I. G. v. Herders sämmtliche Werke. Religion und Theologie. Zehnter Theil. Briefe, das Studium der Theologie betreffend. Zweiter Theil. Mit Großherzoglich Badischem gnädigstem Privilegko» Carlsruhe, im Büreau der deutschen Classiker. » 8 2 A. Vorrede des Herausgebers. ^>ieser zehnte Tbril der theologischen Schriften Herders enthält I. nebst dem vierten Tbcil der Briefe, das Studium der Theologw betreffend, den vom Verfasser versprochenen II. Entwurf der Anwendung dreier akademischer Jahre für einen jungen Theologen. Sodann III. Briefe an Tbeophron, die, nebst dem vorigen, zu einem fünften Bändchen der Briefe bestimmt und größtentdeils schon ins Reine geschrieben waren. Dw bcigcfüate Vorrede zeigt des Verfassers Plan dabei: aber auch, daß er ihn nur zum Theil ausgeführt hat. *) Was anderswo *) Nach verschiedenen vorhandenen Entwürfen gedachte der Verfasser in diesen Briefen noch zu reden: ron den Vorübungen auf die Akademie; von Mo« decollegien auf den Universitäten; vom Examen; von der Fortsetzung der Studien für einen Candi- daten; von der -Hofmeisterei; von der Predigcrci ohne Aufsicht und Zweck; von der Art ins Amt zu kommen und sich zu melden; ron der Führung des Amts selber; vom Verhaltniß des Predigers zur Gemeine— zum Consistorium — zur Schule; von der Katechese; der Beichte, -Haus-- und Krankenbesuchen; von der Benutzung seiner Nr- benstunden; von seinem Betragen gegen seine vr Vorrede. (z. B. im Geist der ebraischen Poesie) ausführlicher abgehandelt wird, ist hier weggelassen worden: von neuen Ideen und Ansichten hingegen nichts, oder so wenig wie möglich. IV. Gutachten über die Vorbereitung junger Theologen zur Akademie aus zweien ähnlichen Inhalts zusammengezogen. Kurz und treffend sind in demselben Mangel, der theologischen Erziehung geschildert, die an vielen Orten herrschen, sehr schädliche Folgen haben, und von vielen beklagt werden, die es mit Religion und Kirche wohl meyncn; die Vorschläge des Verfassers dagegen sind, mit geringem Aufwande, leicht ausführbar. Diese Schrift schien mir darum ein so allgemeines Interesse zu haben, daß ich die Billigung ihrer Herausgabe von Seite des Publikums zuversichtlich erwarte. Wollte ich sie nicht im Wesentlichen verstümmeln, (Lokalitäten gehören nicht dazu) so konnte ich einige Stellen nicht ausstreichen, worin ec sich über den schädlichen Einfluß einer, Hausgenossen, gegen Sektirer und fremde Glaubensgenossen; über den Zustand des Katholicls, mus; von der Hierarchie und der protestantischen Freiheit; über die Reformatoren, die Reformation und die symbolischen Bücher; wie der Schläfrigkeit im Gottesdienst abzuhelfen; von gemeinschaftlichen Erbauungsstunden; von der Nachahmung edler Vorbilder im Amt; von Kirchenrecht und der Subordination; von der Trägheit vieler Geistlichen; welche Beihülfe zum gemeinen Besten von ihnen zu fordern? von der Administration der Sakramente. Vorrede. vn s damals neuen! philosophischen Sekte auf Verstandes» und Sitten-Bildung junger Akademiker mit Nachdruck äußert. Ob Herder in dem, was er gegen ihr Lehrsystcm oder vielmehr gegen den Mißbrauch desselben dem Publikum (1799 und 1600) gesagt hat, Recht oder Unrecht hatte ? ist dieses Ortes nicht zu untersuchen. V. An Prediger: Zwölf Provinzial» blatter. Die 1774 unter diesem Titel erschienene Schrift liegt diesen zum Grunde. Aus einem viel ausführlichem ersten Entwurf, welchen der Verfasser — nicht zum Vortheil der Deutlichkeit! — in Ein Bändchen zusammenzog, ist hier an vielen Orten der Text erweitert oder deutlicher gemacht, dafür aber sind einige polemische Stellen, wodurch sich verschiedene Gelehrte beleidigt glaubten, und die zu unserer Zeit wenig Interesse mehr haben möchten, weggelassen worden: so daß sie hier in einer völligen Umarbeitung, und wie ich hoffe, Heller und verständlicher, erscheinen. Bekanntlich wurden diese Provinzialblätter von einem großen Theile des theologischen Publikums (denn ein anderer, noch mehr aber viele aufgeklärt, und wohlmevnende Weltleute freuten sich der freimüthigen Stimme!) sehr übel ausgenommen, und eine Reihe von journalistischen Mißhandlungen des Verfassers siengen sich von da und mit der ältesten Urkunde an. Was er gegen Geistund Meinungen der Zeit von Bestimmung, Würde und Einfluß des Prcdigtamts, besonders gegen die in den höhern Ständen zu seinem Nachthcil herrschenden Grundsätze überhaupt sagen wollte, und wozu ihn die damals erschienene Spalding'sch« vurr Vorrede. Schrift „von der Nutzbarkeit des Predigkamtes," pur yeranlaßte, (wie er es wiederholt und deutlich gesagt hat)— das sah man als eine Streitschrift gegen diesen, damals wie poch jetzt allgemein verehrten Mann und als blos gegen ihn gerichtet NN. (Denn der Handwcrksgeist weiß Streit gegen Sache und gegen Person selten gehörig zu sondern) Herder schickte sein Buch Herrn Spaltung mit der größten Unbefangenheit selbst zu: sie befremdete Sp. und noch mehr der Brief. Es entstand ein kleiner Briefwechsel zwischen ihnen , und wahrscheinlich Hallen sie sich bald verstanden, da beide einander aufrichtig Hochschatzten — als sich, ohne Wissen und Willen Herrn Spaldingss ein Dritter, nun auch verstorbener, ungestüm zwischen sie einhrangt?: ein damals bedeutender Ahcologe, der Herder» gar nicht zu schätzen verstand, auch gar nicht geahnet zu haben scheint, was aus dem jungen feurigen Mann noch werden könnte —' mit einem, mit den heftigsten Insulten erfüllten Brief an Herder selbst, ganz in dem höchst gemeinen wegwerfenden Fon, wie man damals in der Allg. d. Bibl. von ihm zu reden pflegte — der sah gar p i ch k s in dem Buch als Schwärmerei, „aufgetriebene Imagination," absichtliche Beleidigungen Schaidings, dichtete H. ins Angesicht die niedrigsten Gesinnungen und Absichten an u, s. f. Diesen würdigt? Herder keiner Antwort, beklagte sich aber bitter darüber gegen Hrn. Spaltung; pnd bald hatte der Briefwechsel auch mit ihm ein Ende, Das Buch selbst, und die unten (Num, VII.) verkommende Schrift beweisen hinlänglich, daß Nicht persönliche Abneigung gegen den Vorrede. r» redlichen Mann, sondern die Sache, die Sache der Religion und seines Amtes ihn zu dieser Philippika bewogen hat, und daß die Andichtung einer niedrigen Veranlassung zu derselben, welche Hrn. Sp. wohl auch von einem ungebetenen Dritt- mann eingeraumt wurde", „als wäre H. über den „schlechten Erfolg seiner Empfehlung eines Freundes bei Hrn. Sp. empfindlich gewesen" >— An Lichtung ist. Dergleichen kleinliche Winkelzüge lagen (worüber man sich auf das Zcugniß aller, die ihn kannten, berufen darf) — n i ch l in Herders Charakter. Aber eben solche überdienstfcrtige Freunde, Umträger, Glossatorcn sind cs gewöhnlich, die Oel ins Feuer schütten und die Gemülhcr am meisten trennen. Da das Geschrei überhand nahm, so gedachte Herder den ganzen kleinen Briefwechsel (die (einigen hatte er zurückbegehrt, da er nie Abschriften von seinen Briefen nahm) ohne alle weitere Anmerkungen drucken und das Publikum darüber urtheilen zu lassen; („ich darf ihn ans Licht ziehen, schrieb „er an jemand: und die Zauberei ist zerstört!") man könnte es auch jetzt thun, ohne die mindest? Furcht, daß Spasding oder Herder in nachtheiligem Licht erscheinen möchten: — aber wozu? wozu eine vor fünf und dreißig Jahren unter zween vortrefflichen Männern durch Mißverstand entstandene und bald wieder erloschene Fehde abermal aufregen, und ein nützliches Buch, wie dieses ist, damit entstellen? Sehe man lieber auf die Sache, und vergesse Personen. Wenn es aber seyn muß, soll es geschehen, Beide Männer, ehrwürdige Namen für Deutschland! sind entschlafen: der Streit ist langst tvdt und ab ! — Spater bewiesen sie sich durch Briefe und thätige Freundschaftsbezeugungen gegen« fettige Achtung und reines Wohlwollen, und cs war beiden lernst damit. Warum endlich in dem Buche selbst alles wieder buchstäblich abdrucken, was sich nur auf damalige Umstande, und-, nun meist vergessene, literarische Erscheinungen bezog : oder wo sich der für sein Amt hochbegeisterte Jüngling mit zu feurigem Ungestüm ausdrückle? was der Verfasser selbst bei der vorgehabten neuen Ausgabe seiner Werke weg- gelassen haben würde? was er im Allgemeinen, in bloßer Rücksicht auf die Sache, gegen verderbliche Meinungen und Begriffe vom geistlichen Stande sagt (Usar Iiiin!) sofern sich diese seitdem nicht nur nicht verbessert, sondern— besonders durch das, waS man mit der Theologie selbst vorgenommen hat — verschlimmert haben: das bleibe stehen, so ungern es mancher hören mag!* Schade! daß der Verfasser, wie er vorhatte, auch von diesem Buch eine umgearbeitcte Ausgabe nicht selbst herausgebcn konnte. Denn wahrlich eine strenge und gewissenhafte Prüfung des Ursprungs, der Bestimmung, Kraft und wahren Würde des Predigtamtcs, von welchem für die Bildung der Menschheit und für das Wohl des gemeinen Wesens so viel abhangt, thut in unfern Zeiten doppelt noth, wo alle gesellschaftlichen Einrichtungen so viel Veränderungen erlitten haben und noch erleiden dürften, und übcrdas durch das heruntergebrachte Ansehen des göttlichen Wortes Kern und Fundament des christlichen Lehramtes so sehr gefährdet wird. Möge des großen Mannes Stimme Männer von Geist und Kraft und Men- Vorrede. XI schcnliebe bald dazu wecken! — Er selbst hat seine Meinung in der Hauptsache nie geändert, und die gleiche Ueberzeugung, obwohl schonender und vorsichtiger, auch in seinen später» Briefen über das Studium der Theologie geäußert. An dieser historischen Relation von den Schicksalen dieser Schrift scy cs genug. Der Herausgeber gedachte zwar hier überhaupt über Herders Begriffe vom geistlichen Amt, verglichen mit denen anderer Theologen seiner Zeit, einige Bemerkungen beizufügen ; aber um nicht (wenn er sich etwa auf Herders Seite neigte!) den Vorwurf scheinbar zu verdienen, den ihm kürzlich ein Recensent der theologischen Werke H's. zu machen beliebt hat: „er „mache einen ängstlichen Vertheidiger seines „Schriftstellers, als ob durch eine nicht durchgängige „Billigung seiner Meinung dem Ruhm des Verstorbenen etwas entzogen würde; er derogire den „Verdiensten anderer, die neben Herder im „biblischen Fach den Beifall ihrer Zeitgenossen erhalten haben, u. s. f." — (Ein Vorwurf, gegen den er sich in der Vorrede zum i. Theil, S. X. genugsam verwahrt zu haben glaubte!) — um, sage ich, diesen Tadel nicht zu verdienen, so kann eres hier wohl unterlassen; auch für dießmal nicht weiter untersuchen, wessen Verdienste man mehr derogire? weit entfernt, jemand sein Verdienst schmälern zu wollen, wenn es wirklich sein eigenes ist. Die Zeit wird das alles berichtigen, Lockeren geben und nehmen. VI. Ueber Andacht: ein Fragment, das wahrscheinlich zur Aeltcsten Urkunde bestimmt war, aber besser hieher gehört: obwohl in demselben mehr xir Vorrede. nur gesagt ist, was Andacht nicht ist, als was sie seyn soll. VII. Der Redner Gottes: das Ideal, welches sich der Vers, bald anfangs seiner theologischen Laufbahn von seinem Amte machte (denn diesen Aufsatz schrieb er schon um rv65 , als er die Akademie zu Königsberg verließ und zu Riga ein geistliches Amt antrat). Wie er sich dieses Ideal einige Zähre spater ausgebildet und wie er es zu erfüllen gesucht hat, 'zeigt die Rechenschaft an seine Zuhörer zu Riga in seiner Abschiedspredigt daselbst, *) womit verglichen werden kann, was hierüber im IV. Lheil der Briefe vorkommt. Beweise, daß die Ideen der Provinzialblätter nicht erst bei Gelegenheit des Spaldingschen Buchs, sondern viel früher jn ihm entstanden sind und die herrschenden seines Lebens waren. Gerne hätte man, nach dem in einem kritischen Tagblatt geäußerten Wunsche, Proben von seinen Hirtenbriefen und Bußtags-Ankündigungen beigesügt, aber der Raum gestattete cs nicht mehr, — Sie sind, nebst manch' andrem, um diese Sammlung nicht zu überladen, beiseite gelegt worden, um allenfalls, wofern das Publikum cs begehrt, einst in einem Supplemcmband nachgclie- fert zu werden. Schafhausen, den r8, Okt. 1807. Johann Georg Müller, Prof, und Mitglied des täglichen Rathes. ») Theol. Werke, IV. 3r5. Inhalt des zehnten TheilS Seite. I. Briefe das Studium der Theologie betreffend. Vierter Theil . ...... Br. 38. Bom Bortrage überhaupt. Bon den mancherlei Gattungen desselben in der Schrift. WaS sie uns hieMit habe für ein Muster seyn? was für Mannigfaltigkeiten verschaffen wollen? . 8 Br. Zg. Bom Zusammenhänge der Schrift, von ihrer fortgehenden Zeichen - und Thatensprache. Philosophie über Sprache und Bilder ist die feinste Philosophie, der Schlüssel zur Symbolik, wie diese zum Zusammenhänge derBibel. Summe der Bibel. Beilage: einige Gedanken Luthers ........ 8 Br. sio. Ob die Schrift ein eigentliches Predigt- Borbild gebe? Was Predigt sey? und wovon ihre Form bestimmt werde? Bon der Homilie, der ältesten analytischen Predigtweise, ihrem Wesen und ihren Bortheilen. Einige Gedanken Luthers . .. 16 Bk. hn. Kurze Geschichte der analytischen Predigtmethode. Bon der Parabel. Vom Text aus der Geschichte. Bücher und Hebungen hierüber . Bk. si 2 . Von Lehrtexten: Schwierigkeiten bei denselben. Gebrauch der römischen Redner. Von Regeln der Beredsamkeit bei den Alten und Neuern. Bon den vier Worten; hören, lesen, sprechen, schreiben ...... 36 Br. HZ. Bon den Uebungen der Beredsamkeit bei den Alten und Neuern. Praktische Ausmahlung der Parabel vom Weltgerichte . . . H.6 Br. fl!». Entwurf der Anwendung eines historischen Lcxts, von der Ankünst der Weisen. Einige Mißbrauche einzelner, berühmten Predigtmuster Sg Br. H. 5 . Bon der Disposition. Bom tabellarischen Vortrage. Vom Dialogen, als einer uebung zur fließenden Schreibart. Bon Uebungen im öffentlichen Schulunterricht, als einer Borübung des PredigerstandcS. Nachschrift . . . 6- Br. Von der Pyesie, als einer Bildnerin des Bortrags. Bom Lehrgedicht, der Ode, dem geistlichen Liede. Von den neuen Verbesserungen alter Lieder. Geschichte des Kirchen-GesangeS neuerer Zeiten. Kraft der heiligen Musik . 7S Br. fl7> Vom Gebrauch der biblischen und christlichen Epopee. Ob man ihre Sprache? ob man die Empfindungen einzelner Personen derselben nachahmen müsse? Ob ihre Fabel biblische Wahrheit, Erklärung oder gar Verschönerung der Bibel scy? Grenzen im Gebrauch und Unterschiede dessen, was in ihnen Fabel und Wahrheit ist, an Dante und Milton gezeigt. Charakter Klop- stocks. Von der Poesie, aus Baco . . - 8? Br. H8. Von der Kirchengcschichte. Allgemeine Methode ihres Studiums. Lebensbeschreibungen einzelner Personen von ihnen selbst, von andern. Einige vorzügliche derselben. Von Briefen berühmter Männer. Methode zu Untersuchungen einzelner Begebenheiten der Kirchcngeschichte, insonderheit der Reformation. Baco's Gedanken über Geschichte, Kirchengeschichte, Lebensbeschreibungen u. f. ..... 98 Inhalt. Seite» Br. leg- Ob die Menge von Büchern die Welt gebessert habe? Worauf es beim Lesen ankommt? Ob man das Geistliche und Göttliche immer unmittelbar treiben müsse? Eine Pastoral-Theo- logie in Wersen.rr- Br. bo. Anzeige künftiger Materie. Uebersicht einiger Vorlheile des neueren Studiums der Geologie. Vom Treiben der Sprachen und des Lir- terar-Lexts. Bom Uebcrsetzen. Bon Prüfung der Beweisstellen. Bon Bereinigung der Par- theien. Bom äußerlichen Zustande unserer Kirche. Empfehlung der Vorbilder unsrer alten Theologen. Shaft esburi Briefe an einen Schüler der Theologie. Pythagoraische goldne Sprüche. Hemsterhuis Gedanken über den Gang der Wissenschaften. Religion und Gesetzgebung . II. Entwurf der Anwendung dreier akademischer Jahre für einen Theologen. (Ungedruckt) 167 HI. Briefe an Thcophron. (Ungedruckt) Lo 5 r. Brief. Ueber Vollendung der akademischen Laufbahn ........ roü »- Br. Wie die Bibel als Gottes Wort zu lesen ser>? Bonner ebräischen Poesie. Entwurf zu einem Werke, vom Geiste derselben . . rrZ 3. Br. Fortsetzung. Antwort auf Vorwürfe, betreffend das Unsittliche und Wilde mancher ebraischer Poesien ...... "L 4 . Br. Ob Gott unmoralische Dinge in der Bibel befohlen habe? Uebersicht der Geschichte Israels nach dem Zwecke Gottes. Bon den spatern (apokryphischen) Schriftstellern der Juden. Wie die in verschiedenen Zeiten so verschiedene Auslegung der Schrift und so verschieden aus derselben gezogene Lehre mit dem Zweck Gottes in Ansehung seiner Religion und Offenbarung bestehen könne? . . . . . . »?K acvr Inhalt, Seit«. b. Br. Fortsetzung, die Geschichte der Kirche hindurch. Bemerkungen über das fruchtbarste Studium der letzter» ...... r 5 » 6 . Br. Von der vermeinten Gefahr für das Chri- stcnthum in unfern Zeiten: ob für dasselbe zu fürchten sey? Protestantische Religionsfreiheit. Toleranz. Bemerkungen über die Natur von Religions-Revolutionen ..... s 6 ) IV. Gutachten über die Vorbereitung junger Geistlicher auf die Akademie. (Ungedruckt) 276 V. An Prediger. Zwölf Provinzialblatter. (Zum Thcil ungedruckt) . . , . . 29Z VI. VII. Beilagen.46» i. lieber Andacht und Sabbathsfeier. Fragment eines Gesprächs. 1772. (Ungedruckt) . . stbZ Der Redner Gottes. 176s. (Ungedruckt). . i»6l« I. Brief«, I. Briefe, das Studium der Theologie betreffend. Vierter Lheil. 17 86 . Herders Werke z.Rel,».THeol. X. A Acht und dreißigster Brief. -3 konnte, als eben dies Reich, das die Propheten verhießen, das Christus der Welt brachte, worauf auch alle Guten und Wahren zu aller Zeit wirkten? Wenns eine Absicht Gottes mit unserm Ge- schlechte giebt, (und sie giebts gewiß!) so ists diese, keine andere. Sic ist da F-erov, der einzige lebendige Funke im Menschengeschlecht, ders erhalt und vor der Verwesung sichert. Hatten die Propheten es auf ein irrdisches Reich des Messias eingetragen; sie waren meine Propheten nicht: denn alles Irr- dische ist zeitlich und vergänglich. Jrrdischc Ewigkeit ist ein solcher Widerspruch, als ewige Erdenseligkeit oder nach unserm jetzigen Zustande vollkommene Erdentugend. Hatten die Apostel auf eben dergleichen Reich gestürmct; mit Wundern und Sprachen waren sie meine Apostel nicht, denn sie hätten dergleichen Reich wahrlich schlecht angerichtet. Nun sie aber das stille Senfkorn des Himmelreichs, unter Leiden und Verachtung unter die Völker säe, ten, und das Netz zogen voll guter und böser Fische, die auf einen künftigen Tag der Auswahl warten: nun sie die stille Perle der andern Welt suchten und das Blukkrcuz, zu einem Baum des Todes und Lebens, wie eine beschwerliche Himmelsleiter über unsre Welttheilc pflanzten: so folge ich ihnen, denn wo sie ihr Erbtheil suchten, suche ich das Meine.' Wäre Jesus nicht der Christus, so verdiente ers zw seyn schon durch seine Weisheit und stille Tugend; nun ist ers, ohne unfern Wahn, durch das Werk seiner in die Ewigkeit fortgehenden Wirkung und Seelencrrcttung. — Was ist schöner, als die Sonne? Seiner Wahrheit ewig Gut, B r i efe, Was ist starker, als das Schicksal? Seiner Liebe stille Glut. Seine Demuth, seine Hoffnung, Die in Menschenherzen ruht- und einst aufgchen wird, das kleinste Senfkorn zum größestcn Baume. B ei läge. Einige Gedanken Luthers. Die Schrift ist wie ein Ring. Wenn der an Einem Ort brache, wäre es nimmer ganz. Es ist kein Wort im N. T. das nicht hinter sich sehe in das Alte: durchs Evangelium sind die Propheten aufgethan. Wir sollen hinterrück lausen und das N. aus dem A. gründen : wir müssen zu- rückstudiren und aus dem N. das A. lernen. Was Hilsts, daß wir die Schrift so reichlich haben und hören, und nichts davon uns nütze machen? wie eine Magd, die mitten in Blumen säße und keine wollt' abbrechen, einen Kranz zu flechten. Ich habe nun etliche Jahr die Bibel jährlich zweimal ausgelescn und wenn sie ein großer, mächtiger Baum wäre, und alle Worte waren Aestlein und Zweiglein, so habe ich doch an allen Aestlein und Reislein angeklopft, und gern wissen wollen, was daran wäre und was sie vermöchten, und allezeit noch ein paar Früchte heruntergeklopfet. düs Studium der Theologie bctr. i5 Man muß aus der Schrift den rechten Schatz, Kern , Saft und Schmack nehmen , welches ist das Erempcl des Glaubens und der Liebe. Darauf solltu sehen, wo es Gott herausgeschrieben hat, da darfst du nicht tief darnach graben. Darnach, wenn du dies fürnehmste Stuck hast, so kannst du heimliche Deutung mit cinführen und als schone Spangen dazu besten. Die Figuren streiten aber nicht, sondern sie schmücken den Glauben. Es leidet sich nicht, daß ein jeder mit seinem Kopf in die Schrift falle und darin grüble und mehre wie ec will. Es soll sich deß niemand unterwinden , er habe denn den H. Geist. Hieronymus und Oriqenes haben dazu geholfen, daß man so allegoriret hat: Gott vergebe es ihnen. Ist eitel Lappen- und Kinderwerk, ja Affenspiel, mit der Schrift also gaukeln. Als wenn ich aus Dietrich von Bern wollte Christum machen und aus dem Riesen den Teufel aus dem Zwerge die Hemuth, aus seinem Gefängniß den Tod Ehristi, oder sonst irgend ein Nitterspiel oder Historien vor mich nehmen, daß ich meine Gedanken an übet' und damit spielet', wie der gethan hat, der Oviclii metsrnor- pko8so8 V ganz aus Christum gezogen. Oder wenn ich St. Georgen Legende nähme und spräche: St. Georg wäre Christus, die Jungfrau, so er erlöset? , wäre die Christenheit. Der Drache im Meer wäre der Teufel, das Pferd die Menschheit Christi, Wer stehet nicht, daß solche Deutung eitel Gaukelwerk ist? Als ich jung war, da war ich gelehrt und sonderlich, ehe ich in die Theologie kam, da ging ich .6 Briefe, um mit Allegorien, Tropologien, Analogien, und machte eitel Kunst. Nun habe ichs fahreil lassen und ist meine beste Kunst, trsäsrs sLiixturam siinxlic! sensu: denn Ineralls sensus, der thuts, da ist Lehre, Kraft, Leben und Kunst innen. Mit Allegorien spielen in der Christlichen Lehre ist jährlich. Die Wort sind bisweilen sein lieblich und gehen glatt ein; es ist aber nichts dahinter, dienen wohl für die Prediger, die nicht viel studieret haben, wissen die Historien und den Text nicht recht auszulegen, so greisen sie zu den Allegorien, darinnen nichts gewisses gelehrt wird, darauf man fußen und gründen könnte. Darum sollen wir uns gewöhnen, daß wir bei dem gesunden und klaren Text bleiben: sonst geben wir dem Lästerer redliche Ucsach zu spotten, als ob unsre Lehre eitel solch Deutelwcrk wäre u. f. « Vierzigster Brief. Mit Fleiß habe ichs bemerkt, m. Fr., daß die Außere Form unsrer Predigten in der Bibel kein Vorbild finde: denn welches wäre dies Prcdigtvor- bild? Die Patriarchen segneten ihre Söhne, sie empfahlen ihnen des Herrn Weg; aber sie predigten nicht nach unsrer Weise. Moses fünftes Buch ist eine Anrede ans Volk aus seinem und über sein ganzes Leben; die herzlichste, stärkste, dringendste Anrede, zulcht mit den lautesten Stimmen des Fluchs bas Studium der Theologie betr. 17 Fluchs und Segens, denen fein ewiges Lied und sein demüthigcs Segcnsgebet folget; es ist aber nicht das Muster unsrer gewöhnlichen Predigt. So ists mit den Anreden der Propheten: sie stehen wie Berge Gottes da; wer vermag zu sagen: Berg, komme zu mir! Von Christo haben wir Sprüche und Parabeln, zum Lheil mit ihrer Auslegung; auch einige herzliche Anreden an seine Schüler und an das Volk; die Form unsrer Predigt gebricht ihnen. Die Briefe der Apostel sind — Briefe: zum Theil mit einer theoretischen und praktischen Abtheilung; sie sind uns Texte zu Predigten geworden, über die wir predigen; wie unterschieden ist aber Brief und Predigt! Also bliebe uns nichts, als die Relation Lucas von den Predigten der Apostel; diese aber ist nur Relation, historischer Auszug; keine Form einer nachgeschriebenen Rede. Meines Wissens sind auch alle diese Vorträge von einander selbst verschieden: und welcher unter ihnen wäre eigentlich unsre Predigt? Sie sehen also, m. Fr., an der Form liegt'S nicht: die muß von der Materie bestimmt werden: nur die Zeit hat sie gebildet. Das Wesentliche, das alle Vorträge der Bibel gemein haben und auch unsre Predigten mit ihnen gemein haben sollten, ist, daß sie den Willen Gottes verkündigen, daß sie Wort und Rath Gottes von unsrer Glückseligkeit menschlichen Herzen und Gewissen darlegen. Das thaten sie alle, Patriarchen und Propheten, Christus und die Apostel, jeder auf seine Weise; das sollen wir auf unsere Weise thun, aus und gemäß der Bibel; dieß ist Predigt. Herders Werke Siel. u. TlM, X. B Briefe, 18 Je mehr wir's also aus der Bibel, je gemüs- ser wir's ihr und uns selbst und unserm Kreise thun; desto besser predigen wir. Mich dünkt also, das erste Gesetz einer guten Predigt sey, daß sie nicht Rede, Nednerei in unserm Namen werde. Gottes Willen predigen wir, nicht den unsern, sein Thema stellen wir dar, nicht unser Thema. Sobald Predigt, was sic im Munde der Apostel eigentlich war, Botschaft zu seyn aushorte, ward sic Erklärung des WortsGoltes, ihrer Schriften und ihrer Lehre, Anwendung dessen, was vorgelesen war, in einem stillen christlichen Kreise. Dies hieß Homilie und war nicht eigentlich Orakion, Rede. Diese ist erst spater mit Kanzeln und Redesiühlen aufgekommen und noch unterscheiden die blühendsten Redner unter den Kirchenvätern, Chryfostomus selbst, Homilie und Rede. Mich dünkt, Natur und Zweck unterscheiden sie auch; und jene, die Homilie, war die Mutter dieser. Auslegung der Bibel halte ich also für die-vornehmste, beste Predigt und das Wort xoat illa sollte manchen heiligen Redner erinnern, wie fremde diesem Ort und dieser Zeit der Pfauenschmuck seiner Beredsamkeit sey. Er geht verbn Lssristi et sxostolorum, wie der Pfau hinter der Taube, wie der Marktschreier hinter einem bescheidenen Mann einher. Wer die gerichtlichen Reden Demosthenes und Cicero schlechthin zu Mustern unsrer Predigten , nimmt, hat weder Begriff von Predigt, noch von gerichtlicher Rede; beider Zwecke hat ec nicht verstanden. das Studium der Theologie bet r. 19 Da mit der Reformation das Wort GotteS und der gute Geschmack wieder aufkam; sogleich traten die Confessoren in die Fußtapfen der allen Kirche, sie hielten Homilien, sie erklärten das Wort Gottes und wendeten es an. So sind die Predigten Luthers, Chemnitz, Bullin- gers u. a. bis diese gesunde, alte und populäre Predigtart vom dogmatisch-polemischen Geist, zu- lezr gar von Philosophie und Rednerei verdrungen ward und man's für besser fand, sich selbst, als Wort Gottes und Christum zu predigen. Erlauben Sie, m. Fr. , daß ich von dieser, der simpelsten und ältesten Methode zu predigen, die Sie die analytische, oder biblische Pre- diglart nennen mögen, meine Gedanken weiter eröffne. Ich halte sie, an ihrem Ort, zumal auch in unsrer Zeit, für die beste; für junge Leute insonderheit ist sie die sicherste Pforte zu einer reichen guten Pcedigtübung. Wir haben ein Wort Gottes, das wir lesen, verstehn, anwcnden und andern erklären sollen : zu dessen Erklärung, Lehre und Anwendung Prediger eigentlich berufen und angewiesen werden; den meisten unsrer Predigten liegen gar Texte vor: — worauf weiset uns dies Alles, als aufHomilie, auf eine erklärende, anwendende Predigtmethode? Wir sotten nehmlich nicht ein Wörtlein des Textes, das Wort Und etwa, wählen , daraus ein scholastisches oder rednerisches Thema spinnen, dies abhaspeln und weiter Text und Wort Gottes seyn lassen, wo sie sind; dazu braucht es keine Bibel. Bibel wird in solchen Predigten V 2 2N Briefe, nicht gepredigt, der Text in seiner ganzen, lebendigen Ansicht nicht gebraucht; allenfalls könnte man da auch immer über ein Compendium der Philosophie oder, wie Kaisersberg that, über Brandes Narrenschiff predigen und die Predigten waren const- stenter. Jetzt, sobald ein Redner der Art sein sauersüßes Thema ankündigt, ist's nicht, als ob er die Schlummerkörner eines großen Mohnhaupts über die Versammlung streute? Der Eine Theil denkt: was soll mir das? Kann mir dieser über einen so allgemeinen, in der Luft schwebenden Satz, über eine in Predigtwindeln cingcschnürte Pflicht oder Tugend sagen, was ich nicht langst aus flcherern Quellen, mit bestimmtcrn Begriffen und Erfahrungen, bester wüßte? Er predigt! und so predige er denn! Sein großes, ewiges Thema ist: Hilsts nicht, so schadets nicht; scha- dets nicht, so Hilsts nicht; das er durch Theile und Untcrabtheilungen, nebst introitn und axorclio , sechsserlei nsn und Application allemal strenge durchführt. Ec beweiset's heute und über acht Tage, und über hundert Jahr, wenn er noch lebt, wird er's wieder beweisen. Nehmen Sie nun im Gegentheil das Wort Gottes, oder Ihren Text, wie er daliegt. Das meiste davon ist Geschichte, Parabel, und auch alle Lehre mit solchen verwebet: was nun natürlicher, als daß Sie diese als das, was sie ist, zeigen, Ihren Text oder seine Situation beleben und solche in jedem kleinen Glicde des Ganges und Fortganges anwendcnd verfolgen. Sie kündigen den Inhalt Ihres Texts be- das Studium der Theologie betr. 21 scheiden an, suchen die Situation in ihm mit wenigen Worten interessant zu machen, oder seine Lehre in Situation zu verwandeln. Diese begleiten Sie nun durch alle Theile der vorliegenden Geschichte , Lehre oder Parabel kurz und lebendig: Sic gencralisircn das Besondre, partiku- larisircn das Allgemeine, machen Ihren Text zum Text der Welt, Ihre Geschichte und Parabel zur Geschichte und Parabel des menschlichen Herzens, die Situation, die Sic anzcig- ten, in allen Krümmen zur Situation unsers Lebens. Da kann Ihnen Niemand entkommen, wenn er auch wollte, da darf niemand auf Application warten, weil alles Anwendung ist: da soll niemand beim Thema verachtend entschlafen, weil cs kein trockner Satz, kein nnivnrsuwr in nnns ist, sondern alles hier Thema des menschlichen Sinnes und Lebens wird. Os ts imiwatur kakula! heißt's beständig, wenn cs auch mit keinem Wort gesagt würde: die Sache spricht, die Situation kommt an uns, schlingt sich um uns und laßt nicht eher ab, bis die Predigt aus ist, bis jeder fühlt, daß sie aus sey, und sie gern langer wünschte. Sie führten den Zuhörer nicht auf der geschlagenen, ausgetretenen Landstraße, wo eS so wenig eine Freude ist, andre zu leiten, als selbst mitzugchcn, zumal man ja immer nur, wie das Sprüchwort sagt, der Nase folgen darf. In natürlichen, ungcsuchten, immer abwechselnden und doch zusammenhängenden Labyrinthen führen Sie ihn zum Ziel Ihrer Wallfacth und behalten den Leitfaden immer in Ihrer Hand; der Zuhörer muß folgen. Zudem wachst Ihre Predigt von An, 22 Briefe, fange bis zu Ende auch in Interesse, im Affekt; sie wird in ihrer Grundlage eine Fabel, eine lebendige Situation, oft ein Drama des menschlichen Herzens (ich weiß, Sie stoffen sich am Wort nicht) mit Knote und Entwicklung, kurz ein unzertrennbares Ganze. Der Zuhörer hat den Vortheil, daß er immer nur Bibel, für sich belebte Bibel höret, ja gewissermassen vor und um sich sichet. Er hat den Bortheil, daß er sich nachher Stück für Stück, Wort,für Wort eines jeden zu erinnern weiß, was gesagt ist, insonderheit was für ihn gesagt ist; er darf nur den Text vor sich nehmen und ihn wie einen svrtflicßenden Strom oder wie einen Lustweg, wo überall erinnernde Denkmale stehn, hinabwandeln. Er bekommt auch auf diese Weise seine Bibel lieber, da er sie verstehen lernt und auf allen Seiten die Geschichte feines Herzens in ihr liefet! bey der andern Methode mag er alles lernen, nur nicht die Bibel, die sich ihm ja nur in ausgerupften, herbeigezwungenen Stellen darbeut oder in ewigen Hohllönen, die Sprache der Bibel seyn sollen und es nicht sind, um sein Ohr schallte. Auch Sie bekommen die Schrift lieber, die sich Ihnen auf solche Weise in einer Fülle und Mannich faltig? eit darbeut , die Sie nie arm werden laßt, da Sie nach jener Mönchsmc- thode in weniger Zeit Blut- und Mausearm sind, weil Sie nach ihr ja immer nur vom Allgemeinen zehren und sich dies Allgemeine zu bald aufißt Hier werden Sie immer neu, wie Ihr Text, wie Ihre Geschichte: diese laßt sich in verschiedenen Jahren auch verschieden anseh en und hat das Studium der Theologie bctr. 23 überhaupt tausend Gesichtspunkte, wenn die kalte, scholastische Abstrackion nur Einen oder gar keinen hat. Die Morgenröthe jedes Morgens gehet uns ja mit neuer Huld auf und jede Abendsonne mit neuer Schönheit unter: jeder Frühling, jede wie. derkvmmende Jahrszeit hat ihre neuen, unerschöpflichen Reize. So ist's mit allen lebendigen Gegenständen der Natur, fo ist's mit allen Situationen der Bibel. Sie verjüngen sich für uns und wir verjüngen uns mit ihnen. Mich dünkt, man dürfe, inan könne k.ine zwo Predigten über ein Evangelium halten, die in vcrschiednen Jahren sich völlig gleich sei-n dörfien, gleich sey» könnten: denn wir schwimmen ja immer im Strom der Zeit weiter, unsre Aussicht, unsre Beherzigung wird also an- dcrs. — Oder wcnn's wäre, wenn man sich für dem Einerlei fürchtete: ei welche Menge von Gosch i ch t c n, Parabeln, Sprüchen, Situationen, liegt außer, liegt oft dicht am Text dar, die man mit ihm in Verhältnis stellen, in Verbindung ziehen und dadurch sich und seinen Vortrag erneuen, und beleben darf! Wer, als ein Tantalus , wollte in diesem Strom dürsten? Und da in der Bibel wiederum so viele und vielerlei Denkarten von Personen, Büchern, Zeiten sind und man diesen ganzen Garten voll Blumen und Früchte vor sich, zu seinem Gebrauch frei, ja zur Benutzung des ganzen Gartens sich verbindlich gemacht hat: können cs uns die Himmlischen und Irdischen vergeben, daß wir statt alle dessen Spin, negewcb theilen, fremde falschglanzcndc Rhetorik oder enge Scholastik predigen und damit die Welt emfchläfern? Wo bleibt das Woxc Gottes, das 24 Briefe, wir den Menschen in allen seinen Th eilen lieb machen sollen? wo bleibt unser Gewissen und unsre Pflicht? Von srühauf, m. Fr., üben Sie sich also in dieser analytischen Lehrmethode, die Sie auf das Einzelne, wie auf das Allge meine, aufs Alte und Neue aufmerksam macht und Ihnen alle Schatze der Bibel und des menschlichen Herzens öffnet. Das beste Symbolum jenes tauben Allgemeinen waren etwa die übel vcrstandnen Worte Davids: *) „all mein Heyl und Thun ist, wo nichts wachst;" das Symbolum dieser Methode ist F ru ch t b a r ke i t, Nutzen, lebendige Gegenwart in jedem Momente. Zu Anfang wird diese Lchrart schwer: denn sie fordert Materialien, immer neue, frische Materialien und ja immer Gegenwart des Geistes und Herzens. Sic will einen muntern Geist, der immer vom Allgemeinen aufs Besondere blicken, im Besonder» das interessanteste Allgemeine aufsin- den kann: sie laßt sich also nicht durch Regeln, aber wohl durch Beispiele, durch lebendige Ue bring lernen, und am meisten fordert sic den freien, willigen Geist, der Gott von Herzen, mit ganzer Seele zu dienen Lust hat. Sie hasset alles Wortgeklingcl, alle nachgcmachte, auswcndiggelcrnte Perioden - Fragmente und Sylbenweisen: kurz, sie hasset die knechtische D c esch m e t h o d e, da man immer und ewig leeres Stroh schlaget. Aber eben durch ihre Schwere und Schwierigkeit lohnt sie. *) « Sam, 2 Z, 5. das Studium der Theologie betr. 2S Sie zwingt, sich um Materie zu bemühn, die Schrift, den Lauf der Welt, die Geschichte deS Reichs Gottes kennen zu lernen, gute Muster insonderheit des Alterthums , die gern immer das Bestimmte, Besondre, Facta, Situationen, lebendige und dargestellte Ansicht liebten — diese zu lesen, sich mit ihrem Geiste zu nähren und aus ihrer Wirkung wenigstens den edeln Zweck zu lernen, ja nicht unnütze Worthelden scyn zu wollen auf der Erde. Hüten Sic sich, m. Fr., frühe vor diesem Abgrunde ohne Erlösung. Einige Gedanken Luthers. Laß deinen Dünkel fahren und halte von der Schrift, als von der reichsten Fundgrube, die nimmermehr gnug ausgegründct werden mag. Es ist der größten Plagen Eine, daß die Schrift so verachtet ist, auch bei denen, die dazu gestiftet sind; und cs sind doch nicht Lesewort, wie sie meinen, sondern eitel Le bewert drinnen, die nicht zum Spckulircn und hoch zu dichten, sondern zum Leben und Thun dargesetzt sind. Mir ist also, daß mir ein jeglicher Spruch die Welt zu enge macht. Ein Spruch der Schrift gilt mehr, denn aller Welt Bücher. Der Harnisch ist gut: wer ihn weiß zu brauchen. Wer mit dem Text wohlgefaßt ist, der ist ein rechter Pastor und das ist auch 26 Briefe, mein bester und christlicher Rath, daß man auS der Quelle Wasser schöpfe, d. i. die Bibel fleißig lese und treibe. Da liegts an einem guten Prediger, daß er könne eine Sache für sich nehmen und kurz, mit zweien, dreien Worten fassen und schliess sen; darnach, wo es noth ist, auch ausstreichen und erklären mit Sprüchen und Epempeln, daß aus einer Blume eine ganze Wiese werde. Gleichwie ein Goldschmied einerlei Stück Silbers dicht und dick über einander in einen Klumpen schla» gen und wiederum breit, kraus und zu dünnem Blech schlagen kann, daß es beide eine lange und kurze Predigt und doch einerlei und nicht widerwärtig sey: denn Gottes Wort soll reichlich bei unS wohnen, daß man der Schrift gewaltig sey. Sonst kommts endlich dahin, daß ein jeder predigt, was er will, und statt des Evangelii und seiner Auslegung wiederum von blauen Enten wird gepredigt werden. Ach, sie wollen nun alle nach Dialcctik und Rhetorik predigen, machens also kraus und bunt, daß weder das Volk, noch sie selbst etwas davon verstehen. Einfältig zu predigen, ist eine große Kunst. Christus thuks selber: er redet allein von Ackerwcrk, vom Senfkorn und braucht eitel gemeine Gleichnisse. Wer feine Gleichnis in Predigten her- fürbringcn kann, solches behalt der gemeine Mann. Der beste Prediger ist der, von dem man kann sagen, wenn man ihn gehört hat, das hat er gesagt; wenn er gleich nicht viel Sprüche führet und anzeucht, wenns nur recht ist, daß er predigt und dem Glauben gemäß. das Studium der Theologie betr. 27 Eines Lehrers fürnehmstes Amt ist, recht, richtig, odentlich zu lehren, daß er sehe auf den Haupthandel, Argumenta und Gründe, Summa, worauf er stehe und also den Zuhörer lehre und unterrichte, daß ers recht verstehe und könne sagen, auf dem stehts eigentlich. Wenn das geschehen ist, alsdenn mag er rhetorischen, spatzieren, mit Worten schmücken ic. Richtet euch nicht allerding nach andern, ihnen nachzuahmen und zu folgen: ihr könnt meine und eines andern Predigt von Wort zu Wort nicht erlangen; sondern fasset aufs einfältigste und kürzeste zuvor, worauf die ganze Sache und Pre, digt stehet und befchlets darnach, unserm Herrn Gott. Wenn ihr sehet, daß die Leute mit größrcm Ernst und Lust zuhören, so beschließet: zum nächsten kommen sie desto lieber wieder. Ein und vierzigster Brief. Sie fragen, m. Fr., wie Sie sich vor dem angczeigten Abgründe scholastisch - thcorethifcher NichtS- sagercien hüten könnten? welche bessere Muster Sie zu befolgen hätten? Ich habe Ihnen schon einige genannt, und das beste ist, kein Muster n ach- zuahmcn, sondern auf dem Wege lebendiger Uebung sich selbstMuster zu werden. Damit Sie 28 Briefe, mich indessen nicht mißverstehn, so erkläre ich mich weiter. Die Apostel waren Boten einer neuen Botschaft in alle Welt; so neue, unerhörte, vom Geist in- spicirte Boten zu seyn, müssen wir nicht affecli- ren : wir predigen aus ihnen, nach ihnen und jedermann kann sie ja lesen. Die besten Kirchenvater waren zugleich die simpelsten Homileten. Ich lasse manchen ihren Witz , ihre Allegorien, ihre glanzenden Tiraden; aber ihre Kür ze, Einfalt, ihr Ansehen, ihren herzlichen, oder wenn ich so sagen darf, Brustvortrag (sloc>usnil-iwr xecto- ris) beneide ich manchem. Es ist eine Schande, daß viele Prediger unter Postillen alt und grau werden und wenigstens einen Basilius und Ehrysostomus nie kennen gelernt haben; hierin beschämet uns vielleicht die Römische und Griechische Kirche. Die Französische Kanzelberedtsamkeit hat sich sehr nach Ehrysostomus gebildet; und in der Griechischen Kirche sind in den seltnen Predigten, die sic aufgiebt, noch von Basilius Einfalt Spuren. Wenn die eigentlich-christliche Epoche wenigstens ein silbernes Zeitalter gehabt hat, so war's das Jahrhundert, da diese Männer und neben ihnen ein Eusebius, Athanasius, Grcgo- rius, Ambrosius, lebten. — In den Mönchsjahrhunderten verschlimmerte sich die Beredtsamkcit sehr und auch Tauler ist außer seiner freilich sehr bestimmten, festen und ich möchte sagen, ehernen Mystik, außer seiner nervichten Sprache, kein Muster. Wer zwo Predigten von ihm gelesen hat, hat sie alle gelesen: ec zieht zusammen mit seiner My- das Studium der Tho logte betr. 2g stik und die Seele schrumpft mit Gewalt über ihn ein. Luthers freie Herzenssprache und reiche biblische Analyse habe ich Ihnen schon empfohlen; mir hat sie zuerst den bessern Weg gezeigt; ohne daß ich sie je hatte nachahmen können oder wollen: denn er spricht auch in ihr als Luther, der sich nichts übel nimmt und übrigens auf Predigten nicht uiel Zeit wenden konnte. In seinem Jahrhundert predigten mehrere z. E. Jonas, Malhesius, Weller, Chemnitz u. a. nach seiner Weise; die analytische wurde damals die erste protestantische, allgemeine Lehrart. In neuen Predigten bin ich sehr unbewandert. In unser» berühmten drei Predigt- Nationen , Engländern, Franzosen und Deutschen giebts sehr viel, viel gute analytischen Predigten: wie ich mich denn über die Parabeln Christi und über andre historische Texte einiger trefflichen Muster erinnere; verzeihen Sie mir aber, daß ich mein Gedächtnis nicht martere. Auf Nachahmung oder gar auf Plünderung solcher Stücke käme cS doch überdem gar nicht an; sondern auf Untersuchung des Weges, den ihre Verfasser gingen und auf dem sie zu ihrer Vollkommenheit gelangten. Lassen Sie uns also nach diesem umhcrschaucn. Der schönste, rundeste Text, über den zu predigen ist, ist eine Parabel, und ich bin daher den Vätern gut, daß sie so viele in die Evangelien brachten: sie hatten statt mancher sich wiederholenden Wunder noch mehrere, als die vom verlohnten Sohn und sonst einige Matth. i 3 , 2>. Luc. 18,21. hineinbringen können. Die Fabel halte ich für die Perle des Vortrages in der Moral, Beredtsamkcit und Dichtkunst. Gewissermaßen ist sie der Keim aller schönen Einkleidung, alles wahren Schmuckes der Rede. Die besten Wortblumen, dag Bild und die Allegorie sind eine kürzere Fabel. Auch der wahre Gang der Geschichte und Erzählung, so wie die kürzeste Anschaulichkeit aller Moral und allgemeinen Lehre liegen in ihr.— Christus selbst fand es gut, seine schönsten Lehren und Geheimnisse des Reichs Gottes in Parabeln zu kleiden; aus ihnen muß also auch der Keim des ächten christlichen PredigtvortrageS, wie vielleicht alles guten Vortrages, hervorgehn: denn wozu anders wählte Jesus eine Parabel, als daß er sie zur ge- schlankcn, lebendigen Fabel seiner Lehre und der Situation machen wollte, die in ihr liegt? Diese gehe also aus ihr hervor: aus dem Samenkorn sprosse der ganze Baum mit seinen Aesten und Zweigen ; und je geschlanker sich die Parabel um uns schlingr, je mehr sie mit fort gehender, wachsender Stärke uns immer mehr umfasset, die Tiefen ihres Inhalts oder unsrer Seele öffnet und zuletzt, als eine kakula rnoraia voll großen Aufschlusses und ächter Lebensweisheit, in uns bleibet; desto bester war die dahin einführende Predigt. Sie muß ein so ganzes Werk scyn, als ihr Text cs ist: kein Wort in ihr weder zn viel, noch zu wenig; voll Abwechselung und Fortgang, voll Sitten und Entwicklung. Der Knote in ihr so angezogen und interessant gemacht, als überall, wo in der Erzählung, Handlung und Geschichte ein Knote ist; denn um ihn das Studium der Theologie betr. 3i schlingt, in ihn verstrickt sich die Aufmerksamkeit deS Zuhörers. Nur einige Predigten von dieser Art über die reichsten Gleichnisse mit größestem Fleiß unp Wetteifer ausgearbeitet, prägen der Seele eine gute Form ein, die nachher und bei der verschiedensten Materie ihren strengen Umriß, ihre tüchtige Wirkung zeiget. Hier gewöhnt man sich zu einer Einheit des Blicks bei der größten Abwechselung des Ganges, zu einem kräftigen, vielfachen und immer bestimmten Ausdruck, zu einem Reicht hum der Materie an Sitten, Gedanken, Schilderungen u. dgl. endlich zu einem bis ans Ende wachsenden Numerus der Rede. — Scheuen Sie sich nicht, um hier zur Vollkommenheit zu gelangen, vor den Regeln und Vorbildern der Griechen; denn diese sind, in allem, was Ausführung und Ausbildung, Einkleidung und Fabel ist, allein Meister. Homer und Sophokles sind in thätiger Entwickelung des vollkommensten mythi, scheu Gebäudes, so wie A r i st o t e l e s in den feinsten Bemerkungen und Regeln darüber, die ewigen Muster, die auch H. Basilius selbst anprei- set. Niemand in der Welt hat besser, als Homer, bewiesen, wie man die einfachste Fabel mit der reichsten Natur beleben, mit dergrößestcn Einfalt so vielfach machen kann, als die weite Schöpfung. Wie einfach leitet er den Plan fort und läßt ihn am Faden seiner Hand immer wachsen! wie weise vertheilt ec Licht und Schatten, führt jeden Gott und jede Begebenheit zu rechter Zeit herbei, und eilt immerdar zum Ziele. In diesem großen Anblick seine Jliade 32 B r i e fe, als ein Muster der einfachsten und pathetischen, die Odyssee als ein Vorbild der verwik- kcltcn Sittcnfabel zu lesen, frühe zu lesen und von einem Lehrer, wie Aristoteles war, darüber strengen Unterricht zu hören, gewöhnt, dünkt mich, die Seele zu Bildung eines einfachen und reich-abwechselnden Plans auf Zeitlebens. Sophokles, mit seiner kurzen, gerundeten Darstellung einer menschlichen Fabel, führt eben des Weges, und da er übcrdem auch die Affekten ganz in seiner Gewalt hat und sie mit jedem Fortschritt der Scene, wie aus einem Knäuel hervor w indet: so ist aus ihm für den, der zu lernen weiß, viel zu lernen. Glücklich ist der, dem's gegeben ward, diese Eindrücke von Entwicklung der schönsten und mächtigsten Form der Rede frühe zu empfangen und sich in den schönsten Jahren darnach zu bilden; denn alle Redekunst hat sich an Poesie und Fabel gebildet. Zunächst an der Parabel steht die Geschichte Und da diese in der Schrift auf morgcnlandische Weise, d. i. einfältig und kindlich beschrieben steht, so kann ein guter schicklicher Abschnitt derselben an Fruchtbarkeit der Materie oft wirklich für eine Fabel gelten: man kann ihre so einfache Züge aufhellen, als ob's Geschichte der menschlichen Seele wäre. Im N. T. erzählt Johannes zu diesem Zweck die Geschichte am lehrreichsten. Eben durch Bemerkung der kleinen Umstande und daß er sie, wie einen sanften Bach zwischen Blumen und engen Ufern sich fsrtwinden laßt, dadurch das Studium der Theologie bcks. 3V durch macht er auf jedes Moment des Fortganges aufmerksam: unvermerkt wird seine Erzählung zum schönen Ganzen, gleichsam zur Fabel des menschlichen Lebens, zum Spiegel menschlicher Gesinnungen und Gestalten. Versuchen Sie in diesem Gesichtspunkte seine Geschichte vom Täufer, sein Gespräch Jesu mir der Samarikerin, den Jnquisikionsprozeß des Blindge- bornen, die Auferweckung Lazarus, die Leidensgeschichte u. f. zu lesen: wer, indem er die feinen Züge nur halb bemerkt, über eine solche Geschichte nicht predigen, und die Saiten des menschlichen Herzens berühren könnte: der wäre zu diesem Geschäfte wohl unbrauchbar — Ihm zunächst stünde Lukas, der in seinen beiden historischen Schriften feine Züge des Gesprächs und der Bemerkung dem Geschehenen cinwebc, dessen sich insonderheit einige Festlectionen zu erfreuen haben. So hat Klopstock den Gang der Jünger nach Emahus aus ihm schön Hochgebildet: so sind die Geschichten der Ankündigung und Geburt Johannes und Jesu, wie auch einige andre, die die andern Evangelisten nicht haben, erzählet. In den Büchern Moses sind viele dergleichen Erzählungen; nicht minder in der LebenS- geschichre Samuels, der Könige, der Propheten. Wer über die Geschieht KainS und Abels, Abrahams und Melchisedeks, Isaaks Aufopferung, Jakobs und Josephs Schicksale, über Stücke ausMv- seS, Aarons, Samuelö, Sauls und seiner Nachfolger, Elias, Daniels, Jesaias u. f. Leben oder Schriften nicht zu predigen wüßte, worüber sollte der predigen? So hat Lavater die Geschichte Herders Werke r- Rel. u.Theol. X. C 34 Brief,, IvnaS und der ersten apostolischen Kirche; andre, (Engländer insonderheit) haben merkwürdige Charaktere, Gespräche, Situationen des A. und N. T. gleichsam nur lebendig ausgenommen, und Charakterstücke der Menschheit an ihnen gezeichnet. Poriks Predigten, wo er nicht seiner komischen Laune zu sehr den Zügel läßt, sind voll feiner Züge in dieser Gattung- Auch hier, m. Fr., rathe ich Ihnen zum Studium der Griechen. Lehrender und feiner als Plato und Lcnophon den Sokrates ausnahmen, wird kaum «ine andre, nur menschliche Hand zeichnen. Die Gespräche des ersten sind den beiden größesten Rednern der Welt, dem Demosthenes und Cicero, die Quelle ihrer schönsten Lebens- und Siktenweisheit gewesen: und von dem letzten werden sein Cycus, Agesilaus u. f. als schön-entworfene Gemälde ewig leben. Ob Noltaire gleich nicht ganz mit Unrecht sagt: der Monolog hasset den Dialogen; denn auch Cicero war glücklicher in seinen Reden als Gesprächen ; so ist doch gewiß, daß aus Gesprächen, wie Plato's, Cicero's u. f. (ich wollte, man könnte auch sagen, Men anderes) der Styl eine Gelen- kigkeit, eine Biegsamkeit bekommt, die sonsther schwerlich zu erlangen stehet. Auch Plutarchs, und unter den Neuern Addisons Schriften sind zu dieser Absicht sehr nützlich. Plutarchs moralische und historische Aufsätze *) haben eine Honne- ) Von einigen seiner besten moralischen Stücke haben wir eine gute Uebersetzung: Au «erle- das Studium der Theologie betr. 35 tetät , die ich außer den Sokrati- schen Schriftstellern kaum irgend kenne; auch die Ader von Religiosität (öLronScriuoin«) , der ich den harten Namen Aberglaube bei ihm nicht gern geben möchte, ist für einen Theologen lehrreich. Seine Philosophie ist gewissermaßen nur belebte Geschichte, mit der jene auch ganz durchwebt ist; und ich weiß nicht, ob es nützlichere Schriften gebe, als die, so Weisheit und Geschichte in Einen Kranz flechten. Sie werden sich wundern, daß ich Ihnen immer noch von keinem Griechischen oder Römischen Redner sage; hören Sie aber Cicero selbst erzählen : woran er sich zum Redner gebildet habe? An Philosophie und Geschichte. Er an Plato und Demosthenes; Demosthenes an Thucydides und Plato; die Poesie ging allen vorher, sonst hätten sie sämmllich nicht werden können, was sie geworden. Mich dünkt, dies ist der Weg der Natur, den auch die Schrift in der Einkleidung ihres Vortrages bestätigt. Die Zeiten der Poesie gingen voraus: die Geschichte folgte: Lehre und Re de entwand sich aus dieser und blieb ihr, als Freundin, zur Seite. Genug für heute. Leben Sie wohl. sene moralische Schriften von Plu- tarch, Zürich, 176g. 3 Bände. Addisons Zuschauer und andre Schriften sind durch Ueber- setzungen gleichfalls gnugsam bekannt. C 2 36 Briefe, Zwei und vierzigster Brief. „Wenn nun aber nothwendig der Text ein Lchrtext wäre?" So ist kein andrer Rath, als daß Sie ihn zur Geschichte machen, zur Geschichte Ihres und jedes Herzens, zur Situation der Menschheit: auf Einmal haben Sie wieder das große, freie Feld vor sich. Sie gencralisiren und vereinzeln, blicken über Zeiten und Völker hinaus und schranken sich wieder auf's menschliche Herz ein; — andre Auskunft giebt's nicht. Das Herz ist die Triebfeder von allem: ihm zu gut erleuchten Sie den Verstand und müssen also das Licht desselben bis zu seiner Warme leiten. Mögen Sie über eine Lehre oder über eine Pflicht predigen; (ich erblöde, wenn ich nur die allgemeinen Namen Lehre, Pflicht und dann das arme Wort Predigt hinschreibe) die allgemeine Lehre und Pflicht kann nur im Be sondern, im Einzelnen existiren, aller zu ferne und feine Dunst hilft nichts. Auf dies Besondre müssen Sie also dringen, die Philosophie und Dogmatik so sehr vom Himmel Herabrusen, daß sie jetzt nur in diesem Kreise wohne und keinen andern Raum zu haben, zu begehren scheine. Ist Ihre Predigt so ganz und eigen für Ihre Versammlung, daß sie nirgend anders, als hier gehalten werden kann: behandelt sie sowohl Lehre als Pflicht nur als Interesse und Situation dieser Menschen^ entwickelt die Hindernisse, die beide E V'-EM- X-Ä?, --- - -- -! Las Studium der Theologie bet r. A7 hier finden, lehret diese Zuhörer und niemanden in der Welt sonst, bcrathschlagt mit ihnen, muntert sie auf, treibet sie an u> f. desto besser ist die Lehr-, die P fl i ch t e n p r e d i g t, und die beste ist die, die im Allgemeinen, Unbestimmten gar nicht nmhertaumclt. Sie sehen aber, daß dieser Vortrag der schwerste und späteste ist, wenn er rechter Art scyn soll. Er erfordert die Erfahrung sowohl, als das Ansehen eines BatcrS, eines Weisen, nicht den Leichtsinn eines Jünglings, der mit allgemeiner Lehre und Altkl ugheit oder gar mit seiner frechen Bestrafung und Anmunterung, statt Erbauung, vielmehr Eckel und Verdruß erreget. Und doch sind solche gewasserte Lehrpredigtcn die häufigsten von allen in Schrift und Sprache. Erröthen Muß man, wenn Jünglinge so lehren und zurecht weisen oder gar donnern und zerschmelzen! Was würde ein alter Römer und Grieche, was gar ein Morgenländer sagen, wenn er in unsre Versammlung träte, und den unbärtigen Knaben im Prie- stcrgewande vor alten, würdigen Männern und Greisen solche lästerliche Jugendübungen halten hörte! Geh, würde ec ihm sagen, in den Winkel, in den Schatten der Schule, du Lehrling, und entweihe nicht mit Knabengeschwätz den Kreis einer heiligen Versammlung! — Ernesti hat es mehr als einmal bemerkt, wie wenige auch sonst berühmte Leute Glaubenslehren auf die rechte Art zur christlichen Disciplin machen; und Lebenspflichten aus den rechten Glaubcnsquellen hcrzuleitcn wüßten. Schon Luther hat darüber oft geklaget. Nichts ist dabei eckler, als die allgemeinen Schilderungen von sogncnannten Charakteren, Tu- -er- v ÄMi 38 Briefe, gen den und Lastern. Wihige Franzosen und unwitzige Wochcnschriftsteller haben sie in Gang gebracht und zur Kanzel passen sie, als ob diese mit Augsburgischen Pscnnigbildern behängen wäre: denn Bilder dieser Art sind meistens die Ideale solcher Predigten an Farben und Zeichnung. Wer's bedenkt, was es für ein verflochtenes Ding sei) mit dem Wort, Tugend, Laster, Sitten, Genau thsart, menschlicher Charakter: wer's gelesen hat, daß Gott der Herr selbst sagt: das Herz des Menschen ist ein trotzig und verzagt Ding, wer kann's ergründen? Ich allein kann's ergründen, der Herzen und Nieren prüfet; der wird schaudern, wenn er die leichtsinnigen, elenden Schilderungen hört. Kein Schüler Aristoteles, der nur seine Ethik und Moral, oder nur Cicero's Buch äs ossisiis gelesen, würde so schwatzen; und ein Christ, über Sachen, die das ewige Heil angehn und unsre Bildung dazu befördern sollen, darf sich nicht der Sudeleien schämen? O Freund, Freund, eilen Sie nicht zu jung, zu leichtsinnig, zu oft auf die Kanzel. Sie haben ja andre Uebungen für sich in der Stille , die Sie weiter bringen werden ; Und müssen Sie ja predigen, so legen Sie das Gewand der Bescheidenheit an von Kopf zu Füssen. Nichts steht einem jungen Redner besser, als dieses; zumal einem jungen geistlichen Redner. Neben Sie sich vorher in allen andern Gattungen des Vortrages, und lassen Sie diesen, den eigentlichen Lehr - oder Strafvortrag bis auf die Zeit, da Ihnen Amt, Pflicht, Bedürsniß und Gewissen Anlaß und Gelegenheit das Studium der Theologie bet r. genug geben werden, in ihm zu reden. So lange lehren, bessern und strafen Sie sich selbst- Ich fahre fort, Ihnen einige Schriften und Hebungen zu nennen, die zur äußern Bildung dieses Vortrags dienen, und fange abermals von den Griechen an. Hier mögen nehmlich nun die eigentlichen Redner der Griechen und Römer stehen, deren Namen und Ruhm überall bekannt, deren Vorzug von so großen Männern zergliedert und dar- gestellt ist. Ich habe sie zuletzt gelassen, denn sie erfordern die grösieste Vorsichtigkeit in der Anwendung. Um uns ist kein Griechenland, kein Rom: wir reden weder vor dem Senat, noch auf dem Markte; eine falsche Nachahmung also, insonderheit dessen, was man die Figuren und Blumen des Vortrags nennet, wäre eher lächerlich als rühmlich. Es gehört eine genaue Kenntniß der Sachen, der Geschichte, deS Zustandes der Nepublik, in der der Redner sprach, deS Geschäfts, über welches er sprach u. f. dazu, um das Einzige und Beste von allen, den Geist des Redners, mit dem er die lebendige Situation, die vor ihm lag, erfaßte, sich zu eigen machte und sie in seinem schönen, rührenden Wort» gebäude dahinstellte — um diesen zu erreichen. Hier ist's billig, daß wir von den Römern zu den Griechen gehn und jene erst kennen lernen; wenn auch aus keiner andern Ursache, so aus der, daß wir ihre Republick, insonderheit zu der Zeit, besser kennen, da ihr größester Redner, Cicero, lebte. Dieser hat sich selbst sehr ins Licht gesetzt: von seinen Reden und Werken haben wir eine weit 4 « Briefe, vollendetere Ausgabe, als von seiner Griechischen Vorgänger Schriften : seine Werke erklären sich auch einander, da niemand besser, als er, über die Redekunst geschrieben und seine Briefe, deren zum Glück so viel übcrbliebc», der Schlüssel seines ganzen Lebens sind. Ich wünschte, m. Fr., daß Sie diesen großen Republikaner, und unermüdeten Geschäftsmann so werth gewännen, als crs verdient, und dazu, bitte ich, Middletons Leben von ihm vorläufig zu lesen; eine Lebensbeschreibung, wie wir sie von allen großen Männern des AltcrthumS haben sollten- Sic werden in ihr mit dem Geist seiner Briese, seiner Geschäfte, ja mit allen großen Römern bekannt, die zu seiner Zeit lebten: Ihr Geist wird erhoben, mit Römern römisch zu denken, Römer römisch zu lesen. Von dieser Vorbereitung gehen Sic in Stunden der Erholung auf seine rhetorischen Schriften, cls invenrions, cls orarors, c!s clarib oratoriüus, und insonderheit zu seinem schönen Redner selbst aä Lrutrun: Sie lernen in ihnen wie Rom überhaupt , . so auch insonderheit das hohe Ziel kennen, das diese des Nachruhms werthe Seelen sich zur Beredsamkeit aufsteck« den. L wie entfernt sind unsre trägen, kriechenden Zeiten von der unabläßigen Uebung, von der immer thätigen Geschäftigkeit, von dem edlen Durst nach öffentlichem Verdienst und unsterblichem Namen , in denen sich jene großen Männer umher» drängten. Aus Geschäften, in Geschäfte floß ihre Rede: sie wandten auf beide Dinge, (die von einander auch unabtrennlich sind,) mehr Zeit und Mühe, als wir davon nur Begriff haben. Die Gabe her Sprache und des Vortrags galt damals, was das Studium der Theologie betr. 4» jetzt das leidige Geld oder ein höchstvenerirlichcs Re- script gilt, die zu unsrer Zeit alle Rede - und Beweiskraft mit sich führen. — Von diesen rhetorischen Schriften gehen Sie zu seinen philosophischen Aufsätzen über, in deren Einkleidung Plato meistens sein Muster war. Sic werden sehen, was bei ihm die Philosophie war, wie er sic als die Mutter der Erfindung, als die Schatzkammer aller wahren Beredsamkeit preiset. Erst nach diesem allen, und insonderheit auch nach einer zuvor erlangten gründlichen Kenntniß des Geistes der römischen Geschichte, erst jetzt wagen Sie sich an seine Reden: denn nun sind Sie vorbereitet, sie nicht falsch anzuwcn- den und etwa Ziegcnwollc an diesem goldnen Widder der Beredsamkeit zu scheren. —Mit ihnen ausgerüstet, werden Sie sodann, wenn Sie Zeit und Lust haben, zu den Griechen übergehen könne»; wo ich aber bekenne, daß ich, außer einigen Schulreden des Jsokrates, ihre Redner selbst noch nicht gelesen habe. Die Laufbahn, die ich Ihnen vorge- zeichnet, ist so groß und einem Menschen, der frühe in Arbeit ist, bleibt zum rechten Lesen so wenig Zeit übrig, daß man sich oft das Beste versagen und aufsparen muß. Sie werden ein Mann werden , che Sie mit gehöriger Reife und Auswahl in Ihren Ncbenstunden nur das Beste von dem gelc. sen, was ich Ihnen als goldene Grundlage des Denkens und Ausdrucks schon vorgeleget habe. Ich schließe also noch mit wenigen Anmerkungen meinen gesetzschweren Brief. Zuerst: Regeln der Beredsamkeit suchen Sie ja nur, vorzüglich wenigstens, in den Allen. Die Neuern könne» Wohlredcnheit haben, und es sind große Schriftsteller der Art ln allen gebildeten Nationen; Beredsamkeit aber wohnte nur da, wo Republik war, wo Freiheit herrschte, wo öffentliche Berath- schlagung die Triebfeder aller Geschäfte und endlich wo Reinigkeit und Anbau der Sprache in der Würde war, in der sie außer Rom und Griechenland nirgend gewesen. Was man auch sage, wir sind Barbaren und tragen noch gnug Zeichen unsrer Abkunft an uns. Das Ohr unsers Volks ist stumpf und nur nach dem Ohr der Hörer bildet sich Zunge und Rede. Unsre Sprache ist gegen die Römische und Griechische unperiodisch, zerstückt, mit Consonanten und Hülfswörtern überladen; es ist so unmöglich, daß sie sich zur griechischen Runde, zum römischen Numerus erhebe, als cs ja bewiesen ist, daß sie eigentlich gar keine Perioden hat, nehmlick, was jene Sprachen xsiiockuni nannten. Da wir nun überdem außer der Kanzel, auf der die Beredsam- keit in so kalter Luft ist, fast gar keine Gelegenheit zu öffentlichen Reden haben: da unsre Spiele und gesellschaftliche Uebungen gewiß nicht oralorisch, am wenigsten politisch-oratorisch sind: da von jeher Deutschland das Vaterland des Ceremoniels, und einer hölzernen Knechtschaft gewesen; so ists ja Thorhcit, Regeln einer Kunst zu suchen, wo die Kunst selbst fehlet, sie mit Pflastern salben zu wollen, wo sie nicht athmen kann und nie geathmet hat. — Sepen Sie also sicher, daß, so wie wir keinen Demosthenes und Cicero weder gehabt haben, noch haben werden, wir auch keinen Professor der Redekunst haben können, der Cicero und Quin tili an überträft. In keiner Oratorie das Studium der Theologie betr» 43 können Sie also etwas besseres finden, als was Liese, und zwar aufs bestimmteste, gründlichste, schönste gesagt haben. Sie und Aristoteles, Dionysius von Halikarnaß in seinen Urthei- len über einzelne Redner, Longin über das Erhabne und der Vers, des Gesprächs über den Werfall der Beredsamkeit haben an oratori- scher Anweisung beinah alles erschöpfet; so, daß den Nra8nai8, Vossiis, und ihres gleichen wohl nichts übergcblieben ist, als sie zu erläutern und etwa anders zu ordnen. Gehen Sie also immer lieber gleich zur Quelle und halten die angezeigten Schriftsteller als Schatze der Vernunft, Kunst und Sprache lieb und werth. — Auch die Anweisungen zur geistlichen Beredsamkeit haben ihr Gutes aus ihnen, wie ich das nur noch neulich, da ich P. Gisberts Anweisung zur geistlichen Beredsamkeit durchlief, beinah mit Verdruss wahrnahm. Was er aus den Alten, auch etwa aus den Kirchenvätern, anführt, ist gut; was er selbst dazu und darüber sagt, ist Französischer Flitterstaat, der Dunst einer onLtion (ein Lieblingswort der Französischen Kan- zelredncr!) den ich nicht begehre. Am besten haben die gethan, die von dieser Art der Wohlredenheit nur kurz, in Gesprächen etwa, geredet und das Auszeichnende derselben bemerkt haben. Unter diesen sind mir Fenelons Gespräche von der g e i st l i che n B ere d fa m k e i t die liebsten: ich gebe ihm völlig Beifall und er hat seine Gedanken mit einer Warme und Leiblichkeit gesagt, die ich ihm beneide. Zch liebe diesen Man» beinah vor allen seinen Landsleuten, auch wo ich nicht mit ihm übcreinstimme: alle feine Schriften fliesten wie Milch und Honig: eS war eine große, reine und zarte Seele in ihm. — In ziemlicher Entfernung hinter ihn stelle ich ein englisches Gespräch: Theodor, oder die Kunst zu predigen von David Fordyce: ist angenehm und fein geschrieben, hinten aber von einem sehr schlechten, zugcspitztcn Muster des Jacob Fordyce begleitet. Sonst sind Oporins, Osterwalds, la Placet- ic u. a. Anweisungen bekannt und beliebt; dem letzten sind in der deutschen Uebcrsetzung Mosheims und Andrer Gedanken von der geistlichen Beredsamkeit beigefüget. Ueber mehrere sehen Sie, wenn Sie Lust haben, in den Anweisungen zur theologischen Bücherkunde, in Homiletiken, P a s t o ra l - T h c o l o g i e u. f. nach. Unter den jetztlebendcn Theologen Deutschlands sind insonderheit Miller, Jacobi und Seiler auch wegen ihrer Popularität in Vorschriften dieses Faches berühmt, so wie sie anderweit mancherlei Verdienste haben. Vielleicht kennen Sic diese und andre Autoren besser, als ich, der wenig neue Schriften zu lesen Zeit hat; wenn ich daher manche übergangen hatte, so rechnen Sie mirs nicht zu — — Zweitens, das Kunstwerk aller Rcdeübung liegt, dünkt mich, in den vier Worten: Horen, lesen, sprechen, schreiben. Nachdem diese von Kindauf recht bestimmt und geordnet werden, nachdem stehet man entweder aus einem festen Cubus, in Sprache und Denkart, oder auf abrollendem Sande und immerdar gleitenden Steinen. Der Jüngling, und schon das Kind, müssen zuerst hören lernen, che sic sprechen, lesen oder d«< Studium der Theologie betr. ej5 gar schreiben: je besser ihnen erzählt und zu ge. sprachen wird, je reiner sie diese erste gute Form in Ohr und Seele fassen, desto schöner wird ihre Denkart und Sprache werden. Wer hier immer Fenclons zu Bildnern der ersten Jugend hätte! Auf dies Hören folgt Na ch e rz a l, len, freie S e l b s tä u ß e r u n g und W i e d e r h o l u n g. Hier bemerkt man bald den Umriß der Form, der in der Seele des Kindes und Jünglings liegt, der man also dadurch zu Hülfe kommen muß, daß man die Aufmerksamkeit hie oder dahin lenket. Aufs Erzählen folgt das Lesen, dies so wie jenes. Das Worlesen geht vor dem eignen Lesen, das laute vor dem stillen Lesen lange vorher und Eins wird aus dem andern nur langsam. Je besser 'hier gewählt wird, je mehr auch die Stimme und der Wohlklang des Vorlesenden ins Ohr fließt: desto mehr bildet sich das Nach erzählen, das ' Nach sch reiben, das eigne Schreiben selbst im Perioden und in der Form der Rede. Es giebt Schriftsteller, deren Perioden ich nicht ertragen, nicht vorlesen kann und für Geld nicht auswendig lernen möchte; cs giebt andre, wo Form und Inhalt aus meiner Seele genommen scheinen, also auch gleichsam unmittelbar in mich fliesten und das Saitenspiel meiner Gedanken regen. Die ersten lesbaren Schriftsteller einer Nation haben auf die ganze Denk - und Schreibart derselben Einfluß; jede neue Mode des Geschmacks kann ihn überspü- len, schwer aber wegthun. Die Schreibart und Gedankenreihc jedes selbstdenkendcn neuen Schriftstellers hat auf einen Kreis seiner Leser und Hörer Einfluß. Es hat Einfluß, ob viel gehört und vorgelesen? oder nur stille durchlaufen wird u. f. Das Schreiben endlich ist das Schwerste von allen und sollte billig, (auch nur das Nachschreiben und jede Privatübung) das späteste und solideste Bauwerk werden. — Doch davon, wie von mehrern Sachen, künftig. Leben Sie wohl. Drei und vierzigster Brief. Ich vcrmuthete es, daß meine Regeln und Elasten geistlicher Vorträge ohne Beispiele Ihnen wie gewählte Wolken Vorkommen würden ; allein was lassen sich für Beispiele in einem Briefe geben? Hier ist am besten, daß Sie selbst Leute, deren Wortrag und Charakter Sie liebgewonnen haben, hören, sich ihnen anvertrauen, sie befragen und bei eignen Aufsätzen und Uebungen das Unheil derselben, wie Gold, werthachten. Wahlen Sie darin nach Ihres Herzens unbestochnem Nathe; nur überlassen Sie sich alsdenn einem solchen Vater Ihrer Seele ganz unvcrholen. Auch hierin waren die äl- tern Zeiten klüger und emsiger, als unsre Tage, in denen ein jeder noch ungebildete Jüngling der Herr und Meister seines Geschmacks ist. Griechen und Römer gaben sich, erwachsen, oft schon als Männer, die Geschäfte verwaltet Hallen, in die Schulen der Weisen und Redner: sie lernten bis an- den Tag ihres Todes. Dadurch erhielten sie sich eine dar Studium der Theologie bet r. 47 Zugend der Seele, die unsre Jünglinge oft, wenn sie von Akademien kommen, schon verkehren haben: sie fanden sich oft und frühe bei ihrem Meister und Lehrer in Geschäften ein, der außer eignen Verrichtungen, die ihm der Staat auslrug, kein größeres Verdienst kannte, als mit ihnen zu berathschlagen, ihnen Rath zu geben und durch sie zu wirken. Die Lebensart der angesehensten Römer, ihrer Helden und Senatoren, war dazu eingerichtet, und wie viele Beispiele haben wir, daß Kriegs- und Staatsmänner , die die Welt ewig mit Hochachtung nennen wird, vom Feld- oder Triumphzuge, von einer Amtsverwaltung, in der sie Königen geboten und Welttheilen Befehl gaben, still in die Schulen der Weisen kehrten, ja beiderlei Sachen zu Einer Zeit beschickten. Seine besten rhetorischen und philosophischen Schriften schrieb Cicero unter den verworrensten, gefährlichsten Staatsläuslen, als Mann, nicht als Jüngling: er schrieb sie an lauter Männer von Geschäften, die ihn darum befragten, die darauf antworteten, die sich daraus belehrten — Himmel, in wie andrer Zeit leben wir jetzt! Schon auf Schulen wird der Jüngling ein Autor, auf der Akademie ist er Recensent, und wenn er nach drittehalb Jahren zurückkommt , ist er auf Lebens- zeit überfüllt mit Weisheit. Jenes bekannte Ge- dicht, wie man fein Leben eintheilen soll, Vitsni vivers si cmpis boertsm- vigintl stiiäüs ä-rl>1s sevoris, IriziiNL pets litiurn trlbunal, stilo polita äicas, vslin» äissrtir rcribsr- Briefe, ist jetzt völlig eine Fabel; wir leben zu frühe und also leben wir gar nicht- Bei allen, die etwas geleistet haben, werden Sie finden, daß Sie das Weste nur in reifern Jahren leisteten; und immer mehr durch Erfahrung, durch den praktischen Rath von Männern in Geschäften, als unter der Schulruthe und in den flüchtigen Jahren des sie überfüllenden akademischen Lebens lernten. Die erfahrensten Leute suchten es immer bei ihren Lieblingen zu verhüten, daß sie nicht zu früh reiften, und die, in denen eine gute Saat war, ließen sich warnen. Ich glaube daher, daß die Jahre nach der Akademie mit die entscheidendsten sind aufs ganze Leben. Da wird der Jüngling ein Mann und steht, wie Herkules zwischen zwecn, oft viel mehreren Wegen. Welchen Weg er nun wählt, worin er sich übt, welche Schriften er liefet, welchen Freund oder Anführer er jetzt erhalt, der ihm zeige: ,,unter dem Vielen, „zum Theil widersprechenden, was du in zu kurzer „Zeit ohne Reife und Urthcil gehört hast, kannst „du diese Saat füglich untergchn lasten, jene mußt „du mit Gewalt ausrolten, denn es ist Unkraut; „aber diese baue an, jenem Exempcl folge, dies „übe, versuche jenes! u. f." Hierauf kommt es, wenn ich nach meiner Erfahrung wenigstens schlief- scn soll, entscheidend an.-Suchen Sie sich, m. Fr., einst solchen Freund, und wie Shake- spcar sagt: zrapplo liiui io tll^ Soul evitb lrooles ok Steel —> Er sey Ihnen Beispiel, Rath und lebendiges Muster — Meine Beispiele können hier nichts, als trockne das Studium der Theologie bet r. 49 trockne und todte Erläuterungen seyn, wie man einen dunkeln oder allgemeinen Satz erläutert — Ich schlage die Bibel auf, wie sie fallt, und nehme also das letzte Glcichniß Christi, die Parabel vom jüngsten Gerichte.*) Daß sie anziehend schon, voll Abwechslung und hohen Sinnes, dabei ganz menschlich und moralisch, juBildung der Gesinnungen, ja selbst Erregungen der Affecten (sofern diese nehmlich die Predigt erregen soll) geschaffen, voll Schrecken und Liebe sey, darf ich nicht erweisen. Sie fühlens selbst und Werdens ganz zu fühlen suchen, ehe Sie darüber ein Wort reden. Ist nun die ganze fürchterlich-schöne Darstellung inJh- rer Seele: so stellen Sie sie auch als eine solche dar. Sie bereiten sich und die Gemeine zuerst durch ein dahin gehöriges ernst-heiliges Lied vor: Ihr Gebet ist eine stille Anrede an den Unsichtbaren, der einst sichtbar, an den Geduldig - tragenden , der einst Richter und Entscheide»: seyn wird, und so kurz das Gebet ist, (ich liebe keinen stürmenden Aufschrei zu Anfänge der Predigt) so Zeige es, daß Sie durchdrungen von Ihm sind, den Sie, den »vir alle einst sehen werden und »nit ihm den Lohn unsrer Thaten. Dieser stille Schauder, wenn er in Ihnen Wahrheit ist, wird sich mitthcilen, wird Ihre Gemeine ergreifen und sie aufmerksam machen auf die Stimme deß und von dem, Verkommen soll, auf den unsre Hoffnung oder unser geheimes Schrecken wartet. Jetzt verlesen Sic Ihren Text »nit ehrerbiel!