnete sie und sprach: Seyd fruchtbar und mehret euch Und füllet das Gewässer! Und das Gefieder die Erde. Der fünft e L ag aus Abend undMorgen! Hier ist die erste förmliche Segnung auf die erste völlige lebendige Welt Gottes. Pflanzen und Krauter , diese eingewurzelt athmendcn Geschöpfe bekamen ihn stille in ihre Natur verflochten! aber die Wasser - und Luftgeschöpfe — sie können schon die Stimme des segnenden Vaters in ihrem Element hören. Da taumeln die Riesen des Wassers, schon herauf! Da flieget das bunte Gefieder schon um seinen Thron: er segnet! — Der dritte, beste Segen wird bald für seine besten Geschöpfe kommen! VI. Und Gott sprach: Auch die Erde gebahre vielartiges Lebendiges Lhie re, Gewürm und Wild in seinen Arten: Es geschah. Gott machte das Wild in seinen Arten Und alles Kriechende in seine »Arten! Und Gort sah, daß es gut war! Die Worte sind kurz, aber die Scene ist groß und prächtig. „Er sprach noch, schnell wanden Klöße „sich los und formten sich zu unzähligen Gestalten; „da hüpfte der belebte Klos, als Pferd, auf der „Flur und schüttelte wiehernd die Mahne; der „starke Löw' entwickelte sich, halb Klos noch und „halb Löwe versucht er's, die ersten Töne zu brül- „len; dort bebt' ein Hügel und jetzt gieng er, des Menschengeschlechts. 277 „belebt, als Elephant daher — so stiegen mit ein- „mal unzählige Stimmen zum Schöpfer empor!" Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, zu u n» serm Bilde, Sie machen zu uns Aehnlichen! Herrschend über Fische des MeerS und Vögel des Himmels N e b e r v i e r sü ß i g e L h i e r e u n d über die ganze Erd', und was aufihr kriechet. Und Gott schuf de »Menschen zu seinem Bilde Zum Bilde Gottes schuf er ihn, Einen Mann und Ein Weib! Der Mensch unter den Thieren der Erde! ein edler Zug der galten morgcnlandischen Einfalt! Er aus Erde gebauet, von der Erde sich nährend, in Erde zerfallend — was ist ec, als ein Thier der Erde? Ort, Bestandtheile seines Körpers, Instinkte der Seele, Lebensalter, Nothdürftigkeiten, Schmerz und Vergnügen, Fortpflanzung und Ende — alles hat er mit den Thieren gemein; wie wollte er sein Geschlecht verkennen? O es gab Zeiten, wo dies noch der Glaube des Menschengeschlechts war! wo man diese Verwandtschaft noch natürlicher anerkannte, und sich gleichsam an charakteristischer Bestandheit unter den Thieren der Erde fand — wo man mit diesen seinen unedeln Brüdern noch naher um- gieng, ihre Natur und Art anschaucnder erkannte, von ihnen Künste und Geschicklichkeiten lernte, Weisheitssprüchc aus ihrem Munde und Betragen dichtete, mit ihnen fühlte, empfand, und genoß, ^8 Zusätze zu der ältesten Urkunde und endlich, da sich Alles verdarb, gar Sinnbilder von wirkenden göttlichen Eigenschaften in ihnen verehrte. O Mensch, die grausam vornehme Naturlehre ist nicht immer gewesen, daß die Thiere Nichts als empfindungslose Maschinen, und der Mensch der einzige Liebling Gottes, das einzige Genießende sev im allweiten Reiche der Schöpfung! Nein, der Mensch, das erste Geschöpf Gottes, fand sich unter Thicrcn des Feldes — gedenke an deinen Ursprung! Thier unter Thicren! — aber der Mensch ist ein göttlich geadeltes Thier! ein Bild der Elohim! ein irdischer sichtbarer Gott der Thiere! ist dieser Unterschied nicht größer als durch eigne Elasten und Tage? Zuerst berarhschlagt sich über ihn der Schöpfer — und er berathschlage sich nun, wie? und mit wem er wolle? Der Zweck, der adelnde Vorzug des zu schaffenden Geschöpfs leuchtet unwidersprech- lich aus dieser Rathschließung hervor. So sprach er nie zu sich selbst, da er Sonnen und Gestirne, nie, da er Krauter und Baume, nie, da er den Walisisch und den Elephanten erschuf; nur hier krönet er ganz nach vollbrachter Schöpfung sein Werk mit dem Meisterstück seiner Hand — dem Menschen! Sep's, daß er sich gleichsam aufmuntre, um seine so gute Schöpfung noch so würdig zu beschließen , oder sep's, daß es gleichsam Berath- schlagung mit sich selbst und das letzte Wohlan! und der Ausbruch des werdenden Gedanken sep, der Zunder in der Seele fand —- es ist immer das "Wort, was den Menschen, vor allen Geschöpfen der sinnlichen Schöpfung adelt. des Menschengeschlechts. 279 „Lasset uns Menschen machen, daß sie unser „Bild und uns ähnlich seyn!" Geschlecht! bist du so Versalien, daß du die Züge der Acbnlichkeit Gottes, diese Spuren der Göttlichkeit in dir, nicht mehr anerkennest? Siehe dich! siehe die Thiere! Diese aufgerichtete, edle feinere Gestalt, dies seclen- volle Antlitz-so mächtig der Seele Tiefstes Denken vom redenden Äug' herunter zu sagen dieser geistige Blick, der schnell und voll und ein- heimckch — zum Himmel hinaufwallt: diese zu einer solchen Sprache artikulirte Stimme: diese zu so vielen und seinen Geschäften und Empfindungen und Gedanken artikulirte Bildung — die gab er dem Thier nicht ! da geht, auch in seiner nackten Dürftigkeit, in seiner zerstörlichcn Schwäche, da geht ein irdifchgebildeter Gott! einer der Elohim in sichtbarer, ausdrückender Gestalt! Seht hin in sein himmlisches Antlitz, auf seine winkende Stirn, in sein redendes Auge, ans seinen Mund und Miene, die die unsichtbare Vernunft und die unaussprechliche Empfindung sichtbar und hörbar machen können — seht ihr nicht Strahlen der Gottheit? Sehet seinen Umriß und Stellung, Brust und Arme, Stand und Bewegung — da wohnt Starke und Adel, Leben und Wirksamkeit, Schönheit und Güte , Liebe und Weisheit! er ist der Elohim Einer, der unter dieser Hülle wandelt! Wir wollen also nicht untersuchen, was für ein Wort die meisten dieser Eigenschaften in sich fasse? ob cs Vernunft, oder Seele, oder Organisation heisse? was ist u»S am Wort gelegen? schlimm, wer diesen Vorzug 28c» Zusätze zu der ältesten Urkunde seines Geschlechts, dies Göttliche in der Menschheit nicht in sich fühlet! Herr , wenn ich deiner Hände Werk, die Himmel Wenn ich de» Mond und die Sterne sehe, die du gemocht hast — Was ist der Mensch, daß du so an ihn gedachtest? Daß du dich sein so unterscheidend annahmst? Fast hast du ja ihn, den Dürftigen! deinen Göttern gleich gemacht Da steht er! mit Würde und Schönheit gekränkt — Und so schuf Gott, zu seinem Bilde, jedes nach seiner Bestimmung und Art, zwei Geschlechter Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde In der Aehnlichkeit Gottes schuf er ihn! Ein Mann und ein Weib! — Ein Ebenbild von Würde und Hoheit! Eins von Schönheit und Reizen! Und wird dieser Vorzug nicht auch außer ihm herrlich werden? Allerdings! Der ihm Aehnliche ward auch im Reich der Wesen zu seinem Bilde. -Man höre den segnenden Vater: Und Gott segnete sie und sprach: Seyd fruchtbar, mehret euch und erfüllet die Erde, Machet sie euch unterwürfig und herrschet Ueber Fisch im Meer, über Vögel unter dem Himmel, des Menschengeschlechts. 281 Uebcr alles Lebendige, was sich auf der Erde bewegt. Da ist nun der herrschende ErdGott. So wie nicht blos nach morgenlandischen, sondern nach allen Begriffen der uralten Welt, Macht, Herrschaft, wirksame Allgewalt, Hauptvorzüge der Götter und Helden waren: so übertragt auch hier der schaffende Unsichtbare seinem Liebling die sichtbare Herrschaft und Statthalterschaft in Lust, Meer und Erde. Wie der Himmel der Fußboden Gottes, so wird der Erdboden sein Reiff). Gott, du hast ihn zum Herrn gemacht über alles Werk deiner Hände! Alles hast du ihm zu Füßen gelegt. Ihm dienen Schaafe und Ochsen: Er zähmet das Wild Er herrschet über Böget der Luft und Fische des Meers Und was sich im Meere reget.- Sehet da also die Natur und die Bestimmung des Menschen! daß er ein waltender Gott sey in seinem Reiche. An Dürftigkeit ist er ein Thier der Erde; aber an Bildung und Vernunft, an Beschäftigungen und Empfindung der Elohim Einer! Sein Daseyn ist, zu herrschen, mit einem Plan der Vollkommenheit in seiner Seele, zu verändern, umzuschaffcn, zu veredeln, und in einem kleinen Kreise zu vervollkommnen. An Wirksamkeit, an Wissenschaft, an Kunst und Erfindung wird er ein nachahmcndcr Gott sepn, ein zweiter Schöpfer. Aber dieser sichtbare Gott bedarf auch Speise: da bekommt er ein neues Reich, der Krauter, Pflan- 282 Zusätze zu der ältesten Urkunde zen und Früchte: er dckommts Mit seinen Brüdern der Erde, de» Thiercn: Sehet alle K räuter Hab' ich euch gegeben: denn sie pflanzen sich fort: Und alle Fruchtbaume gegeben: denn sie pflanzen sich fort. Aur Speise sollen sie euch dienen; Euch und allen Lhieren und Vögeln Und allem, w a s auf Erden kriecht und a t h m e t. Alles grüne Kraut gebe ich zurSpcise- Undesgcschahso: Und nun sähe Gott an, Alles was Er gemacht h atte, Und siehe da! es war Alles sehr gut! Der letzte, ruhige, selige Blick des Werkmeisters! Dies war Abend rind Morgen, der sechste Lag! VII. So war nun Himmel u n d Erd' u n d a l- lcs ihr Heer vollendet! A m si e b e n ten Lag'hatte esGott vollendet ! Und ruhetc also am siebenten Lage von allen seinen Werken Und segnete den siebenten Lag und heiligte ihn, Denn an ihm hatte Er von seinen Werke» geruhet! Das Ende ist dem Anfänge gleich. Dort ward in der Uebcrschrift die Schöpfung Himmels und Erden angekündigt: und jetzt sind Himmel und Erde d. i. die ganze anschauliche Welt vollendet. Vollendet des Menschengeschlechts. 28Z mit alle ihrem Heer: Sonn' und Mond und Ster- ne, das Heer des Himmels! Kräuter und Pflanzen und Thiere und Menschen , das Heer der Erde) da ruht nun Gott, der vollendende Künstler, und genießt des Anschaucns seiner Werke — Da kommt die neue Natur, in liebenswürdiger Schöne Sonnen und Erden und Morgenstern' und wandeln dem Throne Jauchzend vorüber! die Kinder der Gottheit! Und da segnete Gott diesen Tag der Ruhe zum ewigen Gedachtniß — welch ein würdiger feierlicher Ursprung des Sabbaths, Eines Ruhetages unter sieben! — Ihn feiert Oben der Himmel, und unten die Welt! Wir sind dem poetischen Strome der Bilder gefolgct — aber poetisch? Lasset uns einen Augenblick stillstchen, das gar zu glanzende und Farbenvolle des Lichtstroms der Bilder uns vom Auge nehmen, was bleibt übrig? Welche Kette derselben? Welch ein Plan in der Schöpfung? — Sie fangt an; und die Erde ist schon da? ungeschaffen vor der Schöpfung? mit Wassern und Sturm und Nacht bedeckt, ehe sich Luft und Schöpfer zeigt? So ist Erde und Wasser und Sturm und die dicke Finsterniß, von welcher nachher das Licht abgesom 284 Zusätze zu der ältesten Urkunde dcrt werden muß, vor der Schöpfung geschaffen? — Gott spricht: Es ftp Licht! — erstaunende Offenbarung des ersten Anblicks ; aber wie? dies Licht, was ists? was ists bis auf den vierten Tag, den Schöpfungstag der Sonne? Und wo blcibts, da diese geschaffen wird — und wo kennen wir ein Licht außer der Sonne? — Welch eine sonderbare Bühne, der Himmel zwischen den Wassern? und dieser grobe Trug den Augen , dieses Kinderbild und Pobelphantvm, der Himmel als ein gläserner Fußboden Gottes! die Wolken seine Wasserschlauche! seine Residenz ein Regenmaaazin! — dieser Pöbcl- glaube der Unwissenheit kann der Inhalt eines ganzen Tagewerks werden? Es kann der Inhalt eines Tagewerks werden, daß diesem blauen Luftgewölbe zum Gegenspiel, zur kindischen Parallele, am dritten Tage die Erde entwässert, und Berge und Meer und tcocknes Land wird — wodurch trock- ues Land, da keine Sonne noch war? woher die Berge und zwar, wie die Sage lautet, durch Donner erhobnc Berge, da noch kein Donner war? woher die Thälcr, die Flüßc, die Meere und die ganze Erdgcstalt, da ja diese ewige Erde keinen Umschwung hat, da sie eben an diesem Tage noch recht ruhig auf Pfeiler gelagert wird ? Woher Gras und Bäume und ein ganzer grünender Frühling noch ohne einen Strahl der Sonne? — Endlich wird diese mit Mond und Sternen geschaffen — wieder ein sinnliches Bild, nichts als Ansicht; die aber nicht Stich hält, wenn wir sic zum zweitenmal ansehen : das ganze Tagewerk also wieder Phantom ? Und nun, welche schone Parallele! — Vögel und Wasscrthicre an Einem, Thicre und Men- des Men sehe »geschieh cts. 285 scheu am andern Tage! Nachdem der arbeitende Werkmeister sich den ganzen Tag mit Thieren ermüdet : so kommt ihm noch zur Abendfeier der Gedanke ein, „lasset uns Menschen machen!" Und das ganze Augenmerk Gottes, zufolge dieses Stücks, die Krone der ganzen Schöpfung, wird das letzte Spiel der ermattenden Hand? Und denn überhaupt welche Folge, welche Proportion zwischen den Tagwerken? Welcher kleine, elende Plan der Schöpfung der Welt, der Alles auf das verschwindende Geschöpf, den Menschen, bezieht; der auf Wortspielen , Benennungen, und Anschaulichkeiten ein- hcrgeht — o wenn je ein Baumeister so bauen würde! —' Alles dies ist von einer gewissen Seite ganz wahr; ja ich erkläre mich hiemit, daß ich die meisten dieser Einwürfe, auf die Art, wie man sich bisher dabei genommen, noch völlig für unwidcrlegt erkenne. Ich weiß, wie viel physische, metaphysische, chronologische, dogmatische, philologische, mystische und sogar historische Systeme und Hypothesen man auf diesen Schöpfungs-Bericht gebauet hat: jeder weiß es, wie ich, daß dies ganze Stück hindurch kein Wort, keine Sylbe, ja fast kein Buchstabe, und kein Raum zwischen zween Buchstaben zu finden ist, der nicht zu einer Reihe von Träumen,' Erfindungen und Erklärungen Anlass gegeben: jeder weiß es, wie ich, daß über dies Eine so genannte Kapitel, eine Bibliothek von einigen tausend Büchern gemacht werden könnte, und daß der menschliche Verstand sich über nichts ss sehr angegriffen, und über Nichts so sehr seine 286 Zusätze zu der ältesten Urkunde Schwäche gezeigt, als über den Anfang der Wege Gottes. Und darf ich mein Bekenntniß thun, daß ich für die Befriedigung meines Geistes in diesem ganzen Occan von Erklärungen noch nichts, durchaus nichts Vollständiges gefunden habe? Und sollte es nicht außer mir Aufrichtige geben, die ein Gleiches sagen müßcn? Hier sind einige Hauptgründe, warum man in einer so langen Strecke nicht von Jahren, sondern von Jahrhunderten und Jahrtausenden, war- rum man in einer so großen Weite von Ländern, Völkern, Nationen und Religionen, die dies Stück vor sich gehabt — warum man endlich bei einer so großen Menge von Gelehrsamkeit, Wissenschaft und Kenntnissen, noch meistens so unglücklich hat seyn können! Zuerst hat es wohl der unselige Plan gemacht in diesem so genannten Moses einen, ja den größten , Naturkundiger zu finden: und da man den in ihm erwartete, so hatte jedes Zeitalter, jede Nation , jede Schule, jeder eigendenkende Kopf die Wuth, sein eignes System der Physik in ihm anzutreffen. Mein Gott also, welche Mühe! welchen Scharfsinn! welchen Schöpfunqsgeist hat man bewiesen , mit den Worten unsrer Urkunde die Welt, jeder nach seinem Plan zu hauen! der aus Atomen, der aus Feuerrheilchen, der aus Wasser, der nach Kräften der Bewegung, durch Engel, durch Kometen — ich könnte nicht endigen, wenn ich alle Systeme und Hypothesen hecerzählen sollte: der Leser, der sie nicht kennet, kann sie unmöglich in der Menge vermuthcn, in der er sie finden des Menschengeschlechts. 287 wird, wenn ec sich um den Katalogus der Schriftsteller dieser Art bemühet. Und alle haben ihr System in Mose gefunden! und ihr System nach Moses sechs Tagewerken entwickeln können! Und in aller Mosaischen Ordnung! und genau mit seinen Ausdrücken! Guter Gott, wie viel Kräfte und Scharfsinn kann der menschliche Verstand zeigen, eben, wenn er am gröbsten irrt! Und wie grob kann er irren, eben wenn er die göttlichsten Funken zeigt! Wenn eine Nation in den Abgrund dieses Fehlers gefallen ist, so sinds unsre Brüder, die Engländer. Sie, so denkende, durchdenkende Köpfe, so große Erfinder in der Nnturlehre: sie sollten Moses nicht ihre Naturlehre haben geben können ? — Versucht haben sie's: — — jeder die Seinige: — — manche mit einer Einbildungskraft, mit einer Starke von Arbeit und Gelehrsamkeit, daß, wenn ich die Werke der Burnets, der Whist ons, der Keils -und die Reihen von Schriftauslegern betrachte — was soll ich? bewundern? oder bedauern? — Wir Deutsche sind ihnen zwar nicht an Erfindung, aber gewiß an Arbeit und Mühseligkeit zuvorgekommen, diese Hypothesen zu sammeln, weitlaustig ans Licht zu stellen und — elend zu widerlegen oder zu verbessern. Und ich behaupte, daß nie ein physisches System, die Naturlehre mag sich verändern und »erweitern wie sie will, der Schlüssel zu Moses seyn wird. Das ganze Stück ist offenbar nichts als Gedicht, morgenländisches Gedicht, was ganz auf 288 Zusatze zu der ältesten Urkunde den sinnlichen Anschein, auf die Meinungen des Nationalglaubcns, sogar auf durchaus falsche Meinungen, auf Jrrthümer der Vorstellungsarten des Volks, auf Blendwerke der Einbildungskraft und des Narionalgesühls bauete — denn was sind die Bilder von einer ewigen mit Nacht und Dunkel und Sturmwind bedeckten Erde? Von einem ursprünglichen Licht der Gottheit außer der Sonne? Von einem Fußboden Gottes zwischen Wassern ge- wölbel? Von Schatzkammern des Regens über dem Himmel? Von einer Erde auf Pfeiler gebauet und aus Wasser gegründet? Von einer Bildung der Berge, der Thaler, der Flüße und der Meere an einem Tage? Von einem Baum- und Pflanzenreich ohne Sonne? Von einer Sonne und Mond, deren Gefährten die Sterne sind? Von einem Reiche Wassergeschöpfe, die nach der völlig getrockneten Erde entstanden? Von einer in sechs Tagen, in solcher Ordnung, nach solchem Verhältnis geschaffe- uen Welt? — Was sind das, aufrichtig und genau zu reden anders, als Vorstellungsarten, die aller unsrer Physik, sie sey Erfahrung oder Hypothese und aller ihrer Wahrscheinlichkeit und Gewißheit und Wohlgereimtheit widersprechen? so völlig und unvergleichbar widersprechen, daß es bei mir Sache der Gewißheit ist „hier ein neues System, die Mosaische Schöpfung nach unsrer Physik zu erklären!" oder „hier ein neues Buch voll Traume, Verdrehungen, Verwirrungen und Unsinn!" Keine Erklärungsart in der Welt har Moses so wenig sagen lassen, was er sagt, als diese! Ein Schöpfer warf die Welt des Andern über den Haufen, und des Menschengeschlechts. 289 und blies eine eigne aus seinem Gehirn, wo sie fertig lag, und nur mit Moses Worten, als mit heiligen, fürchterlichen, geheimnisvollen Ungewikter- wolkcn bedeckt wurde. Da wurde jedes Wort verdreht und gebogen: die Mosaische Urkunde ward ein Zelt, wo jeder seine eigne Götzen hinstellte und sagte: du bist mein Tempel! Dicht hinter diese physische tritt die dogmatische und mystische Erklärungsart her. Da unser Stück so alt und wahrscheinlicher Weise das uralteste ist, was wir in einer menschlichen Sprache besitzen: da cs ohne dran zu zweifeln, in den Gegenden verfasset worden, aus welchen sich die Cul- tur und Aufklärung des menschlichen Geschlechts, wie eine Morgenröthe zum Tage, über die Erde hinübergezogen; so hats mehr als sieben Hauptre- ligionen mit allen ihren Unterarten, Sekten und Zeitveranderungen nach und nach in die Hände fallen müssen, von denen jede, ihrem System und der Geschichte seiner Entstehung gemäß, auch hier erklärte. Hebräer, Perser, Araber, Aepypter, Christen, Türken und Freidenker nach allen ihren Geschlechtern, Gattungen und Arten haben cS näher oder entfernter gekannt. Die Hebräer haben die Urkunde bekommen und erhalten: die Perser haben sic nicht; aber das System derselben so ziemlich, wie es sich in der Tradition erhalten kann: die Sabäer hatten davon nur noch elende Leeste, wie abgebrochne Reliquien der Wallfahrt: bei den Aegyptern sieht man nichts als einige Hauptideen durch ihre errichtete Nationalmythologie durchschim» Herbert Werke z, Rel.u. idheol. V I, T mern: bei den Türken ists die verstümmellste Fabel: die Christen haben sie ganz, und die Freidenker, nur um dagegen zu schreiben. Ich will den Besitz dieser Religionen gar nicht vergleichen: einigen hat sie nur von fern einen Stoß in ihre Denkart gegeben ; Juden und Christen allein sinds, die sich zu ihr bekennen. Beide haben über sie viel Gutes gesagt; daß aber auch aus beiden nicht sehr viel Fremdes, Unnützes, Träumendes und Falsches gesagt sey, wird kein aufrichtiger, belesner Jude oder Christ laugnen. Wer kennet nicht das Viele so weit her geholte, Mystische, Kindische, Cabbalistische der Rabbinen? — Doch ich bleibe nur beim dogmatischen Erkla- rungsgeiste der Christen. Jede gesunde Kritik in der ganzen Welt sagts, daß, um ein Stück der Literatur zu verstehen und auszulegen, man sich ja in den Geist seines Verfassers, seines Publikums, seiner Nation und wenigstens in den Geist dieses seines Stücks setzen müsse: und die Hermeneutik der Christen sagt ebenfalls! — daß man ja nicht ein fremdes System, eine vorausgefaßte Hypothese hineinbringen müsse, und die Hermeneutik sagts ebenfalls! — daß ein uraltes, orientalisches, poetisches, National- und Popularstück, was lebender Gesang der Tradition seyn sollte, nicht wie ein gerichtliches Testament müsse behandelt werden, das — auch das muß jeder gesunde Exeget zugeben — und nun? Und nun, um aller Vernunft und Redlichkeit und Ehrliebe willen! wie kann man ein poetisches des Menschengeschlechts. 29c Stück dieser Art je auf dogmatische Art behandeln? daß man ihm keinen eignen, dichterischen Ausdruck lasse? daß man ihm keinen Ausdruck seiner Zeit, seiner Nation, seiner Sprache erlaube? daß wenn man ein Wort für sich brauchen könne, man eS aus seinem ganzen Zusammenhang, aus seiner ganzen poetischen Haltung, aus alle seinem National- und Lokallicht herausreisse? daß man sogar mystischen Sinn hineinlcge? einen kleinen Thcilbegriff einer Redensart, ein Nadelöhr ergreife, um einen Camcel dadurch spatziercn zu lassen ? um aller Vernunft und Billigkeit willen, wie kann man das? Kann mans: kann man aus dein poetischen Namen Elvhim, den eine sinnliche Nation Gott giebt, eine Dreifaltigkeit, und aus dem „Elohim schuf!" eine Dreieinigkeit: und aus dem schauderhaftesten Bilde des Nachtwindcs, eine dritte göttliche Person, und aus dem edeln poetischen Ausdruck „Gott sprach!" ein selbstständiges Wort beweisen? Nach eben den Regeln und Befugnissen, wer hindert mich alle diese Ausdrücke in der Dogmatik wieder so, der dogmatischen Natur zuwider, zu poetischen Ausdrücken zu machen, als sie, ihrer poetischen Natur entgegen, Begriffe des Systems wurden? Kann der poetische Contrast, daß Gott mitten unter den Dunkelheiten des ewigen Erdmeers das Licht hervorspreche: kann der's dogmatisch erklären, daß , Gott die Welt „aus Nichts, durch ein Wort!" geschaffen; so stehts mir ja frei, dies dogmatische Nichts mir so sinnlich als die alte Wassernacht, und das Schöpfungswort so sinnlich, als ein: „Sey Licht!" zu denken. Isis erlaubt in der cin- T 2 2g2 Zusätze zu der ältesten Urkunde faltigen Überschrift unsers Gcsirnges im Wort „Himmel und Erde" Chaos, Element, erste Maße der Welt zu finden: in der schönen Weltbcschauung eines Künstlers, der sein Werk gut findet, einen dogmatischen Beweis zu sehen, „daß alles in der Welt gut sey!" in den Heeren des Himmels „die Engel" zu sehen — warum sollte es mir nicht erlaubt scyn, auch in der Dogmatik diese Engel, diesen wolsianisircnden Optimismus, diese erste Maße der Welt wieder dazu zu machen, was sic wärön — zu Vorsiellungsarten der Poesie? Und so werden alle Regeln der Vernunft, des Geschmacks und der Einbildung über den Haufen geworfen, die Grenzsteine der verschiedensten Seelenkrafte verrückt, das anschaucnde Gefühl des Menschen, so wie seine Vernunft, verstümmelt und alle Arten von Wissenschaft und Kennkniß zusammen geworfen. Dogmatik wird Poesie, und Poesie ein uraltes, sinnliches, orientalisches Nationallied, wird einige Jahrhunderte nach Christi Geburt ein zerhackter dogmatischer Locus. Da liegts! seine sieben Chöre sind Hübnersche Leberreime, und die Folge feinet erhabnen Bilder eine scholastische Topik. Wir sind in einem Jahrhundert, wo die Vernunft und der Zusammenhang von Regeln sich wenigstens nicht offenbar mehr untcrtreten und verspotten laßt '— und nun ! den entschlossensten Dogmatiker — ich frage ihn, nach welchem Zusammenhänge von Regeln er auslege? Dogmatisch? daß jeder Buchstab, jedes Wort eigentlich genommen werde, als wäre es im achtzehnten Jahrhundert ursprünglich und unmittelbar für die Dogmatik, des Menschengeschlechts. 