102
I. Begebenheiten und Charaktere
der so und anders seyn kann; zwischen beyden stehtder wählende Geist mitten inne und ist gleichsam ge-t heil et.! Entschließt er sich, so giebt erBeyfall;der Zweifel ist verschwunden.
Im Erkennen und Handeln tritt dieser Zustandtäglich, ja augenblicklich ein, ohne daß wir ihn be-merken.
Offenbar ist er aber nur ein vorübergehen-der Zustand. Die Waage schwankt, damit sie inRuhe sicher zeuge. Gehend heben wir den Fuß, da-mit auch der andre sich hebe; nur so kommen wirweiter. Mit aufgehobnem Bein wie der Kranichzweifelnd an Einer Stelle zu stehen, oder zu drohen,daß wir das andre wohl auch niedersetzen mochten,wenn wir nur dürften, ist ein peinlicher Zu-stand.
Und auf Einem Fuß stehen wir doch.Auch der entschlossenste Zweifler besitzt sein Ich,aus und mit welchem er entschlossen zweifelt,wenn er es auch seiner Meynung nach nur träu-mend besäße. Sein Traum hat Wirklichkeit in sich;sonst könnte er nicht zweifeln.
Die also, was seiner Natur nach vorüber-gehend ist, zum Zweck der Menschheit, zu ihrerletzten Permanenz machen, tauschen sich undandre. Die hohe Gemüthsruhe, die sie dem Zu-stande des Zweifelns aneignen, ist Gleichgültig-keit, U n t h ei ln e h m un g an Einem und demAndern, die nur bey höchstgleichgültigen Din-gen Seligkeit seyn kann. Sobald ich Theil neh-men muß und nicht weiß, woran ich Theil neh-men soll, wird Zweifeln ein quälender Zustand.
i -