- *) Matth. Herders Werke z.Nel.u.Theok. X. D , 5 » Briefe, ger und natürlicher Stimme. Sie zeigen mit kurzem Nachdruck an, was im Evangelio liegt, was die letzte Stimme des hinwegscheidenden Menschenarztes den Seinen, seinen vertrauten Freunden, für einen Aufschluß der letzten Wellentwicklung hinterlassen wollte. Sie enthüllen sogleich in wenigem Worten die Sprache der Wah r- heit, des reinen, umfassenden Menschen sinne s in dieser Parabel, und daß solche gleichsam von den letzten Blicken Christi auf die, sü er verließ, und auf die Welt, in der er sie ließ, veranlasset worden. Sie zeigen unsre Unwissenheit und Neugierde über diesen Ausgang der Dinge: daß derselbe gewiß sey, in der Natur aller Sichtbarkeit und Welt- und Menschcnverfassung liege; daß ihn aber die Vorsicht unsrer ahnenden Vernunft mit einem Schleier bedeckt habe, und nur die Hand eines Vaters, eines Bruders der Menschheit, einst unsres Genossen hienieden und künftig des großen Entscheiders selbst, solchen für Freunde, für Lieblinge, für Brüder, die in seinem Namen noch viel thun, viel leiden sollten, habe wegziehen können, wegziehen dörfeN. Sie sagen kurz: warum Christus über solche Sachen der fernsten Zukunft in Bildern, auch hier halb in einer Parabel gesprochen; daß er hiemit auch für uns den Grad des Lichts und der Dämmerung, der Neugierde in, Fragen und Zweifeln, und der Gewißheit in Gesinnungen und Thaten habe bestimmen wollen. Weil dies Alles Wahrheit ist, der unser eigner Gesichtskreis , das Bedücfniß unsrer Empfindungen und Aussichten in jede, zumal die allgemeine letzte Zukunft beistimmet, so können Sie sicher seyn, daß, das Studium der Theologie bckr. L«. wenn Sie diesen Standpunkt mit der Bescheidenheit zeigen, die Ihnen die Sache selbst an die Hand giebt, auch det Leichtsinnige und Zweifler vorjetzt darauf werde bestehen müssen» Sie gehen zum GleichNiß selbst, Und dä Ihnen sogleich der Anfang von einer feierlichen Ge- tichtserscheinung zum Auseinanderthun, zur Scheidung spricht: so werden Sie nöthwendig dahin gewiesen, den jetzigen Zustand des Mitein- nndcrseyns, der scheinbaren Verwirrung des Guten und Bösen zu bemerken» Sie zeigen: daß er sey, und warum er seyn müsset Hier haben Sie in Aussprüchen der Bibel selbst, insonderheit in Aussprüchen Christi, so dringendwahre, menschliche Und rührende Aufschlüsse, daß jeder, der auch Noch so sehr darüber seufzete uttd zweifelte, ein nochwendiges Bedürfniß Unsres jetzigen Zustandes der Menschheit, und einen Zweck Gottes dabei erkennen müßte. Tugend UUd Laster, Leid und Freude, unsre ganze Erziehung Und Uebung Und Wirkung auf Andre ist dazu eingerichtet, so daß alles aufhörte, wenn (was Schwärmer oft haben bewirken wollen) diese weise, gütige, väterliche Vermischung der Vollkommen - und Unvollkommenheiten , der Schwachheit und Stärke, des Lichts Und der Schatten aufhötte! Wir sind hier alle sämmtlich noch nicht, was wir seyn sollen und seyn wollen; wir sollens aber werden und hier zu werden streben; diese drei Worte bestimmen die ganze Bahn unsrer Wallfarlh hienieden mit alle» positiven und negativen Kräften» — D 3 Briefe, 5r Wenn Sie diese Wahrheit zur größten Anschau« lichkeit gebracht, wenn Sie alle Saiten der Hoffnung, Furcht, Freude, des Seufzens, Leidens, der schauervollcn großen Erwartung geweckt haben, die Töne der Welt rollen gleichsam im wilden und doch weisen Tumult unter einander; siehe! so wird Stille! Der Entscheidcr kommt und löset sie auf. Sie lassen ihn in Ihrer Rede auch in der stillen Herrlichkeit und Majestät erscheinen, wie er im Text erscheint, im schweigend-lauten Triumph eines getödteten Menschensohns und M e nsch cn r i ch ters. Sie erklären kurz dahin die Bilder und befreien sie von den irrigen Vorstellungen des Pöbels. Sein Werk ist stille Entscheidung: wie ein Hirt die Schaafe von den Böcken scheidet. Ich beuge mich vor der alles durchfassenden Majestät in einem Hirtenbilde. Nothwendig wird hier Ihr Vortrag himmlischer, erhabner. Sie zeigen, daß Gutes und Böses seine feste Natur, seine unwandelbaren, ewigen Gesetze habe, wie die ganze Schöpfung; denn das Reich desselben sey das unsichtbare Reich der Kräfte, und also die eigentliche vor Gott gegenwärtige Zeiten-Berwaltung. Sie ziehen dem Betrüge seinen verhüllenden Schleper weg, und entblößen ihn dem untrüglichen göttlichen Auge; ja sie rufen unsre wahre Natur das ewige Un sicht-, bare in uns, unser innerstes Bewußtscyn auf, daß es als Abglanz des göttlichen Auges selbst in sich sehe und mitzcugc. — DerBewciß dieser sesicn, ewigen Wahrheit kann wieder zu einer Stärke gebracht werden, daß Alles um und an uns Licht, Auge Gottes, ein aufgeschlagnes, allleserliches das Studium der Theologie bet r. LZ B u ch werde, und auch in «nserm Gefühl die scheidende gerecht-allmächtige Hand des Weltrichters sich offenbare. Auf diesem Punkte, der so gewiß ist, als alle Gesetze der Natur, aus denen Himmel und Erde ruhen, schlagen Sie das Buch der innersten Wahrheit tiefer auf, und verkündigen den Grund der Entscheidung von den Lippen des Weltrichters: denn ich bin hungrig gewesen u.f. Hier laßt sich Ihre Ueberredung vom richtenden Thron auf die innersten Bedürfnisse der Menschheit, den Grund aller ihrer Pflichten und Brudervcrbindung, nieder und entwickelt das herzergreifende, freundschaftliche und beinah nachbarliche Gespräch un- sers Freundes und Mitmenschen Jesu. Sie zeigen, was das Herz seiner Religion, das Wesen seiner Niederkunft auf Erden, und also auch nolhwendig der einzige E n tsch e i d u ngs g r u n d seines künftigen Unheils sey, nehmlich die in alle Krankheiten , Schwachen, Bedrückungen und Dürftigkeiten der menschlichen Natur verbreitete Mitem- psindung Jesu. Sic zeigen, wie er sich nicht habe wollen durch tobten Götzendienst anbeten lassen: sondern, so wie Gott, der Weltschöpfer, die ewige . uelle alles Lebens, in alles Lebendige verbreitet, dürren Zweige, jeder Blatt- und Fruchtknofpe Leben, Saft, Gedeihen zuführet und in Allem Er selbst lebet; so sey der große Mensche na rzt und Menschenheiland in allen Krankheiten, Schwachen, Unterdrückungen und Leiden seines Brudervolks, der Mcnschcnnatur gegenwärtig, und wolle und begehre von jedem, der Z4 Briefe, helfen kann, Hülfe. Sie zeigen, daß Gott dcßwe- gcn seine Schöpfung gleichsam so unvollendet gelas, sen und in jedem menschlichen Erdenzustande Leid und Freude, Kraft und Schwachheit, Reichthum und Armuth, Finsterniß und Belehrung, Unschuld und Unterdrückung so wunderbar gepaart, so fest zusammcngefügt habe, daß Eins dem Andern helfen, daß der arme mit Unvollkommenheit umgrenzte, Mensch die Schöpfung Gottes vollkommen machen, selbst dadurch yollkommner Herden und mit einer schwachen Hand das thun soll, was die Allmacht selbst hier nicht thun konnte. Sie zeigen, daß Gott deswegen unsre Kräfte, Aemter, Plätze, Gelegen, Heiken, Bedürfnisse, selbst unser Urtheil, Gefühl und Mitgefühl so verthcilt, so verschieden gemacht habe, daß jeher die Welt gleichsamZ von einer andern Seite stehet, die Bedürfnisse der Menschheit anders empfindet, kurz in einem eigenen Krankenhause seines Geschlechts, wo Er Arzt seyn soll und es keiner für ihn seyn kann, lebet. Auch diese Wahrheit kann zu einer Innigkeit gebracht werden, daß gleichsam der ganze Baum unsers Menschensinnes und Mitgefühls in allen Aesten und Zweigen sich bis zur Wurzel beweget. Und nun machen Sie den Christum gegenwärtig, dessen höchster Name auch auf dem Richterlhcone der Welt Men scheu sohn ist; der nur deswegen vom Himmel kam, um diese allumfassende Menschenliebe, M e n sch e n e mp fi n d u n g und Mitwirkung durch Lehre, That und seine stille Aufopferung zu vollführen, den Baum zu pflanzen, der voll hülfreicher Arznei und Erquickung durch Menschen, als seine Glieder, für Menschen, als das Studium der Theologie betr. i»5 seine Glieder, zum Himmel, zum ewigen Reich sich selbst lohnender Früchte cmporblühn, an und durch welchen Alles gesund, heil, gerettet, gestärkt, getröstet, erquickt werden soll. Mein Sinn erliegt unter diesem großen, lieblichen Bilde! welcher Menschenverstand wär's, der ihm widerspräche! welches Menschenherz, das dies nicht als einzige Summe aller Religion, als höchsten Zweck aller Verbindungen auf Erden anerkennte und ausru- fen müßte: „wäre er nicht Menschenheiland, Men» „schenrichter, so könnte, so sollte nur Er es seyn! „Nur durch solche Bemühungen kann das Menschengeschlecht gerettet, nur nach solchen Gesetzen von einem väterlichen Schöp/er gerichtet „werden!" — Abermals gehen Sie von dieser umfassenden Höhe in die stille Kammer des menschlichen Herzens : denn Sie entwickeln im Gespräch Christi weiter, daß keineThal der Menschcnhülfe bei ihm Lohn und Andenken finde, wenn sie nicht mit der bescheidnen Dcmuth, mit der einfältigen, freudigen Unschuld und Willigkeit geschah, daß cs der Wohlthäter Christi selbst nicht weiß, daß er's gethan habe. Sie führen diesen stillen Sinn abermals in's Leben Christi, in seine Lehre, seine Thaten, seine letzte Aufopferung, und schmelzen den auf seine Werke, ja gar aufseine Empfindungen hochmüthigen Lohndiener gleichsam ins Nicht- Hin. Sie entwickeln seine Anmaßung aus der Antwort dieser Selbstgerechten, und drücken ihm nach Aussprüchen Christi das Siegel auf die Stirn, daß sein Lohn dahin sep. Dagegen richten Sie die ge- 58 Briefe, beugte Pflanze, die verborgene Grasblume auf, die weder ihre Gestalt, noch ihren leiblichen Duft kennet , die aber der Weltheiland kennet, der einst auch eine zertretne Blume war, wie sie! und sie sich zu seinem ewigen Kranz des Lohns und einer untrennbaren Himmelsgemeinschaft sammlet. Kommt her zu mir, ertönt die liebliche Stimme, und in ihr wird jedes Wort von Gewicht und Folgen. Hier beginnet, auch ungenannt der dritte Theil, Lohn und Strafe. Wie zart und menschlich, daß das Urthcil des Richters Einladung, brüderliche Einladung wird ins gemeinschaftliche Reich des Vaters! Er nennet sie Lieblinge, Gesegnete Gottes; denn giebl's wohl eine liebreichere Auszeichnung , als wenn Gott einem Menschen der» stillen, zarten Sinn giebt, dies unsichtbare Reich des wahren, verschwiegenen Guten zu suchen und dagegen alle Eitelkeit der Welt als ein Nichts aufzuopfern ? Welchen großen Begriff giebt ein Reich, das von Grundlegung der Welt auf sic gewartet hat! Sie waren gleichsam der Zweck, die Perle der Schöpfung; das Unsichtbare und Ewige, in dem sie lebten, war gleichsam der Kern und Inhalt alles vergänglichen Sichtbaren der Erde: der Kern geht jetzt hervor, die Schale fallt: dieBlume wird gewonnen, die Pflanze, auf der sie hervorging, verdorret — Alle edlen und schönen Begriffe der Ewigkeit, die auf uns wartet, liegen in diesen hold-einladenden Worten. Nahe Gottes, innige Gemeinschaft mit Ihm, Genuß der Gesellschaft das Studium der Theologie bekr. 67 aller Edlen und Guten, die sein Bild trugen, die der armen Menschheit, jeder auf seine Weise, halfen, Er mit ihnen und sie mit ihm.— Sic werden gleichsam die Glorie der Herrlichkeit des Welt- Erlösers , seine Mitdulder hienieden sind seine ewige Gespielen im Reich der Freude: geniessend die Schönheit Gottes, als seine Lieben: sein höheres Erkcnntniß ist ihre Wonne; seine Liebe und ihre Dankbarkeit, die Harmonir mit ihm in seinem neuen Reiche wird ihnen ein ewiger Quell neuen ^Gehorsams, neuer Freude. Keine träge Muße ist die Seligkeit der Mit Herrscher Christi, so wenig sie es hier war; sondern erweiterte Thati g- kcit, Pflege der G 0 tt e s sch öp fun g, wie sie hier die Menschheit pflegten. Hier ein Blick auf das Verhältnis ihres kleinen Verdienstes hienieden zu ihrem großen Lohne; und hoch betrachtet es Christus als Verdienst und ehrt es und giebt ihm alle seine Herrlichkeit und Freude nur aus Erkenntlichkeit gleichsam, als das dankbare Andenken eines FrcmdlingcS, der einst arm, verbannt, gefangen , nackt, dürftig war und sich, da er jetzt zu Ehren gekommen, wegen ihres guten Willens um ihn, absindet! Ich sage, ein Blick auf das Verhältnis; ihrer kleinen That hienieden zu seinem grossen Lohne — wie beugt, wie erhebt er die Seele! Siehe gen Himmel und zahle die Sterne, und schwinge dich durch die Unermeßlichkeit hin; dann komme auf dein Staubkorn, die Erde, zurück und miß die wenigen Schritte von der Wiege zum Grabe, miß deinen armen Raupengang und schätze den Becher kalten Wassers, den du dem Durstenden, die Hüllen, die du dem Nackten gäbest. Miß und Briefe, SS wäge die Leiden dieser Zeit und ihre nichtswürdige Schmach und ihre an sich schon lohnende Mühe, gegen das, was dir bereitet ist von Anbeginn der Welt und wachsend in Ewigkeit dauret — Sie sehen, m.Fr., die Fülle des Segens , und Sie merken es leicht, wie hart der Fluch der Verdammten dagegen fallen werde. Da die Worte einander entgegengesetzt sind, so darf und will ich nicht weiter paraphrasiren; glücklich, wenn Sie einen Funken jener brennenden Fackel, einen Schauer jener von Gott entfernten, in die Abgründe der Schöpfung verbannten, unter Fluch und Qual der Verführten und Verführer lebenden, ewig verwundeten Seelen und ihrer furchtbaren Gesellschaft in das Herz derer werfen können, die rings um Sie sitzen und mit Ahnen fühlen. Freilich sind unsre Organe von Fleisch und Blut nicht für daurcnde Empfindungen aus jener Welt. Wenn diese Empfindungen aber nur der Zustand unsrer um einen Schritt weiter entwickelten Menschheit sind; und dieser Schritt mit aller Wahrheit, aller Ueberzcugung, die in uns liegt, entwickelt würde — wenn Sie diese Situation in den Umkreis dieses Lebens brachten, einen jeden an die erinnerten, die schon vor ihm hingegangen, die er gekannt, geliebt, beleidigt, verachtet, vernachlaßigt, geärgert, gepflegt und cmpor- gehoben habe, und die alle jetzt, wie ein vcrschwund- ner Traum , im Reich der Wahrheit auf ihn warten, so daß nur unsre eingeschränkte Sinnlichkeit, die im Nu auch wie ein Traum dahin seyn wird, es verhindert, daß wir ihre Gestalten nicht sehen, die Stimmen ihres Schicksals nicht hören können — wenn Sie endlich einen jeden auf den Augenblick das Studium der Thologie betr. Sg führen, da beim Ausgang aus dieser Welt ihm sein innerstes Bewrrßtsein wie ein eröffnetes Buch seyn wird, und er's als Stimme in sich selbst milnimmt, was er gewesen sey? was er seyn werde? — —- mitten im Gefühl dieser Ueberzeugung abgebrochen, die ganze Predigt mit einem Gebet und einem Liede versiegelt, das des le tz tc n E in d r u cks, den Jesus Nachlassen wollte, werth ist - o Freund, wäre ein solcher Wortrag, ein dargestelltes Wort Gottes, eine belebte Parabel Jesu, die in jedem Worte nur Wahrheit sucht und ewige Wahrheit findet, wäre sie nicht auch ein labender Wassertrunk dem dürstenden menschlichen Geist und Herzen im Namen deß gegeben, deß das Wort ist? Leben Sie wohl- Vier und vierzigster Brief. Ich glaubte neulich nicht, daß der Umriß eines einzigen Textes meinen Brief füllen würde und hatte mir vorgenonnncn, in den Parabeln rückwärts zu gehen und wenigstens noch das Gleichniß von den betrauten Knechten, von den wartenden Jungfrauen u. f. praktisch auszumalcn. Sie Werdens mir jetzo zu thun erlassen: denn ich kann doch in Briefen keinen Vorrath geben, und zum Beispiel mag Eines gnug seyn. Jedes Gleichniß muß endlich doch auf seine Art, als eine eigene Welt von Situation und Lehre be- 6o Briefe, handelt werden; und der durchgehende, so ganz reine und menschliche Sinn Christi ist in allen augenscheinlich. — Ich wende mich also sogleich zur zweiten, der historischen Gattung, und nehme dazu ein sehr schlichtes Beispiel, die sogenannte Ankunft derWcisen aus demMorgenlandc. Wollen Sie ein kirchliches Lehrthema daraus ziehen, so ists der Ruf der Heiden zur christlichen Religion, von welchem nach der uralten Meinung diese Geschichte ein Vorbild war. Ich bleibe indessen, insonderheit zum erstenmal, gern bei der natürlichsten Anwendung, und da doch die ganze Geschichte, selbst in des Zweiflers Augen, als der außerordentliche Fall und Gang einer göttlichen Vorsehung dakicgt; so ist, dünkt mich, am leichtesten und augenscheinlichsten auch dahin das Ganze zu binden. Ja, da die Lection beim Anfänge eines neuen Jahres verkommt, wo ein Jedweder gern wie auf einem Grenzstein seines Weges sitzet und zurück und vorwärts blickt; warum sollte man nicht diesen Zeitpunkt nutzen und ihn mit dem ebcngenannlen Gesichtspunkt vereinen? Um hiezu zu gelangen, setzen Sie die Geschichte zuerst in ihr sonderbares Licht. Jesus, geboren zu Bethlehem, zur Zeit des Wüterichs HerodeS, der selbst nicht seines Weibes, nicht seiner Kinder, bei dem mindesten Argwohn schonte; und siehe! da müssen Fremdlinge, man weiß nicht, woher? man weiß nicht, wozu? kommen, um seine» Argwohn zu erregen. Der Stern, ein so ungewöhnlicher Wecker und Leiter, muß sie her- das Studium der Theologie betr. 61 bringen, muß sie nach Jerusalem führen: mit einer Frage, worüber Jerusalem erschrickt, das, nach der damals allgemeinen Erwartung vom Messias, über solche Nachricht nicht erschrecken sollte. Hcco- des erschrickt gleichfalls und rüstet in der Stille sogleich seinen Argwohn. Er laßt feine Weisen versammeln und fragt sie um Rath; sie geben ihm denselben, sie zeigen ihm die Straße, die sie selbst nicht gehen. Aus dem Schriftforscher wird der Staatsmann, der jene Fremdlinge heimlich zu sich fordert, mit großem Fleiß die Chronologie des Sterns lernet, sie an den rechten Ort weiset, ihnen die schönsten Aufträge giebl und sie freundlich wieder zu sich ladet. Welche Gelegenheit haben Sie hier, bei jedem Schritte die Dürftigkeit des menschlichen Raths, zumal menschlicher Sklaverei, und politischer Arglist, gegen den reichen, hohen Ralh Gottes zu zeigen! Die Unschuld der Weisen gegen die Verschmitzheit Hecodes, ihre Frei- müthigkeit gegen die Sklaverei Jerusalems, die im Traum erschrickt und wieder cinschläst, die thätigc Einfalt jener, gegen die unnütze Weisheit der Schriftgelehrten, ihre Ruhe mitten in der Gefahr gegen Hcrodes Unruhe, der ganz ohne Gefahr war u. s. f. — Alles dies läßt sich in ein Licht setzen, das den Zwist menschlicher Gesinnungen und Handlungsweisen, ihre Größe und Kleinheit, gnug zeiget. Uebcr allem halten Sie nun gleichsam den Stern, d a s w a ch e n d e A u g e der Vorsehung Gottes und seiner Absicht Ihren Hörern gegenwärtig: sind jene Weisen aus dem Tumult des Erschreckens, Fragens, Wissens, Betrügens heraus: so erscheinet ihnen wieder ihr sichrer 62 Briefe, Himmclsbote. Er giebt ihnen, was ihre Reife be- gehrte, den Anblick des Kindes, und die liebreiche' Anbetung seiner. — Hier sind Sie nun wie in der Mitte des Knotens. Was sollte der Stern? was sollte dir Reise? was will die Anbetung? Indem Sic über diese Fragen die kurze, zeit - und ort- maßige Auskunft geben, die über außerordentliche Begegnisse der Art jedem Bescheidnen gnug ist, so haben Sie Gelegenheit, die sonderbaren Schicksale mancher Menschen ins Licht zu stellen, die ihnen und andern so ost Thor heit scheinen. Siebetrachten die mancherlei Wege, wie Gott auf Menschen wirkt, wie er zu jedem auf seine Art spricht und jedem seine Freude, den unschuldigen Wunsch seines Herzens gewahret. Sie setzen dabei das einzige Kennzeichen fest, das einen Menschen auch bei den sonderbarsten Urthcilen Andrer über sich beruhigen kann und muß, nehmlich Ruf Gottes, Ueberzeugung seines Gewissens. Sie zeigen, daß hierüber niemand Richter sey, als der Mensch, dessen der Ruf, dessen die Pflicht ist; daß keine zwei Menschen hierin völlig einerlei Wege in der Welt haben, und wie vorsichtig man überhaupt seyn müsse, einen andern auf seiner Lebensbahn durch Bedenklichkeiten oder Nachlaßigkeiten zu irren. Ja indem Sie die Folgen dieser Reise und Anbetung, die auch die Weisen selbst nicht übersahen, entdecken, daß dadurch unschuldigesBlut veranlasset und abermals wieder durch die dargcbrachten Geschenke für die Bedürfnisse des kleinen Flücht- lingcs gesorgt ward, so ziehen Sie den Knoten so mancher fürchterlich- und doch schuldlosen das Studium der Theologie betr. 63 Schicksale recht fest umS menschliche Herz. Das Weinen Rahels und ihrer Töchter, das Klaggeschrei der Mutter und Säuglinge ans Bethlehems Gefilden schreibt uns die Warnung mit blutigen Zügen ein, auch bei unschuldigen Handlungen und Absichten Vorsicht zu gebrauchen und manche klagende Folge zum Voraus zu fühlen, ehe sie selbst unvermeidlich und unwiderruflich da ist. Aus der Schrift und aus dem thatigen Leben, zeigen Sie den Natteknbiß spater, vergeblicher Reue in seinen fürchterlichen Wunden, und befestigen dagegen das menschliche Herz, wenn sein Weg rein und gewiß ist. Sie bringen cs vor das Auge des cwigcn Rich ters , der nicht nach Folgen, sondern Nach Absichten richtet, der die wohlgerathenste, lauteste That oft wie falsches Gold verschmähet und dagegen die redliche Einfalt wie ein edles WcihraUchopser annimmt, ja oft auS den dem Anschein nach mißrathenen Folgen einer guten löblichen Handlung zu rechter Zeit andre hervorbringt, an denen der Urheber selbst verzagte. Indem Sie auch diese dem schwachen Gefäß der Menschheit so nothwendige und tröstende Wahrheit aus Bibel und Geschichte enthüllen, bemerken Sie eben in dieser Geschichte die Schonung des väterlichen Gottes, der diese Fremdlinge die Folgen ihrer Ankunft nicht sehen, Nicht erleben ließ und sic durch einen andern Weg in ihr Land zurückleiret. Unvermerkt kommen Sie bei dieser in vielen Lebensläufen so oft erfahrnen Milde, auf die Sie die Menschen nicht aufmerksam genug machen können, zur Entwicklung des Knotens, den wunderbar- errettenden Ausgang. Die Fremd- 64 Briefe, linge sowohl als das Kind werden gesichert; Hero» des List und Blutdurst wird an beiden thöricht zu Schanden. Nachdem er sein graues Haar und die wenigen Tage, die er zu leben hatte, noch mit dem Blute dieser Unschuldigen besudelt, stirbt er erschrecklich und muß dem flüchtiggewordncn Kinde Land und Welt räumen. — Wunderbar - errettende, schrecklich - rächende Vorsehung! Sie rächt Sünden durch größere Sünden, Argwohn durch Mord, List durch Vereitelung des Rathes, durch blutige und doch unnütze Verzweiflung. Schreckliche Exempel der Rache sprechen hierüber blos durch den Fortgang der Frechheit, durch das Gelingen des Lasters, das sich zuletzt doch mit Oh n m a ch t und Verzweiflung strafet. Und wie nahe können diese Beispiele dem menschlichen Herzen, auch wenn es kein Hcrodes-Herz ist, gebracht werden! In jeder Leidenschaft und Falschheit steckt ein Keim dieser göttlichen Rache: der erste Schritt ist unser, der zweite und tausendste nimmermehr. Endlich die schöne Errettung dieser unschuldigen Lieblinge Gottes zeigt: wie Gott tausendmal errettet habe und tausendfach erretten könne und werde. Hier erheben Sie die Seele zu dem, der die Sterne zählt und uns kennet, sie in ihre Bahnen wies und auch unser Schicksal, so verwirrt cS scheinen möge, lenket. Hebet eure Augen in die Höhe u. f. Jes. 40, 26- 3 r. Indem Sie diese Wahrheit, wie einen Wandcrstab des Lebens, Ihrem Zuhörer in die Hand geben, daß er weder vermessen, noch kleinmüthig werden kann, noch darf, noch will; und ihn mit dieser Sicherheit, die so fest als sein eignes Daseyn ist, ins neue Jahr senden; mich dünkt, das Studium der Theologie betr. 65 dünkt, so hätten Sie Ihre Geschichte , Ihre Stunde, Ihre« Ort sowohl genutzet, daß niemand vor der Hand eine andre Anwendung des Evangeliums begehren würde. — —- Und nun, m. Fr. , erlassen Sie mir weitere Beispiele, insonderheit über Lehrtexte; auch dies war Einer, und jeder in der Welt muß es billig seyn. Wir haben an schönen Lehrpredigten so eine Menge, daß ich Eulen nach Athen trüge, wenn ich hinter Spalding, Jerusalem, Sack, Er- nesti, Zollikofer, Teller, Cramer, Mas- sillon, Bourdaloue, Tillotson, Clarke, Fostcr, Narrow u. f. f. mit Lehrverträgen kommen wollte. Ich kenne die wenigsten dieser berühmten Männer ganz; die ich aber kenne, überheben mich meiner Mühe völlig. Spaldings Predigten z. B. haben eine so redliche Einfalt und Würde, die Predigten Erncsti'S eine dogmatische Vcstigkeit und Bestimmtheit, Jerusalems eine schöne philosophische Klarheit, Cra- mcrs einen Strom der Beredsamkeit u. f. Es sind, sagt Paulus, vcrschiedne Gaben, verschiedne Kräfte , verschiedne Acmter; an jedem brauche man das Seine und tadle ihn nicht über das, was Ec nicht hat, und das ja eben deshalb andre haben» Ein Recensentcn-Wahn dieser Art ist für den Lernenden kleinlich und kindisch. Sack predige als Sack, Spalding als Spalding» und Sie lernen von beiden. Noch ärger ist's, wenn man einzelne Vorträge als Glaubensbekenntnisse anstehel und gar von dem, Heeders Werke z. Siel. u. Thcol. X. E was ein Mensch in diesen paar Predigten nicht gesagt hat, d. i. nicht sagen konnte, nicht sagen wollte, sogleich frech schließet, daß er's nicht glaube. Fliehen Sie, als eine Pest, dies Jnquisitionsur- theil. So ist's z. E. Erugott gegangen, dessen Predigten an Klarheit und Hellem, schönem Umriß wenige ihres gleichen haben; er ist, ich weiß nicht weßwegen? verschrien und das Gute seiner Schriften wird des etwa Mangelnden wegen nicht gebraucht. — Hüten Sie sich überhaupt, m. Fr. , vor aller ausschliessenden und einförmigen Behandlung Einer Lehre, Einer Situation , Eines Textes. Wie ich über die Vorsehung bei Gelegenheit dieses Textes, dieser Situation rede, kann und werde und muß ich ja nicht bei jeder, der verschiedensten andern reden: sonst thate ich weder mir, noch der Lehre, noch dem Wort Gottes ein Genüge, und würde in kurzer Zeit ein tönendes Erz, eine klingende Schelle. Wer immer derselbe ist, ist immer derselbe, d. i. sehr wenig; die reichste Manier ist die gelenkste, die biegsamste, die sich jeder Geschichte, jedem Text anschmiegt, die dem übcrfliessenden Reichthum Gottes in der Natur und Schrift nachstrebet. Glauben Sie nicht, daß hiedurch die Einheit leide: sie leidet gewiß nicht, wenn Sie — recht und streng disponi- ren. Leben Sie wohl. das Studium der Theologie bet r. 67 Fünf und vierzigsterBrief. Disposition ist allerdings das Hauptwerk der Rede; sie ist das Gebäude, ohne welches alle äußere Bekleidung nichts ist; deshalb, m. Fr., habe ich Sie vor allem Auswendiglernen schöner Ausdrücke, bunter Floskeln und Sentenzen so ernstlich gewar- net. Diese locken ungemein ab vom Wege, und der Jüngling, der solchen Irrlichtern folgt, ist vek- lohten. Ein Mensch, der schöne Worte hascht, dee halbe Seiten von MvdescNieNzen ausschreibt, hat kaum Mein Vertrauen mehr: er thut eine kopflose, kindische Arbeit. Alle Blumen des Vortrags müssen aus der Sache selbst, an diesem Ort, an dieser Stelle, wie Blumen aus dem Schoos ihrer Mutter Erde Hervorgehn; die Kunst des Gärtners pflanzte und wartete sie nur eben an der besten Stelle. Da Muß kein Bild, kein Satz, kein CoM- ma seyn, das nicht aus diesem Thema, wie ein Ast und sein Zweig, oder wie eine Bläthe und ein Blatt des Baumes, aus solcher Wurzel, att solchem Stamm gleichsam nothwendig erwüchse. Wenn'S hier nicht steht, stehe es nirgends, Und die Rede ist unvollständig: sie hat, was man an Gemälden sagt, ein Loch, eine Lücke. Deßhalb bin ich eben von der Fabel, der Parabel ausgegangen, um Ihnen Gefühl von dieser Einheit im Ganzen, von diesem rastlosen Gange einer einzigen Handlung, von diesem in allen Theilen lebendigen wirk^ E s samen Ganzen zu geben; habe ich diesen Eindruck verfehlt, so warmeine Mühe vergebens. Alle Fehler verzeihe ich gern, nur die Fehler der Disposition nicht. Steht, was unter einander gehört, neben-; was neben einander gehört, unter einander; wiederholen sich die Theile auf die schnödeste Weise, so daß, wenn „von der Gefangen» ch- mung Christi" geredet werden soll, gefragt wird: r) wer ihn gefangen genommen hat? 2) von wem er ist gefangen genommen worden? und wird doch frisch darüber als über zwei Himmelweit verschiedne Theile gepredigt: weiß endlich der Concipient gar keine Satze herauszuziehen, sie weder unter- noch neben einander zu ordnen; weiß er durchaus nicht, was dieser, was jener Theil der Rede sey oder sepn soll — 0 weh! weh! gehe er hin und lerne Logik! Wenn BaumgartcnS tabellarische Methode (die unstreitig übertrieben ward) etwas Gutes hat, so ist's dieses, daß sie zur Disposition gewöhnet; dazu ist die frühe Erlernung einer oder der andern Wissenschaft, die eS nchmlich am füglichsten erträgt, in wohlgefügten Tabellen die beste Methode. Dem Auge und der Seele gicbt sie unvermerkt einen logischen Anblick. Ich weiß es sehr wohl, daß krause Köpfe auch durch alle tabellarische Form nicht glatt werden, wie cs Excmpel von Baumgartens Schülern selbst beweisen ; ich weiß es auch wohl, daß, wenn man in jedem Perioden wieder unendlich klein disponirk, man ein molssts ssciulus, ein irnprods arriki- N08U8, ein Mückenseiger und Kümmelschneider werde, das Studium der Theologie bctr. 69 der vor lauter Deutlichkeit stockdunkel, vor lauter Ordnung verworren wird und zuletzt das Ganze gar aus dem Gesichte verlieret. Mißbrauche einer Sache heben aber die Sache nicht auf; ja je feiner und notwendiger diese ist, desto mehr kann und wird sie gcmißbraucht werden. So ist's mit der Logik und Disposition gegangen; immer aber bleiben sie Grundlage des Vortrags. Die Natur hat's nicht mangeln lassen an schönen Formen ; veste Formen aber, richtige und gerade Linien machte sie überall zum Wesen der Sache, das sic mit Schlängelungen und Krümmen nur über- kleidct. Wenn Wolfs und insonderheit des Philosophen Baumgartens Schriften auch kein Verdienst hatten, so wäre es das, daß sie Ordnung in den Begriffen, und die letzten eine spartanische Kürze und Strenge in Worten kehren. So sehr Bac 0 den Witz liebte, so genau disponirt sind seine besten Schriften, insonderheit das OrZanunn und äs nuAirmntis scientiaruin. Aristoteles ist ein vestec Knochenmann, wie der Tod: ganz Dispo sition , ganz Ordnun g. Wenn W i n° kelmanns Geschichte der Kunst kein ander Verdienst hatte, so wäre cs das, daß man in ihr, wie in einem griechischen Tempel, zwischen Säulen und schöngeordnetcn Aussichten über Zeiten und Völker wandelt; sie ist das schöne Ideal einer w 0 hlausgetheilten, h 0 ch a ng e l cg te nKunstgeschichte. Solche Bücher lesen Sie, m. Fr., ex- ccrpiren dieselbe und lernen darnach ihre Gedanken ordnen. Wer nicht disponiren kann, kann weder lernen, noch behalten, noch wiederholen; noch weniger werden's die können, die 70 Briefe, ihn hören. Es ist arsna orns nalcs; die geflügelten Worte versaufen- Eine ganz andre Frage ist : ob man die Disposition wie ein nacktes Gcripp hinstellen soll? Das thut die Natur nicht und die arme, eingeschränkte Nachahmerin derselben, die Kunst, soll'S noch weit minder; am mindesten soll es aus Ursachen , die ich bereits angeführt habe, eine Predigt, Natürliche Ordnung und eine fortgehende Analyse des Worts Gottes ist ihr die beste Disposition; sonst schützt sie sich, bei so oft gehörten Sachen, kaum für langer Weile. Auch hier, dünkt mich, sind die philosophischen Vortrage der Griechen Muster. Wie natürlich spricht Plato, Lenophon, Maximus Tyrius, u. a. und doch wie ordentlich! wie gebunden! So ist's mit Cicero, unter den neuern Lateinern mit Erasmus, Grot ins, Erncsti u. a. Frankreich hak mit seinem Bossuet, Fcnelon, Rousseau, Buffon, schön- oder gar erhaben - fortströmende Schriftsteller ; England hat sie an seinem Addison u, a. ; wogegen jedermann doch gewiß den spitzen Witz, die unlogische Verwirrung oder das abgeschnitlcne Gcistwesen andrer Schriftsteller unsanft empfindet. Die beste Methode, wie man die Ecken des Lehrvortrags abründet, ist, dünkt mich, die Form des Gesprächs, in der sich die Alten daher so fleissig übten. Sie entkamen damit beim Lehrvortcage nicht blos der einförmigen, eintönigen Steifheit, sondern auch dem anmaßenden Egoismus, dem sonst, wenn der Lehrer immer allein das Studium der Theologie betr. 71 sprickt, kaum zu entkommen ist. Mancherlei M e i- n un gen und Einwürfe konnten sie im Gespräch vertragen, ohne daß die Rede abgerissen und höcke- richt erschien: sie konnten ab wechseln, ohne in Declamkion zu verfallen, die, wenn man immer allein spricht, beinahe unvermeidlich wird: sie konnten endlich die Haltung der Sachen und Gründe so fein, Licht und Schatten in einander so vcrsch webend machen, daß dagegen der arme Monolog vom Katheder, wie sein hölzernes Katheder selbst dastehet. In den neuern Zeilen haben Fenelon, Shaftesburi, Littleton, Hurd, Diderot u. a. diese sokralische Methode erwählet; auch dem Theologen sind Uebungcn in ihr nicht nur zur Katechese, sondern überhaupt den Lehrt oir schlicht, sanft, eben zu machen, eine sehr nützliche, obwohl nicht leichte Mühe. Mit Frag und Antwort ist's nicht gethan, sondern wie gefragt, wie geantwortet, wie Wahrheit, Lehre und Unterricht gleichsam aus der Seele hervorgeholt werde? Versuchen Sie's selbst einmal, m. Fr., nur eine Predigt durchaus zum Gespräch zu machen und sich dabei strenge Gesetze des leichten Uebcrganges, der sanftesten psychologischen Form zu geben: Sie werden, wie schwer cs scy, fühlen, aber doch wird Sie eine öftere Uebung der Act nicht gereuen. Ich komme mir selbst wie ein Pedant vor, da ich in Einem Briefe über so mancherlei Uebungen des Vortrags rede, so viele Schriften und Schriftsteller nenne, und sie dem Scheine nach nur von den Lippen fließen lasse; welches ich sonst nicht liebe. Briefe, 7 ? Wie ist ihm aber zu thun, m. Fr.? da dasBricf- schreiben eine so langweilige Sache ist, und sich über alle diese Dinge der beste Unterricht nur mündlich oder noch besser thatig geben laßt. Verzeihen Sie daher auch, daß ich vom Lesen, Excerpiren, vom Mcmorircn dessen, was man liefet u. f. gar nichts sage; cs kommt so sehr daraus an, was man, wozu man liefet? daß ich die meisten, auch die genauesten schriftlichen Anweisungen hierüber immer unbestimmt und mangelhaft gefunden habe. Wir brauchen heut zu Tage zu viel, und sind mit zu viel schlechtem umgeben. Wir wollen und müssen also in com- xswclio lesen, und doch ist dies comxsnäium für viele sehr schädlich. Also non multa, 8eck niul- tnm! ist hier die goldene Regel, und die zweite vielleicht noch güldnere: lesen und lernen Sie -so leicht nichts ohne Uc bring, ohne Anwendung, wie sich diese nur immer nach der Natur jeder Lec- türe nehmen laßt. Suchen Sie daher auch, so bald Sie können, in Lehr- und zwar in öffentlich e L e h r ü b u n g zu kommen. Aus Schulen, nicht in der Kirche; nicht des lieben Brods, sondern Ihrer eignen Bildung wegen, sobald Ihnen nur einigermaßen die Lehre anstehet. Ich sehe es als ein Glück meiner besten Iünglingsjahre an, daß i ch lehren mußte, lehren konnte , und zwar würdige Sachen an lehrbegierige Schüler, öffentlich, nach meiner eignen Auswahl lehren konnte. Ich weiß, so wenig ich habe, was ich damit gewonnen — etwas, das mir das ewige Lesen und Zuhören schwerlich würde gegeben haben —7 das Studium der Theologie betr. 7Z „Schulen, sagt Luther, sind kleine, doch ewige und nützliche Concilien: sic haben ein köstlich Amt und Werk, und sind die edelsten Kleinodien der Kirche. Ich wollte, daß keiner zu einem Prediger erwählt würde, er wäre denn zuvor Schulmeister gewest. Jetzt wollen die jungen Gesellen von Stund an alle Prediger werden und fliehn der Schulen Arbeit." Sie fliehn sie aber oft, weil sie ihr nicht vorstehn können, und noch öfter flieht die Arbeit sie: denn zu einem Schullehrer wird doch, auch nur der Oberfläche nach, mehr erfordert, als zu einem sogenannten Kanzelrcdner. Bon diesem heißt's oft nach dem bekannten Rathfel: „Es steht ein Männlein im Holz: cs schreit und schreit und darf ihm „niemand antworten." In Unterweisung der Kinder lernt man das einfältige Christenthum erkennen und schätzen in Unterweisung edelgearketer fleißiger Jünglinge lernt man die Blut he jeder Wissenschaft suchen und finden. Man wird jung mit jungen Seelen, gleichsam gcschlank und munter, die Welt noch einmal als Jüngling anzusehen und zu kosten; nur freilich gehören dazu nicht Jahre, in denen Körper und Seele einkrümmt. Prediger, die gute Schulleute waren, (wenn sie es nur nicht zu lange blieben) lernt man bald unterscheiden, an Ordnung, Wissenschaft, reeller, praktischer Kcnntniß; denn nach unsrer Lage des geistlichen Standes können cs nur Schulen seyn, die dem Candidaten canäiäarrr vestsni einer wohlbestandcncn Prüfung, eines öffentlichen guten Vcrdicnsts geben. Die gewöhnlichen tsntarnina erweisen wenig; die homiletischen 74 Briefe, Hebungen nach der gebräuchlichen Art fordern und geben auch nicht viel. In Lesung guter Autoren und in lebendiger Uebung, zumal auf Schulen; da liegt Stoff zur Lehrart, zum öffentlichen Vortrage, zur feinern Bildung der Seele. Folgen Sie meinem Rath und Sie werden die Früchte davon gemessen. Nachschrift. Die paar Proben von Pre- digtcntwürfen, bitte ich, betrachten Sie nicht als Dispositionen (die mir leichter, aber Ihnen unnützer gewesen waren) noch weniger als vollständige Reden, darnach Sie etwa meinen Vortrag beurtheilen wollten. Es sind nichts als Schattenrisse, hie und da gezeichnete Punkte, die nun erst in der Ausarbeitung oder lebendigen Behandlung zur Gestalt, zum Geschöpf werden müssen. Es kann manches in ihnen weit hergeholt scheinen, was es im lebendigen Vorträge, in der Bindung aller Glieder zum Ganzen nicht ist, ^lia IsAsntss, alia auäieritss irra- Zis acljuvant, Lxcitat, s. w. einige Worte mit einfließen lassen; ich glaube doch nicht, daß Sie diese Dinge für Lückenbüßer angesehen haben: denn ich wüßte nicht, was bei einem Briefwechsel unsrer Art für Lücken zu büßen waren ? Der Briefschreiber hört zu schreiben auf, wenn er will, und der Leser zu lesen auf, wenn der Brief aus ist; auch kann es uns bei der übergroßen Menge von Gegenständen und Materien, über die wir reden, gewiß an einigen Reihen mehr nicht fehlen. Ihr guter Sinn und Genius wird Ihnen längst gesagt haben, daß die Poesie die Bilderin des Vortrages, die Schatzkammer großer Gedanken und rührender Beschreibungen, endlich die künstlichste Form der Einkleidung sey, an der die Rede und überhaupt die Prose zu lernen habe. Wir bemerken daher vielfach, daß sowohl in der Schrift, 76 Briefe, aus den Liedern und Gefangen gottbcgeisterter Propheten , als auch in der Geschichte aller Volker, die Profe aus der Poesie hervorgegangen scy und gleichsam an und um ihr Gestalt gewonnen habe. Auch Kritik und Redekunst begann an ihr, wie die Lehren des Plato, Aristoteles, Cicero, Quin tili an, unter den Neuern Vossius, Rolli ns u> a. zeigen. Poesie ist die Blüthe der menschlichen Seele, so wie die bildendste Ergötzung der Jugendjahre unseres zu bald verblühenden Lebens. Damit ich indessen die Grenzen des theologischen Gebrauchs derselben richtig bestimme, so merken Sie leicht, daß hier nicht von eigner Packerei die Rede seyn kann, nach der der Jüngling etwa streben müsse: mich dünkt, ich habe Sie hievor, wie vor allem Diebstahl fremder, poetisch- und prosaischer Blumen, und eines jeden üppigen Schmucks der Rede langst und oftmals gewarnet. Ware die Poesie zu nichts brauchbar, als daß man mit bunten , glanzenden Lappen aus ihrem Trödel seine Blöße deckte, oder gar damit seine einfache, ehrbare Kleidung verunzierte; welcher bescheidne Mensch wollte nicht diese Trödelbude, so weit er könnte, fliehen? Unglücklich aber, wer die Poesie dafür ansicht! Sie ist, wie gesagt, der vollkommenste Ausdruck, die künstlichste Form der Rede, die, bei aller scheinbaren Freiheit die strengsten Gesetze über sich, die bestimmtesten Regeln um sich hat und aus die treffendste Weise Gedanken und Worte paaret. Indem Sie nun die edelsten Gedanken wecken und sie mit den besten Worten paaren sollen, so gewinnt das Studium der Theologie betr. 77 man an ihr durch Inhalt und Form rin Gutes , was sonst nirgend zu erlangen stehet, man erhält Regeln und Vorrath, beides auf die angenehmste, leichteste Weise. Wie die Fabel, das Gespräch, die Parabel für einen jungen Theologen zu brauchen scy, habe ich mit wenigem angedeutct; lassen Sie uns jetzt von andern Gedichtarren, zumal der biblischen Epopee, dem Liede, dem Lehrgedicht reden. Das Lehrgedicht ist, wie seiner Form nach, so auch in seinem Gebrauch, wohl das leichteste. Niemand wird weder in der Gesellschaft, noch auf der Kanzel in Alexandrinern reden, wenn er bei gutem Verstände ist; auch wird er mit keinem einzigen Verse (es müßte denn eine sonderbare Veranlassung seyn) weder im Umgänge, noch vor der Gemeine prangen; an ihnen aber lernen, wie starke, wahre, große Gedanken in die kürzeste, stärkste Sprache gefaßt werden, um als Edelgcsteine in Gold zu glänzen, das wird Er. Dazu stellet ihm die Schrift selbst so erhabne Lehrgedichte, als das Buch Hiob, der Prediger und einige P r op h c- t en sind, vor; dazu sind auch die Dichter erhabner Lchrgcsange, Moses, David, Jesajas, be-, geistert. Die wahre Ode, ja selbst der Hymnus ist nur ein höheres Lehrgedicht mit einem bestimmteren Plane, in einem höheren Fluge der Begeisterung. (Wollen Sie mir hierin nicht glauben, so lesen Sie Zwingli's schöne Bor- und Nachrede zu seinem Pindar, und Sie werden sehen, wie er selbst diesen so mythologischen Dichter einem Theologen lehrreich finde.) Sie werden also die 7 » Briefe, uns angemessenem Lehr- und Odcndichter so unsrer, wie andrer Nationen, dadurch ehren, daß Sie wahre edle Gedanken in der erhabensten, schönsten, kürzesten Sprache von ihnen ausdrücken lernen. Was das geistliche Lied betrifft, so ist der Gebrauch davon, wie ich ein andermal bereits bemerkt habe, dem populären, praktischen Theologen noch ungleich nützlicher, als die erhabenste Ode. Das Gesangbuch ist die versificirte Bibel für den gemeinen Christen: sie ist sein Trost, sein Lehrer, seine Zuflucht und Ergötzung zu Hause; in öffentlicher Versammlung sollen Gesänge und die Töne, die sie begleiten, wie aufschwingcnder Aether, wie erquickende Himmclslust scyn, die Seelen der Versammleten zu vereinigen und zu erheben. Was hiezu die Musik, insonderheit die höchste von allen, heilige Musik, thun kann, laßt sich nicht beschreiben , sondern empfinden. Sie rührt durch ihre Einfalt, sie erhebt durch ihre Würde. „In der „Musik, sagt ein Autor, sind wir weiter, als in „der Poesie, besonders nachdem Gott das erstau- „nenswürdige Instrument, die Orgel, hat erfinden „lassen; sie, die alle Sprachen redet, die mit der „süssen Lockstimme der Liebhaberin die Liebe Gottes „in das horchende Ohr der Andacht haucht und „seine Schrecken in das Ohr des Tyrannen brüllt: „sie, die vielstimmige Posaune des Lobes Gottes, „seiner schallenden Wunder und ihrer eignen Majestät, der Ewigkeiten würdig." Wenn dies ist, welchen Gebrauch sollten wir von der Kirchenmusik machen! mit welcher Feierlichkeit und Würde soll, ten wir — nicht die h. Cacilie, sondern die himm- das Studium der Theologie betr. 79 lische Andacht selbst auf ihrem unsichtbaren Aether- throne zu uns herabziehen und in unsre heilige Versammlung laden! — Erlauben Sie, m. Fr., daß ich über Kirchenlieder und Kirchenmusik, (einem Theologen doch immer wichtige Gegenstände,) nach der Lage unsrer Zeit Ihnen meine Gedanken etwas ausführlicher hersetzc; ich weiß, Sie gehen gern diese nicht unnölhigen Schritte mit mir. So wie bei allen Völkern der Gottesdienst eine Art Würde und Feierlichkeit des AllerthumS gehabt und zu erhalten gesucht hat, so sollten auch bei uns die Spuren, die davon etwa noch vorhanden seyn möchten, nicht gänzlich weggetilgt werden. Die in der Musik wie im Gesänge, im Liede wie in der Predigt die Sprache des Gottesdienstes und der Religion üppig und weiblich machen wollten, sollten eher verwiesen werden, als jener Grieche, der einige Griffe der Tonart weicher machte; —- verwiesen nehmlich, nicht aus der Welt, sondern vom öffentlichen Gebrauche. Was sollen uns Gesänge, die der greßefte Haufe nicht Mitsingen kann und — nicht verstehet? was sollen uns andre, die Niemand singen kann, weil sie zerhackt und durch sogenannte Verschränkungen, (simjakeinsntg) Reih« ad Reihauf geflickt sind? Der Kirchengesang geht langsam und feierlich daher; was sollen ihm Sprünge? Der Kirchcngesang ist für die Menge; also auch für die Bedürfnisse derselben; für ihre Denk- und Sehart, für ihre Situation und Sprache. Sie sollen hier zu Gott beten, wie sie aus ihrem Herzen beten würden; nur vcredelie Sprache ihres Herzens. Ein Muster soll der Ge- Briefe, Lc, sang seyn, das sie" sich aus eignem Triebe zumMu- siec nahmen, weil sie allenfalls so innig fühlen, aber es nicht so gut sagen könnten. Was sollen sie nun mit der gezierten Büchcrsprache? mit der poetischen, oder gar abstrakten Tändelei? Und würden ihnen dazu ihre Lieder, Gesänge, die von Jugend auf die Gefährten ihres Lebens und wirklich einmal, wie cs aus der Geschichte ihrer Verfasser oft bewiesen werden kann, die treuen Kinder der Noch, eine wahre Herzcnssprache des Dichters selbst waren, würden diese ihnen genommen oder gar verstümmelt; und ihnen dafür poetische Ercrcitien, müßige Reim- Und Jugendübungen, die ohne Veranlassung und Beruf, ohne Noch Und Trieb des Herzens, aus Muße, zur Ergötzung, oder gar aus Ruhm- und Modesucht und für den Drucker zum Lohn gemacht wurden, in die Hände gegeben: wäre dies ein billiger Tausch für Leute, denen doch eigentlich (denn Vornehme, Reiche, Ucppige, Gelehrte, finden wenig Geschmack an Kirchenliedern) denen doch eigentlich das Gesangbuch gehöret. Sie trauen mir zu, daß ich hierüber ohne den mindesten Neid spreche; ich glaube auch, Sie halten mich nicht für den Barbaren, der manchen Wust unsrer Gesangbücher nicht mit Verachtung undMitleid fühlte; viele sind ein zusammengeflossener— was soll ich sagen, See oder Sumpf? wo das Beste unter dem Schlechtesten, die Perle im Unrath liegt. Man schaffe also manchen alten Unrath weg! keinem vernünftigen Menschen wird's einfallen, dagegen zu seyn, daß Ochsen- und Taubenkothhändler aus dem Tempel vertrieben und das Heiligthum gesäubert werde. Auch das Studium der Theologie betr. 8r Auch ist's ganz ohne Zweifel, daß die besten Gesänge der besten Meister oft Stellen, Ausdrücke, Verse haben, die für uns nicht mehr sangbar sind; diese thue man auch weg, oder bessere sie; aber unvermerkt gleichsam und gelinde. Unvermerkt und gelinde; nicht, daß man, statt Ein Glied einzulenken, dem ganzen Mann alle Gelenke und Glieder, aus bloßer Wortziererei zerbricht, ihm nicht nur Bart und Haar, wie Hanon den Gesandten Davids, sondern Nase und Ohren, Daumen und Zehen, wie Og zu Basan seinen fünfzig Königen, verschneidet und sie nun unter seinem Tisch mit Brosamen speiset. Wie bescheiden waren die ersten Versuche, Spaldings, ZollikoferS u. a. einer Sammlung feinerer Menschen auch ein feineres Gesangbuch, insonderheit zum Privatgebrauch zu geben! und was für Licenzcn sind darauf hie und da erfolget! Habe ich doch ein Gesangbuch gekannt, wo es dem Sammler erster Grundsatz war: „kein Lied ungeandert zu lassen, nichts aufzunchmen, was nicht geändert sey oder geändert würde." Gar nicht die Frage mehr: ob zu ändern noth sey? ob es zu ändern lohne? ob Leute, die nichts, geschweige einen Gesang Luthers bessern können, die Lebenslang nie von Poesie geträumt haben, ob Leute dieser Art die gewissermaßen schwerste Arbeit, dem Geiste eines andern zu dienen und ihm sanft aufzu helfen, übernehmen können, übernehmen dürfen? Von allem keme Frage: sie ändern aus gnädigster specieller Commission und man führt ein. — Nun wahrlich, christlicher und poetischer Geist laßt sich nicht commitkicen, und die Sache kann keine an- HerderS Werke z. Rel. u. Theol, X. F «4 Briefe, dern Folgen haben als die sie schon hat, nehmlich, i>aß Deutschland ein Babel wird, wie von Dialekten und Herrschaften, so von Gesangbüchern und so Gott will, auch bald von n e u ü b er setz ten Bibeln. Lassen Sie sich, m. Fr., durch diese neue Liedergeburten nicht abschrcckcn, den alten Gesang in seiner Würde und Einsalt zu studiren und fortzu- lieben. Wir haben an ihm einen Reichthum an Sprache und religiöser Empfindung,' der sich fast von den Kirchenvätern herabecbet ; und ich wünschte, daß wir noch manche von ihren Hymnen, nicht den Worten, sondern dem Geiste nach, in unsrer Sprache halten. Selbst das Mönchlalein der Mittlern Zeiten hatte manche Gesänge von einem Ton der Andacht, Feier und Demulh, der beinahe in unfern Sprachen keinen Ausdruck findet, wovon ich Ihnen ja nur das sonst elende: stabst irratsr clo- lorosa, das schreckliche: äiss iras, cliss ill-r und manche andre bekannte Cantionen zu nennen brauche. Einige unsrer Lieder, die Luther u. a. übersetzten, sind aus solchem altern Latein, und wenn der Ausdruck hie und da zu veraltet ist, so sollte man ihm, dünkt mich, nachhelfen, ohne, so viel möglich, seine Kraft zu schwachen und dem ganzen Leibe die Gestalt seines Allerthums zu nehmen. Wer wird ein Strasburgisches Münster oder eine notrs Dame in Paris zerstören, um ein leichtes Opern - und Lusthaus an seine Stelle zu pflanzen?-In den Gesängen der böhmischen Brüder ist oft eine Einfalt und Andacht, eine Innigkeit und Brüdcrge- meinschaft, die — wir wohl lassen müssen, weil das Studium der Theologie betr. LZ wir sie nicht mehr haben. Es ist Schade, daß aus diesen Bergen nicht wenigstens das Gold gesucht und etwa nach unseren Bedürfniß zum gemeinen -Nutzen verwandt wird; doch vielleicht ist's auch besser, daß es für wenige Liebhaber aufbcwahrt blci- bet. Die Gesänge Luthers, (ob einige gleich, welches ich sehr bedaure, zu zeitmaßig und persönlich sind,) einige sehr schätzbare Lieder aus dem vorigen Und dem Anfänge dieses Jahrhunderts sind voll Melodie und Herzenssprache; man spüret aber, daß es mit dem Kirchengesange von Zeit Zu Zeit abwärts gehe: er wird feiner und die Kraft verliert sich; lieblicher, und er hört fast auf, Chorgcsang zu werden. So, dünkt mich, hat insonderheit eine bekannte fromme Schule Deutschlands den Kirchengesang zuerst entnervt und verderbet. Sie stimmte ihn zum Kammekgesange mit lieblichen weiblichen Melodien, voll zarter Empfindungen und Tändeleien herunter, daß er alle seine Herzen-beherrschende Majestät verlor; er ward ein spielender Weichling? Ich schreibe dies immer noch mit Hochachtung gegen einige große Männer dieser Schule, die sich auch durch Gesänge verdient gemacht haben; aber im Ganzen — auf Tändeleien der Art konnte wohl nichts als philosophische Kalte und poetisches Schnitzwerk folgen. Es ist übel, daß bei der großen Menge schlechter Lieder, die in Unfern alten Gesangbüchern sind, die guten fast nirgend in Einem zusammen, sondern hin Und wieder in ProvinzialgesangbückeM abermals unter Wust stecken; und wie viele solcher Art haben gar Nationalmelodien, ohne die sie halb- todk sind. Eine Biene des christlichen Gesanges F 2 84 Briefe, müßte also zuerst die besten aus allen Provinzen, selbst ohne den Unterschied der protestantischen Religionen , niit ihren Melodien, alt und neu samm- len, und dies wäre die Grundlage eines guten Gesangbuchs für Deutschland. Die schlechten müßten, obngeachtet des Namens und Standes ihrer Verfasser, weg- und auch aus den guten müßten schlechte Verse wegbleiben, denn viele sind überdem zu lang, und das Schlechte weglassen ist besser, als schlecht verändern. Selbst bei P. Gerhards, Speners, Franke, Scrivcrs, Freiling- hausens u. a. Liedern Ware dies zuweilen nöthig; noch mehr bei Angelus, Nists, HeermannS, Hermanns u. a. Aus den Neuern müßten nur die hinzugethan werden, die sangbar und für die Gemeine verständlich; nicht aber die blos gereimte Abstractionen oder poetische Tiradcn sind. Alle Aenderungen müßten nur dahin abzwecken, daß das Anstössige weggethan, nicht aber dem Verfasser seine Farbe genommen, noch weniger das Lied in unsre Gcdankcnweise umgeschmolzen werde. Einige der neuen Verbesserer scheinen sich dies strenge Gesetz vorgesetzt zu haben; ob cs überall glücklich befolgt sey? ist eine andre Frage. Kurz, einem praktischen Theologen ist's nöthig, daß er die besten alten und die besten, oder bestveränderten neuen Lieder kenne; die Gegeneinanderhaltung beider ist ein großes Studium der Sprache und Empsindungs- art über geistliche Gegenstände und die eindrücklich- sten Materien der Predigt. Was die Kirchenmusik anbetrifft, so haben wir ohne Zweifel bessere und mehr bessere Kirchenstücke örs Studium der Theologie betr. 85 in Tonen, als in Worten; denn bei den gemeinen Kirchenkantaten ist der Text meistens mittelmäßig oder elend. Hier hoben wir noch vieles für die Andacht zu wünschen, che der goldnc Traum Klopftocks*) erfüllt wird. Lest» Sie die Vorreden Luthers zu seinem Gesangbuch und was er sonst bei aller Gelegenheit von der Musik spricht, wie er sie nächst der Theologie, als eine zweite Theologie preiset, und sagen, was nach diesem Begriff unsre Musik deS Gottesdienstes für eine andre Sache senn könnte! Noch neulich habe ich dies an Handels Messias aufs neue gefühlt und geahnet. O Freund, welch ein großes Werk ist dieser Messias, eine wahre christliche Epopee in Tönen! Wenn Sie gleich von Anfang die sanfte T r o st e s st i m m e vernehmen und zur Ankunft des Messias in der ganzen Natur Berg und Thal ebnen hören, bis sich die Hoheit, die Hoheit des Herrn offenbaret und alle Welt ihn schaut mit einander: wenn Sie die schauerliche Arie: wer mag ertragen den Tag, wenn ec kommt? und sein Lauterem gsfeu er durch Ihr ganzes Wesen fühlen: und nun der fröhliche Helle Bote erscheint, der mit seinem Lerchengesänge Frohlocken in Zion bringt, und die Völker, die so tief in den Kreuz- gangen desDunkels wandeln, nun sehn ein groß Licht, bis der ganze Helle Morgen anbricht; wenn sodann das einzige Choc in seiner Art: cs ist uns ein Kind geboren, alle Na- ') S. Klopftocks Oden, i Th. S. 2-12. die Chöre. Briefe, S6 men des Neugebornen wie Silbertropfen vom Him. wel herabfällt, und plötzlich alles schweiget, und die sanfteste Hirtenmuflk Nacht und Schlummer verbreitet — Sie wissen, nn Fr., mit Worten laßt sich über alle dies nichts sagen. Hören Sie die Arie: „er wird Hirte seyn; kommt her zu ihm, die ihr mühselig seyd," hören Sie das Choc: „Sieh' da ist Gottes Lamm," und darauf denn das Herz-durchdringende Solo: „er war verschmähet: deine Schmach zerbrach sein Herz: schau an und sieh, ob irgend sey ein Jammer gleich seinem Jammer," und Alles, Alles was folgt, bis zu dem in die Ewigkeiten hineingehcndcu Hallelu? jah! ewig und ewig! Vernehmen dann nach einer kurzen Pause das sanfte, gewisse: „ich weiß, daß mein Erlöser lebt," und fühlen den allgemeinen Tod cs sch las und die Au fe r st e h- Ung und wenn die liebliche Trommete tönt, die schöne F r ü h l i n g s v er w a n d l u n g, und hören has Gespräch jenseits des Grabes: Tod, wo ist dein Pfeil? und abermal Wes, Alles, bis alle Chöre aus allen Welt-Enden dem preiswenhen Lamm Dank und Hoheit zu Füßen legen, auf ewig und ewig — hören Sie dies und haben yur einiges Gefühl für Religion und Töne; Wie werden Sie an manche unsrer Kirchenmusiken denken? Und doch ist alles so einfach! und Worte «us der Bibel — ja Gottlob! nur Worte aus der Bibel; keine schön-gereimte Cantate. Leben Sie wohl, das Studium der Theologie betr. 87 Sieben und vierzigster Brief. OaS Wichtigste und zugleich Gefährlichste der Gedichte für einen Theologe» stellet mir noch bevor, nehmlich die biblische, die christliche Epo- pee. Wie hat ein Jüngling unsers Zeitalters diese Dichtungen, die die gerühmtestcn Werke unserer Muse sind, zu lesen, zu gebrauchen? Trauen Sie mir zu, m. Fr., daß ich auch hier unparlheiisch nach meinem besten Gefühl der Wahrheit reden werde. Am wenigsten liefet man sic dazu recht, wenn man die Blumen ihrer Sprache lernen, und diese in Liedern, Oden, Gebeten, gar in Abhandlungen und Predigten anwenden will. Diese epische Muse har ihren eignen Gang, ihre eigne Sprache; zumal die neuere epische Muse. Homer ist gegen sie ein Kind und die Prose kriecht ihr zu Füßen. Wolle» Sie sich hiervon überzeugen, so lesen Sie Klopstocks Prose. Nichts ist bescheidner, sanfter und, wie ein Schriftsteller sagt, lammesfrommer als sie: sie fliegt nicht, sie geht einfältig an der Erde. Ein gleiches ist's mit der Prose Miltons, und beiden großen Schriftstellern, die in beiderlei Stvl Muster seyn können, geschieht das empfindlichste Unrecht, wenn unverständige Jünglinge die neugeschaffne, hoheGöttcr- und Empsindungssprache derselben zu einer Pandvrenbüchse machen, aus der sic Schildercicn, lyrische Gedichte, geradbrechte Ae- 86 Briefe, der und Empfindungen schütteln, die ihren Verfassern selbst und sodann einer Reihe, wie es heißt, sympathisirendcr Leser allen gesunden Blick über Sachen dieser Art und den eignen Ausdruck ihres Herzens rauben. Im Felde der Theologie, im einfältigen Zuspruche der Hcmilie, des Gebets, deS Kirchengcsangcs hasse ich diese glänzenden Lappen auf den Tod. Sie sind fremder Beitelstaat: die Worte kommen nicht von Herzen und gehen nicht zu Herzen: sie sind lau Wasser, das jeder Gesunde von sich speiet. — Ein gleiches ist's mit den nachgeahmten Empfindungen einzelner Personen der poeti- schen Fabel. Fühle sie mit, indem du sic liesest: mache dir draus eigen, was, als Summe des Eindrucks, dir in der Seele bleiben soll; in dei n em Vortrage aber, von welcher Art er auch Ware, tändle, juble nicht nach. Du bist keine der Weiber am Kreuz oder in der Arche, weder Maria noch Eva, weder Eidli noch Kerenhapuch. Der Erlöser will von dir nicht bejammert, beweint, be- jauchzet; sondern verstanden, geliebt, verkündigt und befolgt seyn. Laß Teufel und Seraph, Eloah und Adramclech, den wimmernden und die wüthen- den Teufel ihre Sprache reden, rede du die deine. Wie Gott im Himmel besungen, wie der Erlöser in der Hölle angesehn wird, wisse der Dichter» du lerne ihn ansehn und preisen, wie er sich uns auf Erden, in seiner Natur, in seinem Wort offenbarte. Eben so jst's mit dem eigentlichen Kabelwerk des Dichters. Als Dichter war's ihm nö- thig; die Epopee muß Begebenheit in Fabel verwandeln, sie mit Fabeln aus füllen, rund das Studium der Theologie bet r. 8g machen, heben und kränzen: der Theolog und Christ muß das aber von ihr nicht lernen. „Der Dichter, sagt Klopstock selbst, mahlt einen „historischen Grundriß nach den Hauptzügen aus, „die er in demselben gefunden zu haben „glaubet. Zugleich weiß man von ihm, daß er „dies für nicht mehr als Erdichtungen aus- „giebt." Er will also selbst, daß wir, was er zu finden glaubte, suchen sollen, ob auch wir es finden? und ja, (wie er bald in der Folge hin- zusetzt) Erdichtung und Wahrheit von einander sondern. Ein schwacher Kopf ist's, der beides für Eins nimmt, der aus Klopstock lernen will, wie Christus gen Himmel gefahren sey und die Welt erlöset habe? ein so schwacher Kopf, daß Klopstock kaum glaubt, daß so was im Ernst gesagt oder in seinem Gedicht gesucht werden könne. Ec will, daß man auf seiner Hut sey, Geschichte und Gedicht, selbst nicht im Lesen, im Feuer der Einbildung und Mitempsindung selbst nicht, zu verwechseln, geschweige im bleibenden Eindruck; und es ist ein lästerndes Lob, das ihm ein Epigramm gemacht hat, daß Gott zwei große Tage der Welt gegeben, Einen, da der Messias erlösetc, den zweiten, da Klopstock seine Erlösung sang. Hatten wir statt vier, nur Einen Evangelisten; er würde daß Lob verachten und gewiß verachtet's der bescheidne, edle Dichter, der Dichter und kein Evangelist ist. Er vergleicht sich*) nur mit dem ) S. Abhandlung von der heiligen Poesie vor dem Messias. AI Briefe, dogmatischen oder moralischen Denker, der aus den nicht historischen Wahlheilen der Religion Folgen herleitet: „siedachten, sagt er, auf ver- „schiedne Weise, über die Religion nach." Wie ich nun den Dogmatiker prüfe: ob er recht folgert ? so kann, so darf, so muß ich den Dichter prüfen, ob er für mein Auge recht sah? Wie bei jenem zwischen Wahrheit und Folge allemal ein Unterschied bleibt; so bei diesem zwischen der historischen Wabrheit, wie sie dasteht, und der dichterischen Fa b e l , die er ersann; gesetzt, daher sie sich auch als mögliche, wahrscheinliche, ja wenn gar als wirkliche Wahrheit dachte. Was kann der Leser dafür, wenn er sich etwa solchen Satan und Adramelech, solchen Triumph Christi über die, selben, solchen Eloah und Abadonna, solche Verrichtungen und Gesandtschaften derselben, ja sogar einen solchen Versöhner und Versöhnten, Gerichteten und Richter, eine solche Erlösung und Versöhnung nicht denken könnte? Genug, daß er sich dies alles zu denken bemühte, wie Er es in der Bibel fand und über alle das furchtsamer denket, wovon er nichts in der Bibel findet u. f. Der Dichter hat ihm alles dies zugegeben, sobald er sein Werk, die Ausmahlung biblischer Gegenstände, Erdichtung nannte; als solche will ec sie auch allein gelesen und beurtheilt haben. Das schöne Gemälde z. E. der Angelika vom Besessenen und dem milden Johannes ist Klopstocks und ihr Bild; nicht ein Gemälde Lukas, des Malers. Wenn also ein Lobredner sagt: „Klo pst och „habe die Bibel verschö nert! Jener Prophet, das Studium der Theologie bctr. 91 „dieser Evangelist würde, wenn er seinen Messias „last, ihm danken, daß er diesen Gesang, jene „Geschichte also verschönert habe:" so achten Sie, m. Fr., auf den Abcrsinn nicht, den jeder gesunde Verstand und der Dichter selbst verschmähet. Bibel und Gedicht, Fiktion und Geschichte stehen in keinem Betrachtaus gleichem Grunde: der Dichter selbst wird erwürget, wenn man ihn als Verbesserer der Bibel, als Geschichtschreiber behandelt. Sie , bitte ich, lesen Klopstock, La- vatcr, Bodmcr und wer sonst über Geschichten der Bibel gedichtet hat, ja nicht, damit Sie die Bibel aus ihnen verschönern; sie aus- oder vielmehr mit dem Dichter anschauen und betrachten lernen — das mögen Sie, wenn sich die Vorstellungsart des Dichters mit der Ihrigen paaret. Vergessen Sie aber auch hier nicht, daß es nur Borste l l u n g s a r t, d. i. Ihre und des Dichters Einbildung, sty, wenn Sie, was nicht dasteht, Hinzuthun, wenn Sie, was im eignen Umriß der Evangelisten dasteht, so und nicht anders ausmahlen. Meine Warnung hiebei erstreckt sich auf Alles, was zum Gedicht gehöret, aufs Thema und den Gang der Handlung, auf Personen und Mei, yungen, auf Empfindungen und Charaktere. „Also auch auf den Gang der Handlung, „den doch die Bibel selbst dem Dichter verzeichnet? Mich dünkt, ja: ich sage aber nur meine Meinung. Wenn ich mir z. B. an der Versöhnung, der Erlösung , dem Gebete Christi in Gethsemane, dem Richter, dem Satan u. s. nicht das dächte, was der Dichter an ihnen schildert: wenn ich mir am 92 Briefe, Leben Christi bei jedem Umstande auch nicht dl« Farbe dachte, die Lavater daran stehet: so bin ich hierüber ganz ruhig und nehme blvs und allein die Bibel zu meinem Gewährsmann. Im Gange der äußern Begebenheit hat die Epopee der Geschichte folgen müssen: Klopsiock konnte die Begebenheit nicht Herkommen lassen, wie sie Homer Herkommen läßt, der über eine mündliche Sage eine selbst schon zur Fabel gewordnc Geschichte dichtete. Bescheiden ließ er also stehen, was steht, und wollte seine Dichtung der Geschichte nur ansügen, nur zwischenschicbcn. Dies ist so auffallend, daß man die biblische Begebenheit aus ihm heraushcben konnte und die Dichtung, das Werk seiner Muse stünde in einzelnen Situationen beinahe ganz da. Cidli und Semida , A b d iel und A b a d o n n a , die sterbende Maria, Porcia und Sokrates, die auserwecktcn Erscheinenden, das Gericht auf Thabor, Adams Traum vom Weltgericht, H i m m e l und H ö llc endlich , geschweige die einzelnen Gesänge und Thaten der eingeflocbtenen Personen können allein gelesen werden, weil sie so eigentlich doch an diese biblische Geschichte nicht geknüpft sind, daß diese ohne jene nicht verständlich wäre. Kurz, m. Fr., Sie sehen, dicHa ndlung, d. i. der ganze Gang der Epopee des Dichters und die biblische Geschi ch te sind zwei ganz verschiedene Dinge, die nur ein schlechter Leser verwirrt und verwechselt. In der Republik des Plato — Doch wir sind ja beide nicht in der Nepublick des Plato; lassen Sie mich also hinter diesen Warnungen aufrichtig sagen, wie ich das Lesen Klop- das Studium der Theologie betr. Z3 stocks, Miltons, Bodmcrs und welches biblischen Dichters Sie mehr wollen, jedes in seiner Maaße, gut und nutzbar glaube. Der erste epische Dichter des Christenthums in einer neuern Sprache, Dante, zeigt uns, wie mich dünkt, ziemlich genau die Schwachen und Kräfte dieser poetischen Gattung, weil wir ihn, als einen alten Mönchsdichler, jetzt ganz unparteiisch ansehn und beunheilen. Jedes Kind und jeder Weise spricht von ihm: „Schade der vortrefflichen Stellen! sie machen kein Ganzes. Seine Beschreibungen, Charaktere, Naturgemalde , Gleichnisse, einzelne Geschichten leben: seine Sprache ist einzig, „sie schlingt sich jedem Gegenstände, hoch und nied- „rig, gut und schlecht an, sie geht mit ihm durch „Fegfeuer, Himmel und Hölle. Ueberdem ist der „Dichter voll Gelehrsamkeit, voll der trefflichsten „moralischen Gesinnungen; beinah eine Encyklopadie „des Wissens seiner Zeit — Schade aber, es macht „Alles für uns kein Ganzes. Sein Fegfeuer ist „blos unter dem Tritt der sortgehenden Zeit in Asche „versunken: viele seiner Situationen in Himmel „und Hölle gleichfalls, in denen er sich doch dem „strengsten Ueblichen seiner Zeit bequemte. Die „Zusammenfassung, die Haltung, geschweige der Rahme vom Bilde, kurz die damals „geglaubte religiöse Wahrheit vieler Gegenstände ist „für uns dahin; nur einzelne Stücke, Figuren und „Situationen daraus intcressiren uns, als ob sie „noch vor uns stünden und dies sind die ewigblci- „benden, sich immer wiederholenden Situationen der „Menschheit; das andere studiccn wir der Gelehrsamkeit, der Kunst, des Ausdrucks wegen, wie 94 Briefe, „man ein altes Kunstwerk studirt u. f." So verheilen wir jetzt alle ziemlich einstimmig über den epischen Dichter der Hölle, des Fegfeucrs und des Paradieses, und wie über ihn das Unheil der Zeit zur völligen Rechtskraft gekommen ist: so sollen, so dürfen wir auch bei neuern Dichtern , Mil ton, Klop stock u. a. seinem Wink folgen. „Nutze nehmlich, spricht cS zu uns, im Einzelnen das viele, zerstreure Gute, Große und Schöne, das deine Dichter dir darrcichen; um das Andre, was du mit deinem Lehrbegriff, mit deiner Schriftauslegung nicht zu verbinden weißt, bekümmere dich nicht, lhue als ob's nicht da wäre. Das Ganze aber studire als Kunstwerk, als Dichtung. Von Milton z. E. darfst du nicht eben lernen, wie Gott philosophirt, wie Engel zu Felde ziehn und der Teufel Brücken schlagt; du hast genug an seinem menschlichen Gesichtskreise, an seiner paradiesischen Seligkeit und Liebe, seiner traurigfröhlichen Aussicht in die sichtbare, uns geoffenbarte Ferne, endlich an seiner herrlichen Sprache und Bcrsart, wie an dem durchdringenden männlich - edeln Geiste des alten Barden. So ist Bodmec voll Moral: er hat die vielfachsten Kenntnisse, Sinnsprüche, Fabeln und Dichtungen aus fremden Landen und Köpfen in seine Gedichte verwebet: so daß man sie hierin oft als mosaische Arbeit betrachten könnte. Klopstock endlich — lesen Sie sine Vorrede von der heiligen Poesie und sehen, woraus Er's selbst anlragt. Moralische Schönheit, s ti l l e E r h a b e n he i t, die dic ganze Seele beweget, einfältige Würde Und ernste Lieblichkeit, die den mächtigsten das Studium der Theologie bet r. 9S Eindruck Nachlassen, sind sein Zweck; und wo er ihn erreichte, hat ihn vielleicht keiner, wie Er, erreicht. Die Anlage seines Gedichts ist ein Werk der Jugend; aber auch die besten Scenen seiner ersten Gesänge sind ein Werk derselben, die erste frische Blüthe seines Geistes, die erste überströmcnde Fülle eines sanften, zarten Herzens. In den folgenden Gesängen wird die Sprache fester, der Umriß strenger; und poetisch studirt hat der Dichter seine Geschichte, wie sie gewiß wenige studirt haben. Einzelne Scenen aus der Bibel, z. E. die Jünger nach Emahus, die Reue Judas u. f. sind fast bis zur Täuschung nusgemahlet: Sprache und Versart sind neuqeschaffen, tausendgestaltig, ernst und lieblich. Die dem Messias eingewebten Hym. nen voller Begeisterung, und im Ausdruck der stillen Majestät, der sanften Güte ist Klopstock vielleicht der erste Dichter. Leben Sie wohl. Beilage. Vako's Gedanken über Poesie und Theologie. Alle menschliche Lehre theilt sich nach den drei Kräften unsrer vernünftigen Seele, die ihr Sitz ist, in Geschichte, Poesie und Philosophie. Die Geschichte gehört dem Gedächtnis, die Poesie der Einbildung, die Philosophie der Vernunft. Auch die Briefe, ö6 Theologie, ob sie wohl höheren Ursprungs und Inhalts ist, kann doch von der menschlichen Seele nicht anders als in diesen drei Cellen und Behältnissen gefaßt werden, wie ein und dasselbe Gesäß verschiedne Safte, durch verschleime Oeffnungen , in sich aufnimmt. Sie besteht also aus der heiligen Geschichte, aus göttlicher Poesie, wie z. E. die Parabeln, und aus einer ewigen Philosophie, welches ihre Pflichten und Lehren sind. Die Poesie gehört der Einbildungskraft, dis sehr freie Trennungen und Verbindungen der Dinge liebet. Sie ist nicht Geschichte, sondern eine will- kührliche Nachahmung derselben, bnstoria aä pla- issrniN Loniiata. Die erzählende Dichtung ahmt geschehene Dinge bis zur Täuschung nach, erhöht sie aber öfters über die Glaubwürdigkeit. Denn da die sinnliche Welt unter der Würde unsrer Seele bleibt, so giebt ihr das die Poesie, was ihr die Geschichte versaget; befriedigt das Gemüth mit Schatten der Dinge, da die arme Wirklichkeit cs nicht befriedigen kann. Eben die Poesie zeigt, daß unsre Seele zu einer Hellern Größe, zu einer vollkommenem Ordnung, zu einer schöner» Mannichfaltigkeit gemacht scy, als ihr die Natur nach dem Fall gewahret. Deswegen dichtet sie größere Thaten, gerechtere Folgen, eine schönere Abwechselung, als die Geschichte zeiget. Es ist etwas Göttliches in ihr, weil sie die Seele erhebt, den Laus der Dinge uns unterwirft, nicht uns dem Lauf der Dinge, wie Vernunft und Geschichte fordern. Sie schmeichelt also dem menschlichen Gemüth, und insonderheit mit der Tonkunst vereinigt, hat sie große Gewalt Über das Studium der Theologie betr. 97 über dasselbe. — Die dramatische Poesie ist eine anschaubare Geschichte; sie hat einen Schauplatz, der so groß als die Welt ist, und könnte sehr auf die Sitten wirken, wenn sie dazu gebraucht würde. Kluge Männer und große Philosophen haben sie für ein Saitenspiel der Seele angesehen: denn es ist ein Geheimniß der Natur, daß die Menschen in der Versammlung mehr bewegt werden, und den Eindrücken offener stehen, als wenn sie allein sind.— Die parabolische Poesie endlich ist gleichsam was Heiliges und Erhabnes, wie sie denn auch die Religion selbst gebraucht, den Menschen Göttliches mitzuthcilen. Sie ist indessen auch durch leichtsinnige, üppige Köpse befleckt worden. Die Allegorie ist von einem zweifachen, einander cntgegeustehendcn Gebrauch: bald dient sie zur Hülle, bald zur Erläuterung: hier enthüllet und lehret, dort verhüllet sie und kleidet ein. Als Lehre haben sie insonderheit die Alten häufig gebraucht: denn, da die Erfindungen und Schlüsse der menschlichen Vernunft, die uns'jetzt bekannt und geläufig sind, damals neu und ungewohnt waren, und kaum gefaßt wurden, wenn man sie nicht sinnlich machte: so erschienen sie in solchen Bildern, Fabeln, Parabeln, Räthseln und Sprüchen, wie z. E. Mcncnius Agrippa durch eine Fabel das römische Volk zufrieden stellte. Wie die Hieroglyphen alter sind, als die Buchstaben; so sind die Parabeln alter als die Beweisgründe. Noch jetzt und immerhin wird diese Kraft den Parabeln bleiben: denn kein Beweis, kein wahres Exempel ist so deutlich, so anschaulich wie sie. Herders Werke j. Nel. u.Theol.^t. G Briefe, öS Der zweite Gebrauch der parabolischen Poesie ist zur Hülle; zur Einhüllung der Sachen, deren Würde einen Schleier fordert. So hat man Geheimnisse der Religion , der Politik und Philosophie in Parabeln und Fabeln gekleidet, und die Schriften dieser Art sind von menschlichen Werken die ältesten ; auch die, die sie ausgeschrieben, haben sie nicht erfunden. Es ist ein zartes Lüftchen, das aus den Traditionen älterer Völker die Flöte der Griechen berührt hat. — Sonst ist die Poesie eine Pflanze, die von der üppigen Erde ohne Samen hervorschießt, sich weit ausbreitct und über andre Wissenschaften emporwachst. Sie ist ein Traum der Wissenschaft und Wahrheit: süß, mannigfaltig, sic hat was Göttliches in sich, wie alle Traume; aber man muß auch aufwachen und in den Aether der wahren Wissenschaft hinaufstreben. Die wahre Wissenschaft ist, wie die Wasser, eines doppelten Ursprungs: vom Himmel und von der Erde: jenes ist die Theologie, dies die menschlichen Wissenschaften. Das Meer der Theologie befahrt man nur sicher im Schiff der Kirche, mit dem Magnet der Offenbarung: die Sterne der Philosophie sind hier nicht hinreichend u. f. Acht und vierzigster Brief. Aus den ätherischen Feldern der Poesie kommen wir wieder zum sichern Boden der Geschichte. das Studium der Theologie betr. 99 Baco vergleicht, ich weiß nicht welche Historie mit dem Bilde des Polyphemus, dem sein Auge fehlt; der Kirchengeschichke fehlt dies Auge gewiß, wenn sie nicht, als lebendiger Commentar des Wortes und der Regierung Gottes betrachtet, uns lebendige Menschen kennen lehret. Alle Classificationen von Kaisern, Königen, Bischöfen, Ketzern; die leeren Titel von Concilien, Synoden, Lehrern, Schriften sind Facher, in die man etwas legen, aus denen man auch nehmen kann, wenn — etwas drinnen ist, wenn Lehrer und Buch es darein legen. Nicht der ist der beste Leser der Kirchcngeschichte, der alle diese Sachen auf der Schnur hat; (auch Spielzeug und Glasperlen kann man auf der Schnur haben) sondern der Kleinode besitzt, (falls er sie auch nicht immer bei der Hand hatte,) der sie uns zu zeigen nicht vorenthalt, aber auch das Beste mit ihnen, den Geist der Geschichte, Regeln ihres Gebrauchs uns mitschenket. Cin lebendiger Lehrer ist hier insonderheit nutzbar: denn die beste Lehre ist sein mündlicher Vortrag, die Art, wie Er Monumente, Begebenheiten, Personen, Schriften, Sachen behandelt und ansieht. Die Bücher, die in unfern Händen sind, sind meistens nur Compendien, trockne Auszüge und Wegweiser. Selbst kann der Lehrling noch nicht zu allen Quellen, Geschichten, Begebenheiten und Ketzern laufen oder sie prüfen : cin schriftliches Urtheil in ein paar Worten bisst auch nicht viel und ist oft kaum dem Weisern, der selbst gelesen und geprüft hat, verständlich. Also gehört zur genauesten und vielfachsten aller lebendigen Wissenschaften, der Historie, G - 10 » Briefe auch ein rsopcav d. i. ein Einsehender, der erkenne, durchschaue, lehre. Die Compcndicn dieser Art, größere und kleinere, über das A. und N. T. können Sie in allen mehrmals angezeigtcn Bücherregistern finden; dahin will ich Sie hierüber, wie über die Schriften von Conexion der Bibel mit der weltlichen Geschichte, über die Historien der Kaiser, Könige, Concilien, Patriarchen, Papste, Ketzer und Kirchengebrauche einmal für alle verwiesen haben. Mosheims Kirchengeschichte hat ein paar gute Uebersetzer und literarische Bereicherer erhallen; Baumgartens, Pfasfs, Jablonski, Walchs, Cotta u. a. Kirchcngcschichtcn sind bekannt und auch in ihren literarischen Anzeigen nützlich.