2gZ in aller trocknen Schulform, wie ein Kapitel der ° Physik und Metaphysik geschrieben — so? —Wohl! so nehme ers auch daraus so! so komme er nicht mit optischen und anthropvpathischen Ausflüchten, wo cs ihm beliebt, wo er nicht anders durchkommen kann, und wieder mit cigen- thümlichen, strengen, dogmatischen Contorfionen, wo er glaubt, durchkommen zu können. Wie? er darf mit allen Gesetzen des Verstandes und des Zusammenhanges, und mit aller Vernunft seiner Leser und Zuhörer spielen? hier sich auf ein gleichsam berufen, wo er nicht anders kann, und dort ein gleichsam verbannen, was natürlicher ist, als seins — das darf er? hier ein Wort orientalisch , das andre unmittelbar occidentalisch und scholastisch nehmen — das darf er? Und auf den Ton des Ganzen merken, und seinen Lesern die Regeln sagen, nach denen er fortgehend erkläre, das darf er nicht? Welche Befehdung der Vernunft! Willst du dogmatisiren: so dogmatische in Allem: so trage deine Veste, und deine Wasser über der Veste, und dein selbstständiges Licht vor der Sonne; das Alles trage so strenge dogmatisch hinein, als deine sechs Tagewerke, und deine schwebende himmlische Taube, und dann sey dies vergönnt, auf dem Einen Blatt von Gott dogmatisch zu behaupten, daß Er der Unveränderliche sey. bei dem keine Zeitfolge statt finde, und auf dem andern zähle seine Tagwerke dogmatisch her! Auf dem Einen nenne ihn den allwissenden Weisen, und auf dem andern laß ihn seine Tagewerke siebenmal ruhig besehen und betrachten, ob kein Fehler in ihnen sey? SZ4 Zusätze zu der ältesten Urkunde .Widersprich dir, so viel du willst — du bist keiner Widerrede mehr werth. Was ists gewesen, was auch bei Auslegung dieses Stücks die Scharfsinnigsten der Neuern so oft verführt hat, ihre Talente, Zeit und Mühe zu verlieren, als. eben die dogmatische Schulform? Sie, die ja alles dogmatisch nehmen wollte, und doch sähe, daß ohne Schande ihrer selbst nicht alles dem Buchstaben nach genommen werden könnte ; sie verführte so viel gute Köpfe, aus Noth und Bedrangniß bald philosophische Rettungen, bald physische Hypothesen, bald mystische Traume, bald chronologische Tabellen der Tage, bald philologische Wort-Verdrehungen auszugrübeln, um sich, die dogmatische Methode bei Ehren zu erhalten. So hat man den menschlichen Verstand gefesselt, und in unwürdigen Staub geworfen. Kaum wag. tens im vorigen und im Anfänge dieses Jahrhunderts ein Paar der verdientesten Critiker, die ersten Eapitel der Bibel Poesie zu nennen, und liessen eS bei dem Nennen. Zu unsern Zeiten har jemand diesen Namen wiederholt; aber wieder nur als Name, und die Erklärung selbst, die dies Stück in alle sein Nationallicht setzte, — die soll noch kommen ! Und natürlicher Weise wäre dies doch die einfachste, ungezwungenste Erklärung, die blos durch ihre Darstellung sich den Unparlheiischen empfähle. Sie bliebe von Anfänge bis zu Ende einen, Hauptaugenmerke treu, ohne sich über Einzelheiten zu martern; frei von physischen oder dogmatischen Sy- des Menschengeschlechts. 296 stemen, folgte sie nur dem Genie des Stücks, der Sprache, der Nation, der Weltgegend; verließe sich auf keine Winkelstützen, würde aber auch durch keine Seitenblicke gehindert: suchte Alles in ihrer Urkunde auf, hatte aber weder Lust und Ursache, ein Jota mehr in ihr zu finden, als sie hat. — Wenn neun und neunzig Abwege irre führen; sollte darum der Weg zur simpeln Wahrheit nicht der hundecste sei)» können? und wie, wenn der leichtste wäre? Es ist für mich unbegreiflich, wie alle Augen, die über diesem Stück in so viel Jahrhunderten und Nationen gewesen, einen Plan haben übersehen können, zu dem man gewiß Nichts mehr, als Augen nöthig hat, und der so wichtig ist, daß er uns ohne alle physische und dogmatische Tafeln gerade an der anschaulichen Sache fest halt. Ich habe nicht auf die Spur kommen können, daß ihn jemand vor mir entwickelt; es sollte mich aber wundern, wenn ihn jemand nach mir übersehen oder verwerfen könnte. Sieben Abteilungen sind: das ist hörbar. Sie schließen alle mit der Kadenz, so ward der Abend! so ward der Morgen! sie werden Alte als Tage gezahlt: sie haben Alle, jeder ein einziges Hauptbild — diese Hauptbilder der Tagwerke nun, als Hieroglyphen, zusammengehalten, und sie geben die offenbarste Symmetrie, den sicht- 296 Zusätze zu der ältesten Urkunde bürsten orientalischen Parallelismus. Das erste Tagewerk geht voran: Licht! die prächtige Pforte zum ganzen Gedichte — und nun strecken sich zu beiden Seiten Flügel. Das zweite Tagwerk ordnet so den Fußboden Gottes, wie das dritte den Fußboden der Menschen: jener aus den Wassern des -Himmels, dieser aus den Wassern der Erde: jener bekommt den Namen Höhe, dieser Niedriges! Offenbarer kann nichts seyn und ich schreibe also, ohne Hieroglyphen mahlen zu wollen, hin: I. II. III. Das vierte Tagwerk, die Schöpfung der Gestirne, so groß und edel, als das erste nur seyn konnte, steht wieder allein in der Mitte, wie ein neuer Pallast des Lichts: und das fünfte und sechste wird Parallele. Jenes bevölkert so das Wasser und die Luft, wie dies die Erde; jenes segnet so seine nassen und flüchtigen, wie dies seine irdischen Bewohner. IV. V. VI. Nun kommt der siebente Tag nach, gleichsam das Allerheiligste des ganzen Gebäudes: Ruhe Gottes, Feier, Sabbakh. Die ganze symmetrische Struktur ist also so sichtbar, als nur eine pindari- sche Strophe, Antisirophe und Epode seyn kann: 1' des Menschengeschlechts. 297 Um diesen sinnlichen Plan noch mehr zu zeigen, merke man sich, daß in dem ersten Dreieck von Tagwerken das zweite und dritte sich unmittelbar aus dem ersten entwickeln: das erste hatte zu seiner Basis das alte Gewässer; das zweite und dritte wird also auch aus Gewässern bereitet: das Dreieck ist gezogen. Das fünfte correspondiret noch mit dem zweiten, so wie das sechste mit dem dritten. Im zweiten war der Himmel aus Wasser und Lust gebildet; im fünften also Wasser- und Lust» geschöpfe: das dritte war Erdboden; das sechste, was gerade drunter trifft, hat Thiere der Erde. i. Licht! Fußboden Gottes (Himmel! Höhe!) 2. 3 . -Erdboden' der Menschen (Erde l Niedere!) 4 . Lichter! 5 . Geschöpf' im Wasser und Luft (Segen) 6 . Geschöpfe der Erden (Segen) 7 - Sabbath! 2^8 Zusätze zu der ältesten Urkunde Das erste, vierte, siebente entsprechen sich offenbar, gleichsam als die großen erbabencn Tage, und als der mittlere Stamm des Werkes. Das fünfte und sechste, die gegenüber stehen, sagen sich, so wie im Innern, so auch darinn zu, daß sie beide Segnung bekommen , und die Kadenzen aller Tagwerke, die schon dem unwissenden LH re symmetrisch sind, fassen alles ein — da stebt also die dichterische, sinnliche gedächtnißstützende Symbole! — das schließt uns viel auf. Lowth Hats bewiesen, daß die ganze hebräische Dichtkunst einen Parallelismus, eine Symmetrie von Zeilen liebe, die bald synonymisch, bald Antithese, bald Veränderung des vorigen Sinnes ist: und das kann ihm niemand läugnen, der Psalmen, Propheten und Hiob gelesen. Daß er aber diesen hebräischen Parallelismus aus Chören im Tempel, aus Antiphonien im Heiligthum Herleiter, ist wider alle Wahrscheinlichkeit, ja wider die Geschichte aller Poesie. Wer sagts ihm, daß die Poesie der Hebräer in Tempeln entstanden, und nicht erst als ein Kind der menschlichen Affekten, aus Tanzen und Gastmahlen, zur Pflegerin der Altäre gemacht ist? — Und wenn das, müßte nicht die Poesie der Tempel hier so, wie unter allen Völkern, eher die Gestalt ihrer Erzieherin, der ländlichen Musik, des jugendlichen Freuden- und Lustgeschreies, der Tänze und Lieder des Volks annehmen, als daß sich diese weissagend nach den Chören des Tempels hätte bilden sollen? Zudem, sinds blos die Tempelgesänge, die Psalmen, die oft nicht die besten Stücke der orientalischen Dichtkunst sind — sinds blos die des Menschengeschlechts, 299 Lieder, die ein Singet dem Herrn! widertönen, die diesen Parallelismus ursprünglich haben, oder sinds nicht vielmehr alle, auch die vom Lew. pel entferntesten Stücke? selbst kurze Ausbrüche des Affekts mitten in der Geschichte? selbst hingcworfne feurige Bilder mitten im Erzählen? ja das historische Gewebe der Geschichte selbst? Die ganze hebräische Dichtkunst, bis auf den innern Bau ihrer poetischen Sprache ist ein fortgchender Parallelismus — ist sie aber ganz eine fortgehende Litanei ? — Ja wäre sie's. Alle orientalische Dichtkunst ist im Grunde eben so parallelisch: so selbst ihre Fragen und Antworten, ihre Segnungen und Flüche, ihre Lehrsprüche und Sentenzen, ihre Nathsel und Gleichnisse — Alles sinkt auf zwo Seiten, oder wenn man will, geht zweifüßig erhaben daher. Wie? und alle diese Morgenländer waren im Tempel zu Jerusalem erzogen? ihre Sprache und Tanz und Gesang unter den Priester-Chören der Juden gebildet? — Ja endlich, warum Morgenländer allein? alle alte einfältige Poesien wilder Völker lieben diesen zweistimmigen Rhythmus: sie mögen in Norden oder Westen, in Wäldern oder auf Bergen gewohnt haben: Skandinavier und Nordamerikancr, Letten und Lappländer: je mehr sich ihre Sprache der Poesie, und ihre Poesie dem Liede, dem Erhabnen, dem Zaubcrmäßigen nähert, desto mehr wird sie Antiphonic! Parallelismus! Und was hatten alle diese Völker bis auf ihre wilde Zaubertöne, und ihre Gesänge der höllischen Geister mit den Priester-Chören der Juden ge- 3c>ci Zu sä he zu der ältesten Urkunde mein? Das heiße den Ocean mit einem Eimer ausschöpfen, die menschliche Seele mit einem Kna- bcnstecken messen! Poesie lebt im ganzen menschlichen Eeschlechte, und ivo sie lebt, immer dieselbe menschliche Natur. Laß sich die Seele zu erhabnen Gedanken, zu feurigen Bildern, zu Aussichten in die Zukunft erheben: sie steigt zur Poesie herauf; Loblieder und Hymnen, Orakel und Weissagungen werden den Himmel fühlen. Alle lebendige Affekten reden Poesie: Rache und Wuth, Haß und Neid, Mitleiden und gerührte LbeUnehmung, einige Dankbarkeit und menschliche süße Liebe. — Der weiche Prosaist, und der kalte ehrliche Träumer — lasset sie fühlen: ihr Herz thue sich auf; cs wird in Poesie von ihren Lippen fließen, der wükhende Zornige, und das Schlachtopfer, das er erschlug, das rauchend im Blute liegt: das letzte Aechzen des Sterbenden, und das Schnauben seines Verfolgers: die erste dankende Stimme des Freundes, dem sein Freund das Leben rettete, und der männliche Abschied Zweier, die sich nicht mehr Wiedersehen werden, und das erste Angstgcschrei der Mucker, die ihren tobten Sohn sicht, und das erste zitternde, stammelnde Flehen der Liebe — das Ringen zwischen Furcht und Hoffnung, wie die Stimme des Muths und der Tapferkeit: sobald die menschliche Seele sich äußert, da durchströmt ihre Sprache lebendige Dichtkunst. Da wird keine Beredsamkeit, keine runde Glatte des Perioden, keine logische Deutlichkeit des Verstandes, keine höfliche Wortsammlung nach der Mode gehört: da fließt die Rede nicht, wie des Menschengeschlechts. 3or ein Strom ans der Ebne, rhetorisch oder historisch oder prosaisch herunter: sic bricht sich: in kurzen Sätzen, es sey Ausrufung oder Seufzer, Bild oder Empfindung richtet sie sich, wie ein steiler Fels gen Himmel: sie stirbt und kommt mit o.bgebrochnen Sätzen wieder: es sey in spanischen Novellen oder in französischen Erzählungen, sie zersiückt den Perioden, und so hören wir noch, wo sich so ein Auftritt der freien menschlichen Seele äußert, noch jetzt, so selten es sey, in unserm gemeinen Leben hören wir alsdann zerstückle poetische Gedanken — äwjacni nisrnkra zaoetae; bis in Lehrsprüche und Nathscl, in Charaktere und Fabeln, verfolgt sie die kurze, zerfallende Poesie. Sobald nun über diese einzelnen Ausbrüche von Bildern und Empfindungen etwas Kunst, Anordnung und Bildung kam: sobald sich die Musik mit den Tönen des Herzens verband, und Tanz und Gesang mit dem aufstürmenden Jauchzen der Freude, sobald Harfe und Saitenspiel die Seele zu mäßigen anfieng, die in großen Bildern und Gedanken aufflog; was in der Welt natürlicher, als chaß die einzelnen Ausbrüche der Seele geordnet, geregelt, verbunden wurden? und welche Ordnung, welche Regel und Verbindung in der Welt war da natürlicher, ungekünstelter, einfältiger, als eben dieser Para llelismus? Zwei ist ja die leichteste Mensur: Zwei die leichteste, gefälligste Symmetrie in Gedanken, Bewegung, Rhythmus und Bau der Worte. Da entstand also der leichteste Tanz, zwei gegeneinander tanzende Ehöre: die leichteste Symmetrie der Gedanke» ^ 3«2 Zusätze zu der ältesten Urkunde Wiederholungen, Gegensätze, Näthscl und Antwort: die übersehlichste Symmetrie im Versbau, zwo sich entsprechende Zeilen: endlich die natürlichste Rhythmik des Ohrs, der Parallelism, oder der Reim bei so vielen Nationen. Alles ergiebt sich aus Einem Principium: Alles stimmt mit dem rohen Anfänge der Kunst, die die einzelnen abgetrennten Ausbrüche der Seele auf die leichteste, natürlichste Weise nach dem einfältigsten Plan einer Symmetrie schön ordnet: alles endlich wird durch die Geschichte aller Sprachen, Völker, und Welttheile bestätigt. Wir brauchen nicht nach dem Tempel zu Jerusalem zu wallfahrten: wo auf der Erde die Natur Poesie spricht und die Kunst Poesie ordnet : da wird dieser Parallelismus so der Anfang der Dichtkunst seyn, wie die leichteste Symmetrie in der Baukunst, im Tanz, im Gesänge, in der menschlichen Gestalt, in der Zeitrechnung und in Allem, Anfang der schönen Kunst ist. Da mißt das Auge, das Ohr, der denkende Geist, der sich bewegende Körper: die Seele wirkt und vollendet: gehl in Theile und fühlt zugleich, daß sie ein Ganzes habe: beschäftigt sich also ohne sich zu entkräften: sie empfindet dunkle Vervollkommung, und Wollust und Schöpfung und Nachahmung Gottes. Die Symmetrie tönt im Ohr wieder Schlag auf Schlag, Gedank' auf Gedanke! der hörende Jüngling Jauchzt und zerfließt im Gefühle der Freuden — Die einfache Symmetrie spielt im Auge Mit Farben, mit Gestalten, mit Gebäu: regt sich im Tan; ^-—-'5- ^ ^ ^ ^ / s-^ V des Menschengeschlechts. 3o3 des hüpfenden Körpers: wiegt Len sich dunkel fühlenden Geist, der Entzückung, und Ohr, Trunken wallet i» der Fluth Der hohen Harmonie! — Ja noch mehr! Man weiß den ursprünglichen Gebrauch der lebendigen Dichtkunst zur Verewigung, der Thaten, Gesetze, Geschlechter, Erfindungen, Weisheitsprüche und Lehren. So wie da das Ausgesuchte und Gemessene der Worte und Bilder den Verstümmelungen der Tradition zuvorkam: so wie Poesie und Rhythmus das Gedachmiß stützte und hob und die Rede gleichsam in die Seele hinein- grub, so daß die Araber den ganzen Bau ihrer Prosodie, und ihrer poetischen Regionen mit der Abstechung eines Zelts allegorischen — was war natürlicher, als daß zu dieser Abstechung auch die tüchtigsten Nagel, zur Einpragung der Poesie inS Gedächtniß der leichteste Rhythmus und Numerus gewählt wurde? Und das war wieder Symmetrie des Parallelismus. Da stand die Rede, die Ueber- lieferung, die Urkunde, wie ein ewiges Bild in der Seele! Jeder Zug erinnerte anS Ganze und so lange ein Glied des Körpers^ blieb, war die völlige Gestalt sicher! . ^ Offenbar ist unsere Urkunde ein solches Ge- dachtnißlied für ein singendes Volk. Sieben Tagwecke , in der leichtesten Symmetrie geordnet, und jedes Tagewerk Mit einem Hauptbilde. Diese Hauplbilder auf die einsaitigste Weise dargestellt, aus dem vorigen hergelcilec und mit folgenden verbunden : jedes mit einer Namennennung besiegelt, 3c>4 Zusätze zu der ältesten Urkunde die in der Ursprache den Inhalt des Ganzen wörtlich in sich hat. Drei mittlere Haupttage, die sich genau auf einander beziehen, Licht, Sonne, Sab- bath, und die glänzenden heiligen Mittelpunkte der Schöpfung sind; die übrigen vier kleinere Tage zwischen sie parallclisch geordnet, und jeder mit seiner Namennennung geprägt. Aus dem Grunde des ersten wird das Geschäfte des zweiten und dritten, Himmel und Erde, und beide in den Name» parallel. Der fünfte und sechste parallel, zugleich aber mit dem zweiten und dritten symmetrisch. Der siebente endlich, als der Schluß des Ganzen, durch die Segnung aber vorzüglich mit dem fünften und sechsten, als den belebten Tagewerken, zusammenhängend. Hier ist die mncmonische Figur, mit ihren Beziehungen und Gedächrnißstäben, im symmetrischen Zusammenhänge — das vollkommenste Gezelt eines morgen ländischen Liedes der Erinn- rung, ein regelmäßiges Sechseck! oder <» » Da steht nun der Präsul, der heilige Sänger der Gehcimniße Gottes und singt die drei großen Mittlern Tage. -Dich, erstes, ewiges Licht! und dir Sonn' und den heiligen Sabbathl Die ) des Menschengeschlechts. 3c>5 Die beiden Chöre horchen ihm, führen den Gesang fort und singen — I» sich antworteten Stimmen Himmel und Erd' aus Wassern geformt, und der Wasser und Erde Lebende Schaaren! Zeder h.alte von dieser Gedachtnißkunst der Morgenländer, von ihren mit Buchstaben anfangenden Psalmen, Weisheitsliedern und Klagegesangen so viel, oder so wenig als er wolle: cs war Gebrauch des Landes, Bedürfnis? der Zeit und Mode des Scharfsinns. Unter allen mnemonifchen Liedern aber, die ich kenne, ist dies das vortrefflichste. Es nimmt sein Erinnerndes nicht von Anfangsbuchstaben her; es wird kein Spiel des Alphabets, sondern sein Gedachtniß ist im innern Baue, in der Struktur des Ganzen und seiner Theile, bis auf jede Namennennung und Cadenz: — innig nach seinem Wesen die lebendige Gedächtnißkunst selbst l Wenn wir nun diesen Umriß, dies Sbozzo, mit der ganzen Seele des Orients, mit allen Nationalbegriffen eines lebenden Volks in seiner Denkart, Erziehung, Sprache, Gefühl, von der Welt um sich ausfüllen, so ausfüllen könnten, daß er vor uns lebte? Nichts ist schwerer als das. Erziehung, NationalGestnnung, Schnitt des Auges, die Gegenstände in der Farbe, in der Gestalt zu Herders Werke z.Rel, «.THeer. VI. U " sehen;- sich das und jenes aus ihnen zu schaffen, zu dichten, zu bilden; solltcnS auch Vorurtheile, auch Jrrthnmer, auch Mahrchen seyn — sie leben im Geist der Nation, in Sprache und Handlungen! Wer sie erhaschet und braucht, der Lichter, der Weise des Volks, der Gesetzgeber hat den Zügel der innersten Leidenschaften und Neigungen seiner Nation gefaßt: er hat ihr Herz ergriffen, daß es ihm nachwandle: jeder Zug, jeder Wink, jeder Idiotismus wird ihre Aufmerksamkeit und Liebe an sich reißen und ewig in ihnen leben! — Solch ein Zaubcrbilv in der Seele eines Morgenlanders mußte unser Schöpfungsgesang seyn; nur wo der Hebräer znfuhr und entbrannte: elend, daß der nördliche Abendländer meistens alsdann zurückfahrt und kalt wird. Unsre Welt ist nicht die Schöpfung Himmels und der Erden: sie ist aus Sonnen und Erden, aus Planeten und Kometen, aus Svnnenwirbeln und Milchstraßen gebauet: da verliert sich unser Geist, und sucht die Grenzen, die Entstehung aller dieser unendlichen Welten und Systeme und Wirbel und Kugeln — Vielleicht die tausendste der Sonnen walzt sich jetzt, Und tausend bleiben noch zurücke!- Das ist unsre Welt; wie kann uns nun die einfältige Ankündigung gefallen? „Am Anfänge schuf Gott Himmel und Erde!" wie jener Redner in Athen gefiel, da er anfieng „Athen und die ganze Welt!"-Aber da sehe ich den uralten Mor- des Menschengeschlechts. 3«? genlandcr. Seine Gedanken heben sich nicht höher als an das gewölbte Blau des Himmels , und senken sich nicht tiefer als auf die Erde, die er bewohnt : da kniet er auf eine Ebne dieses Staubes nieder, erhebt seinen Blick himmelan, und betet — nicht zum Schöpfer der Sonnenwirbel und Milchstraßen; zum Schöpfer Himmels und der Erdcn, Spotte nicht seiner eingeschränkten Begriffe: sie sind der Gesichtskreis des menschlichen Auges und auch da findet er Gott in Größe: Höhen des Himmels sinds! was willst du mache»? Tiefer als die Höll' ein Abgrund! was willst du erkennen? Das Maas des Allerhöchsten ist länger, als die Erde Ist breiter, als das Weltmeer! Vergiß WelkEharten und Erdabrisse, um diese Maaße lebendig zu fühlen: sie sind der Umfang der Schöpfung Gottes im Aug' eines Naturmenschen: Wo soll ich hingehn vor dem Geist Gottes? Wo vor seinem Angesicht hinfliehn! Gen Himmel? er ist da! In die Höll'? auch da ist Er! Wollte ich auf Fittigen des Lichts ans äußerste Weltmeer hinfliehn! Auch da bin ich in Gottes Hand, und unter seiner Rechte! Was laßt sich im sinnlichen Anblicke mehr sagen? Und wie wollten wir diesem Staubgeschöpfe, das nur zwischen Himmel und Erde schwebt, zu- muthen, sich den Anfang der Welt zu denken? U 2 3oI Zusätze zu der ältesten Urkunde Als ein mathematisches und metaphysisches Nichts? Welche sinnliche Einbildungskraft kann es denken? Wer auch von uns allen denkt es sich anders, als ein abstraktes Zero, oder als einen schwarzen, wüsten , runden, unendlichen Raum? Und war beides das Nichts, was vor der Schöpfung vorhergieng? Mensch, bekenne es: du bist mit dem Seyn und mit der sinnlichen Welt umhüllet: deine spekulative Vernunft kann dahin, wohin das Ganze deiner Seele, ihre ganze, ungctheilte Bilderkraft nicht folgen kann. Du kannst dir immer das alte Nichts Befruchtet mit der Kraft des wcscnrcichen Wortes gebührend denken wollen, zu denken scheinen; aber (ick nehme den blofen Begriff, als Zero, als Abstraktion aus) was denkst du? , — Euch ruf' ich an, euch, ihr altgraue Weise»! Zeigt mir den Raum, wo keine Welt noch war.' Bezeichnet jenen Gleis von Wunderkreise», Wo sich das Licht gebar! Wo Nichts unten und Nichts oben Und nichts in dem Unendlichen umschränkt — Und doch die Höh ward, wo sich Himmel hoben, Und doch die Tief' in die das Weltmeer sich senkt- Der sinnliche Begriff davon ist eine Trugvorstel- lung, so fertig auch eure Kinder und Säuglinge ausrufen mögen „aus Nichts hat Gott die Welt gemacht!" Verzeihets dem Morgenländer, daß ec von dieser stolzdücftigcn Scheinpracht nichts wußte, und seine Schöpfung von einer Erdwüste« mit des Menschengeschlechts. Zng Meer und Nacht bedeckt, ansieng! Es war freilich diese ewige Erde jener indianischen Schildkröte gleich, auf der der Erdetrager, der Elephant ruhe- te: aber wie? wenn kein sinnlicher Indianer je es sich in den Sinn nahm, zu fragen, worauf denn die Schildkröte ruhele? und kein sinnlicher Morgenländer es sich in den Sinn nahm, zu fragen: was denn vor dieser Erdwüste vochergieng? Eine Erdwüste: weiter sah er nicht, denn ewige Nacht lag auf ihr. Er stand, den Rücken zu ihr gekehrt, und wollte nur hören, was weiter aus dieser Erde und Wassern ward? Ihr sichet nicht so: gerade das Gesicht gegen diese Nacht gekehrt, fragt ihr: „was denn jenseits dieser Nacht scy?" und eure Kinder, Weiber und Pöbel antworten : „Nichts !" Vielsagende Antwort! weiser Pöbel! Wie viel mehr weiß er, als der dumme Morgenländer! Dem sinnlichen Morgenländer war kein größeres und tieferes Bild des Alters in der Seele, als seine Erde. Berge der Erde, das Bild der ewigen Festigkeit und Dauer! die Erde selbst aus ihre Grundpfeiler ewiglich gestüzt und fest und unbeweglich. Daher das Bild der göttlichen Ewigkeit und Größe. — Vor dem die Berge altern Und es nicht wissen, wenn sein Zorn sie dahin stürzt! Vor dem die Erde aufbebt, Daß ihre Säulen wanken! Daher die Steigerung des Maaßes der Ewigkeit Gottes im erhabensten unter den Psalmen: E 3io Zusätze zu der ältesten Urkunde Herr! Gott! du, unsre ewige Zuflucht! Ehe die Berge wurden, Und die Erde ward, Und die Welt geschaffen ward: List du, Gott, der Ewige! Menschengeschlechter zerfallen vor dir: Und du sprichst: Kommt wieder, neue Menschen- geschlechrer! Ein Jahrtausend ist dir, wie der Traum des gestrige» Tages: Wie eine Nachtwache verstrichen! Und insonderheit nimmt von diesem Jdiotism der Ewigkeit im Bilde der Erde die ganze Frage Gottes Licht und Macht: Rüste dich wie ein Mann! Ich will fragen: du sollst mich lehren! Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sprich / du Mann von großen Kenntnissen! Wer bestimmte ihre Ausdehnung? du Bielwissender ! Wer zog über sie die Mcßschnur? Worauf ward ihr Grund gesenkt Und wer legte ihren Eckstein — Unter dem Fceudengeschrci der Morgensterne, Unter dem Jauchzen aller Söhne Gottes? Wir Vielwissendc können Gottlob! diese Fragen alle beantworten: wir gründen unsre Erde auf ihren Mittelpunkt: messen ihren Umfang und Gestalt: ziehn vom Nordpol bis zu den peruanischen Gebür- gen und von da bis zur magellanilchen Meerenge die Messschnur: legen ihren Eckstein, wie einen oder, wenn es beliebt! wie vier Magneten in ihr des Menschengeschlechts. 