Vom Geist des Christcnthums. 73
Drittens. So angenehm es dem Leser seynmag, seinem Schriftsteller nachzudenken, d i. sei-nem Vorgedachtcn langsam zu folgen, fo ists ihmdoch nützlicher, daß der Schriftsteller ihn selbst zudenken zwinge, und ihm deßhalb nicht Alles vor-denke. Bei diesem abgerissenen Gedanken muß ersich fragen: „wie kam sein Urheber dazu? ist erwahr? warum führte er ihn nicht weiter?" Beijenem gezeigten Mißverständnis wird er fragen:„was folgt daraus? was muß ich sonach einreißen,andern, wegwerfen: welch eine andre Schaar Miß-verständnisse und Mißbrauche zieht dies Angezeigtenach sich?" — Und so wird dies kurze Buch, jamancher einzelne Satz desselben ihm Text zu einemgroßen Commentar werden, zumal wenn er ihn indie Kirchengeschichte und ins praktische Leben ein-führt. Der Schriftsteller hat sodann den edelstenZweck erreicht: „er schuf, er vcranlaßte wahre,beßre Gedanken."
Wahren, bessern Gedanken aber müssen noth-wendig, wenn auch langsam und unvermerkt bessereGesinnungen folgen. Man lernt die Sache voneiner andern Seite anfehn; man gewohnt sich andiese, endlich an alle Seiten; und so ist manwahrheitliebend, unpartheiisch wor-den. Schöner Gewinn, der uns aus dem Leseneiner Schrift, wenn gleich wider Willen, zu Theilwird; ich zweifle, ob es einen schöneren gebe?