*) Auch einzelne Fachwerke der Kirchengcschichtc, Papste, Concilien, Quellen hat Walch mit seiner bekannten literarischen Genauigkeit abgehandelt, und seine Geschichte der Ketzer ist, wenn sie vollendet wird, das vollständigste, deutlichste, sicherste Buch, das wir über diese Materie haben. Semlers Verdienste in der Kirchengcschichte, zumal in der Geschichte der Meinungen, Lehren, der Au S- *) Spittlers Grundriß der christlichen Äirchen- geschichte (Göttingen 1782.) verdient vor allen vorhergenannten das Studium eines jungen Theologen. Auch in den kleinsten Zügen ist er ein reiches Gemälde voll Gelehrsamkeit und feinen Urtheils. d aS Studium der Theologie betr. rsi legung u. f. sind unverkennbar; seine meisten Schriften aber fordern einen gesetzten, prüfenden Leser, der sie um so reichlicher nutzen kann, weil er in ihnen einen Vorrath von Excerptcn und vielen Anlaß zum Denken zugleich findet. Arnold ward der Geschichte nützlich, nicht allein durch das, was er schrieb, sondern noch vielmehr durch das, was er veranlaßte: ein Gleiches hat Semler bewirkt. Zuerst, m. Fr., halten Sie sich in der Kir- chcngeschichte recht fest an das Compendium, das Sie wählen, und an den Vortrag Ihres Lehrers darüber: bei der Geschichte ist Memoria loc-ali, des Hauptbuchs oder der Hauptbücher vorzüglich nöthig. Frühes Umherspazieren macht sonst auf Le. benslang Verwirrung. Wenn Sie sich auf diese Weise in den vornehmsten Gangen des Gebäudes auch chronologisch festgesetzt und sich die rechten Denkzeichen sicher gemacht haben: so können und mögen Sie einzelne Aussichten verfolgen, denn freilich das Bildendste der Geschichte ist nicht ihr Allgemeines, sondern das Besondre. Da wird sie charakteristisch: da siehet man Fußstapfen Gottes in Begegnissen, Zufallen, Gaben, Tugenden und Fehlern: da stärkt man sein Urtheil, seinen Glauben und Charakter. Einzelne Lebensbeschreibungen merkwürdiger Personen, wenn ihr Leben gut, treu, tief, zumal von ihnen selbst beschrieben ist, dienen hiezu am meisten. Man macht sich nehmlich aus dem allgemeinen Abriß der Geschichte bekannt: wo die Person stand? und was sie etwa im Zusammenhänge des Gemäldes der Geschichte, wenigstens nach Angabe dieses Buchs, 102 Briefe, dieses Lehrers, bedeutet haben soll? und betrachtet sie sodann als Portrait einzeln. Man wohnet mit dem Manne eine Zeitlang, lernt seine Beweggründe und Triebfedern, aus eignen Schriften und Handlungen, wohl gar aus seinem Selbst- be kennen iß, kennen, studirt insonderheit an ihm die kleinen Züge, wo sich der Mensch, der einzelne Mensch, verrath: hieraus bildet sich allmählich ein Bild und Urtheil. Man lernt Haffen oder lieben, bewundern oder verachten; allemal aber lernt man. Sie sehen , m. Fr., Llogia , Lobreden und Leichengebichte sind hiezu nicht tauglich. Da sitzt der Mann auf einem Tragsessel oft ohne Beine, oder liegt in seinem Leichenhabit im Sarge, da kann man ihn nicht, wie er ist und war, kennen lernen. Historische Ideale sind als Romane nutzbar: sie strengen an, sie muntern auf, sie zeigen insonderheit die Seele deß, der sie ausdachte; ich liebe aber ungleich mehr Portraite als Ideale, bestimmte Handlungen als Allgemeinsatze, kleine, unvermerkte Charakterzüge, als alles Gerede darüber. Ist eine Lebensbeschreibung endlich gar von der Art, daß sie weder Ideal noch Bild giebt, so wird sie sehr langweilig, oft unausstehlich. Man weiß nicht, was man liefet, und je weiter man kommt, je mehr fangt es an zu fehlen. Für den Register- Lexicon - und Chronikenschreiber ist ein solches Leben sehr brauchbar; aber nicht für den Schüler der Theologie, für den unbefangenen Philosophen einer Geschichte der Menschheit. Einige sehr merkwürdige Leute schrieben ihr Leben selbst; und es ist zu beklagen, daß wirs von das Studium der Theologie betr. roL einigen, selbst Griechen und Römern, verlohren haben. Ich will nur von der christlichen Epoche reden; doch mich nicht eben an die Theologie binden. Augustins Confeßionen, die Ihnen ohne Zweifel schon bekannt sind, wurden auch dadurch nützlich, daß sie Pe tra rka's Confeßionen veran- laßten, welche letzten eine interessante Schrift sind. Sie haben mit zu den lehrreichen IVlemoirss eis ks'trargns beigetragen, aus denen man diesen für alle Wissenschaften merkwürdigen Mann von so vir» len Seiten kennen lernet.*) Cardans, Bucha» nans, Thuans, noch mancher andern eigne Lebensbeschreibungen gehören zwar nicht hieher; die erste aber ist für einen gesetzten Mann, wenigstens als psychologische Seltenheit merkwürdig. Huetii cornrnsntLrirm cls rekuo aä euirr psrtinentibu» sind hie und da kleinlich; aber lehrreich und angenehm, sowohl für den Theologen als Philologen. Petersens Leben von ihm sebst beschrieben (ich schreibe, wie mirs ins Gedachtniß kommt) zeigt den liebenswürdigen, geistvollen und kindlichen, nur über gewisse Punkte sehr schwachen Mann in seiner ganzen Gestalt, und dabei lernt man manche andre neben ihm kennen, denen cs nicht eben zur Ehre gereichet. Von des AntisteS BrcitingerS Leben hat Pfenningers christliches Magazin *) Sie sind in einem sehr guten Auszuge übersetzt: Nachrichten zu dem Leben des Franz Petrarka aus seinen Werken und den gleichzeitigen Schriftstellern, Lemg» u. f. Briefe, 104 einige merkwürdige Aufsätze gegeben; cS wäre gut, wenn es mehrere der Art liefern könnte.*) Noch eine Reihe eigner Lebensbeschreibungen minder merkwürdiger Theologen, z. E. Fron; JuniuS, Ursinus, Joachim L a n g c, B rc i t h au p ts u. a. könnnte ich Ihnen anführen; und ich möchte fast sagen, auch bei dem unmerkwürdigsten Manne wird schon die Art, wie er sich selbst ansiehet und von sich redet, nützlich. Noch mehr kleine Aufsätze und Diarien eigner Lebensbeschreibungen, z. B. des verdienten Kemnitz u. a. kann ich Ihnen einmal zeigen. Interessant ist auch das Leben der Schwärmer und Selbstpeiniger, von ihnen selbst geschrieben; nur muß man heiter und gesetzt seyn, um es zu lesen, und auch bei den besten wird es dem Lesenden oft warm und enge. So giengs mir noch neulich mit des berühmten Hieronymus Wolfs Leben von ihm selbst so armselig und traurig geschrieben ; der berühmten und gelehrten Schurmannin habe ich, trotz ihres schönen Anfanges , fast nie zu Ende bringen können. Sehen Sie *) Es hat einige andre z. B. Oetingers Leben, so wie das würtembergischeReperloriumJoHann Aalentin Andrea Leben aus dessen eigner Beschreibung geliefert. Es wäre gut, wenn ein eignes Buch die Lebensbeschreibungen, die merkwürdige Menschen von sich selbst geschrieben haben, entweder ganz oder in Auszügen, zweckmäßig sammlete. Sie sind jetzt zu zerstreut und oft an Oerter begraben, wo man sie zu suchen nicht eben Lust hat. das Studium der Theologie bctr. ivZ meine Anmerkungen nicht für eitle Gelehrsamkeit an; sie können Ihnen einmal, wenn Sie auf Lebensbeschreibungen gestellt sind, nützlich werden. Wie einer ist, so thut er: wie er denkt, so schreibt er; am meisten, wenn er von sich selbst schreibet. In solche Spiegel menschlicher Gemüthcr und Lebensweisen zu sehen, ist nützlicher, als bei schlechten Journalen und Romanen seine Zeit zu verlieren. Dies Lesen bringt Neuheit ins Leben; cs ist, als gewinne man täglich einen neuen Freund oder Warner- Da die wenigsten merkwürdigen Männer, (das Auge der Geschichte!) von sich selbst geschrieben haben; so muß man den Nachrichten andrer von ihnen trauen, und nur die besten aus solchen wählen. Bon dem Leben der Apostel wissen wir wenig; vom-Leben der Kirchenväter mehr, wo Cave, Arnold, Clcrikus, Stolle, noch besser aber einige Franzosen zu brauchen sind, die das Leben einzelner Kirchenvater geschrieben haben. Bon diesen, wenn Sie die wichtigsten kennen gelernt, werden Sie wohl über die dunkeln Jahrhunderte, ob es gleich auch in ihnen ausserst interessante Männer giebt, zuerst fortspringen und sich ums Jahrhundert der Reformation und um die neuern Zeiten bekümmern. Hier wird der berümhten Männer und ihrer Leben viel; man muß also auswählen und unwichtigere flüchtig lesen. Luthers Leben steht Ihnen billig vor andern vor, und da wir so viel Beschreibungen von ihm haben, mag ich Ihnen nichts als die vielfältigste, Keils merkwürdige Lcbcns- umstände Luthers, Vorschlägen. Thun Sie Briefe, 106 "des Mannes eigne Briefe hinzu; (0 daß wir diese in ibren urkundlichen Sprachen vollständig gesamm- lct harten!) so kennen Sie ihn genug: denn er mahlt sich in jeder Zeile. Melanchthons Leben von Camerarius, Huttens von Burkhard, Zwingli's von Rüscheler, von Schütz, Osoolaniperäii van Oranna 0, von Brand u. f. f. sind bekannt; von andern z. E. CarIstadt, Flacius, Reuchlin, Beza, I. Gerhard u. f. f. sind sie schlechter, aber doch zu brauchen. Von den beiden auch in der Theologie so großen Männern, Erasmus und Grotius, ist Burigni's wohl das beste Leben ; nur ist die deutsche Uebersetzung vom Leben des letztem oft unverständlich.*) Ihnen diese Männer empfehlen, hiesse unnütze Arbeit: sie und eine Reihe anderer Philologen, Theologen und Philosophen, von denen man, zum Thcil auch in Sammlungen, sehr gute Lebensbeschreibungen hat, sind billig die Wecker unsres Flcisses und unsrer Kräfte. Wer wird nicht einen Savonarola, Bembo, Galiläi, Sarpi, einen Baco, Locke, Cartesius, Copernikus u. f. f. kennen lernen? und wer sie nicht wollen kennen ler- *) Das Leben Erasmus dagegen hat im Deutschen auch durch die Zusätze des Herausgebers viel gewonnen , und ist einem jungen Theologen, der das Jahrhundert der Reformation kennen will, zu lesen fast unentbehrlich. Erasmus Leben von Wurigny, herausgegeben von H enk e, Halle 1782. da s Stu di u m d e r T he o logie b etr. 107 neu, wenn unter ihren Lebensbeschreibcrn ein Pi- cus, Casa, Vi viani, Griselini, ein Malet, Clerk, Borclli, Gassen di ist u. f. Schade, daß wir Deutschen hier abermals so hintenan stehn! Unsre berühmtesten Männer, selbst Keppler, Leibnitz u. a., deren Wissenschaften doch wenigstens dem Namen nach gerühmt werden, liegen, nach dem Ausdruck eines acht deutschen Mannes, noch unbegraben: und was soll nun gegen sie ein armer Theolog erwarten? Man scharrt ihn ein und straft ihn mit einer Leichenrede, die billig Abdankung heißt. Unser Westminster ist leider! das letzte Blatt schmutziger Journale- Giengs gelehrten Männer so: so kann man auf das Leben frommer Männer noch weniger rechnen. Unsre Arndt, Spencr, Franke u. f. haben keine Lebensbeschreibung erhalten, die ihrer werlh sey: desto reicher sind wir an Geschichten der Erweckten, Wiedergebornen und öfter erbärmlichen, als erbaulichen letzten Stunden. Und doch ist das Andenken eines unermüdeten, rechtschaffenen, edeln Mannes wie ein schönes Rauchwerk, wie eine lindernde Salbe. Sein Name istsüß, w i e H 0 n i g i m M u nd e u nd w i e ein Saitenspiel beim Wein. Dies ist Si- rachs Ausdruck und er hat selbst in den letzten Kapiteln seines Buchs ein solches Weihrauchopfer den Edelsten seines Volks angezündet. Fenelons Name z. B. lebt er nicht in seinen eignen Schriften und selbst in Ramsays sonst sehr unvollständigem Leben erquickend und schön? auch die Britten haben sowohl ihren frommen als gelehrten Man- Briefe, 108 nern schöne Denkmale errichtet. Im brittischen Magazin sind ihrer eine Reihe übersetzt; und andre, wie z. B. Berkeleys, Hammonds, Herberts, Hcrveys , Watts, Doddridge u. f. existiren einzeln. In Deutschland sind Nachrichten von guten Predigern und ihrer Amtsführung gesammlet; aber voll zu gemeiner unmcrkwürdigcr Dinge, die ihren Zweck schwerlich erreichen. Es scheint, daß bei den Deutschen alles platt seyn müsse. Für Jünglinge ist der Nutzen guter Lebensbeschreibungen einleuchtend. Sie mögen fromme oder gelehrte, weise oder arbeitsame Männer darstellen; (und die besten waren nicht Eins ohne das Andre) so sind sie ihnen Lehrer und Freunde, die sic aufwecken , treiben, warnen, oft mit Schaam und Wehmukh zerschmelzen. Wenn alles um einen Jüngling schlaft, und er nicht das Glück oder den Much hat, einem ihn unterstützenden, erhebenden Mann bekannt zu werden: so wird der Zug einer Lebensbeschreibung, die ihm zu rechter Zeit in die Hand kommt, ihm Stimme der Unsichtbarkeit, entweder einer bessern Vorwelt, oder einer für ihn bessern Zukunft, ein Engel des Raths und Trostes. Immer wurden die wirksamsten Menschen nur durch Beispiele, durch Muster gebildet; durch lebendige oder durch todte- Insonderheit zeigt das Beispiel der meisten und ich möchte sagen, aller großen Männer, daß keine den Geist bildende Wissenschaft eigentlich von der andern abgetrennt sey, sondern alle einander helfen, alle auf einander weisen und wie mehrere baS Studium der Theologie bckr. 109 Blumen aus einer Wurzel wachsen. Große Fortschritte in der Theologie sind zum Lhcil von solchen bewirkt worden, die eigentlich nicht Theologen waren, wie Erasmus, Reuchlin, Grotius, Boyle u. a. zeigen; oft thaten die Theologen nichts dabei, als neiden, hindern. Ueberall, m. Fr., kommt's auf Lust und Liebe, auf willigen Dienst und freien Blick an ; Handwerkern und Knechtsdienste fördern den guten Geist keiner Wissenschaft und Kunst auf der Welt, habe sie einen Namen, welchen sie wolle. Zum Leben merkwürdiger Männer gehören auch ihre Briefe; nur muß man jenes schon zum Theil inne haben und diese müssen interessant seyn. Der Welt liegt davon schon ein Berg vor Augen, daß cs jetzt sehr noch thut, zu wählen; und irgend ein guter, belesener Theolog sollte eine Mantisse machen, wo die besten anzutresfen und wie sie zu lesen waren? Davon künftig.- Doch wo will ich hin, wenn ich in der Weik- läuftigkeit fortführe und, wie von Lebensbeschreibungen und Briefen, von allen Theilcn der Geschichte spräche? Ich will's auch nicht und merke nur Eins überhaupt an. Wollen Sie, m. Fr., einen Zeitpunkt, eine Begebenheit und Veränderung in der Geschichte näher kennen: so wenden Sie sich gleich zu den Quellen, zu gleichzeitigen Schriftstellern und wo möglich, zu Denkwürdigkeiten, IVIemoirss, Commentarien, Relationen der Augenzeugen oder derer, die in die Handlung verflochten waren. Wären einige davon auch einseitig und partheiifch: das entdeckt IIO Briefe, sich bald: von der Gegenseite wird sodann auch jemand da seyn, der die Stimme erhebt; und kurz, Sie gewinnen durch Augenzeugen immer festen Fuß und Standpunkt. Gehen Sie aber hinterrücks und Horen zuerst, was unsere Zeitgenossen sagen, so flössen Sie oft von einem Blinden auf den andern Blinden: denn zuletzt schöpften vielleicht alle aus Einer — unsichern Quelle. Ueberhaupt ist das Hinterrücksgehen weder der anständigste, noch der bequemste und sicherste Weg. Für uns z. E. giebt's in den neuern Jahrhunderten keine merkwürdigere Begebenheit als die Reformation; und sie allein bis auf alle kleine Umstande zu kennen, forderte Jahre, ja vielleicht ein Leben. Des letzten ist die Begebenheit, so groß und unschätzbar sie ist, wohl nicht wcrth. Aber sie aus den Hauptqucllen der damaligen Zeit, nach ihren Triebfedern, den vornehmsten Ursachen und Hindernissen, die ihr solche und keine andere Richtung gaben, endlich nach den Folgen unddenHaupt- Veränderungen der Folgen bis aus unsre Zeit kennen zu lernen, das muß und kann man ohne Riesenmühe, sobald man sich nur aus dem Gerede unsrer Zeit wegmacht und an die Quellen der Begebenheit selbst wandert. Ohne diese edle Kühnheit bleibt selbst ein Geistlicher der protestantischen Kirche immer halb blind. Er kennt weder die Reformatoren, noch die symbolischen Bücher, noch die Form und Einrichtung seiner Liturgie, noch den Standpunkt gewisser Streitigkeiten und Glaubenslehren recht, wenn er dies Studium nicht für sich selbst mit einigem Fleiße getrieben. Er weiß weder, was sie wollten? noch das Studium der Theologie betr. in warum sie nicht weiter kamen? noch warum Er in der Livcei dastehet, in welcher er dastehet und was Er jetzt soll? Er wird also entweder ein bloßer Sklave von Hörensagen oder er macht mit seinen Zweifeln, mit seinen Berichtigungen des protestantischen Lehrbegriffs, mit seinen neuen Entdeckungen zu Wiedervereinigung der Kirche u. dgl. oft sehr unnütze Irrung. — Ein gleiches ist, wenn Sie Lust haben, eine Lehre, Meinung, Methode, Wissenschaft bis auf die Quelle zu verfolgen. Immer nur von der Quelle angefangen, das ist der kürzeste, obgleich nicht immer der leichteste und glatteste Weg. Sie gehen sodann mit dem Strome hinab und sehen und lernen vielerlei auf dem Wege, bis Sie vielleicht das Ende des Stroms als einen stehenden Zusammenfluß finden, an welchem Störche, Raben und Elstern sich ringS umher freundlich besprechen und zur lieblichen Zeitkürzung Frösche und Würmer lesen. Ein andermal mehr hierüber. Leben Sie wohl. Beilage. Einige Gedanken Baco's überGeschichte und Kirchengeschichte. Ohne Geschichte der Wissenschaft ist die Geschichte der Welt, wie die Bildsäule Polyphcms, Briefe, 1 12 ohne Auge/ Im Einzelnen hat man etwas von jener, nüchterne Erzählungen nämlich von Sekten, Schulen, Büchern, Autoren, Successionen der Wissenschaften; auch einige arme Abhandlungen von Erfindern; aber die wahre Geschichte der Wissenschaft, was vom ersten Gedächtniß an für Künste und Wissenschaften geblüht und wo sie geblühet? ihr Alterthum, ihre Fortschritte und Wanderungen, (denn Wissenschaften wandern wie Völker) wie sie gesunken, vergessen, wieder aufgerichtet sind: in jeder Wissenschaft die Gelegenheit der Erfindungen, ihre Lehrart, die Art des Anbaues, Sekten, Streitigkeiten, Lästerungen, Lobsprüche, Ehren: die vornehmsten Autoren, Bücher, Schulen, Akademien, Gesellschaften: vor allem aber, was die Seele der bürgerlichen Geschichte ist, daß Ursachen und Folgen verknüpft, die Natur der Gegenden und Völker, ihre Schicklich- oder Unschicklichkeit zu dieser oder jener Wissenschaft, die günstigen oder ungünstigen Zufälle der Zeit, Eifer und Mischungen der Religionen, die Bosheit oder Gunst der Gesetze, treffliche Verdienste einzelner Menschen in Betracht gezogen würden — eine solche Geschichte ist noch zu wünschen. Sie muß nicht kritisch, mit unnützem Lobe oder Tadel der Zeiten geschrieben werden, sondern historisch mit sparsam untermischtem Unheil. Die Materialien nehme man nicht von Kritiken, sondern aus den vornehmsten Büchern jeder Zeit, koste ihren Inhalt, ihren Styl, ihre Methode, und rufe den Genius der Zeit, wie durch eine Beschwörung von den Tobten hervor. Der Zweck einer solchen Geschichte sey nicht leeres Gepräge der Wis, sen» Las Studium der Theologie brtr. senschaften, sie in so vielen Bildnissen prachtigUn- hcrzutragen, noch aus zu großer Liebe auf jede Kleinigkeit in ihnen begierig zu seyn, sie zu wissen, zu untersuchen, zu erhalten; sondern Klugheit der Gelehrten zu befördern, wie die bürgerliche Geschichte die SraalSmännec Klugheit lehret: denn aus der Kirchengeschichtc lernt der Theolog mehr geistliche Klugheit, als aus des heiligen Augustinus und Ambrosius Werken. Die Äirchengcschichke ist entweder die eigentliche solche, die die Schicksale der Kirche beschreibt, wie sie bald als Arche auf den Wogen des Weltmeers schwebt, oder wandert, wie die Stiftshülte in der Wüste, oder ruht, wie die Stiftshütte im Tempel. Dder sie ist die Geschichte der Prophezeiungen und ihrer Erfüllung, die aber mit großer Weisheit, Nüchternheit und Ehrerbietung behandelt werden muß, oder man unterlasse sie gar. Die Erfüllungen Gottes sind fortgehend und pünktlich zugleich: sie werden gradweise den Zeitaltern zugcthcilt, zugewogen, ob gleich ein Zeitalter ihr höchster Punkt ist. Sie haben die Natur ihres Urhebers, dem ein Tag wie tausend Jahre ^und tausend Jahre wie ein Tag sind. Die Geschichte der Rache und Providenz Gottes ist endlich die dritte Kirchengeschichte: denn obgleich die Ralhschläge Gottes unerforschlich dem Menschen sind, selbst wenn dieser auch aus dem Heiligthum nach ihnen blickte; so sind sic doch zuweilen mit so großen Buchstaben angezeichnet, daß auch der Vorüberlaufende sie lese. Herder« Werke i. Ncl. u. Lheol. X. H ri4 Briefe, Die bürgerliche Geiü>ichte ragt unter menschlichen Schriften koch hervor: denn ihre Treue sind die Beispiele der Vorfahren, der Wechsel der Dinge, die Grundsteine der bürgerlichen Klugheit, der Menschen Name und Ruf anvertrauei. Es ist aber schwer, die Vergangenheit so zu beschreiben, daß das Geschehene noch einmal geschehe — Die allgemeine Geschichte, die nur daö Große zeigt und das Kleine übergehet, weiset oft mehr Pomp, als den wahren Zunder der Dinge und ihr feineres Gewebe. Wenn sie auch Maximen cinmischst, so gicbl sie den menschlichen Handlungen Vielleicht mehr Wichtigkeit und Klugheit, alö sie in der That ha» den: sie wird eher eine Sainre aufs menschliche Leben, als eine Geschichte. Nur Gott ists, der das Größeste ans Kleinste hänget. — Wenn aber einzelne Leben mit Fleiß und Unheil beschrieben werden, wo Großes und Kleines, Wichtiges und Unwichtiges bei einander seyn muß, so hat man eine treue Enahlung, die man sich zum Vorbilde stellen darf. Es ist zu verwundern , daß unsre Zeit so wenig ihren Vortheil kennet und die Leben ihrer besten Menschen untergeben lasset. Ein neuerer Dichter hat davon dies schöne Bild. Am Faden der Parce hängt eine Gedächknifi - Münze mit des Verstorbnen Namen. Sobald die Parce schneidet und der Faden fällt, raubt die Zeit Münze und Namen, sic in den Strom der Vergessenheit zrr werfen. Am Strom stiegen unaufhörlich große Tchaaren von Vögeln; die picken, was hineinfällt, auf, lassenS aber meistens bald wieder finken. Di« rin-igen Schwäne sinds, die was sie erhaschten, das Studium der Theologie bctr. zum TeMpel der Unsterblichkeit tragen, cs giebt aber nicht viel solcher Schwane- Neun und vierzig ster Brief. Es dünkt Ihnen, daß ich zum Studium der Theologie viel fordere. Es kann scyn! aber, m. Fr., ich fordre ja nicht alles auf einmal, ich warne Sie ja, in jedem Briefe beinah, vor dem zu vie. len, unordentlichen und übereilten Lesen. Ich glaube Nicht, daß die Menge der Bücher die Welt, auch nur die Wissenschaft, so verbessert habe, als wen» Nur wenige, kernhafte, gute Bücher wären, die desto fleißiger, einfältiger, tiefer gelesen würden; vielmehr bedaure ich einen jeden, der unter einer zu großen Last der Buchstaben daherkriecht und nie selbst zum Verstände der Wahrheit kommt. Wenn Ihnen hierüber ein Buch voll achter, alter Grundsätze, Tempi e's moralische und historische Denkwürdigkeiten, vor Augen kommt: so lesen Sie die Abhandlung: ob die Menge der Bücher und das ungeheure Wachsthum der Erkenntniß, der Frömmigkeit und der Liebe zum allgemeinen Besten sonderlich zuträglich gewesen? Die Erfahrung Ihres Lebens muß Ihnen, so jung Sie sind, langst ein Gleiches gezeigt haben. H - Briefe, Wären Sie in meiner Nähe, ich hakte Ihnen lange, lange nicht so viel Lesereien genannt, als ich Ihnen jetzt auf diese oder jene Ihrer Anfragen nennen mußte. Unsre Zeit ist einmal daS Lese- Jahrhundert: Sie hören diese Bücher, (sehr oft die Unrechten) so oft nennen, rühmen und gewöhnlich das Neueste am höchsten preisen. Da mußte ich nun meine Briese an das knüpfen, was vor Ihnen, was um Sie liegt, und wie jener Gesetzgeber (verzeihen Sie die ihörichtc Vergleichung) nicht gerade immer die besten Gesetze gab, sondern nur, die für das Zeitalter ihm die beste» dünktcn, so habe ich auch Ihnen manches genannt, wovon ich für mich geschwiegen hätte; um Ihnen nun auch bei diesem wenigstens den besten Gesichtspunkt zu zeigen und Sie für etwas Aergcrem zu bewahren. Niemand vielleicht wünscht mehr als ich, daß wir noch mit apostolischer oder pylhagoraischer Einfalt fludiren könnten; können wir'S aber? zu unsrer Zeit? Ueberdem, m.Fr., wenn Sie naher sehen und meine Briefe ordnen, werden Sie finden, daß ich Sie, verglichen mit andern Anweisungen, eben so sehr nicht überhäufe. Bibel, Dogmatik, Vortrag sind meine drei Haupkgegenstandc, denen alles andre nur dienet. Zu diesen dreien können und dörfen Sie sich den kürzesten Weg wählen, alles weglassen, was Sie gleich im Anfänge finden, daß es Sie nicht fördre, sondern hindrc. Hier hat jeder Mensch sein eignes Gefühl zum sichersten Wegweiser: der Lehrer und Freund zeigt nur die allg«, meine Straße. Ein aufmerksamer, fleißiger, edler dar Studium der Theologie betr 117 Mensch kann an einem Buch mehr lesen , als andre an hundert Büchern, und das beste Buch bleibt doch immer unser innerer Sinn, der nur erweckt werden kann , und sodann praktischer Le» stand, Erfahrung. So bitte ich Sie auch, im Anfänge sehr da» über wcqzusthen, was nur Mühe, nur Fleiß in einem Buche ist, und den Geist des Autors dafür zu kosten. Jenes merken Sie sich, als Fachwerk, als Nepositorium, zu dem Sie im Falle der Noch wallfahrten können; der Geist des Autors allein ist die bildende Form, stärkt die Kraft der Ge- sundheit, oder wird Arznei der Seele Mich dünkt, es ist Klopstock, der da sagt, daß er nur wenige F re u n d e von Büchern habe; die Knechte der Gelehrsamkeit aber beifcit thue und zu künftigem Knechts-Gebrauch bewahre. Für einen Jüngling ists nothwendig, daß er einen gleichen Unterschied mache, sich zuerst um die Freunde bewerbe und mit ihnen wie mit einem Chor von Liebhabern vertraulich werde. In diese erwählte Zahl, die Sie lesen und wiederlcsen, lassen sie keine Uebcrlaufer, keine Stutzer mit Zeitungspasscn ausgerüstet, keine Gaukler und Sklaven, oder Sie werden unvermerkt in ihrer Gesellschaft schlechter — — Einheit und Ruhe ist die Mutter der Glückseligkeit des Menschen, die Form aller Starke, Größe und Schönheit; aber freilich Einheit mit Mannichfal- tigkcit gepaart, Ruhe in Wirkung. Also lassen Sie sich auch nicht von denen hinreissen, die Ihnen Trägheit für Ruhe, d. i. Nichts für Etwas verkaufen, und immer rufen: Christum li-b habe« Briefe, 1,8 ist besser als alles wissen. Alles wird kein Mensch wissen wollen und nur ein Thor cs zu wissen glauben ; mit dem Nichtwissen und Nichtslcrnen aber gewinnt man Christum nicht lieb, sonst warc^jeder Ignorant der größeste Christus-Liebhaber. Was wäre es, wenn ich Ihnen durch alle Briefe zugerufen hätte: ,,haben Sie Christum lieb ! und lernen Sie nicht viel;" das Letzte lernt sich freilich eher, als das Erste. Zu allen Zeiten hat's Leute gegeben, die die Gelehrsamkeit als einen Buchftabcnkram verachteten; der Geist kebrete aber deshalb bei ihnen um kein Moment eher oder lieber ein. In unsrerWelt ist, so viel wir wissen, kein Geist ohne Körper'wirksam; keiner, auch nicht der geistigste Endzweck, laßt sich ohne Mittel und Uebung erreichen. Wer immer aufs Göttliche, Unmittelbare stürmt, kommt nicht weit; er verbraucht in kurzer Zeit seine Kräfte oder wird hundertfach betrogen und hascht Dunstwolken stakt seiner ätherischen, himmlischen Schönheit, Wer suchte das Reich Gottes unmittelbarer, alS Christus? und doch verachtete er kein Mittel einer wahren, lebendigen Erkenntnis;. Ec nahm zu an Weisheit, so wie an Alter, an Gnade bei Gott Und bei den Menschen. Insonderheit ralhe ich Ihnen, m. Fr., beim Wben Ihrer Seelenkrafte nicht alles unmittelbar haben zu wollen, und nicht jeden Augenblick auf den Zweck dieses Gelernten für Ihr Amt los» ZUgehn; sonst wird unser Lernen überhaupt sehr enge Und kleinlich. Juljan nahm den Christen die heidnischen Schriftsteller, und sagte t sie sollten dafür das Studium der Theologie bete, rrg das Evangelium treiben: er thats gewiß nicht in guter Absicht. Und eine beßre können auch di« nicht erreichen, die immer von Geist Gottes, Reich, Evangelium reden und beinah nicht wissen , woher sies nehmen? oder wohin sies thun sollen? Der Geist Gottes wirkt durch das Wort und mit dem Worte: er wirkt pädagogisch durchs ganze Leben, überaus unsre Gedanken, mittelst unsrer Gedanken, zu unsrer und durch unsre Soelenbil- dung. Ec wirkt durch uns auf andre nach der Form, die ihnen erfaßbar ist, d. i. durch die ihnen einleuchtendste Gedanken - nnd Handlungsweise. Wer da will, daß keine Frucht im Keim, in der Mulde, in einer Hülle wachse, sondern uns lauter Manna vom Himmel regne; der kan» lange war- lcn! Alles Erkennmiß, wie aller Bortrag, kurz alle Fertigkeit wird nur durch Uebung, und auch die Schule des Geistes Gottes ist Schule. Ich weiß sehr wohl, daß auch keine Uebung ohne Kräfte etwas hilft; sie ist nicht einmal, wenn wir uns sverstchn wollen, möglich. Ich weiß auch wohl, daß die besten Kräfte sich leicht üben, ja gar manche Uebung überspringen und sich der Welt wie das, was sie auch sind, als Gottcs- gabe, oder in außerordentlichen Fallen mit dem Gepräge einer himmlischen Sendung und Begeisterung zeigen; mögen sie sich als solche zeigen und nicht erst lange davon reden! noch weniger müssen sie andre bereden wollen, daß auch sie Him- melspropheteu scyn und dafür Kenntnisse und Gaben der Erde vcrläuqnen dürfen. Ein Mensch kann jhm nichts nehmen, es werde ihm den» Briefe, lUo gegeben! das sagt der Größte unter allen, L!e ein Weib qcbahr und hielt das Beste, was er harte, doch nur für eine Erdengabe. Christus preiset den klugen, schriftgelehrten Haushalter, der aus seinem Schatz Altes und Neues hcrvorzubringen wußte; ein gleiches lobt Paulus an Timotheus und stellet uns im ganzen Laufe nach Gottseligkeit und Weisheit, die griechischen Lauser, Ringer und Kampfer zum Muster dar. Uebrigcns gehöretS allerdings zu jeder Laufbahn, sein Ziel zu wissen, und Ihr Amt muß Ihnen allerdings der letzte, nur nicht immer der nächste Zweck bleiben. Oisosnäciiri, sagt der weise Geßner, dessen Isa^oZo voll trefflicher Regeln zur Wissenschaft ich Ihnen sehr anralhe, clis- osncluiri, czniäguiä ciisosnäi ocossio ofksrtur, liest non ststiin scias, czuorsunr prosit: sin psounius oolliANnt liorninss. I^on rnulturn cliscent, gui 6iiIiZsntsr nirnis aompntant: das ist wahr und erweiset sich in vielen Exempeln. Bako klagt an mehr als einem Ort, daß die meisten bei ihrem Studiren nur immer gleich nsnm, nsnm haben wollen und also — lasset uns doch dem Dinge nur seinen rechten Namen geben — nicht fürs Amt, sondern für Faulheit und Brod studiren. Was hakte es Ihnen geholfen, m. Fr., wenn ich in allen diesen Briefen Ihnen von nichts als sogenannter Pastoral-Theologie, d. i. wie Sic sich zur Vocation melden , eine Prob- predigt fabriciren, gegen den Superintendenten und pmtronuru sich betragen, auf der Kanzel stehen, zur Beicht sitzen, und wenn Sir müde sind, zu das Studium der Theologie betr. rar Bett liegen sollen? und ja ihre juru für sich und für den Nachfolger zu wahren haben — wenn ich Ihnen hievon hundert goldne Regeln vorgeschrieben hatte? Das Allgemeine davon finden Sie in hundert Büchern; das Besondre müssen Sie in jedem Lande aus der Kirchenordnung, der Agende, cnd» lieh aus dem großen Tröster, u8u, lernen und wahrlich da lernt sichs ja endlich. Es wäre auch schlimm, wenn das nur Pastorat-Theologie wäre. Da schriebe man sodann sicher aus jedes Eompen- dium: wem Gott ein Amt giebt u. f. und hatte gerade für die, die nichts als jura stolas einfordcrn können, das beste Motto geschrieben. Ich hatte große Lust Ihnen eine eigne, vollständige Pastoral-Theologie in Versen zu geben. „In Versen?" allerdings und dazu in Reimen, die trotz ihrer Rauhigkeit recht für ihren Gegenstand gemacht sind und ich gewiß nicht besser machen könnte. Dazu eine Pastoral - Theologie, die nicht vollständiger, vielseitiger, wahrer, lehrender seyn könnte. Sie glauben, ich scherze? ich scherze nicht. Und dazu ist sic von einem der angesehensten, gelehrteste», frömmsten, verdientesten Theologen unsrer Kirche; von demselben, von dem ich Ihnen vor geraumer Zeit einige Parabeln gab und ihn nicht nannte, weil ich ihn hier nennen wollte. Er hat in ihr beinah alle Erfahrungen seines Lebens , (und in seinen Aemtern konnte er deren viel haben) den ganzen Schatz seines Herzens über das, was geistliches Amt, was dieses Standes Leid und Freude, Schimpf und Ehre ist, ausgeschüttct. Und in einer Sprache, die ich ihm beinah in jedem abgebrcchnen 12 , Briefe, Artikel, in jcdrr verkürzten Solde, in jedem Reim und Reichthum beneide. Und mit einem Salz! einer Wahrheit ! wo eZ fein seyn soll, mit einer Feinheit! wo cs gerade heraus seyn soll, mit einer Deutschheit! —Kurz, m. Fr., hier ist das Gedicht. (Denn ich weiß, Sie würden jetzt doch nichts weiter in meinem Briefe lesen!) Lesen Sies, auch wo es Ihnen wegen seiner abgekommenen Form, zuweilen etwas langweilig seyn sollte, mit Ruhe» punkten fort und ja zu Ende. Wo Sie Mitbrü» der finden, die Stücke aus dieser Pastoral-Theologie, in gutem und bösem Verstände, nöthig haben, seyn Sie damit nicht karg. Das gute Leben eines rech (schaffe- nen Dieners Gottes. Von Johann Valentin Andrea, Würtembergischer Hosprcdigcr, Abt, Cvnststvrial > Rath, Gene, ralsureriiitendeuten u. f. geboren tLSü gestorben iüL4 Als ich in meinen jungen Tagen Ost hört' von guten Pfründen sagen, Wie daß nit feistre Suppen wären, Als die man gcb' geistlichen Herren, Die mochten mit geschmutztem Mund' Umgaffen manche gute Stund': dar Studium der Theologie betr. r») Da dacht' ich, hals die Gelegenheit, So muß ich auch ins lange Kleid Und sehen, wie ichs dahin bring' Daß ich um lange Bratwurst sing'. Denn sollt' ich viel umgehn mit Rechten, So müßt' ich erst mein'n Kops ausfechlen. Sollt' ich denn jeden Bauren salben, Go war' ich schmeckend*) allenthalben: Hie will doch auch keine Feder glücken — Meine Sach wird sich aus die Kanzel schicken. Da red' ich, muß ein ander schweigen, Da poch' ich, muß ein ander leiden, Da geh ich vor, ein ander nach, Da schlaf ich zu,'*) ein ander wach! Hiezu war ich nun wohlgerüst; Dann alle Künst' in mich genist. Ich hqtt' durchlernt der Logik Strick Und der Rhetorik Büchlein dick, Ich hatr erlernt des Himmels Sphär' Und was die Physik fürbringt mehr, Und was von Sitten Ethik sagt, Und was Homerus cinhertragt — Das kunm' ich gar, als wars nur Kraut, Kein Baur halt' mir das zugctraut, Drqus siel ich ins Compendium, Und kehrt mich auch drinn dreimal um, Bis ich von Kunst ganz überging Und mir die Witz zum Maul aushing: Auch mir mein Nöcklein rauscht daher, Als ob ich schon Decanuö war'. ') Riechend, *«) llormit». 1L>4 Briefe, Was ich nun sah, das könnt' ich richten » Was mir fürkam, das könnt' ich schlichten, Was mir aufgeben, ward vollend!, Was die Augen gsehen, machten die Hand- Noch war kein' Stell' mir ausgelecrt, Wiewohl ich wol der besten werth. Jedoch dacht' ich: nit jede Pfarr Wird für dich seyn die lange Harr'. Gleichwohl muß styn diaconirt, Und dann bald drauf wohl pastorirt, So g'räths denn auf das Dccanat, Bis daß du wirst mein Herr Prälat: Will man dich denn zum Probst auch haben» So mangelts dir nit an den Gaben. Doch b'hül mich Gott vorm Harzen-Wald, Den Bergen und den Klüften kalt: Dann mein Bauch ist an Wein gewähnt, Darum des Bacchus Gau mir ziemt. Da kann ich noch mein Glück erschleichen. Inzwischen mich mit Wein bereichen: Es geht doch so, wer wenig hctt Der kommt nit von seiner ringen Stät. Soll ich meinen Karren weiter führen, So muß nichts mangeln an dem — Schmieren. Noch mußt' einen Paß ich thun quittiren, Daß ich auch möcht' die Kanzel zieren. Es gschwand mir manchmal vor den Leuten, So ging mir aus die Red zu Zeiten: Da mußt' ich andre zu mir bringen, Die mehr umgangen mit den Dingen, Alle die, so gute Postillen gemacht. Und sonst der'n Namen bochgeacht, Die mußten mir «ol unter die Preß, das Studium der Theologie betr. r2a WiS ich davon bracht' alle Eß, Und kam' in mich dir Quirn - Essenz, Auch manch' unaufgesucht' Sentenz: Damit ich war' für Groß und Klein Gewürfelt, wie ein Müllerstein, Und ja kein Oasirv kam' auf die Welt, Dem ich nit hält' sein Thema g'stellt. Also halt' ich mich ausgerüst, Und fehlt nur, daß inan es auch müßt. Drauf zog ich ins gelobte Land, Da Wein wie Wasser, Korn wie Sand, Und sucht' mir aus ein'n feinen Platz, Da ich mich einlicß wie eine Ratz'. Ich fragt die Leut', wo war der Heerd, Da man hall', was man nur begehrt: Da war' Wein, Korn, Obst, Holz und Weid'. Ich hört nit allweg guten Bescheid- So wollt' das Pflaster in den Flecken Mich auch zuweilen lassen stecken: Da gsicl mir nit der Kirchcnthurn, Dort waren nit recht gerichl die Uhrn. Bald wollt das Pfarrhaus mir nicht ein, Bei mir sollts wohl noch anders seyn. In Summa, was ich conlcmplirt, Das ward von mir alles reformirt. Ich war der Mann, auf den gewart't, Was man so lange Zeit gespart, Ein'c jeden Laus ein' Stelz zu machen — So ging ich um mit Narrensachen. Indem reis't ich durchs grüne GraS, Weil da ein schönes Wiesthal was: 'Da traf ich an eine alt' Person, 136 Brief», Von Haaren weiß, von Gesicht noch schon;*) Die ging mit einem Recheiistil Im Gras um, lhat doch nit gar viel — Ein'm Pfarrer sie sich wohl vergleicht, Doch hält' ich g'meint, sie hält' sich gescheucht Mit grober Arbeit sich zu plagen Und möchr doch wol ein Kunstbuch tragen - Darinn lesen, wie mancher Mann So meisterlich in Bann gethan- Drauf mußt' ich den Mann registriren, Und in die. Schul' erst wieder führen. Sprach: k>c>wa äies, alter Herr, Was habt ihr da für ein Geschcrr? Er antwork: seinpsr ^uies! schnell, Mein Voiniwv, das Gras ich zahl', Daß mir kein Hälmlein komm' davon. Ich dacht': „mit dem Mann kriegst zu thun!—" Darauf mich räusper' und so anfang': „Ich weiß nicht, ob ich irre gang' — Mich dünkt, Ihr seyd des Dorfs Pastor?" Er sprach: „ich bins lang gwesen vor, Eh dann der Herr die Welt ersehn, Vor vierzig Jahren ists geschehn, Und möchl' nun wünschen, daß ein Junget Auch unter meine Bauern donner'. Denn mir entgeht alle Kraft Und Saft: Je matter Leib, je mehr man schafft, Je wen'ger Kunst, je mehr mans treibt, Je unwerther, je mehr man bleibt." Ich sprach: „mein lieber alter Herr, Ihr habt euch nu gemästet sehr *) Schön. das Studium der Theologie betr. is? Und habt der alten Batzen viel, Drum wollt' Ihr kehren um den Stil. Das möchten doch wir Junge leiden, Die jetzund zehren auf die Kreiden, Erwarten Glück bei gesundem Leib' Einen guten Dienst, und reiches Weib." Der alte Herr sprach: „mein Studios', Mich dünkt, Eur' Kunst, die mach' sich los, Die Logik wird sich in euch regen, Daß Ihr mit mir redt so verwegen. Wißt Ihr, was Luther i» der Sach' Einsmal zu einem Ausweisen sprach? „Wir Alte, die mit Angst und Flehen Dem Leusel in den H---- gsehen, Grüßen vor Euch Gnad « Dokterlein Auf weichen Polstern gseffen fein — Guckt vor so lang' darein als wir, Der Scherz wird euch gelingen schier."*) Der Filz war mir sehr ungewohnt, Ich wünscht', ich hatt' des Manns geschont, Drum zog ich bald ein' andre Pfeifen, Sprach - alter Herr, laß das fürstreichen, Es war mein Ernst ja nimmermehr; Ich bin Euch zu dienen gewogen sehr, Nu will ich was bcscheidners tagen, Oe illo tempore was fragen, Ihr könnt mir geben guten Bescheid: Was war'n zu Eurer Zeit für Leut, Die, selbst in Künsten wohl studikt, Die Jugend löblich angeführt;" ') Bald vergehen. Briefe, Er sprach: „Ich denk der guten Tag'! Da war an Gelehrten wenig Klag'. Sollt' ich die tapfcrn Leut' all nennen, Ich glaub', ich würde viel nit kennen. Die seyn nun todt und leben noch — Nu leben viel und faulen doch. Ich dank ihn'n ihrer guten Lehr'; Doch wie ich kommen bin hieher, Hab' ich viel anders müssen lernen, Die Hülsen brechen und den Kernen Mit bitterm Schweiß hcrfücgewinnen — Das werbt Ihr auch noch einmal innen! —" Ich sprach: Ihr gabt aufs Geistlich' Acht, Und der Philosophie nichts acht, Daher möcht es wohl kommen seyn, Daß Euch die Welt nit wollt ein." Er lacht' und sah mich höhnisch an: „Was meint Ihr denn, daß ich gethan? Ich war Grammartig*) und was fein Und pochet überzwerch hinein. Ich redtthörlich an manchem Ort Und macht mich mausig immer fort. Im Kopf hatt' ich manches Gesperr Und sonst visirlich' Sachen mehr, Ich log dick, daß die Balken stoben Und ecket aus, was krumm gebogen. Meint Ihr, daß man zu unfern Zeilen Hab' Meister gemacht aus Eselshäuten? Oder *) In diesen Worten sind Anspielungen auf die sieben freie Künste der damaligen Zeit: Grammatik, Poetik» Rhetorik, Mustk, Logik u. f. das Studium der Theologie betr. 129 Oder Hab' einen heiße» treiben, Das er sein Lebtag wird verschweigen? Oder Hab' so grob numerirt, Daß auch zwei über sieben wird ? " Der alt' Herr hatt' mich wieder gschrcckt Und mir mein'n Meisterschrei besteckt. Noch wehrt' ich mich mit aller Kunst, Daß ich nit halt' studirt umsonst. Und sprach: dürft' ich ein Einges fragen? So Ihr die Kunst habt all' getragen, Wie ists doch möglich, daß ein Bauer, Der nur umgeht mit Arbeit sauer, Euch soll erst anders deponiren? Er sprach: „ja freilich deponiren, Bis daß verschwindt der Luft Gebäu, Bis daß verdaut der Pappenbrei, Bis daß verraucht des Hirnes Dampf, Bis daß verlobt der Witze Kamps, Und nun die Praktik kommt zu Haus Die all' Theorik treibet aus. Da find! sich erst, was wir gcthan, Daß wir uns haben — brauchen la'n." Die Ding' mir Spanische Dörfer waren, Ich hatt' dergleichen nie erfahren. „Wie? sagt' ich, sollt' der geistlich' Stand Von Bauren haben scin'n Verstand? Soll nit die hohe Schul' uns weisen, Wie wir bezähmen die Unweisen? Was war' denn die Theologe! Anders, als eine Bauern - Kirchweih ?" Herders Werke z. Ncl. u> Lheol. X, 2 Briefe, issu Er sprach: „ich muß Euch das verzeihen, Weil Ihr noch laust unter den Freien: So Ihr einsmals kommt in den Karren, So wird man mit Euch anders narren. Da müßt Ihr glauben, wissen, thun, Leiden, lassen, fürchten und hon, Was niemand darf, kann, mag, noch will Und dieses alles in der Still'; Denn wer sich dieses will beschweren, Der mag seine Pfarr ein'm andern leeren." Ich bat durch Gott den alten Herren, Er wollt' die Sache mir erklären, Denn ich fragt nicht aus Uebermuth, Sondern wie that ein junges Blut. Könnt' ich der Sachen ha'n Bericht, Mein Tag wollt' ichs vergessen nicht. „Gern, gern, gern, sprach mein alter Held, Die Weis' mir nu viel baß gefällt. So hört mit Fleiß, was ihr nir gewußt Und küsset denn den Pfarrerslust. Höret zuvor mcin's Dorfs Beschwer, Juckt euch die Haut, so kommet her. Ich Hab gesagt, ein Pfarrer glaubt, Das kaum ein Mensch bringt in sein Haupt. Er glaubt ein'n Gott, deß niemand acht; Ein jeder nach sein'm Götzen tracht. Er glaubt ein'n Himmel, der wird vcrschmächt Ein jeder hier gern ewig zecht. Er glaubt ein' Höll, die niemand fleucht; Ei» jeder die breite Straffe zeucht. Er glaubt ein Gericht, das niemand besorgt; Ein jeder auf die Rache borgt. das Studium der Theologie betr. i3r Er glaubt ein'n Lohn, den Niemand will; Ein jeder will hier Hüll und Füll. Er glaubt ein göttlich Regiment; Ein jeoer meint, das Glück sey blind. Er glaubt ein'n Tod, der Alles scheidt; Und jeder pocht auf lange Zeit. So glaubt er, was die Welt verneint, Und ihre» Augen ungereimt; Damit zeucht er den schweren Karren Und wird gehalten für ein'n Narren. Darnach so weiß ein Seelenhirt, Das die Welt ungern innen wird. Er weiß, daß großer Herren Pracht Bei Gott aufs äußerst sey veracht. Er weiß, daß großer Hirten Schlaf Dem Wolf liefert manch armes Schaaf. Ec weiß, daß große Leuteschinder Verflucht seyn auf Kindeskinder. Er weiß, daß große Federhancn Roch kommen in den Pfuhl zusammen. Er weiß, daß die groß' Ueppigkeit Der Welt gereicht zu Schmach und Leid. Er weiß, daß jedes falsche Herz Sich selbst noch stärkt zu ewgcm Schmerz. Das weiß er, wills schon niemand wisse» Und wird sehr oft darob geschmissen. Damit zeucht er den schweren Karren Und wird gehalten sür ein'n Narren. Drittens, so muß ein Pastor thun, Das jedermann will überstohn. Er muß die Wahrheit jedem geigen, Darüber zeigt man ihm die Feigen. I 2 i3s Briefe, Er muß aufivischen jede Stund: Darüber man ihm Übels gunt. Er muß in die Pest und Lazareth, Da mancher weit vorüber geht. Er muß zum Feur, Galgen und Rad Zum Gefangniß und der Huren Bad. Er muß verzweifelt' Buben trösten, Die Ruchlosen durchs Gesetze rösten: Er muß jedermann helfen, bitten, Rathen, warnen, kratzen und beschütten. Er muß in alle Pfützen treten, All' Unlust putze» und ausjaten — Das muß er thun ohn seinen Dank, Bis er drob wird alt, krumm und krank. Damit zeucht er den schweren Karren Und wird gehalten sür ein'n Narren. Viertens ein Prediger muß leiden, Da sonst der Thurm zu ist bescheiden. Er leidt der Leut' Abgötterei, Aberglaub, Fluchen, Zauberei. Er leidt Verachtung Gottes Lehr, Dafür Wollust wird trieben mehr. Er leidt Ung'horsam und Gespött, Da mancher Pfaff vor Ohren geht. Er leidt Zorn, Neid, Rachgier und Grimm, Zank, Hader, Schelten, Ungestüm. Er leidt Ehbruch, Unzucht und Schand, So nur geachtet für Narrentand. Er leidet groß' und kleine Dieb, Finanz und was ihm sonst nicht lieb. Damit zeucht er re. re. Zum fünften muß ein Priester lassen, Das die Welt liebt ohn' alle Maassen. das Studium der Thologie betr. r33 Er läßt dem Hof sein weiches Kleid Und bleibt ihm die Kameelhant Kescheid. Er läßt der Schul' ihr' große Witz, Und übt sich in der Liebe Hitz. Er läßt der Reichen Silbergeschirr Und trinkt die Bächlein in der Irr. Er läßc der Aufgeblasnen Wind, Und sich bei Christi Demuth find. Er läßt des Fleisches Lust und Geilheit Und bindt sein'n Rücken jederzeit. Er läßt sein Recht, sein'n Nutz, sein'n Fried, Und gnügt sich, daß er Christi Glied. Das alles muß er willig lassen Und noch dazu sich selber hassen. Damit zeucht er rc. re. Zum sechsten furcht ein geistlich Mann, Das sonst bei andern leichr gethan. Er furcht mit Scheu das End der Welt, Dafür mancher sein Hauptgut*) zählt. Er fürcht der Kirchen böse Feind', Gewalt und Witz, die manches Freund. Er fürcht der Aergerniß Gefahr, Darinn sich übt die größte Schaar» Er fürcht des Glückes gute Worl', Daß nicht die Seele werd' bethört. Er fürcht sein's eignen Gewissens Stimm', Daß es nicht schreie wider ihn. Er fürcht der bösen Gesellschaft Schein Ohne welche mancher nit kann seyn. Er fürcht der hohen Gaben Glanz, Die sonst auch Guts verblenden ganz. *) Kapital. Brief».', Das ist sei»' Sorg, sei»' Furcht, sei»' Angst, Wclchs alls die Welt verlacht vorlängst. Damit zeucht er u. f. Zum siebenten ein Clericus, Was niemand will, wohl nehmen muß. Er nimmt wenig, als niemand glaubt: Denn der thut wohl, der Pfründen beraubt. Er nimmt das Schlechtst' vom Pfleger sein, Die schwächste Frucht, den saursten Wein. Er nimmt mit Müh, das saur verdient, Noch hält man als für Geschenk die Pfrünbz Er nimmt mit Schmerz vom seinen Baureip, Die ihn bezahlen, wie die Lauren. Er nimmt als faul von falscher Hand, Der gilft*), als er den Tod empfand. Er nimmt mit Dank, was ungern geht, lind bitt einen Dieb um Seinigs stet. Also muß er im Bettel reisen und endlich lassen arme Waisen: Damit zeucht er re. ?c. Wie dünkt Euch nun, mein junger Hach? Ist Euch zur Pfarr nochmal so gach? Gelüst Euch noch der Psarrer Braten? Oder wollt' ihr der gern entrathen ? " Ich sprach: „o liebster Water mein, Eur Red, die gehn ins Herz hinein. Ich bin erschlagen und erstummt; Und dank doch Gott für diese Stund. Doch bitt' ich, wollt mich weiter lehren, ) Die Gebühren giebt, als ob er den Tod litte. das Studium der Theologie betr. r3ä Wo ich mich nun hinaus soll kehren? Denn ich einmal Gott bin verbunden-" Er sprach: „der Weg ist langst gefunden. Ihr habt gewählt den höchsten Stand, Der hat mehr Gsahr, denn Meeres Sand. Und wird durch die Welt stets angerannt, Darum bedürft Ihr Gottes Hand. Kein Stand auf Erd je werther war, Als der durch Gott beruffen dar, Sein Wort und Willen zu verkünde» Dadurch zu pflegen Gottes Kindern: Sein' Wahrheit und Gerechtigkeit, Sein' Wahrheit und Barmherzigkeit, Sein' Langmuth und auch großen Zorn, Sein' Wunder und des Heiles Horn, Fürtragen durch des Geistes Sprach, Den Frommen zu gut, der Welt zu Rach: Da Gott ein's Menschen Zung' und Hand Gebraucht gleichsam zu sein'm Beistand, Sein Geist und Pfand zu dispensiren, Damit in sein Reich einzuführen. Ihm wird vertraut Gott's liebstes Gut, Und Jesu Christi Fleisch und Blut, Als auch des Geistes Freudenöl, Damit beseligt manche Seel': Den Stand laßt Euch kein Mensch erleiden, Vor dem all' andre Stand' sich neigen. Ist nun der Stand so hoch und werth, So hat er billig sein' Beschwerd'. Der Teufet ist keinem Ding so feind Als wo Christi Pferch wohl verzaunt. i36 Briefe, Die Welt braucht nimmer mehr Betrug, Als daß der Pfaff werd gschweigc mit Fug'. Das eigen Fleisch läßt nit sein' Tück, Daß es ein fromm, treu Herz berück. So bringt der Baalspfaffen Schaar Der Kirchen erst die größte Gfahr: Denn nie kein Blutvergiessen hat, Wie Heuchelei, der Kirch' geschabt. Da man sich selbst, nicht Christum sucht Und mangelt stets an guter Frucht, Da man mehr witz t und klügeln will, Lls Christi Einfalt steckt das Ziel, Oder sonst geht im großen Haufen,— (Den Leithammeln all' nach hin lausen!) In Summa, wer nicht fleißig wacht, Der ist in manche Gfahr gebracht. Je mehr Gefahr, je minder Sold, Ein Gottes - Diener soll kein Gold. Wer hie sein' Besoldung will einnehmen, Den wird der Herr einmal nicht kennen. Hie solls seyn gearbeitet, ghüt und gwacht, Dort wirds seyn belohnt und hochgeacht: Hie solls seyn mühsam und unwerth, Dort wirds seyn ruhsam und geehrt. Kein Frommet legt hie Gülten an, Wie der aus V, X machen kann. Fromm Geld läßt sich nit z' Fuß ereilen, Wie bös' Geld von den'» auf den Gäulen. Fromm Geld vergnügt, wie es Gott fügt; Bös' Geld verstirbt, wie viel man trügt. Wollt Ihr nun weiden Christi Heerd, So seht, daß Ihr beruffen werbt, das Studium der Theologie betr. 127 Durch Christi Ordnung, nicht oblique, Durch Geschlecht, Weib, Geld, und sonst ini^uo. Gott ruft recht durch der Obern Mund, Er ruft auch in des Herzens Grund, Und wie der fromme Luther meint, So stünd' auch sehr viel bei der G'meind'. Eilt nicht zu sehr, Gott weiß euch wohl, Eur Lheil Euch noch werden soll. Last laufen, was nicht bleiben will, Gott sin dt die Seinen in der Still. Wahrlich, daß man viel Miethling' duldt, Das ist des losen Laufens Schuld. Kein Wurm dem Körper ist so gesahr, Als der gern an sein Stelle war. Den Leichnam laßt man kaum erkalten, So will schon E i n'r s ei n'n Dienst verwalten. O wenn Verfolgung reget sich, Wie mancher schrie nicht: hie bin ich! Seyd Ihr denn zu der Kirchen kommen, Den schweren Eid auf Euch genommen; So rüst Euch nu mit Herz und Muth, Daß Ihr All's nehmen wollt für gut: Ja wie Jener uns that bescheiden, Müßt Ihr auch lernen henken leiden. Weh Euch, so man Euch zuviel lobt! Wohl Euch, wenn die Welt heftig tobt! Weh Euch, so Euch der Dienst wird süß! Wohl Euch, so Ihr findt viel Verdrieß! Weh Euch, so Euch die Welt gefüllt, Wohl Euch, so sie Euch Fallen stellt! B r i e f e, Weh Euch, so Ihr auf Titel schaut! Wohl Euch, so wenigS Euch vertraut. So könnt Ihr Gottes Haushalter seyn, Der Welt ein Dorn, ein' Ruth und Pein. Roch müssen wir das Hauskreuz tragen, Wie jeder Ehmann wird beladen, Was jedem geschieht, das kann uns werden, All' täglich Fall gehören auf Erden. Wollt Ihr denn hie den kürzten Weg, Daß Euch begnüg göttlicher Seg, So laßt nit z'viel auf Erden ga'n, Der Himmel steht Euch besser an. Gewöhnt Eur' Leut zu schlechter Art, Nichts ehers lernt sich, als Hoffart. Laßt Arbeit thun, was essen wi ll; Zur Ruh bleibt Zeit noch überviel. Traut nit zu wohl eim jeden Maul, Das Bös' ist frisch, das Gut' geht faul. Veracht nicht leichtlich arm' Gestalt, Gott viel Geheim niß dabei Vorbehalt, Glaubtauch nit Alles, was man leugt, Unzeitig Eifer manchen treugt, Ich geb Euch noch das zu B'r icht, Verlaßt Euch auf kein'n Menschen n i ch t. Gott sey Euch einig Euer Laoxus, Dazu der Mensch Euch helfen muß. Sonst, wo ohn Gott der Mensch soll helfen, Da gilts laufen, schmieren und gelfen Und ist doch nichts als Wort und Schein; Der g'winnts, der über Euch kann seyn-" Ich sprach! „mein lieber frommer Herr, War' ich vorlangsten kommen her, das Studium der Theologie betr. rZg Mein' Ohren sollten kürzer seyn, Mein Russe! abgekehrt und rein. Ich Hab gefolgt der Starren Zunft, Da überherrschr die Unvernunft; Legt mir nun ab mein'n Ring und Hut*) Das Röcklein und das Sträußtein gut, Damit wenn ich komm' unter die Leut', Ich nit umgeh, als der nit gscheidt." Das schlug meim alten Herren zu, Er sprach: ich nichtzit**) lieber thu, Als jungen Leuten, die noch jahren, Was ihnen noch weit fehlt, zu lehren. Es mag es aber, was noch glitzt, Und noch wohlhintern Ohren schwitzt, Nit allweg leiden, daß wir Gecken Jhn'n wollen ihre Kunst erschrecken. Doch muß ich leider auch bekennen, Und werd' ?s mit mein'm Schmerzen innen, Daß nit Alles, was schwarz, geistlich ist, Daß nit All geistlich s lauter Christ, Daß nit All Lauters ist gesund, Daß nit All Gsundes ist fürn Mund. Hierauf bat mich der ehrlich Mann Ich wollt mit ihm zu Hause gähn, Daselbst ein Süpplein helfen essen, Das Schwatzen wird sich nicht vergessen. Er muß heimtragen an der Stangen, Den hübschen Bogel, den er gfangen, *) Die akademische Magisterzicrde. **) Nichts. Briefe, 140 Und ihn sein'r alten Mutter bringen, Die weiß doch auch von diesen Dingen Und sagt manchem umsonst den Text- Das Haus, das sey da allernächst, Da er mit seinem Holderstock Oft spalten manchen dicken Block, Lieb' und Leid williglich gelait, Manch tiefe Haus wunden geheilt Bor manchem Sturmwind sich geduckt Bor manchemUnglück sichentzuckt- Also ging ich mit Scham und Freud' Mein Herz war eng' und sich ausbreit. Mein' Kunst war klein und hört' doch viel, Mein' Reu war groß, eilt doch zum Ziel. Ich wollt nit, daß ich welsche Land Dafür hält gsehn allesammt: Denn ein Deutsch Herz, so man das findt, Ist werther als viel fremd. Der sagt, was fehlt, und rathdazu, Hiemit kommt in an mit Gott zur Ruh. Was aber nur schwatzt: mum! mum! mum! Und wirft den Brei im Maul herum. Das braucht viel Zeit, Geld, Müh und Sorg, Daß man im Eitlen gar erworg'. - Nun wünsch' ich, daß all' meine Gsellen Jhn'n auch abtrennen lan die Schellen, Und geben sich in Christi Orden, Der nie keim Frommen süß ist worden. Hiemit folg' ich mein'm Alten nach — Wer bessers weiß, der besser' die Sach. das Studium der Theologie betr. 140 Fünfzigster Brief. Es ist ein Kennzeichen Ihres richtigen Verstandes und guten Herzens, daß Sie das überschickte Gedicht ausgenommen, wie es aufzunehmen war, nicht als Gespött, sondern zur Besserung, nicht lachend, sondern ernstlich. Die ernsthaften Stellen der letzten Hälfte sind Ihnen, sagen Sie, vorzüglich lieb gewesen und eine Reihe Priesterlehren, die nicht schöner gedacht, gefühlt und gesagt werden können, sollen Ihnen güldene Regeln bleiben. Mögen sie es! denn gewiß das Schlechte, Niedrige, Erbärmliche bei unserm Stande ist eher zu beweinen, als zu belachen, eher zu bemitleiden, als zu verachten; zumal der arme Geistliche an manchem nicht Schuld hat. Wir werden also manche Sprüche dieses Gedichts zum Grunde legen, wenn wir künftig von Amtsführung, Amtspflichten, von Verkündigung des Wortes Gottes, Katechese, Zuspruch der Kranken, Beicht, Taufe, Abendmahl, Seclensorge, äußerlicher Situation eines Predigers u. f. reden werden. Zu alle diesem aber ist noch Zeit, und wir brauchen neue Kräfte, frische Erholung ; jetzt lassen Sie uns noch mit ein paar Blicken das große Feld der neuern Theologie übersehen und dann auf eine Zeit herzlichen Abschied nehmen: denn auch viel Schreiben, wie viel Predigen, macht den Leib müde. Das unlaugbare Gute unsrer Theologie ist wohl das fleißige Treiben der Sprachen und des Litterar-Texts: hierin sind wir wahre Lutheraner, denn auch Luther ging hievon in Widerlegung seiner Feinde und Hervorbringung der reineren Lehre aus. ,,Die Sprachen, sagt er, machen für sich ,,selbst keinen Theologen, aber sie sind eine Hülfe: „denn soll einer von einem Dinge reden, so muß er „die Sache zuvor wissen und verstehen. Wenn ich „jünger wäre, wollte ich ebraische Sprache ex xro- „kssso lernen: denn ohne sic kann man die Schrift „nimmermehr recht verstehen. Auch das N. T. ist „voll ebräischer Art zu reden: darum haben sie recht „gesagt: Die Ebraer trinken aus der Brunnquellc; „die Griechen aus den Wasserlein, die aus der „Quelle flicssen; die Lateinischen aber aus der „Pfützen. Die ebräische Sprache ist die beste und „reinste, sie bettelt nicht und hat ihre eigne Farbe. „Sie ist wohl vor andern einfältig, aber majestätisch und herrlich; schlecht und von wenig Worten, „aber da viel hinter ist, also daß ihr es keine nach- „thun kann. Die andern betteln, haben viel Com- „posita, deren die ebraische keine hat u. f." Wie Viel er auf den reinen, festen Worlsinn halte, hat er in ganzen Tractatcn gewiesen-Sie hierauf und auf die natürliche Gestalt der Schrift zu weifen, war meine erste Sorge: denn keine wahre, achte Theologie wird ohne Wortverstand und Bibel. Es wäre sinnlos, wenn wir die vielen Hülfs- mittel und Bemühungen unsrer Zeit dazu nicht brauchten. Nur, m. Fr., machen Sie sich nicht zu früh ans Ueber setzen oder gar Kritisiren und Verstüm« das Studium der Theologie betr. 143 mein des TextS. Zur vollständigen Kritik haben wir noch eine Reihe von Vorbereitungen nöthig, und zum Uebcrsetzen scheint mir unser neuestes Zeitalter nicht das bequemste. Wir verstümmeln die Sprache, schreiben kraftlos oder geziert; kurz, das reine, ächte Deutsch, das unsre Vorfahren schrieben, ehe so viele fremde Sprachen in Deutschland bekannt waren, hat sich in der neuesten Zeit ziemlich verlohrcn. Es wird sich wiedersinden und vielleicht aus unferm Verderbniß eine reiche, schönere Sprache hervorgehn; warten Sie also und üben sich in der Stille. Vor der Hand lassen Sie Luthers Uebersetzung gelten und tragen in Ihr Exemplar die Berichtigungen bei ; oder wenn Sie sich, zumal in den poetischen Büchern des A. T,, üben wollen , so arbeiten Sie für sich selbst. Das N. T. ist in den Lehrschriften noch schwerer zu übersetzen, als das alte; damit können Sie nach den angenommenen Begriffen unsrer Zeit noch weniger Ehre einle- gen, es sey denn, dag Sic's paraphrasiren wollten, wie alles paraphrasiret. Verständnis; aber ist die beste Paraphrase. Zn der Glaubenslehre nutzen Sic insonderheit d«n Fleiß unsrer Zeit, die Beweisstellen zu prüfen, ihren richtigen Sinn im Zusammenhänge zu bestimmen und die Begriffe selbst sich verständlich machen zu wollen. Ich nehme den Mißbrauch und manche Ueberkreibungen aus; sonst war aber auch dieses die ächte Methode Luthers und der Reformatoren, die einem Lehrlinge der Theologie insonderheit anstehet. Nur hüten Sie sich hiebei vor unbegründeter Neuerungssucht, vor Partheilichkeit und Eckel gegen ge- 144 Briefe, wisse Lehren, die die Schrift doch offenbar enthalt und vor denen manche sich mehr schämen und sie nicht sehen wollen, als daß sie so ungewiß seyn sollten. Seyn Sie auch hierin einfältigen Auges und lassen sich ja, sobald über Theologie gestritten wird, auf keine Seite ein. Bleiben Sie in Ruhe und nutzen beide Partheien in dem, was sie recht oder besser sagen: die hitzigste, wie jener Bauer im Disputationssaal sagte, hat wahrscheinlich Unrecht. Es ist übel, daß es Parthcien in der Religion gjebt; wenn man sie aber zu früh oder überhin und durch Schleichwege vereinigen will, thut man sicherlich minder Nutzen als Schaden. Man schmiedet neue, vielleicht feinere Fesseln, die aber eben ihrer Feinheit wegen unauflöslicher werden, als die alte rasselnde Kette. Eine halb-erkannte Wahrheit, wenn man sie zum Gesetz macht, ist oft drückender, als eine dumme plumpe Lüge; und sobald Fürsten sich bei der Religion ins Spiel mischen, ists um Vereinigung und freie Untersuchung gethan. Nur die Wahrheit kann uns vereinigen; nur eine gleichmäßige, ungezwungene, Helle und richtige Auslegung des Worts Gottes kann jeder Parthci die Schuppen von den Augen nehmen. Hierauf lasset uns also arbeiten, hiernach überall streben und das übrige Gott und der Zeit lassen. Was wir uns so lange schuldig sind, ist Toleranz und gegenseitige Freiheit — nmien nsgus aä gram. Unsre Zeit ist, dünkt mich, hierin nicht so weit, als sie cs zu seyn vorgiebt, und die am meisten von der Toleranz reden, üben sie oft am wenigsten aus. Der das Studium der Theologie bctr. 145 Der äußere Zustand mancher Kirchen und Religionen ist von derÄrt, daß die Hoffnung einer Verbesserung oder die Furcht eines völligen Verfalls beinahe unvermeidlich scheinen. Die tiefe Verachtung , die die sogenannten Pfleger und Saugammen der Kirchen gegen ihren Säugling haben; die Armurh und Knechtschaft, in die der Stand der Geistlichen hie und da gefallen ist und von Zeit zu Zeit mehr fallt, zusammt dem herrschenden ökonomischen Geist, der alle Stände belebet; die kalte Gleichgültigkeit, die sich gegen alles, was Religion ist, schon bis aus den Pöbel hinab verbreitet; dieses und noch manches mehr muß mit der Zeit noth- wendig eine Aenderung bewirken. Ins Bessere? ins Schlechtere? was weiß ich? — Genug, mein Freund, auch aus dem Schlechtesten muß endlich das Bessere werden. Die Hefen des trüben Tranks senken sich endlich: der Trank wird Helle. Der Gang der Vorsehung schreitet weiter. Kümmern Sie sich hierüber nicht anders, als daß Sie sich frühe die Geschicklichkeiten erwerben, die auch in dieser Rücksicht Ihre Zeit fordert. Die Kirche Gottes schwimmt auf dem Weltmeer, und so muß man dieses mit seinen Untiefen, Klippen und Brandungen kennen lernen. Studiren Sie also das Kirchenrecht, die weltliche, die Staatengc- schichte, sofern sie insonderheit Ihren Stand angehet, und suchen sich, worin cs feyn kann, die praktische Klugheit zu verschaffen, die auch einen Theologen nicht mißzieret. Oft stiftete Ein Mann für ein ganzes Land Gutes; oft that Einer der Herders Werte i. Re l.u.Lheol. X. K i4« Briefe, ganzen Kirchenverfassung desselben unwiderbringlichen Schaden. Es ist nicht gut, wenn ein Geistlicher sich in weltliche, ihm fremde Händel mischet; eS ist aber auch eben so schlimm, wenn man ihn in Geschäften, woran er Thcil haben soll, nur immer als das fünfte Rad am Wagen mitführet. Auch zu diesem Zweck sepcn Ihnen die Vorbilder unsrer alten Theologen und Reformatoren vor Augen. Jeder arbeitete nach seinen Kräften, nach seinen Gaben und Einsichten, jeder nach dem Zustande seines Landes mehr oder minder, glücklich oder unglücklich; alle aber wie arbeitsam, wie mu- lhig und entschlossen! Müßiggänger sind wir gegen einen Luther, Melanchthon, Zwingli u f.' Sie handelten, sie veranstalteten mehr, als sie schrieben: sie schrieben mehr, als wir zu lesen vermögen. Sie sprachen aus der Brust, aus dem Herzen, über Sachen und nicht über Worte; selbst über Worte, als obs Sachen waren. Unsre Stimme ist ermattet und kleinlaut: unsre höchste Gabe ist Vorsichtigkeit und unsre Schriftstellerei so oft müßige Kunst. Welche Menge Lumpen wird, zumal in unserm Vakerlande, von Geistlichen beschrieben; und wer schreibt mehr Makulatur, wie sie? Hüten Sie sich, m.Fr., daß bei Ihnen die Schriftstellern je eine Tagarbeit, ein Brodstudium werde. Es ist dies eine der unehrbarsten Professionen unsrer Zeit, mit der man mehr als das Papier verderbet; lieber wählen Sie sich eine Hande-Arbeit, bei der Ihnen Kopf und Herz gesund bleibet. Es ist nicht auszu- fagen, wie elend ein Mensch daran ist, wenn Wahrheit, Wissenschaft und Menschenbildung bei ihm Taglöhnerei werden — — das Studium der Theologie betr. 147 Endlich, m. Fr., die Theologie ist nicht Wort-, nicht Sylben» und Bücher-Studium , sondern Ec- kenntniß der Wahrheit zur Gottseligkeit, also Sache, Geschäft, Ucbung. Hiezu gewöhnen Sic sich täglich mit Gottesfurcht und Lebensweisheit; und auch hiezu sind Ihnen die altern Schriften thatigcr Theologen besonders zu empfehlen. Sehen Sie ihreUn- cigennützigkeit, ihren Eifer, ihre Reinheit in Befolgung dessen, was sie für wahr und recht hielten. Das Leben derselben war kurz, wie das unsere; aber sie verlängerten es durch Mühe, durch Thatcn, wir verkürzen das unsere durch unnütze Gelehrsamkeit, Weichlichkeit, Feigheit. Sic leben noch, ob sie gleich gestorben sind; wir, die wir oft bei Leibesleben todt sind, wer wird uns nennen? welche menschliche, christliche Anstalt, welch errungenes Gute, welcher unsterbliche schöne Same, wird sich, wenn wir wie ein Traum dahin sind, unsres Namens und Daseyns freuen? — Leben Sie wohl. Ich lege Ihnen, da wir vielleicht auf lange Zeit scheiden, zwo Beilagen bei, die meine Briese sehr ersetzen können. Die erste besteht aus, S ha ft es b ur i's zehn Briefen an einen Lehrlinge der Theologie.*) Sie sind kurz, hie und da etwas lordmaßig, auch von Shaftes- buri's Privatblick, wie Er die Theologie ansah, nicht frei: überdem sind sie im Anfänge dieses *) Sie sind hier nicht abgedruckt, weil sie im Brittischen theologischen Magazin (Band 3. S. bor.) bereits übersetzt zu finden. K 3 Briefe, 14S Jahrhundert« und für einen Engländer geschrieben, der auf Englands Weise studiret. Indessen, was er von der wahren Philosophie, der leeren Spekulation, der akademischen Polyhistoric, der geistlichen Ehrsucht und der wahren Freiheit zu denken, von den Schriften der Griechen und dem Schönen und Reinen, wornach man im Studium aller Art streben müsse, was er vom Geist der Duldung und christlichen Einfalt, von seinen und Locke's Schriften sagt, u. f. ist vortrefflich. Vielleicht vergessen Sie meine Briese über den seinigen und ich binS nicht unzufrieden; bei meinen Beilagen hatte ich dies mehrmals zum eigentlichen Zwecke. Die zweite Beilage sollten Pythagoreische Sprüche und goldene Regeln seyn, die ich Ihnen jeden jungen Tag als neue Entschließun- gen wünschte. Sie sind von dem Dichter, dem Sie Ihr Vergnügen über das Gedicht, SokralcS oder von der moralischen Schönheit, zu danken haben, und den Sie, trotz mancher Harten seiner Vcrsart, für einen Plato-Shaftesburi in dieser schönen Begeisterung erkannten, Witthof. Das Gedicht, das ich jetzt meyne, war das erste in seinen sittlichen Gedichten*); suchen Sie sich die Sammlung selbst auf. — WaS ich Ihnen *) S. Witthofs Aufmunterung in sittlichen Gedichten. Dortmund, 1755. In der neuen Ausgabe seiner sogenannten akademischen Gedichte steht es Th. -. S. 112. aber bis zum Unkenntlichen und nach meiner Meinung nicht immer glücklich verändert. das Studium de r Theologie betr. 149 gebe, sind einige Gedanken Hemsterhuis in seiner ideenreichen Schrift: sur 1'laorüirre st -ur ses rapports; Sie merken leicht, wo ich nach einer Reihe meiner Briefe damit hinaus will. Einige Gedanken Hemsterhuis über den Gang der Wissenschaften, Religion und Gesetzgebung. Die Wissenschaft des menschlichen Geistes scheint sich um die Vollkommenheit, wie die Kometen um die Sonne, in sebr ccccntrischen Krummen zu be- bewcgen. Sie hat, wie diese, ihre Perihelien und Aphclien; wir kennen aber durch die Geschichte fast nur anderthalb Revolutionen, zwei Perihelien und das Aphclium zwischen ihnen. Ich merke an, daß in jedem Pcrihelium ein allgemeiner Geist regierte, der seinen Ton und Farbe aus alle Wissenschaften und Künste oder auf alle Zweige menschlicher Kenntnisse verbreitete. In un- serm Perihelium ists der Geist der Geometrie oder Symmetrie: diejenigen Wissenschaften werden in ihm vollkommen, die und nach dem Maas sie sich auf Geometrie und Arithmetik beziehen lassen. Im Perihclium der Griechen könnte es Geist der Moral oder der Empfindung heißen: die Ideen von Liebe, Dankbarkeit, Undankbarkeit, Haß, Rache, Eifersucht waren ihnen fast eben so klare, vollkommene Briefe, i5o und bestimmte Beziehungen, als uns Dreieck und Cirkel. Betrachtet man endlich den Styl der Künste bei den Äcgyptern und Etruskern, so wird man bald gewahr, daß der Allgcmeingeist ihres Perihelium Geist des Wunderbaren gewesen, der eine rohe Erhabenheit mit sich führte. Solcher allgemeine Ton nun in jedem Pcrihe- lium ist nicht allen Zweigen der menschlichen Kenntnisse gleich günstig. Werft einen rochen Lichtstrahl aus verschiedene Farben: das Roche wird er verschönern, die andern Farben wird er verschlimmern, schwachen, mehr oder weniger andern. Vergleicht z. E. in unserm Perihelium die Linie mit dem Sonnenstrahl, dem Hebel: die Zahl mit dem Besitzthum, beide mit Dauer und Bewegung; Optik, Mechanik, Oekonomie, Astronomie, werden sich vervollkommnen, aber Moral, Politik, die schönen Künste — zarte Blumen, die einst auf attischem Boden so frisch, so blühend standen — sie erblassen, sie welken in unsern trocknen Klimaten, trotz der gelehrtesten und sorgfältigsten Wartung. Die Starke dieses allgemeinen Tons in jedem Perihelium wird durch die fruchtlosen Arbeiten der sonderbaren Menschen offenbar, die von Zeit zu Zeit in einem Pecihelium geboren werden, dem sie fremde scheinen. Demokritus und Hippokrates hatten denselben Zweck, den wir haben, die Philosophie auf genaue Erfahrungen bauen zu wollen': Archimedes wandte schon seine bewundernswürdige Geometrie auf die Mechanik an; aber weder einer noch der andre vermochte etwas gegen die Herrschaft des All- gcmeingeistes. — Gegeinheils die Licblingswissen- das Studium der Theologie betr. rör schast der Zeit, die dem herrschenden Geist derselben ähnlicher ist, als die andern alle, wird auch aus alle andere ohne Unterschied und Rücksicht angewen- det- Dies bringt eine ungeheure Menge neuer Ideen hervor, die nach dem Maas, als die Anwendung ungereimt war, auch disparat, falsch und so entfernt von einander seyn müssen, daß die Anschauungskraft sie nicht zu vergleichen vermag. So kommt ein gewisses Falsche auf, aber der Mensch, ein na. türlicher Freund der Wahrheit, hasset zuletzt das Falsche. Das giebt ihm denn Eckel am Ganzen und führt ihn durch Frivolität zur Indolenz, die ihn verhindert, die Wahrheit von neuem hervorzu- graben, die durch eine ungeheure Menge unnützer Ideen so gräulich verstellt ward — Hätten die Menschen mit Fleiß Anstalt gemacht, eine Gesellschaft einzurichen, worin cS die möglichst, wenigste Religion und Tugend gäbe: augenscheinlich hätten sies nicht besser machen können, als sicS jetzt gemacht haben. Und noch bekümmert sich die Gesetzgebung nicht um die Natur dieser Religion und Tugend; bringen sie nur nicht physische Wir- kungen hervor, die die einförmige Bewegung ihres großen Mechanismus hindern könnten. Religion entspringt nur aus Beziehung jedes Individuums aufs höchste Wesen, und diese Beziehung offenbaret sich nur durch den moralischen Sinn. Der morali. sche Sinn schwächet sich aber von Tag zu Tage, nach dem Maas, als die Wirksamkeit der Menschen eingeschränkt, bestimmt und durch die Ersetze verwaltet wird. l53 Briefe, Will man von den angenommenen Religionen urkhcilen, insonderheit in Jahrhunderten, wo die Gesetzgeber sie mit politiscken Satzungen vermischt oder verwirrt haben: so merke man zuvor, daß sie sich in solchem Zustande nicht wie die Wahrheit nackt zeigen, sondern bald durch Wissenschaften und Tugenden der Menschen verziert, bald durch Gesetze, Gebrauche, Sitten, Künste der Zeit verunstaltet, bald durch Fanatismus, Laster und Leidenschaften entweihet und verunreiniget sind. Vom Christcn- thum nach dem gemeinen Schlage der Christen heut zu Tage urtheilen, wäre die ungereimteste Sache. O guain aontsrnta rso sst ssorrio, nisi ss Kumarin surrsxsrit. Glücklicherweise ist diese Kleinheit des Menschen nur sein Werk, die Folge vom Mechanismus der Gesellschaft — Nimmt man der christlichen Offenbarung alles weg, was ihr angchangt und falsch scheint: wirft man alle unverschämten Auslegungen weg, die Menschen über das gaben, was sie doch selbst als Wort des höchsten Gottes ankündigten: so wird man finden, daß sie die einzige Religion sey, die den Menschen zur Glückseligkeit, als Individuum, ruft, die einzige, die ihn von den Banden der Gesellschaft losmacht und ihm selbst wiederqiebt, die einzige endlich, die die Pflichten gegen die Gesellschaft nicht anders betrachtet, als sofern sie Beziehung haben auf die Pflichten zum höchsten Wesen, die doch allein die wahre Glückseligkeit jedes einzelnen Geschöpfs sind. — Ich denke nicht daran, daß die christliche Religion noch die festeste Stütze der gegenwärtigen Gesellschaft in Europa sey. Dieser das Studium der Theologie betr. i5Z Gedanke allein sollte den Ungläubigen hi'nreichcn, sie als ehrwürdig zu betrachten und zu behandeln. Es ist nichts ehrwürdigeres in der Welt, als Theologen und Philosophen , wie'S deren auch noch heut zu Tage giebt. Aber von einer Seite die sogenannten Orthodoxen, deren Harte, Eigensinn, Dummheit, wenige Kenntniß und ungcmessene Ehrsucht ihnen die Anmaßung giebt, „alle Menschen sollen so denken und begreifen, wie sie;" und von der andern Seite die Schwärme der sogenannten Philosophen, die, eben so eitel und unaufgeklärt als die Orthodoxen, durch Unordnung, Laster oder Sophismen ihr moralisches Bewußtscyn auf eine Zeitlang zum Schweigen gebracht haben und die Jrrcligion noch mit mehr Eifer, als jene andre ihre Orthodoxie predigen, die gern alle Menschen bekehren möchten, damit ihnen nur niemand einen allgegenwärtigen Gott zeige, den sie fürchten, oder sie an ein Organ erinnere, das auch nach diesem Leben bleibt und gewiß in dem Maas beunruhigen wird, als mans vernachlässigt hat; diese sogenannten Orthodoxen, sage ich, und diese vorgegebnen Philosophen stnv zwo schädliche Gattungen, die sich einander grausam bekriegen. Ware der Krieg noch von der Art, daß er ewig dauren könnte, so würde das Uebel wenigstens nicht schlimmer. Wie aber der, der seinen Gegner lächerlich machen kann, in unserm Jahrhunderte ohne Zweifel viel Vortheil hat über den, der ihn nur schwarz machen kann; so folgt, daß die zweite Gattung wahrscheinlich das Uebcrgewicht haben dürfte. Trauriger und abscheulicher Anblick einer Versammlung Menschen, in der Briefe, r5§. es weder Sitten noch Religion mehr geben wird; es scy denn, daß man auf der einen Seite dcihin komme, die Kirche von diesen horten Köpfen zu reinigen, indem man niemand zur Picsterschaft zuläßt, als Männer, die erleuchtet und durch überlegte Erziehung menschlich und ihres Standes werth geworden; und daß aus der andern Seite man dahin komme, die Wahrheiten der Philosophie so Helle und populär zu machen, daß die elenden Sophismen der Philosophen von der zweiten Gattung selbst Kinder nicht mehr überreden — Welch ein Reichthum von Ideen, über die wir künftig zu reden haben! Lassen Sie uns, m. Fr., unter dem Traurigen Zwist von Meinungen , der jetzt die Theologie zerreißt, und in dem kalten Aphelium, in dem die Religion vielleicht überwintert, dennoch getrosten Muths nach der wiederkehrenden Sonne blicken und auch in der dunkeln Nacht brenne unsre Lampe! das Studium der Theologie betr. r55 Anhang. Gleims Epistel an Herder.