3 > i Innerstes — alles gut! vortrefflich! ein Schatz der Kennttiiße unsrer Zeit und die reife Erndke der Jahrhunderte! Aber vor viertausend Jahren war das ja nicht die Denkart des Morgenländers! Er war nicht mit Maupertuis und Condamine umhergezogen. Er hatte nicht mit Newton die Erde und die Gestirne gewogen. Er wußte noch nichts von Gestirnen, die Sonnen und Kugeln waren: und wie harte ers vermuthen sollen, daß seine Erde es sey? und daß sie auf ihren Mittelpunkt gelagert sey? O schonet ihn, schonet das Ohr der Kindheit der Welt mit Wahrheiten, die bei Hiob unter die Geheimnisse Gottes gehören, und tretet mit ihm auf seine große, unermeßliche, feste, ewige Erdflache: wer konnte sic messen? wer ihre Pfeiler wissen? wer hatte diese Pfeiler gesehn? und wer war dabei, da unter dem Freudcngeschrei der Morgensterne ihr Eckstein gelegt ward? Kurz! was war ewiger, als die ewige Erde? Der Dichter beschrieb sic schauderhaft genug: blicke nicht weiter! — da hängt der Vorhang der Nacht! Als die spatere Zeitfolge, der jüngere, vorwitzigere Orient die Weisheit des Dichters verkannte , die solchen Vorhang der Finsterniß vorgewebt hatte; als man ohngeachtet aller Schauer, die auf dem Meere der ewigen Nacht lagen, weiter ans- sehen wollte — welche Spekulation hat den menschlichen Geist mehr verwüstet als diese? was erdachte sich die morgenländische Einbildung, die nirgends so gern, als im Unbegreiflichen, umherirret, für Schöpfungen im ungeschaffnen, und für Ungeschaff- nes vor der Schöpfung? Was hat sie in diesem Abgrunde der Zeiten und Wcltdinge nicht für Elo- him, und Weltregierer, Satane, und Kriege Gottes , der Elohim und der Satane erträumet? Und wie weit Huden sich diese sublime Erdenkungen und Mährchen ausgebreitet? Wie diel Religionen erfüllet! wie viele gute Systeme der Moralität und Selbfiwirkung zerstöret! wie viel menfchcnljche Seelen mit Zrrthümeru, abscheulichem Aberglauben, Schrecken, und Schauder entnervt, und yebrand- malt! wie sehr die ganze Schöpfung Gottes in Ansicht und Betrachtung insonderheit der menschlichen Natur und ihres Adels verwüstet! Mir blutet das Herz , wenn ich alle die schauderhaften Scenen in so viel Jahrtausenden, Landern und Menschcn- gattungen übersehe — o warum blieb euch nicht der Vorhang der ewigen Nacht vor? Verwüstete, mißgestaltete, unglückliche Seelen! Licht war die erste Offenbarung der Gottheit und das erste Geschöpf der Welt — sei) Morgenlander, um es zu fühlen! Unser Gott ist meistens ein metaphysisches Wesen, und der feinste Deist wünscht sich oft vor dem Pöbel aller andern Menschen Glück,, nichts von Gott zu wissen, als daß er sey. Es sey: die ganze menschliche Seele hat gewiß nörhig, mehr von ihm zu wissen, oder sie weiß nichts. Soll Gott ihr gegenwärtig, soll er in ihr Leben wirksam seyn: sinnliche Menschen, man hat euch wie jenem Alten, dem man bewies, daß Gott ein bloser Geist sey, man hat euch mit seinem Bilde zugleich euren Gott genommen. Euren Gott, zu dem ihr betet; euren Gott, der euch begeistert und beseeligt! er ist euch nichts mehr, des Menschengeschlechts. ZiZ als ein todter metaphysischer Gedanke. Wie. wollt ihr ihn nun bilden? Wem wollt ihr mich gleich gestalten? spricht Jehonah! — Unsre Lieder von Schwung und Harmonien begeistert, Suchen sein Bild, doch umsonst. Da zeigt sich Gott im Lichte. Es ist nicht sein Bild, nicht sein Wesen: es ist nur das Erstgeborne seines Worts: wie konnte er sich aber würdiger offenbaren? Das Unbegreifliche seines Wesens, der Glanz seiner Hoheit, das Durchdringende seiner Macht, das Allgegenwärtige seines Daseyns, die erhaltende und erzeugende Güte seines Weltgeistes, das Erquickende und Erfreuliche seines Einflußes, das Reine und Heilige seiner 'Substanz — siche das ist Licht! Licht ist das Gewand Jchovahs: Mit Glanz und Herrlichkeit ist er geschmückt! Verzeihe dem lichtbegcisterten Morgenländer, der in Gegenden des reinsten Lichts wohnet, den Gebrauch dieser Symbole; welche beßre Glorie kannst du Gott geben? Licht ist sein erstes Geschöpf — das Reinste, Mächtigste , Zarteste unter den Elementen der Dinge. , Wolle dir das Feinste in der Natur, den Gedanken deiner Seele, denken: er wird Lichtstrahl. Da geht er auf, gießt plötzlich ein Meer der Klarheit in deinen Geist und Fcuerstromc durch Herz und Adern. Da blitzt er im Auge, da lacht er non der Stirn, da flammt er, wie Morgenröthe auf Len Wangen, da brennt und pocht er im Vlu- 314 Zusätze zu der ältesten Urkunde te: da belebt er deine ganze Natur. So siche das Licht um dich. Es schafft eine Welt von Farben und Gestalten, von Anmuth und Mannichfaltig- kcit: es regt und belebt: es erhitzt uns wärmet: es kleidet die Traube mit Abendroth und tränkt sie mit Kraft des Himmels: es mahlt dem Auge eine Welt von Bildern, und schießt in den Geist ein Feucrmeer von Gedanken; es gießt Strahlen: da sieht sich Alles bewundernd an, und badet sich im Glanze: es zaubert Farben, und da wundert sich Alles des neuen schonen Truges. Dort hofft der zagende Wandrer auf den ersten Morgenstrahl, und da fällt der Andächtige vor ihm nieder und jauchzt dem ersten Geschöpfe des Tages. Hast du noch nie diesen ersten Strahl des Tages lange vor Anfang der Sonne gesehen, und gefühlt, wie er die schreckhafte, dunkle Nacht vertrieb, die Erstgeburt aller Hoffnungen des Tages: ey! so spotte nicht mehr über diesen ersten Strahl der Schöpfung, der auch vor der Sonne vorausgieng, und die dunkle ewige Nacht vertrieb und die Scene aller Erscheinungen dieses Schauplatzes öffnet: falle nieder und bete an! Nun seht, o seht, wie die Natur hier webet! Wie sein spinnt sie den zarten Flor der Lust! Es wird Himmel! Aus Wasser und Lichtstrahlen — ein schönes Bild, ein feines Gewebe! Haben nicht lange genug unsre systematische Naturlehrer das Blau des Himmels wissenschaftlich aus dem Gewebe der Luft, durch das Lichtstrahlen fallen, erklärt? Und für die Sinne, was für eine wahrere Dichtung, als dieses Zelt, dieser wäfserne Lichtster? des Menschengeschlechts. 3,5 Und was ist sonach der große Luftraum unter diesem feuchten Strahlen - Gewebe, als eine große Leere, über die Ers ist, der die Mitternacht ausbreitet Und sein Gezelt ausspannet ohne Geholfen! Aber die Wasser über der Veste? spotte nicht über eine Einfalt, aus der so viel Menschliches spricht! Wie schwer mußte cs werden, die Mechanik des Regens zu bemerken und sich zu erklären: man sähe Wolken in der Höhe und wußte nicht, woher sie kamen? sie goßen erfrischenden, erquickenden Regen und man genoß ihn aus der Hand des himmlischen Vaters. Da war Ers also, der dort oben die Wasserschlauche füllete und zur Zeit der Noth ausgoß: da betete zu ihm die darbende Armuth und der lechzende Säugling und der ermattende Wandrer und der schmachtende Greis um Tropfen seiner Güte. Und sollte er, der Allmächtige, nicht dessen einen Vorrath haben? sollte es ihm fehlen, so viel geben zu können, als er will? Wie oft erbarmt er sich zur Zeit der Dürre und in der To- dcsnvth des Durstes plötzlich: mit einmal stehen da am unbewölkten Himmel volle Wolken, reiche Schätze seines Segens Sie strömen herauf, Das ist sichtbar der Ewige, Der kommt! Zürnest du Herr! weil Nacht dein Gewand ist? Diese Nacht ist Segen der Erde, Sie kommt Erfrischung auszuschütte» Ueber den stärkenden Halm, 3r6 Zusätze zu der ältesten Urkunde Uebcr die herxerfreuende, Traube — Du zürnest nichr Vater! Das ist er also, der Wobltbuendc! Er hat die Vorratskammern seines Regens geöffnet Fenster des Himmels hat er aufgethan Und Wassergüsten Canäle bereitet! Ast dies eine unwürdige Denkart? eine unwürdige Fühlbarkeit der Menschen Ländern, wo ihnen der Regen oft so sehr Bedürfnis, Erquickung und Güte des Himmels war? in Landern, wo so oft Zun« und Aue. und Baum und Pflanze nach Wasser dürste» ? Hast du für eine pcrschmachtende Menschheit Gefühl —- so schone der Ncgenkammcrn des Himmels. Daß der Himmel ein Fußboden Gottes und die Erde ein Fußboden der Menschen sey — wie viele Nationen in Nord und Süd sind nicht auf dies so natürliche Bild gekommen, wenn sie donnern hörten, wenn sie Blitze sahen! Es mochte ihnen der Donner Fußtritt Gottes, oder Rauschen seines Wagens und seiner Donnerpscrde, oder Bruch seiner Are, oder sein Schelten oder Gang Gottes auf rauschenden Wassern seyn — der Himmel ward immer sein Fußboden. Wie erhaben und majestätisch ist nicht vielleicht auch uns diese Vorstellung in unsrer Kindheit gewesen! und wie entsetzlich, aus seinem Kapitel der Physik seltne Weisheit zu holen, um diese so natürliche, menschliche und poetische Bilder scharfsinnig zu verspotten! Sonne, Mond und Sterne, das glanzende Heer Gottes!'wer ist der Blinde und Fühllose, der diesen Anblick in seinem Leben nichr bewundert hak? des Menschengeschlechts. Zi? So wandre er unter den heitern Horizont der Morgenländer , wo Sonne und Mond und Sterne siebenfach Heller glänzen ! er werde mit ihnen ein Schäfer! schlafe und wache unter freiem Himmel! sehe ihren Lauf und Wiederkunft! er wird sie bewundern! er wird sie als' herrschende Könige, die seinen Zeiten und Früchten gebieten, betrachten: er wird sie anbeten! Luft- und Wafserthicre sind ein Tagewerk — denn es ist dieselbe Parallele zwischen ihnen, wie zwischen Wasser und Luft! da fliegen die Fische mit Floßfedern und die Vögel schwimmen mir geflügelten Federn ; jene in einem Lickern, diese in einem dünner» Ocean. Sie zerschneiden ihn beide, und segeln in Strömen und Wellen dahin: diese mit Schuppen, jene mit Federn bepanzert, beide mit allen Farben der Sonne geschmückt! Wer, wenn er einen Ton sprach und zirkelnde Luftwellcn und das zurückprallende Echo hörte, fand sich nicht im Oce- an? Wer, wenn seine Lungen und Adern und Schweißlöcher Luft tranken, und Luft ausathmeten '— fand sich nicht in einem Ocean? Wer, wenn er von Hitze zerfloß, und in Kalte zu Eise gefror — wer fand sich nicht in einem Ocean? Wasser - und Erdthiere machen die Parallele zweier Tagewerke — Warum nicht? wer hat noch dib ganze Welt von Wasserthieren erkannt? und das Fernglas zu denen erfunden, die in den Tiefen des Meers waten? Und was sind die, die zu unsrer Höhe hinan streichen, anders, als Vögel, die einem hohen Felsbewohner erscheinen? und wie, wenn der von diesen Luststreichern auf die ganzen Erdgeschlechter schließen wollte? Und auch ohne diese 3i3 Zusätze zu der ältesten Urkunde unbekannte Wasserlandcr, was hat der Ocean nicht für schon entdeckte Wunder? Und was ist einem sinnlichen'Erdebürgcr seine Erde anders, als Land und Wasser? Der Mensch, ein Thier der Erde! ich habe wich schon über diese charakteristische Bestandheit desselben erklärt, und sie wirds im Morgcnlande noch augenscheinlicher. Ihrem ganzen ersten Anblick nach ist der Mensch — Erde ! ein Haufe von Leim, in dem lebendiger Wind hauchet. — Ein Bewohner der Hütten von Leim Die man schneller vertilgt, als Motten! — Eine Blume, die aufgeht und verdorret, Ein fliehender Schatten, der nie stille steht! — Aus Leim gebildet, In Staub wird er wieder verwandelt! Du bist Erde und sollst zur Erde werden! Und dn sie nach ihrem Hirtenleben oder Ackerbau mit den Thieren der Erde in beständigem Umgänge lebten, sich ihnen in so vielem so ähnlich fanden: so schämten sich ihre Dichter und Weisen auch der Vergleichungen mit ihnen nicht: schämten sich nicht, von ihnen Weisheit zu lernen — Der Mensch war ein Thier der Erde! Aber auch Bild Gottes! und hier wende ich wich insonderheit nach Osten. Der verstümmelte Lappländer, der affenmaßige Neger, das Nachtgespenst vom Albinos und die Sandaustcr vom Neuholländer würden vielleicht auf diese Denkart nie gekommen fern; aber siebe den edlen, wohlaebilde- »en Morgenländer! Der Mann mit welcher Würde des Menschengeschlechts. 3.9 des Ansehens begabt! das Weib im Klima der Schönheit geboren! beide göttlicher Natur! Sein edler Geist, der das Hohe und Große liebet, und den Staub der Erde verachtet, gewöhnt sich auch an edle Bilder seines Geschlechts, seines Adels von Herkunft: er sucht den Himmel und läßt den Erd» wurm in Erde wühlen, So wenig es das Gepräge und der begleitende Schutz-Engel Eines unsrer politischen Europäer, eines geschäftigen, kriechenden Hofmanns, eines raubenden Soldaten oder eines kargen Betrügers der Gedanke scyn wird: „bedenke, du bist ein Bild Gottes!" so konnt's das Gepräge der Seele eines freidenkenden Morgenländers werden, der Städte und eingeschloßene Palläste hasset, in freier Welt und in Eden lebt, und eS für Glückseligkeit hält zu herrschen — frei zu seyn, oder zu walten: auf der Jagd oder in seinem Hause ; über sein edles Pferd oder über seinen Stamm und Familie. Man bilde sich ein Ideal eines edlen, glücklichen Morgenländers, und er wird — ein herrschender Gott der Erde! Was kann ich dafür, daß wir in unserm städtischen, häuslichen, bürgerlichen, gelehrten, politischen, geschäftigen, gekrümmten und sklavischen Leben das Ideal nicht mehr fühlen? Der schaffende Gott ruhete endlich und hielt großen Sabbath — Morgenländische Ruhe, Seligkeit und Lohn nach ermüdenden Geschäften! Da ruhet aldenn der fühlbare Morgenländer im Schatten seines Palmbaums, und ziehet Duft und Erholung mit allen Sinnen ein! Da ruhet der befehlende Monarch, und hundert Sklaven warten auf den Wink seines Haupts in stiller Ehrfurcht! Da ruhet Gott, der Weltschöpfer, der Alles mit Einem Wort geschaffen und gemacht hatte, und genießet sich selbst in heiliger Sabbathstille — selbst die Besichtigung seines Werks ist vollendet — sich allgnugsam und selig! Unser, Gott ist das nicht; der ist, nach unsrer rastlosen Geschäftigkeit, der wirksamste Weltregicrec, den wir in jedes unsrer Geschäfte mit Hitze und Interesse einmischen; eS ist auch nicht der selige Gott unsrer Philosophen, der sich in seinem Einigen ewigen Gedanken der Vollkommenheit spiegelt: es ist aber der Gott der Morgenländer — National - Gort! Kann ich ein Nationalstück in alle seinem Leben geben? Dies feine Völkergefühl, was uns so mächtig ergreift , so innig fortreißt, es hängt an welchen kleinen, flüchtigen Eindrücken der Vorstel- lunqsarten, Bilder, Worte, Töne, und ihrer von Kindheit auf mitwirkenden Zdcen! Wehe dem, der es sich will vorbuchstabiren lassen! der es nicht lebendig sieht, und, wenn er will, mitfühlet. Man stürze sich in die Natur des Orients, lese nicht blos Rcisebeschreibungen kalt und todt, sondern fühle ihre Werke und den unübersetzbaren Geist derselben lebendig: man wird bei Kleinigkeiten mehr fühlen, als sich in ewigen Commentarcn sagen läßt. Wer aber ohne dies Gefühl tadeln und spotten will, der verdient die Antwort, die Noah nach der Fabel dem Esel gab, der vor seiner Arche radelnd stehen blieb: hinein du Esel! Ein morgenländisches Gedicht auf die Schöpfung — aber bei alle diesen und hundert andern Nati- des Menschengeschlechts. 32 t. Nationalvvrstellungen aus ihrer Naturlehre; was soll die kleine, kindische Unordnung in sieben Tagewerke, die doch offenbar dcr Plan des Ganzen ist? Gin Gedachtnißlied auf die Kasten! Ein Parallelismus von Tagewerken, dcr so viel Unwürdiges in das Große dcr Schöpfung bringt! war denn keine andre Abtheilung fürs Gedachnuß, kein andres regelmäßiges ScchSeck von Hieroglyphe möglich, was Gott nicht so erniedrigt? Er spricht nur, und es wird Licht! Das ist erhaben; und sehet! er arbeitet sechs Tage, betrachtet sein Werk jeden Abend, betrachtet am letzten Abende noch einmal Alles, muß als ein ermatteter Künstler am siebenten Tage ruhen — ist das auch erhaben? ist das auch göttlich und dem Schöpfer der Welt gleich? — Nicht wieder eine kurze Abfertigung durch ein zauberisch Gleichsam: „das ist nur so „gleichsam! es wird von Gott auf Mcnschenweise „geredet und muß auf gottwürdigc Art verstanden „werden!" denn das Gottwürdigc hatte der Dichter verstehen und in sein Gedicht legen sollen, so verstehen wirs ihm alle nach. Nun ist aber das Ganze seines Stücks auf diese Menschcnweise gebauet r er kann nicht deutlich genug seyn : „das war Abend! „das war Morgen! Ein Tag! wieder Ein Tag!" wiederholen: nicht genug die tägliche Besichtigung seines Gottes preisen: er laßt ihn offenbar sechs Tage arbeiten, um ihm (das ist der Plan des Werks!) um ihm am siebenten Tage Handwerks- fcicr und einen Tag dcr Erholung zu geben — das ist klein! Und was man auch darüber aus einzelnen Bildern und Gedächknißzwecken des Ganzen Herders Werke i. SM, u. Lheol, VI» N 322 Zusätze zu der ältesten Urkunde sage, klein! WeiS Helsen gute Bilder zum Hausgerät!), wenn das Hans selbst eine so elende, zerfallende Hütte ist? Ich würde über die philosophischen Mühseligkeiten nur lächeln oder den menschlichen Verstand bedauern müssen, wenn ichs anführcn wollte, wie sich dem ohngeachket diese Tagewerke immer sehr gut und genau und metaphysisch mit der Natur des Gottes reinem lassen, bei dem keine Zeitreihe, keine Folge von Handlungen, kein Wechsel von Veränderungen, also keine Handwerksarbcic und Tagemuße ist: bei dem aber doch in diesem Fall, genau und dogmatisch zu reden, eine Folge von Tagen und Wecken und Ruhe seyn kann, ohne daß sie doch eine Folge von Tagen und Veränderungen scy! Vom heiligen Augustinus an hat man sich gequält, dieses Tageregister zu erklären, ohne aber je nöthig zu haben, vom trocknen, grübelnden Wortverstande Eine Linie breit abweichen zu dörfen. Man hat physische Demonstrationen gemacht, daß nach der Natur aller Sachen die Schöpfung nicht anders als in sechs Tagen sich habe entwickeln müssen! physische Demonstrationen, daß drei Tage, jeder mit Morgen und Abend, seyn mußten, ehe eine Sonne ward! daß Kräuter einen Abend früher seyn mußten, ehe die Sonne ward! daß Sonne, Mond und Sterne an Einem Tage, Fische und Erdthiere ja aber an zwei Tagen geschaffen werden mußten! Und das Alles nach der innern Ordnung der Natur! — War das nicht ein mächtiges ^ 6 .? Und nun traten die Mystiker den Physikern auf dem Fuße nach: Was Alles durch Sadbath und Ruhe Gottes geheim ver- des Menschengeschlechts. 3^3 standen werde? was Gott vor der Schöpfung und an diesem Ruhetage gemacht? wie viel Sabbathe und Testamente gefeiert sind und gefeiert werden sollen? — Erklärungen und Randglossen genug über diesen göttlichen Kalender! Da steht er, zur Schande dessen, was dogmatischer Begriff heißt, in allen Dogmatiken! Lehrling, siehe diese Bibliothek von Auslegern, philosophischen Systematikern und Rettern der Schrift: suche dir eine Erläuterung , die dich befriedige. Ich habe sie nicht gefunden ! Zwo Fragen sinds, die sich hier aufwerfen. Warum muß Gott sechs Tage arbeiten, und diese ArbeitSeintheilung offenbar der Grundriß des Schöpfungsgesanges werden? Warum muß Gott so feierlich am siebenten Tage ruhen, nachdem ec sechs Tage gearbeitet hat, und diese Ruhe offenbar der poetische Ausgang des Stücks scyn? die letzte Frage läßt sich zuerst beantworten. Gott segnete den siebenten Lag und heiligte ihn, Denn auch Er hatte an ihm von seinen Werken geruhet. Sehet, das ist der Ausgang und Zweck des ganzen Stücks: „Anordnung und Einweihung des Sab- bathS!" Sabbath zu feiern: Einen Tag von sieben der Ruhe zu widmen, — keine Gewohnheit kann dem Morgenlande angemeßner seyn, als diese. Ihre L 3 32 , Zusätze zu der ältesten Urkunde Beschäftigung und Lebensart, insonderheit bei dein Ackerbau, macht ihrem Vieh: ihr Hang zur Leibeigenschaft und zum Despotismus macht ihren Sklaven und Weibern: ihr Klima endlich, das ihren Körper bei der Arbeit mehr auflöset, macht ihnen selbst und Vieh und Weibern und Skl aven einen Sabbath, einen Ruhetag notlnvendig. Ruhe also war ihr Idol der Glückseligkeit, ihr Zustand der Wollust, die Belohnung ihrer Arbeiten. Sie, die es schon für Strafe und Mühe hielten, daß ihre Seele in einen Körper gesetzt wäre, den sie regieren und bewegen müßte: sie, die cs für Seligkeit Gottes hielten, sich dem Unbeweglichen, dem Nichts, dem Unthätigen zu nähern: sie, die bei der Feinheit ihrer Organe die Ruhe durch alle Sinne mehr genießen, und mit voller» Zügen in sich trinken konnten, als wir hartlichere, nordische Naturen; sie, die in ihrem warmen feinen Aether gleichsam sanft ausgclöset in der Erschlaffung der Nerven, im sanften Athmen am liebsten ihr Da- seyn fühlten — wie mußte ihnen der beschwerliche Ackerbau gefallen? wie cs ihnen gefallen, als ein Sklave zu dienen, mit dem Vieh zu arbeiten, unter dem stechenden Sonnenstrahl in der Erde zu wühlen , und im Schweiße des Angesichts ein dürftiges, sklavisch erackertes Brod zu essen? Der erste Fluch des menschlichen Geschlechts war ihnen also, dem Weibe, unterthäuig und eine Sklavin zu seyn; dem Manne — Bon der verfluchten Erde mir saurer Arbeit essen — Im Schweiß des Angesichts sein Brod genießen! Der härteste Fluch des ersten Brudermörders war: des Menschengeschlechts. 3-5 Dir slucht das Land, das seinen Rachen austhat, Bon deinen Händen Brudcrblut zu trinken! Das Feld wird dir nicht mehr seine Kräfte darreichen ! Die rührendsten Seufzer über das menschliche Elend und Kummer waren Bilder der Mühseligkeit, der Sklaverei, der Arbeit: Hat nicht der Mensch nur Herrendienst auf .Erden? Sind seine Lage nicht wie eines Frohnkncchts? Wie eines Knechts, der sich nach Schatten sehnet? Wie eines Sklaven, der auf Laglohn harret? — So wende Gott! dein Antlitz! gieb ihm Feierstunde ! Gönn' ihm, dem Frohnknechr, doch noch Abendruh ! So waren die tröstenden Bilder ihres Todes! So ihre Aussichten ins Reich der Schatten und in die Inseln der Glückseligkeit! — Ruhig wirst du liegen und nicht auszittern! Vekgeffend des Ungemachs, Daran im Schlummer denkend, wie an sern- hinrauschende Wogen: Nimmt dich, nach dem schwülen Mittag, kühle, selige Wohtlust! So die Lieblingsbilder ihrer Propheten von einer goldnen Zeit, die sie mit aller Ruhe und Süßigkeit des Schäferlebens mahlen. Ja so endlich gar das große Sabbathjahr, das Moses, als ein Bild der Belohnung in seine Ackergcsetze mit einmischte, 326 Zusätze zu der ältesten Urkunde das vielleicht nie gefeiert ist und nie gefeiert werden konnte; aber, mir seinen Verheißungen, die Industrie und die dürftige Armurh und die arbeitende Mühseligkeit, wie sehr aufmuntern konnte! In allen ihren Staats - und Haus - und Religionsund Dichtcrplanen ist Sabbaih die Blüte und der Genuß der Tage! eine ewige Sitte so vieler uralten morgenländischen Völker! Eine ewige Sitte! — und wie viel galt dieses Langhergebrachte der Gewohnheit in der Seele des Orients. Nicht ihre Trägheit und Lässigkeit allein, aus der der philosophische Gesetzgeber Euro- pens das Fortdauernde der morgenlandischen Gewohnheiten bis auf ihre Kleidcnracht u. s. w. Herleiter — nicht sie allein machte ihnen das Alte heilig, sondern zehnfach mehr die Ehrfurcht für die, die ihnen solches zugecrbet. Wir haben in unfern höflichen, flüchtigen Sitten kaum einen Begriff mehr von dem tiefen Gefühl der Morgenlander für ihre Vater und Vorfahren: von dem innigen Familiengeist , der in ihren Hausern und Stammen lebte: von der Anbetung vor dem Ansehen der Greise, und der Urgeschlechtcr — kaum einen flüchtigen Begriff mehr! Mit welcher Heiligkeit wurden also Gewohnheiten und Gebrauche in Familien her- abgecrbet! Heilig, wie väterliche Testamente, und tausendmal heiliger, als die späteren politischen Gesetze, die der schlaffe Eommentar dieser Ursitten, die ein schwerfälliges Klcid, eine Decke der Norh- wendigkeit um den lebenden nackten Körper von Narionalcharaktcr wurden, der in diesem Ursprünglichen ewiger Gewohnheiten lebte. Das war die des Menschengeschlechts. 