Briefe an Theophron. 209
Einer Art, geschweige auZgebildcte Theologen hcr-vorbringen könnten, zu denen, wie mich dünkt,viel Weisheit des Lebens gehöree. Kinder kommenhinauf: unreife Jünglinge gehn meistens hinunter.In so kurzer Zeit lernen sie Alles; haben also auchnach so kurzer Zeit Alles gelernet. Und zwar hö-rend alles gelernt, ohne Frage, ohne andringen-den einzelnen Unterricht, ohne Gespräch und Ucbung.Dazu Alles unter und durch einander gelernt,nachdem die Glocke schlug, nachdem der Lectivnen-zettel es ankündigte, nachdem der Professor Beifallhatte oder nahe wohnte. Und nicht immer in einerForm gelernt, die zum Verbilde der Denkart desJünglings, zu seiner Anwendung, Weisheit undGlückseligkeit diente: oft mit Gezänk und Gewäsch,verbrämt mit Zoten und Possen , die für einenWeisen, geschweige einen Lehrer der Jugend, nichtgehören: oft mit scholastischer Spitzfündigkeit undkritischer Trockenheit, die für den größesten Haufender Hörenden schwerlich nutzbar seyn möchte; end-lich doch immer entfernt von praktischer Ansicht,vieljahriger Ucbung und der goldnen geprüften Le-bensweisheit, die sich nie aus Büchern, geschweigedurch ein System, erlernen läßt. Wir schicken alleunsre Gerechtigkeit über Land, sagte jene Facultat,darum haben und üben wir selbst keine; von wiemanchen anderen Facultaten möchte dies (ich sprechevöllig ohne Neid und Mißgunst) gelten. „Wirschicken unsre Weisheit und Religion über Land:halbjährig kommen neue Zugvögel, die aufpickcn,was wir ihnen verwerfen, und wieder wegziehn:wir reden uns aus oder sie saugen uns aus und
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