*) Den Theologen willst du bilden? Bild ihn, daß er zu jenen Gilden, Die glauben, daß zur Hölle fährt, Wer nicht mit Lanzen und Schilden Für ihren Gott und ihren Heerd Mit streitet in der Wuth der Wilden, Gern nicht gehören mag! Bild ihn, Daß er der Nuntius zu Wien Nicht werden will! zu Cölln am Dom Nicht Dechant, Cantor oder Küster! Nicht zu Paris am Scinestrom Abbt und der erste Staatsminister! Zu Mainz nicht Fürst! und nicht zu Rom Der Barer Papst! Der deutsche Kaiser Hielt ihm ja doch den Bügel nicht; Die Fürsten sagt man, hatten Licht In ihren Seelen, würden weiser, Und übten besser ihre Pflicht. Bild ihn, daß Stolz in seiner Seele Nicht wohnen kann, weil Christus Bild Sein Borbild ist! daß in die Höhle Des Elends, finster, schmutzig, wild, ') Beider ersten Erscheinung dieser Briefe 1782 (Jan.) begrüßte Gleim den Verfasser mit dieser Epistel. A.d.H. aS6 Briefe, das Studium der Theologie betr. Dem Schloßhof nah, er willig gehet, Dreimal des Tags, so früh als spat, Und Elendsmilderung erflehet Von Gott und Ihro Majestät! Bild ihn, daß, wenn er Samen streut, Der keimt und blühet und gedeihet, Er still sich seines Gottes freut Und Gottes Allmacht nicht entweihet, Nicht denkt, was Gott thut, das thu Er — Und streut des guten Samens mehr. Wollt' er sich seines Thuns erheben, Er würd' uns nur zu spotten geben, Und unsre Herzen blieben leer! Bild ihn, zum Sprecher, nicht zum Schreier, Der alle Kirchhofswinkel füllt Mit seines hohen Geistes Feuer! Und nicht zum Schwazer, der zur Steuer Der Wahrheit sich erbost, und schilt; Bild ihn zu keinem Friedrich Mayer*) — Bild ihn zu einem Wakesteld! Zum Mann, der Lehr auf Leben gründet, Und immer lieber löst als bindet Den, welcher uns und sich betrog. Wild ihn, daß unser Lessing findet, Er sey der beste Theolog! Bild ihn, daß er im Paradies Sich lab', und auch im Musenhain! Und würdig werde, Freund zu seyn Von Herder und von Hemsterhuis! *) Man lese seine Kriege des Herrn und sein Hamb. Ninive. II. Entwurf der Anwendung dreier akademischen Jahre sü- einen jungen Theologen. An — ^Die haben, m. Fr., meine Briefe einigen Ihrer Freunde zu lesen gegeben und melden mir manche sonderbare Urtheile, die Sie dabei gehört haben. Verwundern Sie sich darüber nicht: denn, wenn eS noch so geht, wie Sie mir melden, hat man von Glück zu sagen. Wer bringt nicht über Sachen so ve rschi e dner Art seine eignen Ideen mit? So hat Er die Theologie gelernt, so sollen Sie andre lernen, wie verändert Zeiten, Hülfsmittel, Zwecke seyn mögen. Er ist still gestanden; darum soll niemand weiter gehen. Die Farbe, die in seiner Jugend Mode war, und ihm damals so wohl stand, soll's in Ewigkeit bleiben. — Sie wissen, m. Fr., man bildet sich nur in gewissen Jahren: dann bleibt die Denkart, wie sie ist, und auch das ist Wohl- that des menschlichen Lebens. Man soll nicht immer Knabe und Kind seyn und sich wiegen lassen von allerlei Winde der Lehre: einmal soll man doch auch untersucht, ausgelernt haben und wenigstens durch stille, feste That lehren. Dies ist die Moral der Männer; die der Jünglinge ist aber zu lernen» aus ihrer und für ihre Zeit zu lernen, fortzugchm Vorwort. 160 mit dem Schicksal, das auch, wenn wir nicht freiwillig folgen, fortreißt. Wie lächerlich ists, daß, wenn dieses, jenes nicht vor einigen Jahren gesagt ward, cs auch nun nicht gesagt werden könne und dürfe? Und gewiß! Manches ward gesagt, was wir nur vergessen oder überhört haben.- Ein großer Theil der Anmerkungen über meine Briefe (denn die offenbar elenden und schlechten sind keine Antwort wcrlh) beziehen sich auf die Voraussetzung , als ob ich an Sie ein Ltuäiurn tUsolo- gierum, ein Lurriuulnrn vilss acackoiriiaso nach Jahren, Stunden, Wissenschaften und Lectionen habe schreiben wollen; eine Voraussetzung, die uns Beiden nicht in den Sinn kam. Der Studiosus muß hören, was zu seiner Zeit, auf der Akademie, in den Jahren, von dem Mann oder Männern, die er gern vorzüglich nutzen möchte, gelesen wird; er kann die Akademie nicht umschaffen, er kann sich nicht plötzlich alles, wie es ihm beliebt, auftischen und wählen. In der besetztesten Akademie von Deutschland ist dies nicht jedes halbe Jahr, oft nicht alle drei Jahre möglich: in der Ordnung ncm- lich, wie es der Ankömmling für sich wünschte. Auf die Art müßte nemlich jeder Lehrer Alles zu aller Zeit lesen, das so unmöglich ist, als daß Gott auf einmal, weil verschiedene Menschen ihn darum bitten, Regen und Sonnenschein gebe. Ueberhaupt, sagt ein Gelehrter, vielleicht der philosophisches Gelehrte, den Deutschland seit Leibni; Zeiten gehabt hat, Lessing: „überhaupt weiß ein jeder, der mit „den Wissenschaften ein wenig bekannt geworden, „daß Vorwort. r6r „daß es mit der eingebildeten strengen Ordnung, „noch welcher die verschiedenen Disciplinen und Stu» „dien mit derJugend getrieben werden sollen, eine „Grille ist. Alle Wissenschaften reichen sich einander „Grundsätze dar, und müssen entweder zugleich oder „eine jede mehr als Einmal getrieben werden." Ich bitte, lesen Sie die ganze Stelle (S. 53 — 6r des ersten Theils der Literatucbriefe) und Sie werden mich, wenn Ihnen der böse Feind je den Gedanken eingiebt, mit einem akademischen Tages - und Stundcnkalendcr verschonen. Uebrigens einen solchen Kalender, für alle Welt, für die verschiedensten Subjekte von Fähigkeiten, Zwecken, Hülfsmitteln, Erziehung, Umstanden u. s. f. zu schreiben, wie Ihre Freunde zu wünschen scheinen : ist das wohl Auftrag für einen bescheidnen, vernünftigen Menschen? Sie kannte ich und konnte also an Sie schreiben! an die ganze Welt Briefe, vertraute Briefe, mit Einlassung aufs kleinste Detail, mit allwissendem und allweisem Rathe— das kann man nicht, wenigstens ich kanns nicht, mein Lieber. Für alle Theologen auf allen Akademien Deutschlands, reich und arm, dumm und klug, faul und fleißig, alt und jung, Zug - oder Sizvö- gcl ein Oemionsriuui zu schreiben — das schreibe der, der nichts bestimmters, bcsscrs zu geben weiß. Ich könnte nichts drüber, als etwa wie Luther vom Reichstage der Dohlen und Krähen, dahinter doch ein großer Ernst ist, schreiben. Ueberdem, welche triviale gemeine Sachen, die hundertmal gesagt sind, müßte man wiederum Herdeei Werke ,. Rel. u. LlM. L- L lk2 Vorwort. sagen! Und für wen? für wen? für ein mystisches Publikum, das man nicht kennet. Da geben Sie, m. Fr., Ihren Freunden Eines der hundert Bücher, die schon darüber geschrieben sind, und in deren manchem viel Gutes gesagt ist. Mir selbst fallen einige Blatter in die Hand, die für einen Jüngling nicht vor gar langer Zeit, wie mich dünkt, so kurz und wahr geschrieben sind, als es bei Allgemein-Dingen der Art nur immer möglich seyn möchte. Gefallt einem Ihrer Freunde der Plan, so mag er ihn mit Gott befolgen. E n t w u r f der Anwendung dreier akademischen Jahre für einen jungen Thologen. I. Vorerinnerungen. I. Die ganze Einrichtung der akademischen Jahre kommt darauf an: was man vorher gewesen sey? und was man zu werden gedenke? Ein Theologe soll billig wohlerzogen seyn und von Kind auf die heilige Schrift, als praktische Religion, gelernt haben. Er habe frühe das Vorbild gottesfürchtiger, fleißiger Eltern gehabt, und bemühe sich, wie Timotheus, ein in Lehre und That geübter thätigcr Gottesmensch zu werden. II. Bäurische, rohe und wilde Sitten, niedrige Zwecke des Geizes! Stolzes, der Faulheit und andrer Laster, wozu mamTheologic wählte, schaden sowohl dem Lernen und Erkennen, als dem Gefühl und der Anwendung der Wahrheit. Durch ein unreines, hartes, irdisches Gefäß kann kein Lichtstrahl L 2 1K4 Entw u rf der Anwendung dringen; noch weniger kann crs zuin Spiegel machen, der für Andre leuchte. III. Wer auf Schulen nichts Rechtes, oder nicht genug gelernt hat, macht sich auf Akademien saure oder vergebliche Arbeit. Die eigentlichen Schulstudien sind die Werkzeuge und Prolegomenen der Wissenschaften: Naturlehre oder Naturgeschichte und Religion, Geographie, Geschichte und Sprachen. Für einen Theologen nämlich die eigentlich gelehrten Sprachen besonders: Latein, Griechisch und im Hebräischen wenigstens Etwas, damit er auf Akademien wenigstens kein A.B.C. Schütze werden darf. Neuere Sprachen, in früher» Jahren gelernt, können Niemanden schaden; obwohl darauf zu sehen ist, daß man ihres anziehenden, leichtern Moderei- zeS wegen die schwerer» gelehrten Sprachen nicht versäume. In später» Jahren dieses nachzuholen, ist schwer und verdrüßlich; vollends in Schulen die eigentlichen angenehmen und bildenden Schulwisscn- schasten einer barbarischen Philosophie aufzuopfern, verderbt meistens auf Lebenszeiten. II- Regeln, wenn man die Schule verläßt und eine Akademie bezieht. I. Man verlasse sic nicht zu früh und wider Willen des Lehrers; lasse sich vielmehr auch bei der Dimission von ihm aufrichtig und ohne Schmeichelei sagen: woran man noch zurück scy? was man cinzuholen und zu verbessern habe? II. Man bitte den Lehrer oder den, zu dem man sonst am Lrt das meiste Zutrauen hat, und dreier akademischen Jahre rc. iKS der die Akademie kennet, um Rath, wie man dieselbe und ihre besten Lehrer am besten zu nutzen habe? Es wäre übel, wenn nicht jede Akademie ein eignes Gute hatte, und cs ist Klugheit und Pflicht, gerade dies eigne Gute sorgfältig zu brauchen. Kann mans, so verbinde man, auch sogar innerhalb drei Jahren, das Gute mehrerer Akade- micn, wenn nämlich die Landesgesetze cs erlauben. III. Wie der, der ein Land in seiner Jugend verläßt, überschaue der Wegziehende noch einmal ruhig und ernstlich den Weg seiner Schulwiffenschaf- ten. Er wiederhole, wenn er Zeit hat, kurz die Anfangsgründe derselben, und strebe, daß er von jeder ein Schema, einen Entwurf in seiner Seele mitnimmt. Was er nachgeschrieben oder selbst ge. trieben hat, verwerfe er nicht, sondern lege cS bei Seite; cs wird ihm einmal zu rechter Zeit kommen und Nutzen und Freude stiften. Die Schulbücher, die er fortbrauchen kann, z. E. Bibel, Wörterbücher , Geschichte, manche Eompcndien u. f. brauche ec fort, damit er Lokalgedächtniß behalte und sich an ein Forkgehendes auch in der Gestalt der Wissenschaften gewöhne. So machte es selbst Leibnitz. IV. Hat er m der Schule keine Art allgemeiner Uebersicht der Wissenschaften erhalten, so schaffe ersieh in den letzten Schulferien Sulzers Inbegriff aller Wissenschaften an, studice dies kurze, schöne Buch, und mache sich aus demselben, insonderheit in den Wissenschaften, die ihn angehen, z. E. Philologie, Geschichte, Künste, Philosophie und Mathematik, Theologie endlich einen tabellarischen Auszug. Dies kleine Buch wird i66 Entwurf der A nwendung ihm zeigen: wie viel zu lernen sey? und wie er jede dieser Wissenschaften, die vier ersten insonderheit, gut lernen müsse? —> Will er auf der Akademie im ersten Jahre Geßncrs isaAoZs in eruciitio- nsln nnivsisalanr mit Geßners Commentar selbst darüber, in Nebenstundcn, allmählich Hinzuthun: so werden ihm diese sehr angenehm und nützlich werden. Erstes akademisches Jahr. Fortgesetzte Schulstudien. In der Natur der Seele giebts keinen Sprung; im Lernen, von der Schule zur Akademie sollte erS auch so wenig als möglich werden. Das erste Jahr der Akademie sollte also vorzüglich als ein fortgesetztes Gymnasien- oder Schuljahr betrachtet werden: Schul-Wisscnschafccn, d. i. Sprachen, Künste, physische Geographie, Physik, Philosophie, Geschichte werden in ihm nur fortgesetzt, erhöhe t, erw eitert. Iu den sogenannten höhern Wissenschaften giebts noch Zeit genug: sie können auch, wenn nicht ausserordentliche Ursachen vorwalten , selten im ersten Jahr mit Nutzen getrieben werden. I. Sprachen. Hier kenne sich ein jeder selbst, und wisse, was er vernachlässigt habe und nachzuhvlen sey? Ost ists beim Theologen r) die hebräische Sprache; er muß noth- wcndig jetzt ein kuntainentaie: gruiurnatiaum hö- d re ie r akade mi sch en I ah re rc. 167 rcn; oder so wenig als möglich hören, grammatisch und etymologisch treiben. Je einfacher und geübter der Lehrer, je praktischer und vertrauter der Unterricht ist, um so besser. Hier sind keine neue Wahrheiten zu erfinden: sondern der Gang und das Gewebe der Sprache zu lehren und lernen. Anmerkung. Einfache Grundsätze und viel Paradigmata sind bei der hebräischen Sprache am besten; für uns ist sic halb wie eine Hieroglyphen- Sprache mit den Augen zu studieren. Zur gram- maiischen und analytischen Uebung ist allerdings das erste Buch Mvsis und einige Psalmen am besten; wohl aber, wer auf Akademien über diese Dinge weg ist. Er kann die Grammatik für sich wiederholen, täglich etwas in der hebräischen Bibel lesen , und statt der Grammatik, wenn der Lehrer nicht ausserordentlicher Art ist (und hier sind schwerlich neue Welten zu erfinden), ein Collegium über die hebräischen Alterthümer, Geographie und Geschichte, zu der auch die Geschichte der Sprache selbst gehöret , hören. 2) die griechische und latcIn i sch e Sprache werden forlgetriebcn, nach den Anfängen, die man von der Schule gebracht hat; aber auch der Geübteste muß sie, wenn die Akademie nicht gar zu verlassen in diesen Studien ist, mehr als durch Autodidachie forttreiben. Auf Akademien hört man über einen Autor anders, als auf Schulen; und auch hier, wie allenthalben, liegks nicht sowohl an Autor, als an Lehrer und Lchrark. Sey jener welcher er wolle; (natürlich wähle man auch hier nach Gründen, wenn man die Wahl hat;) ist der »68 Entwurf der A nwcndung Lehrer Philolog, wie er seyn soll, so lernt man am griechischen und lateinischen Schriftsteller die Grundsätze der wahren Kritik durch Uebung. Auch in die Schrift Ist sie nur aus dieser Quelle übcrgcgangen, wie Erasmus und Castellio, Grolius, Ernesti, Morus u. a. zeigen. Anmerkung». Es kann nicht vorgeschrie- bcn werden, über welchen Autor man höre, weil dieses sich nach der Gelegenheit und dem, was man von der Schule gebracht hat, richtet. Wer in einer griechischen Chrestomathie sich an prosaischen und leichten poetischen Stücken schon geübt hat, schreite gleich zu einem Dichter, es scy nun Pindar oder Homer, Sophokles oder ein anderer. Im Dichter enthüllen sich die Schatze der Sprache und der Auslegung reicher als im Prosaisten; jener ist auch für das Feuer des Jünglings in feigem ersten schönen Jahre des akademischen Lebens mehr unterhaltend. Ist jemand zurück; so suche er einen leichten Prosaisten, etwa Lenophon, Eebes, Epiktet zu verstehen und irre sich mit der Poesie nicht. Im Latein sollte doch jeder Ankömmling auf der Universität so weit seyn, über einen Hora; oder Virgil sogleich etwas höheres, gründliches zu hören. Anmerkung 2 . Der vornehmste Zweck bei diesen Schriftstellern gehe auf richtigen Wortverstand , auf Plan und Schönheit einzelner Thcile und des Ganzen; vor der neuesten Schöngeisterei, alles in Blumen zu verschwenden, hüte man sich sorgfä rig. Man überhäufe sich daher auch mit vielem Privatlcsi-n neumodischer, witziger Schriftsteller nicht; sonderlich im ersten Jahre. Man lese zum dreier akademischen Jahre re. 169 Autor etwa nur das, was der Lehrer nur anpreiset, oder übe sich zu Hause mit schöner und gründlicher Übersetzung desselben, damit man auch hiedurch Frucht von der Akademie bringe und sich selbst vorzeigen könne. Ist der Lehrer umgänglich, so suche man seinen Umgang und lege ihm diese eignen Ucbungen zum scharfen Urtheil vor; ist diese unschätzbare Wohlthat nicht zu erlangen, lhue man sich mit andern Fleißigen zusammen und muntre sich bei dieser gemeinschaftlichen schönen Bemühung auf. Viele Augen sehen mehr als Eines : die Ohren vieler, zumal Mitschüler und Nebenbuhler, sind großeAufmuntercr und zuweilen scharfe Leichter. Anmerkung 3. Mit neuern Sprachen überhäufe man sich im ersten Jahre nicht; cs sey denn, daß man in ihnen schon vorgerückt sey oder bcsondre Umstände treiben. Es ist nie gut, auf einmal viel Sprachen zu lernen, insonderheit so verschicdne, als die alten und neuen sind; dadurch verfehlt man den Genius ihrer aller. Das Griechische und Latein aber Hilst einander, das Ebräische schadet auch nicht, weil es sich nur auf die Bibel einschränkt. Ist aber auch dies auf Einmal zu viel zu lernen, so thcile man wenigstens nach der Jahrs Hälfte, und sey dafür ein jeder desto fleißiger, eben weil man nicht viel Zeit hat. Hat man Gelegenheit, in Nebcnstunden eine gute Geschichte dieser Sprachen zu hören oder zu lernen: so versäume man die Gelegenheit nicht. II. Geographie und Geschichte. Es wird vorausgesetzt, daß man in diesen nothwcndigen und unermeßlichen Wissenschaften einen sciagraphi- schcn Zusammenhang fettig von der Schule mitge- bracht habe; jetzt mahle man dieselben mit mehrcrem Bcrstande und pragmatischem Urtheil aus. In der Geographie suche man eine gute mathematisch- physische Geographie, verbunden mit Naturgeschichte und allgemeiner Statistik, zu hören: die Kenntniß unser- WohnplatzcS, seiner Geschöpfe Und Verfassung überhaupt ist einem, der Gott einst predigen will, unentbehrlich. In der Universal- Histvrie höre man nicht den Mann, der alle Kleinigkeiten aufs genaueste kennet; sondern der die großen Begebenheiten und Veränderungen mit Verstände übersieht und pragmatisch bindet. Anmerkung, Auch hier lasse man sich vom Lehrbuch des Lehrers leiten und lese nicht zu viel, wenigstens nicht große Bücher daneben. Bergmanns physische Geographie, AimmcrmannS geographische Geschichte des Menschen, Beausobre allgemeine Einleitung in die Politik, Finanz- und Handlunqswiffenschaften sind Bücher, die ein Liebhaber dieser Kenntnisse sich bald zu Handbüchern machen wird, und statt der Romane wird er etwa Bonners 6ontsmp>al.ion äs In nsturs mit Lust und Begeisterung lesen. In der Geschichte lese er anfangs nicht viel Wcitlaustiges und Specielles, damit er sich nicht verwirre und die Gestalt des Ganzen verliere. Der Lehrer wird ihm schon sagen, was er über jedes Volk und jeden Zeitraum künftig als das wahrste und bildendste zu lesen noch hat. kH. Philosophie sey dieses Jahr eine Haupcübung, und man vergesse nicht, daß man sie als Einleitung aller Wissenschaften , auch der künst- dreier akademischen Jahre rc. 171. lichen Theologie, lerne. JstS möglich, so fange man mit einer Psychologie, in der auch die Logik gelehrt würde, an. Wo nicht, scy man mit dieser allein zufrieden; suche aber den Lehrer aus, der sie am bildendsten, sofern sie sich auch auf Sprache, Kritik, Geschichte, sinnliche und schöne Gegenstände, Erfindungen, Wahrscheinlichkeiten u. dgl. erstreckt, liefet. Ihr setze man, wenn cs nicht überhäuft, einen Thcil der angewandten Mathematik oder die allgemeine Natur lehre gegenüber; vorausgesetzt nähmlich, daß man die einfache Mathematik schon von Schulen gebracht habe. Ins zweite halbe Jahr »erspare man Metaphysik und Moral; doch ists auch kein Fehler, wenn man jene mit der Logik zugleich höret. Man treibe sie als die Wissenschaft allgemeiner Begriffe, genauer, wenigstens in Worten strenger Definitionen , die in alle Wissenschaften Blick giebt. In der philosophischen Moral ist der der beste Lehrer, der sie auf Psychologie und Geschichte der Menschheit zurückführt, also auch mit der Ethik das allgemeine Natur- und Gesellschaftsrecht verbindet. Anmerkung i. Es ist gleich viel, zu welchem System der Lehrer sich bekennet; wenn er cS nur gründlich weiß und dabei selbst denket. DaS L e i b n i tz - W 0 l fisch e hat den großen Vorzug der Deutlichkeit, der Ordnung der Begriffe und durch einige spätere Schriftsteller, auch der Schönheit. Ohne dasselbe kann man die Schriften eines Baumgactens, Bilfingcrs, Kästners, Mendelssohns, Sulzers, Kants, Rei- »7« Entwurf der Anwendung marius, ja eines Wolfs und Lcibnitz selbst, nicht anders als fremder gebrauchen; doch gewöhne man sich an dasselbe nicht ganz und gar, und halte es nicht für untrüglich. Seine Hauptfehler sind, daß eS alles auf deutliche Begriffe und Demonstration bringen will und also oft nur durch Worte bestimmt und beweiset; daß es mathematische Ordnung und allgemeine Begriffe zu strenge befolgt, auch da, wo es noch an befondern Bemerkungen fehlt; endlich, daß es auf einige Leibnitzische Hypothesen vielleicht zu viel gebaut hat. Indessen sind alle diese Fehler theils zu verbessern, theils sind sie bas Ferment gewesen, das den umfassenden Geist dieses Systems hervorgetcieben hat und noch hcr- vortreibt. Anmerkung 2. Zum Lesebuch folge man seinem Lehrer. Seit Aristoteles sind vielleicht keine Eompendien mit dcrgedrungenen Kürze und Genauigkeit geschrieben, als Alex. G. Baumgartcns seine; ob sie gleich auch ihre Fehler haben. Sie haben auch den Vorzug, daß in ihrer Sprache zuerst Begriffe der Schönheit philosophisch entwickelt sind und gewiß weiter werden entwickelt werden. — Doch schranke man sich nicht in dieselben ein, sondern nütze insonderheit auch die Philosophie der Engländer, eines Locke, Ferguson, Smith, Home; nur nicht zu früh, und überhäufe sich am wenigsten mit philosophischer Lesung. Für diese Schriftsteller ist Zeit, wenn man die akademischen Jahre vollendet hat; auf der Akademie seyen etwa die einzigen philosophischen Ncbenbücher Shaftes- buri und etwa Bon net. Sic sind angenehm, dreier akademischen Inh re rc. 178 und führen zum Selbstdcnken, wenn etwas im Lehrlinge ist, das dahin schlagt; nur lese man sie, (sonst erreicht man den Zweck nicht,) langsam, prüfend und vorsichtig. Durch Autoren, die selbst dachten, ob sic in allem wohl nicht Recht haben mögen, lernt man selbst denken und urthcilen; hiernach wähle man sich auch seinen Lehrer. Nicht auf Gelehrsamkeit und Fehllosigkcit kommt es an; sondern auf Klarheit der Begriffe Munterkeit der Seele. Anmerkung 3 . Hat man in der Schule Philosophie gehört, über Ernesti initia z. E., so erinnere man sich zurück und baue weiter. Hat man in der Schule Liesronis oKicia, TenophonS Denkwürdigkeiten Sokrates, oder gar einige Gespräche Platons gelesen: so denke man zurück, wiederhole zuweilen, und lerne insonderheit die schöne Manier der Alten auch in der neuern Philosophie brauchen. Verstärket cs die Zeit, so sey wechselsweise ein philosophischer und poetischer Alter mit uns, und entrcisse man sich dafür mit Gewalt der Lesung neuerer Modeschriflen. Anmerkung 4. Treibt man die Philosophie und alten Sprachen recht: so kann man eine Theorie der schönen Wissenschaften zu hören sich völlig ersparen; auch die Geschichte der schönen Wissenschaften und der Philosophie vcrspare man ins folgende Jahr. Zu ihnen ist schon ein philosophisch- gebildeter Geist nöthig. Auch ist das erste Jahr mit diesen Sprachen und Wissenschaften schon reich besetzt. 174 Entwurf d er Anwend ung Nacherinnerungen. 1) Der Lehrling schreibe dem Lehrer nach, das Merkwürdige nämlich und insonderheit was er zu vergessen glaubt. Schon dadurch, daß man nachschreibt, sondert und digerirt man mehr die Gedanken; auch sind diese Nachschriften künftig eine reiche Materie zur Prüfung, auch der Art, wie wir unsre ersten Ideen erfasset haben. Wir können sie sichrer verbessern, wenn wir sie geschrieben vor uns haben; auch die später» Schriften des Lehrers und seinen wachsenden Fleiß besser brauchen. Zudem sind sie, wie die Lehrbücher selbst, über die wir hörten, eine angenehme Erinnerung unsers ersten Fleißes, unsers erwachenden Geistes und der schönsten menschlichen Lebensjahre. 2) Jeden Abend wiederhole man pythagoraisch die Ideen und Eindrücke des Tages; nur nicht aus dem Heft, sondern lebendig, aus freier Erinnerung der Seele oder im Gespräch mit seinem Mitgenvssen und Freunde. Dies ist bildender als die tobte Wiederholung des Buchstabens. Ist unser Gedächkniß schwach oder man hat Fehler gemacht und ist unzufrieden mir dem Tage: so lasse man den Muth nicht sinken, sondern entschliesse sich ohne Leidenschaft fest und ernstlich. 3 ) Ob man gleich dies ganze Jahr die Theologie nicht treiben konnte: so vergesse man doch die Regligion nicht. Gebet und Lesen der Bibel, wenn.man kann, in der Grundsprache, sey täglich Morgen- und Abendspeife. dreier akademischen Jahre rc. r?5 Zweites Jahr. Studium der Bibel, nebst andern H ü lfs w i ss ensch a ft en. Dies Jahr ist das mittlere und Hauptjahr des akademischen Lebens. Die Bibel ist das Hauptbuch deS Christen und Theologen : wie man sie in diesem Jahre verstehen, lesen, ansehen lernt; so wird man im folgenden Jahre die Theologie hören. Auch ists selten, daß man nicht im ersten akademischen Jahre Fehler machen sollte; übel aber, wenn man im zweiten Jahre noch nicht weiß, daß es Fehler waren und sie nicht ernstlich verbessert und einholt, Das Studium der Bibel mache Man sich so angenehm, menschlich und bildend als man kann; damit man nicht aus den mannichfaltigen schönen Wissenschaften des vorigen Jahrs jetzt in eine Einöde trete, an der Theologie Eckel bekomme oder in ihr seinen Kopf verdumpfe. Auch wechsle man mit dem A. und N. T., dem Ebraischen , Griechischen und etwa andern Sprachen und Wissenschaften ab, die gleich sollen genannt werden. Insonderheit schätze man das Glück eines Lehrers, der uns dies Studium so unterrichtend, bildend und angenehm zu machen weiß, als seine Wichtigkeit es verdienet. l. Im Ebraischen. Ist man durch den Fleiß der Schule und des ersten Jahrs ln der Grammatik und Analyse der Sprache, bis zu einiger Fertigkeit geübt, welches denn, wenn cS recht angegriffen wurde, mit leichter Mühe geschehen konnte, 176 En tw u rf de r An wen d u i, g so greife man lieber zu einem poetischen als prosaischen Buche der Bibel, weil man in jenem mehr Sprache, Genius des ebräischcn Volks, und eine angenehmere, höhere Gedankenwcise lernet. Erlanbts die Gelegenheit, so ziehe man die Psalmen und JesaiaS, Hiob und die Salomonischen Schriften andern vor: so daß man jene beiden im ersten, diese im zweiten halben Jahre höre. Muß man wechseln; so wechsle man zwischen David und etwa den schönsten Stücken der -Mosaischen Bücher im r. 2. 3 . 4. Sten Buche, zwischen Jcsaias und den kleinen Propheten; oder auch zwischen Hiob und einer der Salomonischen Schriften. Kurz, die Schrift sey uns die liebste, die uns die gedankenreichste, begcistrungSvollste, allmählich auch die schwerste ist: denn da man über die ganze Bibel nicht hören kann, so muß man über das Ausgezeichnetste, Schönste und Schwerste derselben hören; die andern Bücher aber allmählich für sich treiben. Anmerkung r. Hat man das Glück, eine gute Einleitung ins A. L. zu hören, die nicht nur kritisch, sondern auch historisch und charaklerisirend, kurz ein Schlüssel der gesummten Schriften sei): so versäume man sie nicht. Wo nicht, so brauche man Eichhorns Einleitung ins A. L., Lowth von der Poesie der Ebräcr, und Dathens Glas- sius als Handbücher dieses Studiums, zu denen man sich auch schon in diesem Jahr allmählich zu gewöhnen anfängt. Mit weitläuftigcrn kritischen Sammlungen und Anweisungen gebe man sich jetzt noch nicht ab: auch Richard Simon und Earp, L°v, dreier akademischen Jahre rc. 177 zov, geschweige Eapcll und Morin werden erst später, nach den Jahren der Akademie, gelesen, wenn unser Urthcil und Blick in der Analogie der Sprache verschiedner Zeiten, Bücher und Schriftsteller geübt genug ist; sonst verlaust man sich in Wortklaubereien und Hirngespcnste, und verfehlt den gesunden Anblick der ganzen biblischen Schriften. Anmerkung 2. Man höre seinen Lehrer ehrerbietig, genau und sorgsam; nicht aber sclavisch und abergläubisch, insonderheit wo er conjekturirt und ändert. Dem Hange zu cvnjekturiren lege man bei Zeiten Zügel ein; er reißt sonst aus und wird unbändig: zuletzt sieht man auch das Gesunde ungesund an und will immer brennen und morden. Ein mäßiger, gesunder, ruhiger Blick ist auch hier, wie überall, das Beste. Ec ist Wohlthat der Natur; aber auch Kunst und Uebung muß darnach streben. Anmerkung 3 . Bei dunkeln oder ungewissen Stellen halte man sich jetzt noch nicht auf; noch weniger zerstreue man sich in Eommentare, sondern merke sie sich, bis man dazu gelegenere Zeit hat. Gramatische Genauigkeit im Verstände des Einzelnen und ein gesunder Blick aufs Ganze sind der Zweck dieser ersten Lesung. Zum letzten hilft eine eigne Uebersetzung gar sehr. Man sep in ihr fleißig, übe sich über jede Lection, die man hört, zu Hause; nur lege man dabei andre Uebersetzungen bei Seite und dränge sich damit nicht in die Welt. Sie geschehe in der Sprache, die man am liebsten treibt, Latein oder Deutsch und nach Beschaffenheit des Herders Werke i- Nel. u. Theol. X. W ' 173 Entwurf d er An w en d un g Stücks in Poesie und Prose; ungezirt und ebne Gewaltthatigkeit der Sprache. Es wird bei dieser Uebung sehr gut seyn, daß man die Ueberietzung der 70 . dazu zieht und also dem ksnoo nach täglich liesct. In andre Uebersctzungen und Varian- tcnquellcn zerstreue man sich aber noch nicht: es ist nur Uebung, wiederholende, prüfende Uebung. Anmerkung 4 . Dagegen habe man das Wörterbuch desto fleißiger zur Hand — gleichviel welches, weil wir im Ebräischen noch eigentlich kein vollkommenes haben. Das von Simonis dünkt mich das reichste und bequemste; nur hüte man sich vor seinen Formungs-Hypothesen. In Schullens oriAinas u. dgl. Verliese man sich noch nicht; ob es gleich gut ist, daß man sich diese und andre Beitrage zur Kenntniß des Ebräischen für die Zukunft auszeichnet. Genug, das Buch, das man treibet, gewinne man ganz lieb und lebe und webe in demselben. II. Im Griechischen des N. T. verfahre man meistens, wie bei dem Ebräischen gezeigt ist. Man höre im ersten halben Jahre etwa einen der drei ersten Evangelisten oder eine Synopsis aus ihnen, und Einen oder einige Briefe Pauli; im zweiten das Evangelium Johannis und die katholischen Briefe. Triffis nicht so, so wechsle man um, wie cs trifft; nur höre man über Evangelisten und einige Apostel, das ist das Hauptwerk. Unter den Briefen Pauli würde ich den an die Römer oder die kleinern an die Galater, Ephcser, Kolosser; den ersten an die Korinther, oder die an die Thessalo- nicher, und gegen die katholischen Briese etwa den dreier akademischen Jahre rc. 179 Brief an die Ebraer wechseln; nachdem mir Zeit und Drt, oder die EcklarungSart, in der der Lehrer Ruhm hat, cs zu fordern scheinen. Leider ists selten, daß jemand in allen Theilen und Büchern der Schrift, prosaischen oder poetischen, historischen oder Lehrschciften, gleich gut ist. Anmerkung r. Was ich von der Einleitung ins A. T. gesagt habe, gilt auch hier; nur ist sie hier etwas minder nöthig, theils weil die Bücher an sich verständlicher, einander gleichförmiger und uns naher sind, theils weil wir schon bessere Ausgaben des N. T. als des A. haben; überhaupt auch manches davon z. E. von der Authen- ticitat der Bücher, der Wahrheit der Geschichte, den Charakteren Christi, der Evangelisten und Apostel wieder kommt, wenn man über die Wahrheit der christlichen Religion, oder etwa gegen Deisten, Schwärmer und andre Sekten ein Rettungscellegium der Schrift höret. Ernesti inisrxrss dl. 1. muß in diesem Zeitraum dem Lehrlinge ein liebes Handbuch werden. Michaelis Einleitung ins N. T. ist zu weitlauftig und nicht für diesen Zeittraum. Anmerkung 2. Mit einem wcitlauftigen Apparat von Variationen, Locliaikuo u. dgl. deren man keinen gesehen hat und wahrscheinlich nicht sehen wird, gebe man sich nicht ab, wenn man nicht vorzüglich die Kritik des N. T. zu treiben gedenkt. Ein N. T. mit den Hauptvarianten ist genug, und Wetsteins xrolsgoinenn, wie auch die lidolli aä crisin dl. 1 . die Semler herausgegeben, mögen für einen Anfänger genug sevn. Es ist nicht M 2 180 Entwurf der Anwendung gut, wenn der erste Blick des Jünglings bei so einfältigen, herzlichen Schriften gar zu britisch wird, oder sich bei Nebensachen zu gelehrt verweilet. Einem künftigen Prediger ist das letzte vielmehr mißbildend und schädlich. Anmerkung 3 . Vor den Paraphrasen , der Engländer insonderheit, hüte sich der Lehrling Anfangs. Er lerne erst den Ausdruck des N. T. aus sich selbst und dem A. T. genau verstehen, studire den Hellenismus in seinen Quellen und Ableitungen gründlich; und lasse sich nicht von einer leichten oder gar schönen Allenfalls-Paraphrase wcglocken oder blenden. Es ist nicht gut, wenn man sich die Anfänge einer Wissenschaft zu leicht macht, aus Uebersetzungcn, Paraphrasen, Commentaren, und nicht aus sich und der Quelle selbst schöpfet. Man lese fleißig die Apokcypha und die 70.; so wird man bald in das Griechische des N. T. kommen. Das beste Wörterbuch zum N. L. ist Schöttgen, Krebs Ausgabe; die zu den 70. und zum Hellenismus überhaupt, Ki r ch e r, T r 0 m m, B i c l, sind für einen Lehrling leider! zu selten oder kostbar. Die beste Probe, daß man einen anomalischen Ausdruck des N. T. wörtlich versteht, ist, daß man seine cbräische Formel oder ihn in gut Griechisch zu übersetzen weiß; die letzte Uebung ist sehr nützlich. Anmerkung 4. Auch in Eommentare des A. T. lasse man sich noch nicht ein; Erasmus Uebersetzung und Paraphrase, und etwa Grvlius Noten mögen im Anfänge statt aller gelten. Ueber- haupt treibe man das N. T. in dem religiösen, simpeln und schlichten Sinn, wie es die Apostel dreier akademischen Jahre ic. iSr schrieben und die ersten Christen lasen; sonst macht man sich zu viel nnnöthige oder schädliche Müh' und Arbeit. L,rnsmi rntio coiripenäio ^erve- nisncli ncl verarm HieoloAiam ist hierin ein weiseS Büchlein. III. Da der menschliche Geist Abwechslung will und über Einer Gedankenreihe allein ermattet; da ferner die nolhwendigen Studien des vorigen Jahrs forgesetzt und mit der Theologie des künftigen Jahrs verbunden werden müssen: so geschieht dies nicht besser, als durch die Geschichte der Wissenschaften: ein Studium, sehr weitläuf- tig und bildend. Im ersten Jahre wars noch zu früh: denn man muß die Wissenschaft selbst kennen , che man ihre Geschichte pragmatisch und nützlich hört; jetzt steht sie sehr an der rechten Stelle, denn sic wiederholt die Begriffe der Wissenschaft selbst, zeigt ihre Gestalt im Ganzen, die man vorher bei den einzelnen Theilcn vielleicht nicht sah, ja sie zeigt überhaupt, indem sie Ursprung, Fortgang, Blüthe, Abnahme so vieler edlen Produkte der Menschheit verfolgt, die ganze Gestalt deS menschlichen Geistes. Sie ist Logik, Philosophie, Geschichte und Sprachkunst selbst; ja indem sie auch hier der Geschichte der Offenbarung, welches doch eigentlich die Bibel ist, gegenüber steht, so wird die Seele des Lehrlings zum Umfange göttlicher und menschlicher Wissenschaften allmählich bereitet; leider nur, daß dies Studium viel weniger getrieben wird, als es getrieben werden sollte. Man höre indeß, was man kann, und soviel man kann, wenn nichteine Geschichte des menschlichen Geistes überhaupt, die mit allen Aussichten auf jede Entwurf der Anwcnd ung Wissenschaft, Kunst, Uebung und Zeilperiode einen großen Mann erfordert, wenigstens eine Gesch ichte der Philosophie und der sch önen Wissenschaften , zumal man diese statt des ganzen Lours cis bsllss - Isttrss höret. Anmcrkungr. Die Geschichte beider betreffe nicht sowohl Lebensbeschreibungen der Philosophen, Dichter und Künstler, sondern das Wachsthum des menschlichen Geistes, die Kunst und Wissenschaft selbst. Hier halten sich Lehrer und Lehrlinge bei dem Vortrefflichsten am meisten aus, zumal es in der ganzen Geschichte so selten ist, und das andre sich nur immer als Annäherung oder Rückgang dazwischen drangt. Die schönsten Gestalten des menschlichen Geistes, die besten Werke und Gedanken, sie mögen Systeme, Schriften, Gedichte oder Kunst heißen, treten hervor und werden des Lehrlings Bewunderung, Liebe und Nacheiferung. Der ganze Cirkel des menschlichen Wissens, Kommens und Treibens geht hier mit ewiger Abwechselung in sehr einfachen, wiederkommenden Merk- mahlcn umher. Anmerkung 2. Im Lehrbuche folge man genau, auch chronologisch genau, dem Lehrer; für sich lese man etwa Jselins Geschichte der Menschheit: denn Baco's unsterbliches Buch cks unZrrienlis soientiarum zu lesen, dürfte jetzt noch nicht Zeit seyn. Eine rechte Geschichte der schönen Wissenschaften haben wir noch gar nicht; in ihr suche man also einen guten Lehrer, an den man sich Halle. Brückers Geschichte der Philosophie ist auch nicht für Anfänger ans der Akademie zu lesen; wenigstens nicht die lateinische große. dreier akademischen Jahre :c. »83 Anmerkung 3. Bei dieser Geschichte biete man seinen Geist ganz auf, immer für sich zu bemerken: was erfunden und etwa nicht erfunden? wies gefunden und verlohren, verschlimmert und verbessert sey? u. f. Unvermerkt werden Bemerkungssatze, Erfahrungs-Regeln, und vielleicht eigne Blicke und Erfindungen werden; wenigstens weiß man, an welche Personen und Zeiten man sich mit senrer ersten Liebe und Nacheiferung zu halten habe. IV. Im dem ersten Jahre gings nicht wohl an, neben den alten auch neue Sprachen zu treiben, damit der Eindruck jener rein und ganz würde; in diesem Jahr ist weniger Verwirrung des Genius derselben zu befürchten, man kann also etwa Eine derselben als Nebenstudium zur Erholung treiben. Französisch oder Englisch oder Italienisch: jenes ist zum Umgänge, Englisch zu den Wissenschaften, der Theologie insonderheit, sehr nützlich; vergleichungs- weisc kann Italienisch am spatesten erlernt oder am ersten entbehrt werden. Anmerkung r. Mehr als Eine Sprache treibe man abermals nicht auf einmal; man wechsle wenigstens, wenn man nicht schon gute Fortschritte gemacht hat, nach ganzen oder halben Jahren. Am wenigsten vertragt sich Englisch und Italienisch zusammen , wenn man die Anfangsgründc lernt. Anmerkung 2 . Au diesen Sprachen Wahle man im Anfänge nichts theologisches, sondern das, wobei man am meisten den Genius der Sprache lernet. Zum Französischen, als der Sprache des Umgangs, Gespräch, Komödie, Deklamation, leichte Geschichte; zum Englischen, Dichter und lehrende 184 Entwurf der Anwendung Prosaisten. Am besten ists, wenn man das Französische schon auf die Akademie mitbringt und sich nur im Sprechen darin üben darf. Anmerkung 3 . Findet jemand seinem Zweck nothwendig, das Arabische und andre orientalische Sprachen zu lernen, so unterlasse er die neuere Sprachen noch, und lerne jene, damit er sie mit der Bibel-Auslegung verbinden lerne. Billig aber müssen Subjekte der Art mehrere Jahre auf der Akademie bleiben; in dreien kurzen Jahren kann unmöglich alles gelhan werden. Die drei Nachecinnerungen deS ersten Jahres wiederholen sich auch hier. Drittes Jahr. Eigentlich genannte theologische Wissenschaften. Dies Jahr muß das reifste seyn und die Summe der vorigen werden. Es muß sich auf die vor- hercrlernken Wissenschaften, insonderheit das Studium der Bibel, gründen, daß alles Ein Gebäude werde. I. Aus dem N. T. wird christliche Religion, und die Wahrheit derselben werde zuerst bewiesen: dies ist die erste Lectivn; eine Lection gegen alle Partheien und Lebenszeiten. Zu ihr ist also die ernsteste Wahrheitsliebe und Strenge für den Lehrer und Lehrling nöthig: denn manche neh- dreier akademischen Jahre rc. r85 men manches für ihre Religion an, das sie im Munde der Gegner verschmähen würden. Anmerkung i. Es ist hochnokhwendig, daß man dies Collegium interessant für allerlei Sekten mache, nicht blos für Atheisten und Deisten. Jener ist Gottlob ! nicht viel und sie sind keiner Wiederlegung werth oder fähig; aber dieser sind sehr verschiedene Formen und Gestalten, die man nicht zusammen werfen muß, auch sind mehrere Sekten in Auslegung der Schrift ihr und sich untereinander entgegen, so daß vom Atheisten bis zum gröbsten Schwärmer eine große Kette mit allen Zwischengliedern sich verbreitet. Eine Verlheidigung der Wahrheit, Güte und einzigen Schönheit des Chri- stcnthums muß auf sie alle, mehr oder weniger, Rücksicht nehmen und nicht nur die Authenticitat der Bücher, die Wahrheit der Geschichte, den Charakter der Personen, sondern auch die vornehmsten scheinbaren Widersprüche und falschen Anwendungen retten, daß auch durch Angriffe von allen Seiten die Wahrheit gewinne und das Christenthum göttlich erscheine. In dem Umfange betrachte diese Lektion Lehrer und Lehrling. Anmerkung 2 . Der Lehrling muß seinem Lehrer in der Wahl des Buchs, worüber er liefet, folgen; er ziehe aber, wenn die Gründe ausgebreitet sind, sie zusammen, und wenn er Zweifel hat, entdecke er sie in einer so wichtigen Sache seinem Lehrer treulich. Neue Zweifel haben die Wahrheit immer bewahret und ein Lehrer wird von den bescheidnen Zweifeln seiner Zuhörer gewiß aufgemuntert; denn hier gilts um kein Lehrgeld eines Lai- i 86 Entwurf der Anwendung IsZir, sondern um Wahrheit einer so verbreiteten Religion, Studium und Amt auf Lebens-Zeiten. Wer hier ein furchtsamer Heuchler ist, ists sich und Andern zum tausendfachen Schaden. Anmerkung 3. Für sich selbst grüble der Schüler nicht viel und lese lieber das Gute, als das Böse. Der Lehrer von seiner Seite verhehle nichts und zeige auch das Schwache bey manchen Beweisen; sehr viele g te Beweise werden übertrieben und brechen wie ein Bogen, der überspannt ist. Was wir an so manchen der patristischen Beweise, der Demonstrationen Mornay's, HuelS, Houttcville u. a. aussetzen, werden künftige Zeiten rulleicht an unfern Beweisen aussetzen, und cs geschieht von Zeit zu Zeiten. Hier lege also der Jüngling vielseitigen, festen Grund, weil wir mitten im Meere der Zweifel aller Jahrhunderte leben; er überhäufe sich indessen nicht mit Beweisen, denn das wäre ein Zeichen, daß die meisten einzeln schwach sind. An, wenigsten wolle er bis aufs Jora alles erklären. Anmerkung 4 . Große Bücher also z. E. Lardners Glaubwürdigkeit, LiIienthals gute Sache u. f. sind nicht zum ersten Lesen des Lehrlings ausAkademien. Er halte sich zuerst an Gro- tius, Nösselt; und kehre erst spat zu den bessern Apologeten gegen einzelne Feinde z. E. Bent- lei, Verkelei, Skelton u. a. Der beste Beweis aber sey ihm die innere Uebereinstimmung, Reinheit, Kraft und Schöne des Wortes Gottes selbst. II. Mit diesem Beweise laufe Dogmatik parallel, damit der Lehrling sich immer an Würde dreier akademischen Jahre re. rö? und Wichtigkeit der Religion erinnere und nirgend ihr untreu werde. Die Dogmatik konnte nicht getrieben werden, ehe Kcnntniß der Schrift mit einigem Umfange und Gründlichkeit getrieben war: denn in ihr läßt sich nicht auf das Wort des Lehrers glauben. Biblisch, d. i. philologisch und menschlich, oder philologisch und philosophisch muß die Dogmatik seyn; jenes wäre die praktische, dies die gelehrtere Dogmatik, im Grunde aber müssen beide Eins seyn, sonst ists gewiß Betrug mit der Einen. Beide haben ihre verschiedene Absicht, lassen sich aber im Vortrage, der frei ist und der Wahrheit dienet, sehr gut vereinen, Anmerkung >. Die gelehrte Dogmatik ^verbindet Philosophie und Geschichte mit der Dogmatik; zeigt, wie dieser und jener Ausdruck des Lehrbegriffs entstanden? wie er gemeint sey? und was jetzt damit gesagt werde? Sie webt also genetische Geschichte der Dogmatik jedem I.ocus ein, und indem sie die vornehmste Spitze verschiedner Sekten und die besten Gründe dagegen doch immer mit verbinden muß: so sammlet sie so ixao die Blüthe der Polemik, die sonst, wenn sie besonders in aller Weitschweifigkeit und Rechthaberei getrieben wird, eine verdrüßliche und oft falsche, menschenfeindliche Wissenschaft zu seyn Gefahr läuft. Und da zuletzt die gelehrteste Dogmatik, hinter aller Geschichte und Streitigkeiten, zeigen muß: was denn jetzt nun für uns von jeder Lehre biblisch sey und gemeinnützig bleibe: so siehet man, daß sie drei) treffliche Wissenschaften , genetische Geschichte der Dogmatik, Philosophie der Streitigkeit, endlich gemeinnützige, Entwurf der Anwendung u83 biblische, praktische Lehre verbinde, folglich ist sie für den studirenden Jüngling in allem Betracht die bessere, lehrreichere, bildendere Glaubenslehre. Die sogenannte blos biblische, praktische Dogmatik überlasse er, wie sie meistens ist, Schwätzern und Siebenschläfern; es scy denn, daß sie ein außerordentlicher Mann besonders hell und praktisch zu machen wüßte; das erste aber kann sie für unsre Zeit wiederum nur durch Gegensatz, d. i. durch Geschichte und die bescheidenste Polemik, das zweite nur durch Entwicklung aus dem Wort Gottes und der Menschen-Natur werden. Da ist nun abermals die gelehrte, reiche, bestimmte, und doch in allem aufrichtige, biblische, historische Dogmatik. Sie also studirc der Jüngling gründlich; die unwissende, mangelhafte, verwirrte braucht er nicht, und die erbauliche wird sich in der Anwendung jeder Wahrheit reichlich finden. Anmerkung 2. Die Beweisgründe aus der Bibel sind der Felsengrund der Dogmatik; sie müssen also im Zusammenhänge, wo sie stehen, und wie sie jetzt gestellt werden, fest und bewährt bleiben. Das Erste prüfen zu können , lernt der Lehrling der Theologie die Dogmatik spat, wenn ec den Zusammenhang der Bibel schon innen hat, und ihn voraus in den vornehmsten Büchern ganz ohne dogmatische Rücksicht, frei und ohne Gefährde, erforscht hatte. Es muß ihm also leicht werden, den nsrvuni xrolmnäi, wo ec ist, oder nicht ist? zu finden. Im Lehrbuch bequeme sich der Lehrling nach dem Lehrer und verandce nicht oft. In allen Dogmatiken steht dasselbe, nur hie und da klarer oder dunkler, schlechter oder besser geordnet. — dreier akademischen Jahre :c. rgg Anmerkung 3. Dogmatik treibe der Jüngling mit großer Sorgfalt, weil sic das 6orpus äoctrinse LLclssiss ist, und den Grund der theologischen -Moral und Homiletik mit ausmacht. Hat er sie recht innc, so darf er, nachdem er philosophische Moral gehört, theologische Moral nicht besonders hören. Auch Typik kann er sich völlig ersparen, weil sie nichts als gesunde Anwendung einiger biblischen Bilder und Vorbilder auf den wachsenden, sich immer mehr enthüllenden Lehrbe, griff ist. Vollends Polemik, oder gar die Theologie einer einzelnen Streitigkeit besonders zu hören, ist auch unnoth, wenn er den Lehrbegriff genetisch, akroamatisch-historisch kennen lernte; er erspart sich also mit dieser einen Wissenschaft viele, und darf nachher in seinen Heften nicht eine und dieselbe Sache an verschicdnen Orten suchen, in deren jedem er sie unvollständig findet. Alles aber kommt zuletzt darauf an, daß er sich jede Lehre ins einfachste biblische Licht stellt, und sie für sich und seine Zeit zum vielseitigsten, wahrsten Gebrauch anwendct. III. Jetzt findet K ir che n g esch ich te ihre rechte Stelle, nachdem Religion und Lehrbegriff bewiesen und zum Theil durch eine Reihe von Jahrhunderten durchgeführt ist; der Lehrling möge sie nun in die erste oder zweite Halste des letzten akademischen Jahrs verlegen. Mit der Geschichte der Völker, der Wissenschaften, der Philosophie, der Sprachen, der Lehren hat er schon einen guten Grund zu ihr gelegt und mußte diesen zuvor legen, weil ihm sonst in der Kirchengeschichcc vieles unver- Entwurf der Anwendung stündlich bliebe. Jetzt bindet er alles zusammen, um das Ganze des Ehristenthums in so viel Ländern und Zeiten, seinen verschiedncn Zustand und die Einflüsse desselben überall genetisch und pragmatisch zu sehen. Je mehr also diese Dinge zusam- menqcstellt, in Verbindung gesetzt (denn in der Geschichte ist alles verbunden) je mehr in der Geschichte nicht einzelne Austenwerke und Zufälligkeiten, sondern Zweck und Bau des Christenthums fortgehend betrachtet wird, desto vielseitiger und lehrender wird die christliche Kirchengcschichte. Anmerkung i. Es ergiebt sich, daß der Lehrer zu diesem Zweck auch alles im Verhältniß treiben, und was zum Exempel bei Ketzereien blos Geschichte der Wissenschaft, was bei der Hierarchie blos politische Geschichte der Staatsherrschaft, was bei Synoden, der Kirchenzucht, Kirchengcbräuchcn u. f. weniger Geschichte des Christenthums, als des geistlichen Rechts ist, auch in dieser weisen, mäßigen Anordnung treiben werde; zumal wenn vorauszusetzen, daß der Zuhörer manche Geschichte dieser einzelnen Sachen z. E. der Wissenschaften, des politischen Regiments, der Glaubenslehren anderswo schon kennen gelernt hat. Durch diese strenge Zu- sammenzichung aufs Ganze gewinnt der Blick des Lehrlings Einheit im großen Labyrinthe der Zeiten; nur hierdurch wird auch die sonst so trockne und jammervolle Geschichte bildend. Anmerkung 2. Es folgt hieraus von selbst, daß, je naher uns die Geschichte kommt, je Heller sie wird, je mehr sie unsre eigne Geschichte zu werden anfängt, d. i. von den Zeiten der Reformation dreier akademischen Jahre ec. 191. an, sie auch an Licht und Ausführlichkeit wachsen werde. Von Karl 5 . an wird ganz Europa Eine Welt, mehr als sies zu den Zeiten der Römer und in der ersten christlichen Geschichte war; alles wirkt auf einander, Wissenschaften, Lander, Religionen, Sekten; und dies fortgchende Gemälde muß der Lehrling in Einen Blick zu fassen sich bestreben. Nichts hindert ihn an diesem Blick so sehr, als wenn er einzelne Thcile, wenn es auch die Geschichte der Reformation selbst wäre, gar zu ausführlich , gar zu abgetrennt und vergrößert kennen lernet. Diese Disproportion hat viel Schaden ge- than: sie verengt den Gesichtskreis: sie macht in jeder Sekte und Religionsparthei ausschließende Barbaren. Hier gebe sich also der Lehrer und Zuhörer eine freie Brust, ein freies Auge, um Zwingli und Luther, Grotius und Ealov mit gleicher Unparteilichkeit zu betrachten und in dem immer fortgehenden Gemälde Gottes die ganze Haltung aller Gestalten in ihrem Licht und Schatten treu wahrzunehmen. Darum daß sich ein Mensch auf Einen Punkt festheftet, verschwindet nicht über und unter ihm das ganze Gemälde. Kannst du die Geschichte der Reformation besonders hören: so höre sie, denn cs ist ein großer, wichtiger, unterrichtender Zeitpunkt; nur siehe auch vor und rückwärts, und übertreibe nichts in ihr. Sonst schadest du dir und nutzest den wassern Leuten nicht, die damals stritten und wirkten. Anmerkung 3 . Der Zuhörer folge dem Leitfaden des Lehrers, auch chronologisch, und verwirre sich noch mit großem Werken der Kirchenge- 192 E n twurf d er Anwc n d u n g schichte nicht. Auch Wcismann oder der größere Mosheim bleiben noch ausgesetzt, und er merke von allen sich nur das Bcßte für die Zukunft aus. Wenn etwas aus der Geschichte zur Erholung als Nebenlektüre gelesen werden kann: so sey es eine schöne Geschichte der Reformation, Sleid an z. E. oder Lebensbeschreibungen gelehrter und wackrer Männer z. E. Erasmus, Grotius, Luthers, Me- lanchthons. Diese verwirren nicht und ermuntern sehr. IV. Endlich folgt das Collegium, das den reifsten Zuhörer fordert und also gewiß in frühere Zeiten nicht hingehöret, die Pastoral-Theo- logie, die, wenn sie gelesen und getrieben wird, wie sie soll, für einen künftigen Prediger das praktische Studium bleibet. Sie besteht aus der in- nern Pastorat - Theologie, zu der auch Homiletik und Katechetik gehöret, und aus der äußern, zu der auch von der Casuistik, Symbolik, dem geistlichen Recht und Ritual so viel genommen werden kann, als der künftige Prediger nützlich brauchet. Alle diese Wissenschaften einzeln zu treiben ist nicht Zeit; ihre zu große Ausführlichkeit artet auch meistens in Ueberdruß, Eckel und klein- fügiges Wesen aus. Verbindet man sie aber und führt jedes auf seinen Zweck, das geistliche Amt, zurück; so wird die Unterweisung gewiß angenehm und nützlich, der reife Erntekranz des ganzen Studiums der Theologie, das man in den akademischen Jahren trieb. r) Die innere Pastoral-Theologie muß der Lehrer bestimmt, scharf und andringend ma- dreier akademischen Jahre !k. iZL machen und dabei nicht die ganze theologische Moral wiederholen. Indem er einen Hirtenbrief Pauli an Timotheus oder Titus zum Grunde legt, oder eine kur;e Synopsis aus allen drei Briefen, hat er die beste Gelegenheit zu zeigen : worin damals und jetzt Christenthum und Hirtenkreue, Amtspflicht des Lehrers bestehen, und >hn sowohl vor Faulheit als Schwärmerei zu bewahren. Oft wird auch jene aus dieser. Wenn der junge Prediger sich Anfangs durch einen Roman des Urchristcnthums überspannt hat, so springt die Saite und laßt nachher um so mehr nach: denn nichts ckebertriebnes kann dauren. Weisheit und Mäßigkeit seys, was hier der künftige Prediger, nebst brennendem Eifer für das Beste der Menschheit, sorgfältig lerne. 2) Das Predigen ist nur ein Theil der Amtspflichten, nicht das Ganze; auch als solcher ists Mittel und nicht Zweck. So muß es der Lehrling auf Akademien zeitig ansehen lernen, Weiler aus Jugend-Eindrücken oft eine falsche Idee davon erhalten, da in der protestantischen Kirche vielleicht zu viel gepredigt wird , als ob Predigen und Hören die Hauptsache des Predigers und des ChristenthumS wäre. Sein Blick kann nicht kürzer und besser reclisicirt werden, als wenn man die Homiletik nicht als besondre Wissenschaft, sondern als einen Theil der Amtspflichten höret. Da auch das Predigen ein Resultat vieler theologischen und Menschenkenntnisse, der Dogmatik und Moral, der Philosophie und Menschengeschichte scyn muß; so kann es nicht füglich anders, als hinter diesen Wissen- Herders Werke >. Siet. u. Theol. X, N >Y4 Entwurf der Anwendung schäften getrieben; es brauchen aber dieselbe in der Homiletik nicht wiederholt zu werden, damit sie nicht eine larix raturs aus allen Brocken der Welt werde. Der Lehrling wolle in ihr keine neuen Regeln der Beredsamkeit lernen, als die ec in der Bibel und den Alten fand, keine neuen Kunststücke von Erweiterungen und Dispositionen, als die ihm die gesunde Philosophie und Rhetorik anwieg, keine neue Art die Herzen zu bewegen, als die er aus der Psychologie, Moral und Geschichte lernte. Alle diese Stücke werden jetzt nur verbunden , zum Kirchenzweck bestimmt und auf seine Amtspflicht geleitet. Unzählige Regeln und Dispositionen machen keinen Prediger; sondern Darstellung der Natur der Sache und ihres Zwecks, Entdeckung der Quellen guter christlicher Gedanken und ihres Ausdrucks; endlich am meisten Beispiele, Vorbilder, Muster. 3) Mit der Katechetik ists ein gleiches. Sie als eine eigne Wissenschaft zu behandeln, macht viel unnütze Mühe: denn durch tausend Regeln allein lernt ein Mensch nie kalechisiren. Sie ist das Resultat vielerlei theologischer und andrer Kenntnisse , und beruhet auf Beispielen , auf Uebung. Wie der Jüngling im ersten Jahre die sokratischcn Schriftsteller ihre Ideen leicht und angenehm entwickeln sah, und ihn in eben diesem Jahre eine gesunde Logik, Metaphysik und Moral seine Ideen entwickeln lehrte: wie ihn im zweitenJahre die Bibel selbst Ideen der Religion in so mancherlei Gestalt, Geschichte, Gleichnissen, Bildern, Reden, Fragen und Antworten voctrug, und ihm die leichteste sinnliche Vorstellung der Glaubcnsleh- dre i er akad em i sche n I ah re rc. igZ ren und Pflichten meistens selbst vorlegte; wie ihm endlich im dritten Jahre die Dogmatik ihre Lehren aus der Bibel und Geschichte gleichsam hcrabent- wickelte, und sie ihm zuletzt in der faßlichsten, gewissesten Gestalt sehen ließ: so nutze dies alles, philosophische Entwicklung und sokratische Lehrart", Bibel und Dogmatik — dies alles nutze die Katechetik und stelle dem Zuhörer die Hauptlehrcn und Hauptgeschichten in der wahren Kindergestalt dar, Am meisten helfe sie ihm (wovon wir gleich reden werden ) durch Ucbung. Den Gang und die Geschichte aller Katechismen zu lernen, ist Zeit genug. 4) Ein gleiches ist mit der Casuistik. Sie kann auf wenige, sehr simple Falle zurückgeführt und diese sehr leicht aus ihren Quellen, der Bibel und der Dogmatik, dem Kirchenrccht oder der Landesgewohnheit, immer aber und am besten aus der gesunden Vernunft mit entschieden werden. Diese, die gesunde Vernunft nahmlich, brauche der Zuhörer bei diesem kurzen LollsZio vorzüglich : denn da ihm alle Fälle seines Llmts und Lebens, und wenn man die Casuistik hundert Jahr läse, nicht vorgelegt werden können : so muß er nach der Analogie dieser, aus den gehörigen Quellen der Entscheidung die übrigen beurtheilen lernen. Er merke sich also auch die nöthigen Bücher, die ihm der Lehrer zur praktischen Amtsklugheit anweiset; bis in spatern Zeiten Erfahrung, Uebung, Gebet und der Umgang mit erfahrnen Männern und Predigern das beste Orakel der Klugheit in der Amtsführung seyn mochte. N 2 196 Entwurf der Anwendung 5) Vom Kirchen-Recht ist jedem Tbeol'o- gen, und wenn er auch der ärmste Dorsprediger würde, in seiner Pastoral-Theologie etwas zu wissen nöthig. Er mufi die äusscrlichen Rechte und Obliegenheiten seines Amts, Standes, seiner Verrichtungen und Besitzlhümer, seiner Kirche und Obrigkeit kennen, wenn er nicht manchen Fehler machen will, dadurch er sich Vorwürfe, Sorgen, Kosten und Nachtheile auch bei der Gemeine zuzichet. Uebcrdem will ja ein vernünftiger Mensch wissen, wie Stand, wie Amt, Kirche, in denen man lebt, zu solchen Rechten und Pflichten, Obliegenheiten und Besitzthümern gekommen scy t aus welchen Gründen sie dies erhalten, jenes vcrlohren haben u. s. f. — Manchem geistlichen Stolz und schädlichen Eifer, so wie mancher Furchtsamkeit, Heuchelei, Blödsinnigkeit und Lüge, die sich hie und da beim geistlichen Stande fortcrbt, würde vorgebeugt werden, wenn auch jeder arme Dorfpfarrer in seiner Pastoral-Theologie etwas Aufrichtiges, Praktisches von dieser angenehmen, meistens historischen oder doch anwendbaren Wissenschaft hörte. In vielen Fallen, z. E. Ehesachen, Streitigkeiten u. f. kann der Prediger seiner Gemeine auch nicht mit gutem Rache helfen, wenn er nichts vom rechtlichen Gange solcher Sachen weiß. — Natürlich wählt der Lehrer nur das Gemeinnützigste, Nolh- wendigste, und unterscheidet für seine Zuhörer nach dem Kicchenrecht einzelner Lander, damit er sir nicht durch seine allgemeine Form und Hypothese, auf die er sein Kirchenrecht gebaut hat, die aber auch nur in feinem Katheder gilt, betrüge. Der dreier akademischen Jahre rc. 197 Zuhörer zeichnet sich insonderbeit die Bemerkungen, Lehren und Bücher aus, die für sein Land sind, und überlaßt das andre Andern. Aber auch in diesem Bezirk hütet er sich für Uebcrfluß und »erspart größere Bücher über das Kicchenrecht und die Kirchengewohnheit später» Zeilen. Gute Pastoral- Theologien, z. E. Deilings, Seidels, Pfaffs U. a. habe» allenfalls, so viel der Anfänger braucht, in sich, und wenn er nachher Psafss Reden über das Kirchenrecht, Fleischer, oder den kleinen Böhmer liefet (nachdem er in einem Lande solcher oder solcher Kirchenverfassung lebt) hat er genug zu lesen; das andre lernt sich aus der Kirchengeschichte, der Agende und der Erfahrung. 6) Auch die Symbolik gehört zur Pastoral- Thcologie und zum Kirchenrechte; selten darf also aus ihr eine eigne, weitlauftige Vorlesung ge, macht werden: diese ist nähmlich nur den best»- dcrn Liebhabern der Kirchengcschichte und Antiquität angenehm und erträglich. Der allgemeine Liebhaber braucht nicht zu lernen, von welchem Jahr jede Ausgabe der Augsburgischen Eonfefsion sey, sammt jodem Jota, das in ihr verändert worden. Für ihn ists genug, wenn er die Geschichte, den Inhalt, und den Zweck der symbolischen Bücker weiß und sie ohne Aberglauben und Leichtsinn aus dem rechten Standpunkt arischen lernt, was sie auch ihm seyn sollen? Dies kann mit wenigem gezeigt und gefaßt werden; das übrige bleibt für den Liebhaber der Kirchengeschichte und Symbolik «uf spatere Zeit. Entwurf der Anwendung 7) Mit dem Ritual ists eben also; in unsrer protestantischen Kirche ists kein Hauptstudium, wie bei den Katholiken. Die Geschichte desselben gehörte in die Kirchengcschichte, die Beurthejlung desselben in Casüistik, Dogmatik und Moral. Das alles darf und muß nicht wiederholt werden, sondern nur das genommen, was zur nothwendigen Vorkenntniß des künftigen Predigers, gleichsam als Einleitung in seine Kirchen - Agende gehöret. Lehrer und Zuhörer müssen Männer sepir, wie bei allen, so auch dieser bisweilen geringen und klein- fügigen Kenntniß. Durch Spott und Verachtung muß man einem Geistlichen sein künftiges Amt picht lächerlich machen und verleiden. V, Endlich die Praxis des letzten akademischen Jahres oder halben Jahres. Im ersten und zweiten Jahre waren die Mmngen des Zuhörers (ohne Uebung sollte er eigentlich nie bleiben) nur in der Stille, vor sich, etwa seinem Lehrer und einigen erlesenen Freunden. Es ist nvkhwendig, daß sie für einen künftigen öffentlichen Lehrer jetzt öffentlich werde. Nicht früher, denn er mußte erst lernen, ehe er lehret; nicht spater, damit er doch noch vor den Augen des Lehrers zeige, wie er, was er lernte,- seine Grundsätze und Kenntnisse wenigstens anzuwenden gedenket, Auf jeder wohseingerichteten Akademie sind also hiebungen der Art, und die weiseste Einrichtung ist die, die junge Leute nicht zu voreilig und frühe, / l - dreier akademischen Jahre w. iss nicht zu oft und zu öffentlich; aber auch nicht z>u spät, zu selten, zu schläfrig zu üben. Jede Ucbung richtet sich nach dem praktischen Theil der Wissen- schaff, die man lernte; also bei künfligen Predigern insonderkcil nach der Pastoral - Theologie vornehmsten äußern Theilen. Homiletik wird Ucbung im Predigen, Katechetik Katechese; die andern geistlichen Wissenschaften werden mündliche Unterredung. r) Das Predigen übe der Lehrling auf Akademien nicht zu frühe, zu oft, zu leichtsinnig oder gar mechanisch, leider! daß es dies letzte bei machem noch Zeit genug wird. Er arbeite seine Predigt aus, als ob diese das Meisterwerk seines praktischen Becstaudes und wahren theologischen Sinnes seyn sollte und cs als erste Probe auch wirklich werde. Die erste Probe entscheidet viel und enthüllet oft den Genius des ganzen Lebens. Keinem Menschen in der Welt ahme der junge Prediger sklavisch nach, und wenn es Luther, Bos- suet, Ehrpsostomus oder Paulus selbst wäre. Den guten Melanchrhon ahmten einige seiner Schüler darin nach, daß er eine Schulter etwas hoch trug und im Reden gesiikulirte; sie hatten ihm in etwas bessern nachahmen sollen. Häufig gehts so mit den Schülern der Akademie, wenn sie ihren Lehrer zu hoch schätzen und lieben. Ich habe in meinem Leben viele Prediger singen gehört, weil ihr Professor eine singende Stimme hatte, und als er einmal wegen eines Halsschadens ein Glas Wasser auf der 2«c> Entwurf der Anwendung Kanzel trank, krank ihm sogleich einer seiner Bewunderer auf dem Lande das Glas ehrerbietiqst nach, damit er ihm Bescheid thate. Wohl dem Jünglinge von gesundem Verstände, der von seiner Akademie ohne solchen Professor - Zipfel wcgkommt, der sich oftmals schwer ablegt. Ein Mann, der täglich auf dem Katheder spricht und jungen Leuten vordogmatisirt, muß in kurzer Zeit auch auf der Kanzel, auch sogar in der Gesellschaft so sprechen und dogmatistren; cs ist dies aber nicht immer nachzuahmende Schönheit. Jeder bescheidne Lehrer erkennt dies selbst oder läßt sichs sagen und spricht: Zuhörer, folgt mir hierin nicht nach. Eure Kanzel ist kein Katheder und eure Predigten sollen keine Vorlesungen für stuckiooos rstsoloZiss werden. — Merkt der Zuhörer, daß er auf Unrechtem Wege ist, so bleibe er lieber stehen oder gehe rückwärts. Er gehe insonderheit gegen den Fehler an, der ihm zur Gewohnheit werden will, und besuche lieber andre, als die akademische Kirche. Vom einfältigen Predigen fange man an, picht vom gezierten; vom planen und einfach rührenden , nicht vom erhabnen. Uebcr jedes Wort, jede Stellung der Worte und Sachen wisse man sich Rechenschaft zu geben: denn die ersten Predigten drucken unvermerkt eine Form in die Seele. Man lese zuweilen (aber nicht zu häufig) gute Predigten, die der Lehrer anpreiset; aber wenn man selbst arbeitet, lese man sie nicht; auch nicht eben zu kurz vorher, zumal wenn der Jüngling bei seiner Lebhaftigkeit fürchtet, daß er ihnen auch un- dreier akademischen Jahre w. 201. wissend nachahmcn könnte. Ueberhaupt nehme man sich keinen einzigen Prediger zum ausschließenden Muster, sondern lerne von mehrern, auch sehr ver- schiednen , verfchiednen Zeiten und Nationen; zuletzt aber folge man sich nur selbst, drücke sich selbst aus. Man khue sich Genüge, so wird auch andern Genüge geschehen: denn jeder ist billig sich selbst der schärfste Richter. Eine einzige Form zu predigen geben und annehmen , ist beides Sklavensinn und Sklaven - Arbeit. Jetzt werde sie analytisch und jetzt synthetisch , nachdem eS Gelegenheit, Text, Materie will. Für einen Anfänger ist die analytische Methode die bildendste, eben weil sie die reichste und schwerste ist, wenn sie keine holländische Wasser, predigt seyn soll; oft aber ist auch die synthetische Methode eben so schwer, und bei den meisten Lehr- texlen ist sie gewissermaßen nöihig. Diese müssen Analyse des menschlichen Herzens und Gewissens werden. Ueber den doppelten Vorplatz der Exor- dien, die Theile des Thema, die Applikationen und den Ton, in dem er Amen sagt, lasse er sich ja kein Joch auflegen. Ein großer Thcil des Ueber» drusseS der Predigten ist aus ihrer sonderbaren, kurzsichtigen Einförmigkeit entstanden, da ein Thier mit armseligem Körper zwei Köpfe nach einander vorstreckr, zwei oder drei Zahne bleckt und einen fünfdrei- oder zweifachen Schweif, der unkräftig wedelt, nach sich ziehet. Die beste Form der Predigt ist, wie sic Text, Materie und Gelegenheit giebt, so wird sie nie sich ganz gleich und immer sich Lvr Entwurf der Anwendung sebst und den Zuhörern angemessen, d. i. gut sepn. 2 ) Das Katcchifircn ist eine schwerere, der Jugend angemessenere, und sollte auch wirklich die frühere, öftere Uebung deS jungen Theologen werden; und gerade umgekehrt, ist zu ihr weniger Anstalt. Der künftige Lehrer schaffe sich selbst, was ihm die vornehme und gelehrte Gewohnheit hie und da zu schaffen vergessen hat: er katechisire, er zergliedere fleißig; so wird seine Theologie Religion oder Neligionsgeschichke, und er bereitet sich dem Unterricht der Kinder und Alten aufs würdigste vor. Hier hilft Philosophie, gesunder Menschenverstand, ein gutes menschliches Herz und ein fertiger schlanker Ausdruck am meisten. Nur lasse man nicht gleich den Much sinken, wenns ungelenk geht; oft thut ein Lehrer, der Jahre lang ka- techisirt hat, sich selbst noch kein Genüge. 3) Mit den übrigen Pastoralübungen gchts auf Akademien schwerlich. Daß der Lehrer, wenn er auch Pastor ist, seine Schüler ans Krankenbett nehme, um zu zeigen, wie er auch da praktisirt, ist unausstehlich. Bon Casuistik, Kirchenrecht, Ritual u. dgl. kann er sich im LollsZio, das er ja für künftige Männer liefet, mit seinen Zuhörern auch männlich befragen und unterhalten, ihnen die Fälle selbst verlegen u. dgl. Ueberhaupt ists nicht gut, daß auf unfern Universitäten, wo doch meistens so junge Jünglinge sind, viel gelesen und gesagt, aber wegen der kurzen Zeit wenig dreier akademischen Zähre ic. a»L digcrirt und aus hundert Ursachen gar nicht gefragt werden kann; wenigstens also das letzte Collegium sollte ein Gespräch, eine Unterhaltung und Uebung für Männer werden. Nacherinnrrungen im Allgemeinen. r) Dies sind die nötigsten, allernölhlgsten Lectionen. Wer sie in drei Jahren nicht lernen kann, wie ichs selbst für sehr viele glaube, der lerne sie in vier, in fünf Jahren. Die unverbrüchliche Natur hat kein trisnnium aoaäsmiouin, zumal bei unfern Kindern von Lehrlingen und unermeßlichen Zerstreuungen angeordnet. Nimmt er sich mehr Raum, so kheile er, wie er will; diese Eintheilung laßt sich doch nie nach einem Plan bestimmen, sondern nur mit Gelegenheit der Zeit und des Orts ordnen. s) Die Akademie ist nur eine Zeit des Ein- sammelnS; oft geht dies Einsammeln sehr tumul- tuarisch. Das Zurechtlegen und Verdauen geschieht erst in den folgenden, Mannlichern, ruhiger» Jahren ; in ihnen findet das Studium der Theologie statt, dort wars oft nur Knabcnlernen und Horen. In diesen Zeilen hat also auch der reifere Jüngling die meiste Handleitung nörhig; nur kann Enkw. d. Anwend. dreier akadem. Jahre rc. sie ihm nicht mehr Präceptor - mäßig , sondern nur freundschaftlich, im Gespräch oder in Briefen, sein Studium der Theologie betreffend, gegeben werden. Eine eigentliche Anweisung, wie er jetzt, dis er ins Amt kommt, Jahre, Stunden und Zeiten theilc, ist kaum möglich. Doch ein andermal hievon mehr — Llsmärts nunc rivos, xueri, «ar xrsts didero» Briefe Thcophron ^)n dm Briefen, das Studium der Theologie betreffend , die von den verschiedensten und der Sache verständigsten Richtern weist ausgenommen sind, hatte ihr Verfasser den Zweck, dem studirenden Jünglinge wahrend seiner akademischen Jahre zu Hülfe zu kommen und hie und da sein Urthcil zu leiten. Ein System oder einen aurauin ucacismiouirr, deren wir schon sehr viel haben, war dabei seine Absicht nicht. In den vorangezcigten Briefen, die mit dem vorigen Buch nicht anders Zusammenhängen, als wie sich der Tag aus der Dämmerung des Morgens hebet, wird der Inhalt allgemeiner und auch für solche, die nicht Theologen sind, aber Religion und Theologie kennen wollen, wie der Verfasser hofft, nicht unbclchrend seyn. Er führt seinen Theophcon jetzt zur Uebersicht dessen, was er gelernt hat, zur freien Beurtheilung desselben und allmählich zur Uebung, insonderheit bei dem bildsamsten und wichtigsten Theile der Menschen, der Jugend. Er begleitet ihn zuletzt in sein Amt und lehrt ihn die verschiedensten Verhältnisse der Menschen kennen, auf welche Religion wirkt und auf welche sie nicht wirkt: welche Lehren und Gebräuche durch Mißbrauch und Unverstand gemein geworden, und welche ursprüngliche Achtung und Ehrfurcht sie verdienen: so daß er seinen Zweck erreicht fühlte, wenn diese Schrift ein Handbuch des Jünglings, der von Akademien kommt, des angehenden Predigers und auch ein Lieblingsbuch derer würde, die Religion, Theologie, und ihre äußere Einrichtung zu schätzen gesetzt oder zu lieben geneigt sind. Briefe an Theophron Erster Brief. Ihre akademische Laufbahn ist also geendet, glücklich geendet. Ich freue mich, m. Fr., mit Ihnen und wie gern möchte ich derBrabevta sepn, der Ihnen den Kranz reichte, wenn hier schon Kranz zu reichen wäre. Aber daran ist noch nicht zu ge- denken. Sie treten jetzt erst in die Schranken und sind also noch fern vom Ziele. Nicht was Sie gelernt haben, sondern wozu Sie's lernten? wie glücklich oder unglücklich Sie cS durchs ganze Leben hin anwenden? Das ist achtes Studium der Theologie, Sinn Gottes und göttlicher Dinge, Fro-xgoowu^. Den Siegeslaufern steht der Kranz am Ende Der Laufbahn vor: Den Kämpfern um die Weisheit wird ihr Kranz Im Tode und in andrer Well. Aus vielerlei Ursachen sind unsre Akademien nicht dazu eingerichtet, daß sie praktische Weise Einer Briefe an Theophron. 209 Einer Art, geschweige auZgebildcte Theologen hcr- vorbringen könnten, zu denen, wie mich dünkt, viel Weisheit des Lebens gehöree. Kinder kommen hinauf: unreife Jünglinge gehn meistens hinunter. In so kurzer Zeit lernen sie Alles; haben also auch nach so kurzer Zeit Alles gelernet. Und zwar hörend alles gelernt, ohne Frage, ohne andringenden einzelnen Unterricht, ohne Gespräch und Ucbung. Dazu Alles unter und durch einander gelernt, nachdem die Glocke schlug, nachdem der Lectivnen- zettel es ankündigte, nachdem der Professor Beifall hatte oder nahe wohnte. Und nicht immer in einer Form gelernt, die zum Verbilde der Denkart des Jünglings, zu seiner Anwendung, Weisheit und Glückseligkeit diente: oft mit Gezänk und Gewäsch, verbrämt mit Zoten und Possen , die für einen Weisen, geschweige einen Lehrer der Jugend, nicht gehören: oft mit scholastischer Spitzfündigkeit und kritischer Trockenheit, die für den größesten Haufen der Hörenden schwerlich nutzbar seyn möchte; endlich doch immer entfernt von praktischer Ansicht, vieljahriger Ucbung und der goldnen geprüften Lebensweisheit, die sich nie aus Büchern, geschweige durch ein System, erlernen läßt. Wir schicken alle unsre Gerechtigkeit über Land, sagte jene Facultat, darum haben und üben wir selbst keine; von wie manchen anderen Facultaten möchte dies (ich spreche völlig ohne Neid und Mißgunst) gelten. „Wir schicken unsre Weisheit und Religion über Land: halbjährig kommen neue Zugvögel, die aufpickcn, was wir ihnen verwerfen, und wieder wegziehn: wir reden uns aus oder sie saugen uns aus und Herders SKerke z. Re1> u. Theos. X. O sio Briefe in wenig Jahren werden wir bei den ewigen Wiederholungen und Ausleerungen unsrer selbst veraltete dürre Gebeine." Das ist nun eben das traurige Schicksal unsrer Akademien, das sich zum Tbeil nicht andern läßt, zum Theil gewiß geändert werden wird, wenn unfern Curatoren die Augen aufgehn und sie auch über Wissenschaft und Bildung der schönsten Jugendjahre menschlich denken lernen. Jetzt sucht jeder gute, insonderheit junge und muntre Lehrer gegen diese Austrocknung seiner Geistessäfte als seinen gefährlichsten Feind zu streben und jeder Lehrling von feinen Sinnen wird weit entfernt seyn, die enge akademische Form für das Wesen der Wissenschaft zu halten und sich diese von seinem Lehrer und Katheder unabtrennlich zu denken. Die Akademie ist ein Marktplatz, wo Al-, lerlei zum Verkauf steht und wo er nun auch Allerlei , Gutes und Schlimmes, erwischt hat; jetzt kehrt er in seine Heimath und denkt: wozu kann ichs anwenden? was habe ich erhandelt? Unendlich hats mich gefreuet, m. Fr., daß Sie schon wahrend Ihrer akademischen Jahre weise und vorsichtig an den künftigen Gebrauch dachten. Sie wählten sich alte und junge Lehrer, und nutzten beide auch in Ansehung der ausschliessenden Eigenschaften und Vollkommenheiten ihres Vortrags. Von jenen lernten Sie jung und munter denken, frei urtheilen, erfinden, wünschen; von diesen weise ordnen, bescheiden hoffen und, was schon da ist, lehrreich nutzen und anwenden. Und o wie liebte», wie ehrten Sie Ihre Lehrer ! Wie durch einen Kuß des Zutrauens und der Freundschaft hingen Sie an NN Theophron. 