827 schweigende mächtige Zauberstimme der Tobten aus ihren Gräbern, womit sie Jahrhunderte hin ihre Geschlechter regierten: und von Seiten dieser die ewigen Steine und Altäre, auf denen sie den Schatten ihrer Vater opferten. Solche heilige, ewige Sitte war der Sabbath. Nicht blos ihre Vater und Stammväter, Gott selbst, der Urvater ihres Geschlechts, hatte ihn im Anfänge der Welt gefeiert und für ewige Geschlechter geheiligt! Wehe dem Missethater also, der ihn entheiligte: er schmähet nicht blos die Schatten seiner Väter: er lästert selbst seinen Gott —> Denn er spricht zu ihm: Sey ferne von mir! Mir gefallt sie nicht, deine Stiftung! Und so wurde, auch noch im spätem Mosaischen Gesetze die offenbare Sabbakhsschändung, als eine Lästerung Gottes, mit dem Tode bestraft! Denn „Gott hatte an diesem Tage geruhet," wie es der Gesetzgeber, der dies uralte Herkommen zur positiven Verordnung machte, immer einscharst. Gott im Anfänge der Welt hatte ihn verordnet: ewige Reihen von Vätern und Söhnen und Enkeln hatten ihn gefeiert! er ist das heiligste urälteste Erbstück unsers Geschlechts. Nun ists weltbekannt, wie solche alte Gewohnheiten, die fortgccrbt werden sollten, auf die Nachwelt verewigt wurden? durch Traditionen! Und, daß diese angenehmer würden und unverfälschter blieben, durch Lieder und Gesänge. Das war die Stimme der Vorwclt, die so sehr in den Ohren der ersten alten Zeiten schallte: Zs8 Zusätze zu der ältesten Urkunde -Der Laut Der Lage, die vorüber sind? dann kehrt Der Borzeit Angedenken in das Herz! Die Stimme der Vorwclt, die in den Liedern der Dichter und Barden ewig schallte. Ein Volk wählte Gesänge der Lhnren: so die rapfern Nordländer; Eins der Thntcn und der Liebe, die Kelten; die Morgenländer, die ruhige Gebräuche und Spekulation liebten, die Stimmen der Weisheit und Traditionen. Wie horchten sic auf diese, als auf Drakel; Frage die Vorzeit! Auf die Weisheit der Väter merke! Unsre Lage sind Schatten auf Erden» Jene werden dich lehren, und dir lagen Und die Schätze des Herzens vor dir ausschütten! So stritten die Freunde Hiobs mitWeishcitsliedern der Vorwelt; andre enthielten die Stiftung feierlicher Gebrauche — so dies ,,Lied des Sahli aths!" Gott war Stifter desselben im Anfänge der Welt. Das sang der Mund der Kinder und Urenkel. Die erste Frage ist beantwortet. Die Ruhe Gottes war nach der offenbaren Anzeige des Schlußes Heiligung des siebenten Tages, Stiftung des Sabbaths, und dies Lied war darüber der Denkaltar. Und nun wird die andre Frage ein offenbares Echo. Warum muß Gott sechs Tage schaffen, um am siebenten erst zu ruhen? weil den Menschen der Sabbath erst auf sechs Arbeitstage folgen sollte : und wie dort das Lied ein Denkmal des Sab- des Menschengeschlechts. 329 baths wurde, so wirds hier eine mncmonische Ein- schärfung des Fleißes der Woche. Daß die den Morgenländern nöthig sey, wird niemand laugnen, der einen Blick in ihr Land ge- than hat, und daß unser Lied Absicht darauf habe, ist eben so unläugbar. Warum ists, daß Gott in ihm sechs Lage lang wirkend cingeführt wird? Ein Zufall ist das nicht: cs ist die Basis des Liedes, die Grundfläche des Gedächtnißparallclismus in ihm und also Hauptzweck des Dichters. Wurf deS Genies ist cs nicht: denn es ist der Denkart des ganzen Orients von Gott entgegen. Nach ihnen allen ist Gott ein Wesen, dessen Seligkeit blos in Ruhe bestehet; und hier muß er schaffen und machen, und beschauen, und sich mit der Arbeit ermüden. Wurf des Genies ists nicht auch selbst nach der eignen Denkart des Dichters: er fühlt gleichsam selbst das Unwürdige der Arbeit Gottes: er laßt ihn, so viel er kann, sprechen, statt zu wirken: er überhebt ihn, so viel er kann, der Arbeit. Aber der sechsfachen Tagarbeit kann er ihn nicht überhe- bcn: die macht er eben zu den sechs Hauptpunkten, um die sich das Gedicht wendet?-Daß man doch nicht zerbröckele, statt den Fortschuß des Ganzen lebendig zu fühlen! Wenn hier Gott immer selbst in der Werkstatt« erscheint, immer macht und will, und besiehet, und sich freuet, daß crs gut findet — daß, so bald der Mensch auf der Bühne erscheint, er als das Bild, das Gleichnis; Gottes aufgcführt werde, und zwar ein Bild Gottes im Herrschen, im Wirken, im Schaffen und Walten — daß ihm der Sabbath von Gott alsdann beim Schluß des Liedes zum ewigen Hei- 33a Zusätze zu der ältesten Urkunde liqthum eingesetzt wird; was sinnen ibm alle diese Tone ins Ohr? als: Sechs Tage sollst du arbeiten, und nur am siebenten ruben! was singen sie ihm ein? als: Sey Bild Gottes in der Ordnung, in welcher er die Welt schuf! Fühle auch darin die Göttlichkeit deines Daseyns, daß du, wie er, wirkest und alles gut machest; dich, wie Er, freuen kannst, daß Alles gut sey, und dann, wie Er, nach vollendeter Arbeit erquickende Ruhe des Sab- baths fühlest! Das ist offenbar der Ton des Ganzen : die sechs Tage beziehen sich auf den Sabbath, und der Schluß des Sabbaths entsiegelt ja das ganze Stück. „Ein ewiger Gedachtnißgc- sang also der Tage der Arbeit und der Ruhe!" So lange die Hieroglyphe von Sieben in ihrer Parallele leben würde: so lange würde auch die Ordnung der Tage leben : „sechs sollst du arbeiten und am siebenten ruhen, denn er ist des Herrn Ruhetag!" Welch ein nützliches Lied im Orient! Heilsam und aufmunternd, wie die Feierlichkeit in China und Persien, wenn ihre Könige an gewissen Tagen selbst den Pflug erhoben und Beispiel gaben. Hier giebt Gott selbst Beispiel! Welch ein schöner Zweck, die Religion zum Wohl der Menschheit und der Gesellschaft anzuwenden! Sie erregt die Wirksamkeit der Menschen durch die edelsten Borstellungen: du bist, wenn du wirkest und waltest, ein Bild Gottes! Du bereitest dir die innige Freude, vollendet zu haben, und das Vollendete gut zu finden! Du gehst durch Arbeit einem desto erquickendem Sabbath entgegen! Welch eine schöne Art endlich, diesen Zweck zu erreichen! Mehr ermunternd als lehrend: nicht pochend und befehlend, sondern wie cs der Religion gebührt, rathcnd und in väterlichen Bildern erinnernd. Wie in Lacedamon der Altar der Furcht war, um Tapferkeit einzuflößen: so steht hier ein Altar der Ruhe Gottes, um zur Wirksamkeit zu beleben. Wie nützlich in seinem Hauptzweck! Aber auch in allen Nebenzwecken für den Orient sehr nützlich. Der Unterricht, der auf diesen Tagebau gegründet war und sich mit ihm in die Seele drückte; welches ewige Gute brachte er in das Gedachtniß und die Einbildung der Nation! Reine, erhabne Ideen von Gott, dem Weltschöpfer, ihnen einpflanzen; sein Andenken ihnen in allen Werken der Natur sichtbar machen, im prächtigen Lichte und im Dunkel der Nacht, im hohen Himmel und in der gebahnten Erde, in den königlichen Gestirnen und in den belebten Heeren der Welt — welches würdige Geschäft! Es führte ihnen die Reihen der Wesen, als Zeugen Gottes in singender Ordnung vorbei: „Siehe! auch das ist gut geschaffen !" Es zeigte ihnen eine lichthelle, freie, geordnete, bevölkerte, genießbare Welt in aller Pracht ihres Ursprungs und in allem Rechte, was sie darauf hatten. Es flößte ihnen bei ihrem Hirten - und Landleben die edle Neigung em, Gott in der Natur zu suchen, und das glückliche LooS ihrer menschlichen Bestimmung zu fühlen, daß sie als gesegnete Untcrgötter da waren, zu wirken und zu genießen! Das Alles konnte cs von der Einen Seite. — Und von der andern, was zerstörte es 332 Zusätze zu der ältesten Urkunde für abscheuliche Dorurtheile, die später hie und da das Morgenland verwüsteten. Es lehrte ihnen kein Schicksal, keine blinde Vorsehung, keine geschriebene Tafeln des Glücks und Unglücks; oer Mensch ist auf gewisse Weise sein eigner Gott auf der Erbe: die Loose des Schicksals, Tod und Leben liegen vor ihm, daß er wähle: er ist kein Vieh: er ist Bild der Gottheit. Es gab ihnen nicht auf, zu beten und zu ruhen , wohin sich so gern die orientalische Weichheit senkte. Du hast dir deinen Segen und dein Gutes empfangen: du bist selbst dein kleiner Gott geworden : herrsche, walte! so wird Alles gut seyn. Es lehrte nicht, die Erde zu verachten, sie mit den verächtlichsten Namen zu belegen; eine Denkart, in die die Morgenländer bis zum Unsinn verfallen sind. Hier ist keine Spur vom zukünftigen Leben, was dich im jetzigen stören soll: vielmehr herrsche! Hier auf Erden ist dein Ursprug, dein Geburtsland, deine Wohnung, dein Königreich, dein Zweck, deine Bestimmung. Der Himmel ist der Pallast Gottes, und über deinen Blicken zugewölbet; dein ist die Erde; die ist dir gegeben, zu beherrschen, zu erfüllen, zu genießen. In Träumen über die Zukunft, in Spekulationen des Müßigganges, bist du nicht ein Bild der Gottheit, sondern in Würde der Menschheit, in Wirksamkeit deiner Tage — in Erfüllung deiner Bestimmung! Und diese Menge der würdigsten Ideen für die Menschheit, die mehr gefühlt als zergliedert werden des Menschengeschlechts. 333 müssen, hiengcn an sieben Staben der Erinnerung! In sieben Bildern, Worten und Chören pflanzten sie sich fort von Geschlechtern auf Geschlechter, wurden das Spiel der Jugend, ihre erste Poesie, Naturlchre und Taqerechnung: sie wurden der Gesang der Arbeit und der Ruhe, der Woche und des Sabbaths unter dem Volk; das Studium und die Religion des Weisen! Da stelle ich mir Einen vor bei Aufgang der Sonne wie er das Licht und die Schöpfung und seine Tagesarbeit grüßt- doch meine Stimme ist zu schwach, um einen heiligen Gesang, wie diesen, zu kommentiren! Ich mache einen Anhang. Ist Moses der Verfasser dieses Stücks, oder nicht? Man stehet, die Frage ist nicht so wichtig, wie die vorigen Betrachtungen, die den Verstand, den Zweck und einzigen Sinn des Gedichts erforschten. Es wäre mir also auch hier gleichgültiger, nicht alle zu überzeugen; und doch hoffe ichs, wie mans nur in so entfernten Zeiten hoffen kann. Der ersten Wahrscheinlichkeit nach scheint ein solches Gedachtnißlied kaum aus den Zeiten Moses. Daß in ihnen die Buchstabenschrift nicht blos erfunden, sondern auch sehr allgemein bekannt und gebraucht gewesen, zeigt seine ganze Geschichte. Gleich nach dem Anfänge aus Aegypten war ihm ja die Anstalt leicht, die Namen der zwölf Stamme auf Cdelgesteine, auf das Brustschild, den Na» 33^ Zusätze zu der ältesten Urkunde men Gottes auf das Stirnblatt graben zu lassen. Die Gebote brachte er vom Berge Gottes in Stein gegraben — das Alles mußte doch gelesen werden können. Ihm waren Bücher bekannt, wo Namen ausgelöscht werden konnten. Er schrieb selbst seine Bücher, wenigstens seine positiven Gesetze; seine „Orakel Gottes an Moses!" sie wurden vorgelesen und in die Bundeslade verwahrt. — Unter den Priestern also wenigstens war die Buchstabenschrift eine bekannte und übliche und also lange voraus erfundene Sache. Aus dem Buch Hiob sind allerlei Arten der Aufzeichnung bekannt „in ein Buch, mit eisernen Griffeln in Bleitafeln, in Felsen." Ja von der Seite Phöniciens weiß man ja, daß zu Moses Zeiten Cadmus sein Alphabet schon den Griechen brachte: und wie lange pflegt ein Staat schon bewohnt zu seyn, wie viel Zeit pflegt er zu solcher Bevölkerung zu gebrauchen, che er Colonien absetzt ? das ist also mehr als ungezweifelt. Wie unwahrscheinlich ist nun die Erfindung einer solchen Gedächcnißhieroglyphe zu einer so buch- stabcnrcichen Zeit! Welche Mühe, dies auszuden- ken! die Tradition von Schöpfung und Sabbath so genau geordnet an sieben Punkte zu hängen! die Tagewerke aus einander zu entwickeln und sie gegeneinander abstechen zu lassen! den Pnrallelis- mus in einzelne Worte zu fassen, die zum Lheil erinnernde Wortspiele und Idiotismen der Sprache sind! eine Figur von sieben Bildern zu erfinden, wo Eins auf das Andre weiset uns. rufet! Dies Alles in eine Hauprsiktion von Schöpfunqstaqen zu bringen, und sie mit Strophen, Rhythmen und des Menschengeschlechts. 335 Kadenzen zu unterstützen! — Wozu alle diese Mühe und Bestrebung, wenn nicht das Bedürfniß in der Zeit sie geweckt und aufgenöthigt hatte? wcnns nicht nöthig gerhan hatte, einem Volk, was noch nicht Bücher hatte, vorzusingcn, und wcil's noch nicht ei» Buchstaben - Gedächtnis; besaß, vorzubilden? Man denke einmal nach, welche Gedankenrei- hen unsre so vielsagende, so tief auszedachte, und so viel geordnete Gedächtnißtafel gefastet habe! welche Anordnung von Bildern, Sachen, Namen, Zeiten und Verwandtschaften die Seele habe durchgehen müssen, ehe solche einfach-vielfache Schöpfung ward. Nein! so rhöricht und. unnütz verschwendet der menschliche Geist seine Arbeiten nicht, wenn er nicht darf, wenn ihn nicht Zeit, Bedürfniß und große lebende Absicht wecket. Warum sich an dieser Hieroglyphe zu martern; wenn mans, wie Moses, schlechtweg schreiben und befehlen konnte: sechs Lage sollt du arbeiten und am siebenten ruhen ? Warum einen Schöpfungsgesang so mühsam an sieben Zahlen, Bilder und Worte zu binden, wenn man, wie Moses, freiere Gesänge des Lobes und Segens machen, und sie doch dem Gedächtniß einverleiben und durch andre Mittel erhalten kann? Nein! das Zeitalter der Hieroglyphen, ihrer Bilder und Zahlen und Gesänge, war in aller Welt früher: gieng lange vor Buchstaben und Büchern vorher, wurde eben von dem Mangel dieser veranlaßt, und von der Erfindung dieser Verbrungen. Da ein menschlicher Geist auf den feinen Luftgedanken gerieth, Schalle zu bilden und Löne zu mahlen: der verfliegenden Rede des Mundes Fesseln anzulegen und sie , dem Auge nicht mehr sichtbar, sondern ihm 336 Zusätze zu der ältesten Urkunde wirklich hörbar, selbst dem abwesenden Auge sie hörbar machen zu können: da verflog der Geist der Gcdankcnbilder und Zeichen und Zahlen. Die redenden Denkmahler auf Obelisken, Altären, Steinen und Säulen verschwanden, und krümmten sich in schwache, mit Vogclsüßen bemahlte Palmcn- blatter und Pergamente. Wer hat die Gesetze des Moses und selbst die Orakel Gottes an ihm gelesen, und wagt, den Geist ihrer Zusammenordnung mit diesem Stücke zu vergleichen? Sie sind, wie die Sura's des Koran'S nicht anders, als nach Vorfällen und Zeit- limstanben, geordnet: nie in irgend einem Gesetz ein Gedächtnisiplan, eine künstliche Hülfsanlage — und wie weniger eine Anlage, ein Ecdächtnißplan, als dieser? Ueberall der trockne Gesetzgeber, der im Name» Gottes befiehlt, sein Gesetz so deutlich, so wiederholentlich genau und punktmaßig macht, als er kann, und für nichts sorgt, als sich verständlich zu machen; fürs übrige sorgten Priester, Bundeslade und Strafen. Selbst die zehn, auf zwo Tafeln gcgrabncn, Gesetze sind ohne Gcdächtnißplan; nichts weniger, als Hieroglyphen, in denen unsre Sabbathstafel durchdacht, und denen zu gut sic ge« schaffen worden. In ihr spricht nichts weniger, als jener harte positive Gesetzgeber: sie mahlt, sie bildet, sie zählt, sie benennet, sie berichtet, sie lehrt — und damit ordnet sie an. Der Geist in ihr verhalt sich zum Geist der Gesetzgebung zur Zeit Moses, wie überhaupt uralte Gewohnheit zum förmlichen Gesetz, wie häusliche Sitte zur bürgerlichen des Menschengeschlechts. 337 lichcn Pflicht, wie die Stimme der Väter zum Wort des Gesetzgebers und Richters. Moses Gesetzgebung verfolgt nichts so sehr als Vielgötterei, bis auf Zeichen, Namen, und di« kleinsten Reste des Andenkens — wie? und hier lauft der Name Elohim (Götter!)-das ganze Scho- pfungswcrk, das ganze Stück durch — und das Stück ist von Moses? Ec wird mit der Einen Hand die Vielgötterei mit Feuer und Geboten ausrotten und verfolgen, und sie mit der andern durch Lieder und das wirksamste Herkommen empfehlen ? Er wird auf der Einen Seite dem Namen Jehovah mit allen Kräften einen Thron in Israel bauen, und auf der andern ihm den Thron Himmels und der Erde rauben, um solchen den Elohim zu geben? Er wird ein Stück verfertigen, was dem Götzendienst dieser Elohim, als Weltschöp- fer und Sabbakhsstifter, im Auge des Aberglaubens die ältesten, festesten Stützen geben mußte? — Welche Idee! welche Anbringung! Eher wollte ich glauben, daß Moses, auch nur als Sammler dieser Stücke, lieber den Namen Jehovah würde ein- geschoben haben, um dem Mißbrauche zuvorzukommen , wenn ers hätte thun können; als daß er durch den andern Namen dem Mißbrauche Thür und Thor eröffnet hätte.-Moses haßte nichts so sehr als den Dienst der nächtlichen Götter, den Dienst der Finsternis; und er wird die Nacht, deren Götzendienst in Aegypten schon als eine gräuliche Mißfolge dieser Tradition galt, seinen Israeliten, als den ältesten Weltzustand empfehlen? Ec Herders Werke z.Rel.n.Theol. VI. P 333 Zusätze zu der ältesten Urkunde verfolgte den Götzendienst der Gestirne, der Sonne und des Mondes; unv er wird in dieser Urkunde ihnen zu diesem Dienste mit jedem Worte der Beschreibung „König des TngcS ! Königin der Nacht! u. s. w." Keim und Säumen geben? Er verbot so strenge, so scharf, die Zcichendeutcrei, das Fragen der Gestirne; und wird ein Lied verfertigen, wo die Sterne dazu geschaffen werden, „zu zeichnen für Zeiten, Tage und Jahre." Welche Idee! welche Zumuthung! Ich wiederhole cs, daß Moses, als Sammler, diese anstößigen Vorstellungsarten , die zur Zeit der Verfassung noch unschuldig waren, nicht ungern würde geändert haben, wenn crs hatte thun können! — — Und überhaupt der Geist dieses Stücks und der aegyptischarabische Geist in der Denkart, zu den Anordnungen und Arbeiten Moses — welcher Unterschied! welche Entfernung ! Der Gott seiner Gesetzgebung selbst ist nicht mehr eigentlich der Gott dcS Himmels und der Erde; sondern der Gott Israels, ihr Ausführer aus Aegypten- Der Geist seines Sabbaths selbst ist eigentlich nicht mehr, wie aus der Wiederholung des Gesetzes erhellet, Sabbakh der Wcltvrdnung, sondern Gedachtnißtag der Ausführung aus Aegypten. So in allem — welcher Unterschied! welche Entfernung! Und denn endlich, hat Moses dieses Stück gemacht, woher denn so lange vor ihm, unter so vielen Völkern und Rationen, die ganze Neli- gionslage dieses Gedichts? Hebräer kennen wir nur durch ihn; und alle übrige Völker des Orients aus diesen Zeiten sehr dunkel;" aber ist nicht die Rcli- des Menschengeschlechts. 33^ gion der alten Perser z. E., so fern sie sich noch vom Abraham herschreibt, bei aller Dämmerung viel zu klar, als daß wir ihr den Gebrauch dieses Stücks ablaugnen könnten? Kann man nicht in der Abstammung und Entfernung der Völker sogar auf gewisse Weise de» Weg finden, wie sich die Ideen dieser Urkunde verfinstert und verstümmelt haben? Haben nicht alle Begriffe und Bilder dieses Gesanges so viel Unschuld und Einfalt, daß sie der Denkart Moses, die in Aegypten und Arabien gebildet war, so wrnig entspricht; aber alter angenommen, so vieles in der Denkart dieser Völker lange von Moses aufklart? Und welcher Gesang konnte sich wohl füglicher Ewigkeiten heruntererben, als dies Gedachtnißbild ? Und hat Moses die folgenden gefunden, was konnte er unverfälschter finden, als dies ? Für mich — verehre ich also, nach aller phi- lolopischen und historischen Wahrscheinlichkeit, dies Poem, als die heiligste Antike des Orients, als das uralteste Stück aus der Morgenröthe der Zeiten. Da stelle ichs mir vor, wie seine Figur und Bilder, als ehrwürdige Hieroglyphen auf Säule und Altar cingegraben, wie seine Worte zuerst vielleicht noch in den alten Buchstaben der Muttersprache des Orients geschrieben, Tafeln der Tage, Symbole der Religion, der Weisheit und Politik waren! Heilige Religion, die nur noch Gott den Weltschöpfer verehrte! Vortreflichc Weisheit, die sich noch im Adel der Menschheit und im wirksa« men Gebrauch des Lebens auf Erden erkannte l P 3 3^o Zus. zu der ältest. Urk. d. Menschengeschlechts. Beste Politik, die nur noch Ordnung des Lebens, Freiheit und Wirksamkeit des Menschengeschlechts zu seiner eignen Ruhe, und Glückseligkeit zum Zweck hatte! — wo seyd ihr, mit dem ersten Ur- bilde unsrer Urkunde, geblieben? — Verschwunden, daß man eure Sprache nicht mehr versteht, eure Bilder nicht mehr kennet. Dies ist die Erklärung des uralten morgen ländischen Denkgedichts über die Anordnung der Wochentage und des Sabbaths aus der Schöpfung der Welt. I,' Won Entstehung und Fortpflanzung der ersten Religionsbegriffe. *) -- ^ Die Volker der Erde sind so wie einzelne Menschen in ihrer Kindheit sich einander ähnlicher, als in spätein Zeiten ausgcbildeter Charaktere. So lange sie das Nothwendige suchen, und ihre ersten Begriffe, und ihre unverstellten Begierden herlallcn, so enthüllet sich bei Allen einerley Gestalt der Seele, und säst auf einerlei) Art. Daher hat sich unter allen Völkern der Welt, die wir durch einzelne Nachrichten und Fabeln aus dem Zustand ihrer Jugend her kennen, ihre erste Aufmerksamkeit fast auf einerley Dinge, und bei Allen fast auf Einem Wege gewandt. Bisher waren sic barbarisch und unwissend, und mit der Natur der Gegenstände ^unbekannt, ') Geschrieben 1767 oder 1768. 342 Zusätze zu der ältesten Urkunde bei jedem neuen Austritt ein Raub der Verwunderung, bei jedem schrecklichen neuen Auftritt ein Raub der Furcht, des Entsetzens gewesen. Jedes Monstrum hatte sie zittern, jeder sich zutragende oder drohende Unglücksfall wechselweise bang und abergläubisch gemacht: sie hatten sich also eine Anzahl meistens fürchterlicher oder die Furcht abtrci- bender Lokalgötter ersonnen: sich eine Religion gedichtet , die Affcckcn dieser Gottheiten zu besänftigen. So war die ganze Natur, die ihnen schaden oder nütze» konnte, in allen ihren Theilen und einzelnen Veränderungen und Schicksalen, Gottheit — ein Pantheon lebendiger Wesen, die für oder gegen die Menschen wirkten: und ihre ganze Religion dieser Wesen Furcht und Aberglaube. Der Weltweise Hu me hat diesen Satz ans der Geschichte und der menschlichen Natur bewiesen; der Weltweise Michaelis hat ihn in gehöriger Einschränkung angenommen; und die ersten Fabelurkunden fast aus jeder Nation, so wie alle Stücke der Vergleichung mit der Kindheit einzelner Menschen, bestätigen ihn. Als sie aber allmählich diesen Tagen der Beschwerden , der Arbeit, der Noch entkamen, als sie, mit der Natur der Dinge etwas vertrauter, gleichsam den ersten Sabbath ihrer Gedanken, den ersten Ruhetag feierten: da ward eine ruhigere Frage an d e n U r sp ru n g der Dinge natürlich; da wollte man sich hellere Rechenschaft geben können: Wie die Welt? Wie die Men- des Menschengeschlechts. 3g 3 schon? Wie einzelne Merkwürdigkeiten und Erfindungen? Wie insonderheit die Nation, in der man lebte, mit ihrer Sprache, rnd Sitten, und Denkart entstanden wäre? Dieß ohngefähr war der Katechismus jeder Nation, da sie aus dem rohen Aberglauben zuerst zu sich selbst kam. Jedes Volk kam also auf den Gedanken, eine Kosmogonie, eine An t h rop o g c n esi e, eine Philosophie über das Uebel und das Gute der Welt, besonders seiner Gegenden, eine Genealogie und Geschichte seiner Stammalcern, Sitten und Gewohnheiten zu wissen: zu haben, was man „O r i g i n e s, ursprüngliche Urkunden" nennet. So folgte auf die erste rohe Religion, die fast in allen Sprachen von Furcht den Namen hat, eine Art von historisch-physischer Philosophie. Nichts aber in der Natur gehet sprungweise, und so ist auch aus dem Zustande der barbarischen Mythologie zur ersten heiteren Philosophie kein Sprung gewesen. Wenn eine menschliche Seele mit Begriffen von einer starken, rohen, sinnlichen Art ihre ganze Jugend durch genähret ist, und all ihr Denken nach solchen gebildet: so verarbeitet sie noch immer, auch wenn sie frei denken will, diese Materialien. So konnte also kein Volk auch über die Ursachen und den Ursprung der genannten Gegenstände anders, als nach den Materialien und Prämissen seines vorigen Zustandes, denken. Die oberste ungefüllte rauhe Haut streifte cs ab; aber konnte es gleich dcn ganzen Körper umwandeln, der nach solcher Mythologie gebildet war? 3-44 Zusätze zu der ältesten Urkunde Ihre erste Quelle zu Beantwortung solcher Fragen ward also die Lehre voriger Zeiten, die Tradition. Man weiß, wie viel die Völker aus dieser Quelle von Weisheit machen, die nicht, wie wir, vom Wissen, sondern von Erfahrungen leben. Der Mund ihrer Vater, die Sage der vorigen Zeiten ist ihnen der nächste Schatz nach der Allwissenheit. Und wo hätte auch die Tradition mehr befragt werden sollen, als in dem, was selbst Tradition heißt, Sachen des Ursprungs. Die Antwort geriet!) also nach dem Geist der vorigen Zeitalter, mythisch. Jedwede Nation dachte sich also die Entstehung der Welt und des Menschengeschlechts, und ihre» Zustandes, und ihrer Völkerschaft in Begriffen der Religion! alles bekam theologische Farbe; denn, wie gesagt, waren sie kaum aus diesem Zeitalter der Wunder und Zeichen und Götterthaten und Göiterbcsänftigungen heraus- getrcken, und dachten noch nach Begriffen ihrer Vater. Jede beschäftigte also ihren Gott, oder ihre Götter, so gut sie konnte, mit dem Weltbau, mit der Menschenbildung, mit der ersten Haushaltung der Welt, mit den ersten Unglücksfallen ihrer Väter, mit dem Bunde und der Sittenrichtung ihres Staats. Das theologische Gewand war allenthalben heiliger Schleier der Verhüllung, und heiliger Schmuck der Auszierung, und Würde des Ursprungs. Natürlich, daß diese theologischen Traditionen auch so national styn mußten, als etwas in der Welt. Jeder sprach aus dem Munde seiner Väter; er sähe nach der Welt, die um ihn war; er machte sich Aufschlüße von Dingen, die ihm als die merkwürdigsten Vorlagen, und nach der Art, wie sie seinem Clima, seiner Nation, seiner bisherigen Leitung nach am besten konnten erklärt werden: er schloß nach seinem Interesse, und nach der Denkart, Sprache und Sitten seines Volks. Welt und Menschengeschlecht und Volk ward also nach Ideen seiner Zeit, seiner Nation, seiner Cul- tur errichtet: im Kleinsten und im Großesten national und lokal. Der Skandinavier bauete sich seine Welt aus Niesen, und durch Niesen des Frostes , die Erde aus dem Leichname des Umers, das Meer ans seinem Blute, und den Himmel aus seinem Schädel. Ec schuf sich seine Menschen aus Stücken schwimmenden Holzes: erklärte sich die Uebcl seiner Welt aus dem Wolfe Fenris, und der großen Schlange von Midgar: so dichtete er sich die Natur der Dinge und des Himmels: alles war Riese, . Ungeheuer und Zauberei. Der Jro- quoise machte Schildkröten und Fischotter — der Indianer Elephanten — der Neger endlich ein Kuhhorn voll Mist zu Maschinen dessen, was er sich erklären wollte. Hier sind alle Alterthümer und Reisebeschreibungen voll von Sagen und Traditionen , von Lokaldichtungen, und Nationalmähr- chcn. Wer da will, der bringe in diesen unendlichen und so wildvcrwachsnen Wald, Licht, Ordnung und Aussichten. Ucbcrall wurden also diese uralten theologisch- philosophisch-historischen Nationaltraditioncn in ei- 346 Zusätze zu der ältesten Urkunde ne sinnliche bildervolle Sprache eingekleidet, die die Neugierde des Volks auf sich ziehen, seine Einbildungskraft füllen, seine Neigungen lenken, sein Ohr vergnügen konnte. Die Väter lehrten cs ihre Kinder, die Gesetzgeber und sogenannten Weisen das Publikum, was Volk hieß. Zeder mußte also Bilder aus seiner Welt, Dichtungen für seine Seele , starke Züge für sein Herz finden, in denen er erzogen war, die in ihm lebten, und nur geweckt werden durften, um ewig in ihm zu leben. Man findet durchgängig alle Urkunden dieser Art in einer starken bildervollen, phantasiereichen Sprache. Nichts anders als sehr dichterisch mußten also diese Urkunden werden. Sie betrafen die interessantesten Gegenstände einer Nation: sie wurden aus den lebhaftesten, stärksten Ideen der rohen Zeiten gebildet, die nichts gleichsam , als Bild und Sinn und Affect, gewesen waren: sie nahmen alles Feierliche und Schreckliche der Religion ihrer Vater an sich: sie kamen aus dem Munde der ehrwürdigen Vorwelt: sie wurden so eingerichtet, daß Kinder und Volk sie lernen, und zu seinen Lieblingsgesängen und Weisheitssprüchen machen sollten: sie sollten das Publikum lenken, und seinem Ursprung treu, national erhalten; die Sprache, in der sie vorgctragen wurden, war voll Bilder, sinnlicher Ausdrücke, von Abstractionen und wissenschaftlichen Begriffen leer, und in diesem Fall nahm sie noch das ehrwürdige Siegel uralter Traditionen, und das Neue, das eine noch unbekannte Erklärungsart haben muß, an: außerdem, daß sie im höchsten Grad populär und sinnlich seyn mußte. Wie dichterisch mußten solche Urkunden werden! Und sie des Menschengeschlechts. 3/, 7 wurden völlige Gedichte. Zu einer Zeit, da kaum noch un eine Buchstuben - und Schreibckunst zu denken war, sollte die-Stimme der Ueberlieserung sie aufbehalten. Sie mußten also kurz, voll weniger starker, ausgewahlter Worte, voll bestimmter, und gleichsam unzertrennlicher, ewiger Wortfügungen, voll unzuverwjrreuder Absätze und Rnhesiellen, sie mußten gleichsam eine lebendige Gedächtnißkunst seyn. Dazu, da ihnen nichts angeflickt, noch weg- geraubt werden sollte, da sie im Munde des Volks und der Echo, die immer so gern verkürzt und verstümmelt, ewig und ganz bleiben sollten: so ward eine Einkleidung in das Ganze eines Drama, dem keiner seiner Theile entwandt werden konnte, und wo man die Zusätze bald bemerkte, noch noth- wendiger. Eine Zusammcnordnung von Strophen und rr/nrg, eine Art von ähnlichem Rhythmus, oft Reime, Namenspicle, ähnliche Fälle, und hundert andre Sachen wurden eben so viel Merkstabe der Erinnerung und eine lebendige Poesie. Und wenn überhaupt im damaligen Zeitalter die Sprache lebhaft, brausend, voll starker Abfälle und Erhebungen, voll Gesang im Sprechen war: was natürlicher, als daß sie in die Modularion eines rohen Gesanges zerfiel, Poesie auch im Bau der Worte, der Versender Strophen ^ der Zusammcnordnung des Ganzen. Nun komme Musik hinzu, diese Töne und Bilder noch auf eine Art zu beleben, ins Ohr zu wiegen, und in der Seele zu verewigen, durch Melodie des Gesanges. Es komme nach der damaligen Zeit der Aufwallung, und übertriebener 3g3 Zusätze zu der ältesten Urkunde Bewegung eine Act von Deklamation dazu, so wird diese roker Tanz scvn, und so sind die r-o/ror, die Gesetze, Urkunden, Gesangwcisen da, nach denen die Baume tanzen, und die Eichen sich beleben. Der Denkart der Nationen bin ich nachgeschlichen, und was ich ohne System und Grüble- rey herausaebracht, ist: daß jede sich Urkunden bildete, nach der Religion ihres Landes, der Tradition ihrer Vater, und den Begriffen der Nation: daß diese Urkunden in einer dichterischen Sprache, in dichterischen Einkleidungen, und poetischem Rhythmus erschienen: also mytho- logischeNationalgesange vom Ursprung ihrer ältesten Merkwürdigkeiten. Und solche Gesänge hat jede Nation des Alterthums gehabt, die sich ohne fremde Beihülfc auf dem Pfad ihrer eigenen Culkuc nur etwas über die Barbarcy hinausgebildet. Wo nur Reste oder Nachrichten sind, da auch die Ruinen solcher Urkunden , die Edda der Eeltcn, die Cosmogonien, Thcogonien und Heldenaesänge der ältesten Griechen , und die gemeinen Nachrichten von Indianern, Spaniern, Galliern, Deutschen, und allem, was Barbar hieß: Alles ist Eine gesummte Stimme, ein einziger Laut von solchen poetischen Urkunden voriger Zeiten. Wer Jselins Geschichte der Menschheit in einem so merkwürdigen Zeitpunkt beleben wollte! der bringe alle diese Nationalsagen und mythvlogi- des Menschengeschlechts. / sche Einkleidungen und Fragmente von Urkunden in die nackte, dürftige, menschliche Seele zurück, die sich auf solchem Weg zu bilden ansieng, und mit allgemeinen Aussichten über Erdstriche, Völker und Zeiten, sammle er so aus der Barbarcy, „einen Geist urkundlicher Traditionen, und mytbolo- gischer Gesänge" als Montesquieu, für die bürgerliche Gesellschaft freilich rausenmal nützlicher, einen Geist der Gesetze sammelte. Dort wenigstens sind überall redende Züge zum Bilde des menschlichen Geistes und Herzens, wie wir sie in unserm gebildeten und erkünstelten Zeitalter nicht finden. Die wahre Gestalt des sinnlichen Menschen, das ganze Gymnasium der Einbildungskraft und der Dichtung, die erste und starke Politik des Witzes und Scharfsinns, die einfachen Triebfedern der Leidenschaften und Nationalvorurtheile — alles, was wir vom Menschen in unfern verfeinerten Zeiten nur in schwachen dunkeln Zügen finden, lebet in den Urkunden dieses Weltalters. Unser Jahrhundert ist zu fein, zu politisch und philosophisch; oder eine andre Gattung von Menschen sind nichts als Zusammenschreiber und gedankenlose Antiquarier, als daß wir schon eine pbilosvphische Geschichte dieses poetischen Zeitpunkts batten haben können: denn wie viele Menschen giebts wohl, die in ihren weltweisen, staatskundigen, reifen Jahren sich der Kindheit ihrer Jahre nicht schämen? und wie viel wäre doch aus diesen zu lernen? III. Ueber das Schöpfungs-Bild. (Geschrieben 1781.*) — „Wie hat es sich sortgcpflanzt? mich dünkt, „cs trägt, wie ein lebendiges Geschöpf, die Mittel „seiner Erhaltung in sich." „Denn offenbar ist dies schöne, hohe, einfache „Gemahlde auf die sieben Wochentage angewandt ; „ja es ist für sie erfunden. Es erhielt sich also „mit ihnen: cs war der Grund der ersten Zeiten- „abtheilung und Ordnung im Leben; kurz, seine „Gestalt war der erste Kalender." „Was man auch sage, diese Idee nicht auf- „kommen zu lassen: so wird sie aufkommen: denn -„das Stück spricht sie vom Anfang bis zum Ende« *) Wo diese Stelle in den Geist der ebräischen Poesie I, Ärs. kommen sollte, darum aber vermulh- lich ausgelassen wurde, weil der Verfasser dr* völlige Umarbeitung der ätt. Urk. vorhatte. Zus. zu der ältest. Urk. des Menschengeschlechts. 35e „Wie Gelt arbeitete, soll auch der Mensch arbeiten: wie er ruhete, soll auch der Mensch ruhen. „Ec ist Gott droben, der Mensch sein Bild im „Herrschen und Wallen, dem Segen Gottes un- „ten. Darauf ist das ganze Stück eingerichtet: „es theilt Alles in die obere und untere Welt, ,,Himmel und Erde. Oben wölbt sich der Gott „des Lichtes die Veste zu seinem Fußboden am „zweiten Tage; am dritten hebt er den Fußboden „der Menschen, die Erde, hervor. Die Lichter „werden Könige der Welt und Zeiten, und stehen „dem Urlicht gegen über; die Geschöpfe des Was- „sers und Luftreichs (des Himmels) am fünften „Tage stehen den Erdgeschöpfen (der Niedre) wie- „der gegen über. Im Original hilft die Etpmolo- „gie dem allem nach; also ist die Nachahmung „Gottes für den Menschen in Ruh und „Arbeit der Zweck und Geist des ganzen Stü- „ckes, die jedes Wort, jede Eintheilung gesetzt ha- „ben und Alles binden. Wer dies nicht sehen will, „deß Urthcil mag ich über den Geist des Ganzen „einzelner alter Stücke nicht begehren. Daß viele „alte Völker und Religionen im Orient die Zcit- „eintheilung nach sieben Wochentagen gehabt ha- „ben, ist unlaugbar; und wahrlich aus den Tafeln „Moses nahmen sie solche nicht an. Sie war bei „ihnen uralte Gewohnheit, älteste Aeikabtheilung. „Aus den Planeren haben sie sie auch schwerlich „genommen, deren Entdeckung und Zurücksühcung „auf sieben gewiß viel Zeit kostete, und wornach „rechneten die Menschen, che sie so feine Entdeckungen am Himmel machen konnten, vorher? „Hatten sic gar keine Zeitrechnung — und erfan- 352 Zusätze zu der ältesten Urkunde „den am Himmel die sieben Planeten? Ja endlich, „was haben die sieben Planeten nüt den Wochentagen zu thun? geht jeder an Einem Wochentage „auf und nisder, daß sinnliche Menschen daher „den ersten Maasstab nähmen, die Zeit einzukhei- „len? Offenbar band sie nur der spätere Aberglaube, beiderlei sieben zusammcnzustcllen und jedem „Tage seinen Engel, Regierer, Einfluß und Planeten zu geben; nicht aber die -Natur der Sache „oder die Genesis der Wochentage. Gewiß waren „diese zuerst ein angenommener Begriff, ein väterliches Gesez, die erste runde Krciszahl von wie- „derkommenden Tagen, die eben dies Stück als eine Ordnung Gottes selbst heiligte und unwandelbar fesistellte. Ein festes Maas von Tagen mußte man haben, sonst sank Alles in die Nacht der „Vergessenheit hinab. Ordnung mußte da seyn; „nur sie ließ sich nicht aufdringcn, sondern durch „väterliches Beispiel und Ansehen etabliren. Hier „ward Gott selbst also beispielgebender Vater. Nun „zählte man also die Tage mir sieben, und sieng „nach 7 wieder an: am siebenten Tage erholte „man sich und erneuerte wahrscheinlich die Begriffe, die in diesem schonen Symbol der Schöpfung „und Zeitrechnung lagen, und an denen dem mensch. „lichen Geist alle seine Würde, Bestimmungen und „Kultur hicng. Die Ableitung der Begriffe, die „Eoordination der Bilder in denselben hat in die „ebräische Sprache und ihre Schwestern unwider» „sprechlich einen großen Einfluß gehabt, wie aus „hundert Beispielen zu erweisen stünde; und kurz, „warum wollen wir laugnen, was der Augenschein sagt des Menschengeschlechts. 353 „sagt und die ganze Cvnformation der ebräischen „Sprach - und Dichlcrbcgriffe beweiset: Licht Himmel Erde Lichter Himmels« Erd-Geschöpfe Ruhe „ist der Typus dieses Gemahldcs, das Modell der „ersten Zeitrechnung, Religion und Ordnung, ja „endlich das geheime Urbild von Ausbildung der „poetischen Bilder und Begriffe in der ebräischen „und ihrer verwandten Sprachen. Das Buch Hiob „ist von keinem Ebräer geschrieben und die schön- „flen Vorstellungen der ebräischen Eosmogonie und „Naturnnsicht sind in ihm; ja vielleicht erscheinen „sie in ihm in einem erhabnem Lichte, als Ein „cbräisches Buch sie darstcllt. Alle Völker im Aufstande der Kindheit zahlen auf eine ähnliche Weise „ihre Tage: durch Stabe, Schnüre oder andre „Zeichen, mit denen sic Bilder, Geschichte, Lieder, „Tradition verbinden; ohne Zweifel war also dies „Stück der erste solche Talisman der häuslichen „Ordnung und des Gottesdienstes, an dem sich die „Vernunft, Einbildung, Sprache und Beschafri- „gung der Menschen regelte und fügte. Wie inan „ihn auch abgebildet und in einer Gestalt vorgestcllt „habe, so wird wahrscheinlich die Figur Herder? Werke z. Rel. u. Lhevl. VI, A 3Ü4 Zus. zu der ältest. Urk. des Menschengeschlechts. „dabei im Spiele gewesen seyn, die sich in allen „alten Religionen und Denkmälern findet. Das „erste Stück erhielt sich also an der Ordnung, die „cs festsetzte und die Ordnung erhielt sich durch „dasselbe: die einzige beste Art Begriffe festzusetzen „und zu verewigen, eine Einrichtung, Gottes oder „des weisesten Menschenvaters würdig. Vielleicht „hat eben Seth mit der Buchstabenschrift auch „dies Denkmal erfunden, und er verdient alsdann, „daß sein Name ewig Denkmal, Stiftung „heiße. In den morgcnländischen Sprachen sind „die Worte: Zeichen, Wunder, Gehei m- „niß, göttliche Offenbarung gleichbedeutend : mich dünkt, dies erste Stück der ebräischen „Schriften verdiene vorzüglich diesen Namen." — /' IV. Fragment, über die Mosaische Philosophie in den ersten Kapiteln Mosis. *) Die Dogmatik hat diese Kapitel so wenig erschöpfen können, als dieselben ursprünglich zur Dogmatik verfaßt worden. Auch im poetischen Umriß haben wir fast immer nur die Aussenseite berührt, und im Innern, auf die orientalische Metaphysik von Ideen der Schöpfung, der Entstehung des Bösen in der Welt, der versagten Unsterblichkeit , des ersten Fortganges der Laster und der bürgerlichen Gesellschaft, des erneuerten Naturrechtes, und der Sprachenvermehrung, auf die Tiefe aller dieser Ideen haben wir nur hinzeigen können. —- *) Ebenfalls 1-67 oder 1768 geschrieben. Dieses, wahrscheinlich nicht vollendete Kapitel, enthält die ersten Grundzüge zum rten und 3 ten Lhcil des ersten Bandes der Urkunde. 3 2 355 Aus ätze zu der ältesten Urkunde Da sank meine Hand nieder; eine orientalische Seele, mit Weisheit solcher Art von Jugend auf genährt, werde hier unsre heilige Muse. Ich bleibe bei den Umwandlungen dieser Philosophie bei später» benachbarten Völkern, und da dünkts mich kein Traum, was ich für Aehnlichkeit zwischen diesen Ideen als Original und zwischen den Geheimnissen der alten Chaldäer, Perser , Aegypter und Griechen als Ableitungen finde. Und zwar je uralter und näher dem Moses, um so mehr Aehnlichkeit; je entfernter und befremdeter, um so mehr in andre Nationen nationalisirt, und endlich fast ganz Gräcismus. Ich weiß, wie viel Auroren sich in dieser Dunkelheit verirret und jeder seinen Schatten gesucht habe; wir wollen aber ohne Vorurtheil und System hinein. Daß alle alten Völker ihre Weisheit in Geheimnisse verkleidet und in Geheimnissen gelehret; daß, je weiter nach Morgenland, die Verhüllung dieser Weisheit um so beliebter und nationeller sey, darf ich nicht beweisen; dies erklärt sich aus dem Geiste der Nation, der Zeit und der Sprache. Aber, daß sich die Geheimnisse mit Ideen dieser Gattung unter allen Völkern beschäftigt, und mit allen um so viel mehr beschäftigt, je näher dem Moses, das ist ins Licht zu setzen. Die Kosmurgie, die WeisheitSlehre der Schöpfung leuchtet aus den Geheimnissen der Chaldäer, der Aegypter und Griechen als Hauptnachricht hervor: der Eingeweihte ward überall encoirryg, der die Dinge der Welt ohne Verhüllung, ohne Decke sah, der von ihrem Ursprung ohne Fabel Nachricht bekam. So magisch und astrologisch nun dieser des Menschengeschlechts. 367 Unterricht über die Natur der Schöpfungswerke bei den Chaldäern; so mythologisch und symbolisch bei den Aegyptern; so dichterisch endlich und griechisch bei den Griechen, wurde — man sehe von Orpheus zurück auf den Weg, den die Geheimnisse nahmen, so wird man sich einigermaaßen die Folge der Vorstellungsartcn und auch der Einkleidungen erklären, und oft findet man, daß das Sonderbarste selbst aus einem mißverstandenen Buchstaben Moses entstanden sey. Das Chaos, die Schöpfung der Welt aus Wasser, das Ei aus dem Munde Gottes, die Athor, der Phthas u. s. w. der Aegyp- ter, viele orpheische Eigenheiten sind gewanderte, eingebildete, verfälschte Ableitungen. Man muß in einzelnen Auslegungen behutsam seyn; im Ganzen wird wohl die Wanderung fast unleugbar, und da eben so unleugbar der cosmurgische Unterricht ein Hauptzweck der Geheimnisse gewesen; so wird wahrscheinlich, daß diese eine zeillang vielleicht das Vehikulum und Erhaltungsmittel dieser Urkunde haben seyn können. Nur, je weiter man commen- tirte und intcrpretirte; desto mehr gcrieth man so damals hieroscopisch, wie nachher dogmatisch vom Zusammenhänge der Begriffe ab, hielt sich bei Stückwerk auf, und verkleidete den mißverstandenen Buchstaben in Fabel und System. Daher entstanden zuletzt die graulichen Thcogonien, Kosmo- gouien und Mythologien. Denn der Schneeball, je weiter hin er gewalzt wurde, desto mehr riß er Gras und Kraut und Erde des Landes mit sich, und ballcte sich auf zum Kolossus von einer Tradition aus so verschiedenen Zeiten, Völkern und Sprachen. — Welch ein großer Mischmasch! — 358 Aus. zu der ältest. Urk. des Menschengeschlechts. Wie vieles ist z. E. in den Geheimnissen des Orpheus physisch und cosmurgisch! Seine Hymnen und Geschichten sind voll davon, und alle überge- bliebencn Nachrichten seiner ^o- /wv, , kcz'cov xae i)z,5pcov U. s. w. bestätigen, was ich sage. Daß die Schöpfung des Menschen aus Erde, und die Einhauchung seiner Seele, als eines himmlischen Hauches in allen Geheimnissen sehr orientalisch gedacht seye, ist offenbar. Zusätze zum zweiten Band. I. (Zur Geschichte des Brudermordes Kains, imdrittenBuchdesviertenTheils. *) Ueber Geßners Tod Abels.) (Aus einem Briefe an Minna.) — „Ich weiß nicht, m. Fr., ob je eine Geschichte so kurz, so einfältig und so rührend, schrecklich , feierlich geschildert werden kann! Auch hat dies Niemand, der die Geschichte mit Herz gelesen, oder mit Gefühl bearbeitet hat, völlig übersehen können. Wie rührend z. E. hat Ihr Gcßncr einige, oder die meisten dieser Ingredienzien behandelt! Wie schön die Sccnen herbeigcführt, da Kain würgt und — den Bruderleichnam betrachtet! Vater und Mutter ihn finden, Thierza und Mehala ') Um 1772 geschrieben. 26 o Zusätze zu der ältesten Urkunde ihn sehen, die kleinen Unmündigen ihn sehen, der alte Vater ihn begräbt, Thirja in der Mondnacht auf seinem Grabe liegt! Kain der Thirza , der er Gemahl rind Liebling und Bruder erschlagen, vor» überzcucht! und Mehala ihrem Gemahl, dem Mor» der ihres Bruders, in die Wüste folgt — alle diese Charaktere, in ihrem verschiedenen Interesse so fein contrasiirt und situirt; überhaupt im Ausdruck stiller, unschuldiger, rükrendcr Situationen des Herzens, wer gleicht Geßncr? Auch wird sein Tod Abels gewiß ewig, (wenigstens so lange, als eine traurige Barbarei-Revolution uns Sprache und Dichtkunst und Geschmack nicht umstürzt) eine süße Leciüre aller Herzen, die wie Minna sühlen, und eine, wie bildende Lcctüre unsrer Kindheit und Jugend bleiben!" ,,Darf ich indessen, m. Freundin, auch etwas an Ihren Dichter, und an die, wenn ich so sagen darf, männlichere Seite, an die Charakterzeichnung seines Gedichts kommen, die nicht blos Situation, Farbe, Sprache der Empfindung u. fi w. sondern Haltung des Ganzen seyn soll? Ob ec da die That seines Gedichtes, den Brudermord, hat zu veranlassen vermocht? ob die Ursachen dazu tief aus - und in der menschlichen Seele gezeichnet sind? ob der Charakter Kains ein Charakter sey, und die Situation der Seinigcn zu ihm und er zu den Seinigen Grundanlage dieses Stücks seyn sollte? ob der Dichter die Erzählung seiner Urkunde ganz und in allen Stücken genützt?-Doch was frage und grüble ich? Jeder giebt das, was Ec nach seinem Lieb- lingözuge des Genie geben mag: was er stehet, 26 r des Menschengeschlechts. am liebsten stehet und fühlet. Wer wird von der licbcgirrenden Taube oder von der schmachtenden Nachtigall den Aufschwung des Adlers oder den Flötengcsang der Lerche begehren? Und Sie wissen es zu gut, daß ich, liebe Minna, nur keine Stirn» me des Genie im Augenblicke des Genusses durch Kritik verderbe. Ohne Zweifel wird Abels Tod noch einmal einen zwcitcn Dichter wecken, der" — „Und, o daß mein Wunsch erfüllt würde, daß dieser zweite Dichter (etwa der Sänger Pygmalions oder der Ariadne) ihn auch noch musikalisch beweinte! Ich kenne fast kein Stück, wo alle Empfindungen des menschlichen Herzens, von der sanftesten Unschuldfreude bis zur wüthend» sten Verzweiflung, vom schrecklichsten Schauder bis zur zartesten Traucrthrane der Tonkunst solche Fülle darböten! und Alles, schon der Geschieh» te nach, sich so sanft weckte und hübe und in einander verflösse, und, Himmel! wie mannichfalt sich nüancirte und kämpfte, und im Ganzen ein Interesse für die Menschheit gäbe — und o wen» alsdann Freundin Minna die Saiten der sanften, rührenden Empfindung mit Ihrer Stimme und Tonart des Herzens belebte!" (Zn einem folgenden Brief an AgaLhokles über eben diese Geschichte:) — „Ich getraue mich zu behaupten, daß man sogar diese leichte Erzählung, in ihrem kindlichen naiven Multertvn, in ihrem fast romanzenhaften 362 Zusätze zu der ältesten Urkunde natürlichen Fortschritte — nach allem Wesentlichen — nicht verstanden! Nach allem Wesentlichen nicht verstanden ! ich schreibe die Worte nochmals hin und will sie beweisen. Alles, was dasteht und nicht dasteht, hat man zu erklären gewußt; wie Abels Lamm und wie weit betrügerischer Kains Feldopfer ausgcsehen? Woran es Kain habe merken können, daß Gott sein Dpfer nicht angenommen? wer den Leuten zu opfern befohlen ? wie sie geopfert? was Kain mit Abel auf dem Felde gesprochen? mit wie vielen Schlägen er ihn erschlagen? und insonderheit! insonderheit! jenes Zeichen Kains? den ncbenanlaufendcn Doggenhund ! die schrecklich-glänzende Stirne! den sonderbaren Accent der Sprache, der Vieh und Menschen von ihm getrieben? — Leute, die alle das und noch zehnmal mehr gewußt haben, die? — haben nie recht die Veranlassung des Todschlages sehen können! die, da sie die Worte Gottes, die diese Veranlassung sagen, übersahen, sich vielleicht den ganzen Geist, Sinn, Endzweck der Erzählung haben entgehen lassen!" „Ich habe schon Ihrer Minna darauf Winke gegeben, wie ungewiß die Dichter über diese Geschichte meistens die wahre Triebfeder derselben haben bearbeiten müssen — und warum? weil die Nichtdichter, die Erklärer, sie nicht bearbeitet, und auf sie, so offenbar sie dastehe, kein Auge gewandt haben. Sagen Sie einmal, männlicher Freund, ist Kain bei Gcßner nicht wirklich mehr Träumer als Thater? nicht mehr,- und zwar auf die des Menschengeschlechts. 363 unangenehmste bitterste Weise bcklagenswerth, als lasterhaft? daß er ernsthaft ist, daß er das Freudesingen und Weinen und Umarmen und Händedrücken und zärtliche Wimmern, seiner schwarzblü- tigen Natur wegen, nicht mitmachen kann: kann der arme Kain, kann er, troz aller guten Varer- vermahnungen, im Grunde noch immer dafür? Und wenn nun dieser Kain außer seiner unwilligen und unwillkürlichen Sinnesschwarze noch so vieles männliche Gute hat, gegen seine Mchala, seine Kinder, die Krankheit seines Vaters noch immer so fühlbar, sich selbst über seine Blutmischung so fühlbar beklagt, seine Reue über kleine Vergehungen so unschämcnd bezeugt—so gern anders seyn mochte! — und nun ist die Stärke seines Feindes so groß, daß sie ihm selbst im Schlafe keine Rübe lässet — und nun kommen tausend recht herbei maschinirte Zufälle, die diesem Feinde hundertfache neue Stärke geben müssen — und nun kommt noch gar ein wölbender, schwarzer, dämonischer Traum! eine übertäubende höllische Phrenesic! seine Hand sinkt! sein Bruder fällt — und auf einmal fällt alle Reue, alle übcrtäubtc Bruderliebe, alles menschliche Gefühl um desto dringender an sein Herz — Sagen Sie mir, Agathokles, kann eine bittrere, melancholischere, unwilligere Thräne je geweint werden, als die über solche Effektua- tion? daß es Menschen, Sinnesarten, Temperamente gebe, so unglücklich, so unwiderstehlich gleichsam zum Fluch, zum Abscheu der Natur ausgezeichnet und zugebildct — lassen Sie mich nicht ausschrei- bcn! Alle übertriebene Empfindungen und über- 364 3 uf. zu der ältest. Urk. des Menschengeschlechts. treibende Empfindsame auf der Einen Seite, lassen Sie der andern Seite etwas anders, als solche verzweifelte, abscheuliche, harte Ungeheuer zu? Schwache Abgötter jener wächsernen Engclidole, und die ungerechtesten Menschenfeinde zugleich!" — II. Fragment. Ueber die Geschichte der Nachkommen Kains.