21t ihrem Munde, an ihrer Seele! Als Sie mich zum letztenmal besuchten, wie froh, wie bescheiden und gutmülhig sprachen Sie über Alles, was Sie und Ihre Lehrer anging! Theile Ihres Herzens waren diese, und von Ihrem liebsten und vertrautesten Lehrer sprachen Sie ja, als ob ich den Persius von seinem Cornutus sprechen hörte. Die Fehler der schlechtem, mit denen Sie also auch weniger Gemeinschaft hatten, bedeckten Sie oder erklärten sie mit einer jugendlichen Güte und Billigkeit, als ob ein wohlgerathner Sohn von bösen Eltern oder Blutsfreunden sprechen müßte. Und endlich, wie entfernt waren Sie von jenem Gassen - und Buben- stvlz, von jener unwissenden Aufgeblasenheit, mit der so viele verdorbene und kaum mehr gut zu machende Jünglinge von Akademien kommen. Sie sagten nicht: „ich habe bei dem Apostel Paulus, „ja bei Einem, der mehr als Paulus ist, weil er „ihn besser versteht, als Paulus sich selbst verstanden hat, logirt! beim Sankt Johannes habe ich „gespeißt! beim S. Chrpsostomus bin ich imSemi- narium gewesen, und Luther und Mclanchthon „waren meine Herzensfreunde;" wie ich dergleichen oft mit Entsetzen und Abscheu gehört habe. Die großen Gestalten der Vorwelt schwebten Ihnen als Sterne vor, die den Lauf Ihres Schiffes lenkten, die Sie aber nicht heftwejse in Facher gepackt und in Tonnen gesalzen mit sich führten. O Freund, diese stille Glut, dies warme, unschuldige, bescheidne und doch so hoch und edel cmporschlagende Herz, wie sehr habe ichs in Ihnen geliebet, ja wie oft in Ihnen beneidet und auch meinen Söhnen ge- O 2 312 Briefe wünschet! Ziehen Sie also glücklich in Ihr Vaterland , in Ihre einsame Landheimat: jeder schöne Hain wird Ihnen Akademie und Tempel, Ihr kleines Zimmer Stoa und Pöcile seyn. Die Hülfe, die Sie Ihrem alten Vater erweisen, der Unterricht Ihrer jüngcrn Geschwister, der auf Sie wartet, der Kreis Ihrer Verwandten und Freunde, auch der Umgang der Freunde Ihres Vaters, von denen Sie mir so viel Hochachtungswürdiges, Gutes und Rührendes erzählt — alles dies ist die schönste Laufbahn, die Sie sich nach der Akademie Wahlen und wünschen können, und ich möchte mit Ihnen wieder jung seyn, um die Freude zu empfinden , wenn Sie Ihre grünen vaterländischen Berge und Auen und Flur und Seen und Hütten Wiedersehn, die Sic an lauter Auftritte der schönsten Zeit Ihres Lebens, der Kindheit und Jugend erinnern werden. Meine Briefe, wenn Ihnen etwas daran liegt, sollen Sie oft besuchen und die reiche Aussaat derer, die ich noch zu beantworten habe, soll Ihnen, wie ich hoffe und wünsche, eine glückliche Ernte werden. Vorzüglich wollen wir uns an unser beiderseitiges Tag- und Lebenswcrk, Studium der Theologie, der Religion und Amtsführung halten. Nun laßt sich übersehen, was Sie gelernt haben: denn der Gang ist vollendet: ich kann zu Ihnen viel freier reden, als ich damals reden mußte. Nun laßt sich auch herzhafter reden, was künftig Ihr Werk seyn wird : denn Sie sangen cs an, Sie legen die Hand an den Pflug und werden, wie ich hoffe, nie zurücksehn. Wie angenehm wird es mir seyn, in alle Ihre verschiedenen Situationen einzu- gehen und Ihre ersten Empfindungen bei jedem an Theophron. 2i3 Versuch, bei jeder Uebung, mit der jugendlichen Offenherzigkeit in mein Herz gegossen zu fühlen, wie ichs von Ihnen gewohnt bin. Ich werde Ihnen in dieser nicht nachbleiben und oft um Sie seyn, wenn Sie meine Briese empfangen, lesen und auch in Anwendung derselben an mich denken. Vergessen Sie nicht, m Fr., Sie sind jetzt in der Blüthc des Lebens. Auf der Universität mußten Sie oft Ameise seyn, jetzt seyn Sie zurück- und vorwärts - und auf allen Seiten umher die honig- suchcnde, unverdrossene, alles wohlordnende, fleißige, nützliche Biene. Leben Sie wohl. Zweiter Brief. Ich merkte es wohl, daß Ihre ersten Zweifel die Saite treffen würden, die Sie auch während Ihres Aufenthalts auf Akademien zuweilen berührten, nehmlich, daß Ihnen das Lesen der Bibel so gestört und entweiht sey. Sie können den kritischen Blick nicht loswerden, zu dem sich Einmal Ihr Auge gewöhnet: die Bücher des A. T. dringen sich Ihnen unvermerkt als alte, vielleicht unvollständige, unkritischgeordncte oder gar verstümmelte, dem größten Theil nach poetische Reste des Morgenlandes auf, an denen wir immer noch zu flicken und auszubef- sern hatten oder die wir nicht dichterisch und poetisch genug darzustellcn wüßten. Im N. T. gehe cs Ihnen fast noch übler. Der kritische Gesichts- 2>4 Briefe punkt bei den Büchern desselben mache sie beinah zu kahlen Stoppeln und Ueberbleibseln der Ernte von falschen Evangelien und Schriften der Idioten, die die erste Kirche überdeckt hatten. Sie wissen nicht genug zu sagen, wie sehr der Eindruck Ihren Geist verwirre und Ihr Herz zerreiße. Sie wollen manche kritische Gelehrsamkeit Ihrer Hefte aufgeben und wünschen sich dagegen die Unschuld, die Reinheit und Einfalt wieder, mit welcher Sie in Ihrer Kindheit Mosen und Hiob, die Psalmen und die Propheten, Johannes und Christus lasen. Fühlen Sie ganz, m. Fr., den Mangel Ihrer Seele und machen sich denselben nicht leicht; fassen > Sie aber auch Herz, alle Schiefheiten zu überwin- ^ den, Berg und Thal zu ebnen, und wieder zu dem geraden Sinn zu gelangen, der Sie in Ihrer Jugend einst beglückte und ohne den wir nie glücklich werden können. Kein Buch in der Welt liest sich gut ohne innere Lust und Freude. Wer den Homer nur kritisch, als Pedant oder Schulmeister liest, licSt ihn gewiß schlecht und wird nicht, was er in ! sich hat, empfinden; geschweige wer ein morqenlan- discheS Buch, das zur Kritik nicht geschrieben ist, wer Gottes Wort so liefet. Wie ein Kind die Stimme seines Vaters, wie der Geliebte die Stimme seiner Braut, so hören Sie Gottes Stimme in der Schrift und vernehmen den Laut der Ewigkeit, der in ihr tönet. Ich gebe Ihnen einige Rathschlage an die Hand, die ich bewahrt gesunden habe, da ich auch an dieser Krankheit lag und mir das Wort Gottes, wie Sie sich stark und wahr ausdrücken, in der Hand der Kritik vorkam, wie eine ausge- an Theophron. 21S drückte Citrone; Gottlob! cs ist mir jetzt wieder eine Frucht, die auf ihrem Lebensbaum blühet. Zuerst. Lesen Sie die Bibel nicht vermischt, sondern in einzelnen Büchern, in denen Sie eine Zeitlang, die besten Stunden des Tages, gleichsam ganz leben. Wahlen Sie darzu die heitersten, etwa die Morgenstunden, und trinken tief, soviel möglich jetzo ohne Kritik, den Geist des Autors. Vermeiden Sic, so viel Sie können, die schönen neuen holprige» Uebersctzungen, zumal in Jamben, oder in noch künstlicher» Sylbcnmaassen, die meistens den Sinn und Geist des Originals rein wegnehmen. Hören Sie bei poetischen Büchern den einfältigen wiederholenden Chorgesang: bei historischen Schriften gehen Sie gleichfalls zurück in die Kindheit der Welt, in die Armuth und Dürftigkeit ihrer Verfasser. In dieser armen Hütte wohnt Gott: zu dieser Kindheit spricht ihr Vater. Zweitens. Suchen Sie doch ja nicht in diesen Büchern Kunst, Schminke, erbettelte Schönheit, sondern Wahrheit, Empfindung, Einfalt, und erinnern Sie sich hierbei an viele meiner Briefe. So manchmal Sie mich damals nicht begreifen konnten und mir widersprachen; so sehr werden Sies jetzt, und für diese Wahrheit und Einfalt Gott preisen. Die höchste Natur ist immer Poesie: die tiefste Empfindung spricht immer erhaben. Die Wilden verstehen sich alle bei ihren starken fortreißcnden Bildern, und die Leidenschaft braucht keine Poetik, sich, wie sic ist, darzustellen und zu schildern. Oft, wenn Ihnen Bilder dieser Art fern zu liegen und weil hcrgeholt scheinen: so erinnern Sie sich, es ist 2l6 Briefe ein altes, morgenländisches Buch, das Sie lesen. Diese Leute hatten einen andern Gesichtskreis, eine andere Sprache, als wir; was uns fern dünkt, konnte ihrem Herzen und ihrer Einbildungskraft am nächsten liegen. Ein Gequälter spricht und seufzet noch immer, wie Hieb seufzet, wenn auch nicht in dem Fortgange von Bildern und hoher Sprache. Mögen cs Eindrücke meiner Kindheit seyn oder ein Traum der Gewohnheit, die frappantesten Stellen in der Bibel dünken mir von der höchsten und zugleich so einfachen Natur zu seyn, daß ich aus aller Welt nichts an ihre Stelle zu setzen wünschte. Wenn ich da in gelehrten Commentaren und Paraphrasen oder gar auf der Kanzel viel von Bildersprache und Bildersprache sprechen höre, die man in unser gutes, reinverständliches, d. i. metaphysisches, abstraktes , und verständliches Deutsch übersetzen müsse: so weiß ich oft nicht, wo ich hin soll. Jene Sprache versteht alle Welt, weil sie die Sprache des menschlichen Herzens ist; diese Sprache versteht Niemand. Drittens. Um sich in die Einfalt, Stärke und Würde der Schrift zu erheben, nehmen Sie bisweilen einen der altern Eommentare zur Hand, insonderheit aus dem Jahrhundert der Reformation. Nicht eben um in jeder Stelle alles das zu finden, was damals eine jede der Neligionspartheien in sie legte: denn bei dem damaligen Feuer des Streits traf eine jede derselben ihr System an, wo sies nur antreffcn wollte; sondern weil man damals noch Sachen im Worte Gottes suchte, nicht blos Syl- ben und etwa den literarischen Sinn in der dürf- an Theophron. 217 tigsten Ansicht. Es steht Ihnen frei, hinweg zu thun, was Sie fremde und ungehörig finden; aber die Wahrheit verkündende, herzliche Manier der Commentakorcn machen Sie sich zu eigen, und wenn nicht mehr, so stehen die gemeiniglich größer gedruckten Worte des biblischen Texts unter den kleinern Buchstaben des Commcntars da, wie Pal- laste unter Hütten, wie Riesen unter den Zwergen. Das ozoposita juxtu ss xositu kommt da Ihrem Auge und Gcmüth zu Hülfe, und es entwickeln sich Gedanken Ihrer Seele, die oft weit genug von dem oft nur einseitigen, zeikmäßigen und individuellen Commentar abgehen. Der Paraphrasen aber entwöhnen Sie sich gänzlich. Viertens. Insonderheit lassen Sie sich durch alles Flittergold, das man neuerer Zeit den biblischen Poesien anhcftet, nichts von dem, was Gang der Geschichte, historische Wahrheit oder gar göttliche Offenbarung Ist, rauben ; sonst haben Sie nichts gewonnen und alles verlohrcn. Die jungen Poeta- sters, die einer christlichen Gemeine nichts als ein Füllhorn poetischer Blumen am Wort Gottes vor- zuhaltcn wissen, sind arme Tröpfe, und verlieren Sie für sich die innere Ueberzeugung, daß Sie an allen Anstalten Gottes ein Gebäude zur Erlösung der Welt und zur Veredlung menschlicher Seelen haben, was hülfe Ihnen die bunteste persische Tapete ? Wird alle Sprache Gottes, werden alle Erscheinungen und Wunder, die erhabensten Charaktere der Menschheit, die reichsten Weissagungen und schönsten Aussichten für unfern Geist in poetischen Schaum und willkührliche, wenigstens abgelebte Briefe 2lö Dichtung aufgelöst: so wünschte ich, daß Sic dafür lieber Griechen und Römer lesen. Deren ihre Poesie ist unstreitig runder, und die Kunst an derselben bestimmter; die heiligen Dadalus-Säulen des Orients sind dagegen roh Werk, wenn man nahmlich nichts als Menschenwerk in ihnen zu suchen Lust hat. Ich muß mich über den letzten Punkt mehr erklären : denn hier liegt der Leichnam. Die ältesten Stücke der Bibel sind unstreitig in der Ursprache der Menschheit, d. i. in Bildern, in der Sprache der Leidenschaft lind der Anschauung beschrieben: cs wäre nicht gut, weder so rührend noch so urkundlich treu und sicher, wenn sie anders beschrieben wären. Also muß man sie auch in dieser lesen und fühlen; ja alles zu Hüls' nehmen, was uns in den Ton derselben bringt, wie ich Ihnen früher oft gezeigt habe. Aber wenn cs nun auch Poesie sepn soll, baß Gott die Welt, daß er Menschen im Paradiese geschaffen, daß diese sich durch den ersten kindlichen Ungehorsam daraus entfernt, daß er selbst oder durch Engel den Menschen erschienen sey und ihre Erziehung und Bildung von früh auf fortleitend geführt habe: wenn cs poetischer Styl seyn soll, daß er Abraham erschienen, daß Sodom und Gomorrha untcrgegangen sind, daß er Mosen erweckt und die Israeliten durchs Meer geführet, daß er auf Sinai sein Gesetz gegeben und durch die Propheten geredet habe: m. Fr., wenn dem so ist, verwünsche ich diese ganze Poesie und wünschte mir an ihrer Stelle die nacktste, trockenste Geschichte. So wüßte ich doch, was geschehen und wie es ge- an Theophron. 219 schehen sey? jetzt weiß ich, wenn die Hypothese gelten soll, nichts rechtes mehr. Lesen Sie einmal die hundert Hypothesen, mit denen man an der Geschichte des Falls, der Sündfluth, Bileams schraubet. Lesen sie einmal die neuesten Offenbarungen, der Walisisch, der den Jonas verschlang, sey ein Schiff gewesen, das Walisisch geheißen, und von Gott gesandt, wie der König von England die Schwalbe oder den Pelikan ausschickt; Elias sey nichts als vom Donner erschlagen; Elisa habe das Eisen schwimmend gemacht, d. i. er habe cs durch rin Stück Holz vom Grunde heraufgeholet, er habe die Koloquintcn eßbar gemacht, dadurch, daß er Mehl dazu gerühret, weil das Mehl die Koloquinten sehr eßbar mache; Bileam sey selbst die Eselin gewesen, mit der er den Dialog gehalten: „wie „kommts, daß meine alte Eselin plötzlich so scheu „wird? mag sie sich nicht etwa gar cinbilden, einen „Engel Gottes zu sehen?" u. dgl. unstatthaftes kindisches Gewäsch mehr, wogegen man sich gern die Harktischen Hypothesen, daß Jonas im Wirlhshause, zum Wallfisch genannt, übernachtet, wieder zurückwünschte: lesen Sie diese Dinge, die von Messe zu Messe Parade machen, Sic werden gern wieder in die Einfalt zurückkehren, mit der Sie i» Ihrer Kindheit diese Geschichten lasen und an keine Poesie dachten. Lesen Sie die meisten neuen geschraubten Uebersetzungen des A. und N- T., die aus Stelzen gehen und ordentlich nicht wissen, wie hoch sie ihre Füße setzen sollen: Sie werden gern zur alten simpeln Uebersetzung Luthers zurückkehren. Das ist leider! das Loos der Menschheit: man übertreibt alle, auch die besten Sachen 220 Briefe und Hypothesen; und eben dadurch, daß man übertreibt und zu beiden Seiten ausschwcift, findet man endlich die glückliche Mitte der Wahrheit. Wahrlich cs ist ein feiner Faden, der die Bibel A. und N. T. insonderheit an denen Stellen durchgeht, in denen sich Bild und That, Geschichte und Poesie mischet! Grobe Hände können ihn selten verfolgen, noch weniger entwickeln, ohne ihn zu zerreisscn und zu verwirren, ohne entweder der Poesie oder der Geschichte wehe zu thun, die sich in ihm zu einem Ganzen spinnet. Die Geschichte der Ausleger, insonderheit des A. T., beweiset dies genugsam, wie eS auch schon Hieronymus und Erasmus erkannt haben. Da heißt cs recht: auslegen gehört Gott zu, oder dem Mann, auf dem der Geist der Götter, der Genius alter Zeiten und gleichsam der Kindheit des Menschengeschlechts ruhet. Kommen Leute dazu, die von ihm nichts wissen, denen nichts fremder ist als poetisches Gefühl, insonderheit des Morgenlandes; und wenn sic die größestcn Dogmatiker und Kritiker von der Welt wären, die Pflanze entfärbt sich von ihrem Anhauch, sie verwelkt unter ihren Händen. Sie sehen selbst, m. Fr. , daß ich Ihnen im kurzen Raume dieses Briefes keine Anweisung geben kann, wie dieser Faden biblischer Poesie und Auslegung zu verfolgen ist. Alles kommt auf Lokalumstände, auf Zeit, Ort, Zusammenhang, Absicht und Genius des Schriftstellers, und am meisten auf den inneren guten Sinn dessen >nn, der da liefet. Das Lesen morgenländischcr Poesien und Reiscbcschreibungen , das Lesen andrer Dichter üher- an Theophron. 221. Haupt, erweckt den Sinn, wo er da ist; wo ec nicht ist, kann er nicht erweckt werden, und eS wäre besser, manche Personen hatten keinen Dichter und keine Reisebeschreibung gelesen. Ich gebe Ihnen einige wenige Proben und Merkmale, die Sie in Entwicklung dieses freien Gewebes weiter verfolgen werden.*) — Sie wünschen eine Ausgabe der Bibel zu haben, in der jedes Buch und jedes Stück eines Buches ohne Kapitel und Versabtheilung in sein ursprüngliches Licht gesetzt, Poesie und Geschichte sorgfältig abgetrennt, und auch wo ihre Farben zusam- menstiessen, diese durch den Druck oder durch kurze Anmerkungen richtig unterschieden waren. Ich wünsche es auch, und noch mehr, ich muß Ihnen sagen, daß ich seit Jahren schon mit diesen Gedanken umgegangcn bin, und, wenn nicht, wie ich schwerlich glaube, durch den Druck und für die Welt, ich wenigstens für mich und meine Freunde, sie nicht als Bibel, sondern als Sammlung alter *) Von hier an exegesirt der Verfasser eine Reihe biblischer Poesien oder poetisch erzählter Geschichten, von Lamcchs Lied, Heuochs Hinnahme, dem Lhurmbau zu Babel, dem Stillstand der Sonne auf Josua Befehl u. a. Da aber diese alle in dem später erschienenen Geist der ebräischen Poesie ausführlicher Vorkommen, so bleiben sie hier, zur Ersparung des Raums, füglich weg ; nicht aber der Entwurf dieses Werkes, wie ec ihn damals (1782) vor hatte, doch nicht ganz aussührte. A n m. d, H er ausg. 222 Briefe Schriften also zu übersetzen und zu vollenden wünsche. Zum Voraus aber gehört ein Werk dazu, das ich Ihnen näher beschreiben muß, weil es thcils Ihre Zweifel sehr auflöst, theils Sie überhaupt auf eine Bahn lenket, die es Ihnen nie gereuen wird, betreten zu haben. Dies Werk nahmlich handelte: von der Poesie der Ebracr, und würde sich mit dem großen und sehr verdienten Lowth nur wenig begegnen, wie Sie aus der nähern Anzeige selbst cinsehen werden. Auförderst gienge eine Untersuchung über die Sprache der Ebräer voraus: was in ihrem Bau und Gebrauch,vor andern poetisch sey? woher es so sey? und was falsch hineingetragen werde? Dies wäre eine Philosophie nicht blos über ihre simple Form und Grammatik, sondern auch über die reichen Fundgruben und Originss der Sprache, dazu wir schöne Vorarbeiten haben. Denn ich muß Ihnen nur sagen, daß ich gar nicht von der Meinung bin, daß die cbräische Sprache zu heiligem und poetischem Gebrauch so arm gewesen, als man gemeiniglich annimmt. Sie war nach den wenigen Büchern, über so wenige Gegenstände, die wir haben, reich, sehr reich. Ihre Fundgruben sind reich und voll tönenden Metalls: alles in der Sprache ist Verbum, und alles was Verbum ist, mahlt, handelt, tönt und lebet. Man glaubt lauter Chor und Rhythmus zu hören, so wie man in der Form und Beugung lauter Bilder und Hieroglyphen flehet. Wüßten wir noch etwas von ihrem Ton, von dem lebendigen Rhythmus der Accente, die auf ein sinnliches Volk so lebhaft wirken/ weil sie vom an Theophron. 223 Tanz oder von den Gebehrdcn unterstützt werden, die die Stelle aller unsrer fcinern und stummer» Unterscheidungszeichen vertreten; giengen wir nur nicht meistens durch eine so überfeine künstliche Grammatik, die ihrem ursprünglichen Bau oft sehr fremde und ein junges rabbinischcs Machwerk ist, zur Sprache; wie anders würde uns von Jugend ans alles werden! Wüßten wir uns nun überdem von unsrer Denkart voll Beschaffenheiten und Abstraktionen zu entfernen, und in die Fülle jener Sinnlichkeit, jenes Lebens voll Anschauung und Leidenschaft zu wandern: wie anders würde sich Ohr und Geist zu einem sogenannten Hcbraismus, der damals nichts als Ausdruck der vollen Natur war, gewöhnen! welch ein poetisches Wörterbuch, wie eine acht philosophische Grammatik und Poetik würde sich unsre Seele zu ihr schaffen! Sie sind noch jung, m. Fr., und haben Belesenheit, Genie und Fleiß genug, helfen Sie mir zu diesem Geschäfte. Das zweite Pcolegomenon wäre eine Art poetischer Kosmologie aus den Urbegriffen der Ebräer, sofern sie in ihren ältesten Urkunden, ihrer Sprache oder in der Sprache und Vorstellungsart verwandter Nationen liegen: denn es ist ausgemacht, daß in dieser Fundgrube von Begriffen, was ein Volk von Gott, der Welt, der Schöpfung, der Menschheit und ferner nach seiner Sprache und ältesten Traditionen denket, der Stoff liegt zu seiner ganzen poetischen Form und Weisheit. Nun ists eben so ausgemacht, daß viele dieser herrlichen Ideen dem Volk Israel nicht ausschließcnd eigen sind, sondern durch mehrere verwandte Völker und Dialekte 224 Briese laufen, wie ich zur Probe dessen das Buch Hiob und die arabische Sprache anführe. Aus viele solcher alten Grund- und Urideen baucte noch Maho- med bei seiner Nation fort und schmückte sie aus in seinem Koran. Diese würde ich, auch bei Mehrern Völkern, vergleichen, untersuchen, welche Vor- stellungsarten aus den ersten Kapiteln Moses am reichsten fortgegangen? welche durch die mosaische Gesetzgebung und die feinere Geschichte abgebogcn und minder urbar gemacht sind? woher sie so nach- geblicben? womit sie etwa ersetzt sind? u. f. Hiernach käme die dritte Vorbereitung, die eigentlichen Geschlechts-Nachrichten dieses Volks von Abraham bis zu Moses. Ich würde untersuchen, was zu der sonderbaren Auszeichnung dieses Volks Gelegenheit gegeben? was die Ideen von dem Bunde, den Gott mit den Vätern gemacht, von ihrer Lebensart, Reisen, Schicksalen, Segenssprüchen, Verheissungen u. f. khcils auf Mosen, theils späterhin auf Dichter und Propheten gewirkt haben. Hieher käme die Entwicklung des Segens Jacobs und die ganze Gestalt von Hirtenpoesie, die die Sprache und Dichtkunst dieses Volks früh angenommen und nie verlohren hat. Vergleichung mit andern, insonderheit morgenlandi- schen, Völkern lhut auch hier das Beste, und die Einleitung des Sale zu seinem Koran und das mancherlei Gute, womit Homer, Ossian, und die Dichtkunst andrer Völker cingeleitet ist, mögen hier zur Probe dienen. Nächstens rede ich Ihnen vom Werk selbst und beginne alsdann sogleich mit Gottes erhabnem Knechte Moses. Drit- SN Thcophron. 32S Dritter Brief. In einem Buche von der Poesie der Eb- racr kommt Moses als Dichter, als Gesetzgeber und als Heid in Betrachtung; in diesem dreifachen Charakter hat er auf den Geist seines Volks gewirket. Sein Gesang am rolhen Meere ist der Vorklang aller israelitischen Siegslieder, sein Lied am Ende des Lebens das Vorbild, ja ich möchte sagen die poetische Summe aller Propheten Israels, im Ton und Anklange, in seinem Inhalt, in seiner Hauptwendung. Sehen Sie nur den Anfang Jesaias, des erhabensten der Propheten : warum ist dieses Stück vorausgesetzt, als, weil es wie Moses Lied anfangt, und gleichsam das Kreditiv des Propheten ist? Segen und Fluch, Drohung und Verheißung, kurz Garizim und Ebal sind der Inhalt aller Propheten, und wenn MoscS der Verfasser des Zoten Psalms ist, so hat er das Muster göttlicher Weisheit im stillen Blick über das menschliche Leben gegeben, dem auch die Weisheit der Propheten nachstrcbtc. Als Gesetzgeber wirkte Moses auf den Geist seines Volks mit Riesenstarke. Daß er sie zum Acker- und Hirtenvolk machte, und, soviel cs sepn konnte, Handel und Eroberung ausschloß: daß er Theokratie, Tempel, Priesterthum unter ihnen gründete und Israel zum Volk Gottes zu machen suchte: daß er endlich das Herders Werk« z. Rel. u. Theot. X. P Briefe 226 Recht des Propheten festsetzte, und neben den Priestern, ja selbst unter den Königen auf sie als Orakel Gottes, als Netter des Staats wies; dies Alles hat den Gang der Poesie unter den Ebräern ziemlich geleitet. Land- und hirtenmäßig ist ihre Poesie dem größcsten Theile nach. Ländlich sind ibre Bilder, im Hirten- und Ackerleben der größeste Ncichldum ihrer Sprocke (ich nehme die Sprache des Heiligihums aus) selbst die Siegeslieder der Hebräer sind ursprünglich landmäßig, und die Propheten dem größten Theile nach noch Mehr. Diese Sproße ist bei den Ebräern hoch hinaufqeblühel, wie viele Psalmen und das Hohelied , ja das Siegslicd der Deborah selbst bezeugen. Es müßte sehr angenehm und aufklärend sepn, diesen Geist der ebräischen Land - und Hirtenpoesie durch die verschiedensten Schriften des A. T. zu verfolgen. Aber noch schöner, daß sich der Palmzweig des Heiligthums mir dem friedlichen Oelzweige der Landpoesie zusammenschlang: heilig ward ihre Poesie, eine Jehevah- Opfer- und Tempel- poesie bis auf Gleichnisse, bis auf die gemeinsten Bilder. Bis zur Verwundrung groß ist der Neichlbum der Sprache an Ausdrücken dieser Gegenstände ; und es kommt nun auf treue Untersuchung an, welche Vorstellungsarten unter dem Volk herrschend zu machen, es dem Moses gelungen? welche andre er verdrängen wollte? wie weit er sie verdränget habe ? u. f. Hier wird von I e h 0 v a h, seinem Gesetz, Tempel, Opfern, dem heiligen Lande, seiner Providenz, Engeln, dem Scheol die Rede: wie weit sein religiöser und politischer Entwurf je zur Ausführung gekommen? wie an T h e o p h r o w. 227 weit ihn einzelne Propheten befolgt und erneuert haben? Die Existenz der Propheten im Volk nach Moses Gesetz bekommt hier ihre große Stelle: dies Gesetz rief sie auf, schrankte sie ein und gab ihren Gottes-Orakeln Zweck, Geist und Lebe». Endlich die Geschichte der Thaten Moses. Sie sehen, m. Fr., wo ich hinaus will, und ich darf mich nicht weitlauftig über alle Zeiten erklären. Von welchen Bildern und hohen Gedanken diese Geschichte eine Quelle gewesen? was für Vorstellungsarten sie von andern benachbarten Völkern und Gegenden, z. E. Aegypten, Sinai, Arabien, Moab, Midia, Amalek, veranlaßt habe? Diese Geschichte durch die Zeiten Josua, der Richter, Samuels verfolgt und mit Jvthams Fabel geschmückt, mit der Debvrah Siegsgesange gekrönet, kommen wir zu den Prcphetenschulen, die Samuel anlegte, der aber selbst nicht Dichter war, und endlich zur zweiten Blüthe der ebraischen Poesie, David und Salomo mit ihren unverwclklichen Psalmen, Sprüchen, Weisheits- und Hirtenliedern. Fürchten Sie nicht, daß ich hier so weitlauftig seyn werde, wie bei MoseS: der Boden ist zubereitet und nun kann, was darauf wachsen will, sprossen und wachsen. Hier ist ein schöner Garten morgenländi- scher Dichtkunst: nur muß ec nationell, zeit- mäßig, und hie und da gar individuell betrachtet werden: sonst verwüstet man ihn, statt ihn zu genießen und anzubauen. Daß bei beiden Königen sowohl ihre Thaten und Anstalten als ihre Poesien selbst in Betracht kommen, und überhaupt beruhet das Interessanteste dieser Periode auf der P 3 228 riefe Darstellung schöner oder auf der Erklärung dunkler Stellen ihrer Schriften; wo noch hie und da die Arbeit sehr belohnet. Und so kamen wir aus die dritte Periode, die Zeit Hi Skia und der P rophetcn. Hier kommt der große Jcsaias ins Licht, auch mit der Wirkung, die er auf die folgenden gelhan hat. Jeder Prophet würde in seinem Kreis, auf seine Vorbilder, Zcitumstande, Zwecke, Folgen zurückgcführt, keinem etwas Hinzugclogen, was er nicht bedarf, keinem etwas auS einer jüngern oder gar aus unsrer Zeit angedichtet, was ihm fremd ist. Auch im sinnlichen Kreise seiner Aussichten und seiner Zukunft wird keiner gestört und etwa mit geistigen Ideen, mit Metaphysik überhäufet; der Gang Gottes wird schlicht hinab verfolgt, wie Ec selbst die Zeiten ordnete, dis Geister weckte, die Welt in diesem neuen Kreise allmählich aufklarte, aber immer auf seiner Hoffnung, in seinem Trost befestigte, stärkte. Sie merken leicht, m. Fr., daß Moses, David und Jesalas die Hauplformen seyn, auf die das Meiste hier zurückkommt, und die ich insonderheit wohl ausgcbildet wünschte. — Um Sie bei meinem großen Plan, der vielleicht immer Plan bleiben wird, nicht darben lassen , will ich einige Folgen daraus ziehen, die Ihre Zweifel über das Unsittliche undWilde mancher cb ratschen Poesien angehn, und wie ich hoffe, zur Ruhe legen. r) Der Ausdruck der Poesie geht mit den Zeiten, den Sitten, der Denkart der Nation Eines Weges. Die Beschreibung muß an Theophron. 22g der Tbat selbst entsprechen: der Ausdruck richtet sich jedesmal nach der Innern Empfindung. Da nun die Sitten aller Nationen oder auch die Sitten Einer Nation in vcrschiednin Zeitaltern einander nicht gleich scyn können: so wäre eS ungereimt, von den furchtsamen Hirtenvätern blutige Kriegs- liedcr, und von einem umhcrirrendcn, verwilderten Wolke Gesänge des Hofs zu fordern. Zeiten des Kriegs bringen andre Gesänge hervor als Zeiten des Friedens; und der Gesang der Heldin Deborah kann nicht klingen wie der 23stc Psalm, oder wie das Hohelied SalomoniS. 2) Noch behutsamer muß man scyn, alte Nationen über ihren Grad deS Wohlstandes und der gemeinen Moral nicht nach unsrer Zeit zu richten: denn sie haben ja nicht zu unsrer Zeit gelcbet und beides sind die feinsten Blüthen und Resultate von den Verhältnissen der Zeitumstände. Griechen und Römer haben so viel Unanständiges, als es die Ebraer nicht haben; bei ihnen legt manS zurecht und verhüllets, hier deckt maus auf und vcrspotteks. Wer von einem morgcnlandifchcn Volke die Sitten des Abendlandes, und von Amos dem Kuhhirten oder von Ezechiel in der Gefangenschaft die Feinheit an Ausdruck fordern will, die in der Geschichte der Urwelt oder in den Salomonischen Schriften, zumal im Hohenliedc herrschet, der weiß nicht, was er fordert. Die Schriften waren nicht aus der Zeit, von dem Volk, von den B.rfassern, wenn sie sich alle gleich oder allefammt wie das üussahcn, was wir jährlich zur Messe tragen. 3 ) Ueberall also muß man auf individuelle » 3 « Briefe und Zcitum stände sehen, unter denen etwas zum Vorschein kam und ja nicht Alles in Alles mischen und werfen. Abrahams Furchtsamkeit in Aegypten gehört so gut an Ort und Stelle, als Simsons Kühnheit. Moses Gesetzgebung war so vcrhaltnißmäßig und relativguk, als jede gute Gesetz, gebung seyn muß und nicht anders als also scyn kann: sie paßt nicht auf jedes andre Volk in der blinden Menge, das sagt Christus selber: Um eures Herzens Hurtigkeit willen hat euch Moses solche Gesetze gegeben; wäret ihr qe. scheutec, zarter, williger gewesen, ihr hattet andre empfangen, denn auch die euren habt ihr ja nicht gehalten. Das sagt Christus, und was würde er sagen, wenn er uns an diesen Gesetzen hangend und in seinen Christenqemejnen Davids Fluchpsnlmen noch hersingcnd besuchte? Wo sind eure Jebusitcr, eure Philister und Königsseinde, die ihr verflucht? und wie getraut ihr euch, das mir in den Mund zu legen, der selbst, wenn er gescholten ward, nie wiedcrschalt und fluchte? Lasset einem bedrängten, heftigen König, dem Thron und Leben sauer genug ward, seinem Herzen Lust machen , und ihn in seinem Kreise, im Drange seiner Noch, fluchen, beten, hoffen, wünschen, wie ers für gut findet; wer seyd ihr aber, daß ihr, ganz außer seinen Umstanden, außer seiner Welt von Empfindungen, ihm die Worte nachplerret, und damit nicht nur die Heiligkeit eurer Andacht störet, sondern gar meine Person lästert? Aus allen Zeiten Und Sitten sollt ihr lernen, dazu find sie euch und zwar so treu vorgezcichnet; lernt ihr aber daraus, wenn ihr sie nachdem? an Lheophron. 2?r Der größeste Mißbrauch von 'Allem ist, wann ma» Gott zuschreibt, was in dar Bibel gethan und erzählt wird, sollte cs auch Satan in ihr thun oder erzählen; es sticht ja, sagt man, in der Bibel. Dieser Mißbrauch wird wirklich zum Unsinn, und doch begeht man ihn öfter, als man denket. Weil David ein Mann nach dein .herze» Gottes, d. i. ein in seinen meisten Handlungen und Absichten redlicher und sehr löblicher Fürst heißt, so muß er Alles im Namen Gones gethan, so muß auch Gott durch ihn die Sünden mir UriaS und Vmb- seba gethan haben, über die der Schuldige so hart büßen mußte! WaS fehlte Verdrehungen solcher Art zur Gotteslästerung, wenn sie nicht offenbar ungereimt ins Auge sielen? Im Blich Gottes, der Bibel, steht alles beschrieben, wie im Buch Gottes, der Natur, zwischen Erd und Himmel, allerlei, Gutes und Böses, enthalten ist. Annalen müssen treu beschrieben werden, und dieses sind Annalen der Menschheit. O, mein Freund, wenn Sie die Bibel mit menschlichem Blick und Herzen durchgehn, wenn Sie auch den Faden der Entwicklung GottcS nach Zeiten, Lebensart, Personen, Sitten verfolgen, welche Wahrheit werden Sie finden! und bei allein Wunderbaren mancher Geschichte welche aufdringende Wahrheit! Hier ist kein wunderbares Gemi ch von Fabeln und Dichtungen, wie in andern alten, zumal Morgenländer-Sagen. Wie simpel ist die Erzählung von den ersten Zeiten der Welt bis auf die Patriarchen, wo doch nach der Art aller andern Nationen di« kühnsten Lügen und Wundergeschichtcn Briefe stehn sollten! Hier ist nichts dergleichen, ja zu mancher jener ungeheuren Traditionen, wie z. E. von Niesen, Himmelsstürmcrn n. dgl. finden wir hier den bescheidnen so natürlichen Aufschluß. Die Art, wie Gott mit den Menschen in diesem Zeitraum umgeht, kann nicht natürlicher gedacht werden; aller Prunk, alles leere Blendwerk ist so entfernt von der Erzählung, daß ja nicht einmal gesagt wird: wie Gott erschienen sey? in welcher Gestalt er zu den Menschen geredet habe? Ein gleiches ists mit der stmpcln, so hirtenmaßigen Er;ählung von den Patriarchen. Nichts wird verschönert, nichts übertrieben: auch das Wunderbare wird so natürlich, daß man in ihrem Zelt, bei ihren Hütten und Heerden selbst sitzen und Engel erwarten möchte. Wie ausgespart ist überall die Erscheinung! Abraham, der Water des Glaubens, genießet sie oft: er zieht als Fremdling umher, und mit ihm sollte der Grund des Bundes und der Verheißung gelegt werden. Dem Isaak erscheint das Gesicht seltner, nur bei dem Altar seiner Opferung: er muß gleichsam auf den Glauben seines Vaters bauen und von ihm leben; dem Jacob nur in der Nacht, nur im Traume. Ihr Zutrauen indeß zu dem Engel Gottes, der sie begleitete, ist unerschütterlich, wird ihnen gleichsam natürlich : cs ist schlichter Glaube ihrer Lebens- und Jugcnderfahrung. Bei der Geschichte Moses fängt das höhere Wunderbare an; diese Geschichte war aber auch Grund der ganzen Gesetzgebung, die auf Zeiten und Jahrhunderte hinab feierlich gemacht werden sollte. Nur durch solche Mittel konnte dem harten ungebildeten Volk Auge und Ohr gleichsam mit Gewalt geöffnet wer- an Theophron. 2Zr den. Die ägyptischen Wunder und Plagen richten sich genau nach den Begriffen des Aegypterlandcs » das seiner Gesetzgebung, seinem Klima und Aberglauben nach in einer Nacht von Wunderkünsten seiner Zauberer lebte. Die Ausführung aus der Knechtschaft und die Reise durchs Meer sollte so wunderbar und außerordentlich sepn, damit es eine eigentliche Loskausung wäre, und Israel seinem Gott und Herren gleichsam leibeigen zugehörte. Sie wurden aus dem Glutofen der Sklaverei errettet, wie sie sich selbst nicht erretten konnten: im Meer wurden sie, wie Paulus kräftig und scharfsinnig sagt, auf Mosen getauft: in der Wüste als Kinder ernährt, damit Israel Gott als sein Erstgeborner , verirrter und wiedergefundncr Sohn diente. Moses hat alle diese Umstande in seinem fünften Buch, zumal in seinem herrlichen letzten Liede, so treu erklärt, so erhaben und andringend genutzt, daß man sieht, auch bier ist nichts verschönert, nichts durch die spatere Fama vergrößert worden. Alles muß zur Zeit Moses ausgeschrieben seyn, denn seine Gesetze, seine Reden beziehen sich darauf und wickeln sich gleichsam in die Geschichte ein. Die gröbsten Fehler und Ausschweifungen des Volks sind mit ausgeschrieben, sic werden dem Volke so oft ins Angesicht wiederholet , die wunderbaren Wohlthaten der Ausführung, der Gesetzgebung, des Manna, des Tranks immer dabei angeführt, daß es gar nicht denkbar ist, wie sie sich solche Sachen hundertmal ins Gesicht sagen kaffen, wenn sie nicht vor ihren Augen geschehen waren. Sie werden zu Tode gequält : sie sterben in der Wüste: Moses selbst stirbt auf das Bekenntnis! — o Freund, solche ganze 2 3 ^. Briefe Zeiträume von Geschichten und ihren unlaugbaren historischen Folgen lassen sich nicht erdenken: sie tragen auch bei allem Wunderbaren das Siegel der Wahrheit, des Orts, der Zeit, des Zwecks zu of. fenbar und urkundlich an sich. Wie die Ausführung aus Aepypten, so sollte auch der erste Eintritt ins Land, der Uebergang über den Jordan, die erste Eroberung wunderbar werden, fürs feige Volk ein Zeichen, daß Gott sie ins Land cinsühre, daß der Schall seiner Gegenwart die Feinde bezwingen werde, daß es aber auch nicht ihrer-, sondern um seines Heiligthums willen geschehe, wenn er ihnen diese Stätte gönnet. Nun aber, nach dieser ersten Versicherung schweigen auch alle Wunder. Ihr Arm muß für sie streiten , und sic selbst die Folgen ihrer zu baldigen Ruhe und Gemächlichkeit tragen. Späterhin werden ihnen Helden geweckt, aber auch Helden mit natürlichen Kräften: die Lade Gottes ersetzt ihnen ihre Schwachheit und Ohnmacht nicht. Sie bekommen Könige, und wie natürlich hier alles zu- gicng, mögen Sie z. E. in Schuppius Salomo oder Regentenspiegel lesen: ein Schriftsteller, der von Deutschland mit Unrecht vergessen und voll vollständiger vielfacher Bemerkungen ist. Nour est aoni- IN 6 LÜ62 norm, ist hier das Resultat der Geschichte. Der Staat blühte, sank, und versank mittelst sehr natürlicher Ursachen, und die Propheten konnten nichts als leider! die Ursachen zeigen. Wenn ein Wundermann wie Elias oder Elisa dazwischentritt, wie ausgezeichnet ist seine Erscheinung! wie genau in die Zeit, die Umstände, unter die Könige und zu den Zwecken, die sie selbst angebcn, gehörig! Cs waren die letzten himmlischen Stim- an T h e o p h r o n. 2S5 men, ein vcrsunknes Volk zu retten: Baals Reich war im höchsten Flor: das Land im größten Druck von innen und außen: der völlige Ruin nahte: konnte noch etwas König und Volk vom Verderben zurückhalten, so mußte cs die Macht Elias seyn, aber auch diese war jetzt ohnmächtig. Er ward verfolgt, war seines Lebens überdrüssig und Gott nahm ihn zu sich; wie auch die Offenbarung diesen Zweck seiner als eines letzten Zeugen in ihrem majestätischen Bilde darstellt. Der Ruin also beider Königreiche folgte, und o wie traurig-natürlich ist Alles bei diesem Ruin! sowohl bei der Gesangennchmung als Rückkunft von Babel. Da bauen sich keine Mauern auf den Klang der Harfe wieder! die Geschichte der Hohenpriester, der Maccabäer, der He- rodianer ist ja die natürlichste Geschichte der Erde. Nur Alles ist auch hier nationell erzählt, jede Begebenheit in der Farbe gezeichnet, die man an ihr sah und mit dem Namen Jchovah Glück und Unglück , Laster und Strafen, Lob und Tadel, Alles, Alles gebunden. Er verstockt Pharao und erweckt Simson: er läßt David das Volk zählen und straft ihn darüber; er heißt Simei fluchen und bezahlt ihm die Bosheit; wer flehet nicht, daß dies alles prophetisch - theokratischer Styl, Nationalkon , kurz die eigne Farbe der Begebenheiten sey, die auch zur Treue ihrer Darstellung gehöret. Doch ich weiß ja kein Ende, und wie viel hatte ich noch über die poetische Geschichte dieses Volks, über das Wunderbar-Natürliche in ihr, über den offenbaren Zweck Gottes bei und mit demselben zu sagen! Ein andermal. Leben Sic wohl und studircn mit Kindern sZ6 Briefe die Geschichte, so werden Sie überall ihren schonen Aufschluß finden. Vierter Brief. Was wollen Sie damit sagen, m. Fr., daß Gott unmoralische Dinge in der Bibel befohlen habe? Welches sind diese? Kann ein Mensch von so zartem Gemüth, wie Sie, eine» Siez, ein Opfer der Liebe, wie offenbar die Forderung an Abraham war, so verkennen, daß sie Ihnen Laster werde? Halte ihm Gott den einzigen, geliebtesten Sohn nicht lange versprochen, und endlich als das Ziel seines Verlangens, als den Grund des ganzen Bundes künftiger Verheißungen, kurz als ein eigentliches Freundfchafts- und Liebesgeschenk gegeben? Da er ihn nun von ihm forderte, was wacS anders, als Kampf der Liebe, ein Opfer der Freundschaft, das Gott dem Scheine nach forderte, um rs ihm nicht nur zu lasten (denn was wollte Gott mit dem Knaben?) sondern als den höchsten Sieg der Treue gegen ihn aufs reichlichste zu belohnen? Das ist ja so ganz in die Geschichte verwebt, daß ich beinahe nichts Frecheres und Menschlichkeitloseres kenne, als die Entwürfe der Deisten gegen diese Geschichte. Der Befehl Gottes gegen die Kananiter ist hart, aber steht geradezu da; er nun eine fürchterliche an T h e o p h r o n. L37 Ausnahme und laßt sich durch alle erbettelte politische Gründe nicht wegstreichen aus der Geschichte» Er ist ein harter Fall, wie hier ein Erdbeben, dort eine Wasser- und Hungersnot!,, eine Dürre, Krieg und Pestilenz, die auch in Gottes Reich, nach seinem Befehl und Zulassen geschehen und sich nicht wegraisonniren lassen von der Erde. Jene Eroberung geschah durch menschliche Hände; aber wie ungern gierigen diese daran! sie sündigten ja nicht in excs 8 su, sondern in äsksstu, und mußten selbst dafür büßen. Also sieht man, daß diese Reihe durchaus nicht in die Reihe blos menschlicher Begebenheiten gehört oder gar gehören soll, die sich durch ein altes Anrecht der Vater an ein Land, das sie vor Jahrhunderten selbst geräumt hatten, oder durch die Allernative, daß den Einwohnern ja noch die Beschneidung oder die Flucht möglich war, oder durch das harte Kciegsrecht der damaligen Zeit oder endlich gar durch die übermachten Sünden der Nation pur menschlich rechtfertigen liesse. Wehe dem Velk, das ein andres Volk austilgcn will, um seine Sünden zu strafen! Wehe dem Götzcnpric- sier, der ein Buch äs opiimo iinpsric» s. corir- msntarius in lidrurn lloouss als eine Politik für unsre Zeit schreiben wollte! Dazu steht das Factum nicht da! Dafür Habens die Israeliten selbst nicht angesehen. In seinem Kriegsrecht befahl Moses der grünen Bäume auch in Feindes Land zu schonen, und Menschen sollten nicht geschont werden? Dadurch, daß ein Fremdling wie Abraham einigemal das Land durchzieht, sollen seine Nachkommen das Recht erhalten, nachdem sie sich Jahrhunderte in ein ander Land gewandt, cs mit stürmender Hantz 233 Briefe zu erobern »nd keines Säuglings zu schonen? Nimmermehr! und Rechtfertigungen dieser Art, zu unsrer Zeit, wären eine Schande der Menschheit. Das harte Kriegsrecht der damaligen Zeit kann entschuldigen , nicht rechtfertigen: denn die Israeliten griffen an, und jene in ihren vermauerten Städten wohnten friedlich. Daß Moses die Abgötter seiner eignen Nation des Todes werth kielt, war eine andre Sache: dazu hatte er als Gesetzgeber Recht, aber über diese Völker war er nach menschlichem Rechte nicht Gesetzgeber. Ich raihe Ihnen also, daß Sie alle diese Bettclgründe, die eher die Sache verderben als gut machen, fahren lassen, und sich an das halten, was über die Begebenheit in der Schrift selbst gesagt wird. Sie wird als ein hartes Factum vorgestcllt und anbefohlen; ja das Volk muß dazu gezwungen werden, denn es will mit aller Gewalt zurück und lieber nach Aegypten. Sie wird von Gott angeordnet, nicht vergangne Sünden der Nation zu strafen (wie viel andre Sünder lebten damals auf der Erde!) sondern das Land von einer abgöttischen Nation frei zu machen, damit sein Heiligihum daselbst wohnen und dieses nicht durch jene verunreinigt werden möchte, wie ja, da Gottes Befehl nicht ganz in Erfüllung kam, so oft geschah. Ausstößen wollte er die Völker vor Israel her durch ein panisches Schrecken; er übernahm also selbst die Sache, und will sich zur Verantwortung fordern lassen, wie er sich über Pest und Erdbeben verantworten wird. Will er aber das Land nicht aus einmal auSraumen, damit cs Nicht zu voll von Thieren werde: giebt er in seinem Gesetz die zartesten Befehle über die Armen und an Theophron. 289 Fremdlinge, über Wittwen und Walsen, ja selbst über die Jungen der Vögel; wahrlich so wird cs dem Befcbishaber, der die Disposition nimmt, weder an Barmherzigkeit, noch an Ursachen des Verstandes gefehlt haben, so und nicht anders das Schicksal für jetzt zu ordnen. Gut, daß es uns nicht traf! daß wir weder die seyn dürfen, die dabei litten! noch die Hände, die eS ausführlen! offenbar sehen wir indeß, daß es Grund aller der Absichten war, die Gott mit und durch Israel ausführen wollte. Dies Land gehörte so sehr dazu, als seine Lage, und lesen Sie einmal, wie der Vers, des Buchs der Weisheit den Gütigen rechtfertigt, der diesmal so hart ist; es ist, dünkt mich, alles, was sich darüber sagen laßt. Es ist kaum zu laugnen, daß auch die Lage dieses Landes zu den Zwecken Gottes mit seinem Volk gehörte. Aus dem höher» Asien ries er den Abraham herab, und es hat alle Anzeigen des Al- tcrthums und der Naturkunde vor sich, daß sich daS Menschengeschlecht von der Höhe Asiens herab und seine Kultur ostwärts »och Westen verbreitet habe. Israel mußte in Aegypten n, und wie seine güldne Kleinode, so auch einige Schätze seiner Gesetzgebung und Einrichtung zum Raube erbeuten; nun bildete er sein Volk in der rauhen Wüste, nun pflanzte ers, wie Moses sagt, zwischen seine heiligen furchtbaren Berge: unfern vom Meere, aber nicht bis ans Meer, auch war ihm der eigene Handel untersagt: unfern von der Wüste, aber nicht in ihr, nur durch sie wie durch eine Mauer gesichert. Auf der andern Seite war Libanon dieser Zaun, und so war die Gegend, nach Moses unerfülltem Plan, rings umschlossen non Wüste, Meer und Gebirgen. Der wilde Weinstock ward in den Mittelpunkt der alten Welt, nah an die Küste verpflanzt, von der Griechenland kurz vorher die Buchstaben empfing, die User Europens und Afrika's Eolonien, und aus deren Thale die ganze Welt einst Weisheit und Religion empfangen sollte; denn gewiß das haben wir doch von diesem Volk empfangen, so verachtet uns auch sein Name seyn mag. Die Lehre des Einen Gottes hat dies Volk gegründet auf der Erde, und sie ist der Grund aller gesunden Theologie und Welkweisheit; Abgötterei und Götzendienst hat die klügsten Völker belhörl, und Jahrtausende hin in Lüsten, Sinnlichkeit und Abscheulichkeiten festgchallcn. Dies Volk hat die einfachsten und weisesten Nachrichten vom Ursprünge des Menschengeschlechts erhalten, und gleichsam auS der Nacht der Zeiten und den Trümmern der Völkerwanderung gerettet; es giebt uns die älteste Charte der Menschcnwohnungen und Erdcngcschlechter. Sein Moses wagte cs zuerst, eine metaphysische Lehre zur Grundsäule seines Staats zu machen, die Unsichtbarkeit, Einheit und höchste Güte des Schöpfers der Well für ein Volk zu nacionalisiren und diesem großen Gedanken alles unterzuordnen. Als Griechenland noch in der tiefsten Barbarei lag, wagte ers, einen Freistaat zu gründen, dessen Oberherc ein unsichtbares Wesen nur Opfer der Liebe, des Danks und der Reinigkeit verlangte, und seine Befehle durch Licht und Recht spräche: dessen Glieder brüderliche, von einander unabhängige Stamme und ihr genaues heiliges Band Religion, Ein Gott und an T h e o p h r o n. 24t und Ein Tempel wäre. Die Diener dieses Gottes und Königs machte er von allem Eigenthum los, vertheilte sie überall umher, daß sie mit Gottesfurcht, Gesetzen und Wissenschaften alles Volk be- rathen, allen Stämmen zu Hülfe kommen sollten. Einen irdischen König schloß er zwar aus; er sähe ihn aber vorher und gab auch ihm seine Schranken, sein Königs- und Kriegsrccht. Den Verfall in Sitten durch Priester sah er vorher; er gab ihnen aber die Propheten als ausserordentliche Stimmen, als äictutorss und csn8ois8 naoruiri zu Hülfe: und welch ein Volk in der Welt hat in so frühen Zeiten eine Reihe so mächtiger, so reiner Stimmen gehabt, als Israel an seinen Propheten. Welchen Dichter Griechenlands oder Roms wagen wir in Ansehung der erhabenen reinen Moral und des umfassenden Nationalgeists neben einen Jesajas zu stellen? und welch ein König der Aegyptec, Scp- then und Indier hat wie David gesungen und ge- lehrct? Der Entwurf Gottes durch Mosen ist nie zur Vollkommenheit gekommen; was aber in Uebung kam, ist vortrefflich und für die ganze Welt ersprießlich gewesen — gerade der Segen, zu welchem Israel in Abraham gesetzt ward. Als cs seiner Abweichungen wegen verfiel und nach Ehaldäa und Babel zerstreut ward, breitete eS seine Lehren von Einem Gott schwächer umher, weil es selbst noch so lange der Abgötterei und dem Aberglauben gedient hatte; als es aber, durch Züchtigung klüger geworden, zurückkam und jetzt selbst über seine vorigen Götzenbilder ecröthete, gieng auch Herders Werke z. Ncl. >1. Theot. X. Briefe 242 mit ihm eine andre Zeit an. Man sing an, über das Gesetz und die Propheten zu allegorisiren, einen neuen, vielfachen Sinn hineinzulegen, der freilich dem alten Gesetze fremd war, der aber immer eine Erweiterung und Verfeinerung ihrer Ideen, wenn auch am Unrechten Ort zeigte. Man suchte das sinnliche Gebot, die Geschichte, Gesetze und Hoffnungen des Volks zu vergriffen, ersann subtilere Deutungen und Traditionen, um, wenn sie das Gesetz nicht andern konnten, rationsrn IsAio zu verändern ; je mehr man sich bei seinen Erwartungen trog, desto höher schrob man sie und legte sie immer in die nahe Zukunft; bis endlich Gott, wider ihr Erkennen und Wollen, auch dies gut machte und den in die Welt sandte, der den Zaun deS Gesetzes brach, der Geist aus dem Buchstaben zog und Leben aus dem Tode. Alle Allegorien, Hoffnungen und Verheißungen halten nur auf ihn bereitet : die heiligen Gefäße, die man Chaldäern und Griechen geraubt und als Deutungen in die simple Stistshülte des Gesetzes Gottes getragen hatte, wurden nun, zum Nutzen der ganzen Erde, ein Raub dieses dcmüthigen Ucberwinders. Die Sache kommt mehr ins Licht, wenn wir die griechischen Juden, ihre Uebcrsctzung, Auslegung und zuletzt die Apokryphen betrachten, die sie den cbräischcn Büchern zur Seite setzten. Die sogenannte Uebersetzung der 70. hat viel und weit umher gewirket. Vor den Zeiten Christi war eine große Menge derer, die wL/ZouLvor rmv Gottesfürchtige hießen, ohne die Bcschneidung und das strengere Gesetz Moses anzunehmen. Ihre er- an Theophron. 2g Z habencn und reineren Begriffe von Gott, als die meisten und selbst die besten der griechischen Weisen gehabt hatten, breiteten sich umher, wirkten auch in andern Gestalten, und die alexandrinische Philosophie, die jüdische, heidnische und christliche Begriffe zusammenmischte, war späterhin das Phänomenen dieser großen Gahrung. Die Allegoriesucht der griechischen Juden, die sich auch ins Christenthum mengte, zeugte von einer Menge feinerer Ideen, die man nur nicht zu lassen wußte und dem simpeln biblischen Text sehr unzeitig anschob. Sie wurden indeß verarbeitet: die Denkart erweiterte und verfemte sich; und selbst unter den neuern hebräischen Commentatocen ist eine Menge scharfsinniger Gedanken, die nur dadurch lächerlich werden, daß sie auf einer Unrechten Stelle stehen oder daß man sie lächerlich ansieht. Die Apokryphen endlich — so sehr man neueres Tages auf die Dummheit, den Stolz und die Bclrugsfucht ihrer Verfasser zu schelten gewohnt ist (woraus nicht viel kommt, und was man schon oft gehört hak) — so nützlich und lehrreich waren für ihre Zeit die Einkleidungen und der Inhalt mancher. Das Buch Sirach ist ein schönes Buch: eine Blüthenmcnge von Moral, wie man in der damaligen Zeit nirgends sonst findet. Das Buch der Weisheit hat schöne Stellen, und schon daS, daß sein Verfasser die Person Salomos annahm, zeigt, daß er alle Weisheit ausfchütlen und an diesen Namen heften wollte, die nur in seiner Gewalt war. Alle Bücher dieser Art unter fremdem Namen, sind gewiß nicht Betrug, wenigstens nicht immer stolzer bösartiger Betrug gewesen. Man rief einen ehr- Q 2 244 Briefe würdigen Schatten hervor, in dessen Munde die Wahrheit Autorität hatte: man gab seinen Gedanken eine Einkleidung, die damals gang und gäbe war, und bis in die ersten Jahre des Christenthums hinunter dauerte. Auch ist diese Mode nicht jüdischen oder christlichen Schriftstellern allein bräuchlich gewesen, wie man bisweilen anzunchmen scheint; sie war auch heidnischen Philosophen gemein, uni! es ist nur Fehler des Zeitalters und der bald cin- brcchendcn Barbarei gewesen, daß man Aechtes und Unächtcs nicht zu unterscheiden wußte und beides für Eins annahm. Wenn diese Barbarei nach Europa wiederkäme und man die Begebenheiten Tclc- machs, die Reisen Cyrus oder den Phädo unsers deutschen Plato für ächte Ueberbleibsel der Grieche» ansähe, hätten ihre Verfasser daran Schuld? hatten sie diesen Betrug zur Absicht? — Wenn man also auch in der damaligen Zeit Einkleidungen und Romane liebte, die wir heut zu Tage so sehr lieben und für unschuldig halten, wenn wir nur gut sind; warum wollen wirs nicht leiden, daß man Dichtungen, wie das Buch Tobiä, Judith sind, machte, oder dem Salomo, Esra, Baruch u. a. eine bestimmtere Sittenlchre, eine entwickeltere Weisheit in den Mund legte, als man zum Bcdürfniß der neuern Zeiten in diesen ältern Büchern zu finden glaubte. Das Buch der Weisheit sollte eine Art von Eyropädie, das Buch Toll iä ein Emil seiner Zeit, Jesus Sirach eine Sittenlehre und Excmpelbuch aus der jüdischen Geschichte, die Bücher der Makkabäer Hclden- bücher der spätern Zeit und selbst das verschriene vierte Buch Esra eine Art Theodicee seyn, wie an Theophron. 2g5 sein Verfasser sich den Ausgang der Verheißungen Gottes über Israel dachte, und sich seine Zweifel über die zögernde Erfüllung derselben auszuklarcn suchte. Ob er sich dieselbe schlecht oder gut aufklarte ? darüber haben wir unser Urtheil frei: denn alle diese sind nur menschliche Bücher; aber an ihrer Nutzbarkeit in der damaligen Zeit haben wir um so weniger zu zweifeln, da wir ihren so weit umher verbreiteten Gebrauch nicht abzulaugncn vermögen. Im N. T und selbst von Christo werden apokry- phische Stellen angeführt: diese Bücher waren damals allgemein bekannt, ihre Vorstellungen waren volksmaßig, dem Bedürfnisse und der Hoffnung der Zeit naher: ihre Sprache verständlicher, als die altern zumal cbräischen Schriften und in der Einkleidung der meisten ist eine offenbar moralische Absicht unverkennbar. Wir müssen sie also nicht aus unsrer, sondern aus ihrer Zeit beurtheilcn, und als Brücke des Ucberganges vom A, zum N. T. sind sie sowohl der Sprache als Denkart nach vortrefflich zu gebrauchen. Auch Sie, m. Fr., lassen sich nicht vom neuern Gespött über die Juden, ihre Hoffnungen und Betrügereien abhalten, die besten dieser Schriften kennen zu lernen. Eamerarius und Drusius haben sich um einige verdient gemacht: doch ist für sie noch nicht alles geschehen, was sie verdienen. Der große Bibliothekar Deutschlands, Fabricius, ist auch hier Hauptwegweiser, wiewohl nicht mit vollendetem Urtheil. Insonderheit wünschte ich, daß Sie das schöne Buch Sirachs im Griechischen liebgewönnen, (was im Ebraischen den Namen tragt, ist ein schlechteres Flickwerk) und daß wir von einem Manne, der Belesenheit, Gleich- 3qk Briefe muth und Scharfsinn dazu hatte, eine gute kritische Geschichte sammtlicher Apokryphen erhielten?) Ich habe mich weitab verirret und komme zurück — zu Christo. Auch er war ein Israelit, und das himmlische Reis seiner Religion, das alle Volker beseligen sollte, war ja auf den wilden und dürren Weinstock der jüdischen Religion gepflanzet. Ich beuge mich vor seiner stillen und erhabnen Gestalt, die mit reinem und Hellem Blick die Schriften des A. T. las, und insonderheit aus das, was Leben in ihnen ist, auf das Wort Gottes als Zeugniß von ihm und seinem höhern Reich zeigte. Er suchte den Geist und ließ den tobten Buchstaben liegen. Den Sadducäismus kritischer Freigeisterci sowohl als den Pharisäismus kritischdogmatischen Aberglaubens gieng er vorbei, und drang durch die Mitte beider aufThat, auf rein zu erfassende göttliche That, auf menschliche Veredlung und die simple schlichteste Wahrheit. Erkenntniß GotteS, des Vaters der Menschen, war ihm Seligkeit und das ewige Leben: mit diesem Evangelium, mit dieser Philosophie und Moral sandte er die Apostel in alle Welt aus: der Leichnam des mosaischen Gesetzes konnte und durfte nun vermodern, denn die Zeit seines Lebens war vorüber: sein Geist war in alle Welt gegangen alle Völker zu lehren. *) Seitdem ist (1795) Hrn. H. Eichhorns Einleitung in die apokryphischen Schriften des A. T. erschienen. A. d. H. Theophron. 247 - Uebriqens lags weder in GotteS Zweck, noch in Christi Beruf hier auf Erden, die Hermeneutik und Dogmatik der Juden gelehrt zu verbessern. Die Apostel citiren nach der Weise, wie damals alles citirte. Plötzlich änderte Gott den Lauf der Dinge und des menschlichen Geistes nicht. Auf spitzfündige feine Gelehrsamkeit konnte und sollte die Religion Jesu nicht gebauet werden ; ihre beste Wirkung entstand eben daher, daß sie sich von solcher entfernte. Ihr Wesen warThat, anschaubare, simple, unwiderstehliche Wahrheit. Wrtndern Sie sich also auch nicht, daß Gott den Lauf der Dinge so fortgehen ließ, und der gelehrten Auslegung der Schrift, der künstlichen Schuldogmatik durch Wunder nicht zu Hülfe kommen mochte. Keine Gabe des Geistes bestand in der ersten Kirche darin, daß ein Kirchenvater, der kein Ebraisch wußte, es auf einmal verstand, und jetzt allwissend gleichsam, manche Theilc der Bibel plötzlich anders ansah. Origen es, Chrysosto- mus, Hieronymus, Theodoret legen besser aus als andre, weil sie besser auszulegen gelernt hatten; keine Wundergabe hinderte den h. Clemens, daß er nicht, nach der gewöhnlichen Art seiner Zeit, allegvrisirte und die Geschichte des Vogel Phönix erzählte. Um Gottes willen aber, dies war auch derZweck des C h r i s t e n t h u m s nicht. Lesen Sie einmal die simpeln, achten Stücke der ersten Kirche; an Gelehrsamkeit werden Sic dabei nicht denken; der Geist der Einfalt, Mäßigkeit, des hcrzlichbrüderlichen Zutrauens, der Gottes- und Christusliebe wird Sie ergrei- 246 Briefe sen, und eben der wars, der die Kirche baute und erhalten sollte. Nicht feine Gelehrsamkeit und Dogmatismus; die giengcn den Gang aller übrigen Wissenschaften und Künste. Es ist schlimm, wenn man nur dies im N. T. und in der christlichen Kirchengeschichte sucht; das findet man sehr spat, und leider! in Zeiten, denen zum Christenthum wiederum viel Anderes fehlte. Irren Sie sich also nicht, wenn Sie die Auslegung der Schrift in der ersten Kirche bald jüdisch, bald a lex a n drin i sch finden, nachdem diese oder jene Schule herrschte; das gieng alles seines natürlichen Weges. Waren Origcncs und Hieronymus Bischöfe gewesen, so würden sie für das Sprachstudium der Bibel auch mehr gcthan haben; nun waren sic unterdrückt, oder eingeschränkt. Dogmatische, stolze, bald auch verketzernde und verfolgende Bischöfe erhoben das Haupt und es wird schon eine traurige Geschichte, die vom vier, ten und den folgenden Jahrhunderten. Selten waren die Synoden Werkstätten des h. Geistes; oft ward der bessere, bescheidnere, gelehrtere Thcil unterdrückt , und der schreiende, betrügerische, pöbelhafte , unwissende Lheil, der Hof und Mönche auf seiner Seite hatte, siegte. Lesen Sic die Thacen des h. Cyrillus; Ihnen wird schauern! Lesen Sie das Leben des guten verjagten Chrysosto- muö, die Geschichte der Verdammung Origenes, der Entsetzung Ph 0 tiusu. f. Ihnen wird schauern! Gewiß auf solche Punkte, auf die scheußliche Art, wie sich der Lehrbegriff der Christen bisweilen entwickelt und ihre Bibelgelehrsamkeit zu- oder ab- an Theophron. 249 genommen hat, kann der Hauptzweck des Geistes Gottes in Leitung seiner Kirche nicht gegangen seyn! Aber freilich Alles ist bei ihm Ein Zweck, Eine Wirkung. Auch aus jdem ärgsten Bosen keimt ein Gutes, woran die Werkzeuge jenes nicht dachten; oder wenn cs sein höchstes Maas erreicht hat, reibet cs sich selbst aus und macht einem Bessern Platz. Da die Subtilitat der griechischen Mönche und ihre häßliche Wuth nicht weiter steigen konnte, zerfiel sie durch sich selbst. Auf die spitzesten Wortstreitigkeitcn folgte dummer Aberglaube, dem nachher selbst Mahomed recht kam. Die Barbarei des Occidents ward der nasse Schleier, mit dem der dampfende, erstickende Mönchsgcist des Orients, wie mit einer Wolke bedeckt wurde, daß sich der menschliche Geist nur wieder erholte und, wenn auch nur spät, nach Jahrhunderten wenigstens, zu sich selbst kam. Im Occidcnt gings nicht anders. Der gröbere Dogmatismus, dieser gröberen Nationen ward Kirchengesetz, Ritual, Hierarchie, aristotelische Philosophie, zuletzt der kühnste, beinah atheistische S ch 0 l a s t ic ism u s; bis auch dieses in sich zerfiel und seine eignen Waffen gegen sich selbst richtete oder abstumpfte. Das Gebäude der Hierarchie erlag unter seiner eignen Last von überspannten Mißbräuchen und Lastern; der Scholasticismus gleichfalls. Im Reiche Gottes ist eine ewige rege Quelle von Wahrheit: wenn sie am gewaltsamsten verstopft wird, bricht sie am stärksten hervor; nur suche man sie und jedes Gute am rechten Orte. Wer die Kirchenväter lesen will, um 2öo Briefe aus ihnen bestimmte, reinbestimmte Dogmatik, Auslegung der Bibel oder gar, wenn sie orientalische Mönche sind, Hofsitten zu lernen, der ginge einen weiten Umweg und käme schwerlich zum Ziele. Als Kirchenvater lese er sie, d. i. als Vater, Vorsteher, Regenten der Kirche. Von den meisten sind ihre Briefe und ihr Leben am lehrreichsten, aus dem man dann den Platz lernet, in dem sie in der Kirche standen. Clemens von Alexandrien, Origenes, Hieronymus und wenige andre, lebten als eigentlich Gelehrte; Ambrosius, Chrysostomus, Basilius waren Redner, und die beiden letzten, che sie Bischöfe waren, Mönche: so muß man auch ihre Reden lesen. Tertullian und Cyprian, Athanasius und Augustinus waren mit Ketzereien beschäftigt; sie muß man also am vorsichtigsten lesen. Und vielleicht am vorsichtigsten unter allen den Augustinus. Sein Witz und Scharfsinn, seine Gelehrsamkeit und sein Eifer sind zu blendende, scharfe und spitze Waffen, als daß man sie nicht sehr behutsam gebrauchen müßte. Sein Buch äs civitais Oei und äs äoctrina ckiristiana, die auch häufig allein und mit vielen Noten gedruckt sind, sind wohl die angenehmsten und lehrreichsten seiner Schriften. Die Apologeten des Christcnthums, zumal die altern, sind unschuldig und nützlich zu lesen: man lernt aus ihnen, insonderheit aus Justin und Origenes, das Christenkhum auf eine simple, vortheilhafte Weise kennen; und o daß cs in Manchem zu dieser Gestalt zurückkehrte! Gelehrsamkeit allein thut's nicht, ewige Verfeinerung scholastischer Begriffe noch weniger. Das Amt des Leh- ay Theophron. s5r rers ist H irten - Treue: das Christenthum Lauterkeit, That und Wahrheit. Es werde nun aus vielen oder wenigen Stellen der Schrift gezogen, ja gesetzt, cs hatte auch im System manche unbestimmte Satze und in der Auslegung manche falsch ^Allegorien mit sich; diese sind in der Geschichte der Wissenschaft, nicht aber immer so sehr der praktischen Wahrheit oder der ganzen Gestalt des Christen thums wichtig. Leben Sie wohl und erwarten Sie noch eine lange Halste eines so langen Briefes. Die Materie geht über alle Jahrhunderte hin und bestimmt ja den rechten Blick zur ganzen Kirchengeschichte. Fünfter Brief. Auch in den dunkeln Zeiten des PapstthumS müssen Sie, m. Fr., den vorigen Gesichtspunkt beibehalten: „der gestimmte Zweck des Chri- „stenthums scy etwas anders als gekehrte Ex eg etik und Dogmatik, so unschätzbar diese seyn mögen." Auch in den dunkelsten Zeiten gabs fromme Christen, die vielleicht mit weniger Erkenntnis, als wackre brave Barbaren, die sie waren, mehr Gutes als die hocherleuchtcten Christen andrer Zeiten thaten. Sie stehen nicht 252 Briefe alle eben unter den Zeugen der Wahrheit:* *) unter diese kamen nur die, so Aufsehen machten, und der größeste Thcil redlicher Christen lebt zu allen Zeiten khatig - stille und verborgen. Selbst das gröbste Papstlhum konnte hiezu viel Gutes schaffen. Mit dem Ansehen, das damals im ganzen Europa der nordischen Nationen die Bischöfe hatten, was konnte gethan werden! Wie viel Gutes ist auch / *) „Die wahren Bekenner muß man in aller Geschichte, unter allen Sekten und Religionen, wie Sterne in der Nacht, aufsuchen, und unterscheiden : a. ob man sie verstanden, oder nicht, oder mißverstanden habe? K. Ob ihr Bekenntniß subjektiv treu und wahr, oder auch objektive Wahrheit dabei gewesen ? m Was für Zeitumstande, Lokalangelegenheiten , Persönlichkeiten dabei obgewaltet? denn kein Sterblicher kann sich rühmen, daß er die ganze Wahrheit leibhaft besessen und cingesehen. Genug, wenn er nach seiner Lage die Seite von ihr treu sah, verkündigte und befolgte, die ihm und den Seinen, seiner Zeit und Welt noth war. Es ist ein besonderer Gang der Providenz Gottes, wie er auch das Licht der Wahrheit vertheilt, bereitet, gemäßigt, vermehrt, nach Subjekten und Landern qualificirt habe; bis in jener Welt gewiß die ganze Wolke von Zeugen zusammenkom- men und zusammenschimmern wird um den größten der Blutzeugen." (Aus einem andern Msc, des Verf.) an T h e o p h r o n.' s5A gcthan, wenn nicht von Päpsten rmd Geistlichen, so von Kaisern, Königen, Fürsten und Layen, deren viele cs in ihrer dumpfen Herzlichkeit gut meinten. Sie brauchten, sie genoßen selbst nicht so viel, und konnten also mehr thun, mehr geben: denn das Meiste, wovon auch bis jetzt noch Kirchen und Wissenschaften erhalten werden, ist ja aus jenen Zeiten. Die dunkle Pracht der Cerimonien, die hohe Andacht des katholischen Gesanges , Klöster und Altäre, und selbst die Sparsamkeit der Lehre; alles ohne Zweifel trug bei, den Eindruck in etwas harte Gemülhcr desto tiefer, starker, rührender zu machen; sie konnten dabei, (was sie ja auch nicht einmal gefaßt hatten,) manche Feinheit und Schlüpfrigkeit des Lehrvortrages gern entbehren. — Dabei schlich sich durch alle diese Jahrhunderte die Mystik durch; eine Art simpler Theologie für den gemeinen Mann, auf den überfeine Dogmatik und Scholasticismus nichts vermochte. Jene war eine Sammlung weniger, aber starker Wahrheiten, dumpfer und unentwickelter, aber desto mächtigerer Gefühle, die von denen, die sie predigten, immer wiederholt, auf die, und zwar mit mehrerer Aufrichtigkeit, Redlichkeit, Macht gedrungen wurde, als der scholastische Disputirgeist zu seinen mäßigen Absichten brauchte. Es kommt hier gar nicht darauf an, was diese Mystik und ihre dunkle Psychologie für unsre Zeit sey? ob sie sich zu unserer Philosophie rein und gut entwickeln lasse? sondern was sie in jenen dunkeln Zeiten war und schaffte? — Und da schaffte sie unnennbar vieles Gute durch ihre Simplicitat, Briefe 264 Herzlichkeit und Stärke. In allen europäischen Sprachen ist Dichtkunst und Mystik das Erste gewesen, das sie emporgcb rächt hat. Wenn in der Theologie alles lateinisch war, und der Scholasticismus sich sogar in keiner andern Sprache erklären konnte, so predigte und schrieb die Mystik in der Sprache des Landes, und des gemeinen Mannes: in allen europäischen Sprachen sind ihre ältesten und noch zum Theil sehr merkwürdigen Produktionen E r b au u n g s b üch e r, Gesetze, Lieder. In Deutschland darf ich Sie nur an Ta ul er und die deutsche Theologie erinnern; nennen Sie mir viel neuere, auch nur der Sprache und dem System nach so starke und simple Erbauungsschriften! Auch Luther liebte sie und gieng gewissermaßen von ihnen aus. Eben daß auch er, wie die Mystiker gethan hatten, in der Landessprache und für den gemeinen Mann schrieb, das machte ihn zum Mann Gottes für die Nation und half seinen gelehrten Verbesserungen unsäglich. — Sie sehen also, es hat auch in dunkeln Zeiten und in der katholischen Kirche nicht so an Licht gefehlt, daß alle Menschen auS völligem Mangel der Erkenntnis Gottes hätten verkehren gehen müssen. Ohne seine Schuld wird Gott gewiß keinen einzigen verkehren gehen lassen: er wird sein Erkenntniß und seine Frömmigkeit genau nach dem Grade des Lichts prüfen, das er gehabt, und nach der Redlichkeit, die er bewiesen. Tag und Nacht, Morgen- und Abenddämmerung sind sein Werk und alle gehören zur Ordnung seiner Geschöpfe. Konnte wohl ein armer Laye dafür, daß Irrthümer, Dunkelheit und Laster in seiner Kirche an Theophron. 255 herrschten? und wie leicht kommt ein redliches Ge- müth zu der Erkenntniß, die ihm zur Seligkeit noch ist! Sie denken leichtdaß ich damit die unschätzbare Wohltbat des mehrern Lichts, der Wählern, g c w i sse r n Schriftauslegung, der reinern, simp lern Moral und Dogmatik aufs höchste schätze und verehre; wollte Gott, daß sie auch sogleich die mehrern Früchte gebracht hätte, die sie hatte bringen sollen. Wer klagte darüber mehr, als die, die uns dies mehrere Licht brachten? Wie oft klagt Luther: daß mit der mehrern Bekanntmachung, Leichtigkeit und Klarheit des göttlichen Worts auch die Geringschätzung und Verachtung desselben wachse! Wie bald gerieth die protestantische Kirche von der Herzlichkeit Luthers, von der klaren Faßlichkeit MelanchthonS aufs neue in die unverständliche bittere Polemik, wie sie nur zu den Zeiten der griechischen Mönche gewesen seyn konnte; sogar daß man viele eigentliche Streitigkeiten und Unterscheidungen derselben, nur jetzt zu andern eben so geistund herzlosen Zwecken, aufnahm. Eigentliche Religion des Verstandes und Herzens blieb auch in diesen Zeiten, wie sics immer gewesen, von der bloßen Streit-Theologie gesondert, in guten, stillen Menschen wohnend. Viele bückten sich unter das Joch elender Sophistereien, weil sies nicht abzuschütteln vermochten, und lehrten und thaten Guts, wie und so weit sie konnten. Es ist die Erfahrung aller Jahrhunderte, daß die besten Männer immer zugleich die verträglichsten und prakti fehlen gewesen; sie und nur sie allein 256 Briefe nennt man mit Hochachtung und Liebe, und wünscht sic seiner Zeit wieder. Denken Sie in den neuern Jahrhunderten nur an Arndt, Spener, We- renfels, Arminius, Grotius, Locke, Voile u. a.; setzen Sie die spitzesten Dogmatiker, die größesten Streithelden und Gelehrte, die ihnen das Leben oft sauer genug inachten (gesetzt auch, daß alles Recht auf der Seite der Letztem gewesen wäre und sie für Wissenschaft und Lehre unsäglich viel gelhan hätten,) ihnen entgegen; stehen Sie wohl einen Augenblick an, welche Seite, welchen Namen bei der Nachwelt Sie wählen würden? — Sie sehen also, m. Fr., wie Sie Kirch enges ch ich te, den Gang der christlichen Th eo log i e und Religion, zu betrachten haben; verbinden Sic im Leben, wie in der Betrachtung, die beiden letzter», und vergessen eine über der andern ja nicht. Die gemeine Kirchengeschichte vergißt oft Religion über der Theologie und wissenschaftlichen Kcnntniß. Sie verfolgt nur immer Gelehrsamkeit, Lehrbegriff, höchstens fügt sie Kirchengcbräuche und Kirchenherrschaft dazu, und cs ist vollendet; herrschende Sitten, Einfluß der Religion in Begebenheiten, Stände, selbst in Jrrthümer und Ketzereien, vergißt sie oftmals. Das Vorbild das die m ag de b ur g i sch en Centurien nach Beschaffenheit ihrer Zeit gaben und geben mußten, ist, auch bei veränderten Zeiten geblieben: selbst Mosheim schreitet noch nach dem Zuschnitt einher. Arnold bahnte sich einen andern Weg; Schade aber, daß er ihn zum Abwege machte. Er thut der eigentlichen, nicht blos der herrschenden an Theophron. 267 den Theologie wehe, wo er ihr wehe thun kann, und nimmt gemeiniglich die Parthie aller Ketzer und Schwärmer. Mystische Theologie und Religion ist ihm einerlei, die doch auch beide noch sehr verschieden sind, denn jene, die er oft in Sümpfen und Pfühlen auffucht, hat unlaugbar auch viel Elend, Krankheit, Betrügerei, Verwirrung und andre üble Folgen mit sich gehabt. Ein Leser und Schriftsteller der Kirchcngefchichte muß keine Vorliebe für ein System, eine Wissenschaft, irgend eine Theologie, ein Land, ein Volk, eine Sekte haben. Wo Wahrheit und Güte, Ausl a- rung des menschlichen Geistes und Verbesserung des Herzens ist, sie möge durch Orthodoxie oder Helerodoxie, (wie's diese oder jene Parthei nennen möchte,) befördert worden seyn; überall wo dieser Schatz ist, muß auch sein Herz seyn. — Darum mißrathe ich Ihnen nicht, wenn Sie einmal im Amt sind, Arnold zu lesen. Sie werden viel, sehr viel aus ihm lernen; nur müssen Sie mit prüfender Aufmerksamkeit und festem Charakter zu ihm gehen, und die, so ihn über einzelne Kirchen und Sekten verbessert haben, z. E. Grosch, Pfänner, Cyprian über die lutherische Geschichte mit ihm lesen. Leider ist sein Buch in dem, was er Gutes hat, (z. E. Darstellung wirklich frommer Personen, praktischer Verdienste, Auszügen aus guten, bei ihm meistens schlecht übersetzten Schriften u. f.) noch unübertroffen; und für einen Geistlichen sind diese doch bei der Kirchengeschichte sehr nutzbar, angenehm und bildend. Ein Mann ist ihm in der lutherschen Kirche gefolgt, dessen Kirchengeschichte Herders Werke z. Rel. u. Lheol. X. 3k Briefe -58 hie und da mit vielem praktischen Urtheil geschrieben ist, Weismann; nur ist sie einförmig und auch im Styl unangenehm geschrieben. Semler gieng einen andern Weg und sing insonderheit mit Untersuchung des Lebrbegrifss in verschleimen Zeiten an; seine sslsota und sein fruchtbarer Auszug der Kirchengeschichte sind eine Vorrathskammer von vorgeräumten Materialien zu einer insonderheit gelehrt-richtigen Kirchen- gesckichte; Materialien, aber noch kaum die Geschichte selbst. Der Vorarbeiten, m. Fr., müssen überhaupt noch viel seyn, ehe wir zur ganzen pragmatischen Uebersicht der Geschichte des Christ enthumS kommen. Nicht blos die Geschichte der Wissenschaften, und zwar einzelner Wissenschaften, z. E. der Dogmatik, der christlichen Moral, der Schriftauslegung, Mystik und Ascetik müßte (nicht etwa nur lehrenweise, sondern wie sie zusammenhängend in ganzen Perioden geherrscht und gewirkt haben) philosophisch getrieben werden: der Einfluß äußerer Umstande, des Rituals, der «zeitlichen und Kirchenherrschaft müßte zusammenhängend und philosophisch betrachtet seyn; sondern auch wiederum die Geschichte einzelner Meinungen, Sekten und Ketzereien, wie sie sich und was in der Welt verändert haben , die Rc- ligionsgeschichte einzelner Länder und Menschen müßte zum allgemeinen Zusammenhänge eingeleitet und insonderheit die Geschichte der Sitten der Völker viel mehr bearbeitet seyn, als sie bisher vielleicht bearbeitet worden. Es geht mit der christ- an Theophron. 