*) „Ihnen, Eusebius, soll die Entwicklung und Absicht der Geschichte zukommen, aber — erschrecken Sie nicht — sie ist nichts mehr und minder alseine G e sch le ch ts u rku n d c von derTren» nung und dem ewigen Hasse der beiden Hauptvölker Orients, der Beduinen und Kabylcn. Ich werde Ihnen ein Ketzer oder ich muß mich erklären." *) Ebenfalls um 1772 geschrieben. Der Verfasser hat diese Abhandlung nicht in die alt. Urk. ausgenommen; später aber in den Ideen zur Philos. der Geschichte der Menschheit, Th. H, X Buch, 7 Kap. das Resultat kurz angezeigt. — Es fragt sich doch: wie kömmt man auf einmal von der Höhe Asiens, dem wahrscheinlichen Schauplatz der vorigen Geschichten, in die Wüsten Arabiens und Asrika's herunter? Zudem starben ja nach Moses Nachrichten alle Kabylen in der Noachi- schen Fluth? . . . Diese und andre Fragen lassen sich gegen des Berf. Meinung machen; doch 366 Zusätze zu der ältesten Urkunde „Kabylen sind die alten Geschlechter des Ackerbaues im Morgenlande. Sie wohnen auf Bergen, haben ihre alten Sitten und uralte Sprache — die Einzigen, die das Wenige von Künsten und Handarbeiten erhalten, was in dem Lande und in dem Zustande noch ist: haben ihre Daskrah's, ihre Leimhütten und Leimstattcn, und unter allen diesen Titeln, als Ackerleute und Bergbewohner, als Künstler und Skädtcmenschen, kurz als Kaby- len werden sie von dem andern Urstamme ihrer Brüder, den Beduinen, als ein Fluchvolk, gehastet und verachtet." „Die Beduinen (ich berühre natürlich nur die Seite, die hier anstreift) dünken sich ein edleres, freieres, gottgefälligeres Volk; leben von der Viehweide, unter Zelten, ziehen umher, und hassen, wie gesagt, nichts so sehr, als Städte, Häuser , Künste, Ackerbau, Kabylen." „Der Kontrast ist sonderbar: und sehen Sie, die Kabylen sind nach der Sprache unsrer Erzählung schon gleichsam Zug für Zug gemnhlet. Söhne des Ackermanns Kain, des ersten Städters, Hanoch, Einwohner des Landes Nod, der traurigen Gebürgt, Künstler und Handwerker, ein Geschlecht, das Ja- bals, Jubals und Thubalkains unter sich gehabt hat; die einzigen Besitzer von Landeigenthum, Kainilen also; und bei alle dem von wollte ich dieses Fragment der weitern Prüfung nicht vorenthalten. (Anm, des Herausg.) des Menschengeschlechts. 367 den andern so gehaßt, verachtet; ewige Feindschaft, als ob ein uralter ewiger Brudermord zwischen ihren Geschlechtern obwaltete" — „Und doch gleichsam gebürgt, verwahrt, heilig verbannet, unverletzbar. Kein Bc- duin plündert sie, oder führt mit ihnen Kriege. In Armulh und Dürftigkeit und Hunger, wenn seine Hütte, wie er sagt, nothleidct, wenn ihm kein Reisender, den er plündern kann, begegnet — die Hütten der Gebürge sind gleichsam als Bann, heilig — alles das ist so sonderbar!" „Und kurz, Kain heißt heut zu Tage im ganzen Morgenlands Kabyl; Kabp- le n sind also auch der alten ewigen Benennung nach, nichts als Kaini t e n."*) „Tiefer also in die Sitten des Orients. Was könnte die Ursache seyn, daß zwischen zwei so sonderbaren, alten Geschlechter: ein so sonderbarer heiliger Haß, der doch nicht Eigennutz, nicht Grenz- streitigkeit, nicht Raubbegicrde ist, obwaltet? Was ist in der Seele des freien edlen Arabers noch für eine andre Triebfeder zu solchem Haß, um welchen sich doch alle Ideen seiner Ehre und Lebensart umwenden, zu finden? Nach aller Aehnlichkeit der morgenlandischcn Sitte, Denkart, Ehre, Geschlcch- terfeindschaflen im Kleinen keine andre als Haß der Vater, ungcrachtes, unschuldigvecgossenes Blut — ) Man s. Herbelot 8. Cabil. und von den Kabylen in Nordafrika Shaw Reisen, S. rgZ und H. Bruns Erdbeschr. von Afrika VI. olch. (A. d. H.) Blutbann! Alle Reilebeschreibungen sind davon voll, wie tief die Blutrache in ihrer Seele sey, wie ewig ihnen Tod des Baters, des Urahnen vorschwebe. Der Sohn, der den ungerächten Tod seines Vaters hörte, verbannet sich freiwillig vom Hause der Seinigen, wird Fremdling, Abeniheurcr, suchet den Morden. Suchen und achten, rachen, sind ihnen auch Gleichwörler: Vaterblut klebt an ihm, was er abspülen, die höchste Beleidigung der Ehre seines Geschlechts, die er, sollt' es auch mit List, Meuchelmord, Betrug seyn, rachen muß. Eusebius, Sie wissen, wie viel blutige Spuren dieser Rachsucht in unfern hebräischen Büchern sind, wie viel Mühe sich MvseS gegeben, mit seinen Freistätten diese wüthende Flamme zu mildern. Palämon wird Ihnen sagen, wie die Gedichte der Araber diesen Blutgeist hauchen — Er, und was sonst das stolze Ahncngcfühl der Morgenländer für Beleidigung an seinem Stamme erkenne — das ist und nichts anders der Funke ihrer ewigen Feindschaften." „Und hier halten sich doch diese Feindschaften so sonderbar in der Scheide. Die Kabylcn verflucht und-geschont: gehaßt und gleichsam gehcgct. Die Beduinen arm und so stolz, in der Ebene und doch vor den Dergwohnern so geschützet." — „Und nun ihre Lebensart, gleichsam abgeschiedene Welt von Geschäften, Neigungen, Ehre, Begierden — Eusebius, wenn Sie je solche genealogische Urkunden, Dakcrerzahlungen, Geschlechts-und Stammes-Romanzen gehört haben — (Sie wissen es zu gut, daß dieser Name nur durch Mißbrauch etwas Mährchenhaftes in sich schließet) — aber unter allen tausend Familiennachrichten, davon jeder Stamm der Morgenlander voll ist, kann Eine erklärender, natürlicher, vollständiger seyn als Liese?" „Nun bekommt alles Zweck, Verbindung, Leben. Kain, Kabyl, der erste Ackermann, der erste Kabyle. Ein Opfer ist die Ursache der Fehds zwischen den Brüdern. Den» was ist bei den Morgenländern, zumal in diesen Zeiten, für ein un-> sprünglicher Ehrcnintcresse? für näheres Anliegen? für größere Haus - Stamm - und Familienbeschimpf- t'.ng also, als diese, des Erstgebornen? Wie vorzüglich prangen die andern nachher mit dem Namen , Sohne Gottes! — und diese, Verflossene! da zündet der Funke des Familiengrolls! Da fließt das Blut, das noch unentsündigt ist! da sind sie noch im Lande des Fluchs, der Wüste, des Elends! ackern, bauen die Erde mit dem Unsegen des ersten Vaters! — Aber Gott hat ihn in Bann genommen! Sie sind heilig — er hat ihnen Freistätte und Gebirge gegeben-Eusebius, ist nun noch das Zeichen Kains unerklärt?'Was heißt auch im Morgenländischen das Wort mit alle seinem Abstamme anders, als „versiegeln, bezeichnen, ein» schließen, bergen," und was kann diese Kabplcn besser bezeichnen?" „Wir haben in unsrer Sprache zwo Etymologien, die die ganze Nachbarschaft der Hauptbcgriffe dieser Geschichte, wunderbar familienmäßig zusam- HerderS Werke r. Rel.u. Thevl. Vl» A a 3'o Zusätze zu Lee ältesten Urkund menbannen— es ist Burg und Bonn. Auch bei uns muß Berg, Gebürge die Väter unsrer Sprache ge berget, verborgen, geborgen haben — die Sache ist natürlich, und wie konnte man also auch Hanochs Stadt, die erste leimerne K a b y l e n-D a sk r a b besser als Burg nennen? In sie und ihre Gegend ward Kain und seine Familie gleichsam v erbürget. Diese Abstammung, sage ich, ist natürlich. Aber daß bei einer andern Bann in den Wurzeln der Sprache zugleich Mord, Höhe des Berges, Zeichen lBannicr) und wieder zugleich Hausherr, E i g e n t h ü m e r (II us- Kanä,) also Kain, und nach den Dialekten der cimbrischcn und keltischen Glossarien Kan, Fan u. si w. heißt; und dann das Wort bannen so entgegengesetzte Bedeutungen, von heiligen und verbannen, hegen und verfluche» hat — Eusebius, ich mache daraus nichts, was würden aber die Bophorne, Ihre u. a. in Gegenhaltnng dieser Geschichte daraus mache»? Ware sie nicht also nach ihren Grundstrichen für uns anders übersetzbar als sie ist?." „Die Lebensumstände, Geschäfte und Bedürfnisse der Kabylen sind in unsrer Urkunde schön ge- mahlt. Kain, der erste Kabyle, bauet die erste Daskra'h nach seines Sohns Namen, macht nach eben diesem Namen also die erste Skadtein- richtung, gleichsam die ersten Bürger seiner Burg. Da gabs bald im nähern Zusammenhalt der Familien auch mehr Muße, mehr Köpfe, mehr Erfinder: vorzüglich ward darinn ein Haus berühmt, Lamechö. Aus seiner Doppelehe, die des Menschengeschlechts. 27c damals aus dem Zusammendrange der Menschen einstand, entsprang ein Tonkünsiler, auch (unter de» Kabylen) ein Hirte, ein Hürden - und Zelren- wohnec, und vorzüglich jener berühmte Patron der Handwerke, Thubalkain. Da sprach nun Lamech zu seinen Weibern u s. w." *) — „Wie sehr ists im T 0 n des Morgenlandes, das Gedicht, von allen Seiten! Aufs Schwert!! wie rühmen sich dessen die Streitbaren dorr, die Söhne des Schwerts ? **) Wie nennen, wie lobsingen sie's! — Und auf seine Erfindung! Wie natürlich, diese in solch Spruch- ob zu verfassen, Erfinder und Erfindung zu verewigen! — Und hier die geflüchteten Kabylen — es war, morgenländisch zu reden, das letzte Zeichen ihrer Sicherheit und Verwahrung. Wie gelegen also wird die Geschichte Kains herbeiqeführr! und wie gut schließt sich die Familienurkunde der Kabylen mit diesem Gegen- Kain, mit diesem Tubal.. Er iss die letzte Mauer ihrer Sicherheit! Das Schwert, aus ihrem Bergen gegraben, ihr hundertfaches Sicherheitszeichen — Kurz, hier iss das Liedchen, das die Geschichte der Kabylen beschließet: Hier folgt die Erklärung des Liedes. S. im Lexc. Die Araber haben ein ganzes Buch von Namen des Schwertes. S. Herbelot, §. Saif. A a 2 372 Zusätze zu der ältesten Urkunde L a m e c h s Lobgesang aufs erste Schwert» „Ihr Weiber Lamcchs, höret an Was mein Gesang euch singt! Seht diesen Blitzstrahl! — und den Mann Der diesen Blitzstrahl schwingt! Nun komme Held und Jüngling kühn! Ein Greis, von schwacher Hand Im ersten Tritte fäll' ich ihn Dahin aufs blur'ge Land. Ward Water Kai» siebenmal In seiner Burg verbürgt — Dies Schwert! — es rächt uns siebzigmal. Das unsre Feinde würgt!" Nachschrift an Minna. „Und nun, meine liebe Minna, wenn Ihnen meine Freunde Resultat aus meinen Briefen dar- gelegt: was dünkt Ihnen, als Obcrrichterin, von der Geschichte? Sie sind keine Alterthumskundige. Sie können sich nicht mit einer Freude Palämons darüber freuen, wie genau hier der Ursprung, die Sitte und Lebensart zwei der ältesten, sonderbarsten Völker im Orient bestimmt ist? Wie tief nach jedem Zuge im Geist der Morgenländer? Sie gehen Kahylen und Beduinen nicht mehr als eine geographische Sache, als zwei Flecken auf dem Erd- des Menschengeschlechts. 373 Hoden an — Kur; die wahre Urkundenfrcude (wenn ich so sagen darf) ist für Sie nicht. Ader dem ohngeachtet, m. Fr., in Bibel und alter Geschichte wird Ihnen nun das Stück nicht anders?" ,,Jn welchem dämmernden feierlichen Zusammenhänge las mans sonst, ich weiß nicht, in welchem Lauf von allgemeiner Weltgeschichte! Kain und Hanoch, der erste Polygam und seine Söhne — Mann für Mann stellte man sie in einen hochansehnlichcn Leichenconduct, der auch in unsrer Weltgeschichte chaher zieht — und doch weiß niemand recht, was dieser ansehnliche Leichenconduct denn bedeuten solle? Der Eine ein Brudermörder, der andre ein Schmid, der dritte ein Pfeifer, der vierte, der gar zuerst (herrliche kopfbrechende Erfindung fürs menschliche Geschlecht!) der zuerst zwei Weiber genommen: das geht nun Alles so hinter einander her — wozu so? wozu die? da gab man ihnen, meine Minna, entweder ich weis nicht, welch falsches feierliches Licht und Interesse auf die ganze Menschheit: oder man ergriff den lehrrcichen- erbaulichen Mutterten, und so feierlich - oder erbaulich - historisch paradicen jetzt Kain und Lhubal- kain, Lamcch und seine zwei Weiber, sein Liedchen an sie nicht zu vergessen, in unsrer (nun muß ich recht groß schreiben) allgemeinen Weltgeschichte. Da kommen denn die Voltaire'S drüber her — sehen das Mahrchenhafte, und das herrliche Weltgeschichten-Licht, in dem solches Mahrchenhafte erscheint, und lachen! und spotten! — Kann man's ihnen verdenken? Haben sie nicht viel- 374 Zusätze zu der ul testen Urkunde mehr hier, so wenig nun freilich die Voltaires Richter über morgenlandische Urkunden scpn können — Huben sie hier nicht Recht? Thun S>e einen Blick, m. Fr., z. B. in Bossuet selbst, diesen berühmten Prediger der Uni o erfolge schichte — was Hot der gute Monn nicht von Ko in und Abel zu erzählen? in welch starkes Licht tritt bei ihm ein solches Gefchichlchen, — in einem Ge- möhlde, wo Länder, Völker, Nokionen, Jahrkou- sende überzeugen sind, für die er nicht Noum batte Und unsre andre Kompilationen von WeUbi- storie — und dann der Riß, den man uns von dem Allem in der ersten Jugend vorlegt — cs ist lächerlich, l. M., nur zu denken, daß ein Men- schcnvolk, wie wir, Universalgeschichte seines Geschlechts und seiner Welt haben soll? — ober doch; wie das Ding jetzt aussicht, ists doch gar zu erbärmlich." „Mich dünkt, was voraus ein feierlich Mut- termahrchen mit dem schwebenden Gewirre von Schottenzügen war, wird in meinem Gesichtspunkt dos bestimmteste, geendetsie, vollste Gcmahlde. Zug für Zug erklärt! Bei Zug für Zug die Ur- soche und dos Interessante,' worum er dasteht? worum er in dem Lichte stebl? Kurz, die rundeste Urkunde vom Ursprunge, Lebensart, Nothdürften und Erfindungen der Kalb y len, und offenbar ist Alles dahin erzählt." „Statt alles feierlichen Kommentars also, in dem man das Gemählde nichts, als zerstreuet, rüku ken Sie seine Züge zusammen! nehmen das Ganze, des Menschengeschlechts, 3-5 Vollendete, die Absicht des Stücks ins Auge, nun laS Eemahlde jenes noch (ohne Zweifel noch den Veränderungen so vieler Jahrhunderten sehr veränderten) und doch noch immer so crisiirenden Volkes reden - oder gleichsam dahinter durchscheinend an — was für leichten faßlichen Sinn haben Ihre kleinen Lehrlinge? Was für bestimmten Umriß be- knnmls in der ältesten Geschickte? Es hat aufge- hirt ein feierliches Bibel - Kapitel zu seyn , das mrn als Mahrchen las, und wird die rundeste, für die Morgenländer wirklich wichtige und schöne Urkunde eines Urstammes der Erde. Ich bin vielleicht zu eingenomm-n, meine liebe Minna; aber das Ganze, der Umriß, in dem ich das Alles erzählt erblicke, nähert die kleine Geschichte mir fast einem wirklichen allegorischen Ideal. Der Besitzthümer und die erste Stadt, im siebenten Geschlechtliede die Erfindungen und Einrichtun- , gen, das Antwortende der letzten siebenzigfachen Schwertverbürgunq mit der ersten Kainsverbür- gnng, das ist Alles so an seiner Stelle, wie es ein morgenlandischer, dichterischer Montesquieu oder Goguei nur angeben könnte, der die Ideen des ersten Eigenthums und Städttlebens verfolgte." III. Ueber das Geschlechrregister der Sethiten.*) An Palämon, Eusebius, Agathoklcs. ^ „Sie sind alle zu wissen begierig, meine Freunde, was ich nun aus dem darauf folgenden trocknen Eeschlechksregister machen, oder wie sich Eusebius ausdrückt, dichten werde: ich werde aber, der lieben Veränderung wegen, hier weniger dichten, mahlen, auszcichncn; auch nicht, was vielleicht Palamon erwartet, zahlen, Weltgeschichte berechnen , sondern — eine eben so wichtige Sache! — zweifeln, fragen, mitunter aber, hoffe ich, doch auch, erklären." i. „Da Seth in des vcrschwundnen, betrauerten Abels Stelle gesetzt wurde (im morgenlandischcn Namenspicle) so trat auch natürlich seine Nachkommenschaft irt die Lebensart des *) Um die gleiche Zeit, wie das vorige Fragment, verfaßt. Zus. zu der ältest. Urk. des Menschengeschlechts. 377 Abgegangnen: dies ist allgemeine Vatersitte des Orients. Mithin sekien wir auf einmal, daß cs nicht Kopfblvde, Naturstiesmutkerschaft dieses Geschlechts war, daß es nicht Erfinder hervorbrachte: sondern — Lebensart wars, Welt, Bedürfnis. Wir rhun nichts, als durch Nothwendigkeit, innere und äußere Gesetze der Schwere gedrungen: so wirkt der Körper, so erfindet die Seele — und wie wenig brauchen also die mvrgenlandischen Hir- tcngeschlcchter zu erfinden? Sie bedürfen wenig, ihnen wäre der erfundne Uebcrfluß auf ihrer ewigen Wandcr- und Pilgrimschaft beschwerlich! — Sie sind also fast noch jetzt nach Jahrtausenden im einfachsten Stande der Natur. Wenn es da also was Merkwürdiges des Stammes, Mcmoire's zu Urkunden giebt: so ists — was anders? — Namen der Vater! Register des Geschlechts, und solch ein Stück haben wir hier." 2. ,,Nun mag Palamon meine Stelle vertreten : „wie viel sich die Morgenländer aus solchen „Geschlechtregistern machen: wie nett sie sie verfassen! wie sorgfältig aufbchaltcn! eine solche Urkunde, was es für eine Ehre des Stammes ist! wie „stark das natürlichste Band noch zwischen ihnen „ziehet und wirket" „„Adam war ein Vater Seths ! „Seth ein Sohn Adams!"" daß jeder über diesem „Verhältnisse lieber seinen eignen Namen vergäße." Alle diese Erläuterungen setzen unser Stück in ein ungleich würdiger Licht, als in dem cs der blose Namen - und Kapitellcser, oder auch der blose Zeit- rcchncr erblicket. Es wird die interessanteste Urkunde fürs ganze Geschlecht, Stammbaum ihrcr A'3 Zusätze zu der ältesten Urkunde Väter vom Urmann Adam zum Vakcr eines neuen Zeitalters, Noah. Sehen Sie also auch daher die würdige Anhebung des Geschlechts nach Gottes Bilde! Es ist gleichsam das AnfangSbüd, der glanzende, ausgcmahlre erste Buchstabe des ganzen Geschlcchtsbriefes. Und da nun Seth nach eben dem Vateran bilde hinunicrstammce: mit Einmal tritt die ganze Reihe Abkömmlinge in das Licht welches schönen, herrlichen, amtlichen Ursprungs." „Eusebius, vielleicht dünkt Ihnen hier diese Erklärung vom Wilde Gottes und Bilde Adams auch Dichtung: bedenken Sie aber, daß ein morgenlandisches Geschlechtregister nicht nach einem dogmatischen Locus mit künstlichen Gegcn- und Spitzsätzen könne erklärt werden. Lassen Sie sich hier blos ein Pergament von Stammesurkunde vorlegen : statt Mahlcrey und goldncr Buckeln prangts mit Einem großen Titel des Urvaters: sein Abkömmling, der eigentliche Stammhalter dieses Zweiges, für den die Urkunde gilt, muß also an diesem Titel Theil nehmen; wenn Adam Bild GotteS ist, wird Seth ein Bild dieses Urbildes — das ist so offenbar! und eine Kopshängerci hier über vcrlohrnes Bild Gottes! und Seth, Bild Adams, statt Gottes! so elend — Wie? wenn in einem Liede Ossi ans, des Sohns Fingal, eine Geschlechtsthal seines Stammes gepriesen, Urvater Trenmor also in ein herrliches Licht gesetzt, und sein Sohn Fingal, der Vater des Stammes, als Bild Trcnmors erschiene? — Welches Auge könnte Verachtungs - Klagc- Schimpsnamen sehen?" ' des Menschengeschlechts. 879 „Nun bedenke man überhaupt den Geschmack der Morgenländer an große Namen, zumal in Stammberrlichkeit, Ursprung der Vater! man cr- innre sich ibrer Neigung, dieses Lob so gern in Strahlen, Bild 'Gottes! Sohn Gottes! Wonne des Himmels! zu mahlen: man betrachte nur überhaupt den Anfang Eines ihrer Briefe, Urkunden — wie edel und einfältig wird hier der kurze Name des Ruhms! wie einfältig die Art, wie Vater Setb, der Hauptmann dieser Urkunde, daran Theil nimmt — Eusebius, lassen Sie meine Auslegung für Erläuterung gelten?" 3 . „Als Geschlechtsregister ist also nichts zu sagen; aber als Z e i t r e g i st e r? Hier erbeben sich Fragen und Zweifel. Das lange Leben der Pa-.riarchen, die Lange ihres Jahrs, die Verschiedenheit der drei gleichsam Haupkbibeln in Berechnung und Abtheilung ihrer Jahre — Sie wissen, m. Fr. , wie viel über alle das gesagt, gestritten, gerechtfertigt und gemurbmaaßet worden. So vielfach gezählt, überzahlt, gerechnet und überrechnet; daß man Nichts, nur eben die kleine Hauptfrage, unerortert gelassen: wie denn selbst diese Leute, die Patriarchen, haben zahlen, die Tage der Welt und ihrer Jahre denn gleich von Anbeginn haben zählen können? Die kleine Hauptfrage ist übergangen oder unbefriedigt." „Sie wissen, m Fr., waS es für ein mühsames Werk, die Zeitrechnung sey? im eigentlichsten Verstände selbst nur ein Kind und zwar 38c, Zusätze zu der ältesten Urkunde ein spätes, nicht im ersten Alter, der Jugend- Hitze, sondern nach langen Erfahrungen, im Schnee .der Vernunft gleichsam erzeugtes Kind der Zeit. Wie viel gehört zur -Abstraktion einer Zahlenreihe? wie noch mehr zu Bemerkung der Monate, Jahreszeiten und Jahre nach solcher, wie der kommenden Tagcreihe! Wie viel Erfahrung, Betrachtung, Rücksicht, Gedächtniß, Vergleichung, Ruhe, Ordnung der Gedanken, der Gesellschaft, des Lebens, gehöret dazu? Und wenn man keinen Zeitrechnec des Himmels, keinen Kalender in den Wolken an- nchmen will, wie viel Tage, Monate, Jahre mußten sich in das Meer der Vergessenheit gestürzt haben, wie viel Sonnen und Monde mußten unberechnet untcrgegangen seyn, ehe man wicderkem- mend sic anmerken, sie berechnen lernte — wie ist also ohne Wunder und Zeichen eine Chronologie Adams, vielleicht auch seiner ersten Söhne möglich?" „Es scheint im Anfänge wunderbar, wie so viele Völker des Erdbodens, die in andern Stücken schon so weit in Cultur und Gedankenreihe gekommen sind , in der Zahlen - und Größenreihc doch so sehr haben Zurückbleiben können? und bei näherer Ansicht wird doch nichts natürlicher. Zu allem was Calcul ist, gehören schon so ruhige, feine, bleibende, wiederkommcnde, vergleichende, ein Ganzes ersinnende Operationen des Geistes: die Seele muß schon so fortgebildet, der äußere Zustand der Gesellschaft schon so geordnet seyn, um dergleichen Calenderspekularionen, so nöthig sie sind, Raum, Muße, Element, Antrieb, Glück zu geben — daß ich mir nichts so sehr erklären kann, als daß Völ- -EWMWWWL^ des Menschengeschlechts. 381 ker über hohe Zahlsummen, Jahrreihen, Zeitrechnungen ihrer Vorfahren in Mangel, in Verlegenheit, in Widersprüchen, oder in offenbaren übertriebnen Fabeläonen sind. Sie sind alle gewisser- maaßen so auf der ganzen Erde. Der Wilde und Naturmensch lernt fast nichts so spat, als abstrahi- ren und zählen: er muß die Zeit erst an der Zeit und mit der Zeit lernen, und vom Anfänge her verliert sich doch alles in einen tiefen Abgrund, in Geschlecht register und Fabelreihen, die kein Ende haben." „Hier wieder, m. Fr., weiß ich nun bei unsrer Urkunde (wenn ich menschlich erklären soll) nichts, als daß der Stamm, die Lebensart, bei der sonach die erste Zeitrechnung aufgekommen ist, von außen alle Vorthcile und gleichsam Prädestinationen hat, Zeitrechnung zu begünstigen. Das Klima, der siebenmal heitrere Himmel, die glanzenden, blinkenden Sterne, der Hang der Morgenländer hinaufwarts, die Anschauung des Himmels, die sie gleichsam in allem leitete, und ihnen die Gestirne zu so feierlichen Wesen machte; ihr ruhiges Schäferlcben, Schlaf und Wachen unter freiem Himmel, ihre immer reisende Wallfahrt, die auf die Veränderungen der Sterne merken mußte — doch wie schwer und trüglich ists, Erfindungen nachzuspüren, wo Ein Zufall, Ein großer Kopf, Eine glückliche Reihe von Gedanken, auf die er gcräth, in Augenblicken, in Stunden, in Tagen mehr thut, als die spätere, lästige Spekulation ihm, Jahrhunderte zugestanden, nachgrü- belte. Überhaupt find Fakta schwer «der gar nicht 3Ü2 Zusätze zu der ältesten Urkunde durch Brrathschlagungen s priori zu bestimmen: die Welt der Zufälle, der Würfe, der Veranlassungen , der Gedanken ist ein großer Loostopf, wer kann seine Fälle berechnen ? und wer gar diesen oder jenen Fall mit prophetischer Gewißheit weis- sagen?" „Indessen, m. Fr., dünkt mich hier meine gegebne Erklärung der SabbathSurkunde uns sehr auf den Weg zu bringen. Ist diese denn doch nichts als Wochenbild von Sieben! nichts als erste simpelste Zeitrechnung der Tage: nahm also der Geist ihrer Water, ibrer Bildner schon so frühe diese» Weg, daß eine Regel der Zciccrdnung gleichsam der erste Schritt zur Cultur wurde, von dem wir wissen — diesen ersten Schritt gekhan, und die ganze weitere Bahn lag frei vor! Woche eingerichtet , Tage zu sieben aufgezablt — und die geradeste Richtung war genommen, auch Monate, Jahrszeiten, Jahre zu zahlen. denn was ist überhaupt schwerer als erste Richtung? Alle Erfindung beruhet nur auf dem ersten Gcdankenwurf; ist dex da, so ist alles übrige nur Fortleitung, PoriSma der Anwendung.