269 lichcn Kirchen-, wie mit der gelehrten und politischen Geschichte: das Haupt gilt uns für den Körper, Gedankenreihe einzelner Menschen für den herrschenden ganzen Zustand. Erinnern Sie sich also, m. Fr., woran ich Sie sonst schon erinnert habe: wenn Sie mit dem allgemeinen Anblick der christlichen Kirchengeschichte in dem Autor, über den Sie gehört oder an den Sie sich gewöhnt haben, fertig sind, so machen Sie sich an die Einsicht der Geschichte einzelner Partheicn, Kirchen, Sekten, Lander, oder auch Wissensch asten und Lehrformcn: durch das Besondre gewinnen Sie am meisten. Eine Geschichte der Dogmatik z. E. zusammenhängend und philosophisch geschrieben, wie ausklarend, bessernd und angenehm ist sic? Sie zeigt die Veränderungen der Lehre nach dem Gange und Fortgänge der Zeit, den Wachsthum und die Abnahme des Lichts und der Wahrheit. Sie giebt uns also Kriterien von beiden, zeigt Eine Lehre in vielen Meinungen, vielen Gestalten, macht also unparteiisch, kühl, tolerant, und lehrt uns Gott für die Zunahme des wahren Lichts, der wahren Einfalt und Seelenfreiheit von Herzen und praktisch danken. — Hatten wir nur eine solche Geschichte der Dogmatik! Es haben schon mehrere gewünscht, daß Semler seine zerstreuten, theils Vorreden, theils Anmerkungen von der Geschichte der Glaubenslehren , nur etwas bestimmter und deutlicher geordnet, zusammen drucken ließe. — Eine Geschichte der mystischen Theologie haben Poirct R 2 s6o Briefe und Arnold geschrieben; beide ober waren selbst Mystiker, und behielten also nicht freien Kopf und Standpunkt. An eine wa h re Ge schich te der Moralist, meines Wissens, noch gar nicht gedacht: sie ist äußerst schwer, wenn sie alles, Grundsätze, Sitten, Natur- G e sc l l sch ast s- und Völkerrecht umfassen will, wie sie soll. Selbst die Geschichte der Schriftauslegung, die die kleinste von allen wäre, ist noch kaum beisammen und vollendet. Was Richard Simon in ihr geleistet, ist nur hie und da zerstreut von Wetstein, Er ne st i, Michaelis, Seniler u. a. sortgefuhrt worden : He tzel s Geschichte der Kritik ist unvollkommen, aber doch als Register der neuern Schriften nützlich. Die Geschichte einzelner Partheicn ist zum Thcil mit großem Fleiß bearbeitet worden; meistens aber von ihnen selbst oder von Feinden: zwischen beiden ist ein freier, mittlerer Standpunkt nöthig. Ich will an alle die Ordensgeschichten der Katholiken nicht denken, die von ihnen selbst geschrieben sind; auch die bessern von ihnen, wenn sie von den Protestanten reden, wie gehen sie schief und irre, Bossuet von den Veränderungen der Kirche; vollends gar ein Maimbourg und Ca- lrou von Lutheranern, Ealvinisten, Anabaptisten — wer wird, wer kann ihnen glauben? Hier übertreffen wir Protestanten an Unparteilichkeit sie offenbar. Sleidan, Seckendorf, Salig u. f. sind wahre und geprüfte Schriftsteller: der erste wird, so lange Latein geschrieben und ge- an Theophron. 261 lesen wird, einer der schönsten Schriftsteller bleiben — Schade, daß.Bö hm die Ausgabe von ihm, die er dem Thuan der Engländer entgegensetzen wollte, nicht ausgeführet. Eine Geschichte des Protestantismus, wo er und etwa Salig aufgehört haben, fehlt uns. Eomenius und l'Enfants Geschichte der Hußiten, Neals Geschichte der Puritaner, SewelS der Quackcr, Regen- boogs der Remonstranken, Schl) ns der Menno- niten, Cranz der Herrnhuter u. st sind bekannte Bücher; vollständige gute Geschichten der So einieine r, Wiedertäufer, Freidenker, Schwärmer u. f. haben wir, meines Wissens, noch nicht, ob wohl Vorarbeiten und einzelne Beiträge dazu genug sind. Eolbergs platonisch-hermetisches Ehristenthum taugt nichts; Füßli Beiträge zur Kirchengeschichte, die insonderheit Schwärmer, Mystiker , Manichäer u. st durch alle Jahrhunderte betreffen , ist eiist Werk voll Materialien, aber unordentlich und sauer zu lesen. Veausobre Geschichte der Manichäer und älterer Sekten ist ein sehr lesbares nur gelinde-parthciischcs Weck. Wenn wir einmal zusammen sind, wollen wir Miller und Nößelt durchgehn, und ich kann Ihnen sodann kurz, was ich kenne und nicht kenne, sagen: denn alles zu wissen und gelesen zu haben, ist Wind; dazu reicht nicht das menschliche Leben. In der Reformationsgeschichte fremder Länder steht B ur- net von England, Robertson von Schottland oben an; die Deutschen haben bei der Reformation ihrer Provinzen, Flecken und Städte meistens zu weitlauftig und ausführlich erzählt. Wir haben 262 Briefe über die Reformation einzelner Lander Deutschlands ungleich mehr Documente, Beitrage, Urkundensammlungen als gute Geschichten. Auch das ist vielleicht gut, denn jeder bekümmert sich doch um seine Provinz am meisten. — Genug und mehr als genug. Sie sehen, m. Fr., wie entfernt wir noch sind, eine wahre, vollständige, pragmatische Geschichte des Christenthums mit alle dem Einfluß, den cs gehabt oder nicht, zu besitzen. Hatten wir sie, so waren Ihre Zweifel, „wie so verschied ne Meinungen und Auslegungen der Schrift mit „dem Zweck christlicher Offenbarung bestehen können?" gewiß gehoben. Sie würden sehen, daß diese Verschiedenheit gelehrter Meinungen entweder lange nicht so viel Einfluß in die Gestalt der Menschheit gehabt hat, als man sich verstellt, und das Christenthum dabei seinen Schritt immer fortgegangen sey, weil es auf etwas Wesentlicheres gestellt war; oder daß es nach der Natur der Dinge nicht anders habe seyn können, und daß auch jede Dämmerung, jede Eklipse ihren guten Zweck erreichte. — Fürchten Sie nichts, m. Fr., auch für unsre jetzige Revolutionen und Wahrungen in der Christenheit , zumal im Lehrbegriff und in der Schriftauslegung: nach allen altern Beispielen der Geschichte , nach aller Analogie der Haushaltung Gottes auf Erden haben Sie fürs ganze, wahre Christenthum nichts zu fürchten. Ist Christenthum und Gelehrsamkeit, Scholasticismus und Christenthum nicht einerlei, wie ich Ihnen, dünkt mich, sehr Helle gezeigt habe, und der Anfang des Christenthums, so wie das N. T. selbst, cs sonnenklar weiset: so können jene dies auch nicht Umstürzen und vernichten. Es steht zu seiner Zeit richter und schöner wieder da, und jene Bemühungen des menschlichen Geistes, sie mögen nun Kämpfe oder Krampfe heißen, haben ihm, wie es sodann offenbar wird, zu dieser richtern und schönem Gestalt, wenn auch auf ihre eigne Kosten, milgeholfen. Nichts ist bei dem menschlichen Verstände fürchterlicher, als wenn er still steht; ja es ist dies gänzliche Stillestehn beinahe nicht anders als unter dem äußersten Druck der Barbarei und Thierahnlich- keit möglich. Der Druck äußerer Gewalt hält den menschlichen Geist nicht auf; er spornt ihn vielmehr an, daß er ausrcißt und über Felder und 264 Briefs Gärten setzet. So lange Europa wirklich barbarisch war, wollten ihm feinere Begriffe nicht ein: man brutalisirte diese vielmehr nach seiner Weise. Da es durch hundert und tausend Stöße einmal etwas in Gang kam, hielt niemand diesen Gang auf, weder Bann noch Inquisition, weder Schwert noch Ketzerfeucr. Vielmehr trieben diese thörichten Zwangsmittel aus dem Aeußersten ins Aeußerste, aus dummer Barbarei zu dummer Sophisterei, aus grobem Aberglauben in den Atheismus, der ja bekanntermaßen auch in dunkeln Jahrhunderten des Kirchenzwanges und in ihnen vielleicht allein herrschte. Freiheit muß der menschliche Geist haben; gesetzt er mißbrauche auch die Freiheit. Das Wort Gottes muß er verstehn und auslegcn können, wie crs für recht und wahr findet; gesetzt er lege auch falsch aus. Gott sah voraus, daß Adam fallen, würde, und dennoch.schuf er ihn frei; und mußte ihn frei schaffen, wenn er sein Bild, ein Mensch seyn sollte. Freiheit ist der Grundstein aller protestantischen Kirchen, wie schon ihr Name sagt. Freiheit ist der Grundstein des gesunden Verstandes, aller willigen Tugend des menschlichen Herzens, aller Wohlfahrt des W e itc rst r ebe ns. „Aber doch eine Freiheit mit Gesetzen?" Allerdings mit Gesetzen; nur die der gesunde Verstand dafür erkennt, die die Freiheit sich selbst wählet. Auf ihnen, d. i. auf Wahl und Ordnung zur Glückseligkeit, beruht Freiheit: Gesetze sind ihr Wesen und müssen ihr Wesen bleiben; oder sie ist des Wortschalles nicht mehr werth. an T'heophron. 265 Als Deutschland die Ketten des PapstthumS brach; was hatte cs für Recht dazu? Das Recht der Menschheit, Freiheit. Nicht weil der Fürst es wollte, reformirte Luther; oder er wäre in Sachen der Religion ein schlechter Reformator gewesen, der alte Wahrheiten und Auslegungen, über die der Fürst nichts ordnen konnte, aus Skla- vengcwalt aufhob. Er reformirte, weil ihn Gewissen und Ucberzeugung trieb: und die Fürsten ließen resormircn, theils weil sie auch überzeugt waren, theils weil sies, wie cs die Vorsicht ihres Amts erforderte, politischgut fanden. Der Mensch, der im Luthcrthum oder in einer protestantischen Kirche, Gewissen und klare Ueberzeugung ausheben will, ist der ärgste Anti - Lutheraner. Er hebt das Principium der Reformation, ja aller gesunden Religion, Glückseligkeit und Wahrheit, nehmlich Freiheit des Gewissens auf; er verdammet Luther, alle seine Gehülsen, alle freie, wahre Männer der Vorzeit, in ihren Gräbern. Auch lassen sich hier keine äußere Clausuren stecken „so weit soll die Freiheit gehen und weiter nicht." Wahre Freiheit muß sich von innen selbst beschranken. Und wahrlich sie beschränkt sich scharfer als alle Clausuren, weil sie nur aus innigster Ueberzeugung, nach Wahl und Prüfung des Besten handelt. — Von äußern Beziehungen , Pflichten und Obliegenheiten ist hier nicht die Rede; sondern von innerer Natur der Wahrheit. „Aber, wie diese geäußert werden? steht da nicht der Fürst, der Stand, das Amt enlge- 266 Briefe gen?" Der Fürst, der protestantische Fürst nicht; sonst wäre er arger, als der katholische Papst, und wir kehrten lieber unter diesen. Sein Protestantismus beruht auch auf Ueberzeugung, also auf Freiheit; sonst würde er kein protestantischer Fürst haben werden können ; er läge noch unter dem Papstthum. Nach allen Begriffen der protestantischen Lehre ist er auch kein Richter, kein Entscheide! über das Wort Gottes (dies ist sein eigner, unabhängiger, höchster Richter) er ist Fürst, d. i. Entscheide,: über äußerliche politische Ordnung. Glaubt er, daß irgend Eine Meinung in der Welt diese aufhebe; so kann, so muß er sie, seines Amts wegen, einschrankcn und ihren bösen Einfluß hindern — aber nur als äußern, bösen Einfluß, und auch dies nach Regeln der gesunden Vernunft und schärfsten Ueberzeugung, in derer, wie der geringste Unterthan, unter Gott steht. „Aber sollte nicht der Stand hindern?" Das glaube ich leider! d. i. alte Äorurtheile des Standes. Aber haben diese, blos weil sie alt sind, auch Recht? sollen sie nicht mit möglichstem Bestreben von jedem redlichen Mitglieds des Standes geprüft und zur Wahrheit gebracht werden? ist ihre Prokrastination nicht lächerlich und schädlich? — Kein Vorurtheil kann gegen Wahrheit bestehn; keine Ueberzeugung kann und soll nach Vorurthci- lcn des Standes, Alters, Rangs oder wessen cs sey, gemustert werden. — Das Amt endlich kann gar kein Hindernis freier Ueberzeugung werden, oder es müßte Diener der Unredlichkeit an Theophron. 267 und Lüge, d. i. Heuchler, und zwar seinem ersten Grundsteine nach, Heuchler fordern. Der thut der Religion und dem protestantischen Lehramt viel Ehre an, der so von ihnen denket! — Unlaugbar gut ists also, daß eine billige, niemand vervorlheilende Toleranz auch in mehrern Landern Deutschlands Platz nimmt; cs wäre ja endlich Zeit dazu. Wie schön wäre es, wenn auch die katholischen Lander Deutschlands uns näher rückten, und alle Deutschen als Brüder, als Glieder Einer Nation und Sprache sich einander mehr kennten und auf Ein Gutes gemeinschaftlich wirkten! Ich sage gemeinschaftlich, nicht identisch: denn das ist unmöglich. Ich kenne keine größere Intoleranz, als die neue, die alles in Eine Lchrform des Nichtglaubens werfen und mit Gewalt werfen will. Laß jeden nach seiner Ueberzeugung glauben; und wenn du ihn ändern wiilt: so fordre nicht, so tadle und kritisier nicht, sondern überzeuge du ihn. Auch sehe ich von den neuern Untersuchungen über die Religion keine so gefährlichen Folgen, als Sie, m. Fr., vermuthen. Taugen sie nicht, so gehn sic von selbst unter: sie sind Spreu, die der Wind zerstreuet. Taugen sie etwas, so nutzen sie der Religion; sie Hellen sie auf, sie machen sie gründlicher, geprüfter, rein. Das Schiff auf dem Meere braucht Wind; der menschliche Verstand will fortgesetzte, auch gegenseitige Untersuchung und Prüfung. Mich dünkt, manche guten Folgen dieser Untersuchungen sind schon jetzt unverkennbar. 268 Briefe Hats Deutschland genutzt oder geschadet, daßSpak- ding, Felix, Heß, Sack, Vamberger u. a. uns mit Fester und Shaftesburi, Buttler und Law, Benson und Locke bekannt gemacht haben? Zuerst schrie alles: „Naturalismus! Deis- „mus! Arianer! Socinianer! Das Christenthum „geht unter, wenn den Ucbersetzern nicht mit Gewalt gesteuert wird!" Der Erfolg hats anders gewiesen. Das Christenthum ist, wo cs war; aber Gottlob! ein deutscher S cho la sticism u s ist zum Theil untergcgangcn, der in Predigten, Lehrverträgen, Erbauungsbüchern und überall herrschte. Das Gift, das diese Schriften zu uns bringen sollten, hat in Deutschland nirgends oder bei sehr ungesunden Personen gefaßt; vielmehr sind manche dieser Schriften, z. E. Shaftesburi, Hutcheson, Law, Benson in Deutschland scharfer und wahrer beurtheilt worden, als in England selbst, oder werden es noch werden. Wir haben dagegen Schriften erhalten, die wir an schöner Einfalt und Gründlichkeit jenen vorziehen oder an die Seite setzen können; unsre theologische Bekanntschaft mit England hat Deutschland genutzt und nicht geschadet. Irre ich nicht, so wars die Bekanntschaft mit Engländern, Locke, Benson, Lardner u. ft vie Michaelis z. E. aus der engem Bahn seiner Vorgänger zog, und hat seine tiefere Kritik, seine Gelehrsamkeit, sein Scharfsinn Deutschland genutzt oder geschadet? Thun Sie doch einen Blick ins alte Etymologisiren des Terts, ins Allegorisiren des Gesetzes Moses und urtheilen! Er hat gelernt und gelehret; von andern genommen und weiter an Theophron. 269 mitgethcilet. Die Wissenschaft ist also fortgegangen und die Kritik gesundcrn Verstandes worden — ist dies Nutzen oder Schaden? Mit Heilmann wars ein Gleiches. Der Neid gegen ihn hat sich gelegt, und man erkennet seine Verdienste, oder wenigstens die Hoffnung, die er mit Recht ver- anlaßle. Hierüber ist nun ziemlich entschieden; sollte über manches andre, das uns naher liegt, cs weniger seyn? Sollte Semler sich immer verantworten dörfen, daß er, als Lehrer theologischer Gelehrsamkeit, solche aus breiten, auch wo ers glaubt, erweitern müsse? Die meisten seiner Probleme sind historisch und literarisch; über die kann für und wider gesprochen werden, und der beste.Erweis muß gelten. Das widrige Betragen gegen ihn hat den widrigen Effekt hervorgebracht, daß bei ihm die Schreibart sich verwickelt, und bald zu viel, bald zu wenig saget. Nutze man die Materialien, die er zusammentragt, und wähle sie aus und ordne sie besser; bei weni- germ und befferm Widerspruch würde ihr Vers, selbst sie vielleicht ruhiger geordnet haben. — Die allgemeine D. Bibliothek (die meine Freundin nicht ist und der zu Lieb' ich also nicht ur- lheile) sollte sie wohl ganz ohne Nutzen, ganz schädlich gewesen seyn? Ich habe sie nur in den ersten Bänden gelesen: der Ton, in dem sie damals anstimmte, war allgemein verschrieen; ich möchte indcß sagen, selbst bis auf sein Fehlerhaftes hat er Gutes bewirket. Daß der Hauptrecensent 270 Briefe B.*) damals so wenige Ideen hatte, sich so sehr wiederholte, aber deutlich, plan- und gemeinnützig es immer aufs neue vortrug: „unnütze Spekulation sey nicht Religion, sie solle und könne „nicht Religion des Volks seyn," daß er bei Gelegenheit diese und jene Lehre zu simplisiciren suchte, u. f. — sollte dies nicht bei Vielen , insonderheit Layen und Weltlichen, sein Gutes erreicht haben? Auch bei Geistlichen, sogar bis zum Uebermaße. Alles will jetzt populär seyn! alles in der D. Bibliothek gelobt werden! Man bestrebt sich hetero- dox zu seyn, wie man einst orthodox zu seyn sich bestrebte. Dieser Schaum wird Weggehen: die allgem. Bibliothek wird vergessen und auf ihren Werth zurückgesetzt werden, wie man Clerks, Baile, Löschers Journale auf ihren Werth zurückgesetzt hat; das Oute indessen, das sie stiftete, seys wenig oder viel, kurz was Werth in ihr hat, wird bleiben. So auch mit Eberhards, Steinbarts u. a. Schriften. Wer kann laug- nen, daß in jenem manche feine Philosophie über Moral und Glaubenslehren, so wie in diesem eine Art von populärem System der Glückseligkeit sey. Ist dies nicht neu, nicht vollständig, nicht völlig christlich; ist jene Philosophie zu enge und thut manchen Lehren des Christenthums Unrecht — wohlan, man zeige cs! man liefre was besscrs! man setze statt des schlechten ein gutes Buch. Nur still stehen kann der menschliche Verstand nicht, damit dogmatische Mönche Muse *) Resewitz? A d. Her. an Theophron. 27^ und Ruhe haben. Noch weniger richten sie etwas aus, wenn sie in dummer Trägheit nur klagen, seufzen, fluchen, vcrläumden; da zeigt man nur immer, daß man keine Arme und Waffen zur Vertheidigung habe, oder zu brauchen Lust habe; und beides ist übel. -Ich fttze Ihnen, m. Fr., einige Erfahrungen her, die ich in der ganzen Kirchengefchichte bewahret finde: wenden Sie sie zu Ihrer Ermunterung, Hoffnung und Trost auf unsre Zeit an. Erstlich. Jedesmal, wenn eine Gahrung war, wenn eine Revolution der Wissenschaft oder Neli- gionsgestalt bewirkt wurde, war nichts schwerer, als sich in G re nz en z u halten: man schritt leicht von Einem Acußersten aufs andre. Sie wissen, als die Reformation entstand, brach der Socinianismus sowohl, als die Schwärmerei mit hinein: zwei Ucbel, an denen die edcln Reformatoren nur sehr zufälliger Weise Schuld waren. Die feinen Köpfe Italiens wollten, da Einiges der Vernunft naher gebracht war, ihr Alles gleichförmig machen, und singen also in der Theologie von vorn, vom Artikel der Dreieinigkeit, an. Sic kamen nicht viel weiter und schadeten auch so sehr nicht; damals und jetzt erkennet ein Jeder, der richtige Schciftauslegung liebt, daß, wenn Eine Parthci in der Welt dem N. T., insonderheit dem Evangelium Johannes, offenbar zuwider lehret, so seys der Socinianismus. Zuletzt hat er sich seiner selbst geschämt, und feinen Lehrbegriff, so viel es angieng, verfeint und bemäntelt; vielleicht würde crs eher gethan haben, wenn man 2^2 Briefe ihn nicht verfolgt hätte und mit Servet und andern so Hort umgegangen wäre. Ein gleiches warS mit den Wiedertäufern, Quäckern, Schwärmern. Ihre Hitze ist abgegähret: Quäcker und Mcnnoniten Schwenkfelder und Puritaner leben ruhig, und haben ihre ausschweifenden, übertriebnen Meinungen selbst aufgegcben. Wie würde Fox sich wundern, wenn er Barklays gelehrte, ruhige Apologie läse. Lassen Sie uns dies aufunsere Zeiten anwenden. Welcher unsrer jetzigen eifrigen Aufklärer hat sich eines Damms, Reiche u. a. nicht schon jetzt zu schämen; in kurzer Zeit wird > man über manches andre noch mehr ercöthen. Zweitens. Wenn eine Parthei im ersten Eifer ist, wirkt sie 'am meisten. Eine neue Zunft greift sich mehr an. Wer Widerspruch befürchtet, rüstet sich zum Widerstande oder kommt ihm zuvor. Wer angreift, ist meistens kühner, als wer blos vcrtheidigt. Die ganze Geschichte ist hierüber Zeuge. Die kgtrss des Orawrii schoßen bald nach ihrer Stiftung am blühendsten hervor: da gabs einen l^orin, IVI a Is Kran oft s, R. Simon , die sie jetzt nicht mehr haben. Was die Jesuiten thatcn, lhaten sic im Anfänge des Ordens. Jede neue Akademie bestätigt dasselbe u. f. s. Mit der Zeit legen sich die stolzen Wellen der Jugend: der Mann schämt sich der Ausschweifungen derselben, und wenn er klug ist, wendet er auch sie zum Besten. Glauben Sie gewiß, so wirds auch in wenigen Jahren mit der CrisiS unsrer Zeit gehen. Auf manches fürchterliche Eis» ge» an T h e o p h r o n. 273 gcbäude wird man Hinblicken und fragen: wo ist cs? Das gute Wasser indessen, woraus es bestand, und das die freundliche Frühlingssonne mit ihrer mächtigen Glut nur auflöste; dies blieb und fließt erquickend weiter. Drittens. In jedem Zeitpunkt des Strebens und Fortstrebens gicbts immer Gegen par- theien, die für und wldcr einander geboren zu seyn scheinen und die sich einander oft nahe genug leben. Die Gottheit hat sie in Einen Zeitraum gesetzt: ihre Kräfte mäßigen einander, daß ein drittes mittleres Gute aus den zusammengesetzten Bemühungen beider herauskommt. Denken Sie an die Independenten und Katholiken, an die Freidenker und Puritaner in England, in Holland an den Cartesianismus und Coccejismus, die auch zu Einer Zeit waren; in Frankreich an die Jesuiten und Janscnisten; endlich an Wolf und Lange, Wolsiancr und Herrnhuter in Deutschland. Ich mag zu unsrer Zeit niemand nennen; mich dünkt aber, der bescheidne kluge Mann und Jüngling bleibt in der Mitte und lernt, wenn etwas zu lernen ist, von beiden. Je unparthciischer und vertraglicher ers thut, desto mehr ist er seiner Ruhe, seines Besten und des Ruhms der Nachwelt versichert. Endlich am allerwenigsten laßt uns uns aufdrängen , oder andre verdrängen und verfolgen. Schämt sich jetzt Holland nicht, daß es seinen Grotius verstieß? Sachsen nicht, daß cs seinem Melanchthon so trübe Stunden machte? Jetzt sehen Herders Werke z. Nel, u. Theo!, L. S 274 Briefe an Theophron. wir jedes unwürdige Werkzeug der Verfolgung in seinem Licht und nennens bei seinem Namen. Sobald also die Sache verwickelt ist , so sage man: non liynst und überlasse es dem Könige, der Licht und Finsterniß schafft und ändert Zeit und Stunde. Er giebt den Weisen ihre Weisheit und den Verständigen ihren Verstand. Er sähet die Weisen in ihrer Spitzfün d »gkr it und stürzet der Verkehrten Rath. Er weiß, was in Finsterniß lieget, denn bei ihm ist eitel Licht! IV. Gutachten über Vorbereitung junger Geistlichen auf die Akademie. S r Ueber die Frage: Ob nicht bei den Studirenden, welche sich dem Predigtamt widmen, das Beziehen der hohen Schulen als eine Nothwendigkeit ganz abzuschneiden? dagegen eine Veranstaltung zu machen sey, den hiezu erforderlichen genügsamen Unterricht selbigen durch eine bei Gymnasien hierzu zu machende Einrichtung geben zu lassen? Ein Gutachten.*) i. Grund der Frage. Der Frage scheinen zwei Rücksichten zum Grunde zu liegen, denen schwerlich widersprochen werden mag: i) Die Erfahrung, daß junge Geistliche, wie sie jetzt auf Universitäten oft gebildet werden, ) Aus zwei, innert den 6 letzten Lebensjahren des jel. Verfassers darüber geschriebenen Gutachten ähnlichen Inhaltes zusammengczogen. A. d. H. 278 Gutachten über Borbereitung selten so beschaffen sind, wie sie ihr künftiges Amt fordert. Sie haben vielleicht viel Unzwcckhaf- les, vielleicht auch gar ihrem zukünftigen Stande Widriges, nur nicht immer das Nutzbare gelernt, das doch allein dem Zweck ihres Studiums gemäß war. Ost haben sie gar, was sie auf dem Gymnasium lernten, auf der Universität verlernt, und eine Gestalt angenommen, in welcher man den ehmals Hoffnung gebenden Gymnasiasten kaum mehr erkennet. Diese Erfahrung auszumahlen, wäre so nutzlos als traurig; genug! daß junge Leute, wie sie von der Akademie kommen, wenn sie sich mit diesem ainkitlis theologischer Scienz plötzlich in ihr Amt versetzt sähen, sich in einer neuen andern Welt finden müßten, wo sie wenig von dem brauchen könnten, was sie gelernt, und vieles nicht gelernt hätten, was sie brauchten; diese Disparate wird schwerlich jemand läugnen mögen. — Und nun 2) tritt eine andre Erfahrung hinzu, nämlich , daß kein Ort sey, wo sie es lernen können. Der Jurist, der Arzt eilt zu seinem Geschäft durch praktische Uebung; der Theolog bleibt sich selbst überlassen, fast ohne Aufsicht. Er wird Kindcrleh- rer oder studicl für sich allein. Keine wohllhätige Hand, die ihn leite, die das, was in ihm verschraubt ist, zurecht lenke, die ihn fortbilde, die ihn durch Uebung zum Manne mache, der er werden soll. Dazu keine Einrichtung, keine Anstalt! Die Gemeinen bekommen Lehrer, Arrfsehcr, Führer, welche die Vorsteher der Kirche nie Gelegenheit genug gehabt haben, kennen zu lernen; noch weniger sind sie im Stande gewesen, sie wäh- junger Geistlichen aufd. Akademie. 27g rend ihrer Candidaturjahre zu leiten, zu bessern, sortzuleiten. — Fremde Religionsvcrwandte staunen; der Menschensinn und der Geist des EhristenthumS staunen noch viel mehr. Bei diesem war Uebung, Uebung durch Grade, seine Gcundcinrichtung; jener, der Menschensinn, fragt: „Wie? künftige Lehrer ganzer Gemeinen ohne eigne praktisch-gebildete Belehrung? künftige Führer der Gemeine ohne eigne Sitten und Führung? Und das zu unfern Zeiten, wo mans endlich muß einsehen lernen, daß auf eine weise Stimmung und auf eine verständige Führung der Gemülher viel, viel ankommt! — Und daß am Ende doch, bei allen unfern Künsten, es Niemand ist, der der Menge, zumal auf dem Lande, biefe Stimmung zu geben vermag, als ein mit Ansehen begabter, verständiger Geistliche." Sehr verwildert müßte die Denkart eines Landes scyn, die dies nicht cinsahe, und diesen leeren wüsten Platz der Nichtbildung zukünftiger Geistlichen nicht mitleidig für die Gemeinen, grausenvoll für die zukünftige Menschheit fühlte. Daß also die Frage eine unparthciifche Beherzigung wohl verdienet. 2. Stellung der Frage. Universitäten gerade entgegengestellt wünschte ich nicht die Frage; denn süo Gutachten über Vorbereitung 1) Universitäten sind da; zur Bildung zukünftiger Geistlichen sind ihre thevlogi, schen Lehrstühle gegründet; Landesherren stifteten und begabten sie zur Bildung künftiger Geistlichen ihrer, und sodann andrer Lander. Der Glanz, mit dem sie in die Ferne strahlen, die so, genannte allgemeine theologische Gelehrsamkeit, die Doctorhüte, die sie verleihen, sind ein rühmliches und von selbst kommendes Prachtgewand; ihr eigentlicher Zweck aber ist Nutzbarkeit, Nutzbarkeit für die Lander, die sie ernähren. Sollten sie mit der Zeikfolge von diesem Zweck abgewichen feyn oder abweichen wollen, (worüber ich nickt zu entscheiden habe) so führe man sie auf ihren ursprünglichen Zweck zurück. Man zeige ihnen die reelle, würdigere Bestimmung, dazu sic gestiftet wurden; wenn dies auf eine verständige, würdige, zweckmäßige Weise geschieht, kann cs nicht anders als die beste Wirkung haben: denn keiner Facullät in der Welt kann es lieb seyn, blos als Trümmer einer verlebten Zeit, ohne gute oder ohne die beste Wirkung auf die gegenwärtige und zukünftige fort- zudaucrn. Je mehr bei Wahl der Professoren nicht auf einen eiteln Ruhm von aussen hinein oder von innen heraus, sondern auf praktische Nutzbarkeit zur Bildung junger Geistlichen, wie Land und Zeit sie fordert, gesehen wird: um so mehr machte sich diese Verjüngung alter theologischer Faculta- ten von selbst. Sie blühten auf als nützliche Bau, me des Landes, des Bodens, in dem sie gedeihen.— 2) Um so weniger, dünkt mich, könnte eine theologische Lehranstalt in dem Land (von dem hier junger Geistlichen auf d. Akademie. 28 r die Frage ist) der Universität neben oder gleichsam entgegengesetzt werden, da diese neue Lehranstalt immer doch eine Art theologischer Facultät (ohne Verleihung der Doctorhütc) werden müßte. Es würde ein seltenes Glück dazu gehören, wenn ein oder zwei oder auch drei Lehrer jederzeit dem Theologen die ganze Universität ersetzen könnten. Ein Mann zumal kann nicht Alles lehren, und wenn er auch alles zu lehren sich anmaßte, oder wenn ihm solches auch von der Regierung zugetrauct würde: so wäre die Geistlichkeit, mithin auch ein ganzes christliches Land zu bedauren, das von dem Munde eines einzigen theologischen Orakels in der Hauptstadt abhinge. Wie bald könnte der dümmste Ignorant, der einseitigste Schwazcr, der leerste Heuchler ein solch privilegirtcs, tönendes, gebietendes, tyrannisches Orakel werden, dessen Epoche sich nicht anders als mit dem Schaden und Schimpf des ganzen Landes endete. — Die theologische Kabalen - Geschichte der vielen kleinen Fürstenthümer und Grafschaften Deutschlands hat ärgerliche Beispiele dieser Art genug gegeben, in denen die Fürsten und Landesherren fast immer eine zu unangenehme Rolle spielen, als daß man sie für die Zukunft zurückwünschen sollte. Alle Monopole sind verhaßt; in Wissenschaften sind alle Abschränkungen gefährlich; sie drohen mit Barbarei, Anmaßung, Heuchelei und Thorheit. Bald würde man die jungen Geistlichen dieses Landes (falls sie sich nicht offenbar durch Ruhm auszeichnetcn) als Gymnasiasten , als unakademische Schüler auszcichnen, und sie mit Spottnamen belegen rc. Vor nichts aber, dünkt mich, müsse man den geistlichen Stand so sehr bewahren, 2Ü2 Gutachten über Vorbereitung als vor Verachtung. Geistliche Handwerksbursche würden die Pastoren heißen; und nach Lage der Dinge würden sie es in kurzer Zeit nicht auch werden? „Von der Schulbank auf die Kanzel! auf den Altar!" würde man sagen, und die Schulknabcn in Mantel und Kragen, brachten, fürchte ich, den ohnehin so tief gesunkenen Lehrstand in die letzte Verachtung. Ich stelle mir also die Frage so: „Welche Anstalten sind zu treffen, daß bei den jetzigen Mangeln und Fehlern hoher Schulen, die nicht leicht abgeändert werden konnten, Geistliche zu ihrem Stande brauchbar gemacht würden, falls sie auch vom Besuch der Akademie eben nicht dispensirt werden dürften? " Und da bietet sich zu Erreichung dieses cdeln Zweckes, wie mich dünkt, eine sehr leichte und lichte Ansicht dar. 3 . Gegenwärtige Mängel und Beschwerden. — Fehler der Universitäten. i) Der schädlichste Fehler der Universitäten für junge Theologen liegt — frei herausgcsagt! — nicht in der theologischen, sondern in der philosophischen Facultät. Hier lernen sie, nach dem jetzigen Zuschnitt der Dinge, Sachen oder vielmehr Worte, Sitten, eine Denk- und Schreib- junger Geistlichen aufd. Akademie. 28Z art, die sie zu ihrer künftigen Bestimmung wo nicht ganz unbrauchbar, doch so unförmlich und mißgebildet machen, daß manchem eine völlige Wiedergeburt des Geistes, der Denk- und Schreibart nöthig wäre. Jene barbarisch - kritische Philosophie, die fast alle populäre Sprache aufgehoben, jeden Kegel auf den Kopf gestellt, und die ganze menschliche Denkart revolutionair zu machen gesucht hat, hat auch die Theologie aus ihrer Wurzel zu rücken sich bestrebet, indem sie statt ihrer eine „Re- ligionsphilosophie" Mode gemacht hat, nach welcher Jeder sich die Religion erst a xrlori selbst erfinden, und in dieser barbarischen Erfindungssprache vortragen muß, wenn sie Religion seyn soll. Und da sich diese Philosophie xsr kao et nskas verbreitet und die widrigsten Anwendungen sich erstrebt hat: so kann ich ganz unpartheilich (denn ich ehre den Urheber dieser Philosophie sehr) die schiefen Wirkungen nicht genug schildern, die sie auf die Köpfe junger Theologen macht und gemacht hat. Der Jurist und Arzt schützen sich gegen sie durch ihre Kunst, durch ihr Handwerk; der Theolog (da Theologie und Philosophie von jeher mit einander zu thun hatten) fallt in ihre Arme und wird durch sie ganz zu Grunde gerichtet. Jede Gemeine ist zu beklagen, die zu ihrem Lehrer einen kritischen Philosophen nach der neuesten Mode bekommt; wenn er diese Mode nicht vergißt, oder das Herz hat, ihr zu entsagen, hat ec große Mühe, in seinem Amt das zu werden, was er seyn soll, ja ich sehe kaum, wie ers anzunehmen Muth hat? — Diese Philosophie also jungen Theologen entbehr- 384 Gutachten über Vorbereitung lich zu machen und von ihnen zu entfernen, halte ich für eben so verdienstvoll als khunlich. 2) Es ist eine gemeine Klage, daß junge Leute zu früh und unreif aufdicAka- demie kommen. In Ansehung der meisten Subjekte ist die Klage auch wahr. Gegen altere Zeiten gerechnet sind manche Ltuälosi noch Kinder; und da der Verstand nicht vor den Jahren kommt, so können sie die Akademie nicht anders als Kinder nutzen; sie fangen blind an; sie beten nach. Und was die Sitten betrifft, betragen sie sich oft kindisch; die Idee akademischer Freiheit berauscht sic; sie werden in Orden, in böse Gesellschaften hinein- gezwungen, zu thörichten Aufzügen und Aufrühren oft beinahe wider Willen verlocket, und sehen zu spat ein, daß diese Kindereien ein Mißbrauch ihrer gefährlichen Fceiheitsjahre waren. Jedem Vernünftigen fallt die Disparate zwischen dem Alter dieser akademischen Kinder und den Gefahren dieser akademischen Freihcitsplatze auf. „Wie? sagt er bei sich selbst, eben in den kritischen Jahren des menschlichen Lebens macht man unreife Jünglinge gesetzlos und schickt sie in einen beinahe ungezählten wilden Haufen?" Und was die Wissenschaften betrifft, muß er sagen: „Wie? diese unreifen Sprößlinge sollen jetzt und auf einmal und durch einander alle Wissenschaften empfangen? Wie die Stunde schlagt, soll ihnen jetzt diese, jetzt jene in buntem Gewirr eingeimpft werden? Entweder muß der Professor zu ihnen als zu Kindern reden, oder, wenn er dies vergißt, welche Verwirrung der Begriffe wird er in ihnen erregen?". junger Geistlichen auf d. Akademie. 285 3 ) Nirgends fällt diese Disproportion mehr auf, als im ersten akademischen Lehrjahre. Natürlich werden die Uner- fahrncn dann am meisten gcmißbraucht; ihr Freiheits-Privilegium ist noch nicht gebüßt, ihr Freiheitsrausch noch nicht ausgeschlafen. Und" da dies Jahr gerade der Philosophie bestimmt ist, so kommt, zumal wenn diese aufweckend (revolutionär) vorgetragen wird, bei einem jungen Gemülh leicht alles in Brand, in Aufruhr. Der Professor, der ihnen zum allgemeinen Heil der Welt so unerhörte Sachen vertragt, ist ein Mensch ohne Seinesgleichen ; sie schwören auf seine Worte. Der abscheuliche Sec tengeist mit allen seinen giftigen Folgen hat auf Akademien sein Nest; hier wird er ausgebrütet, genährt, erzogen und sodann in die Welt durch Zeitungen, Bücher, tollgemachte Jünglinge versendet. Sehr spät und durch eignen Schaden lernen sie einschen, daß sic mit dieser Weisheit nicht fortkommcn; oder sie lernen es nie. Die einmal angenommene Form, die gelernte unverständliche Sprache klebt ihnen an und sie verderben damit die Leute. Dazu kommt 4) daß die meisten Wissenschaften, die im ersten akademischen Lehrjahr getrieben werden sollen, durch akademische Vorlesungen gar nicht, oder nicht recht gelernck werden können, weil sie Schulstudien sind. Hic- her gehören u) Sprachen. Hat jemand sie grammatisch sowohl, als durch Aufsätze und Uebungen in der 266 G u tach ten ü be r V o rbc reitung ' Schule nicht gelernt; in akademischen Collegiis wird er sie nicht lernen. Er muß xrivatissimu nehmen, und dies sind Schulstunden, dazu kostbare Schulstunden, und er bleibt vielleicht dennoch ein Stümper. K) Arithmetik und Geometrie. Sie lassen sich im akademischen Haufen nicht lernen: denn sie beruhen auf Anwendung und Uebung jedes einzelnen, der sie treibt. c) Universalgeschichte. Im halbjährigen Collegium wird sie ein schöner Diskurs, aus dem der Zuhörer nichts als flach raisonniren lernet.. Sie beruhet auf Uebersicht der Begebenheiten in synchronistischer Zusammenstellung, also auf Tabellen und Chronologie. Geographie ist ganz ein Schulstudium; sonst lernt man sie nie recht. ä) Logik, wenn sic brauchbar seyn soll, ist scharfe Terminologie und Uebung. Ein Diskurs darüber verfliegt. Die Alten trieben Logik wie Mathematik, d. i. schulmäßig. e) Metaphysik. Entweder ist sie Terminologie; und so kann sie besser auf Schulen gelernt werden; oder sie giebt von mancherlei Hypothesen Nachricht; und da wird sie, ohne Sektenhaß und Neid, durch eine gute Geschichte der Philosophie von den ältesten bis auf die neueste Zeit viel bildender und umfassender auf Schulen gelcrnet. Oder sie ist Psychologie; da tritt sie sehr lehrreich mit der Logik zusammen: denn diese ist ein praktischer Theil von ihr. Der Mensch kann sich selbst, d. i. seine Seelenkrafte und Neigungen nicht früh genug kennen lernen. Ich will nicht hinzusetzen, daß manche für junge Theologen unentbehrliche Wissenschaft, z. B. Methode des Unterrichts, öffentlicher Vortrag u. f. selten oder nicht immer gelehrt werden: daher jeder, der von der Akademie in den Unterricht anderer cintritt, sich erst eine Methode suchen muß. Meistens unterrichtet er, wie er unterrichtet ward, gut oder böse. Auch diese Wissenschaften sind also Schulstudien durch angewandte Vorbilder und eigne Uebung. Aus allem ergiebt sich, daß viele Beschwerden abgethan, viele Mangel ersetzt werden, wenn man jedes Studium an seinen Platz stellt, und von der Akademie wegnimmt, was für sie eigentlich nicht gehöret. 4 - Anstalt dagegen. 1) Man schicke die jungen Leute ein Jahr spater auf die Universität, halte sie langer auf Schulen, erweitere den Cursus der Lectionen der Schule, und bringe alles dahin, was für Schulen gehört. Denn werden junge Leute diese Lectionen gründlich, mit praktischer Uebung lernen; und zwar mit praktischer Uebung, unter Verbesserung und Aufsicht; dann werden Gymnasien ihres Namens O^irinaoiuna naacksmiaurli wcrth. 2) Für diese akademischen Studien, die auf Schulen getrieben werden, muß ein Unterschied unter den Lernenden, also in xrftna eine 283 Gutachten über Vorbereitung selscta gemacht werden, in der die Jünglinge sich als acaäsmici betrachten und schätzen lernen. Als solche werden sie auch behandelt, und so wird ihnen das längere Verweilen auf der Schule nicht hart fallen; der Uebergang auf die Akademie wird sie nicht schwindelnd machen. Sie sind auf denselben bereitet, und treten (wenige LolleZia ausgenommen) gleich zu ihrem Studium, als zum Geschäft ihres Leben s.*) - Die Lectionen, die in dieser akademischen 8 e- IsLta gegeben und getrieben würden, waren: 1) Fortgesetzte Lesung der Griechen und Römer. 2 ) Ausarbeitungen und Aufsätze zur Bildung der Denk- und Schreibart, die unentbehrlich sind, und zu denen es auf der Universität fast keine Gelegenheit giebt, indem man da nur höret. 3) Fortgesetzte cbraische Lectüre.' 4 ) Fortgesetzte Mathematik, Physik und Naturgeschichte. 5) Fortgesetzte Universal- und Staatengeschichte. 6 ) Logik und Metaphysik, setzte mit der Geschichte der Philosophie verbunden. 7) *) Folgen: Vorschläge über Titel, Rang, Gehaltsvermehrung der bei dieser Lehranstalt anzustellen- dcn Lehrer, über die Ausführbarkeit derselben nach dem Lokale des Orts: die nicht für den Druck geeignet sind. junger Geistlichen auf d. Akademie. 289 7) Rhetorik und Declamation, zu denen es auf der Akademie fast gar keine Gelegenheit giebt. 8) kxsmiirsi.oris über alle vorhergehende, ohne welche dem Jüngling alles eingcpackt bleibet, und die auf der Universität nach jetziger Einrichtung ganz fehlen. 5 . Gutes, das durch diese Einrichtung bewirkt würde. Dies sagt sich selbst: denn 1) bekamen die Jünglinge dadurch ein sicheres Fundament der Wissenschaft, der Geschicklichkeit der Denk- Und Schreibart zum Gebrauch ihres ganzen Lebens. Was man hievon in Schulen nicht lernt, lernt man selten auf Universitäten. 2) Auf diese kamen sie nicht nur bereiteter und vcster, sondern auch sicherer vor Gefahren. Sie schritten gleich zu ihrem Berufstudium, und vergaßen bei ihm die Lust, philosophisch zu tumultuiren. 3 ) Für Arme, deren die größere Zahl ist, wäre diese Einrichtung eine große Wohlthat; sie ersparten auf der Universität ein ganzes Jahr Zeit und Unterhalt , auch Aufwand für die 6olIsZis . . . Der Theolog könnte seine Hauptwisscnschaft sodann sehr gut in zwei Jahren vollenden. 4) Wer sich einer Hülfswissenschaft, z. B. der Philologie, Mathematik, Philosophie u. f. ex pro- kssoo widmen wollte, könnte sich ihr sodann ganz und sogleich widmen; er hätte sie auf der Schule schon im Innern kennen gelernt, und könnte eigentlich in ihr sä nltiora schreiten. Herders Werke i. Rel. u. Lheol. X. T 29s Gutachten über Vorbereitung ü) Keinem Theologen wäre damit untersagt, aus der philosophischen Facultät mitzunchmen, woran es ihm noch fehlte; ja es wäre gut, daß jedem einige allgemein-nützliche OollsArn, z. B. Anthropologie, u. a. zu Horen, zur Pflicht gemacht würde. Das kann er aber immer wahrend der zwei Jahre neben seinen theologischen Lollsgiis auch. An nützlichem Fleiß, ohne Aufwand, hatte er ein Jahr gewonnen, und dem philosophischen Nevolutions- und Ordensjahr wäre er entkommen: eine zweifach schätzbare Wohlthat. Einwendungen, die dagegen gemacht werden könnten. r) „Man derogire der Universität, wo eine Landes - Universität ist." Allein n) Eine Schwalbe macht keinen Sommer. Ein kleines Land mit wenigen armen Theologen macht einer berühmten Universität dadurch einen äußerst unmerklicken Abgang. U) Professoren sind eigentlich nicht da, Schulstudien, sondern höhere Wissenschaften zu lehren, und es muß ihnen selbst zur Last seyn, Knaben-Elcmcnte zu wiederholen. Wären also alle Gymnasien Deutschlands so eingerichtet, wie ich dieses wünschte, so müßte ein Professor der Universität sagen: „desto besser! nun kann ich lesen, wie und für wen mir zu lesen anständig ist. Ich kann die Wissenschaft selbst forcb'nngen, erhöhen, befördern." junger Geistlichen auf d. Akademie. 291, 2) „Man nehme den Jünglingen Ein Jahr akademischen Unterrichts: drei Jahre sind kaum hinreichend u. s. w." — Allein s) Man raubt ihnen kein Jahr, sondern trans- locirt es, und giebt es ihnen mit Ersatz auf einer angemessencrn Stelle wieder. k) Niemand wehrt den Begüterten, daß sie nicht drei oder mehrere Jahre auf der Universität bleiben, oder gar mehrere Universitäten sehen; hier ist nur von dem die Rede, was von Aermern gefordert wird.... c) Wohl aber ist klar zu zeigen, daß zum ordentlichen theologischen Cursus für einen, der Prediger werden will, zwei Jahre zurcichen, wenn das vochergegangen ist, wodurch er zur Akademie bereitet werden soll, und er seine Jahre wohl vollendet. Denn diese Studien sind : 1) Dogmatik und Dogmengcschichte. 2) Moral. 3 ) Einleitung ins A. und N. Testament. 4) Exegetische Vorlesungen über einige Bücher der Bibel. 5 ) Kirchengeschichte. Noch setze ich hinzu, warmem Theologen äußerst nolhwendig ist: 6) Medicinische Anthropologie. 7) Litterargeschichte, und wenn er 8) 9) Eine oder zwei Lieblingswisscnschaften neben an hätte; wenn er seine Zeit wohl anwendet, kommt er doch aus. Ein wohl zubereiteler junger L 2 Gutachten über Vorbereitung ic. Mann lernt mehr in zwei Jahren, als unzubcrcitete in zehn Jahren lernen. Selbst die Philologie und Philosophie werden, wenn sie ihm lieb sind, ihre Platze finden. *) *) Folgt, Plan zu einem Seminarium für künftige Geistliche (ein Lieblingsgedanke Herders!) wie sie nach vollendeten akademischen Jahren praktisch geübt und gebildet werden sollen: weil aber dieser Plan ebenfalls ganz lokal »st, so konnte er hier nicht mitgetheilt werden. A. d- Her. V. An Pred i g e r. Zwölf Provrnzialblätter. 1774. X. Inhalt der Proviiizialblätter. A I. Ursprung des Priesterthums in dcr Zeit dcr Patriarchen. Bilder derselben nach den ältesten Nachrichten: nach unfern idealisirte» Gedichten. Priesterstand aus der erste» Anlage dcr Natur. Ob bloS aus Betrug entstanden? ob aus verabredeter Willkühr der Gesellschaft? Wichtigkeit des Priesterthums Jahrtausende hindurch zur Bildung der Menschheit, Auf- behaltunq dcr Wissenschaften, Gleichgewicht der Stande u. s. w Was Prediger noch jetzt zur Bildung der Menschheit werden sollten und könnten? Wissenschaften, die ihnen ^ allein am nächsten liegen. Einfalt dcs Slan- .s des, wo sie noch sey? - II. Woher in Judäa der Priesterstand ein Na- ' tionalstand werden konnte? Erklärung aus dem alten Deutschland. III. Christlicher Priesterstand. Kirchenordnung der Protestanten, aus welchen Zeitumstanden sie entstanden? auf welchen Gründen sie beruhe? Hume's Priester. Ob Priester ein Stand sind, und Charakter des Standes haben dürfen? IV. Propheten. Von den Beweisen der RcligionS- l ^ Wahrheit: was abgebraucht ist? und warum die Philosophie solcher Art in unscrm philosophischen Jahrhundert so wenig würke? Einiger und simpelster Beweis dcr Rcligionswahr- heil. Ucbccsetzung und Darstellung der Bibel. V. Prediger, als „Lehrer der Weisheit und Tugend" — weis sie für Widersprüche dulden und selbst begehen? Bortrag der Propheten, und Predigten unserer Zeit. VI. Predigt, als Rcdcgattung betrachtet. Theorie unserer Predigten, und Verhältniß der Theorie auf die menschliche Seele. VII. Lehrer der Offenbarung. VIII. Soll ein Prediger Glaubenslehre treiben? Sonderbare Verwirrungen darüber. Soll er blos Moral lehren? Vorschläge. IX. Daß symbolische Bücher alle kasual seyn müssen. Wie gut und bestimmt, daß sie es sind! Wie also zu brauchen? Ansprüche von Abschaffung derselben. Wer sie abschaffen soll? und was in ihre Stelle? X. Ucber die Gefühle des Christenthums. Welches sind die Kräfte, an denen Gott würket? Vorbilder und Analogie der Bibel. Richtscheidung für gesunde Begriffe der Menschheit. Wie die Gottheit würke? wie weit wir es zu wissen brauchen? verstehen können? Begeisterung des Predigers. XI. Christus Bild. Starke, treffende Züge seines Mensch - und Lehrcharakters. XII. Religion und Lehrart Paulus, und ob er blos Tugend predige? Johannes Lehrart. I. Patriarchen. Jahrtausende! die ersten Jahrtausende der Welt waren sie die erste Haushaltung Gottes auf Erden! Durch sie und an '.e stuffenweise seine erste Offenbarung: an sie die ersten Prüfungen und Entwicklungen der Tugend: sie also, als Vorbilder, Lehrer und Gottes Werkzeuge Jahrtausende hin, die ersten Erzieher der Welt! Es ist immer mit eine glückliche Falte unsres Jahrhunderts gewesen , diese ersten Musterscelen dcS menschlichen Geschlechts auch auf den Schauplatz der Dichtkunst zu führen, und da sie die Anfänge der Bibel und Weltgeschichte, die ersten Eindrücke unsrer wärmsten Jugendfreie werden, sie zugleich mit allem Leben der Schöpfung (wenigstens mit allem Schmuck der Vorstellung) begleitet, zu Anfängen, warum nicht auch zu den höchsten Stuffcn unsrer Dichtkunst zu machen — wahrlich eine glückliche Falte ! Einfalt, H oh cit und Gottcs- seele muß immer aus jedem Entwurf hervorstrah- An Prediger. 298 len, der, dem Labyrinth spaterer menschlichen Tugenden , Gewerbe und Vernünfteleien entnommen, in dem, was sic auch dichterisch thaten und dachten, im ersten, nicht ersonnenen goldenen Alter der Welt liegt ! und so wie doch auch ein Wandrer von nicht enthusiastischen Sinnen vor einer Pyramide oder einer heiligen Eeder Gottes, wenn gleich etwas Trümmer oder vom Beil der Zeitfolgcn verstümmelt — wie niemand doch vor ihr ohn' einigen Schauer von Verehrung und Rückzaubcrung in die alte Welt vorüber gehen kann: so kaum auch vor einem episch-dramatischen Adam, Abraham oder Noah, wäre er auch als solcher nicht völlig mehr was er war. Und eben das ists, was ich allein bei diesen Nachahmungen der heiligen Muse zu sagen halte! Dichtkunst, so groß, so schöpferisch und talentvoll, so nützlich und ganz, als sie allerdings bei einigen, den größten Dichtern neuer Zeiten, jedermann vorstrahlet: aber als G e sch i chte des Menschengeschlechts, als erste heilige Stimmen der Offenbarung, als gottenthüllte Wahrheit, stehn die meisten da auf so ebenem Boden, als sie jeder Religionsgläubige ganz und innig wollte? Der Adam Miltons und Klvpstocks ist er der große Uc- und Stammvater des Menschengeschlechts? im Licht, oder was noch schwerer, in feierlichen Rath- sel schatten, in der Vernunft - und sprach- und kunstacmen Einfalt, in der starken, von keiner Tändelei abgezehrten und in keine müßige Flocken aufgelösten Hülle und Fülle von G 0 tt e s e m p fi n- dungen, Menschenrege und Menschen- Zwölf Provinzialblatter. 299 kr asten, als ich mir ihn, lebend und sterbend, und wieder in den mannichfaltigsten Zustanden seines Menschenlebens lebend, als Jüngling und Lehrling unter der Hand Gottes, da die erste Stimme ihn segnete — allein unter Thiercn des Feldes — und da er aufwachte und sein Weib, die Mutter alles Menschengeschlechts, umarmte! und da die zweite Stimme Fluch über ihn sprach! und da er die ersten Anfänge machte, im Schweiß seines Angesichts zu säen, und Dorn und Disteln zu ernten! und wie er den ersten Sohn! — und den zweiten von ihm erschlagen erblickte! und einen neuen von Gott gegebnen seine Hütte bauen sah! und selige Geschlechter sich um ihn sammlen! und Gottes Leitung und Segen stuffenweise in sichtbaren Fortgängen über sie walten, und nun dem Tode isich nahend , aus der Stelle! höchste Höhe und zugleich dunkelste Tiefe! — Adam, der alle das erfah- r en, erlitten, gethan, erlebt harte! Stammvater und gewissermaßen Inbegriff des ganzen Geschlechts! Hieroglyphe dessen, was Alle nur erfahren, leiden, erleben und lhun sollten! — Der Adam, wie ich ihn mir als solchen nicht denken, nicht nachempfinden kann (denn wer bin ich Zärtling meines Jahrhunderts zu ihm, der Urfülle der Menschheit!) sondern ihn nur in dem leisesten Lispel dunklen Gefühls aus der ganzen Masse der verlebten Menschheit und geschehnen Gottesoffen bacung ahnde — Der Adam, wo ister? wer hat ihn geschildert? wer könnte ihn in einem Augenblick schildern, daß cs Wort- gcschwatz von Epopce, Empfindungs-Kreisel von Drama würde? Etwa Ein Strich, Ein Machtzug von An Prediger. 3c>n Zeichnung, woran ich und jedes seiner Kinder bis an den letzten Urenkel ihn kcnncte — nennte und empfände — wem erstarret dafür seine Hand nicht? Da ist allein die Zeichnung Gottes, in all' ihrem heiligen Licht und Dunkel ! aber wer, der sie verstehet? der sich in die Ferne des Nachhalls einiger einzelnen Himmelslauke hin zu versetzen Lust hat? Welch ergreifendes Got- tcsgcfühl hat dieser Minze heilige Boden von Ad am zu Noah, von Noah zu Abraham und Jakob! Das Bild der Schöpfung, die Durchblicke ins erste selige Leben, die Hieroglyphe um den Baum der Erkenntnisse, die Trauergeschichtc des ersten Opfer- und Brudermordes, die heiligen Namen und Gcschlcchtsstamme, mit den kleinen Zwischentönen , „der lebte mit Gott und ward nicht „mehr gesehen! dieser wird uns trösten in unsrer „Mühe und Arbeit auf Erden, die der Herr verflucht hat!" die ansgcmahltere Geschichte des Unterganges der alten und des WiedcrherstcllenS der neuen Welt, bis an die Völkervertheilnng um das Denkmal ihres Namens und ihrer Verwirrung — heilige Stimmen der Vorwelt! wie seyd ihr verbuchstabirt, und in eurer simpelsten Einfalt mißverstanden! — Welch eine Gottcsgnadc, gelange mirs in meinem Gang unter jener Dämmerung der ersten Morqcn- röthe, bis zu euch zu kommen! euch aufzuhellcn! euch zu geben, wie ihr seyd! — Die Geschichte Abrahams und seiner Geschlechtszweige ! Sein Nuf und hoher Gehorsam, seine Gottcsoffenbarungen und zugleich seine größeren Prüfungen, Vorbild und Muster jeder Art — Zwölf Provinzialblätter. 3or auf welcher Höhe! in welchem Urlichte des Aufgangs ! Wer, der bei seiner stillen, schweigenden Aufopferung Isaaks nicht unendlich mehr ergriffen, als bei jenem Theatergeschrci und Verwirrung um Iphigcnia, bei der für einen, der auch nur Homer gelesen, fast nichts wahr und erhaben würkt, als etwa die Auftritte ihrer eignen freien Aufopferung vor und bis zum Tode — und hier von Baker und Sohn und Allem, was vorher und ringsum ist und nicht ist, welch erhabnerer, stiller, einziger Auftritt! des Glaubens und der Liebe! der Selbstüberwindung und Hingabe in Gottes Wundcrmacht und Wiedererweckung des tobten Sprößlings, des crstorbnen Segens aller Welt! Vater des Glaubens und aller Gläubigen Vater! Er ist in kein Drama zu fassen, in keine Worte und Phrasen zu verschwommen — da stehet er! und seine Söhne und Enkel nach ihm! Und ihre so mannichfaltigcn Schicksale und Gottes-Offenbarungen mannichfalt, als ihre Personen und Sinnesarten! Und ihre Ausblicke auf die Nachwelt eben mit den gcbrochnen Vater-Augen! von ihren brechenden Vaterlippcn der seuer - und erfüllunqsreiche Segen auf Welt und Nachwelt! — Ich knie vor ihrem Bette! auf ihrem heiligen Tritten und Schritten! Würd' cs mir doch einst, mit zitternder Hand wenigstens die Pfeiler zu zeichnen, die sie in dem großen Fortgebäude Gottes auf Ewigkeiten hinunter waren! Endlich jenes ausgrmahltere Patriarchcnbild m seiner Wüste der Allberaubung, Kummers und Elendes! in seiner Gruppe falschen FreundcstrosteS,' Hohns und der Dolchstiche an seine Seele — Hiob! 3v2 An Prediger. Wie er auf seinem Scheiterhaufen der Geduld und des Glaubens an Gott, und dann der bangesten Verzweiflung thronet! woher? und fernher cs auch sey — die Nachhalle der Klagen dieses Unglückseligen von wie dunkelm Grunde! aus seiner Wüste Steinselscn, Ungemachs und selbstgeraubten Trostes! mit schrecklichen Pausen, und schrecklicher» Wiederaufzügen des gesammleten Othcms! immer ermattender — bis die Wolke bricht, und mehr als der vergötterte Herkules dem Philoklet, der Rathschluß des Urhebers, des Allvaters, des Allprd- ncrs, entscheidet, richtet, lohnet! Erste, herrliche Theodicee des Aufganges, von Kindheit des menschlichen Geschlechts her! Auch in ihrem Gange der Einfalt groß und rührend!- Ewig werden diese heiligen Trümmern der Vorwelt Muster des ersten Haushalts Gottes im Menschengeschlecht seyn und bleiben! Wie Abraham Gott folgt, und für Sodom bittet, und ein Fürst ist der Seinen in Segen, Ruhe, Religion Gottes, Fried' und Eintracht: „Gott weiß, „er wird befehlen seinen Kindern und seinem Haufe „nach ihm, daß sie des Herren Wege halten und „lhun, was recht und gut ist," und dann jene heilige Hieroglyphe der ältesten Priest e r sch aft „ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlecht, hat weder Anfang der Tage, noch Ende „des Lebens: aber vergleichet dem Sohne Gottes „und bleibt Priester in Ewigkeit" — „Melchisedek, „Priester Gottes des Allerhöchsten! Und er trug „Bcod und Wein herfür und segnete Abraham und „sprach: Gesegnet seyst du, Abraham, dem höchsten Z wölf P r o v nzi al b la tt er. 3o3 ,,Gott, der Himmel und Erde besitzet, und gelobet „sey Gott der Höchste" — Mit welchem Schmuck tritt hier die älteste Priester würde aus dem Lichtdunkel der Urwelt, wie aus einem Heiligthum Gottes, des Friedens, Segens und kindlicher Ehrfurcht hersür — in keine Epopee zu dichten und in keine Wertform zu gießen: zu behandeln, wie sie der Bote Gottes an die Ebraer behandelt, als Borbild! Muster! gvttgewcihter Priester in Ewigkeit nach der Weise Melchisedeks! Wenns werlh war, Vorbild des größten Gottes zn sei-n, wie nicht des kleinsten und größten seiner Nachfolger? Glanz-Figur in jenen fernen Wolken des Aufgangs! wer reicht an dich? wer wird an dich reichen? Es ist, als ob ich den Himmelsgott Homers und Phidias mir denke, gegen diesen kleinen, verschabtcn Jupiters-Kupferstich unsrer Zeit! Daß alle Wurzeln des PricsterstandcS, Priest ernutzens und der äußerst verschrieenen Priesterwürde sich bis in jene seligsten Zeiten der Patriarchen hmunkergraben, ist gewiß, und ists nicht noch jetzt hievon, woher das Priesterthum Lebenssaft und Kraft und wahres inneres -Mark in seine erste Lebensader erhalten muß und soll? ,,Ein Vater, der, wie Abraham, im „Kreise seiner Kinder und seines Hauses nach -ihm „Gott lehret, befiehlt, daß sie des Herrn Wege „halten, und thun, was recht und gut ist!" siehe da der würdigste erste. Priester seines An Prediger. 3 04. Hauses, seines Geschlechts — eines Got- lesgcschlechkS! eines Gotteshauses! Erziehung und Unterweisung der Seinen, nichts geringeres als ein kleines Nachbild der großen Gotteserziehung des ganzen Geschlechts! Jene in einer kleinen Hütte am Staube; diese allwcit und hoch wie der Himmel über der Erden! Priester Gottes, erster König, Water und Haushalter des Hciligthums, was hast du für ein großes Vorbild I „Die erste Anlage der Natur." „Solche cinzcle Wohner waren Priester und „Könige in ihren Hausern und Hofmarken. Sie „richteten über das Leben ihrer Familie und Knechte, „ohne einander Rechenschaft zu geben. Jeder Hof „war gleichsam ein unabhängiger Staat, der sich „von seinem Nachbarn mit Krieg oder Frieden „schied. Jeder Hausvater handhabet«? seinen eignen „Hausfrieden; und wie sie sich mehrerer Sicherheit „halber verbanden, ward diese Befugnis? nicht aufgehoben. Keine Obrigkeit, und vielleicht nicht ein- „mal eine gemeine Gottheit, erstreckte sich in eines „Mannes Wehre. Das gemeine Recht kam, wie „billig, dem Hausrcchte nur zu Hülfe!" *) Der Paragraph enthält vielleicht mehr Erläuterung der Genesis und des Ursprungs der Priest erwürbe, als große Kommentare. Wenn nun, auf welche Weise cs auch sey, Vereinung vieler solcher Haus- und Pricster- stellen *) Mosers Osnabrückische Geschichte, Z. i3. Zwölf P r o vi n z i a l b l a t t e r. 3o5 stellen zu Einem Gemein ward: wenn, wieder Michter -, Adel - und Königsstand und alle Stünde, (die meisten erst wie später!) aus diesem Ursprung erwachsen, cs auch, gewiß früher, der Priesterstand war: wenn da alle Bildung des Menschengeschlechts in seiner Kindheit Unterweisung von Gott und in Gottes Namen war, und sich durch seine Werkzeuge auch am liebsten die Geschlechtstascl hinab fortpflanzte vom Vater auf Sohn hinab, auch durch alle , die Allvater Gottes Stelle auf alle menschliche Söhne unter dem Bilde jedes Vaters im Kreise seiner Söhne verstellten; ohne Betrügerei und willkürliche Verabredung, durch mehr als einen Socialcontrakt des guten Beliebens sprießten hier Keime des abgesonderten, auserwahlten Pcie- sterstandes hervor, und war derselbe, oder wir müssen den Ursprung aller Geschichte zum Teufelsroman und den Anbeginn des menschlichen Geschlechts zur Höllenschöpfuug machen, im eigentlichen Verstände , Werk, Stiftung, Eigenthum Gottes! Er, „der die Menschen alles lehrte, was sie wissen," sonderte sich auch die aus, durch die er sie alles lehrte — Kanal und Quelle alles Unterrichts und gemeinschaftlicher Bildung von Gott!! Immer wirds also eine brüchige Geschichte der Politik oder Politik der Geschichte bleiben, Priester auch in ihrem ersten Ursprünge nicht anders als N a ti o n a l b e a m t e, als G cn e r a l g e w al ti- ger und Handhaber der Gerechtigkeit, dessen Heiligkeit oder Heiligung nicht anders als aus Mensch eng u t w i l len und Ei gen macht hcrge- HerderS Werke i. Net, u, Tlicot. X. U 3o6 An Prediger. rühret hätte, zu betrachten: ihm sodann von da aus, aus einem Quell des Eigennutzes allein, Hei- ligkcil auf ein Gehage seines Bctrug-EinkommenS auszubreiken u. s. w. So wahr dies immer in spaten verdorbnern Zustanden, entfernten, und vielleicht unter dem Zwange der Natur darbenden Erdstrichen seyn kann und würklich ist: so wahrlich „vom Anbeginn der Erealur ists nicht also gewesen!" und darüber haben wir Urkunden, Stiftungen, Geschichte der Welt! Der Gegcntheil hat nichts als Lügen, Ver- muthungcn, Spöttereien, und eine Philosophie, die, wie sehr und einzig sie auch aus sich selbst schließet, vor jedem Geschöpf Gottes zu Schanden wird. Sind von jeher die Priester aus dem Hefen- und Becrugs-Unflath ihres Jahrhunderts entstanden <—' wer in der Welt müßt' es denn eher und mehr seyn, als Gesetzgeber, Könige, Fürsten! Sie, wie die Urgeschichte aller Völker zeigt, zuerst allein aus und durch Priester entstanden! alle ursprüngliche Gesetze, Stiftungen, Einrichtungen, Berbündnisse mit dem Namen Gottes und keines Königs (wer unter allen vom Weibe gebor- uen erkennet als solcher einen auch vom Weibe ge- bornen König, Gesetzgeber, Lebens- und Todesherren?) besiegelt! Mummerei und Betrügerei ist das also viel weniger, als alle Könige auf ihren Thronen Betrüger sind: und ist die O b r i g k e i t, im absolutesten Verstände, von Gott, so in keinem weniger absoluten, durch Philosophie und Spitzfindigkeit etwa untergeschobnen, Verstände ist Prie- Zwölf Provinzialblatter. 207 stcramt von Gokl! Alle Wissenschaften und Bildung, die, wie bewiesen werden kann, von Gott kamen und allein von ihm kommen mußten, waren ihr Sccpter: das ganze Medium der Gottespflege und Erziehung des Menschengeschlechts, der weite Königsraum, worinn sie herrschten und hergehcn konnten! Ihr Können im eigentlichsten Verstände war von Gott! Dies Können also (denn kein Mittel der Bildung, was Gott ans Menschengeschlecht giebt, sollt' ohne Gebrauch seyn) war Pflicht! nicht Befugniß etwa, sondern Befehl, Muß im eigentlichen Verstände. Jsts jetzt Zeitpunkt, da cs die Mode will, den Priesterstand zu verkleinern, so seyS! so wolle sies! Aber in welchen guten Absichten es auch immer sey, meine Brüder! lasset uns selbst nicht die seyn, die der Wahrheit, der Geschichte, der O ffe n ba run g zuwider, auf die Art verkleinern, — nicht uns selbst, unsre Personen , an denen läge nichts, und von ihnen ist im mindesten nicht die Rede — sondern Stiftung, Amt, Werk Gottes, damit es — glorreiche Verwandlung ! — durchlauchtigstes Menschenwerk werde, was denn unscrm Fleisch und Blut, unserm Rangzettel und Pfrün- deregistcc außerordentlich gut zu statten käme, im mindesten aber nicht unscrm Amt und dem Geiste seiner Führung. — Predigtamt eine unmittelbare Anordnung Gottes zum Heil und zu einer Bildung U 2 3o3 An Prediger. des Menschengeschlechts, die kein andrer Stand ersetzen konnte: als solche begann er vom Ursprünge des Geschlechts, trug lange unter einer unmittelbaren Leitung Gottes bei, empfieng Segen unter jedem Weltzustande mit innerer Kraft, wie das Samenkorn des Winters auch unter Schnee und Eis fortzudauren und wiederaufzuwachcn — Winter nun um uns oder Sommer! die Kraft dauret auch jetzt fort, regt sich nur unsichtbar und verborgen auch jetzt; und die Kraft, mit der Hülle, die sie entschließt, war und ist ursprünglich Gottes. Auch mit dem unreinsten Koth bedeckt, auch von der garstigsten Hand in den Koth geworfen: im Wesen des Samenkorns ist und bleibt göttliche Macht: erste Bildung der Welt und des Menschengeschlechts. „Wir wissen es, wie wir zu unfern Aemtern kommen!" Allerdings! und leider! wissen cs viele, daß sie nur zu natürlich dazu kommen sind — was schadet das aber dem Wesen des Amts, dem Ursprung und edlen Zweck seiner Stiftung, den jeder Edlere, als „nicht von Menschen, sondern von Gott empfangen," zum Ziel haben muß, oder er lauft ins Üngewisseste der Dämmerung. Hat auch zu unfern so erleuchteten Zeiten die gesetzgebende Macht noch so große Lücken, daß oft zu natürliche Schlupfwinkel „wie wir zu unfern Aemtcrn kommen," möglich sind: habe sies! Ihre Schuld, und nicht, als Stand, als Amt betrachtet, die unsre! Sind, seitdem glorreiche Dcgenknöpfc und Feldschmarren-Angesichter Engel Gottes auch in der Kirche aussenden, oft, „wie wir zu unfern Aemtern Zwölf P r o y l n z i a l b l att e r. 3og kommen!" leider! keine Wege betrctner, als von der Informator- und VorschncidersteUe Seiner Exccllenz unten ein der Tafel, oder gar, wie's der verschrieene Vorwurf ist, noch arger: schämen mögen sich die, die so kamen, und die also hincin- liesscn: auch werden auf solchem Wege selten anders als ausgetretene Pflanzen wachsen. Aber Amt Gottes, was hast du dessen Schuld? und was gölte das im mindesten dem Begriff deiner Wichtigkeit! Vorzüge und Rechte, sofern sie in innerm Ursprünge, Beruf und Bestimmung liegen — im mindesten was? Allerdings sind wir (und das muß jeder Edlere als ersten Anhauch seines Lebens fühlen!) in unserm Stande so unmittelbar von Gott, als jede Obrigkeit unmittelbar (und nicht im philosophischen Sinne des oontraot social unsrer Zeit!) ist von Gott geordnet! Verbirg also, edler Baum, deine Wurzeln in der Erde, daß sie nicht blos liegen und Klüglinge über dich straucheln: aber innig laß dir diese Wurzeln nicht nehmen: stehe darauf vcst: aus ihnen quillt dir einziger Saft des Lebens. Kammer- und Kommissionsrathe dienen auch, indem sie Menschen dienen, ihrem Gott: dein Stand abersoll unmittelbar Gott dienen, und ob dich gleich niemand als Menschen im Namen Gottes verordnen können, ob du gleich Gott nicht anders als an Menschen und unter Menschen dienen kannst: sollt du aber doch Gott dienen und nicht Menschen, sollt Gott mehr dienen als Menschen: das ist dein Gebot! und das ist so rein! so klar! so unterscheidend! An Prediger. 3io Mit all deinem Menschenberuf wirst du nirgendhin kommen: der Baum schwebt in der Luft! Und wird denn auch von jedem leisen Lüftchen bewegt! Lies Luthers Schriften, der hat gewußt und gefühlt, wo weltlicher und göttlicher Ruf, Ansehen, Vorzug, Bestimmung anfange oder aufhöre. Ich fahre fort. Wars also, daß sich ursprüngliche Stiftung des Worts Gottes so natürlich an die simpelsten Stande der Menschheit, Haus-, Ehestand, Kinderzucht, und überhaupt Erziehung des menschlichen Geschlechts in seinem Fortwuchse anschlang: wo ist noch anders seine liebste Stütze und Statte? Wahre, reine Erzvater Gottes, sucht sie nicht oder weniger in jenen Hauptstädten, in Vorsälen der Höfe, in rothen Schuhen oder gar rothen Hüten und seidnen Kleidern ! Wo es im Kreise nicht Vater und Mutter, Hausvater und Hausmutter, zum eigentlichen ersten Lebenszwecke mehr giebt, da gieblS auch nicht und kann nicht mehr, zum eigentlichen ersten Lebenszwecke, Männer Gottes geben, wie wir sie hier betrachten. Viel andres nützliches, das sie seyn können — Philosophen, moralische Lehrer, geistliche Redner und obrigkeitliche Rache, artige, angenehme Gesellschafter — viel andres, nur des Namens, den wir hier suchen, einfältiger Diener Gottes! sicherlich werden sie sich dessen, wcnns hart geht, auch selbst schämen und entsagen. Der Beruf liegt unter ihrer Zwölf Proviinzialblätter. 3 .» Würde, wenigstens (ohne alle Deutung gesprochen) unter ihrem Kreise: ihnen fehlt dazu Element und Aekhcr! Aber, wenn ich mich dir nähere, einfältiger Hirt deiner einfältigen Heerde! Vater aller, die dei-n sind, die du alle kennest und liebest! in ihrem oft harten, dornigen Lebenswege anmuntcrst, tröstest, und durch Pflicht und Vertrauen zum Hiin, mel führest: guter, redlicher Mann des Himmels! Unterpfand der gemeinsamen Gottesfurcht, Friedens, Redlichkeit und Glückseligkeit deiner Gemeinde! du aller Vater und Greise Bruder! aller Armen und Elenden Kenner und Nvthh elfer! aller Unmündigen und Kinder Erzieher und Vater — edler, einfältiger Mann! Gabe des Himmels! Bote der Gottheit ! Glücklichster und Verdientester (wennS verdiente und glückliche giedt!) der Menschen auf Erden — du liegst verborgen! wirst, als „Wort Gottes auf dem Lande!" verspottet: bist kein — bist allerdings! und vielleicht einzig noch der wahre König zu Salem! König der Gerechtigkeit und des Friedens! Priester Gottes des Allerhöchsten! — Lehre und thue Gottesdienst und glaube! Dein Keim fällt in die Erde, aber die Krone deines Baums wird groß seyn! — In jedem Stande ist Patriarch vielleicht der würdigste, erhabenste Anblick der Menschheit: ein Noah, Abraham, Melchisedek — und leider auch öfters Hiob! des geistlichen Standes in seinem höchsten Begriffe — wie tief fühlt sich ein Edler liegend, wenn er nur hie und da Trümmer des heiligen Goltesrestes siehct! 3t2 An Prediger. Wenn der Priestcrstand ursprünglich bestimmt mar, im Namen Gottes Menschen zu bilden, und je reiner, göttlicher, allwciter, edler die Bildung war, desto priesterlichcr: auf welcher Höhe des Heiligthums stehn wir jetzt! Welche tausend Mittel und Wege um uns, wenn wir sie nur brauchen können und mögen, um wo nicht die glorreichsten , so die edelstverborgenstcn Wohl- 1h ater der Menschen zu werden! Welche Menschen nützliche Wissenschaft, die nicht auch an die Theologie grenzte, von ihr Einfalt, Licht und Leben erlangen könnte, wenn ihr nur wollet? Ist nicht alle Gottseligkeit allnützlich und hat die Verheißung zweier Welten — wenn wir nur wollten! Dichtkunst, sie ist ursprünglich Theologie gewesen, und die edelste höchste Dichtkunst wird, wie die Tonkunst, ihrem Wesen nach immer Theologie bleiben. Sänger und Propheten, die erhabensten Dichter des Alten Testamentes schöpften Flammen aus heiligem Feuer. Die ältesten ehrwürdigsten Dichter des Heidcnthums, Gesetzgeber, Vater und Bilder der Menschen, Orpheus und Epimcni- dcs und alle Fabclnamen der Urzeit, sangen die Götter und beseligten die Welt. Was die Miltvns und Klopstocks , Fenelons und Racine in ihren reinsten Augenblicken empfunden, war Religion, war nur Nachhall göttlicher Stimme in Natur und Schrift. Die erhabenste und zcrschmclzendste Beredsamkeit Bostucts und Fenelons, die stärkste Gedan- kcnseele Pascals und sanfteste Empsindungshelle Fenelons und die treue Herzenssprache Luthers und Zwölf Provinzialbl älter. die einfältige ruhige Würde SpaldingS und die cngelzarte Vorcmpsindung des Engels in uns bei meinem Freunde Lavater, und wiederum die dunkle Gcbürghöhe Pörings im Trompetcnklange der Mitternacht — Religion! Religion! ferner Nachhall und Nachklang der Offenbarung! — und o Quelle, was liegen in dir noch für Ströme! Eine Philosophie der Menschheit, mit ihr eine wahre Geschichte derselben —> niemand als ein Priester Gottes wird und soll dieselbe einst schreiben Jede andre Philosophie und Geschichte versinkt in den Morastguell, aus dem sie ausgegahrt war, und hat weder Anfang noch Ende. Alle, auch geringe, Vorarbeiten dazu im wahren Geschmack der Treue, verunzieren die einen Theologen? Ein Versuch über „Gottes Ordnung im „Menschengeschlecht, über die Absichten Gottes in „der Natur, über seine Gottheit in den Kunsttrie- „ben der Thicre" — verunzieren die einen Theologen? und wie, wenn sich das einst alles, allein durch Vorbild und Aufschluß der Haushaltung Gottes in seiner Offenbarung fördert und belebt? Ein Priester Gottes wird einst eine Weltgeschichte schreiben können; der pragmatische Reflexionsgcist unserer Voltaire, Hume u. a. mit seinem Gelieferten wird seyn Staub, den der Wind zerstreuet. Die edelste Naturgeschichte wird Theologie: alles, was Menschheit umsaßt und bildet, Theologie; und kaum daß ich davon nach meinem Gesichtspunkt etwas auszunehmcn wagte. „Daß 3^4 An Prediger. „der und der etwa nicht der erbaulichste Prediger ,,dabei seyn dürste!" enge, kleine Besorgniß ! Kenne ich ihn? war sein Weg zur Bildung der weinige! Ist der Odem meiner Brust Maasgabe des Ziels und der Schranken jedweden Lausers, der vielleicht durch Zufall, vielleicht zur Erholung da laufen mußte, oder ist in meiner Schlummermüze das Maas aller menschlichen Köpfe? Neberhaupt, m. Br , wenn ich sehe, wie viel durch Priesteramt von jeher, insonderheit in den ersten Jahrtausenden zur allgemeinen Bildung der Welt beigctragen worden, ja daß gewissermaßen alle Gesetzgebung, Weltweisheit und Mensch c n o r d n u n g ursprünglich aus ihm a u s- gegangcn: wie wünschte ich oft, daß unser Stand, wo möglich, noch immer das Edelste Alles thäte! es unbelohnt, verachtet und duldend thäte! cs aber mit einer Einfalt, Würde und Erhabenheit thäte, die in solchem Maas und Höhe allein ihm eigen, aus der Religion eigen seyn sollte! Salz der Erden! Licht, das seinem Wesen nach in Dunkelheit und Dämmerung scheinet, und das mit aller Gottesgabe den Vorzug hat, sich allweit aus; »breiten, immer zu geben und nimmer verlohren zu haben! Aber um unscrs Stifters und Berufs willen, daß der Vorzug nicht blos E r k e n n t n i ß und Bildung des Erkenntnisses bleibe: ist Licht das ganze Leben des Körpers? und was hat unsre Zeit zumal mehr als Licht nöthig! Lasset uns also Zwölf Provinzialbl älter: 3iä an jene Salbung, Einweihung undGot- tes - Schmuck des allegorisirenden Testaments denken! so edel, würdig, königlich und göttlich sey der Priesterstand als Stand, als Charakter! Einfalt und Himmelslautere, und Würde und allumfassende Redlichkeit sey unser Priestcrschmuck, und Segen GotkcS, Eintracht und Ruhe die Salbe des Haupts Aarons und seiner Kinder! Wir haben hier kein abgesondertes Theil, Loos und Erbe! sind, wie wir jetzt sind, oft ein Schauspiel und Fegopfer der Welt! Lasset uns, indem wir am wenigsten geni essen, das Meiste thun! und indem wir das Schlechteste erbeuten, das Größeste hoffen! Unser Altar sey, wie jener, den Gott sich auscrsah, nicht von gehauenem Marmor oder zubcreitetem Demant: von schlechter armer Erde, aber das Feuer, das darauf brenne, sey Feuer Gottes! Lasset uns, als Stand, unser Ziel so hoch und rein nehmen, als wir können: und der Unwürdige sey nur durch Mitleid und Besserung unser Bruder- Vielleicht würde alsdann Einmal und bald die Zeit seyn, wo — aber nein! sie wird und kann nie seyn, wenn nicht ein anderer Stand, als wir, leider! jetzt dazu seine Hände bietet. WaS kommen für Menschen i n s Predigtamt ! welche werden dazu schon wieder zubereitet? oder vielmehr er zu ihnen verdammt und bei seiner allgemeinen Verachtung hier gewiß am empfindlichsten verhöhnet? Wahlen sie nicht oft Leute zum Predigramt, 3r6 An Prediger. wie fls kaum Sauhirtcn wählen würden? welcher Land- und Kirchcnpfleger, der sich nicht um seine Köchin und Tafeldccker interessantere Mühe gebe, als um — mich argerls hier hinschrciben zu müssen, um einen Diener Gottes! Priester! Seelsorger einer ganzen Gemeinde! an dem sie, die arme, verlassene, genug geplagte Heerde noch einigen Trost des Lebens haben sollte, und dann meistens nichts als einen Schlemmer, Aergcrer, Philosophen oder Vauchpfaffen kriegt. So tief bist du Predigerstand verachtet und herabgerathcn, Und ob cs denn über dich zu spotten Wunders oder Kunst wäre? Wer hat denn die Leute ins Amt gedinget? . . . Weichlich und üppig erzogen der eine; der andere Thcil aus Armuth, Koth und Jammer unwissend, dcmü- thig hinein gekrochen — und wie zubereitct? in Schulen? auf Akademien? wie in der frühesten Erziehung? welch ein Ideal ihres Standes, wo cs sogar Lieblings-Lokus mancher ihrer Herren Professoren wird, diesen Stand zum Ziel ihrer Nachmit- tagsspaffe zu machen! Endlich im Stande selbst — wie begegnet! wie geachtet! zu welchen Niedrigkeiten, der gemeinen Menschendcnkart nach, fast gezwungen! Müssen verachtenswerth bleiben, weil sie verachtet sind, und verachtet werden, weil sie sich verachtenswerth machen ! daß fast keiner mehr, der nur andern Ausweg flehet, sich dahin sehnet, und man bald lauter überbliebne Herbstspatlingc nehmen wird, wie man sie findet. Und wie ist alles in einander geschlungen! wie Zwölf Provinzialblätter. Zt.7 tief, tief in der Denkart der Zeit liegen hievon die Wurzeln! — daß Gott sich aufmachc, und durch Thatcn, Anlasse, bessere Welt und kraftanwehenden Geist rechtfertige, wie Er's allein nur kann! Und so lange lasset uns in unserm Stande vortrefflich seyn, und auf bessere Zeiten hoffen! II. Priester. Gott würdigte, da er selbst einen Staat seines Volks anzuvrdnen befahl, auch den Priest erstand, als besondern Stand, Zunft, Landstütze einzuführen, — es war der Stamm Levi in der mosaischen Nepüblick! Nun will ich mich hier nicht auf die Art und Weise cinlassen, wie Gott befahl, oder wiefern Moses im Namen Gottes anordnele — Klugheit indessen und Polizei GotteS oder Moses: Pric- sterstand war in ihr wie ansehnlich unterschi e- den , reichlich versorgt, prächtig gcschm ü ck t, und wie siebenfach mit den andern Ständen verschmelzt und verbunden — auch hierin Anlage des Gesetzgebers, es sey weß es wolle! Vorwürfe gegen den Pricsterstand unter den Juden stehn in vielen Büchern, die ich nicht zu An Prediger. Ii3 wiederholen brauche: eine kleine nähere KenNtniß der Sitten alter Volker und was Priester bei ihnen waren, würde schon diese Vorwürfe sehr abstimmen. Won den ägyptischen Priestern, von denen Hr. Michaelis seine Verlheidigung hergenommcn, hat man jetzt einen ausführlicher» Traktat, und hier aus der Geschichte eines Landes, das weit von Aegypten ablag , eine Stelle. Sie zeige wenigstens, daß Pricsterstand auf solche Weise Nationalstand worden, auch nicht wieder allein ägyptischer Pfaf f en b etr ug gewesen , von denen etwa der Levite Moses gelernet. „Von der Nationalversammlung der alten Deutsche n." „Edlen und Wehren oder Gemeine „waren also zwei neben einander stehende und von „einander unabhängige Stände. Letztere machten „eigentlich den Körper der Nation aus; und auf „ihrer Bewilligung ruhete alles. Sie waren Erster» „zu nichts verpflichtet. Und es ist eine bewundernswürdige Sache, daß sie sich in Sachsen bis auf „Karln den Großen in dieser vollkommenen Unabhängigkeit gegen die Macht der Gefolge haben erhalten können, da sic kein Gesetz gehabt zu haben „scheinen, wodurch die Gefolge auf gewisse Weise „wären cingeschränket worden, und der Adel auch „damals schon Schlösser und Vestungen besaß. In „der Nationalversammlung erschienen beide Stände „beisammen. Der Priester und keine andere „Obrigkeit handhabcte darin die Ordnung. Es redete, Zwölf P rov i nzi a l b l a t ter. Ziz „wer das Ansehen und die Geschicklichkeit dazu hatte. „Der Anführer ward aus den Tapfersten erwählt, „und mit dem Kriege hatte sein Amt ein Ende. „Der Priester war cs übrigens, welcher meh- „rere Mannien zusammen, und Edle und Gemeine „im Gleichgewicht erhielt. Erstere waren durch die „Menge leicht überstimmt; allein der Priester durfte „ein Zeichen übel deuten, wenn er merkte, daß die „Menge fehlen würde; und damit war die Versammlung für dasmal aufgehoben. Da das übel- „gedeutcte Zeichen die Ehre davon hatte: so schien „diese Macht der Freiheit unschädlich. Der Priester „allein hatte das Recht jemanden in der Verfamm, „lung ein Stillschweigen aufzulegen, und man „würde ihm dieses nicht überlassen haben, wenn „man hatte ein Himmelszeichen dazu gebrauchen „können. Der Priester war nolhwendig Edel. „Denn wenn er zu einer Mannic oder zu einer gemeinen Versammlung gehöret hatte: so würde sich „eine andre von ihm nichts haben vorschreiben lassen. „Man muß ihn deßwegen als einen unmittelbaren „geheiligten Nationalbeamten ansehn, der gleich dem „Adel zwischen den Innungen gestanden, ohne zu „einer einzigen insbesondre zu gehören. Ihr Kir- „chenbann war erschrecklich; aber die Macht der Prie- „stcr gicng ebenfalls nur auf die Ausschlicssung aus „der Gemeinheit; und keine Nationalversammlung „vergoß Blut. l „Was wir jetzt Regalien nennen, mochte „der Zeit Got tcsrecht seyn und zum Unterhalt des Priesters dienen. Wenigstens waren fast 32c» An Prediger. „alle öffentliche Sachen, als Ströme, Salzquellen, Wälder und Thaler geheiligt, und vcr- „muthlich hatte der Priester dem Wilde darin einen „Frieden gewürket. Da die Eiche ein besondrcS „Hciligthum hatte: so mochte das Brandholz gc- „mcin, das Bauholz aber gehciliget seyn und der „Priester in großen Nationalwaldern die Mahlaxt „führen. Wenigstens konnte in solchen, wozu „mehrere Mannicn gehörten, diese keinem andern „ohne Gefahr anvertrauct werden. Er war zugleich „der geheiligte Mittler und Schiedsrichter zwischen „streitigen Edlen, wie auch ganzen Mannicn und „Marken, und hatte das glückliche Recht die streitigen Grenzen zu heiligen. Da er überhaupt den „Gottcsfrieden handhabete, so mochte er auch die „Bruchfalle davon oder das Sühnopfer und Sühn- „degcld haben. Und solchergestalt konnte sein Unterhalt auf mancherlei Weise bestimmt seyn, ohne „daß ec eine Allode oder ein Wehcgut besitzen ,.mochte." *) So die alten Deutschen! Man setze, alles Unwesentliche ausgelassen, statt ihres Namens Israeliten: statt Priesterstand, Leviten: statt Mannicn Stämme: statt deutscher Wälder Klima des Orients: statt eines abgetrcnnten Volks nordischer Wehren ein Volk aus Aegypten erlöster Hirten, die jetzt in Ackerleute und Landwohner verwandelt werden sollten , und alles, sicht man, liegt tiefer, als mans aus einer Nachahmungsmethode eines leeren ägyptischen *) MLscrS Osn. Gesch. Z. S8. ff. Zwölf P co vi n z t a l b l a t t er. 321 tischen Provinzialismus nimmt. Tiefer in den Sitten des Volks, aus welchen und zu welchen cs gebildet, in der Natur nicht sowohl des Erdstrichs, als der Zeit, der Weltperiode, der Stufe von Gottesschöpfung und Fortbildung des Geschlechts — doch davon ein andermal mehr! Ich habe jetzt jüdische Priester eigentlich nickt zu rechtfertigen und zu erklären, sondern sie vorzustcllcn! als einen gottgcnehmigten, gotterwähl- tcn Nationalstand seines Volks, auf den gewissermaßen Alles gebaut und angcschlungen wurde. „Ihr sollt mir ein pri österlich Königreich und ein heiliges Volk seyn!" war die Grundlage ihrer Gcsetzvcrfassung und Macht. Ist nun Moses Gesetzverfassung und Macht kein bloßes Trugspiel : ist die Religion, der sich die Vater am Sinai unterwarfen, keine bloße Convention nach Ncichsfuß, kein (Hontrnt souial menschlichen Beliebens gewesen: hat über alle dem was Höheres — Wundcrkraft! Providcnz! bcsondre Fügung zur Erziehung des menschlichen Geschlechts gewaltet: wohl! so war auch der Priesterstand (mehr und minder will ich hier kein Wort sagen!) da, und also, und in der Verfassung, als Stand, Stand Gottes — dessen sich Niemand zu schämen hatte. HewerS Werke z. Rel> u, Theol» X. x 322 An Prediger. III. Kirchenverfassung. Priesterstand. Hume's Priester. Von Luthers Zeiten an steng sich bekanntermaßen die Concretion des Namens Priester, evangelische Prediger an, in dem Verstände, da wirs jetzt sind; und wir Habens allein der herrschenden schönen Lektüre von Frankreich aus zu verdanken, daß man uns und Pfaffen xrötrss und Iliornes und Teufelsbanner und was nicht mehr? in einen Sack wirft. Dagegen aber muß man nicht sowohl philosophiren— ,,wo? und wozu „etwa noch ein lutherischer Pfaffe zu brauchen sei) ?" — sondern blos historisch seyn. Bei jenem verliert man, selbst wenn man überwindet. Kirchenvcrfassung — vielleicht sind wir hier auf dem Flecken, woher, wie sorgfältig wir's uns und andern verbergen, der meiste neuere Unfug unserer Kirche herrühret.