-Eusebius, ob nun hier mein erster Wochenkalender nicht sehr erläutert? Und weiterhin in den Abgrund der Zeit schen zu wollen, auszurcchnen, wie viel Zeit dazu gebärt hat, zum erstenmale die Zeit zu berechnen, halte ich — für Zeitverderb. Wer kann in den Abgrund sehen? wer, che gerechnet wurde, rechnen?" g. „Aber, werden Sie vielleicht sagen, nun eine Sammlung dieser Rechnungen ? Woher kommt .EWMWWWW-''s^ .d e s Menschengeschlechts. 383 uns die Gewißheit, auf welche Weise solche angebliche Chronologie denn Jahrtausende fortgesetzt, wurde? Kur; woher öffentliche Autorität?" „Wie wäre es nun, m. Fr., wenn ich Ihnen eine authentische Nachricht geben könnte: wo? und auf welche Weise solche Zeitrechnung nach Lebensläufen gesammlct, aufbewahrt und also autorisirk ist?-Sie glauben, ich scherze oder träume: denn was waren uns außer diesen Urkunden für Urkunden übrig, die einander bewahren sollten? Es müßte also in dieser selbst stehen. — Und das ist eben die Sache. Natürlich fangt sich die Geschichte der Sethiten an, wo sich die Geschichte der Kannten endigte, — also vom 25. V- des vorigen Kapitels. Natürlich macht also die Geschichte der Sethiten so ein fortgehendes Ganze, als die Geschichte der Kainiten. — Und mehr brauche ich nicht. Der Zusammenhang lchrts offenbar. Adam bekommt statt Abels Serh, Seth den Enos, und nun „Um die Zeit fieng man an sich vor Jetzo v a h zu nennen!" Und nun unmittelbar darauf; dies ist also das Buch solcher Namennennungen von Adam her. - 7 — — Kann was offenbareres seyn?" — „Sic wissen, m. Fr., was man aus den Worten herausgebrochen hat: bald — soll man Gott jest Jehovah genannt! — bald sich nach dem Namen Gottes genannt —> bald etliche nach dem Namen Gottes genannt— bald den Namen Gottes zu predigen angefangen — bald ihn gar umgekehrt durch Abgötterei entweiht haben-so Zöch Zusätze zu der ältesten Urkunde hat man gedreht, gekünstelt, inkerpolirt —- und doch blieb Alles ohne Zusammenhang und Grund, einige Erklärungen offenbar dem Wortvcrsiande zuwider; andre wieder eine so frostige Kleinigkeit, daß ich noch nicht begreife, wie der so simple Erzähler ,,man sicng an!" habe davor setzen können? Als obs denn so ein großer Anfang, solche sonderbare Neuheit gewesen wäre, Gott oder etwa gar sich oder einzelne Leute bei einem neuen Namen zu nennen? Wie klein sticht das ganze Wisch Auslegungen gegen die recllern Anfänge und Erfindungen der Kanuten ab! die fiengcn an, die begannen etwas bcfsers!" „Ich hoffe, meine Erklärung ist von alle diesem das Gegcntheil. Sic ist dem Wortgebrauche am ursprünglichsten. „Nennen," Namen angcbcn, besonders in Versammlung, Gericht, (beide haben nachher selbst davon den Namen) nachher das Genannte, Ausgezeichnete wieder nennen, d. i. lesen, sammle» u. dgl. Die ganze Wortfamilie ist ihrem Ursprungssinne nach meiner Erklärung gleichsam geschaffen. Ich darf nichts deuten, nichts durch Interpolation hineinbringen. Es ist den Zeiten, dem Zwecke der Urkunde, dem Zusammenhänge so würdig, und dann, wenn ich dazu setzen darf, bekommen doch die Worte „man fieng an" etwas Sinn. Kurz, eS wird jetzt unter dem dritten Sohn Adams die Einrichtung gemacht, die Namen der Stammväter vor dem Herrn! anzugcben und also die erste Zeitrechnung zu sammlen." „Sie bemerken, meine Freunde, daß das jetzt eben des Menschengeschlechts. 385 eben die Zeit war, die man fast von selbst vcrmu- lhet hatte. Jetzt müssen die ersten Jahre und Lebensumstande von Adam und Seth gesammlet werden , oder sie gierigen verlohren; jetzt hatte man aber auch Reife genug, sie zu sammlen, und die künftige Angabe einzurichten. Die Rechnung bekommt dadurch Siegel des Ursprünglichen." 5. „Wie geschähe aber die Angabe?" Nach dem, wie wirs im Text haben, auf die leichteste Weise: nach der Succcssionsfolge der Patriarchen. Es scheint im Anfänge sonderbar, woher bis auf die Geburt eines Sohns gerechnet werde, als ob die solch eine unterscheidende Merkwürdigkeit im Leben des alten Knaben angienge, und man hat darüber, wie über Alles, sehr und sehr unnütz gespottet- Nach Art der Morgenlander gieng freilich für den Water eine neue Periode an, denn der Sohn (ich glaube, es war nicht immer der Erstgeborne) ward gleichsam sein Nachfolger, sein Statthalter vor dem Herrn, also nach ihm das Haupt seiner Familie. Alle übrigen wurden nicht gerechnet, und auch die Succcssion dieses mußte natürlich spater als »m Geburtsjahre ausgenommen werden, wenn gleich dieses angesetzt wurde. Auf solche Weise wurde die erste natürlichste Zeittafel, weil sonst bei der bloscn, Lebenslange die Jahre der Patriarchen in einander sielen und also keinen Faden gaben. Mich dünkt, eine einfachere Zeitangabe ist nicht möglich; allein eben daher entstunden auch spater die bekannten Varianten. Man sähe den Grund Heeders Werke r. Rel. u. Nicol. VI, B b 386 Zusätze zu der ältesten Urkunde dieser Angabe vielleicht nicht ein, und ändert, also aus dem Kopfe, oder — was weiß ich?" 6. „So, fragen Sie mich vermuthlich, wisse ich auch nicht, die Art der Aufzeichnung ?" Nein, und wer kann das wissen? „Auch nicht die Lange der Jahre?" Nein , und wer kann daö wissen? „Aber so wüßten wir ja das wahre Alter der Welt nicht?" Nein und das wissen wir auch so schon nicht wegen der vielen und starken Varianten» die Jahrhunderte stark von einander abgehen, — und was brauchen wirS auch zu wissen ? Chaldäer, Aegypter, Chinescr und Kamtschadalen Wissens eben so wenig." „So viel getraue ich mich dieser Urkunde an- zuschen, daß sie in späterer Zeit irgendwo von einem Denkmahl der Aufzeichnung (vor dem Herrn! zu Enos Zeit angefangen) muß genommen seyn: das zeigen alle Namen. Sie sind alle rückwärts aus der Zeikfolge, von hinten her genommen. N oah, der sein Geschlecht in der Sündfluth tröstete, und Methusalah, der kurz vor der Sündfluth starb, Hcnoch, der Betrachter (vermuthlich eine Erklärung dessen zugleich, daß er einsam mit Gott wandelte und Gott ihn frühe wegnahm u. s. w.) alle müssen entweder prophetische Namen gewesen seyn (welches anzunehmen selbst einen etwas prophetischen Geist erfoderte) oder sie müssen der Tradition und einem Denkmal rückwärts ausgenommen seyn. Und das ist der Analogie des Ganzen wohl das Gemäßeste. Die Zahlbuchstaben standen ohne Zweifel da: die Namenzeichen daneben: aus diesen des Menschengeschlechts. 287 ward später die Urkunde verfasset — und also die Namen des Gedächtnisses wegen, aus dem Erfolgs dem Charakter des Lebens 11. s. w. zu lebendigen Lebensbeschreibungen, zu hörbaren Emblemen der Zeitmerkwürdiqkeiten geschaffen — und so geht das vielleicht bis auf Seth zu." 7. „Aber so wird Alles so ungewiß ! " Meine Freunde, Alles gewisser! Indem ich eine Nachricht angebe, wann dies Zeitgeschlecht öffentlich ausgezeichnet zu werden angefangen : indem ich den Grund solcher Aufzeichnung muthmaßlich angcbe: und aus den Namen Spuren blicken lasse, daß unsre Urkunde aus solchem Monumente ohne Zweifel spater ausgenommen worden : so bekommt Alles den tiefsten Grund, den es haben kan», es wird historisches Faktum. Nun aber die Varianten zu vergleichen, zu ergrübcln, in welchen Charakteren die frühesten Zahlen bestanden ? wie lang ein Patriarchenjahr gewesen? u. s. w. mich dünkt, die Mühe ist undankbar, weil sie ganz grundlos ist; weil wir ja keinen Schlüße! der Berechnung, keinen Mittelsatz der Vergleichung, keine Fakta der Vergewisserung haben. Und wozu auch alle die Mühe nö-' rhig?" „Aber so wissen wir ja nicht das Alter der Welt!" Ich glaube, .wie gesagt, das selbst —allein aus dieser Urkunde dörfen wirs auch nicht wissen. Sie ist Geschlechtrcgister Eines Namens, keine Zeittafel für unsre Weltgeschichte. Zudem wüß« len wirs auch, wie gesagt, schon nicht aus ikr, wegen der Varianten — wer hat da Recht? He« , B b 2 383 Zusätze zu der ältesten Urkunde bräer oder Samaritaner? Die Siebcnzig oder Joseph? Und was brauchen wirs auch zu wissen?" „Aber so haben wir ja keinen chronologischen Anfang der Weltgeschichte?" Auch das glaube ich selbst, aber was dörfen wir ihn haben? Alle älteste Geschichte, wenn sic nützlich werden soll, muß als Philosophie und Dichtkunst , als eine Art von Mythologie studirt werden, oder sie ist die abscheulichste Sache von der Welt. Man lerne Sitten, Denkarten, Leidenschaften der Menschen in Zeiten kennen, wo sich Alles dies noch in freieren Schwun-, ge, in stärkerer Massen zeigte: man sehe ihren Handlungen, Gesetzen, Einrichtungen, Spielen des Geistes und Herzens als einer Kindheit der Welt zu, beobachte ihren Fortgang oder Rückfall; vergleiche Climate und Nationen u. s. w,: elend, wenn das nicht das schönste, lehrreichste Gemähldc, halb Philosophie, halb Dichtkunst gäbe. Aber mehr muß es auch nicht seyn wollen, sonst wirdS Antiquitätenkram; jenes elende Gewühl, was als Geschichte verkauft, das als Geschichte trauriges Ge- dächtnißwerk wird und — siehe cs ist Lüge!" „In der Zeit, da wahre, gewisse, für uns interessante Geschichte verkommt, wird auch gewiß Stab und Pfeiler genug seyn, die Geschichte chronologisch daran zu binden, und alsdann zieht ein jeder seinen Faden weiter. Der Grieche von Olympiaden, der Römer von Erbauung Roms, der Ehrist von der Geburt seines Religionsstifters — laß den Juden nach seinen Nationalsagen, nach dem Hebräischen, den Samariter nach seinem Tex- des Menschengeschlechts. 36g te rechnen — Alles das sind Verhältnisse, die im Neuern alle, im Alten und Aeltesten doch nimmer zusammentreffen, weil es da keinen festen Punkt der Milte giebt, und giebts den nicht, was brauchen wir der Mühe? was würde unsre Weltgeschichte für eine andre Gestalt haben, wenn sie nach diesem Plane eingerichtet wäre?"- IV. F r a g NI e 11 t, über Lebensart und langes Leben der Patriarchen. (Au alt. Urk. 4 k Th. 3 s B.) *) „Je weiter wir in Untersuchung der ältesten Geschichte kommen, desto mehr simpliflcirt sich das menschliche Geschlecht in allen seinen Sprossen zum Ursprünge von Einem. Mit jeder historischen Entdeckung der letzten Jahrhunderte nähert man sich immer mehr dem glücklichen Klima, wo Ein Mcnschenpaar, der zarte Keim des ganzen Geschlechts unter den mildesten Einflüssen aller erleichternden Umstande, Zufalle und Fügungen, die wir Präsiden;, mütterliche Vorsehung nennen wollen, auch in seinen ersten Regungen, Neigungen und Kräften, mit der Wahl und Vorsicht gebildet und erzogen wurde, die wir doch dem Schöpfer einer so ') Geschrieben 1773. Zus. zu der ältest. Urk. des Menschengeschlechts. A91, edlen Gattung Zutrauen müssen. Indessen aehts auch mit diesen ersten Entwicklungen wie mit allen Hervorbringungen der stillwirkenden Natur. Der Keim wird unsichtbar und erstirbt; der Embryon wird im Verborgnen gebildet, bis er schon ganz gebildet ans Licht tritt: und das menschliche Geschlecht wird auch, nach Maasgabe des ältesten Buchs seiner Ursprünge, auf diesen ersten Wegen seiner Bildung eine Hicroglrpbe, an der der blos philosophische Geist meistens stumm steht, oder stammlet und schwatzt, oder errothet. Es ist aber sehr natürlich, daß es allein „die simpelsten, stärksten menschlichen Neigungen seyn konnten, die die Providenz am frühesten, tiefsten, stärksten in den Stammvater» des ganzen Geschlechts für alle Welt und Nachwelt bildete." Und welches waren die, mrd konntenS seyn, als eben die Neigungen des Patriarchenlebens, „Vater- Gatten - und Kindesliebe! Furcht Gottes, häusliche Glückseligkeit, und der simpelste Zweck des Allen, langer, ruhiger, Genuß des Lebens!" „Wenn wir auch blos dem ermatteten Echo der weltlichen Geschichte folgen, so kommen wir überall mir den Ursprüngen jedes Volks- auf den simpeln Anfang solcher kleinen Gesellschaften, wa ein einzelner Wvlmer, Vater, Könige und Priester, auf seinem Erbe sichtbar wird, einen Erdstrich und eine Familie wie einen kleinen Staat um sich hat, lebet, regiert, geniesset und seinen Hausfrieden handhabet. Und wenn wir nun dies Bild erster väterlicher Glückseligkeit und Ordnung in sein wahres Land des Ursprunges, wo sich doch auch al- A92 Zusätze zu der ältesten Urkunde le weltliche Geschichte herzieht, nach Orient setzen, und die Neigungen betrachten, die da nun nach Klima, Bedürfnissen, Lebensart gebildet werden müssen: in welch ein Licht kommts! wo können die „zartesten, menschlichsten Neigungen" einen angemeßnern, schönern Garten erster Erziehung finden, als im Hirten leben des schönsten Klima, in der frommen, weisen, ruhigen Hütte des Patriarchen? Wo kam die freiwillige Natur den simpelsten Bedürfnissen eines werdenden Geschlechts mehr zu Hülfe? und erleichterte ihnen die Last des Lebens, um menschliche Neigungen und Kräfte, auszubilden? Wo räumte sie so sehr alle fremde Hindernisse weg, um eben die zartesten, uothwendigsten und edelsten auszubilden? Die ganze Natur war voll Kraft, voll Segen Gottes, voll Religion; aber wie? " und wo ward nach der weichen, zarten, fühlbaren Natur des Orients diese Scgenskraft inniger genossen, als im Bilde der Menschheit, im väterlichen Triebe, im Segen auf Sohn und Nachwelt! Und wo konnte dieser Segen, diese lange, stille, fortdauren- dc menschliche Glückseligkeit besser genossen und mehr gegründet werden, als im Hirtcnleben, unter den einfachen Bedürfnissen und Beschäftigungen, im Anblicke d e r Welt, der großen ruhigen Familie des Allvaters ! außer der sie noch keine Welt kannten. Und an welchen Zustand konnten mehr Anfänge zu andern Faden der Eultur geknüpft werden, als an diesen — häusliche Ordnung, Religion, die simpelsten Künste und Begriffe des EigcnthUms — es war die Milch, womit die Kindheit des mensch- des Menschengeschlechts. 3g3 lichen Geschlechts allein genährt, erquickt und erzogen werden konnte: „menschliche, väterliche, häusliche Patriarchenneigungen" die erste Bildung der Welt! „Man gehe noch gegenwärtig (zu so viel andern Neigungen das menschliche Geschlecht sich in so viel Jahrtausenden gebildet haben möge) die ganze Liste aller Neigungen durch: ordne sie an und untereinander: betrachte das Wahre, Unverfälschte, Nothwcndigc, und Schuldlose einer jeden, oder das Gegcntheil von alle dem: berechne ihren Betrag zur Glückseligkeit des einzelnen Menschen, und der größten Gesellschaften in ihren wesentlichsten Elementen — man wird allemal auf diese „Neigungen" als auf die Wurzel des ganzen Baums zurückkommen. Ermatten sie, so ist Alles ermattet : sind sie tief gegründet, voll Saft, Stärke und Leben, so wächst und grünt und blüht der Baum Jahrhunderte fort." „Hier finde ich also auch' in einem wunderbaren Umstande, den die Tradition erzählet, und über den wir nur zu leidig spotten, einen wie sorgenden, väterlichen Gedanken Gottes — ich meync, das lange Lebensalter dieser Urvater aller Neigungen und Bildung. Wir laufen jetzt nur durch die Welt her und uns gleichsam nur vorüber: alles Gute und Böse ist vielleicht schon da, und was wir mitbringen, sollen wir auch meist wieder mitnehmen. Oder wir hätten bei dem großen Vorwachs der Jahrhunderte, bei dem erstaunenden Vorrathe bon Mitteln und Maschienen, 394 Zusätze zu der ältesten Urkunde bei dem so schnellern Laufe unsrer Säfte, Neigungen und Gedanken, vielleicht wenn Jahrtausende unser Lebensziel wäre, zu viel in Händen, — Kurz, wir sind gegenwärtig mit Lebensdauer, Vorbild und Unternehmung, nur schnelle, kraftlose Schatten, auf Erden. Aber wie schon und noth- wendig, daß im Anfänge gerade das Gegenlheil statt fand! daß der Keim von allem was die spä- tern Jahrhunderte nur modificiren sollten , in Jahrtausenden, feste, tiefe Wurzel schlug! daß die ersten Formen des menschlichen Herzens sich gewissermaßen in jedem einzelnen Vorbilde verewigten! Wie stark wirkte nun ein so erhabnes, stark ausgeprägtes, stilles und ewiges Vorbild im Kreise um sich her! wie wirkte jedwede Gewohnheit, Lehre und Unterweisung, die diesem ewigen Vorbilde an- hieng, und verewigte sich mit! wie stark und fest, da alles auf die simpelsten Neigungen der Menschheit hinausgieng , mußten diese Neigungen, diese Bande werden! Ich stehe vor der Cedcr eines solchen Patriarchenlebcns mit frohem Schauder: ringsum sprossen hundert junge blühende Bäume, und nähren sich vom Safte der Wurzel: die alte ewige Ccder blüht fort, und strömt in sie Ader ihres Lebens unaufhörlich. So bildete sich das erste menschliche Geschlecht in seinen unschuldigsten, stärksten, noihwendigsten Neigungen: die ganze Natur Gottes arbeitete auf gewisse Triebe, aber so langsam, still und kräftig, als hier der Saft im Baume treibet, als diese ewige Ceder blühet." ,,Selbst Alles das, was wir ,„,Fehler! Laster! Unglückseligkeilen des Orients!"" nennen; wie un- des Menschengeschlechts. 39b gemein trugs zur Bildung solcher Neigungen bei. Die warme Einbildung der dortigen Gegenden, der sich so gern Alles in göttlichen Glanz kleidet, jene weiche Furchtsamkeit und Ruhe, die Ehrfurcht vor Allem, was Macht, Ansehn, Aehnlichkeit Gottes ist, die Resignation in die Weisheit und Güte eines andern, die sich sobald ins Gefühl der Ehrfurcht mischet, und die uns Europäern in hundert Fallen fast ganz unbegreiflich ist — lauter Neigungen einer zarten Kindesnatur, die in gewissen später» Zustanden ungemein viel Böses, Aberglauben, Sklaverei, Versunkenheit in alte Vorurthcile und Gewohnheiten, entmannte Furchtsamkeit und die ärgste Geißel des menschlichen Geschlechts, den Despotismus mögen hervorgebracht haben; zum Anfänge, sicht man, zu Bildung der ersten kindlichen Neigungen, in der Mcnschcnhecrde waren alle diese Eigenschaften Fordernisse, wie zur Bestaudtheit, so zur Glückseligkeit der Welt.-*)" *) (Das übrige fehlt in der Handschrift.) Fragment, über die Geschichte der Sündslut h. *) Erstes Stück; i Mos. 6, i — 8, Daß alle vorige Stücke, durch Sethiten, oder solche, die sich zu ihrem Geschlechte hielten, zu uns gekommen, bezeigen die Geschlcchtsregisicr, der religiöse Ton, der hier durchaus herrschet, und die klagenden Namen der Patriarchen. Es war also ein kleines Geschlecht von Menschen auf der verderbten Erde, die sich an ihre alte Religion und Unschuld hielten, und sich nicht in das wüste Leben der ausgelassenen Leidenschaften hincinstürzten: durch die die Tradition herabkam, und in der späteren Zeit ausgenommen wurde, die wir itzt voz» nehmen. *) Geschrieben 1767 oder 1768. Aus. zu der ältest. Urk. d. Menschengeschlechts. 397 Daß sie sich durch den Namen „Kinder Gottes" unterscheiden, kann seyn, und kann auch nicht seyn. Es kann dieser Name Spottname, oder Unterscheidungs - und Ehren-Name gewesen seyn: er kann aus r B, Mos. 4, 26. folgen , oder nicht folgen; in diesem 6ten Cup. ist ers kaum. Wie sonderbar wäre die Erzählung, daß diese Göttersöhne sich nur durch Starke unterscheiden, die schönen Töchter der Menschen wegzurauden, nur durch Starke unterscheiocn, ,,Nephilim und Kabiren" Niesen und Weltbeherrscher zu erzeugen! und das wäre das Prädicat dieses Namens? Mich dünkt, man bringe den Sinn dieses Wortes aus dem vorhergehenden, insonderheit aus der mißdeuteten Stelle c. 4, 26. und verfehle also den Ton dieses Stücks, das sich doch so eigen unterscheidet, und so sonderbar ausnimmt. Wenn bey Einem der vorigen Stücke ein neuer Abschnitt sichtbar angeht! so hier. Was für ein Zusammenhang mit dem vorigen Geschlechtsregister? vielmehr neue sonderbare Begriffe, von Göttersöhnen, Riesen, Gewaltigen, Weltherrschern, zu denen gar nicht zubereitet worden? Eine Abgebrochenheit im Stücke selbst, das beinah' wieder Anfänge, z. E. B. 4 sq. in sich zu haben scheint — wie kann man da sicherer gehen, als Einzeln? und da ist der Charakter dieses Einzelnen groß und colassalisch. Göttersöhne, Ucberwaltigungen, ein Rechten des Geistes mit dem Fleisch — Riesen-Män- ncr von Namen und Gewalt: eine fürchterliche Beschreibung der menschlichen Boßhcit: heftige Leidenschaften und grausame Entschlüße in EotN die« Zusätze zu der ältesten Urkunde alles in kurzem, gewaltsamem Ausdruck — Das ist der Charakter des Stücks: und nach dem müssen wir auslegen. Die Götkcrsöhne*) sind also wohl kaum die Frommen: so werden sie weder im vorigen genannt, noch hier charakterisirt. Auch daß es Götzendiener sevn sollten, hangt wohl mit der Bezeichnung nicht zusammen, daß sie den Töchtern der Menschen entgegengesetzt, und mit diesen so riesenhaft gc- paaret werden. Die natürliche Bedeutung des Ausdrucks ,,Göttcrsöhne" ist nach der Sprache der Morgenländer, die von Macht, allgewaltiger Herrschaft, Herrlichkeit, und Hoheit. In der vermehrten Welt, wo sich mit den Menschen auch die Leidenschaften vermehrt hatten, mußten sich bald bürgerliche Dessen finden, die durch Lcibesstärke, durch Ansehen, Verstand, Glück, Reichthum, Zufalle, über andere das Haupt cmporhobcn; ihnen fehlte nichts: sie wurden bewundert: sie konnteis herrschen, das waren „Göttersöhnc!" Und sie überhoben sich ihrer Macht, und wurden ausgelassen — natürlich zuerst auf der menschlichsten Seite. Sic überwältigten und entführten schöne Weiber und Töchter: welche sie wollten, ohne Rede und Recht, mit List und Gewalt — wenn sie ihnen nur schön ins Auge sielen. Diese waren doch nur „Töchter der Menschen" niedrige Leute, die an Rang, Ansehen, Rekchthum, Herrlichkeit, *) Horninss sürtisslnri, Lpinorae tract. Id, xc>1» des Menschengeschlechts. 899 u. s. >v. unter ihnen waren. Das ist also der frühe OrienkalismuS gewesen, die Mächtigen zu vergöttern; und die Niedrigen, Armen blieben „Kinder des Staubes," „ein schwaches unvermö- „gendes Gescilecht der Menschen." Der Begriff hat dem hebräischen Wort „Mensch" so beigewohnt, wie ihm bei uns oft die Idee von Verachtung noch beiwohnet. Welche natürliche Quelle des bürgerlichen Verderbens, und welche leider! nur zu natürliche Aeu- ßerung. Macht, Hoheit, Reichkhum, Vergötterung machte die ersten privilegirten Lasterhaften und offenbar Bösewichter: die Armen und Niedrigen wurden ihr Opfer, und der ungezähmte Geschlechtertrieb, der erste Strom, der ausriß.*) Da ist nun die natürliche Erklärung der Worte: „Es sahen die Göttersöhne die Töchter der Menschen, daß sie schön wären, „Und raubten sich nach Gefallen Weiber aus ihnen." Und die Folge hievon mußte seyn? — was anders, als Verzartlung, Unordnung im ganzen Menschengeschlecht, und die Annährung eines Verfalls. Die *) Der Text giebt Vermehrung der Menschen zur Ursache an, B. r. und das ist dasselbe was Montesquieu (Xvi, als den Grund der orientalischen Polygamie angiebt, daß mehr Töchter als Söhne geboren werden. Gewaliihäiigkeit fand um so mehr statt, da die Weiber frühe zur Rri- 4vo Zusätze zu der ältesten Urkunde heiligsten Gesetze wurden zerstört, die Sitten der Menschen entnervt und weibisch, ein öffentlicher Untergang nahe. Das heißt in der feycrlichen religiösen Sprache des Orients: „Da sprach Gott: „Mein Geist soll nicht in Ewigkeit hin im Menschen wohnen „Denn sie sind Fleisch." „Fleisch und Geist" sind hier einander offenbare Gegensätze, und so muß sich auch die Erklärung beider cinlenkcn: der Geist kann also wohl nicht eine göttliche Person, oder das Gewissen, oder das Amt der Propheten seyn: der gewöhnlichste Gegensatz zwischen Fleisch und Geist ist vielmehr, daß das Eine „Schwachheit, Unvollkommenheit, Verfall," das Andre „Starke, Vortrcfflichkcit, Vollkommenheit" bedeute; und so auch hier. „Mein Geist soll nicht immerhin unter den Menschen wohnen!" Die Macht, das Ansehen, das blühende Wesen, das sie zu Göttcrsöhnen macht, soll von ihnen genommen werden, „da sie Fleisch sind" d. i. so weich und üppig leben. *) Die Erklärung scheint gehe kommen, wenn sie noch wirkliche Kinder sind, s und der Geschlechtertrieb im Morgenlande sehr ungezähmt ist von beiden Seiten. Angriff und Fall ist zusammen. (Spätere Anmerkung des Vers.) Diese Antithese ist zu weit hergeholt; natürlicher, daß Geist Gottes blos Leben ist; und Fleisch das Thie- ri sehe V ^ ^ ^ l>> V v^» des Menschengeschlechts. 