- Ohne Zweifel war's Wurf der Zeit und Charakter des Reformators, daß dieser Thcil der Kir- chcnpflege gleich von Anfang auf die Folgezeiten nicht verpflegt werden konnte. Luther war ein gemeiner Mönch, und mußte sich so weit durchwinden, als er kam. Er brannte von Eifer für das Wort Gottes, das hell und frei und gang Zwölf Provinzialbl älter. 323 und gäbe zu machen, war das Feuer, das er an- zündcn sollte auf Erden und woran er bis an seinen Tod regele. Er zerstörte ein Papstthum, und hatte keinen Blutstropfen in seinem Wesen, ein anderes zu errichten. Sein ganz uneigennütziger, lautrer, aufopfernder Charakter: das laulre aufopfernde Wesen, das er zum Grunde alles Gottcsdiensts, zumal des Predigtamts legte, davon er ausgieng, und darauf überall zurückkam: zudem seine gute L an des Herrschaft, der er es als das Höchste verdankte, daß sie ihn so frei würkcn ließ, und sich des Wortes Gottes zum Bekenntnisse so edel annahm : die damalige drückende Gefahr und Sorge, die er immer mit ihr fühlte: und endlich die Unruhen und Schwärmereien, die er so bald dicht neben seiner kleinen geretteten Kirche ausbrechcn sah, und die sein Herz und Seele anders wohin lenkten — mich dünkt, alle das ist Grund genug, warum Luther, der nur ein Mensch war, nicht jedes nach Jahrhunderten zu besorgende Kümmerniß der Kirche, wozu damals der Grund gelegt ward, nicht gleich voraus wittern konnte. Es war O. Martin Luther, der euch Gottes Wort zurichten sollte, wie crs selbst hundertfach gesagt hat — kein Grcnzfcheider, und wie ecs nennte, und die Leute sonderbar ansah, kein Jurist! wie sehr er aber übrigens auch im Innern und Aeußern für die gute Sache der Religion, als solche, gewesen , sicht man aus so vielen und scharfen Stellen seiner Schriften, die nicmands schonten, und die ec am meisten anhieb, wo, wie er meinte, man die meisten Schläge thun mußte, ehe es Hurchkäme. X 2 324 An Prediger. Da haben sich nun hinter ihm die Zeiten so gar verändert: mit den veränderten Regierungsfor- mcn, Friedensschlüssen, Sitten, Wissenschaften und Gewerben aller Weltlheile hat sich auch das so äußerst andern müssen, was äußere Religionsform und Kirchenordnung, Geist derselben hieß. Kurz, da ist nach Luther noch fast eine größere Reformation entstanden, die er die Verbesserung der Juristen nennen würde, und die uns endlich so weit gebracht hat, daß von dem alt-gothi- schen Gebäude, das Kirche heißt, dastehn— welche luftige Ueberbleibsel! Sparren und Sparren! und oben überall durch der schone, blaue philosophische Himmel! — der denn unser aller Decke auch ohne dies zerflickte, abgenutzte, vcrsallne Haus ist! Ich schreibe hier kein Kirchen recht, und mag mich also am wenigsten darauf einlassen, worauf denn ein großer Theil des Dinges, als Wissenschaft gcbauet? wie schön z u s a m- men hängend und un wider sprechend cs mit sich und seinen Gliedern sey? Aus welcher Autorität die Kirchenrechte des und des Landes entsprungen, sich fortgearbeitet u. s. w. Was hülfen die fruchtlosen Untersuchungen darüber? als etwa zur scientisischen Hetze einer schönen Scienz, die kaum etwas zur Aenderung beitragen könnte — weil Scienz und Grund nur der Schein! und Macht, Belieben, anderweitiger Nutzen der ganze, einige wahre Grund ist, und da ists immer ein eitler Streit mit Wort gegen That kämpfen. Ich schreibe nur als Prediger, und also auch in der klagenden Demuth, die man schon M / ' - , V Zwölf P ro vi n z i a lb l a t ter. 325 an dem Stande gewohnt ist: nicht aber klage ich für mich, der ich dazu nach Ort, Situation und Bestimmung nicht den mindesten Anlaß habe, sondern für einige andere meiner Brüder; wen es nicht trist, der gehe vorüber! Und da sind wir nun eben auf der schönen Höhe, so sehr das allgemeine Sen soriüm und Element der Reltgionsübung verlohrcn zu haben, daß man noch allenfalls am liebsten (als sprachen wir vor einem Julian oder einer Reihe Juliane!) von allgemeiner Moral oder bürgerlichen und politischen Brauchbarkeit spricht, um doch nicht ganz zu Schanden zu werden. Da erscheinen wir als halb unnütze tole- rirte Religionsleute in dem großen herrschendwirksamen Staatskörper, (der sich um ewiges Wohl seiner Bürger gar nicht zu bekümmern hat!) — als Leute, die zwar aus göttlichem Rechte keine Ansprüche auf Existenz, Autorität und Freiheiten zu machen, sondern diese blos den Einräumungen der bürgerlichen Gesellschaft zu verdanken haben: doch auch nebcncin in ihr noch zu brauchen sind, als Gelehrte, Informatoren, Landwirthe — warum nicht auch als Listenmacher aller Lebendigen und Tobten, geheime Finanz- und Polizeibediente, Bau- und Wafferrathe u. dgl. ?-- Dagegen würde ich nun nicht philosophiccn, wo philosophiren nicht hilft — uns nichts zu -, uns nichts weg-, aber auch nicht uns dahin, in den Staat hinein philosophiren lassen. Ist 326 An Prediger. unsere Gegenparlhei, wcnns auf Philosophlren einmal ankommt, nicht ungleich stärker? Wohin hat man denn nicht schon Kirchenrecht und G e- tvalt kirchlicher Gesetzgebung und des obersten Bischofs und des mehr als Sohns Gottes selbst, allenfalls auch ganz neue Staalsrcligion zu geben, wohin nicht schon hinaufphilosophirt? Und in den Ton stimmten wir ein ? Aus welchem Grunde, mit welcher B c- rechtigung Wir? Von andern rede ich nicht. Einräumungen? welcher Autorität? welcher Vortheile und Freiheiten? Und von welcher Gesellschaft? — Wenn nun aber die Frage wäre, wer der bürgerlichen Gesellschaft ihre Freiheiten cingcräumt, die sie andern cinraumt? und seit wann ihr und denen von ihr das cingcräumt sey? und ob alle Freiheiten und Autoritäten der Prediger Einräumungen der bürgerlichen Gesellschaft wären, um davon Existenz, Gültigkeit, Berechtigung, Wahrheit zu erhalten? Und ob dies Etwas vom Socialkomrakt unabhängige, durch sich selbst bestehende, nicht gerade Religion, Wort Gottes seyn könnte? Und dies historisch bewiesen, oder wenigstens nach den Grundverfassungen christlicher Lander dafür anerkannt, Prediger also die Depositairs eines Schatzes von Offenbarung wären, selbst von der bürgerlichen Gesellschaft dazu bestellet, darüber zu wachen? — Ueberhaupt kenne ich kein göttlicheres , von allen Einräumungen politischer Conve- nicnz unterschiedencres Recht als — Wahrheit: was sie sey, oder was man dafür erkennet! Zwölf Provinzialblatter. 327 Ist Prcdigerstand eine Einräumung der Gesellschaft , so kann er auch von der Gesellschaft abge- schasl werden — und diese Gesellschaft wer ist sie? Predigtamt, Sorge fürs ewige Leben — tole- rirte Anstalt der Gesellschaft? — Darum siehts auch mit allem, was es wärken soll, so lolerirt aus. Das ganze herrschende Betragen gegen die Religion — schadet dem Prediger nichts: er wird besoldet, daß er predige, nicht daß die Religion geübt werde. Die schreiendsten Aergernisse und Greuel — gehn den Prediger nichts an: er predigt und wird besoldet. „Seelsorger! Beichtvater! Kirche! Gemeine!" alte kindische Worte! Der gute Kopf studire anders , er soll auch anders gebraucht werden. Dafür sind Dummköpfe die besten, haben so viel Gravität, Autorität! man lasse sie zum Schrecken und Tröste denen, die vor dem Schreckvogel fliehen, oder sich um den Trostvogcl sammeln. Die sich was dünken, richten nur Hader und Zank an, können in Kammersachen besser gebraucht werden u. s. w. Predigtamt tolcrirte Anstalt — daher kann auch wer nicht? die Aufsicht drüber verwalten. Dieser Mann versteht Parade zu kommandiren, oder einen Prozeß auf allen Vieren laufen zu lassen, und sollte Pfaffen zu bestellen nicht verstehen? Der Kandidat war Informator und — und taufen und Hölle predigen, wird der Stiefelknecht und Schmeichler ja endlich wohl lernen! 338 An Prediger. Prcdigtamt tolerirte Anstalt — und daher in- tercssirts auch so erschrecklich wenig, was dahin belangt ! daß sich Se. Ehrwürden nur so stille als möglich halten, das Ihre, wenn sie was haben, geniesten, oder, wenn sie nichts haben, mit dem Sacke durchs Land pontisiciren. Le ok ^our xairon's minck, wlieie'er Ire LIeex ver^ irrrreli; rlriiri: litils, anck ialle 1e5S, Minck ireiilier Aoack rror treck, rroe riglrt nor rvrong, Lui ear ^our xnckäinA, 8leve, enä bolä ^our iongus! *) „Ein Soldat und ein Priester, sagt Hr. „Hume: **) sind unter allen Nationen und zu „allen Zeiten verschiedene Charaktere. Die Lebensart „der Soldaten macht sie großmüthig und beherzt. „Durch ihre öftere Veränderung der Gesellschaft ergangen sie eine gute Erziehung und freies Bcneh- „men. Da sie nur gegen öffentliche und offenbare „Feinde gebraucht werden, so werden sie aufrichtig, „ehrlich und uneigennützig. Gesellschaft und Welt „ist ihre Sphäre. Und wcnns eine Artigkeit giebt» „die sich in der Gesellschaft lernen laßt, so werden „sie gewiß den größten Theil davon haben. Der „Charakter derPriester ist in den mchresten Stücken *) krior's lVIsre^ Xnckrsvv. **) XX. ok lXaiianal lUiaracters. Zwölf Provinzialblätter. 32 g "„dem Charakter der Soldaten ganz entgegen. Sie „müssen nicht, wie die übrige Well, ihren „natürlichen Regungen und Empfindungen Raum „geben; müssen unaufhörlich über Blicke, Worte, „Handlungen Wache halten, und um die Ehrfurcht „zu unterstützen, die ihnen das unwissende Volk „bezeuget, müssen sie den Geist des Aberglaubens „durch beständige Grimassen der Heuchelei befördern. „Diese Vorstellung zerstört die Aufrichtigkeit und „Fceimüthigkeit ihres Temperamentes, und macht „in ihrem Charakter einen unersetzlichen Bruch, „wenn von ungefähr einige von ihnen ein Temperament haben" — Lesen Sie weiter, und fragen Sic, wer konnte so schreiben als— ein Menschenfreund des Jahrhunderts, Skeptiker an Wahrheit, Religion und Tugend? Also den abscheulichen abergläubischen Pfaffen- und Henchelstand ab! de» offenen, aufrichtigen, uneigennützigen, bildenden und gebildeten Soldaten-Charakter an die Stelle, zur allgemeinem bessern Bildung der Welt Bajonette auf Kanzel und Altar I Einer Pricsterschaft, die doch auch nicht römisch ist, schreibt Hume solchen Charakter als Stand, Pcofcßionsgcwerbe zu. Vor allem, man muß wenigstens nicht cludicen und seitabkchrcn: „das mag sie in England seyn; aber in Deutschland ist sie's nicht!" denn der Schalk, der immer ruht, kann hinzusetzcn: „nicht vielleicht etwas anders?" — „wenn, wird ein deutscher Hume sagen, wenn unser Unkraut nicht so hoch, und in so drückenden Schatten ausschieffen kann; giebts, an der Erde 33o An Prediger. kriechend, nicht mehr, und vielleicht niedriger unedler Unkraut?"- Die Geschichte eines Menschen ist mir bekannt, die mich in gewissem Betrachte sehr rühret. Durch Jugcndeindrücke und durch Hang des Herzens selbst zum Prediger bestimmt; und siehe! eben da sich die Seele von dunkeln Eindrücken aufschloß, bei den ersten Schritten in die Welt, wo alles so tief dringet, stieß sein Weg auf Priester Gottes, die Hohnaffen des Teufels waren. — Heuchelei, falsche Andacht, kleinkreisige Denkart, allbcschmeissendc Eitelkeit— Tartuffen: und Tartuffcnhaß mußte also immer, wie schwarzes Blut, aus seiner tiefen, frühen, auch nur leicht berührten Wunde quellen ! — Wie lange es in ihm stritt, ehe er heitre Ideen von dunkeln Eindrücken sondern, häßliche Larven vom hohen Beruf der Personen unterscheiden konnte! — er schwebte! er wankte! — Eicng die theologische Stoppelgclehrsamkeit so emsiger durch, je weniger sie ihn befriedigte, und las sich in die Denkart der Deisten so tiefer, je mehr er sie flöhe. Der Vaterarm eines wahren Priesters Gottes — aber er fand den nicht, er glaubte ihn nicht zu finden, irrte weit umher und — ward selbst Prediger! Auf welch beschwerlichem Wege! mehr als einmal hat er mit Thronen darauf gewinkt, wie die Religion ihm nur nach eignem Suchen, und zuerst vom Herzen der Kinder, in der Simplicitat des Eindrucks, den sie da machte, so anders erschienen! wie er, je mehr er das Herz der Menschen kennen lernte, allmählich immer weiter vom Vcrnünftelwcge abkam, das Wert Zwölf P r ov i n z i a l k> la t t e r. 33i Gottes im ganzen Umfange liebgewann, und endlich seinen Stand, als den ersten der Welt und des Lebens, lieben lernte. Der Jugcnd- eindruck indessen blieb, und die Wunde war jetzt — Narbe! Predigers! zur allein intercssirte ihn wenig, und wie ich oft bemerkte, nicht zum besten: er zog sich immer, unwissend und wo er nur konnte, lieber zu andern guten Leuten zurück und lebte in Wüste. ,,Welchen Geistlichen, rief er einmal, auf meine Vorstellung darüber, mit Bitterkeit des Herzens aus, welchen Geistlichen haben Sie je gesehen, der nur eine natürliche Menschen spräche habe? der nur im ungestörtesten Gesellschaftskreise zwischen Niederträchtigkeit und Stolz, die wahre edle Mitte guter Sitten, geschweige denn, Einfalt, Würde, Göttlichkeit, erhabne Ruhe seines Standes traft! — Wie sie kriechen, oder sich brüsten--" und vergebens, daß ihn die Erfahrung, in edlen Ausnahmen, hie und da ein andres lehrte! Um so inniger fühlte er diese, je sonderbarer sic ihm erschienen ; in Absicht aber auf den ganzen Stand, zumal der Zeit, des Landes, wollte er nicht gerne denken und sich erklären. Er wünschte allweit, arbeitete für sich, genoß oft heitere Durchblicke unter seiner Wolke — war aber übrigens, wie der einsame Wcinstock der Wüste: er hat sich durchs Unkraut hinaufgcarbcitet, und steht allein und freut sich des milden Strahls der Hcrbstsonne. — Hat niemand, meine Brüder, aus der Geschichte was zu lernen? Einst zeigte ich ihm den Charakter, den Hume 3Z2 An Prediger. von der Pri'csterschaft geschildert — ober ich kanns kaum sagen, was für gegenseitigen Eindruck er bei ihm machte, als ich vcrmuthet hatte. Alle das zugegeben, rief er aus, aber wer hat daran Schuld? Die Vorschriften unsers Standes sind edel und gut, das kann kein Humc laugncn. Unsere Charaktere, che wir in den Stand treten, sind gemeine Menschen-Charaktere, böse und gut, gut und böse. Wir wählen uns nicht selbst, wir schieben uns nicht selbst, als Stand, zwischen andere Stande. Also muß man entweder die schlechtesten, lauter Spitzbuben dazu wählen, oder es müssen Drachen, Klötze, Verführungen ringsum, und im Stande selbst liegen, daß trotz aller Pflichten, die das Wesen des Standes selbst fordert, die besten Charaktere also ver arten! Wer hat die nun umher gelagert? wer wählt? wer schiebt den Stand unter andre Stande, daß er, das Feuer Gottes! zum Höllenzunder werde? — Die Politiker reden also zuerst gerade gegen sich selbst! Und dann, fuhr er fort, alles als wahr gesetzt, wollte ich wissen, welcher Menschenfreund ein solch Pasquill gegen einen ganzen Stand — Menschen! Brüder! ohne die bittersten Thranen des Mitleids, ja gar mit Hohnlächeln und Freude schreiben könnte, als etwa der schwache, höfliche, politische Hu me. Wenn ich das alles, wie er, glaubte und fühlte — würde ich kalt frohlockend bei dem häßlichen Fratzenbilde, das doch Stand der M e n sch h c i t seyn soll, stehen bleiben, ohne zu fragen: woher? wie also geworden? wie ihm zu Z wo lf P c o v i n zi a l b l a t t e r. 333 helfen? Und wenn ich fände, daß gcsagtcrmaßcn alles von ausfen Herkommen müsse, weil von innen doch gerade zum Gegent heile hoher Beruf liegt: wie würde ich mich nun anders an Staat und Obrigkeit wenden, als Hume? Nicht diese für Geistlichen warnen! sondern sie recht dagegen aufbringen, daß sie das Ucbcl sehen und besser n. Schafft, würde ich flehen, ihr, die ihr alles schafft auf Erden, schafft die Anlasse, Fallbrücken und Gelegenheiten weg, die so viel edle Menschcn-Seelen in einem ganzen von euch anqcordneten oder tolerirtcn Stande verderben! hier den unwissenden, abergläubigen Haufen, den jetzt, wie ihr sagt, ein Pfaffe also betrügen muß — das ganze Medium des Aberglaubens und Betruges , zumal eure Weiber und Kinder, an die sich zuletzt alles hangt, schafft sie weg, lieben Herrn, oder — die Priester, und bessert dagegen durch Zolledikte und Hu m e's moralisch- politische Diskurse! Welcher Staat wird Mordbrenner nähren? oder welcher Mordbrenner brennen, wenn er nicht kann und darf! „oder sehet ihr nicht die Versuche dieser Gesellschaft, die als Gesellschaft immer durch Ehrgeiz, Geiz und Verfolgungsgeist getrieben seyn wird? Das Temperament der Religion ist ernsthaft und majestätisch! Keine Munterkeit, vielweniger ausschweifendes Vergnügen erlaubt! In Religionen, auf spekulative Grundsätze gcbauet, und wo öffentliche Reden einen Theil des Gottesdienstes ausmachen, kann man auch voraussetzen, daß die Geistlichen einen ansehnlichen Theil der Gelehrsamkeit werden besitzen w o lq 334 An Prediger. len, obs gleich gewiß ist. —" *) Kurz, wenn alle weise Negierungen vom altklugen Knaben, wie Casar vom Wahrsager cavs Ickus! gewarnt werden, dürsten also sicher, wie eben dieser edle Casar raisonniren: ^orr/r/ /re rve^e /rrttei' / dui I kear Ilini nol: Vei il nriiris vvero Ilsble to kerii' I äo not loimv tbo man, i sbonlä avoiä Lo sonn, ss tlie ^rrr'e t/rr^^ru^. //e i^errr/^ rrrrrc/r Ike r4 n Ai'e-It o/^ei-ver'and lio /oa/r.s l)nl io idrouAli ilio cloeäs ok men: /or>e^ no p/rr^§ — §e/r/orrr /re ^mr/e^ , aml ^rnr/e^ rrr mc/r rr -sorl r^ /re mo/r'ri /rrm^e//- §rrc/r rnerr. rr^ /re öe rrever' rrt /rerrr't'^ err^e ^/rr/^t r/re^ ie/ro/r/ rr Ar-errter t/rrr,r t/rerrr^e/ve^ ^rni r/ier'e/ore rrre t/re/ rre^/ r/an§e>-rm§ — Ich glaube, Hr. Hume würde dem Manne, der selbst Prediger ist, verbunden seyn, ihm ein so ausdrückendes Motto seiner Pricsterschaft in einem Dichter seiner Nation, den freilich Hr. Hu me nicht außerordentlich liebt, treufleißig an- gczeigt zu haben. Und nun von oder mit dem brittischen An« tithcologcn kein Wort mehr! Swift sagt, ich hasse alle Stande, aber den guten Peter, Paul, in dem Stande liebe ich. Ein anderer wird sagen: ich liebe alle Stande, *) Hume's Worte. Zwölf Provinzialblätter. 335 aber den bösen Peter, P a u l, in dem Stande hasse ich — und beide haben Recht. Stand ist Schranke; in den Schranken können viel böse und gute Kräfte wirken; wer auf die bösen und guten Kräfte sieht, richtet darnach fein Ur- khcil! wem die Schranken gut oder böse ins Auge fallen, uctheilet darnach. Ein Weiser indeß, denke ich, sieht mehr auf Inhalt als Figur; und ein vollkommener Weiser endlich auf beides! Er wird also, wie von jedem Ding der Natur, auch von der Priesterschaft nichts Böses laugnen, nichts Gutes dichten: weder Schranken noch Kräfte verkennen: und, mich dünkt, der aufgeklärte Menschenfreund wäre nur der! Was sollts helfen, daß man seinen Stand blos dadurch ver- theidigte, daß man ihn verläugnct, daß man Stand und Losungswort aufgiebt! „Wir sind keine Opferbringer fürs Volk!" und ich wüßte nicht, wcrs je in der Welt gewesen? die Priester A. T. wenigstens nicht! „Keine abgesonderte Mittclpersoncn zwischen Gott und Menschen!" Halbgötter und Halbmenschen! Thcurgen und Theanthropen sind wir nicht! „Keine geweihete Besorger heiliger Gebräuche, die nach eigner Willkür vermittelst einer magischen Kraft Heil oder Elend über andre bringen könnten." Kurz, Teufelsbanner sind wir nicht — weiß auch kaum, welcher Pöbel das glaube? 336 An Prediger. Aber, wenn der Priester nun alle das und mehr als das in eben dem wahrerer und bestimm- kern Ausdrucke wäre? Kein Opferbringcr fürs Volk; aber Bringer einer Gabe Gottes ans Volk — Lehrer der Offenbarung, Ausbreitcr des reinsten Mittels der Bildung, und so fern wirklich abgesonderte, auserwählte Mittelsperson, Bote und Werkzeug Gottes. Kein geweihter Besorger heiliger Gebräuche, zumal nicht nach eigensinniger Willkür (ein Bild, wofür man zittert!) aber etwas Edlcrs, geweihter, das ist, erwählter Besorger heiliger Geschäfte, des heiligsten Geschäftes auf Erden — Bildung der Seele durch Religion. Als solche erkennen wir weder Bürger noch U ntcrthanen, sondern Menschen, Geschöpfe Gottes, Brüder Jesu, Glieder der Offenbarung.— Wenn der eine Prediger zu sich selber sagt: ich glaube nicht aus der gemeinen Masse der Menschen, kraft meiner Ordination, herausgczogen, und über dieselbe erhöhet zu seyn, ich rühme mich keines Umganges mit Gott, als den ein jeder meiner Zuhörer auch haben kann, wenn er will: ich verlange keine größere Heiligkeit an mir zu besitzen und zu zeigen, als deren die gemeine menschliche Natur fähig ist u. s. w. Und ein anderer etwa spräche: ich glaube allerdings, kraft meiner Ordination, nicht aus der gemeinen Masse der Menschen herausgczogen, aber selbst von ihnen und also von Gott erwählet, an sie Gottes Wort zu tragen. Also nicht durch meine Zwölf Provinzialblättcr. 337 meine Person, die hier im mindesten nicht in Betracht kommt, aber vermöge meines Amts zum Boten und Werkzeuge erhöhet, wie's keiner meiner Zuhörer, ich aber an sie alle cs seyn kann, darf und soll! Ich rühme mich keines Zauber um ganges mit Gott, aber auch keines mindern Umgangs, als mein Amt fordert , die Religion im Lichte und im Bilde zu zeigen, sofern sie freilich nur eine gemeine, aber nichts als die e d e l st g e m ei n e, die erwahl- teste Menschen natur zeigen kann, ander man eben sehe, daß die Religion nicht blvs meinen Verstand beschäftige, sondern daß eben dies göttliche Licht und Kraft der Religion Haupt-Charakter meines Lebens werde -ein Prediger, der also spräche — wer stünde mehr im rechten Gesichtspunkte? wer redete mehr in seinem Amte? Und doch ist das alles nur noch Individuum: individuelle Moral eines Mitglieds ist noch nicht Stand! Eben so wenig verursachet der eigentliche Zweck unscrs Amts eine partheiische Verbindung derer, die's bekleiden, eine Zusammenvcrschwörung (wie man ihm vorwirft) — Aber Vereinigung, Verbindung aller Glieder, die Ein A m t b e k l e i de n, z u Ei n e r Parthei,im Geiste des Amts! Einverleibung zu gemeinschaftlicher Lehre, Unterstützung, Aufmunterung, worin cs auch seyn müsse — ist Satanas nicht mit ihm selbst Eins, Herders Werke r. Rel> u, Theost X» V 338 An Prediger. damit sein Reich bestehe? Und Wir! „Ein Herr! Ein Glaube! Eine Taufe! Ein Gott und Vater unser Mer! Ei« Leib und Ein Geist, berufen auf einerlei Hoffnung unsers Berufs! Mit aller Demuth und Sanftmuth — und vertrage einer den andern und seyd fleißig zu halten Einigkeit im Geiste durch das Band des Friedens! Und wachset in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Ehristus!^> — und der sich nicht vornehm scpa- rirte ! Laß es seyn, daß anderswo der Name Kirche mißbraucht werde! Glauben die Lehrer durch alte Mönchsgesetze befugt zu seyn, Repräsentanten der Kirche zu machen, und also Vorrech t e sich zuzueigncn, die ihnen vor Alters der Staat eingeräumet: sollten sie sich auch hie und da an Gründen dieser Befugnisse irren; sie sind sofern Nationalbeamte eines freien, aus solchen Gliedern zusammengeordneten Volks: sie mögen oder mögen nicht auf ihre alten Vorrechte halten; englische Nativ n albe amte gehn uns nichts an. Aber weil wir das nicht sind, „muß ein Prediger vergessen dürfe», daß Ec Glied eines größer» Körpers ist, der Klerisey heißt," Nebenbedeutung weg, und ersollsnie vergessen können! Er ist da, dem Reiche Gottes mit andern nützlich zu seyn! hat allerdings das gemeinschaftliche Interesse mit seinem geringsten Bruder, „daß die Dinge geglaubt und geübt werden, die sie lehren," arbeitet mit vielen auf Einem Grunde der Offenbarung: und wo er an sie grenze (er grenzt aber mehr oder X Zwölf Provinz! alblatter. 33g weniger mit allen!) mit allen da Ein Leib! Ein Interesse! Ein Lsxrit äs Oorxs — allwcit, wie Name, Offenbarung und Reich Gottes — in und bei allem das Haupt Christus ! In den schwersten und wichtigsten Augenblicken meines Berufs, will ich mich also sammlen, aus- richten, trösten; nicht will ich meine Augen Niederschlagen , „du gehst doch so allein deinen Weg fort! lebst dich und die Deinen nicht so gar unnützlich durch die Welt!" aufschlagen will ich sie und umherblicken: in welchem großen Reiche! auf welchem Plane der Haushaltung Gottes auch ich diene! Die Würdigsten meiner Zeit, Muster meines Standes — kleine Reste! — die Würdigen der Vorwclt, der Offenbarung bis zum Haupte hinauf! — Mitarbeiter, Vorarbeiter, Muster! ihr^sollt mich starken, daß mein Mulh , nicht sinke, mir Würde meines Standes, hohes Ziel, Bahn, die große Erndte zeigen, worin der Herr Arbeiter aussende! — „hebet eure Augen auf und sehet, das Feld ist weiß!" Sicheln, wo sind sie? Ohne Anmaßungen und Jesuitcreien, o Stand, könntest du je werden, was du wärest und seyn solltest. Patriarch ic! Stand der allgemeinen und zartesten Gottesbildung, allgemeines Band, Kütt und Unterpfand geheiligter Ordnung und Redlichkeit der Welt — und keine Geistlichen, die das misbrauchen! und keine Weltlichen, deren Interesse etwas anders wäre, und überall genug Zunder und Empfänglichkeit, die reine Gor- 340 An Prediger. tesflamme anzunehmcn und fortzubreitcn — alle Christen nach Christus Bilde! - Jetzt leiden wir unter der Sünde unsrer Vor - und Ncbcnwclt: unsre äußere Schaale und Hülle ist so dürre, daß auch das für den reifenden Kern gewiß bald Entschlaubung, Ernte und neue Saat prophezeihet! Denn darin sind wir, ich glaube Alle, die Wesen und Unwesen, Mittel und Zweck zu unterscheiden fähig sind, Eins, daß der Priesterstand als Stand nur Stand sey, Schlaube und Hülle, in der ein Kern wachsen soll, oder er ist zu nichts nütze — Schlaube und Hülle, die, wenn der Kern gewachsen, auch nutzlos ist, verdorret und abfällt. Mich dünkt, alle Reinigungen, Läuterungen, selbst Unterdrückungen dieses Standes gehn auf den großen Endzweck dieser Reise des Kerns, damit die Hülle abfalle, und selbst die Fehler und Laster des Standes, die Hülle selbst, müssen zum Abfallen beitragen. Lasset uns also selbst daher, meine Freunde, daß alles so dürr ist, Hoffnung schöpfen: das Feld ist weiß, cs reift schon sehr stark zur Ernte: die Schlaube ist bald so dürre, daß sie fallen muß, deß wird sich Frucht und Nahrung freuen! Nur lasset uns auch nicht unzeitig selbst die Entschlaubung befördern wollen: weil beim großen Hausvater alles seine Zeit hat, und auch dadurch der Kern leiden könnte. Mich dünkt, der Sauerteig hat noch weit zu fressen und zu reinigen, zu säuren und auch zu gähren: und also mögen immer die reinen und unreinen Hände noch mischen und kneten. Mich dünkt, das Nez Gottes muß noch viel ziehen, Zwölf Provinzialblatter. 241 Faules und Gutes, ehe die Auswahl geschehen kann; und so mögen die Fischcrknechte noch immer am Ncze keuchen und flicken. Jedem auf seiner Stelle Arbeit und Lohn, auch dem, der im Finstern säet: und ich weiß nicht, welcher Stand in unferm Jahrhunderte edler im Finstern säen könnte, als — Priester! IV. Propheten. Darf man noch ihre Namen nennen, seit Voltaire seinen Babouk oder sein philosophisches Wörterbuch geschrieben und die Brode des Ezechiels und andere Sachen mehr noch immer frisch zu baken nicht alt wird? „Wenn man doch eine Gleichheit für sich mit „jenen alten Zeiten suchen wollte, sind unsere Prediger gewissermaßen das, was unter dem israelitischen Volke die Propheten im niedrigen Vcr- „stande, und in dem Heidcnthum die Philosophen waren —" und ich glaube, was auch die Propheten im höhcrn Verstände gewesen: also auch etwas mehr und anderes als — in dem Hcidenthum die Philosophen auch waren. Propheten waren, (wenn wir Geschichte und Schriften zusammen nehmen) oft Wu nderth äter. Z42 An Prediger. d. I. im allgemeinen Verstände Bewciser der göttlichen Macht für seine Religion und Menschenvorsehung: oft Eiferer für die Ehre Gottes, Strafer der Laster an Land und Leuten, Warner! Aufmuntercr! Tröster! unter dem höchsten Siegel göttlichen Namens. Endlich und drittens oft und meistens dazu Weissager! und welche Stufen der Klarheit solche Weissagungen nun auch für sie und andre gehabt haben mögen, Angewohnte vom Geist Gottes! Gottesmänner — ich weiß nicht, ob wir das Alles so arischen sollten und dürften und müßten, als den Mann im Monde? als Wesen einer andern Welt? Beweiser der göttlichen Macht für seine Religion und Haushaltung! und wenn ich Einmal zum Werk meiner Wünsche, zur Geschichte der Haushaltung Gottes auf Erden komme, mit Bewunderung wird srchs zeigen, auf welcher Höhe jedweder solcher Beweise voll Gotteskraft geschah. Wie Gott ihn auf die Zeit, in die Umstande, zu den Zwecken aussparte, und das Werkzeug zu dem Allen so eigen heiligte, daß ich kein Wunder, keinen Propheten, kein mehr oder minder Licht, was um ihn lag, zu versetzen, umzudichten, und hinterher zu richteln hatte! daß Alles ein großer fortge- hender Tempclgesang, in dem die Gottheit nur jetzt und da und also die Stimmen angab, wurde! — o daß ich mich schon vor der Höhe des Werks fühle! Man hats einem rechtschaffnen Manne unsrer Zeit so äußerst verdacht, daß er nach Wunder- und Prophctengaben lehre — und irre ich nicht, so habe ich nie gefunden, daß er sie in dem ketzerischen, anmaßenden, zur Schwärmerei aufregenden Tone, als seine Spötter ihm Schuld geben, gelchrel hätte: vielmehr gerade das Gegcntheil Alles dessen! daß cs nicht an der allvermögenden und sich allezeit und allmittheilenden Gnade Gottes, sondern an unserer zitternden, wegzitternden Hand, an unserm durchlöcherten Gefäße, das sie nicht aufzunehmen vermag , an unsrer zerrißnen, tief im Schlamm er- trunknen Menschheit liege, die also auf jener Gotteshöhe auch jenes reine Gotteslicht nicht umstrahlen könne! Auf jener Gotteshöhe, siche! kann noch immer Tag Gottes lächeln! der Genius des Aufgangs mit einigen Strahlen an seinen Flügeln und Bruderliebe im Antlitz kann immer stehn und dahin winken (mich dünkt, die Bücher der Schrift sind mehr als der Genius!) und wir uns demohngeachtet noch immer ruhig im Moraste, fern von der Höhe, umherwälzen — mich dünkt, das kann ja Alles so leicht nebeneinander geschehen , und ist so sehr in der Ordnung: weiter hat auch jener nur winkende Genius, so lang cs Gott nicht anders will, auch Nichts Macht zu thun. Und ob und wenn Gott ein Andres wolle? Ob er unserm Zeitalter die Wundcrgaben am nö- thigsten und unentbehrlich sinke? Ob alles, was rings um uns ist, und dessen sich Gott in jedem Zeitalter doch als Acker zur Saat bedient hat, 344 2 lri Prediger. am geschicktesten dazu se», Wundcrgabcn zu erzeugen, zu nähren, anzuwenden? Ob nach dem, was Mcnschenblicke Eceigniß und Fordcrniß der Zeit nennen, diese oder andre Talente die unentbehrlichsten und das glänzende Ziel sind, wonach w i r zu streben haben? Ob sich nach einer Gabe Gottes dieser Art ohne Verirrung oder Gefahr selbst im mindesten streben lasse, und es auch hie nicht der Aehnlichkeit der Haushaltung gemäß wäre, eben unerboten zu rufen, ungetcäumt oder gar wider Willen zu senden? Ob, nach der Analogie gedachter Haushaltung, die hierin doch allein Grund oder Regel des Schlusses wäre, ob schon die Zeiten und Umstände da wären, in die der Geist der Weissagung auch diese Kraftcrweisungen gesetzt hat? — Ganz andre Welt von Fragen, als wovon jene Spötter träumen! und über die der Erstgenannte sich mit solcher Helle und Schriftdemuth erkläret! Ich wüßte also nicht, warum wir wie Buben über die würdigste Sache der Welt als über ein Mähr- chen schwatzen wollten oder müßten. Doch ich komme ab von meinem Ziel. Wenns je in unsrer Zeit Beweise Gottes voll Geist und Kraft gäbe: so bäuchte den ruhigsten Philosophen doch wohl, daß es wo etwa, auf welche Helle und freilich dem Jahrhundert geziemende Art es seyn müßte, am liebsten zum Beweise der Wahrheit der Religion geschähe. Nicht wahr? Und wenn nun auf die angezeigte Art sich solche Beweise der Wahrheit der Religion erhüben, und für unsre Zeit so viel als Wunder würden könnten und möchten — das würde doch auch gut Zwölf Provinzialblätter. 246 seyn! — Man sicht, ich bin bei den Propheten unsrer Zeit, den D e mo n st ran ten unsrer Religionswahrheit. Und nun löse Einer das Nathsel, woher es komme, daß eben diese Religion in einem Jahrhundert, das sich selbst das philosophische nennet, und wo alles, was aus Philosophie kommt, doch das würksamste seyn müßte, weils sein Medium sinket — daß eben darin die Religion, hundertfach im Großen und Kleinen so philosophisch d e m 0 n st ri r t und erwiesen — doch am wenigsten geglaubt werde? und daß, wer sie etwa noch glaubt, sie am wenigsten aus diesen Demonstrationen glaube, diese Demonstrationen gerade zu der Zeit, da er am innigsten glauben will, am liebsten vergesse? — Woher dies so drückende und auffallende Nathsel? — Will niemand ihm nachspüren? ist seinem Knoten nicht ab - ? der Religion auf keine andre Art auf- zuhelfcn? oder wollen wir, so Gott will! ewig aufs Gerachcwohl dcmvnstriren, bis wir zuletzt, wie Plato, im Hörsaal ganz allein sind, und alle Religion und Antireligion von uns entflohen? — Es kann nicht geläugnet werden, daß wir, und die Engländer unstreitig noch weit mehr mit dem metaphysischen Thcile der Religionsbcweise gut und ich möchte beinah sagen, übermäßig versehen sind. Das einige B 0 ile 'sche Institut hat in diesem Betracht Sachen ans Licht gebracht, die, wo sie gut sind, kaum zu übcrtreffen wären, und 346 An Prediger. mich dünkt immer, die Clark's, Vuttler's, Bcntley's, Camphell's, Conybear's, mit einer kleinen Seitcnwendung, die Locke, Bens 0 n's, F 0 ster's, Berkelci, Gerard's und eine Reihe verdienter Namen mehr, haben diesen Handgriff, die Religion zu fassen, ich will nicht sagen, abgenützt, aber wenigstens äußerst gcnützet. Ob das nun aber einzige Handhabe zum Beweise der Religion wäre? auch selbst zum Beweise dieser Art die kräftigste einzige? Siehe! mit alle dem würde doch nichts als die entfernteste und dazu kälteste metaphysische Möglichkeit der Offenbarung einer solchen Religion ausgemacht — was ist nun aber Möglichkeit? Möglichkeit eines Got- teswe rks nach und aus Menschengründen? Möglichkeit eines Gottcswerks aus und über alle Zeiten, also gewissermaßen, das einzige Werk Gottes! Zweck und Inhalt aller übrigen — die Möglichkeit dessen nach dem Gesichtskreise eines elenden, kurzsichtigen, augcnblickdaurendcn Geschöpfs gemessen, und bestimmt und zur Regel Gottes angeschlagen? und richtete nun noch dies Geschöpf nicht einmal nach allen Datis, die ihm Vorlagen! schrankte vielmehr, damit es recht wie ein Maulwurf philofophire, statt seine Seele groß und allwcit wie die Schöpfung, Haushaltung und Vorsehung Gottes zu weiten, sich nur ja recht auf den Fleck eines Staubkorns — des Lochs einer Grube, ja gar oft Wolke, Blendwerk, Hirngespcnst, kurz System ein: wie doch die meisten Demonstranten thun und thun müssen — Zwölf Provinzialblatter. 847 ihr Brüder, Engel und Menschen! welch ein Beweis? welch ein Beweis der Gottesoffen ba- rung? Lästerungen oft vielmehr, wo meist ein solcher Wurm, statt darein einige Weisheit und Philosophie zu setzen, daß er sich selbst, und wie unsäglich tief unter Gott und in welch kleinem Raum und Zeitp u nkt der Schöpfung und Haushaltung! seine Schranken fühle und nach diesem Nicht- und Rcgclmaß etwa alles berechne — nein! wo statt alle das, der philosophische Maulwurf sich nicht anders als in dem Sammlungspunkte des Ur- oder Alllichts Gottes blähet! ja gar dasselbe nur, wie der Pfau etwa das Sonnenrad seines Schweifs, von hinten, als die letzte Folge seines schönen Leibes, einer Hypothese, die auf wie schönen Füßen geht, zur Schau tragt, oft Lästerungen des Einigen, von dem Ein Gedanke unendlich höher als aller Menschen Gedanken und seine Wege über unsre Wege. Mich schaudert, und zittert dran zu denken. Möglichkeit und Würklichkeit — welche entsetzliche Kluft! weit von Ost zu West, und von West zu Ost ! Mö g l ich ke i t der Menschen und Würklichkeit aus Gott! welche noch unendlichere! weit vom höchsten Himmel zur tiefsten Hölle! — und endlich einzige Möglichkeit der Menschen, nicht aller (ob der Philosoph gleich immer so spricht) sondern Einiger, Eines Menschen! aus Einem Grunde! Einem Gesichtspunkt! Einer Grille von Hypothese, die die Kolhschwalbe an den Thron An Prediger. 3/,8 Gottes bauet, und nichts minder als alle Wege, Plane und Materialien in allen Zeiten und Welten, wie ein paar gefundne Grashalme, darin verflucht — wer schaudert nicht der philosophjsch-metaphyst, schen Höhe? Und endlich wie vorgetragen! wir entfernt! kalt! auf metaphysischen Schrauben oder Stelzen! ein schönes, aber flaches und leeres Schattenspiel abstrakter Begriffe und Worte! — Und das soll allgemein würkcn? das die ungläubige Well belehren? Darum sehet ihr auch so herrliche Folgen, daß keiner mehr so ein Ding, was Religionsbeweis heißt, fast anzusehen trauet! Wirfts, wenn er auch kein Freigeist ist, beinahe ungelesen weg, weil er doch immer dieselbe metaphysische Wachsnase, nur vielleicht mit der Stiege eines neuen Mittelsatzcs etwa aufgestutzt erwartet! Ich mag auch hier kein Unkraut ausrupfen, in Furcht, vielleicht den Weizen mit zu beschädigen: noch ists im mindesten mein Zweck, einem Bcweifer der Religion unsrer Zeit seinen Lorbeerkranz anzutasten, wenn er auch nur das Ansehn einer schlechten dürren Tanne hätte. Ohne Zweifel sollte sich an metaphysische Beweise kein andrer als ein wahrer Philosoph, der sich doch wenigstens in der Sprache der Metaphysik geübt hatte, wagen: und gegen die Voltaire, Bolingbrocke, Hume und Montesquieu, wenn er auch drei theologische Hüte trüge, kein Andrer schreiben, als der diese Herren, die einmal in der großen Zwölf Provinzialblätter. 349 Welt mehr als in der kleinen Doktorstube gelten, wenigstens besser als aus, oder wie Trinius Frcidcnker-Lexicon kcnnete, sie etwa doch selbst gelesen, durchaus studirt , dem Mode- gange nachgeschlichen wäre, der sie eben in die große Welt gebracht; dem Modeton nachgeschlichen wäre, mit dem sie gelten, doch etwas auch von ihren Gaben, ihrer Geistesrichlung, Philosophie und Witz kennete u, s. w. Ohne alle das, meine Herren ! befürchten wir nicht, daß wir unsre eigne gute Sache zum Gespötte machen, und indem wir freilich nichts als die Titel und Vorreden besagter Schriften kennen, wir auch vielleicht nichts als diese zu kennen und nachzuschrciben, fähig und werth waren? Und dazu, dünkt mich, hatten doch unsre Regenten die Antideistencollegia eben nicht verordnet- Kurz, meine Brüder, das Metaphysische dieser Art, was, glaub' ich, zu sagen gewesen, ist gesagt: die Besten müssen sich schon wiederholen, und B 0 nnets so neu - und ncugcglaubte Erklärung der Wunderwerke, in welchem Canz, Bilfinger, Ploucquet, Baumgarten stünde sie nicht lange? Gegen die Deisten unmittelbar wäre so sauber zu verfahren, als wie dem Wort Gottes Achtung schuldig scyn, oder lieber zu schweigen. „Welcher König, so ihm sein Nachbar Krieg anbietet, sitzet nicht zuvor und übcr- schlagt" u. s. w. Und kurz, und überhaupt wäre keine andre Handhabe möglich? Möglich? ich glaube vielmehr, es wäre die 35o An Prediger. einzige wahre, wenn sie uns nicht gerade ab- gekchrt und das gekreisclte, schwache Schnitzwerk der Philosophie, an dem uns aber das rechte Gefäß gerade vor der Hand abbricht, uns Vorstande. Es ist die Gattung Erweise der Schrift an ihr selbst: mit aller Fülle ihrer Einfalt, Zusammenhanges und Kraft, ohne Men- schensatzungcn, blos sofern sie sich selbst zeiget. Allem System, auch dem besten, liegt Philosophie drunten und drüber: Religion und Göttlichkeit derselben wird nur so immer mit in den Kuchen gebacken, damit er doch auch darnach schmecke: hier ist vom simpeln Gewächs Gottes, dem Baum aus der Anlage eines Senfkorns durch Zeiten, Jahrhunderte und Völker, die Rede. Daß es gezeigt werde, wie es ist, aber ganz und in der Kraft! Daß Haushaltung Gottes (und nicht Moral Christus oder Epiktets) gezeigt werde, wie sie ist? wie sie auf einander folgte? was durch sie erklärbar und ohne sie ewig unexklär- l i ch bleibt? jede Offenbarung Gottes in all ihrer Einfalt, Zeit Mäßigkeit, Würde, Kraft. Was durch Alles zum Nutzen der Weltgewürktist, und da ohne, wie wirs jezt thalmäßig haben, nicht hätte gewürkt werden können — o Plan! o Wunderwerk und KHr a f t de n k m a l eines Propheten Gottes! Wenn er sich selbst ganz entsagte, weder einem System^fröhnte, noch ein andres tyrannisch über- Zwölf Provinzialblatter. 35 r wattigen, unterdrücken oder heimlich vervortheilen wollte: von keinem System (unschuldig und nicht so heuchlerisch, als cs oft mißbraucht wird) etwas wüßte: nichts aufbliese oder dörrte und einschrumpfte! — Offenbarung Gottes! du allein für dich bestehend! in deiner gesunden F ü l l e und Kraft wuchs und schönen Nacktheit! ohne Stelzen und Umgehange, ins Licht, ins ganze Licht unserer Zeit gesetzt — welche Gottescr- scheinung! Statt aller Wunder und Zeichen bezog sich Mahomed immer aufs größte Wunder aller Zeiten, seinen Koran! und bot Welt und Hölle Trotz, wer ihn schreiben, wer ihn ans Licht bringen könnte? Hier ist von keiner Schreibart, Dichtung und Lügenbetruge die Rede: das ganze Werk G o t te s d u rch Z e i t e ir und Völker, wer es zeigte, in all seiner Würde und Einfalt zeigte — der wäre kein Prophet? Man denke dran, was Luther für seine Zeit und die Folgezeiten bis auf uns gethan hat: und schaudere — und hoffe! Uebersetzung und Darstellung der Bibel, wie sie ist: jedes Buch in Zeit, Ort, wesentlichem und minderwesentlichem Zwecke, wäre cs freilich zuerst, zuvörderst, und fast einig! Und für den ehrwürdigen Namen Volk, über den Luther nichts größeres kannte. Moses, Hiob, Psalmen, Propheten — wer euch, ganz wie ihr seyd, für Welt und Nachwelt darstcllen könnte — welch ein Priester! welch ein Prophet Gottes! Besudelt seyd ihr jetzt genug! In die unedelste, sorgloseste Pö- belprvse verschlvemmt! Seitab verzerret, wie ein 352 An Prediger. Schulknabe sich das am schlechtesten Griechen - und Römerskribenten nicht erkühnen sollte! Wo ist — kein Kaufmann: — ein zweiter einfältiger, auch ungelehrter Luther, ein Luther von Kopf und Herz und Brust und Schreibart, der euch darstellc l der euch reihe! — Einfältiger, ungelehrter Luther! wie dir das Wort Gottes theuer war! und der Name Volk dir zu Herzen gieng! und du aus eigner Ueberzeugung und Empfindung für uns aus dem Worte Gottes gedrungen, redetest, schriebest, übersetztest, und wo du nicht wußtest, noch glücklich und herzlich stammletest und also nur also wurdest, Bote Gottes ans Volk! U eberbring er und Dollmctscher des Worts für Welt und Nachwelt! Prophet! Ja Prophet, noch immer einiger, unerreichter Prophet mit deinem frei- und frohen Muthe! Je mehr wir also die Bibel darstellen, desto mehr wird uns Lust und Muth zu eignen Schriftstellereien über sie vergehen. Sie geltend machen, so viel man kann, durch Wort und Thal, Lehre und Beispiel: aber alsdann schweige und verschwinde! daß Gottes Wort wahr sey und gelte! und aller Menschen Wort nichts! — Nie kann ich da ohne tiefes Niederschlagen all meines geringsten Autorstolzes die Bücher eben desselben Mannes aufschlagcn, wo sich seine spätste Vorrede also anfangt: „Gerne hätte „ichs gesehen, daß meine Bücher allcsammt waren „dahin- Zwölf Provinzialblatter. 35Z „dahinten blieben , und untergangen. Und ist unter „andern Ursachen eine, daß mir grauet für dem „Excmpcl; denn ich wohl sehe, was Nutzes in der „Kirche geschafft ist, da man hat außer und neben „der heiligen Schrift angefangen viel Bücher und „große Bibliotheken zu sammeln: sonderlich ohne „Unterschied allerlei Väter, LonciUn und Lehren „aufzuraffen: damit nicht allein die edle „Zeit und Studiren in der heiligen „S ch r i ft v er säu m t, sondern auch die reine „Erkenntniß göttliches Worts verlohren ist, „bis die Bibel unter der Bank im Staube vergessen worden. „Und wiewohl es nützlich und nöthig ist, daß „etlicher Vater Schrift blieben sind, als Zeugen „und Historien: so denke ich doch — est rnoäus „in rsklls! und sey nicht Schade, daß vieler Vager und Concilien Bücher durch Gottes Gnade „sind Untergängen: denn wo sie alle hatten „sollen bleiben, sollte wohl niemand mehr ein- und „ausgehen können für den Büchern, und würdens „doch nicht besser gemacht haben, denn mans in „der heiligen Schrift findet. „Auch ist das unsre Meinung geweßt, da wir „die Bibel selbst zu verdeutschen ansiengen, cS „sollt des Schreibens weniger und dcS „Studirens und Lesens indcrSchrift „mehr werden. Denn auch alles andre Schreiben , in und zu der Schrift, wie Johannes zu „Christo, weifen soll, wie er spricht: ich muß Herders Werke». Ret. u. Theol. X. Z An Prediger. 35ch „abnehmcn, dieser muß zunehmen, da- ,,mit ein jeglicher selbst möchte aus der Quelle trin- „kcn, wie alle Vater, so etwas guts haben wollen „machen, haben thun müssen. Denn so gut wer- „den's weder 6onciI1s, Vater, noch wir machen, „wenns auch aufs Höhest und Beste gcraihen kann, „als die heilige Schrift, das ist Gott selbstgemacht „hat, ob wir wohl auch den heiligen Geist, Glau- „ben, göttliche Rede und Werk haben müssen, so „wir sollen selig werden, als die wir müssen „die Propheten und Apostel lassen auf „dem Pult sitzen, und wir hienieden „zu ihren Füßen hören/ was sie sagen „und nicht sagen: und nicht sagen, was „sie hören müss e n." So sähe sich Luther gegen die Schrift an, und so jeder, der Gottes Wort fühlet. Der unschätzbare Edelstein werde in den feinsten Goldring gefaßt, der möglich ist, aber gefaßt mit aller Starke, Inbrunst und Treue. Sie leuchtet von ihrem und nicht von unserm Lichte, an dem wir uns als dürre, tobte Körper wärmen: wollen wir aber gar vor sie treten, verschalten wir sie gewiß — den Gelehrten, denen sie nun so leicht verschaltet ist, aber auch dem Volk, der Heerde Gottes, dem keiner sie verschalten wird, der Ehrfurcht Gottes fühlet! Wann kommst du, Mann ohn Eigendünkel und mit Fclsenbrust, zweiter Luther? auch alle Mittel deiner Zeit und Vorzeit gebraucht zu haben, und Bote Gottes zu seyn an die Welt! Von keinem kritischen Spiel- und Rathselwcrk, wo eine Handvoll Wind eignen Zwölf Provinzialblatter. 355 Ansehens und Goldes zu erhaschen wäre — von einer Stimme Gottes zur Bildung, Aufklärung und Beseligung des Menschengeschlechts (und was könnte also warmer behandelt werden!) ist hier die Rede. Das wäre P r o p h e t c n w e r k! Beweis des Geistes und der Kraft! V. Prediger— Tugen dlehrer. Eiferer um Gottesfurcht und Religion, Strafen der Sünden und Laster des Volkes, mit Drohung dessen, was darauf erfolgen müßte, Anmunterer mit allen hellestcn Ge- mählden der Tugend und Nationalglückfeligkeit — das waren jene Propheten, und — sind unsere Prediger nicht! Die Zeiten, da Laster zu strafen und der Tugend so machtvoll aufzuhelfen war, sind ja nicht mehr! Viel Gutes und Schönes hört und liest man davon, wie sie als Tugendlehrer auch in einem sehr wohlpolicirten Staate noch brauchbar seyen: wie viel Gutes sich durch sie noch immer und so im menschlichen Geschlecht, ohne daß mans recht weiß, erhalte u. dgl. Aber von dem, was Prediger denn recht als Boten Gottes, der Religion und Tugend, thun sollen? nicht blos so leidlich, unter den Flügeln des Staates auch mit kriechend, thun mögen? was sie nun eben zu 3 2 356 An Prediger. unserer Zeit und zu keiner andern thun sollen, und insonderheit alsdann, wenn ihr Tugendvortrag und Unterricht nichts verfangt, und so gut ist, als ob er nicht da wäre? wo denn nun die Wurzeln solches alluntecdrückenden, Luft weg- schnappendcn Nebels liegen mögen? und wie sich ein Prediger nun über und gegen sie wirklich und treulich zu betragen? wie, wo er nicht ausrotten könne, er sich zu betragen habe, um zu hemmen, zu unterdrücken? wie mit andern gemeinschaftlich? —- wie wenig oder nichts hört und liest man hievon? — Ist doch bei alle dem noch immer so viel Gutes in der Welt l wird doch noch iinmcr manches Gute durch die Tugcndpredigtcn gewürket! Der Prediger lehre nur bürgerlich unschädlich fort, suche auch an Gelehrsamkeit den Amtmann zu übersehen U. s. w. In zmsäicmtioia asssL konui; , wie's der gute ^bb>s 8. tUsrrs, der viel Gutes gesagt hat, auch sagt, und damit gut!- Ist denn über Wesen des Predigtamtes nichts mehr und anderes und besseres zu sprechen, als von Beziehung der Religion auf den Staat, von andern Nebennutzen des Amtes, und von Klagen gegen Dogmatik, Gesangbuch, Catechismus und Liturgie — (worüber ich mit Predigern eben z u- lctzt also sprechen würde)? Wenn das zur Beförderung des Nutzens im Prcdigtamt, und z u- förde rst und also gesagt werden müßte: so weiß ich nicht mehr, was Predigtamt ist. Laßt uns dasselbe geistliche Amtmanns-Stelle oder ich weiß nicht wie? nennen, nur durchaus wird das Wort Gottes alsdann nicht dazu Codex. Ich weiß, daß ich dies ganz ruhig schreibe, ohne Rück- ^ V Zwölf P r o v i n z i a l b l ä t t e r. Zü'7 Mt auf Person oder Buch, sondern allein auf A m t und S a ch e. Der Prediger soll Lugend lehren. Wie? wenn die Tugendlehrc nun nichts gilt! Wenn er immer die geringste Würkung davon stehet! offenbar, wenn er sich nicht selbst süß trügen will, sehen muß, selbst das Besuchen der Predigt ist nur Gewohnheit ! Visite Gottes an einem Tag in der Woche, oder gar noch ärgeres! Er sieht herrschende Laster, die selbst seiner Tugcndlehre, noch unendlich mehr dem Geist seiner Religion (bei mir eine weit weitere Sache, als jene!) obliegen, ihm offenbar widersprechen, sein ganzes Predigtamt aufhe- bin u. s. w. Sieht vielleicht gar, daß in dem, was man oft Band des Staats nennet, (es aber wahrlich nicht ist!) Ableitungsstücke vom Christenthum, und in dem, was man Elemente, Luft, Principium der und der Negierungsform nennet, ein sichtbar, jetztgewiß nicht mehr unsichtbares Gift schleiche, das allen Lcbensothem der Religion verpestet und wegfrißt — was soll nun da der Prediger thun, um Nutzen seines Amtes zu fordern? oder nur vielmehr, sich noch von einiger Nutzbarkeit Rechnung zu geben? Soll er sich da ins Blinde trösten, wie man es den gemeinen Prcdigertrost nennen könnte: „du „säest bei Nacht, ins Finstere — aber das geht „doch auf!" Wenn er offenbar doch auch sieht, er sac nicht blos im Finstern (daran wäre nichts gelegen: ein Thor, der das feinste Sandkorn der Welt, Wort Gottes, mit seinen Ohren will wachsen hören!) sondern er sac auf W a s s c r , Sand, Dorn en, den Weg, und für alle Spötter und Raubvögel des Himmels! Soll er sich da allein 358 An Prediger. wohlbehaglich trösten, daß doch noch etwas einen guten Boden finden könne, und wie ers Gott zutraut, finden werde. Er dürfe nur so ruhig die Tugend fortlchren, sey doch vielleicht seit Tibc- rius Zeiten die Welt, wo nicht besser, doch auch nicht schlimmer geworden u. s. w. Und wenn er sich nun damit nicht bcru- higte? Wenn ihn W o r t G o ttes, die Muster der Propheten und Apostel (wage ichs, die Männer als Vorbilder zu nennen?) Christus selbst, ganz wozu anders drangen? daß er sich damit nicht beruhigte? daß er, wenn das einzige Würkung des Predigtamts seyn soll, nichts in seinem Leben mehr als die Stunde der Wahl beklagte ! daß er (lasset's uns nur gerade aus sagen!) den Prediger sodann für nichts anders als einen tolerirten Pfaffen und Menschendiener, geistlichen Akademiker, Philosophen, und wie wir die Titel höflich umschreiben wollen, aber wohl, wenn ihn immer Sinn und Gewissen nicht trügt, unmöglich für Nachfolger der Muster halten könne. Ich rede nicht von unreiner, unweiser Nachfolge: ist ihnen aber gar nicht nachzu- folgen, so — laßt uns nicht mit dem Worte spielen, so geht uns das Wort Gottes in dem Elemente nichts an. So lasset uns irgend einen Moralisten wählen, Tugend nach ihm zu predigen; und da wüßte ich denn freilich nicht, warum das die Bibel (womit man soviel Mühe hat, sic erst in vernünftiges Licht zu setzen, und wo denn doch noch oben und unten der Duft von Ezechiels Bro- den bleibt!) warum das die Bibel seyn müsse? Epiktet! Mark-Aurel! Stücke von Sokrates! oder Zwölf Provinzialblatter. 35g wenn wir mehr in unsrer Zeit bleiben wollen, kensäss der Marl-Aurele und Voltaire-Epiktele unsrer Zeit — die waren doch zu einem zeil matz i gern Sinne gewählter! und sodann gewiß alles wie einförmiger, schöner, politisch-erwiesenec, und für den armen Prediger trostreicher als jetzt. Noch nützlicher, wenn ihm auch Erecution zur Beförderung seiner politisch - nützlichen Moral gegeben würde. Da sind denn nun, wic's jetzt ist, unsre Predigten so laue Ausführungen Eines Hauptsatzes, allweit wie die ganze Welt geworden ! Deklamationen, die als Kunstgattung, ich weiß nicht wie tief, kamen, wenn sie nicht noch die liebe Kanzel schützte. Kann man sich etwas Müßigeres und Schülerhafteres denken, als ewige Trak. takionen ewig dunkler dämmernder oder schwimmender Begriffe! in eine Lieblingswendung, die Gemein ort heißt, immer neu und neu umher- gcgofsen, und mit dem weiten Predigermantel jede- Staubkorn wahrer Lehre verschleiert! Triviale, kraftlose, tausendfach wiederholte Dinge, und doch wagt man sie mit Demosthenes und Cicero, und wahrhaftig zu ihrem Vortheil zu vergleichen. Heilige Redner! Demosthenes und Cicero hatten Zweck! sinnlich einig gegenwärtigen Zweck! der ihnen zugestanden wurde! auf den sie losredetcn, so dicht Hinanreden mußten, daß sie ihn ergriffen — oder es wäre besser gewesen, sie hätten der Zeit geschlafen. Und was ergreift ihr? wen oder was wollt ihr ergreifen? Eben den müßigen leeren dämmernden Ton, das im ewigen l^ocus ooinwu- 36c, An Prediger. nis sich fernhaltende Geschwätz, nennet man ja Andacht, Anstand, die wahre Predigt- form, auf die man das andächtige Schlummern, Dämmern, Träumen — das ja Nicht-Erregen der Leidenschaften, die matte Weishcitsbrühe, die immer Alles sagt und Nichts sagt, hineingcgosscn und hincingelcnkt hat, daß es Stempel geworden! Wenn ich da den Vortrag der Propheten im Mindesten und Erößestcn, den Himmelsflug Jesajas, Wenn er wie der Adler zur Wolk' jetzt steigt, Jetzt hinunter zu der Ceder Wipfel sich senkt! und die Trauerpredigt Jeremias, ganz in Thrä- nen und Landes-Elend verfasset, und das Ausmahlen Ezechiels, und wie weiter ihre Perso- nen-Denkart sich unterscheide — wenn ich sie im allgemeinen prophetischen Gesichtspunkt erfasse: wie national Alles! zeit mäßig! individuell; Laster und Fehler gerade ins Auge'angegriffen! Nichts weniger als Ausführungen allgemeiner Tröster; aber dagegen wie scharf! wie treffend! wie bestimmt! Von vielem wissen wir nicht die unterliegenden Fälle, die aber immer durchschim- mcrn: nach Jahrtausenden und in dem Europa schimmern sie noch durch. Das Wort in ihrem Munde ist Feuer! ist wie ein „Hammer, der Felsen zerschlagt!" Und was sind dagegen die Modcpredigten unserer Zeit! — Jeder leere Kopf kann sie nach- Zwölf P r ov i n z i a lb l a t t e c. 36i ahmen! jeder ruhige müßige Leib sie nachdammcrn ! Ohne Leidenschaft! ohne Inhalt! ohne Feuer! einförmig wie die Tonnen! überall gleich gut, d. i. gleich mäßig und förderlich zu halten — das sind heilige Meisterstücke heiliger Reden ! Freilich Jesajas, Christus, Propheten und Apostel, selbst noch Luther und alle gute Männer, die eine Kirche und Gemeine hatten, so ihr war: die alle nicht so! aber die Leute waren auch keine Redner! hatten nur immer von Einer, gegenwärtigen, dringenden Situation Mund und Herz voll! waren keine hohle Weisheitsköpfe für alle Welt. Wir aber sind geistliche Redner! Prediger! Tugendlehrcr! von ihrer Nachfolge in Geist und Wort und wie es sey, ein für allemal entbunden! lehren allgemeine Tugend von unfern Kanzeln, in jeder eine ganze Moral, und nach einem andern angenommenen Lieblingssatz eine ganze D o g m a t i k! damit, wie es heißt, wenn ein Ungläubiger, Heide, Jud oder Türke, im Fall er nur eine Christenpredigt hörte, sogleich daraus den Weg zum Himmel gerad' und glatt in sich hatte u. s. w. „Seelsorger — Beichtvater!" der sich etwa um die Seligkeit anderer kümmere! wer lacht nicht über die abgelebte Trostformel? Und welch eine wohlpo- licirtc, zumal artige menschliche Gesellschaft wird sie noch etwa in einem Wurzelfäserchen dulden? Der Prediger, der in einer Wortanspielung auf ein landkündiges Grcuelfactum, das sich auch keine Obrigkeit zu bestrafen Mühe nähme, und wo er ihr also nicht ins Amt fällt, deutete — Pasquillant 362 An Prediger. und kein Prediger! Der Beichtvater, der mich in einer Beichtermahnung auf die löblichste Weise an einen Zug meines Charakters erinnerte— Pasquillant und nicht mehr Beichtvater! Ihm wird darum sein Geld ins Haus geschickt, daß er schweige! der mich endlich gar im Hause mit einem Wort oder Winke störte — aber dazu sind unsere Seelsorger zu artige Gesellschafter, die wohl wissen, was auch guter Ton ist — und so bleibt die Sache überhaupt auf dem ruhigen Pfade, der immer ja der beste ist. Amen! Und so noch nur ein Wort an dich, Bote Gottes zur wahren Wohlfarth deiner Brüder! Wenn es kein abgckommenes Wort ist, daß jeder seine Seligkeit mit Furcht und Zittern schaffe, und es kein Wort des Wörterbuchs ist aufzuschlagen oder auszumerzen, Wächter deiner Brüder! Und alle Zeugen der Schrift deine Muster! und das noch die einige Art ist, wie innige Kraft des Wortes Gottes erhalten wird — kein weltliches Gesetz wird dein Gewissen und deine Empfindung hindern, dein Amt als mehr als Tugcndlehrer zu führen, nicht vor Menschen, sondern vor Gott! und keine Kasuistik und Pa- storaltheologie es dir bestimmen dürfen, wie du ohne wahren Anstoß bürgerlicher-, Staatsund Sittcnbeziehungen Seelen suchest und findest, Lastern cntgegenredest und entgcgenhandelst, ihre Wurzel, so weit deine Hand reicht, nicht wegzuschieben, sondern wegzurotten trachtest! Alles unvollkommen freilich und im Kampfe! Deiner Zeit erliegend und unterliegend — welcher guten Seele giengs anders? Auch der Fruchtbaum in der Zwölf Provinzialblatter. 363 Wüste ist indeß nicht umsonst, und um so erquickender, wenn ihn ein Verirrter findet, der das nun wohl eben hier am wenigsten zu finden meinte. Arzt und Hirt für die Deinen, im eigentlichsten Verstände — und so du was mehr thun willt oder kannst, Besserer der Welt! Auch Jesajas soll ein unvollkommener pragmatischpolitischer Schriftsteller seiner Zeit gewesen seyn, wie unsere Schriftsteller sagen. VI. Predigttheorie. Philosophische Predigten. Evangelische Prediger sind eben so wenig den israelitischen Propheten, als den heidnischen Philosophen zu vergleichen, und nicht in dem Verstände, wie letztere, Lehrer der Weisheit und Tugend. Propheten waren Beweiser der Gottheit für Religion und Menschen-Vorsehung, Eiferer um die Ehre Gottes, Aufmunterer, Tröster; Angewehete des Geistes — am allerwenigsten Unterrichter auf dem Wege der Religion, als Religion. .... Und sollten die Prediger seyn, was gewissermaßen im Heidenthum die Philosophen waren, so, sage ich, sind sie cs aus die Weise, da fies sind, meistens so schlecht, als cs kein heidnischer Philosoph war. An Prediger. 36 § Was ist Philosophie in Predigt? was eine Predigt als Philosophie, als vollständige Lehre der Weisheit und Tugend? Die Demosthene und Eiceronen würden sich, wie ich glaube, über unsere Predigten, als Rcde- gattung viel, sehr viel sagen, was an einen andern Ort gehört: wenigstens ist die Vergleichung mit ihnen fast von allen Seiten hinkend. Auf Vorbilder in der Bibel kann man auch nicht rechnen. R e d e g a t t u n g also , Form, Einrichtung, als solche, ist ohne Vorbild. Auch, dürfte ich sagen , noch ohne Vorbild der ersten Kirche. Man sehe die Homilien der Vater, und die auch unter uns so bekannten Predigten des Ehrysostomus und Makarius an — man wird noch kaum Typus unserer Predigt sehen. Und ich weiß nicht, ob ich, gegen Ehrysostomus z. E. betrachtet, an Einfalt, Würde, Leben, Rundung, und eigentlicher, meist Kasualanwendung Fortgang oder Rückgang sehe. Die ganze christliche Gemeine war damals noch gegenwärtiger, naher dem Sinn und Herzen, abgesondert und eingeschränkter: also auch die Reden an sie umfassender, treffender, und, darf ich hinzusetzen, christlicher, als sie jetzt sind. Es mußte erst durch eine Reihe Mönchsjahr- hundertc hindurchgehen, ehe so ein Ding werden konnte, was man jetzt christliche Predigt nennt, und was sich zuerst in jedem Lande sonderbar na- rionalisirte. Die französischen Hofprediger und Oirsctcmrs cla aonscüsNLö, die Bossuets, Mas- sillons und Bourdalone : die englischen Prälaten V Zwölf P ro v i nzi a l b l a t t e r. 365 und Philosophen, Tillotsons, Sherloks, Festes u. s- w. mußten sich auf sonderbare Art mischen , um den National-Geschmack hcrvorzubringen, den wir uns als Nationalschmuck, anrechnen. Gattung vorausgesetzt, mischen sich in einigen unserer geistlichen Redner Vorzüge — — doch von dem Allem ist hier nicht die Frage: sondern von Gattung als Form zum Inhalte, zur Philosphie über Weisheit und Tugend. Und da, was soll abgchandelt werden? mit wem? wie? wozu? Die Fragen geben, für Philosophie, sonderbare Schwierigkeiten von allen Seiten. — Ich bin nicht willens, einzeln berühmte Stücke zu kritisiren. Sie sind vielleicht vollkommen in ihrer Art. Ich tadle nicht, sondern bewundere. Bewundere den allgemeinen Geist, den Griff und Abgriff aller Materie, die Ordnung, Einfalt, leichte Bildung, ewige Einförmigkeit, die güldne Mittelmäßigkeit, die bei unfern Predigten durchweg herrscht. Zwo gelesen und man hat alle gelesen, und auch die Form in dunkler Ahndung, wie alles dahinein zu giessen, und eine Menge so verschicdner Zuhörer so oft und so lange damit sachlich zu amusiren, d. h. zu erbauen. Ich bewundere das schöne, runde, ringsum abgegriffene, sich überall ähnliche Ding, das sich so leicht durch alle Hände, in jeden Schoß und Busen spielt — und alles, nur kaum alte Philosophie der Weisheit und Tugend seyn mag! Die sogenannte P red i gt t he o r i e, die 366 An Prediger. darauf eingerichtet ist, mit ihrem Nichterregen der Leidenschaft, mit ihrem Nichterregen Heller Ideen, mit ihrem andächtigen Schwünge zu erbauen und zu lahmen — die wichtige Kunst ist auch eine Erfindung unserer Zeit! Akteurs sollen Prediger und könnens nie seyn , oder sie sind das schlechteste, lächerlichste Ding unter der Sonne. Plötzliche Thathandlungen und Entschlüsse, wie Demosthenes und Cicero, können sie nicht erregen, weil fies nicht sollen; und sol- lens nicht, weil fies nicht können, und wo fies können, sollen fies, und wo sie sollen, können fies. Philippe sind nicht vor unsern Mauern, daß wir sogleich Lhorhinaus rennen sollen in blindem Feuer, das ist wahr: und wer hat je darauf gearbeitet? Missethater, Augenblicks- zu verdammen und loszusprcchcn, find nicht — wer hat je auch darauf geredet? — Aber gesetzt, so etwas wäre nun noch jetzt zu er reden — Lehrer! so mußt du's, und mußc's können, oder du redest schlecht. Ware eine Christenpflicht, welche es auch sey, gleich zu thun, und du hattest sie anschaulich zu machen, gleich darauf zu dringen — schwach, wenn du es nicht thätest, mit welcher Theorie du dich auch entschuldigen wolltest! Wehe dem, der sich immer in der Predigt auf sein ganzes Leben bessert und fängt sich nie gleich zu bessern an! handelt immer sehr reiflich im Allgemeinen, ohne je im Besondern zu handeln, wenn eben noch die meisten Beweggründe da sind; ich nehme an seinem Handel keinen Theil. Zwölf Provinzialblätter. 267 Und so auch nicht an der Predigt, die den Handel schlichtet! Immer reiflich und wohlüberlegt aufs ganze Leben— und ja nicht feurig und eifrig in diesem ersten Umstande des Lebens — ich begreife nichts! Stets auf die Pflicht oder vielmehr mit Einem Wort auf tausend Pflichten hinausgesehen — und also nicht hjnausgeschen : h i n a u s g e d äm m er t! Dunkel schwach etwas davon gefühlt! also dunkel schwach berathschlagt — künftigen Sonntag wieder berath- schlagt — daß immer nichts wird. Aber „der Grund der Seele bleibt doch so weich" — und nachsummend ! das Summen mag ich kaum erregen, anhören oder dulden ! Freilich Demosthenes und Cicero summeten nicht also : sie klärten auf, sie ü b e r- zeugten, gaben Entschlüsse, gewiß nicht blos auf die Viertelstunde: denn Demosthenes war nicht Trommelschläger vorm Heer im Moment des Angriffs: war Rathschlager, wie zehn mit ihm und zehn ihm entgegen: aber Prediger war er freilich nicht. Er wußte was er sprach! wohin eS gieng! und wozu! und wodurch! - Der allgemeine Widerwille gegen Predigten ist bekannt, und man hat eine weite Landerei eröffnet, ihn zu erklären und zu placken; „das natürliche Verderben der Menschen! Haß gegen die Religion" u. dgl. ohne scharf zu untersuchen, ob nicht die Gefäße, in denen Religion erscheint, auch dazu beitragen mögen? Nun glaube ich, daß kein gesunder Mensch unangenehmer bewirlhct werden kann, als daß ihm was und immer was und doch immer nichts — ein feierlicher Dunst gegeben werde, 368 An Prediger. der weder bestimmt aufklärt noch bessert. Aerger fürwahr als vbs nichts wäre, wenns nur immer Schall ist, der auf der Oberfläche unfers Ohrs hin- wegspielet — man kennet den unangenehmen, widrigen, kopfbetäubenden Zustand: und wenns eben nur solch ein Schall ist, der also auf der Oberfläche der Seele spielet, die äußersten Wellen bewegt, und nimmer den Grund aufwühlt oder die Tiefen erschüttert! Wer, der Lust hat, eine Wahrheit ganz aufgeklärt, bis auf Abgrund und Tiefen ergründet, zu lesen, liest Predigt? Wer, der wahre, tiefe, starke Situationen des Herzens und der Seele, Pflichten, Charaktere, Labyrinthe im Lande der Weisheit und Tugend aufgeklärt und geebnet lesen will, liest Predigt? — Wenn nichts die Ideen klar aufhellet, nichts das Herz bestimmt wirksam angreist : in dem unbestimmten betäubenden Mittclfchwanken — wer kann aushalten? Was für Traktationen in den meisten feierlichen Werken dieser Art! was für Umholungen! was für Beweise! — sie sind längst zum Sprüchwort geworden, die Kanzelbcweife und Kanzeltrostgründe und Kanzelperiodcn, und ich wollte fast, daß sicS noch mehr würden. Was für Zeichnungen des menschlichen Herzens! was für Situationen und Charaktere! ich wollte, daß auch sie, wenn das besserte, zum allgemeinen beschämenden Sprüch- worte würden! Das wird nun nachgeahmt! das gefällt! welcher undenkende Träumer kann sich damit nicht unter- V Zwölf Provinzialblattcr. 369 unterhalten ! cs wird ihm nicht schwer, er hat, wenn er alles gelesen oder gehört, doch auch nichts gelesen oder gehört, und war so andächtig! „Der Mann meint's so gut, es tönt ihm noch so etwas erbauliches, dunkles nach in der Seele" — gute erbauliche Predigt! wer könnte sie nicht nachhalten! man darf so wenig dazu wissen! in die weite Form paßt so alles und tönt! tönt beinahe mechanisch hervor , wenn die Glocke nur angestoßen ist durch vorhergehende Lesung. Und so bedarf ja der Kandidat nichts, was ihm Mühe macht— weder Bibelerklärung! noch recht Helle Beweise! noch tief treffende Pfeile der Erregung, noch beschwerliche einzelne Kenntnis des menschlichen Herzens und seiner Zuhörer l hat ein treues Reccpt gegen das Alles — Ton der Predigt! der muß — nun nicht so gar zu hell erleuchten, noch so gar zu tief rühren — nur d a m mern ! Untersuche man nun einmal, wie viel von diesem Dämmern wirklich auf weit schlechtccm Grunde beruhet, als je das unnütze Mahlen und A ff ek t e r re ge n (das auch ich hasse!) beruhen kann. Hier sieht man doch wenigstens den wirksamen, nur unzeikigen, zweckvcrsehlendcn, ungelegnen Thoren: aber dort, wenn von der Dämmerung so viel auf dem heiligen Gange, Wortumfange, langsamen Periodcnguß, feierlicher Wertform u. dgl. beruhet, was hört man da? — wahrlich so war doch kein hcivnischcr Philosoph und Redner! Wollte er aufklärcn und beweisen, so klarte er auf, so bewies er: und wir haben im Alterthunie ganz so Herders Werke i. Rrl. u. Theol. X. A a An Prediger. 