401 gewagt; sie ist aber ganz morqenländisch, und das Stück behalt Einen Ausdruck von Anfang bis zu Ende. Das Stück bezieht sich also unmittelbar auf die gewaltthätigen, üppigen Beherrscher und Unterdrücker, und an eine allgemeine Sündfluth wird noch nicht gedacht. Bcrmuthlich jsts ursprünglich eine prophetische Drohung gewesen, die 120 Jahr vor der Sündfluth verfasset, und vom Sammler in den historischen Styl übertragen wurde. Der Zusatz bekräftigt meine Auslegung: ein Zusatz gewiß aus mündlicher Sage. Was bei den Griechen Titanen, Cyclopcn und Heroen in der Kindcrerzahlung waren; was in andern Ländern andere riesenhafte, schreckliche und gräßliche Sagen alter Zeit sind; das sind hier Nephilim und Gi- borim — Furchtnamen der Borwelt * *) Da in den ersten Jahren die Einbildungskraft der Kinder sich gerne mit solchen Schreckbildern beschäftiget, weil diese mehr Eindruck auf sie machen, als die einfältige Wahrheit selbst: da der Pöbel, der des reinen Bildes der Weisheit nicht fähig ist, sich gern rische im Menschen. „Sie sollen den Arhem „verlieren — sterben; da sie so ganz wie Lhierr „leben, so ist mein Hauch für sie zu edel, zu „gut, um solch Fleisch zu bewohnen." Dieses Stück ist also aus I Moses. 2, 7. zu erklaren- *) Die spätere Mythologie hat sie zu Dämonen ge. macht, die man sich als Riesen dachte. S. Herbelot , p. rg 3 - Herders Werke z. Net.», Lheol. VI. C c §02 Zusätze zu der ält c st n urkunde mit solchen Popanzen der Weisheit umhertragt: so wird cs wohl keiner Nation an solchen Niesenmahr- chen fehlen. Und da der Sammler dieser antedi- luvianischen Nachrichten an das vorige Stück kam, wo von Göttersöhnen, und Ueberwalkigungen u. s. w. die Rede war, so suchte er diese riesenhafte Sage hier zu lauteren, und an die historische Wahrheit anzubiegen. „Damals (sagt er gleichsam „als Randglosse) damals warS, da die Nephilim „auf der Erde waren; denn da, (nach V. 2) die „Göttcrsöhne den Menschenlöchtcrn beiwohnten, da „wurden eben die Machtmänner, (Heroen, Giborim) „geboren, die noch itzt nach so vielen Jahrhunderten in der Tradition leben, und immer leben „werden." Man hat über die Nephilim und Giborim, und Leute v 0 nNamen inEwig- keit so viel Mährchen gesagt, als selbst die hebräischen Mahrchen nicht mögen gesagt haben, und die Worte des Originaltextes sind doch so deutlich in ihrer Zufügung zuln Text; in ihrer Einlenkung zum zweiten VerS, und in Anzeigung der Quelle, woraus sie genommen sind, daß ich mir keine andere Erklärung denken kann. „In den Tagen also lebten auch jene Nephi- „lim (jene Riesengestalten der Tradition) auf der „Erde. Denn als die (genanten) Göttersöhne den „Menschentöchtern beiwohnten und ihnen Söhne „zeugeten: so waren das die Heroen (Titanen) die „in Ewigkeit Männer von Namen sind, und Jahrhunderte hinweg in der mündlichen Kindererzah- „lung fortleben." Was diese aber von ihnen gesagt , weiß ich nicht, und wer brauchts zu wissen? des Mensch engcschlech t s. ^ v3 der Sammler setzt sie nur, als Randglosse, des Einen Zuges wegen, hinzu, um seine Gottessöhne, selbst aus der verdorbenen Tradition zu bestätigen; und uns vergewissern sie es, daß unsre vorige Auslegung den Sinn getroffen. Es geht V. ü, ein neues Fragment, aber im vorigen gewaltsamen Tone an. Wie wird das Menschliche Herz, und Gottes Neue und Beküm- mcrniß und sein zorniger Entschluß gewählt, alles zu vertilgen, was unter dem Himmel ist! Noch aber wird an die Sündflnth nicht gedacht, und es ist wieder wahrscheinlich ein Ueberbleibsel von prophetischer Sprache in den historischen Stol überge- tragen. Die den ersten Bers zum Beweise für die Erbsünde nach den beiden genauen Seelenkrasten Tichten und Trachten macken, rcissen ihn aus seiner Welt, für die er gehörte, und aus der er genommen war, aus dem Zusammenhänge, in welchem er, hier steht, und aus der Sprache, in welcher er verfaßt worden. Solche Ausleger mögen sich auch denn darüber quälen, wie Gott so gewaltsame Leidenschaften , Neue, daß er die Menschen gemacht, innere Bekümmerniß und rächender Zorn zukomme? — das ganze Stück ist im heftigen und gleichsam orpheischen Style geschrieben, und wenn man Worte der Leidenschaft, des Zorns, der Reue, der Wuth: „Vertilgen will ich den Menschen, den ich gemacht „habe, „Vom Angesicht der Erde will ich ihn vertilgen E c 2 St;- 4»4 Zusätze zu der ältesten Urkunde „Vom Menschen zum Bich, zum Wurm, zum Vo- „gel unter dem Himmel! „Denn mich reuet, daß ich ihn geschaffen." Wer diese Worte der Leidenschaft kalt auslegen, und daraus die Allgemeinheit der Sündfluth beweisen wollte, wo käme der hin? Was könnte der nicht für eine Theologie von Gott schreiben; ärger als die Heiden von den Leidenschaften ikrer Götter dichteten. Wie, und wenn die Leidenschaft selbst uneigentlich, anthropopatisch genommen werden soll: und die Worte, die die Leidenschaft ausstößt, will man nüchtern und eigentlich heraus buchstabircn? -„Noah aber fand Gnade vor dem so zornigen, so ergrimmten Jehovah!" Hier ist das Stück aus. Der Sammler hat offenbar zwei Verse cinge- schvben (V. 9. io) um den Mann, der Gnade fand, reckt zu bezeichnen. Sic stehen schon Cap. ä, 32 . und stehen hier, und auch Cap. 9, r 3 und auch Cap. ro, 1. Der Mann, der sie ein- rückte, muß Noah sehr nahe angegangen seyn: Ware es nicht Sem selbst, oder gewiß einer seiner Nachkommen? Der i r und 12 Vers sind historisch vorgerückt, um auf den i 3 , offenbar aus seinen eignen Ideen und Worten, zu bereiten, und da fangt eine dritte Sage Gottes an. Die erste, ohne Zweifel die älteste, ist erhaben (V. 2 — 4.) mächtig drohend; aber allgemein, noch gleichsam weit ausschend und unbestimmt. Die zweite, näher dem Noah, ist heftiger, bestimmter an Ursache und Strafe, noch des Menschengeschlechts. 406 aber ohne Sündfluth V. ü. 8. Die dritte V. 12 — 22, bestimmt Sündfluth, das orientalische Schiff, die Einwohner desselben, und ihre Speise. Der ganze Text ist historische Poesie und ein Nationalstück des Orients. Zweites Stück. Don der Sündfluth selbst. 1 Mos. 7, r — 24. Der ganze Text ist historische Poesie und ein Nationalstück des Orients: so endigte ich und so fange ich an. Der Vater Noah ist ein morgenländischer Stammvater. Der in einer großen lieber» schwemmung mit seiner ganzen Familie und allerlei) Lebendigem erhalten wird. Ihn rettet eine got- liche Weissagung durch den Unterricht, ein Schiff zu bauen. Er nimmt reine und unreine Thiere mit sich. Die Sündfluth kommt, tobtet Alles, verzieht sich allmählich. Noah bekommt die ver- neucrte Erde gleichsam zum Bundcsgcschenk wieder. — Ich hoffe aus dem Ton, in dem dies alles erzählt wird, den meisten Zweifeln zuvorzukommen, die man gegen die Sündfluth heget. Mit den Dokumenten und Ueberbleibseln einer allgemeinen Ueberschwemmung, wie man sie in so vielen Ländern gefunden, sangen wir nicht au, 406 Zusätze zu der ältesten Urkunde denn wie nndcrs würden doch diese Muschcllagcn und Versteinerungen (in sich selbst reden müssen, wenn wir nicht zum Voraus zu ihnen den Glauben daran aus unsrer morgcnländischcn Urkunde mitbringen, sondern auf sic als Naturphanomene merken wollen? Habens ja andre Naturlehrcr aus zehn Gründen und Proben bewiesen, daß diese Versteinerungen vielmehr zeugen, daß die Erde voraus Jahrhunderte durch, ein Seegrund gewesen, als daß eine Ucberschwemmung von etlichen Tagen sie habe erzeugen können. Alle diese Wahrnehmungen gehören also zur mosaischen Philosophie eher, die auch die Erde mit ewigen Meeren bedeckt, und gar nicht zu unsrer Sündflmh. Auch von den Nationalkraditionen einzelner Völker von Sündfluthcn und Ueberschwemmungen DeukalionS, Ogngcs u> s. w. können wir nicht anfangen , wenn wir nicht wie Boulnnger rechnen wollen, der überall Sündflulh findet, wo man Wasser hat und Wasser gießt und sich in Wasser waschet. Alle solche Nachrichten sind Nalionalsagen von ihrem Lande, und Stammvätern aus einer weit spatern Zeit, als daß sie mit dieser gleich gestellt werden könnte. Wir nehmen also unsre mor- genlandische Urkunde so zur Hand, als wenn wir von nichts anders in der Weit wüßten. Und da ist die Beschreibung davon ungemein sinnlich und schrecklich. Gott spricht in der stärksten Leidenschaft: „es reue ihn, daß er Menschen „geschaffen: Er wolle sie bis auf alles Lebendige , „Vieh, Vögel und Gewürm vertilgen."- Er spricht des Menschengeschlechts. 407 in der stärksten Leidenschaft „Alles Fleisch habe sei- „nen Weg verderbt: das Verderben alles Fleisches „seye also auch von ihm beschlossen." Er will Noah und sein Geschlecht retten, und giebt ihm also einen Kasten an, zu dessen Bau er ihn durch fürchterliche Beschreibungen eines allgemeinen Verderbens aufweckt. Die Sündfluth kommt, die Brunnen der Tiefe brechen, die Fenster des Himmels regnen, cS regnet vierzig Tage und vierzig Nächte. Die Wasser wachsen und tragen den Kasten empor: alle, selbst die höchsten Berge sind bedeckt, bis fünfzehn Ellen hoch bedeckt: cs ist nichts als Meer und Himmel: nun stirbt alles Lebendige, Menschen, Vieh, Wurm und Vogel — alles stirbt! eine schreckliche Sündfluth. Lasset uns in die Zeit Noah, vor und in seine Arche hineingchen, um sie zu sehen und zu fühlen. Zuerst: Gott spricht zu Noah, daß er um des Verderbens der Welt willen sie strafen wolle. Folgt hier wohl etwas auf die Allgemeinheit der Sündfluth?' War die ganze Erde denn auch schon bewohnt? Wußte denn auch Noah, daß sie bewohnt seye? Wußte er von Rundung derselben, von Antipoden und von Amerika, oder was verstand er unter ganzer Erde? Wenn also Gott für ihn, für sein Ohr, für seinen sinnlichen Verstand sprach, folgt daraus das geringste auf eine durchaus allgemeine Sündfluth? So wenig als er aus den Worten Josua folgt, daß das ptolomäische Weltsystem wahr ftyn müsse. Zu dem wird Gott drohend , in Leidenschaft sprechend eingefnhrt, der von allem Lebendigen gleichsam Rache nehmen will. 4o3 Zusätze zu der ältesten Urkunde Ich Habs es schon gesagt, die Leidenschaft will man uncigenklich, sinnlich, poetisch und die Sprache der Leidenschaft eigentlich und pbilosophisch nehmen — das ganze stürmische Feuer der Rede verkennen und an jedem einzelnen Ausdruck nagen — welche Erklärung kann unzusammcnhangender scyn? Wie — wenn man alsdann auch früge: ,,Lb die Thicre „denn auch ihren Weg verderbt gehabt? weil dies „doch von allem Fleische gesagt werde; oder ob „denn die Menschen damals reine unsterbliche Seele „gehabt," da alles ausaetilgt und verderbt seye, was einen lebendigen Dthem batte, und alles Fleisches Ende vor Gott gekommen; oder ob die Menschen damals anders gegangen, weil es heiße, sie hatten ihren Weg verderbt — was kämen da für sonderbare Erklärungen heraus? — Nicht sonderbarer, als die Folge von Allgemeinheit der Sünd- fluth auf die ganze Erde. Wir wollen das biblische Stück als Weissagung Gottes an Noah, oder auch als Drohung an die Welt annchmeu, und in beiderlei Gesichtspunkt verliert sich der Zweck derselben von Allgemeinheit der Sündfluth ab. — Als Befehl an Noah: da wars sinnliche Rede für ihn, für seine Einbildungskraft, dem allgemeinen Verderben durch den Bau eines solchen Schiffs zu entrinnen, nach der Sprache seines sinnlichen Verstandes: denn alle Welt die er kannte, alles Lebendige um ihn sollte unterge- hcn. Wahrhaftig aber war kein geographischer oder physischer Bericht der Zweck Gottes , der ds sprach, der Art, in der er sprechend cingeführt wird, und der Absicht, zu der es Noah hörte. — Als Dro- «ZWKWWSUWMWMMV deS Menschengeschlechts. ^cig hung an die Welt betrachtet wird eine Allgemein- beit der Sündfluth hieraus noch fremder. Kannte Noah diese ganz? Konnte er allen Völkern die Warnung Gottes bekannt machen? War er ein Prediger der Buße die hundert und zwanzig Jahre durch unter allen Nationen der Erde? Ein Dichter kann ihn wohl als solchen zeigen, ihn aus seinem Hause verschwinden, von einem Engel durch die Luft führen, allen Nationen drohen, und sic alle bei Gott verklagen lassen — aber ein trockner Geschichtschreiber? Aus welchem einzigen halb wahrscheinlichen Grunde? Auf welchem halb wahrscheinlichen Wege, da die Urkunde nicht ein Wort davon sagt? — Nach dieser waren es die Leute, unter denen Noah lebte, denen Gott durch ihn die Sündfluth predigen ließ (2 Pet. 2 , 5. vergl. mit r Mos. 6, 3) die ihm nicht glaubten (r Pet. 3, 20 .) sondern fortsundigken — die Alle, Alles was Noah kannte, sein ganzes Land mit allem Lebendigen, was Othem schöpfte, sollte untergehen, und Lieng unter. War das aber geographisch betrachtet die ganze Erde? Noah soll Thiere in den Kasten nehmen: *) reine und unreine — wie hat man sich über die Thiere gequält, sie zusammen kommen, sie aus Amerika, aus den ostindischen Inseln über das Weltmeer schwimmen, sie durch Engel hinzuführen. *) Selbst hier kömmt die Wohlthat der göttlichen Errettung nicht ohne Arbeit. Und so immer: nie ist der Müßiggang Mittel, Gottes Vorsehung auf sich zu ziehen. 4io Zusätze zu der ältesten Urkunde sie alte im Klima des Noah athmcn und von seiner Kastenspeise leben zu lassen, sie alle zu beherbergen und Friede unter ihnen zu stiften? Wie viel Bogen und Bücher und Stunden hindurch hat man sich hierüber und doch immer mit Undank der Thiergeschichte gequält! die Thicre des Noah sind so National, »nie seine Sündfluth. „Reine und Unreine," solche, die er nach der Gewehnbeit seines Landes essen und nicht essen rann: das ist der ganze Gesichtspunkt ihrer Classification; nicht die Classen eines Linnens, nach denen sie Bodmcr hinein spatzicren laßt; noch die Landsmannschaften unserer geographischen Naturhistoric, nach denen sie vermuthlich angekommen waren. „Reine und Unreine" das ist der eingeschränkte Nationalgcsichts- punkt zur Thiercrbaltung: und so wie dieser Unterschied i» jedem Lande nichts als National, und in jedem fast auf eigene Art national ist: so mußte uns eine so offenbare Einschränkung, und wenn wir auch weiter keinen Grund hatten, schon von der Allgemeinheit der Sündfluth hinwegruscn; oder wir lesen den Text gar nicht in dem Nationallicht, darin er sieht. Und wie viel thörichte Fragen und physische Ungereimtheiten fallen damit weg, denen man schwerlich anders catgehen kann, als wenn man — bei dem Sinn der Bibel bleibt. „Wie aber hatten sich, wenn die Sündfluth nicht allgemein gewesen, Menschen und Thierc nicht in andre Lander retten, und also die göttliche Strafe illudircn können?" die dies behaupten, müssen wohl nie eine plötzliche Ueberschwcmmung erfahren, oder davon gehört haben. Was ist mächtiger, als ein des Menschengeschlechts. §ci verbrechendes, fortrcissendes Messer, und wo läßt sich hinflichcn, wenn plötzlich alles Meilen, Strecken, Länderwcit hoch überschwemmt ist? National betrachtet, in dem Gesichtspunkte aus dem Noah sabe, war gar keine Entrinnung möglich, das ganze Land war überd.ckt so weit cs durch Berge oder Meere abgeschnitten war, und die Nationen nahrre, die er kannte — da ersoff alles, was einen lebendigen Orhem hatte! Mögen dies immcr- alle Menschen seyn, die damals gar gelebt haben: die ganze Erde durfte deswegen nicht überdeckt, und nicht alle Thiere in allen Landern ertödet werden. Diese verfolgte ja Gott nicht; sie waren nicht der letzte Zweck seiner Strafe. Und da sie doch auf der ganzen Erde schon gelebt, und gleich der der Schöpfung jedes in seinem Element und Klima erzeuget wurde: warum braucht denn, um nur sie zu ertöden, die ganze Erde bedeckt zu werden? Ware das nicht die grausamste unweiseste Berwü- stung, und . die unwahrscheinlichste Erhaltung der ganzen Schöpfung? Und nun dazu die schöne Proportion von sieben Paar Reinen, und Einem Paar Unreinen — wie kleinfügig, wie verengend die ganze Schöpfung! Alles soll sich nach dem Gaumen NeahS, und seiner Landesqcwohnheit richten. Nach diesem Küchengesetz wird das Leben und der Tod, die Proportion und das Dasepn aller Thiere, aller Welten und Erdstriche bestimmt. Nach diesem Küchengesetz sollen Engel und Instinkt GotteS die Thiere aus allen Welten hinzuführen, dem Faulthier Flügel geben, und das Wasserscheue deir Dcean überschwimmen lassen, so Jahre lang ohne 1 412 Zusätze zu der ältesten Urkunde Unterhalt schwimmen lassen, um vor einer Sünd- flukh von hundert Tagen bewahrt zu werden, sie Land und Charakter und Clima und Nationalart vcrlaugncn zu lassen, um einige Tage im Kasten zu leben, und sich dann wieder in ihr Land und Element und Charakter zu begeben. — Zn welche Sündfluth von Ungereimtheiten stürzt man sich, wenn man sich einige Classificationen wieder allen Sinn der Schrift machet! Die Sündfluth selbst wird beschrieben sinnlich und schrecklich und plötzlich. „Die Brunnen des Abyssus werden aufgesprengt, die Fenster des Himmels geöffnet!" Was kann dichterischer von der schnellsten Ueberschwcmmung gesagt werden! Es ist, als brache das Erdreich und der ganze Abgrund stürzte mit einmal hinauf : es ist, als brache der Himmel, und Waffergüsse stürzten wie aus offenen Fenstern aus Klüften herunter, und solche Ueber- schemmung geht vierzig Tage und Nachte hin. — Entsezliche Schilderung! Wer kann entrinnen! Wer muß nicht ersaufen! — Könnte das urplötzliche Erdbeben schrecklicher, als so geschildert werden: daß die Erde breche, und die Hölle ihren Feuerca- chen öffne und Alles verschlinge: daß der Himmel breche, und Feuer regne, und Alles verzehre — Wo bleibt da eine lebendige Seele? Wer kann da noch aus seinem Lehnstuhl muthmassen, man habe sich doch wohl retten können? So sinnlich und schrecklich indessen alles ge- mahlt werde: so ists wieder auf keine Erdsündfluth. Alles des Menschengeschlechts. -jr3 Alles wird in Beziehung auf Noah, und gleichsam aus der Arche beschrieben: darnach die Zeit und die Dauer und die Höhe der Uebecschwemmung; es ist, als wenn man aus dem Kasten selbst sähe. So lange regnet cs und wachst das Wasser, nun hebt die Fluth den Kasten empor; nun sind alle Berge unter dem Himmel, unter dem Horizont bedeckt : viele Ellen hoch steigt das Wasser über die höchsten Berge — Welch ein sinnlicher Prospekt aus der Arche! Es ist, wenn man umher flehet, nichts, als Himmel und Meer. Wer wollte nun daher mathematisch berechnen, daß ein Gewässer, das Ellen über die höchsten Berge geht, uoth» wendig die ganze Erde habe bedecken müssen? Mag denn der Concipient unter den höchsten Bergen den Tenncriff und die Kordileras gedacht haben? Will er anders, als die höchsten Berge seiner Gegend nennen? Will er mehr als eine sinnliche Repräsentation der hohen Gewässer geben? Und o welch« Folgen! Auf dem ganzen Erdboden soll eS vierzig Tage und Nächte geregnet haben: man rechnet die Masse der Wasser aus, die r5 Ellen über die KordileraS, rings um die Erde gestanden, und nach welchem Ellenmaas? Nach Noahs Ellenbogen und Augenkreise. „Alles starb, rvaS lebte/* Die Worte sind historische Erfüllung von dem, was erst geweissagt wurde, und also eben in dem Sinne. Lb nun alle Menschen auf der Erde umgekommen sind, Herders Werke». Rek, «. Lheol. VI, D d 4>4 Zusätze zu der ältesten Urkunde weil ssc alle noch nahe um einander und also als Nation lebten: oder ob dieser Bericht, so wie alles vorige nur national und gleichsam genealogisch seye, daß Noah in dem verneuelen Erdstrich der erste neue und einzige Stammvater der Gegend, des Stammes, der Provinz geworden: können wir wohl nicht bcurtheilen, da wir keine andre so alle Nachrichten, als nur aus dem Stamm des Noah, chaben. Es sey indessen wie cs wolle; daß beide Flachen der Erde bedeckt, auch wo keine Menschen, auch wo nur Nationalthiere waren, das ist aut der ganzen Geschichte unerweislich. Drittes Stück. Von der Erneuerung der Welt, i Mos. 8. Alle? noch in Beziehung auf Noah. Das Gewässer stand i 5o Tage: Wo so lange? -an welchen Orten gleich lange? Im Thal Josaphat und auf dem Gipfel des Piko? Gott ge- dachte an Noah: so lange nicht? nun erst? des Menschengeschlechts. 4i5 Man siebet, cs ist von einem Schuzgott die Reds und die Stimme geht aus dem Kasten der Angst. Die Wasser fallen: die Brunnen des Abyssus und die Fenster des Himmels werden verstopft, es nimmt i 5 o Tage ab; man bört noch immer die Aussicht und den Calender aus der verschlossenen Enge. Die Gipfel der Berge blicken hervor: der Kasten skö ßt auf Ara r a t; man sieht, was die höchsten Berge gewesen sind, Landgebürge im Prospekt. Das Fenster wird geöffnet: ein Rabe fliegt aus; eine Taube und noch eine Taube — immerfort ein Journal aus dem beklommenen Bchaltniß. Man fühlt die erste frische Luft gleichsam mit; man riecht mit an dem lieblichen Oelblatt, was die zweite Taube bringt, wie ermattete Schiffer, die sich auf die Erde, ihre Mutter, langelang hinwerfen, und den stärkenden Erdegcruch mit vollen Zügen athmen. Das Dach wird abgeworfen: und nun dringt ein Strom von frischer Luft ein: Die Erde ist trocken. Noah geht heraus. Man flehet das Tagebuch eines Privatmanns, einer einzelnen Gegend, eines Privatkalenders; wo ist eine Geographie und Chronologie des Erdballs ? Nun weihet der fromme Mann das erste Op- D d 2 4r6 Zusätze zu der ältesten Urkunde fer wieder. Es ist ein Brandopfer, denn er Lat nichts anders als seine geretteten Thicre. Ev bringt ein Reines dar, was er selbst aß; und das wird doch sein Gott auch genießen: da ist also das erste Brandvpfcr. Abel opfert noch Milch, und aus diesem Vorfall und dem folgenden Eapitel ist zu vermuthen, daß bisher noch nichts Lebendiges geopfert seye. Hier brennt das erste Brandopfer, und cs wird „ein süßer Geruch vor dem Herrn!" Schone Tradition von seinem Ursprung! Es war unmittelbar nach der Sündfluth, da Noah noch nichts hatte: nicht Gras, nicht Kraur, nicht frische Milch: da glühet also ein reines Thier, gleichsam aus seinem Munde genommen und Gott zum Ge- schenk gebracht. Es dampft auf und wird ein lieblicher Geruch Gottes. Wer hier mit Noah und Sem den ersten lieblichen Opfcrgeruch auf der schlammichten mit Leichnamen gefüllten Erde fühlt, wird der wohl rümpfen, daß Gott ein so niedriger Sinn zugeschriebcn werde? Hier also im Opftrcr Noah, im ersten Brandopferer, wer sicht nicht wieder den Stammvater des Orients, und in seinem am Geruch des Opfers gesättigten Gott, Len Schutzgott seines Stammes? Gott thut einen Schwur: „nicht mehr die Erde zu strafen, um des Menschen willen, und des Menschengeschlechts. Li? nicht mehr alles zu vertilgen!" Der Schwur ist in eben dem Geiste, wie die Drohung (Cap. 6, 5 — 7) heftig und voll Leidenschaft der Reue. Das Ende bleibt also dem Anfänge durchaus gleich. „Nie soll, so lange die Erde stehet, Sommer und Winter, Frost und Hizc, Saamcn und Erndte, Tag und Nacht aufhören!" Nie mehr solch eine schreckliche, bange Weltverwüstung einbrcchcn! Wie menschlich! wie national! wie sehr im Tone dessen, dcrs selbst gefühlt! Sollte man nicht wieder auf Sem vcrmuthcn? — Die Worte (v. 21.) „das Dichten und Trachten" u. s. w. scheinen aus 1 Mos. 6, 5 . eingeschaltet und thun hier im Munde Gottes eine ganz entgegengesetzte Wirkung gegen die erste Stelle. Es folgt der Bund mit Noah: er wird der zweite Adam der erneuerten Erde. Der erste war unter den Thieren des Feldes geschaffen, und hatte über sie zwar die Herrschaft, sonst aber mit ihnen den Genuß der Erdfrüchten bekommen. Der zweite hat mit Angst und Mühe die Thiere im Kasten erhalten; er hat also mehr Anrecht über sie. Sie haben sich vor ihm im Gefangniß fürchten gelernt und sollen ihn immer fürchten (v. 2.). Sie waren ihm im Kasten zur Speise (6, 21.) sie soilens immer seyn, nur nicht in ihrem Blut. „Im Blute soll sich weder Mensch noch Thier 418 Zusätze zu der ältesten Urkunde würgen" ü, s. w. Hier fängt also eine nähere und eigentliche bürgerliche Gesellschaft an; sie bekommt bürgerliche Gesetze; Nun wird der Bund zwischen Gott und Noah wiederholt, und durch ein Bundeszeichen bestätigt — die schöne Tradition vtm Regenbogen: - t, „Meinen Bogen Hab' ich gesetzt in die Wolken, „Der soll ein Bundeszeichen seyn zwischen mir < und der Erde: „Und wenn ich Regenwolken über die Erde führe, „So soll mein Bogen erscheinen in den Wolken. „Dann will ich an meinen Bund zwischen mir und Euch gedenken; „Und soll Ninc erdverderbende Ueberschwemmung mehr kommen. „Das ist mein Bogen in den Wolken, den ich ansehe, „Und an meinen Bund gedenke!"- Schöne dichterische Symbole über den Regenbogen ! Tausendmal schöner, als jene gigantische, daß es die Brücke der Niesen seye, den Himmel zu stürmen, und andre Fratzengcschichten mehr! Kann ein Naturphänomenon auf dichterische Art schöner, und hier sinn - und lehrreicher erklärt wer- den? Nun nehme man alles zusammen: die Ursache, die Beschreibung und den genealogischen Ausgang der Sündfluth; ist sie mehr, als eine Überschwemmung des Orients?