370 hellaufklarende und beweisende Reden. Wollte er Gemülher bewegen, so that er's: ober ouf bestimmte Zwecke! in Hellen oder dringenden Situationen ! wo er ebenfalls das beste versuchte. Aber so eine heilige, müßige halbe Stunde schaffen! freilich, das wollt' und konnte kein heidnischer Philosoph und Redner! Ist das das Geschäft der verordneten Lehrer der Weisheit und Tugend — ists das und nichts anders als das, so könnt' es bester seyn, so ists, wie es jetzt ist, nicht viel! Lehrer der Weisheit und Tugend! warum steigt ihr nicht, um euch zu rechtfertigen, und euern Zweck zu erreichen, von den Kanzeln, die so unbe- hülfliche Lehrstühle sind, nieder? werft das feierliche Vehikulum, das doch einmal nicht nach dem Geschmacke der Zeit ist, lieber ganz weg? Predigt nicht, sondern lehret! Wozu diese gothischen Gebäude mit Altar st cetera, wie Kirche gestaltet? blos eine wüste verworrene Menge zu fassen, über denen sich eine Helle Dunstwolke zusammenzieht, schwebt, und auf einzelne nur in kalten Waffer- tropfen nicdcrflieffet? Steiget herab! theilt die Menschen, wie's Philosophen gemacht haben, in Cl affen, Curicn und Centurien, und lehret sie nun bestimmte Weisheit und Tugend, was jedem dient, allein dient, kräftig, bestimmt dient, und werdet also was ihr seyn wollt! Lehrer der Weisheit und Tugend! — Wenn aber die Tugend - und Weisheilslehre denn nun Zwölf Provinzialblätter. 371 nicht gilt? wenn sie nichts hilft und man auch nicht absieht, wie sie helfen kann ?. .. Die Stimme hat wenig Aether, wo sie ertönet! Die Weisheit und Tugend kein Medium, in dem sie würket! Entgegen stehen schlimme Gewohnheiten, herrschende Seuchen, Vorurtheile und Laster, die Mode des Jahrhunderts oder gar Bande des Staates sind! Ins Wasser gesaet, und sich damit denn getröstet, „du säest doch! es ist doch noch manches Gute in der Welt!" oder den Mantel auf beide Schultern, Vorurtheilen gestöhnt, philosophirt, und übrigens, sinsrs vnäsrn rnunclnna, sicut vaclit! Religion, wahre Religion muß zurückkehren, oder ein Prediger bleibt das unbestimmteste, müßigste Mittelding auf Erden. Wie kann sie aber zurückkommen, Wenns nicht Prediger, die eben mehr seyn wollen, als wöchentliche verordnet Philosophen, mit allen Kräften schaffen und fördern? Lehrer der Religion! wahre Diener des Worts Gottes! was habt ihr in unserm Jahrhunderte zu thun? D i e Ernte ist groß! der Arbeiter, leider! so wenig. Bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter aussende, die mehr sind als Lehrer der Weisheit und Tugend: und noch mehr, helfet selbst! Wie ihr helfen könnt, sehet, dazu ist auch dieses Buch geschrieben — 0 daß es würkte! Gang des Predigtamls — Beruf und Vorbilder hält es euch vor: immer mit Verhalt auf eure Situation und unsre Zeiten — 0 daß es Aa 2 würkte! Die meiste, ja alle Kraft und Nahrung war nicht aus dem Geist der Zeit, aus Philosophie und dergleichen, sondern aus Bibel! Jene großen Veranstaltungen Gottes — jene Muster der Schriftsteller, Bekenner und Propheten, das herrlichste Excmpel Jesu und der Apostel selbst — o Bruder, welch ein Bildersaal großer, weckender, kraftvoller Lehre! Um sic zu schmecken, muß man Offenbarung Gottes in der Bibel glauben; sie im Gange des ganzen Menschengeschlechts auch glauben, und also natürlich immer und überall auf den großen Mittelpunkt zurückkommen, um den sich alles drcht und füget — Jesus Christus! den Eckstein und Erben ! den größten Boten, Lehre r, Mensch des Vorbildes, aber auch seiner Person nach Eckstein der Seligkeit, auf den wir Alles fügen sollen, was jene Welt bewahren wird. Was haben wir zu thun, meine Brüder — um ihn zu erkennen? Durch ihn zu erkennen Gott, und in dieser Erkenntniß zu geniesten ewiges Leben! Was haben wir zu thun, um ihn andere erkennen zu lehren? in unserer Zeit! und zu seyn wie er -— jetzt in der Welt! — Mein Buch stammelt nur verworrene Sylben, aber die Bibel und ein ganzes Herz! zeigt mehr als mein Buch. Ich klage nicht: denn was hilft klagen? und klagen wird zu Spott. Ich will nicht streiten oder urtheilen, weder über Personen, noch über Bücher, worauf hier gar nichts ankommt. Ich rede aber v o n e i n e r S a ch e, von einem großen und auch meinem Amte: hierüber kann ich also mit Freiheit, Gewissen und Ueberzcugung reden, wie ichs ansehc und fühle. Ja ich glaube, daß ichs muß. Aus Einem Buche sind die Vorwürfe nicht alle genommen: der Leser hüte sich vor Mißdeutung darüber, vergesse überhaupt Buch und Bücher, und denke: das ist gegen Sinn der Zeit, Geist des Jahrhunderts geschrieben! Ist nun dies allgemeine Gespenst, Geist des Jahrhunderts, nicht das unsere— Gottlob! der Leser danke, gehe vorüber, und tröste sich damit, der Verfasser habe es für sich und für wenige Menschen sonderbarer Denkart geschrieben, denen er es denn auch nach dem besten Schlage seines und ihres Herzens zueignet. VII. Lehrer der Offenbarung. So hoch der Himmel über der Erbe, so hoch sind des Herrn Gedanken über Gedanken der Menschen. — Jes- b5, 9 . Gott offenbarte sich dem Mcnschengeschlechtc zu mancher Zeit und auf mancherlei Weise; so viel ich aber sehe, waren seine Offenbarungen nicht immer und fast nie moralische Diskurse, Vorträge, Predigten, die Pflicht oder Thema auf der Nadelspitze mit sich führten. Samenkörner warens, die auf mancherlei Weise verhüllt und gcsäet, viel in sich hielten, was erst ein Zeitverlauf und oft ein langer Zeitkauf entwickeln sollte: aus dem Verfolge entwickelnder Zeiten besteht die B i b e l. Wie sich nun immer -Moralisten und Akcoa- matikcr beschweren mögen, daß Gott sein Wort also und nicht in Dogmaperioden, oder k a- tonischen Distichen gcoffenbart: der Prediger, das ist, Lehrer des göttlichen Worts, läßts, wie es ist, freut sich dessen und brauchts, wozu cs gegeben ist, so vollständig als er kann! dadurch allein wird er Prediger des Worts Gottes, göttlicher Offenbarung. Bei Kindern wachst aller Unterricht aus Er- fahrung und Geschichte: jene öffnet Aug und Sinn, diese Ohr und Gedanken: der Religionsunterricht thue also beides. Was ein Kind faßt, ist nur That fache, lernts also im Leben den guten Gott in der Natur und in jeder L e bens b cziehu n g, die sich für sein zartes Alter öffnet, fühlen und schmecken, wird Gottesfurcht von Kind an sein Eden, wie Tugend die Ordnung seiner Gesundheit und Freude; was nun die Stimme der Eltern, mit Göttlichkeit des Ansehens fast, hinzu thun kann, ist allein Geschichte. Gott hat das Menschengeschlecht im Zwölf P r o v i n z i a l b l ä t ter. 876 Grossen wirklich so entwickelt, wie sich die Kräfte eines einzelnen Kindes entwickeln. Glauben und Gehorsam, Liebe und Hoffnung sind (obwohl nicht in unsrer philosophischen Erziehung) die ersten Tugenden, die in ihm geweckt werden müssen, und die lebenslang alles führen und tragen: das Wunderbare und Feierliche der Erzählung giebt dem Gemahlde eben so viel Licht, Helle Farbe und gleichsam heroisch Riesenhaftes, als es haben muß, das Auge der Kinder zu wecken. — Kurz, Geschichte der Religion, so unbewiesen, grob und simpel sie scheine, trotz aller philosophischen Katechismusprobleme für Unmündige, wird sic ihnen das erste, liebste, einzige Vildungsbuch bleiben , aus dem sich nachher im Leben, wieviel entwickelt! Ausgcrißne Wortblumen, Moralkränze , und Wahrkcitsbündel verschmäht die einfältigere, ganze, lebendere Kindheit! Wie in den Wissenschaften Geschichte der Natur, so also hier G c s ch i ch t e der Religion des Kindes erste Bibel— Glaubenslehre, Kasuistik, theologische Moral, alles! — Wer ein Kind blos für das Jahr erziehen, das ist, wie unsre Kinderlchrer sagen, sich zu ihm h e r- ablassen, oder wcrs gar auf einmal zsi ch erheben, das ist, eine ganze Religion ihm philosophisch eingreifen will, der thue cs — ich nicht mit. Ein Mittel, seine Seele aufs tiefste zu nähren, und auf ewig; nur allmählich, aber mit allen Kräften sie zu erweitern: die Einbildung fängt an sich aufzuhellen, das Ur- An Prediger. 376 theil, noch geschloßne gcruchvolle Knospe, hervorzubrechen: Neigungen gehn, wie Sprossen aus dem Samenkorn der zarlen Pflanze allmählich auseinander : die kleine Menschheit entwickelt sich an Kräften, wie im Verhalte der Glieder, — und siche! so das große Vehikulum der Bildung, Geschichte der Religion. Nun sondern sich in ihm Züge und Gruppen: Reden, Begriffe, allgemeine Wahrheiten steigen von selbst in die Höhe, und da cs auf ein bloses Exempclbuch süßlicher Tugendvorbildcr nicht angesehen war, sondern auf ganze Entwickelung der Menschenkräfte durch Offenbarung Gottes — wie leicht und kräftevoll wächst der schöne Körper mit Gliedern und Jahren! Nun wird allmählich simple Dogmatik, Moral u. f. aber nie Dogmatik den moralischen Lehrsätzen etwa auf den Schweif gehängct, oder jene aus der ganzen Geschichte nur erpresset — aus einem lebenden Samenkorne der Thatsachc, der Ges ch i ch te, das ganze schöne Gewächs Gottes! sein Boden ist Offenbarung! sein inniger Saft und Kraft ist — Glaube! In diesem Wachsthume geht ein Prediger mit seiner Gemeine fort. Jede Pflicht und Lehre noch immer aus dem heiligen Boden erwachsen! im Verhalte der großen Offenbarung, die höher ist, als Menfchenvernunft, oder als das aufgezählte Kunstwerk augenblicklicher Beweggründe und Pflichten. Ec stärkt den ganzen Menschen; sowohl die sinnlich e n , nur g l a u b e n d c n, auf Autorität beruhenden, dunklen, aber so lebhaften / , ^ v Zwölf Provinzialblätter. 377 und wirksamen Kräfte, auf die Alles im Leben ankömmt; als das kleine deutliche Fassungsvermögen, das natürlich nur in sehr milden b e d a ch tsa m c n Situationen würken kann. Wort Gottes nährt, und erweitert, tragt und stärkt die ganze Seele. Glaube, Hoffnung und Liebe sind eben so wohl Kräfte, und edle, wirkende Kräfte, als das Kunstwerk, klare Vernunft. Nicht sehn und doch glau bcn, doch würken müssen, gehört eben so wohl zum Loose des Menschen in diesem Leberts und zwar zum schwerern Theile seines Looses, als würken zu wollen, wo und wie weit man sieht, mit Gott, sich selbst, und allem Gcwürme der Erde nur moralisiren. Der Mensch wächst aus einer sinnlichen Kindheit auf, aus der er den Saamen all seiner Kräfte hernimmt — seine Bildung werde diesem Fortgange ähnlich! Er bleibt aber auch fein Lebenlang Kind einer höhern Macht: was er in, an und um sich erkennet, ist immer das Unendlichwenigere gegen das, was vor-, um - und hinter ihm im dunkeln Spiegel schwimmt — es ist also nur Trug oder Kurzsichtigkeit, diesen Umfang nicht erkennen, ahnden zu wollen, nur auf dem einen Hellen Punkte der Nadelspitze zu verharren, und — ihn als das Ganze unser s Systems von Wissen und Thun zu preisen. Ich bin nur, wo ich jetzt bin, auf Einem sichtbar gewordenen, eingeschloßnen, verdämmerten Punkte. Vor - und hinter mich her geht eine große Kette, in die alle meine Kräfte streben; ich müßte ungemein gelähmt scyn, wenn ich An Prediger. 378 nicht zu beiden Seiten hin blicke und mich hin bilde, wo Gott mir Aussicht gewährt: Religion in eigentlichster Bedeutung, noch Inhalt, Zweck und Vortrag, also der einige Schatz für alle Kräfte der Men sch heit! in jedem Umfange, jeder E n t w i ck l u n g, und f ü r ihre ganze Existenz hinaus. Mich dünkt, die kennen die menschliche Seele unrecht, die sie in Einer Kraft ausschließend stimmen und treiben wollen! Wie wenig im Leben, was immer aus deutlich erkannten Beweggründen, als p h il0s0 p hi sch e P flich t gethan wird? oder was, wenns so, eins gegen hundert, erkannt wird, alsdann noch lebhaft wirke? Die Seele, kennt sie einmal ihren Körper? hat sie von seinen Sprengfedern, sofern sie Neigungen, sofern sie Triebe der Handlung werden, im mindesten Kunde? Hat sie zumal in dem Augenblicke davon Kunde, da sic handelt, und soll sie nach philosophischer Moral nicht eher handeln, als bis sie davon Kunde habe? Geht nicht alles bei uns aus Sinnlichkeit, auf Sinnlichkeit zurück? bauen tausendfach mehr auf Glauben, als auf aufgeklärte Regungen, Bewegungs gründe und wie der Kram weiter laute. — Ich weiß nichts, was so allgemein auf den Menschen und auf den großen, starken, wirkenden, nicht in Philosophie und Andächtelei kränkelnden Theil der Menschen wirke, als Religion in ganzer Bedeutung. Welcher Prediger wird nicht gefunden haben, daß er mit bloßer Moral aus löblichen, deutlich er- Zw ö l f P ro vin z i a lb l a tte r. 379 kannten Bewegungsgründen bei einer Gattung von Menschen eben so wenig ausrichte, als beider andern aus blos harter, drückender Autorität ! Daß ein ewiges Philosophien über das x«Xov x cr/cr^ov der Tugend oft fliegendes Spinnewebe ftp, fein und schön, aber nicht bräuchlich— nicht die Kräfte der Seele bewegend, die bei dem großen, ehrwürdigen Haufen Volk erregt werden müssen, wenn etwas wirken soll. Dieß Volk, noch nicht zu Naisounement gebildet, glaubt und handelt: nimm ihm den Glauben, dein ewig Raisonnemcnt kann nichts ersetzen und hat geschwächt, hat verdorben! Aber gieb Kindern und Menschen Ein Wort Gottes, stark geglaubt, anschauend erkannt, unmittelbar im Vorbilde aufs Herz, zur That strebend: es thut! — Der elende Menschenschauplatz, sich seine Pflicht zu ergrübeln, wird Schauplatz neuer Existenz, Thatigkeil, Religion Gottes! Wer nun, ders unternimmt, den ganzen w c i- ten Kreis, die Tiefen und Höhen aller menschlichen Seelen auszumessen, wohin? wozu? und wie sic allein, am stärksten und dairre ndsten dazu gebracht werden können und sollen? Wer, der nicht die sonderbarsten Vorfälle erlebt hatte, woran oft Ruhe und Pflicht dieses und fast jedes edlen, zarten Herzens hange, wenn man nur jedem so tief käme! Rennts Aberglauben! Dichtet euch philosophisch-utopische Götter, die oben im seligen Aether unwirksamer Spekulation leben und doch handeln — im Worte Gottes finde ich 38o An Prediger. sie nicht und in keiner menschlichen Seele habe ich sie bisher gefunden! weiß also, als Prediger, zu meiner Beruhigung, keine andre Auskunft, als Wort Gottes, mit allem Umfange von Stärke und Fülle, glaubend zu geben, wie's ist. Im grossen Gange der Offenbarung. Dahin und daraus sehe ich alle Kräfte streben! Me ich Gottes ist Senfkyrn, Perle, Netz — was kann das Netz nicht umfangen! die Perle nicht kaufen ! das Samenkorn nicht fruchten, das ich denn alles mit meiner Moral n priori so wenig zu bestimmen wage, als Gras wachsen, den Sauerteig säuren zu Horen. Als wenn ein Mensch Saamen aufs Land wirft, und schläft und stehet auf und geht weg: der Saa- me wachset, daß und wie ers nicht weiß — denn Gott giebt Gedeihen seinem Saamen, ohne daß es der Zergliederer und Saamcn- trödlcr im mindesten begreift. Wort Gottes und Kraft Gottes, durch die cs wirkt: der Säe mann säet. Zwölf P r ov in zia lb lätt er< 38t VIII. Glaubenslehre. Lvangeiii nrinistros — Ko! esss c!l§toSchiffladungcn Moral- und Epistel-Predigten liegen nicht der grauen Zeit auf dem Rücken? — Sollte man sich also mit so simpcln Wortvecwirrungen aufhalten und dahinter lauschen? Aber nun ist, erstlich, der Prediger da, Moral zu lehren, im besten Verstände des Worts, ohne daß er Glaubenslehre so n ö- thig habe, oder—oder?—Nein! Ohne Glaubenslehre ist keine christliche Moral möglich und der Prediger ist ein Christ. Kein Lehrer der Moral, sondern Diener der Religion, Verkündiger des Worts Gottes! Das kann so laut gesagt werden und ist so klar. Seneka und Epiktet waren große, nützliche Leute, aber keine christliche Prediger. Zweitens. Er hat also in seiner Predigt etwa so viel Dogmatik als Urgewicht anzuhängen, daß der Zeiger die Pflicht zeige? — Nein! Ist die Predigt eine solche Pflichtuhr, so sey sies: bei ihr müssen und mögen also auch die Gewichte auf die Pflicht wirken; aber sie ist nicht die einige Predigt! ist nicht der Stempel aller! ist nicht ganzes Amt! Es gicbt auch Vortrage, worin Glaubenslehre und Geschichte der Offenbarung allein ein Hauptzweck ist; und reine völlige Glaubenslehre, im edelsten Verstände, das ist reine Summe der Bibel — nach meiner Einsicht ists der Boden, auf 384 An Prediger. dem ein christlicher Prediger selbst jede Pflicht ziehet. Er ist kein Uhrtreibcr moralischer Pflichten und bürgerlicher Tugend: sondern Prediger göttlichen Worts, das er in so weitem Verstände, als crs und seine Gemeine fassen kann, zu erhalten, zu erklären, den ganzen Geist davon, der mehr als Moral ist, anzuwenden hat, auch wo nicht gleich unter seinen Augen die moralische Folge hcrvor- sprängc — mich dünkt, das ist so deutlich, und so bewiesen! Drittens. Also wäre gar Glaubenslehre sein Hauptwerk und Moral nur —? Sonderbar! was ist in einem lebenden Körper Haupt- und Ne den werk, wenn eins ohne das andre nicht seyn und bestehen kann. Aber kein Theil der christlichen Moral ist Hauptwerk, daß Glaubenslehre (im reinen Sinn der Offenbarung) ein zufälliges Beiwerk wäre: kein Theil der christlichen Moral Hauptwerk, daß Unterricht der Bibel, Erklärung der Bibel, Offenbarung nicht Religion und durchaus nicht Religion, sondern etwa nur nützlicher Privatunterricht des Predigers heißen könne! — Hier geht mein Predigtamt so geradezu andern und entgegengesetzten Weges! Nach meiner Meinung war Longin, da er die Worte Moses, oder Mahomed, wenn er die Worte Jesus anführte, und als wahr und schön citirte, noch kein Prediger einer jüdischen und christlichen Offenbarung: so wenig als Paulus ein Heide ward, da er Heiden citirte: Ist Ist Moral die Hauptsache des Predigers und etwa Bibel und Rede Jesu nur Citatum — was so von Gott kommt, wie alle wahre Wahrheit von Gott kommt, — lebe wohl, Ehristenthu m, Religion, Offenbarung — die Namen werden höfliche Maske, und das ist sofern Alles ! Ist Moral die einige Hauptfachs und Religion des Predigers: Erklärung der Bibel aber nur so eine beiläufig nützliche Arbeit, Erkenntnisse zu geben, wie man sie etwa aus einem andern, bessern Historienbuche auch besser und pragmatischer sammlet — warum zu dem einen Hauptzwecke Moral ein so u n b eh ül f l i ch c s Neben- und Vorgeb audc wie die Bibel, worin so viel Schatten, Gewühl alberner, zumal wunderbarer Erzählungen und so wenig Licht reiner Moralist, solangedulden! Ist Bibelerklarung nur ein nützliches Privatgeschäfte des Predigers : warum dasselbe? warum, da das Beschwerliche kaum das Nützliche aufwiegt, kein besseres , geraderes, in allen seinen Lheilcn zur lautern Moral gerichtetes an die Stelle? Seneka und Epikt et und-an die Stelle des Buchs voll unnützer, unwesentlicher Sachen, abergläubischer National - Erzählungen — welch eine Revolution ! Hoffen auch, daß es bald dahin komme! denn warum, da es so viel Sekten Und Kirchen und Glaubensbekenntnisse in der Welt giebt, sollts nicht auch eine Kirche der Moralisten in der Welt Herders Werke j. Rel. u. Lheol. X. Bb 386 An Prediger. geben, wo Rechtschaffenheit (vielbedeutendes Wort! Schall, der so viel schallet, daß oft gar kein Ton in ihm tonet!) und Gott und Gewissen und Ewigkeit und — und — ausschließend gepredigt würde! Unseren Zeitalter vielleicht a u ch vortheilhast und in der neuen offenbaren Absonderung Uebergang zu neuem Lichte! Giebts nicht Professoren der Moral auf Akademien? warum sollts nicht solcher auch , über Jesus, Seneka, Epiktet, S h a f t e s b u r i, Voltaire in Kirchen geben können? Die Kirchen gar nach ihnen eingctheilt und nach Klassen und Zwecken, Bildungs-Akademien für den L a n d m a n n, Pächter, Bürger: Philosophen aus aller Welt Ende, der Sekten unbeschadet, unter den Flügeln der Moral, welche Aufklärung, Nutze! — nur, daß (Sottise unwichtigen Skrupels!) das Häuflein Christen volk und der Thor von Prediger, der etwa Christ sepn wollte, daß der sich eine andre Kirche erbäte!— Als solcher ist ihm die Offenbarung nicht Aufgehänge zur Moral, Licht, was, mit anderm Lichte, doch auch Licht giebt, sondern Thatsache! Grund des Glaubens und seiner Pflicht! Gebäude der Entwicklung des Menschengeschlechts in die Ewigkeit hinüber! Als solcher ist ihm Jesus nicht etwa auch ein guter Mann und Lehrer guter Moral, sondern Erlöser der Welt! Mittelpunkt des menschlichen Geschlechts! Vorbild christlicher Vollkommenheit iir die Entwicklung der Ewigkeit hinüber! Als solcher glaubt er, nicht etwa hieraus blos einige Fasern ausflocken zu Z w ö l f P ro v i n z i a lb la t t er. 38? dürfen: das ganze Gebäude der Wahrheit, des Glaubens und der Tugend, wie's ihm erschienen, soll er a u fb c w a h r e n und in alle seine lebendige Zwecke eins ü h ren ! Die THatsache, Haushaltung und Offenbarung Gottes, vor ihm, und Er, P r o p h e t e n, Christus und Ap o st e l n nach , ein Glied, ein strebender Pfeiler — das ist ein christlicher Prediger nach meinem Begriffe und, wie ich glaube, auch nach dem Sinne der Offenbarung. Moralisten aus einem auch nützlichen Buche, der Bibel, warum fliehn sie ihren eignen, auch guten und nützlichen Namen? Auf stumme Klagen gehört nur stumme Aut- wort; und wenn man sich unbestimmt und dunkel (wie es Gewohnheit wird) von Dogmatik weg- ziehct: so wird, wenigstens der Leser, der klar zu denken liebt, auch die Zweifel und gegen welche Stücke der Dogmatik, klar und in aller Starke sehen wollen, oder— zöge vielleicht das Stillschweigen vor. Kein gesunder Theologe hat je Dogmatik für Bibel ausgegcben und noch weniger seine Dogmatik. Selbst dem Vortrage nach ist ja der wenigste Thcil der Bibel Dogma im Kleide: blos abgezogne, geordnete, gebundne Satze, liefert die Dogmatik: ob rein abgezogen? wohl geordnet? recht gebunden? das ist noch immer zu untersuchen, und wird untersucht und muß untersucht werden! Das ist nicht Dogma, Bb 2 388 An Prediger. sondern Form der Dogmatik; ich habe noch keine zwo Dogmatiken gesehen, die völlig gleich gewesen wären, und wer kann, mache sich seine Dogmatik selbst. Daß aber Dogmatik da sey, daß Wahrheiten der Schrift also abstrahirt, geordnet, gebunden vorliegen: mich dünkt, auch für Prediger, allein zu bessern; Verstände der Schrift, allein zum ganzen Ucbcrblicke, und zu wichtigerer Anwendun g derselben, nach Ebenmaß und Nothdurfr, kurz daß ihr ganzer Glaube der ganzen Schrift analog sey >— mich dünkt, in dem Betracht ist nichts nothwendiger, als Dogma rik. Aber freilich, wird die ganze Sache verändert, wenn der Prediger kein Lehrer des Worts Gottes, sondern M o r a l l e h r e r aus dem Worte Gottes wird: das Trgcor-on stEuSos liegt da in der Supposition, die keiner annimmt. „Daß alles wachse an Einem Leibe der Religion und Offenbarung Gottes, und sey Glied an „Glied gefügt, durch alle Gelenke, dadurch Eins „dem andern Handreichung thue, nach dem Werke „eines jeden Gliedes in seiner Maaße, und also der „ganze Leib wachse — bis wir alle hinankommen „zu anschauendem Erkenntnisse und vollkommen „werden!" — — So möchte ich die Dogmatik im würdigcrn Verstände nennen: die abgetrennte, oder mit Dogmatik unterstützte Moral sind Hand' und Rumpf und Füße ohne Kopf und Herz: und der Körper von Wahrheiten lebt nicht christlich; ein unterschobenes Kind der Offenbarung, dem jcher, der diese Mutter kennt, seine Fremdheit an- Z' ! Z w ö l f P r o v I n z i a l b lä t t c r. 889 sieht, aber das dcmohngeachtet cin gutes gesundes Kind seyn kann. Eine Summe von Lehren kann nicht anders als auf dem Wege der Sammlung, Untereinander - Ordnung, Abstraktion werden: unser Zeitalter ist einmal auf dem Punkte, daß es eine Lehre nicht blos sinnlich, in Briefen, in Predigten fassen kann und will: die Sache ist bis zum Deutlichen auch nicht möglich, und bei allen Scienzcn, die rings um uns liegen, sind die Kräfte der Menschen auf andrer Bahn. Sie wollen auch bei den Lehren der Religion, und bei allen Lehren zu dem Stande erhoben seyn, das ganze Gcmahlde also zu sehen, zu fassen und nachher würdig zu vertheilcn und anzu w en- d e n : das ist Dogmatik! Schriebe ich also an Prediger über die Sache der ganzen Religion, wie sie in der ganzen Bibel verfaßt ist, ich würde sie nicht vor den und den dunkeln Stellen warnen, gar ihr Amt auf die Spitze eines Zwecks setzen, daß sie sich vor jenen Stellen gar hüten m üß ten , und ihnen sonach kaum Freiheit bliebe, daraus zu machen, was sic nun machen könnten: aufmuntern würde ich sie vielmehr, diese nach meiner Meinung dunkle Stellen zuerst und am sorgfältigsten aufzuhellen! sich selbst und ihren Brüdern Grund und Rechenschaft zu geben, damit vielleicht nicht das ganze Gebäude, durch meine Schuld der Warnung an einem wichtigen Pfeiler leide! Undogmatifch gegen Dogma sepn, würde ich wenigstens aus F u c ch t des Unbchörigeu und Mißverständlichen 890 An Prediger. nicht: nicht aus Einem Winkel gegen den Grad solches und solches Lichts, wo nicht Winkel ist, warnen, sondern — meinen Winkel durch alles Licht, was ick haben könnte, erleuchten, und zu allem Lichte aufmuntcrn! „Darauf aber wird so viel Zeit verwandt! das bringen sie in ihren Predigten so roh und kraus an!" Das sollten sic nicht: davor würde ich warnen, und wenn etwas noch tiefer säße, darüber, aber mit den Lehrern der Dogmatik sprechen. Denen würde ich, wcnn's Noth wäre, die Unterscheidung Vorhalten, „auf wie andcrm Grunde Bibel und Dogmatik ruhen! Daß Bibel allein Bibel sey, und nur erst wohl ausgelcgt, sofern sie nun allgemeine.Sätze giebt, Dogmatik werde! Daß in den letztem, alles, was zum Geschäfte der Abstraktion, der Ordnung, der Richtung gehört, nur menschlich und noch ein Grad tiefer sey, als die simple Auslegung der Bibel im Zusammenhänge! also alle Prüfung m e n sch! i ch c r Wissenschaft, wie jedes andern Abstraktionskrams aus einem Buche, zu lasse und fordere! sich keinen Funken mehr und anderer Autorität anmaße, und Alles, Alles verliere, wenn sie auf keiner oder schlechter Schristauslegung ruhet!" Zch selbst, wäre ich ein Lehrer der Dogmatik, würde es mit zum Hauptzwecke machen, die Grnde der Gewißheit in Abstraktion meiner Wissenschaft aus der Bibel sorgfältig zu bemerken, und dann die Ursachen der Zusam- men 0 rdnung , der Richtung dieser und jener Stellen genau zu entwickeln! Wie der Z w ö l f P r o v i n; i a lb l ä t tc r. Z9 o offenbarende Gott das menschliche Erkenntnis? von Zeit zu Zeit g e fö r d c r t, aufgeklärt, enthüllet — Beweise und BorstellungSarten jeder Lebre noch dem Gonge der Offenb a- rung hinunter — an jedem Orte würde ich auf Stelle, Licht und Nebenbedeutung merken, und also endlich mein Bündel Lehren allein und ganz aus der Bibel haben. Nun in der Geschich te dcr Kirche: was Jahrhundert nach Jahrhundert diese orthodoxe und hcte- rodoxe Ketzerei für Spaltungen gemacht, Zusätze und Fortwüchse bekommen — bis wo wir jetzt sind. -Nun in der Anwendung derselben für Prediger: was uns jetzt nah und entfernt, welche Ketzereien ausgestorben, welche M i ß- deutunqen fern von uns, welche Z usatze und N e b e n b c st i m m 11 n g e n also minder brauchbar — woran wir uns aber im Gegciuheilc, nach Forderniß der Zeit, nach Licht und Zusammenhang der Schrift desto mehr zu halten haben! — Das Alles hell und klar; denn ich weiß nicht, warum es anders getrieben werden müßte? Ich glaube, würdige Theologen treibens jetzt so, und daß alle Theologen es also treiben sollen — freilich das wäre ein guter Wunsch und noch besser Streben und Beitragen, daß es dahin komme; irren aber würde mich das letzte an der g a n z e n Le h c e , Kunst und Wissenschaft so wenig, als ich ja keine Wissenschaft kenne, die nicht auch ihre oft berühmten Stümper nährte. Helsen, supplircn, Licht fordern würde ich und wenn ich konnte, Licht geben; nicht aber die Wissenschaft verschalten! — „Bor der und jener Neben-Erklärung muß er sich ja An Prediger. 392 sorgfältig hüten!" Und wenn denn gar die beiläufig angeführten Exempcl nichts als Grund lehren waren, die doch in Absicht aus Wichtigkeit (ich rede noch nicht von Erklär ungsart) im ganzen neuen Testamente dafür gelten? Und doch ein jeder sähe, das Christenthum der Apostel ist ganz darauf gebauet! so etwas ist ihnen nicht blos Anhang der Moral, sondern großes Erstes, urkundliches Evangelium! Glaube! Dem nun freilich die reiche, reine, zusammenhängende Moral folget. Der ganze Gesichtspunkt wird dadurch verschraubt, die Sache auf einen andern Punkt gespielt, und von einer Wissenschaft weggcsehen, damit man den Inhalt der Wissenschaft, den ganzen Inhalt der Bibel nicht dürfe! — Allerdings auch das mag gut sepn. Vielleicht hat unsre Dogmatik, oder Auslegung der Bibel, aus der jene doch nur ruhet, noch so faule Stellen, daß eben Sprünge hinüber warnen, und lange übertreibend verrufen mußten, che man bessert! Nur blos verrußend würde ich doch nie, noch weniger Exempel geben, die doch wirklich das ganze Grundgebaude der Wahrheit, was in derBi, Hel enthalten ist, zu erschüttern scheinen, und selbst die Exempel nur beiläufig, zufällig hinwcrfcn, als wenn über die am meisten ausgemacht wäre. — Nicht blos, daß das völlig Vermengung der Wissenschaften; Verfehlung der Gesichtspunkte seyn dürfte: Theologie ohne Dogmatik ist, schlechthin gesagt, keine Theologie; so wie Prcdigtamt ohne Glaubens- Zwölf Provinzialblätter. 3Z3 lehre der ganzen Bibel im rechten Verhältnisse angewandt alles Gute, nur kein christliches Predigtamt wäre. Und recht überlegt, wir in unserer Kirche hätten wir, als Prediger, so dringende Ursache, uns der Glaubenslehre zu entziehen und zu schämen? So sehr Luther im Geschrei ist, Starrkopf gewesen zu seyn, so war ers fürwahr mehr über andre Sachen, als Dogmatik im eigentlichen Verstände; vielmehr konnte bewiesen werden, daß er im Sinn des bloßen Akroamatikers und Wortbaumcisters von keinem solchen Wortbau etwas gewußt: auch in seinen letzten Bekenntnissen nahm der Mann alles so ganz und herzlich, ohne Spekulation und bloße Ansadlung: wie ec überhaupt in seiner ganzen Reformation zu Werke gieng. Wer liest da je den Sylbenstreitcr oder Abstraktionsventilator? den ganzen Wort Gottes fühlenden Mann, der immer über Wort Gottes und Zustand der Kirche spricht, alles als große, herzliche Thatsachen fühlt und dafür streitet: den sieht man. So wie es fast unentbehrlich war, daß ihm zur Seite der feinere, unterscheidende, furchtsam-hellere Melanch- thon stand: wie gut thäten wir überhaupt, in diese Zeiten zurückzugehen und von beiden zu lernen! Luther, — t.IiL brave inan struAZIing in ills storins ok kaie — wie er nie dem Melanchthon aufsäjig wurde, sondern ihn brauchte, einschrankte und lenkte: Me- ^94 An Prediger. lanchkhon, wie er immer das größere Werk Gottes in Luther erkannte, nur beihalf, klarte, ins Hellere brachte, und überbaupt so anders war als seiner Nachfolger einem großen Theil nach zoejur pro- Asnies — was ließe sich überhaupt durchs Simpli- sicicen in Luthers Zeiten hin gewinnen? aber wer kennet sie? und wie manchem Eiferer für Luthers Lehre wäre aus dem Munde des Mannes selbst wie klar zu zeigen , wie mit Unwissenheit und Unverstand ec eifre ? IX. Symbolische Bücher. — ries kiravs man struggling in tlis storins ok late. So nenne ich hier Luther, und das sey der ganze Eingang auf die symbolischen Bücher unsrer Kirche. Daß symbolische Bücher k astral sind — übel genug, wenn sics nicht waren! Ist nicht die ganze Bibel kasual? nicht alle Werke Gottes also? Was für die Zeit geschieht, muß in der Zeit geschehen und umgekehrt. Ein Baum, der nirgend wachse, überall und nirgend individueller Baum sey, ist ein Unding! Also ists wirklich Ehre für die symbolischen Bücher, daß sie kasual sind, d. i. aus Zeitbedürfnissen entstanden, Zeitmiktel brauchend, auf zeitige Zwecke strebend. Auf die Weife (man lefe die Schriften Luthers die Lange hinunter!) war die ganze Reformation kasual: jedes Wort und Schimpfwort Luthers flog wie ein Pfeil zum Ziel, und einen Augenblick ihn als den unbestimmtesten Schwätzer, das Trödelding für alle Zeiten gedacht, der ganze Luther ist verschwunden! Also können wir auch die symbolischen Bücher nicht höher ehren, als wenn wir sie kasual erklären : wie der Naturlehrer Thier, Baum, Pflanze, alles Ding an feinem Orte: wie der Gcschichtlehrer jedes Ereigniß, jede Begebenheit an ihrem Orte: wie der Bibclcrklärcr jeden Spruch, jedes Wunder, jeden Schritt der Haushaltung Gottes zu seiner Zeit und an seinem Orte. Das vollkommenste Collegium über die Symbole ist das lokalste, am meisten zeit- und geschichtmaßige: dadurch wird man in den wahren Geist der Bücher versetzt, und lernt ihn vom bloßen Zeitkörpcr, oder gar nur Aeikkleide unterscheiden. Und das darf man nicht blos etwa: man muß: man solls, ohne Neid und Streitsucht: denn man thuts ja bei der Bibel zu förderst. Und nun nach dieser unwiderfprechlich Einigen, das ist, Zejterklarung: nun hatte man erst Anlaß zu fragen: wie weit das unsere Norm sey? Auch noch nicht wieder aus allgemeinen Gründen, die hier noch nichts entscheiden, sondern aufs strengste historische und treuste dogmatische voraus. Wie »96 An Prediger. weit hat sich nemlich der Horizont, auf den sich die symbolischen Bücher beziehen, verändert? wie weit sind Suchen mehr erläutert, oder erfunden, oder erwiesen, von denen mein dort nicht wußte, oder die mein voraussetzte, und dabei kein 'Arg hatte — kurz, wiefern hat sich wirklich der Bo. den geändert, aus dem dort die edle Dekenntniß- pflanze erwuchs, und die unsre erwachsen soll? Geist des Gewachses bliebe voraus gesetzt, noch immer derselbe, dort das reine Wort Gottes, wie hier, Säst und Kraft in den Adern, und daß es ja hier so ein reiner Saft bleibe, als es dort wahrhaftig war. Aber wie weit kann und muß sich nun das Gewächs mehr ausbilden, andere Richtung nehmen, sich andern schädlichen Lüsten entgegcnwapnen und stärken u. s. w. Ich sehe nicht, was klarer, angenehmer, ruhiger ausgeführt werden könnte, als dies? und doch weiß ich auch nicht eben, wer von den Rufern dagegen es also ausgcsührt habe? Stehet man mit Luther nicht mehr aus Einem Grunde: ist Gottes Wort nicht das einige Principium des ganzen Glaubens: so gehts gerade auseinander. Ist das aber, warum sollte sich nicht jeder frei erklären dürfen? Er thäte nichts, als was jeder symbolische Lehrer thun muß, die Bücher aus ihrer Zeit auf die unsre anwcnden: und also im Unterschiede beider Zeiten, dessen was sie brauchen und was sie geliefert, bestände der ganze Symbolismus und Antisymbolismus, und wenn alles Wortgcschwatz ins Allgemeine wcgfällt, sind beide ruhig aus Einem LHr'go. Zwölf Provinzialblätter. 2Z7 Kein Mensch in der Welt verlangt, daß symbolische Bücher Norm des Denkens und des Glaubens seyen, als ob wir noch alle jetzt vor Kaiser Karl V. glorwürdigsten Andenkens stünden und die Personen der Zeit verwandelt waren. >— Bei einem Glaubensgrunde! Bei einem Glauben und einhelliger Denkart drücken wir uns jetzt anders aus; die Zeit hat andere Sekten und Gegenstände der Anwendung erhoben: die Symbole jetzt gestellet müßten so zeitartig werden, als stes dort waren. Ueber das alles ist kein Streit. Wer hat anbefohlen, „ihr sollt Augsburgische Confessio» in der Gestalt, mit jeder kleinen und großen Richtung jetzt verkündigen! — Sollet aber die Konfessionen im Geiste ihrer Zeit fühlen, und wenn ihr des Glaubensgrundes, des Sinnes und Glaubens seyd, als Luthers eurer Zeit, sie anwenden , wenn ihr von der Konfession seyn wollt: das ist das einige, und natürliche Forderniß, icksni xav iäsin. Seyd ihrs nach sorgfältiger Prüfung nicht — wieder wesentlich oder unwesentlich — Lehrer der Symbolik, Konsistorien sollten euch die Grenzen deutlich bestimmen — ihr scheidet euch von dem Glaubensbekenntnisse, bleibt Christen, oder was ihr wollet. Dem Frieden, dünkt mich, nähert man sich hier allein, wenn man sich der Helle nähert. Aber symbolische Bücher sind noch etwas anders. Denkmale des Ursprungs, Insignien, auf denen zum Theil Religionsfreiheit, Friede, Stand und Wohlfahrt ruhen: historische Ehrenmo- An Prediger. 3g8 numcnte: Paniere! Schlechter Soldat! der eine Sicgsstandarte wegwirft und will einer Kinderklapper folgen. „S ymbolifche Bücher abschaffen! abschaffen!" und wer denn abfchaffen? wer kanns? wer darfs? wer wills? und was denn an ihre Stelle? davon schweigt man weise, oder die Vorschläge, die man thut, sind, dünkt mich, noch sehr unreif oder erbärmlich! Durch welche Unruhen, Blut und Flammen sind unlre Symbole gestiftet und besiegelt! wie viel hängt an ihnen, das mit ihnen zertrümmert da läge! — wer, der sich nun des künftigen, großen Nutzens wegen, neue mit Blut besiegelte und lange noch Feuer unter der Asche nährende Symbole wünschte? Oder also gar keine einführen, schreyt der andere, oder Deismus, Moral, Katechismusmilch statt ihrer einführen, schreyt der dritte und vierte — Haben die Herren bedacht, was sie wünschen? Vorschlägen? wer das annehmen? wem das statt der vorigen Bücher genug seyn könne? Standarte wegwerfen und dafür Kinderklappcr und Brummeisen wählen? Historisches Ehrendenkmal der ganzen Gesellschaft zertrümmern, damit jeder auf seinem eignen, herrlichen Misthaufen tanze —> wissen sie, was sie wollen? Neue symbolische Bücher im Geiste unsrer philosophischen Deisterei, der feinen Religion ohne Offenbarung — Hm? Zwölf Provinzialblätter. 399 Neue symbolische Bücher, von einigen sehr w 0 h I m e y n en d e n vorne h m e n Geistlichen ausgcdacht, und mit aristokratischem Ansehen, dem Haufen Tröpfe empfohlen — Hm? Oder gar neue symbolische Bücher von einem Hofe, im Ho fg e s ch macke des Christenlhums, der setzt freilich der beste ist, gnädigst a n befohlen; von jedem neuen Hofe gnädigst neue, oder durch Konvention einiger Höfe — Hm? Hm? — O Luther, wenn du lebtest! — deine,Bücher gegen die Vorwürfe retten, oder die Vorschläge und Proben unsrer neuen abiblischen Religion sehen solltest — und ist kein Zweig aus deiner Wurzel, der jetzt lebe? Allerdings muß cs jever gute Mensch hassen oder belachen, wenn der Esel, der das Marienbild trägt, jeden Vorbeigehenden anschreiet, daß er ihn, ehrwürdigen Träger, küsse und anbcte — eben so sehr aber auch, wenn der Affe die gcfundne, doch wirklich kostbare Uhr — dreht und dreht und dreht, Bis daß das Uhrchen stille steht! Die einzige strcitlose Auskunft ist, zur Quelle zu kehren, aus der jeder Bach und jedes Krüglein, vom Bache geschöpft, ist: das ist, streiket nicht symbolisches und antisymb 0 lischcs Gewäsche, wo Norm und Norm und bürgerliche Rechte und Freiheit zu denken, in ewigen Verwirrungen der Gesichtspunkte bodenlos hadern werden, sondern erkläret, erhellet, erläutert die Bibel! Sammlet Materia- An Prediger. 400 lien der Besserung, und streuet Licht auS, wenigstens für die kommenden Zeiten — wir wollen uns alle, die wir Christen sind, einmal umarmen, aber nicht eher, als wenn alle kleine Inseln, und jetzt noch nölhige Bande weg sind, und ja nicht anderswo, als am Ziele, unter den Fittigen der a l lc r l e u ch t e nd e n Offenbarung. X. Ueber den Werth der Gefühle des Christenthums. Gottfü hlcnde, vom Geist angehauchte Männer waren endlich die Propheten! '— das wir aber auch nicht mehr sind und seyn dürfen. Alles ist jetzt in seiner Ordnung: Geist Gottes im Himmel und wir auf Erden. Er überall so regelmäßig und einförmig wirkend, als die Schwere in den Körpern, das Licht für das Auge, als das Gewissen, dies hohe moralische Principium in uns: weiter bleibt alles wie es i st. Wir sind die vcr 0 rdneten Ausleger und Erklärer, die an ihrem Geiste genug haben, daß ja kein andrer Geist sie verwirre! Nicht vor lange erhob sich eine Sekte in der protestantischen Kirche, die ohngcfahr war, was Mo- Zwölf Provinzialblatter. 401. Molinistcn gegen Janse nisten, nur unter anderm Kolorit und mit mehr Weltgeräusch, waren : wollte das Empfindungs - Ehristcnthum gegen das blos vernünftelnde, dumm oder historisch allein glaubende aufrichtcn, und es fehlte ihr Anfangs wahrlich weder an Beruf dazu, noch an löblichem Zwecke. Eine Religion, blos auf Blatter Papier, wcnns auch Steintafeln waren, erhalten und darüber dispulirt, ist nur immer Wissenschaft der Buchstaben! und leider! damals konntcns noch Menschen mit inniger Warme fühlen, daß ihnen Ehristcnthum zu etwas mehr, als einer philosophischen Akademie und Stoa gut scyn könne. Ware da ein L u t'h c r gewesen, so gesund, ganz, stark, frei - und froh empfindend als er! — aber Luther war nicht mehr! der Geist der Zeit bückte den Rücken, oder hob den Naken : in Disputirsucht oder in Empsindungskram alles so tief und mürbe l und da bald alles zu Streit ward (welcher Engel, der nicht in der Hize des Streites einen Fußtritt zu weit gehe? *) — UebcrmaaS und Uebermaas schwankten auch hier bald auf beiden Schaaken. — Aus dem Pietismus ward Separatismus, aus der Streitsckte eine politische Sekte, und da war nun freilich Wahrheit die leidigste Nebensache. Ums Gehage wars jetzt zu thun, nicht um den Altar. Alle Fermente gahren ab: und unter den Menschen hat kein Mensch das xorxeruum mobile deS Ikoino 8Nrn! irilril liirinLiri — Herders Merke z. Rel. ». Tbeol. X. Et 4 OL An Prediger. HerzenS, ausschliessend eine Sekte zu erhellten, noch erfunden. Also auch der schlanke Epheu, der sich, solang er sproßte, überall umschlug und durchwand, alte, müßige Baume, Mauern und Gewächse, denen er übcrflüßigen Saft cntsaugen kennte, am meisten liebend — als viele dieser Gewächse entsagen , manche Mauer mit Gewalt niedergebrochcn und mancher muffige Baum gestorben war: sieng auch der schlanke Epheu an zu welken, und nun wars endlich Zeit, über ihn auch zu raisonniren. Zu einer Zeit, da man sich nun wohl über die zu vielen Gefühle wenigstens in vielen Landern des Ehristenthums nicht, vielleicht über das Gegentheil zu beschweren halte, erschien eine sehr wchlgeschrie- benc Schrift, die jetzt den Werth der Gefühle des Ehristenthums, wo nicht hell und scharf, so doch sehr wohlmeinend und feierlich prüfte. Erlaubt mir der bescheidene Verfasser (und er hat sein Werk ausgestellt, daß ers erlaube!) nicht darüber als Autorsache, Kunstmcisterwerk, son- dern als Behandlung einer Wahrheit für Menschen und zu Leitung seiner Mitbrüder aus und vor dem Lichte Gottes zu reden: so gehört es hier nothwendig zu meinem Wege, Grund aus aufzuraumcn, und da ich hier nicht aussühren kann, nur Punkte und Linien zu ziehen, die ein andermal ausgefüllt werden sollen oder können. i. „Giebt es göttliche Gefühle in uns, da alle unsre eigne Gefühle und Gedanken aufhören, und Geist Gottes fühlt, und Geist Gottes denktL" Nein! alle Theologen sagen nein ! selbst jeder Schwärmer und andächtige Kränkler, er müßte denn Unsinniger scyn , behauptete cs nicht und kannS nicht behaupten, daß in uns ncmlich eine plötzliche Vernichtung des Wesens vorgehe! E rt ö d» lung! Verrückung! Lücke, wo nun in der leer gewordnen Lücke Geist Gottes sauset. — Die Sprache der Empfindung ist freilich sehr unphi- losophisch,' und drückt sich immer innig, unmittelbar, zusammengeflossen aus — man sichet aber leicht, keinen Stein kann ich anders, als durch Erregung der Kraft, die im Steine liegt, lenken: selbst fein Wurf geschieht durch seine Schwere, und ein Mensch, dem alle seine nicht blos denkenden, sondern wesentlichen Kräfte genommen waren — er bliebe kein Wesen, er könnte ja also auch nicht das fremde Wesen, das mit ihm, dem nichts! keinen Zusammenhang hatte, nicht fühlen! nicht wirkend wittern. -Also lauter Unsinn und keiner Widerlegung werth! 2 . „Wenn Gott also nicht statt einer menschlichen Seele, sondern an, in, durch sie „wirkt, an welchen Kräften wirkt er?" Die Bibel sagt: an a l l cn K r äft en : an Herz und Seele: an und durchs ganze Wesen: die Theologen sagens der Bibel h i e gewiß sorgfältig nach, und haben ja die Tropen von Wieder ge- Ec 2 404 An Prediger. burt, Erleuchtung, Heiligung, Erneuerung des ganzen Menschen genug aufgezahlt. Der Empsinder schweift auf eine Seite aus „dunkle, „nur dunkle, aber lebhafte Gefühle!" sein Gegner auf die andere Seite „n u r Helle! klare!" das ist, „gar deutliche Vorstellungen; „B ewußtseyn, die obcrnKräfte der Seele" und das ist eben so sehr gegen Psychologie und Lehre der Bibel, als cs nur die E m- pfindungssch wärmerei seyn kann. Unsre Seele hat zwo Kräfte oder Klassen von Kräften, die der Philosoph obere und untere nennet, nur aber der Philosoph und als Philosoph nennet er sie so. Da brauche ichs doch hier nicht zu sagen, daß die Klassen nicht abgetheilte Räume, sondern Abstraktionen, verschiedne Namen einer unzerlhcilten Kraft sind, deren Wirkungen sich für uns, wie die Farben des Lichtstrahls, verschieden modisiciren. Man thcilt auch ab in Verstand und Willen: man sage aber, welche Handlung des Willens ohne Verstand seyn kann? oder welche Handlung des Verstandes ohne wenigstens unmerkliche Anlage zur Thatigkeit des Willens? Abstraktionen, Schranken, Abtheilungen der Art realisirt — können kaum Helles und richtiges Resultat geben. Und noch minder, glaub' ich, wenn sich auch hier Leidenschaft des Menschen einmischet, und einer also rcalisirten Klasse von Abstraktion einen Werth, eine Würde giebt, der die andern nur dienen, sich nur nach ihr stimmen sollen: Zwölf P r ov i n z i a lb l ä t ter. 40b da ist der Philosoph schon ganz aus seinem Lichtäther hinunter. — Obere und untere Seclen- kräfte ; man sagt aber den letzkern damit gar nicht ab, und die Philosophen, die ihnen abgesagt haben, denen ihre liebe Abstraktionsgabe Alles war — mich dünkt, die andern Kräfte und die ganze Menschheit, Abstraktion selbst, hat sich an ihnen reichlich gerochen. Untere Scelenkrafte, eben weil sie die ersten, stärksten Grundlagen und Materialien all der obcrn sind, die ohne sie nichts seyn und thun können — sind eben die vestestcn an der Erde stehenden Stufen und Stämme der Leiter, auf denen das Obere nur schwebt! -Den Geist Gottes ins kalte Oberdach der Seele, das doch nur auf andcrm Zubehör ruhet, das allein genommen , entsetzlich diel Lücken hat, wo Schnee, Wind und Sturm heillos durchsausen, ihn allein dahinauf neben lauter sehr v er nünfti g e Gründe, klug überdachte Vorstellungen, und sehr deutliche Rührungen (ein Widerspruch schon im Zusammcnsatzc) hinaufzubannen, lwcr bist du, abzusondern, was Gott zusammengefüget hat? Ihm gegen ein paar Tropfen abgezognes, verduftetes Spiritus deutlich erkannter Beweggründe die vollen Materialien der Menschheit zu rauben? „Oder darfauch das Haupt, und die liebe lichtvolle Stirn zu Hand und Herzen sagen: ich darf euer nicht? Oder sind nicht alle Glieder eines Leibes, und wiewohl ihrer viel sind, sind sie doch ein Leib. Wenn nun der ganze Leib Auge wäre u. s. w. Also in einer lcscnswürdigen Stelle der sehr philosophische An Prediger. Paulus! Und in der ganzen Natur hat Gott nicht anders, als nach der Analogie gehandelt. In der Religion nicht anders! Wunder und Erscheinungen Gottes, in deren Hülle die ersten Samenkörner der Offenbarung gefact wurden: wer konnte dabei raisonniren? Gründe und Gegcngründe wagen? Die herrlichen Oberkräfte der Seele im besten Sonnenspiele spielen lasten ? „Rede „du mit uns und laß Gott nicht mit uns reden! „Herr, was willst du, daß ich thun soll? Ich siel „zu seinen Füßen, wie ein Todter!" so tönen die hervorgedrungcnen Stimmen, oder wenn sanfter bewegt , so war doch Staunen, Glaube, ganze sinnliche und unsinnlicke Gegenwart der Zustand der erregten Seele. — Obs also dem Geiste Gottes so un a n st ä n d i g wäre, auf die sinnlichen, ganz sinnlichen Kräfte des Menschen zu wirken? Wo von diesen Grundpfeilern der Offenbarung sich Mauren und Tcmpelsäulcn weiter ziehen: noch immer der gewcihete Boden und Inhalt der Säulen! Tradition besten, was gesehen, gehört, erfahren war: sie wirkte Jahrtausende kräftig hinunter, und Sohn und Enkel stand doch nicht da, allein zu raisonniren, die Gottesstimme mit seinen obern Kräften reif überdacht und sehr willkürlich zu prüfen: ergriff ihre ganze Seele und ganzes Leben! Alle Stimmen des Worts Gottes (von Art der Mitthcilung und nicht von Eingebung ist hier die Rede!) zu welchen Kräf- Z w ö l f P r o v i n z i a l b l a t t e r. 407 t c n sprechen sie? In P s a l m e n und L 0 b gefangen, Segen und Weissagungen, Bildern und Gleichnissen, in Feuerströme» der Rede an Herz und Seele — so sprachen sie! Ich siche kein alleingewähltcs Heitres der Akademie und Stoa, und mich dünkts wieder nur Einschaltung, Wort Gottes und Mittel des Geistes an die obern Kräfte blcs durch deutliche Vorstellung, — das beides zu wechseln: es ist doch wahrlich nicht Eins! Endlich: die ganze Religion in Grund und Wesen ist Thatsachc! Geschichte! Aus Zeug- niß der Sinne und nicht der Oberkraste allein; bei dem Empfangenden auf Glaube, der alle Kräfte fasset, gebauet: nach Zweck und Inhalt ans V 0 l k , den größten, sinnlicher» Thcil der Menschheit und nicht an Grübler gerichtet; in Art und Sprachc sie mit allen Trieben umzuschaffen und z u l c n k c n. So predigten die Apostel Jesum und philosophirtcn nicht: so redeten die Propheten als Stimmen Gottes! Glaube aus der Predigt, die Her; und Sinne und den ganzen Menschen traf. Gott spricht und handelt mit Menschen als Kindern und Kinder sind sinnlich! In Untersuchungen hierüber wäre also Gefühl (und warum das verächtliche, halbkomische Wort Gefühle, dafür die Alten Fühlungen sagten, wenn man Empfindungen nicht will) wäre dies große Wort in seinem Umfange und Würde in der menschlichen Natur zu erwägen, in seinen An Prediger. 408 mancherlei Verhältnissen zu den mancherlei Wahrheiten der Religion, zumal historischen, Glaubensvorstellungen und L c- Lcns trieben ohne Widerwillen zu beherzigen, als Triebwerk der Natur Gottes und nicht leidige Kompensation eines gerühmten deutlichen Denkens, damit doch auch der unwissende Pöbel etwas habe! — endlich psychologisch auszu- machcn, „auf welche Kräfte? und Triebe? und wie? und wodurch gewirkt werden müsse, damit der Mensch gebessert werde — und vor allem zufördcrst, was Besserung heisse? doch nicht Aufklärung allein! Und zu etwas meh- rerem muß auch etwas mehre res wirken. Und das alles wäre noch bloße ganze Psychologie und Erfahrung. Auf dem Grunde der Religion, die hier allein Boden seyn soll, tritt Alles außer Zweifel. Wenn da doch alle sogenannte Bekehrungen keincs- wcgcs philosophische Uebcrlegungen gewesen: wenn alles auf Geschichte, That, Wunder und Glaube gebaut; auch die Sprache und Mittel der Wirkung also beschaffen: Bilder und Gleichnisse dahin gehen — warum sollten wir da nur wenige Beispiele, Bilder und Worstellungsarten wählen, die und weil sic unscrm Systeme und Temperamente und Gedankenkreise die liebsten sind? Warum z. E. immer allein Lichtstrahl, und dem Lichtstrahle gar Wirkungen zugeschricben, die er doch weder in Natur noch Schrift hat? als obs keine andre Sinne und Sprache und Werkzeuge Gottes auf die Sinne Zwölf Provinzialb latter. 4"9 in den Bildern der Bibel gebe? Wie Licht, so auch Zug: wie Oeffnung des Auges, so auch Glaube durchs Gehör, Erwarmung und Erschütterung des Herzens: Umschaf- fung, Veränderung, Wiedergeburt — ich presse alle diese Bilder nicht; weiß aber auch nicht, warum man sie ausschliesse? Kurz! die Abstraktionen unsrer verachteten Dogmatik (ich rede von ihrem öfter» Wicderkommen unter mancherlei Namen nicht, das aus Mißdeutungen der Polemik entstanden,) sie führen, dünkt mich weiter, dem Grunde der Seele ähnlicher und gewisser auf dem geraden Boden der Offenbarung, als diese Wege der Oberkräfte in der Luft! 3 . „Wie wirkt nun die Gottheit auf alle die mancherlei Kräfte der Seele?" Ich weiß nicht, wer antworten soll? Empfin- der? Philosoph? oder die Bibel? Der Empfind er empfindet nur, und kümmert sich nicht, wie Gott Empfindung wirke? Wenn er spricht — wirds alles unmittelbar! — Empfindung! Der Philosoph fangt von der Hypothese an — aber davon muß er nicht anfangcn! Er dichtet also auch und weiß nicht — wir treten aus seinem Kreise. 4io An Prediger. Also Bibel! Aber die Bibel entscheidet nichts darüber: sie wendet entweder gerade zu das Angesicht weg, ,,der Wind blaset u. s. w." oder sie gicbt lund auch das ist weise Güte des Urhebers!) nur Beispiele, Muster, Bilder! Da spricht Empfindung unmittelbar znm Herzen, zum Sinn, zur Nachahmung; und wird kein Nachgrübeln , kein Auflosen in Eleniente. Glauben soll man und dann unverrückt thun! Erleuchtet, erwärmt, wiedergeboren werden und neu seyn. Grübelt ein Kind in der Empfangniß über seine Werbung? Hat's auch als Greis je den ersten Augenblick seines Werdens klar und deutlich in seine Elemente auflösen können? Der Saemann, der Samen säet, löst er sich das Wunder der neuen Schöpfung in seine deutlichen Bestandthcile — auf und das sind doch der Schrift die liebsten Bilder! Also von allem Vernünfteln an der Stelle Gottes „wie das und jenes zugehe?" hat uns die Schrift wegbiegen wollen. Nicht allgemeine Prin- cipicn wollen wir setzen und daraus herleiten: sondern Schranken unsrer Natur erkennen, und dann annehmen, fühlen, brauchen! Weiß ich, wie meine Seele in den Körper wirkt? und wollte wissen, wie Geist auf Geist, wie der ewige, allgegenwärtige Geist und in allen Augenblicken wirke? Auflösen in Elemente ist Schall an der Wand mahlen, daß es Schall bleibt: und in Absicht auf Folgen ist der Behorcher des Geistes Gottes im Kopfe nicht einen Grad glücklicher, besser, als der Behorcher desselben in seinem Busen! Zwölf P rov in zial k> lä tter. 41L „Aber wäre nicht die Kraft Gottes, die an uns wirkt, so ein stilles einförmiges Gesetz der Na- turordnung, als Schwere, Licht" u. s. w. ? Mag sie's seyn, wi c's v i e l l c i ch t, wenn ich mich so hoch heben könnte, gewiß wäre: aber dies allgemeine Gesetz, was ich nicht übersehe, nicht begreife, nicht beweisen, nur mulhmaßen kann, was kanns in der Anwendung Helsen? Alles Allgemeine besteht nur im Besonder»: und da ich dies nicht erklären kann, wie denn mich ans Allgemeine wagen? Gott muß doch so innig iw mich wirken, als ob er einig in mich wirkte. Modisicirt sich die Schwere, das Licht und alle Naturkräfte jedem kleinsten Theilchen jedes Körpers nicht innig und eigen? und besteht nicht eben allein daraus Hauplbegriff der Universalkraft, der Schwere, des Lichts? u. s. w. Abstraktion ist nur Wahndunst schwacher Geschöpfe, die Wolke sahen, weil jeder Tropfe der Wolke ihnen undeutliches Bild blieb! Gemeinort und Regel, zur Krücke weiterer Abstraktionen gut: aber dem einzelnempfindenden, handelnden Wesen kann die Hülfskrücke wenig helfen, und vielleicht, unrecht angewandt, schaden. Jeder Stein fallt, als ob er von keiner andern Schwerkraft wüßte: Abraham traut, Christus betet, als ob sein Gott ihm der einzeln innige, gegenwärtige Gott sey — Der Gedanke des Philosophen ist klar und hoch, aber wie oft nur erkältend und sich als Tropfe in den Ocean verlierend! Kann ich mir nun überdem aus diesem zu hohen, allumfassenden Principium wenig oder An Prediger. 412 nichts erklären— Gott wirkt durchs Gewissen: ober was ist Gewissen? wieder ein abgezogener Begriff aller menschlichen Seclenkcäfte, sofern sie moralisch wirken — also Abstraktion durch Abstraktion — was ist Gewissen nun hie? worauf gcbauct? aus welchen Bcstandtheilcn coagulirt? wie wirkt nun Gott auf dasselbe? nach welchen Gesetzen hat er aufs ganze Men- schcngeschlecht gewirkt? Kann ich eine Regel finden, die Ordnung, und den Gang der Moralität desselben, die ganze Wunderer- leuchtung, Erziehung und Besserung desselben nach allen Beweisen der Natur, Geschichte und Offenbarung so simpel zu erklären, als Newton mit seinem Naturgesetze den ganzen Himmel ordnete, wog und zählte? Kann ich das nicht! im mindesten nicht! Der Dunst verfliegt in ein allgemeines Wort, oder loset sich auf in einzelne Thautropfcn, mit denen ich immer bin, wo ich im Anfänge war — was sollte mich die Hypothese, wenn auch nur im Ausdrucke, da sie blos Ausdruck ist, blenden? Und wenn blendete sie mehr, als wenn ich daraus gar Offenbarung und Wege der Offenbarung herlcitcn und diese darnach stimmen wollte: das ich doch wahrlich noch nicht kann! Endlich 4. „Muß man, wie und wodurch Gott auch wirke, ^,auf jede Empfindung und Jnfinitesimal-Empfin- „dung als auf letzten Endzweck des Wirkenden und „Fühlenden merken? lauschen? horchen?" Aw ö l f Pr o vi nz ia lblatte r. 4^3 „Muß man sich selbige erkünsteln? und gar „nach Pagina und Lokusblatt erkünsteln wollen?" „Und darüber, als letztes Tagewerk richten? „verdammen? Regeln für alle Welt aus seinem Vu- „scn geben? und mit dem Diarium seines Herzens „gaukeln?" Hier rusc ich, und wer nicht mit? aus voller Seele, nein! nein! Um Vernunft, Menschen, Glückseligkeit und Gnade Gottes willen, nein! Wir sehen aber, die Frage ist von allen vorigen unabhängig, Empfindung, welche es wolle! und woran es wolle! und von wem es wolle! darnach nach letztem Kinderspiel zu laufen, ist so ganz den Gesetzen der menschlichen Seele, den Forderungen des menschlichen Lebens entgegen , gicbt in seinen Folgen so armselige und schreckliche Beispiele — ich wollte, daß das nur in Hellem Lichte, erst ohne Theologie, lehrend, warnend, cxcmpelvoll gezeigt würde. Sodann käme die Stimme der Religion, daß die n i e so was geboten, in keinem Beispiel gezeigt, oder nur erlaubt habe! daß Bilder, Red arten, Beispiele, Muster, der ganze Gang der Offenbarung Gottes in Bildung des Menschengeschlechts etwas anders und das Gegen theil zeige! Hier nicht blos einigen Stellen und Sprüchen aus- gcwichen, sondern, Wenns Kummcrscelen überzeugen und jedem Zweifel gerade begegnen soll, 4'4 An Prediger. Fülle des Sinnes Gottes in allen Stellen, Beispielen , Mustern geben : — ein lichtheller Saal der Haushaltung Gottes aus Autorität der Schrift — mich dünkt, das wäre Haupt- forderniß in diesem Falle! Eine Erklarungsprobe käme sodann vielleicht nützlich dazu: wie so etwas nicht blos allgemein entstehen könne, sondern die Seuche der Andächtelei wirklich historisch entstanden scy! Wie in jeder heidnischen Religion nach Maßgabe der Zeit, des Orts, der Menschengattung so Etwas und wie's in dieser Kirche eben also entstanden sey? Der große Luther hat dem kränkelnden Empsindungshorchen so entgegengearbeitet, alS den Hellen deutlichen Kanons, bis aufs Infinitum deutlich! aber an Kopf und Herzen sah auch er sieche Zeiten voraus, warnte — sie find gekommen ! und eine Seuche hat die andere abgelöset: Behor- cher des Kopfs die Behorcher des Busens! Die ganze Menschheit erwartet Bahn, auf der auch kein Einfältiger strauchlen, abschweifen, oder sich ein Ziel wählen dürfe, das in den Wolken schwindet! Die ganze Menschheit ein Buch, wo mit g a n z e r Ansicht der Religion, der G e- schichte und des menschlichen Herzens in mehr als einem Stande die Bahn gezeichnet wäre! Und dürfte ich noch etwas dazusetzen: So gut und nothwcndig es ist, meine Brüder, immer mit Gewissen und vor dem Auge Gottes zu schreiben : so lasset unS nicht immer und feierlich uns Z wö l f P rovi n z i alb lät t er. 4»5 darauf beziehen. Lasset uns predigen, wenn wir sollen abfolviren und kontestiren, wenn wir sollen heiter untersuchen, tief, genau , vollständig betrach» ten , auch wo es Pflicht ist. Ein immer feierlicher, zumal Kontcstationsstyl, vielleicht ist er der Hellen, allseiligen Untersuchung der Wahrheit nicht immer vortheilhaft. Wie Periode, so wird auch Denkart voll weiter, feierlicher Eingänge, die unsre Verächter Priesterperioden nennen, sie mit unfern beinahe abgelegten Ornaten vergleichen, und wenigstens zeigt sich in diesen nicht der volle Wuchs eines gesunden, ganzen Körpers. Helle, tiefe, allscilige, vollendete Untersuchung einer solchen Wahrheit, für alle Milbrüder, Menschen, Christen! gewissermaßen die Hauptfrage, worauf Anwendung des Christenthums und Predigtamts beruhet, — die mit allem Lichte, Treue, Warme gesagt, wäre das, auch ohne Versicherung, kein Priestcrwcrk? Kein Opfer auf Gottes Altar? Zumal durchgängig vom Gefühl des Zwecks und Wesens der Offenbarung durchdrungen, wahrlich ein vom Feuer des Herrn angeglühtes Opfer! Meine Meinung ist nur Eine. Sie kam hier nur beiläufig, um zu zeigen, daß wirklich Prediger-Ton kaum rechter Ton auch der theologischen Untersuchung, Aufklärung, Erbauung sey; daß, wenn diese sich zu einer gewissen Klarheit erhebe, sie Dogmatik, und An Prediger. 416 wenns Wahrheiten der Offenbarung betrifft, Dogmatik nur aus der Bibel seyn könne! daß hier nicht blos eine Bahn der Fußstapfen so viel würdiger Männer vorliege, die doch auch vor uns wenigstens ein E i l fz w ö l fth e i l mit Sorgfalt die Bibel absirahirt, und die unter dem großen Hausen jetzt wirklich zu sehr verachtet werden, sondern daß vielleicht eine Zeit bevorstehe, da Dogmatik, d. i. philologisch gesammelte Philosophie der Bibel so ein Modestudium seyn werde, als man jetzt von ihr ablenket! Es wäre auch wahrlich kein Werfall der Theologie, wenn sie mit reiner Helle und Wahrheit den nur dämmernden Predigtton etwas verdrängte! Allerdings können und müssen hiezu noch Prediger beitragen, wenn Bibel ihre Sache ist. Wie viel wird nicht gepredigt! und nur immer und immer auf Eine Weise Einerlei gepredigt! an manchen Orten Jahr aus Jahr ein, alle Wochentage, oft für ganz leere Bänke! hat man denn nicht bemerkt, daß, wie aller einseitige, einförmige Wortrag so auch der ewige Predigtvortrag, zumal nach der Mundart, u n v 0 l l k 0 m m e n sey? Dieß schließt er beinahe ganz aus, jenes nimmt er nur seitab: das meiste hüllt er ein und umflichts mit Erbauungslaube — und doch ist, durch ein Ueberbleibfel von Mönchswahn, predigen, erbaulich predigen, des Predigers fast ganzes Amt und Pflicht geworden. — Daher denn dergleichen kommt! Wenn Zwölf Provinzialblatter. 4»7 Wenn eine Gesellschaft gemeinschaftlicher Diener , an Einem Worte Gottes, sich auch hier über gemeinschaftliche Pflicht vereinten, diese offenbaren Lücken zu füllen! Dieser hat P r e d i g c rg a b e n, jener glaubt sie zu haben, und hat keine bessere: er predige! Ein anderer, jetzt da das Predigcr- panicr allgemein aufgesteckt ist, ein elender Prediger, für leere Stühle; aber ohne die Einkleidung ein guter Schriftauslegcr würde er seyn— eine Gabe, die mancher dem Talente der Hauptpredigcr vorziehen dürfte. Er lege Wort Gottes aus, ohne daß er seine Gabe in ein schlechtes Rednerschweißtuch hülle. Ein dritter ein K i nd e rl eh r c r, und Geschichterzähler im hohen Verstände des Worts! Heil ihm, er wird Wort Gottes erhalten , Glaubenslehre dahin zurückbrin- gen, wo und wie sic erwuchs: er wird, wie der Menschenfreund Johannes, für alle Alter alles werden — ein edler Evangelist! Der Eine hat gleichsam mehr Sinn für den Gott in der Natur: seine Kenntnisse und Lieblingsnci- gungen gehn dahin — das ist sein Amt. Ein anderer für den Gott der W u n d e r g e sch i ch te und der Offenbarung Jesu: Einer Licht, der Andere Warme — wer ist Paulus? wer ist Apollo? hat er nicht Etliche gesetzt zu Evangelisten, Hirten, Weissagern, nach dem Mancherlei ihrer Gaben? Und warum denn Eine Form? und Eine Art in die Form zu gießen? Und was wäre für unsre Zeiten nöthiger, als die mancherlei klare Vcrtheilung dcS Tagewerks? Und für die, so dienen am Worte so Herders Werke z. Rel. u. Theol. X. D d An Prediger. 4 .» erfreulich! für die Gemeine, deren Jedes seinen Mann und Stunde fände, so angenehm und nützlich! Und brauchte blos stille, brüderliche Verabredung, wie ich mich dergleichen wenigstens ähnlicher Versuche hie und dort schon erinnere. Eigenliebe macht die Bahn enge, allgemeine Liebe machet sic weit! trägt Höhen ab, und füllet Thäler, daß alles dem Herrn sich bücke, und so viel möglich, kein Platz der Religion, Offenbarung und Menschenbildung sein Oe des behalte durch unsre Schuld! Und nun wird man selbst denken und fühlen, waS ich von der Beg e i ste r u n g eines Priesters auch in seinem Amte halte. Dient er aus heiligem Boden, der kein poetischer Grund ist: ists wahres Gebäude Gottes durch alle Völker und Zeiten, dem auch Er eigentlich beihilft und Werkzeug ist: wie wird, wie muß er seine Eigenheit vergessen! wie ganz verschlungen werden in den Geist, dem er dienet! wo Gott wohnet, wie rein muß ec seyn der Tempel! und wer Gefahr hat, den Tempel Gottes zu verderben, wie rein, geprüft und voll Gottes beitragen! Alsdann auch wie freudig und muthvoll! Man lese Luther, der ein Mensch war wie wir, wie voll strömender Fülle sind seine Schriften! Und jener höhere triumphirende Geist der Psalmen! der Propheten! „Geist des Herrn ist über mir, darum „hat mich der Herr gesalbet! Ec hat mich gesandt, „den Elenden zu predigen, die zerbcvchnen Herzen „zu verbinden, zu predigen den Gefangenen eine „Erledigung und den Gebundenen eine Oeffnung! „-Der Herr ist mein Gut und Theil, der ,,Herr ist mein Erbthcil! das Loos ist mir gefallen „lieblich, mir ist ein schön Ecbtheil worden!" Und sähe er denn auch nicht Alles: sein Schiff, auch sich am besten stemmend und steurend, und nach der Höhe blickend — mit fortgerisscn, und geht ohn' Ufer im Schiffbruch unter. Nicht ohne Ufer — wenn crs gleich nimmer sähe! Wer sah es minder als oft die Propheten? sic weissagten hierin in welchen dunkeln fortgehenden Geist der Zeiten, und hießen oft Thoren bis lang nach ihrem Tode. Und wie sie doch zum Werk Gottes beitrugen, treu dem Geist und ihrem Gewissen, und den immer größer achteten, der in ihnen war, als der in der Welt ist: wahrlich, meine Brüder, sie waren mehr als Bänkel-, Markt - und Straf- sensänger! Männer voll Glaubens und Gottesgeistes. Deren Ziel schauet an, und folgt ihrem Glauben nach! Dd 2 420 An Prediger. XI. Christus. Laßt uns aufsehen aufJesum, den Anfänger und Vollender unsers Glaubens! — Ebr. in, Der höchsten Offenbarung und Borbildssumme sollten wir uns auch mit der gefaßtesten Demuth nähern: es ist das Heiligthum des Neuen Testaments! Nachdem Gott Zeiten hinab auf mancherlei Weise zur Welt geredet hatte durch die Propheten: wards eine Zeit stille Wüste! und kaum der kleine Nachhall voriger Stimmen ward rein erhalten: mitunter ein elendes Saufen aus babylonischen Grüften und Höhlen: Verstümmelungen des Worts, Gottesdienst-, noch ärgere Verstümmelungen der Pflicht, mithin auch, der bloS dem folgte, des menschlichen Geistes. Alles lag in Trümmer, und die Trümmer sollten neuerbauet werden, wie's kaum die Synagoge rieth. Ein kleiner Morgcnglanz des Vorläufers kündigte an, und mußte, da die Sonne selbst aufgehen sollte, schnell verrölhcn. Brautführer gegen den Bräutigam: ankündigender Wüstenlauc vor der großen Person des Kommers — Wie wird mit dem Wenigen der simpeln Evangelisten auf die stilleste Weise alles ins Große getrieben und gewählt l Welche Figur der harte, starke Johannes gegen den sanften, kommenden Christus! Mit Ankündigung, Geburt, Gestalt, Aufzug, Lebensart, Wüste, Predigt und jedem Laut seiner Stimme und der Stimme Christus über ihn, welche Gestalt! Er hält den Grund des Vorgemähldes zum Neuen Testamente! der größte der Weibsgebornen, „wer aber der Kleinste im zweiten, nähern Reich Gottes seyn könnte, größer, als Er!" Christus kam! der Sohn! der Erbe über Alles! Abglanz des Urlichls GotteS! Jener große, ewige Gedanke, der vor der Welt war und durch den Alles geworden ist, was da ist: er ward Fleisch und wohnte unter uns, und strahlte uns Herrlichkeit! sichtbare Herrlichkeit des Einge- bornen vom Vater! voll Wahrheit und hoher Gnade! — Wenns möglich wäre, die Vorstellung des Maximum in der Natur im Symbol des Minimum sich zu denken: so, siehe da Christus! Abbild der Gottheit in der Gestalt des sündigen Fleisches. In ihm das ganze Maas der Gottesfülle wohnend, und — in Knechtsgestalt! in der tiefsten Erniedrigung bis zum Kreuzestode! Mich dünkt, selbst der ganze Geist seiner Geschichtschreiber und Boten, Evangelisten und Apostel nimmt daran Theil! Schätze der Erkcnntniß, des Affekts und der Goltesfülle, in welcher armen, einfältigen, schlichten, irdischen Scherbe! Der Sohn Gottes ließ sich hernieder! der cin- gekleidete Gott wandelte — wie? wo? wozu? was 422 An Prediger. denkt man sich nicht, daß er sprach, war und that? Wer hat nicht darüber, was er nicht gelhan und gesprochen, sich weise verwundert? — Und in allem welch Ein Ton! welche bcibehaltcne Ein e Aehn- lichkeit des Zwecks, der Offenbarung und Sendung Gottes jetzt auf Erden! Arm, einfältig , verachtet! dem größten Theile nach ein Leben ohne Leben! blos Inhalt und Borbild dessen, daß ec diene, und Gehorsam lerne und für den größten Theil der Menfchenfülle ein Vorbild sey zur schwersten, dcmülhigsten, göttlichen Pflicht — Gehorsam! So der größte Theil seines Lebens unter dem Schatten blos menschlicher Hütte, Noth, Arbeit und Tugend, und da er, wie's endlich schien, aufzuwachcn anfleng: da die Stimme vom Himmel rief und Strahl der Gottheit ihn einweihete — wozu? als zu neuen, demüthigen, verborgnen Versuchungen! Nicht selbst einmal reichlich Samen zu streuen, oder zu ernten: kaum die künftigen Sa- menstreucr zu suchen, zuzubcreiten, zu sichten mit den gelindesten Proben, und dann zu sterben! Kann ein unvollendeterer Entwurf eines Lebens scheinen, als es das Leben Jesu war? Und siehe! auch als Entwurf das größte Leben! In dem kleinen, kaum rcdewcrthen Ausschuß von zwölf noch immer sehr ungelautcrten Samenkörnern lag die ganze künftige große Aussaat und Ernte aller Zeitalter und Nationen! Ihre Zubereitung das ganze Sinnbild stiller Pflanzung des Reichs Gottes als Sauerteig, Samenkorn, und tief fallender Funke! Seine Verfassung am Kreuz konnte mit nichts als Vollendung endigen, und mit nichts als Kräften Gottes in einer neuen Welt aufleben. So Zwölf Provinzialblätter. 41) war der Riefengang dieser Sonne! Von der höch. stcn Höhe zur tiefsten Tiefe und wieder empor! über alle Grenzen und Völker der Erde! Es ist, dünkt mich, so wenig bloße Trostanspielung und Deutung, als es vielmehr wahrer Mittelpunkt der Sendung und Gottesoffenbarung ist, daß Christus in keinem andern— Stande, kann ich nicht sagen: denn er war kein Levit und Priester! — aber in keinem andern Vehikulum erschien und erscheinen konnte, als allein als Lehrer der Welt! Hirte! Arzt! geistlicher Retter und Helfer! Der angekündigte Sohn des Höchsten, König auf dem Thron seiner Vater, in der Schöpfung und Haushaltung der Welt, Bildung, Folge und Ordnung aller Zeitalter als auf den Eckstein und Mittelpunkt verfasset worden, ward nur — Mensche nsohn! Lehrer! geistlicher Priester! So Hausvater, als Königsstand vcrschmahete er, und ward, was er war, Bote Gottes und Opfer für die Welt! In welcher Dcmuth aber auch dies! Mich dünkts nichts, als bodenlose Unterschiebung und Hypothcsensucherei, in dem Leben, was uns so einfältig und treu die Evangelisten mahlen, nicht das Leben des zu finden, der da ist, sondern deß, der er nach unserm Wahn seyn sollte. Nicht der Mensch Jesus Christus, der also sprach, fühlte und handelte, sondern nur der immer sub- stituirte, blos eingckleidete, und gleichsam mit Körperwahn oder Mcnschennatürlichkeit die Menschen An Prediger. 424 trügende Gott! Und das dünkt mich, sofern es auch von der Denkart jedes gcnauern, richtig- fühlcnden Theologen ist, nicht minder Ein Aeußer- stes, als der Jrrthum jener, die Christum allein zum Menschen und nachher in seinem höher» Stande zum belohnten Menschen ausdichten und künsteln. Ohne alle Affektation des Dogma oder dergleichen glaub' ich, liegt blos nach Maßgabe der Schrift, der wahre Weg in der Mitte. Christus, so gewiß der Eingeborne, Sohn Gottes, wahrer Gott und ewiges Leben: so gewiß auch überall, wo er handelte, ganz Mensch und als unser Bruder fühlend! Wenn es Paulus nicht so deutlich gesagt hatte: Härtens, dünkt mich, alle seine Evangelisten treu genug ge mahlt. Warum also auch Christus in alle dem, was er lehrte und that, allein immer wie ein höheres Blendwesen, als ein supcrsicicller Gott, lehrend und handelnd? bei jedem Fußtritt in der Schrift ist des Gcgentheils Anzeige! Der Sohn Gottes, der wirkliches Kind, nicht als und in Gestalt eines Kindes geboren ward, der, wirkliches Kind! wuchs und ward stark im Geist, voller Weisheit und Gottes Gnade war bei ihm: nicht anders, als daß berauch, ebendieser vollen menschlichen Natur, seiner Erziehung, Denkart, Hände l s w e i s e nach, handelte und lehrte. Sprach, selbst ein Galiläer, mit Galiläern: einer aus dem Volk und ein Zimmermannsgeselle mit Leuten seiner Art und dem Volke! verstand ihre Sprache, wie er sie sprach und durch Leute eben der Art verkündigen und aufschrciben ließ! In allen Zwölf Provinzialblatter. 42b den Gleichnissen also, der einfältigen und eben so hohen Moral, der Knechtsgcstalt bis auf Ausdrücke, Accent und Wahl der Worte: nicht ein bloßes, leeres, unbestimmtes Herablassen zu den Menschen, ich weiß nicht woher? und aus welcher Wolkenhöhe finde ich darin: sondern treues Thcilnehmen auch an den Schwachheiten der menschlichen Natur! brüderliches, wahres, ganzes Empfinden und Mitempfinden, versucht werden allenthalben gleich wie wir — das zeigt von Anfänge bis zu Ende darin die Schrift. Der Jesus, der zunahm an Weisheit, Alter und Annehmlichkeit bei Gott und bei Menschen (an Heiligkeit, Aufrichtigkeit und Unschuld konnte er nicht zunehmcn!) der lebte, sprach, handelte und wandelte auch also, ein wahrer M e n sch e n s 0 h n , an Geberden als ein Mensch erfunden! allein eben darin und dadurch, daß der wahre Mensch, Jesus Christus, handelte, litt und fühlte, bildete und schaltete sich in ihm die Gottheit ab! Nur allein also war Gott in Christo, die Menschheit mit sich zu vereinigen uns zu versöhnen — deutlicher kann die Schrift nichts sagen! Auch also wo Jesus uns Vorbild ist, ist er uns ganzes, gleichherzigcs, wie wir empfindendes Brudervorbild, dem wir, als keinem Phantasma und Glaukoma, sondern ihm als dem Anfan g e r und Voll ender des höchsten und tief, sten Menschenglaubens, des höchsten und schwersten Ideals der Tugend, Aufopferung, des Gehorsams und der Hingabe aus Bruderliebe nicht blos leidlich nachzuahmen, sondern nachzu- An Prediger. 426 streben haben, daß, wie Er ist, auch Wir seyn sollen in der Welt. Wehe dem Lauser, der da immer auf so und so viel unendlich weite Borschritte rechnet! Wehe dem Kampfer, der aus menschlicher Behaglichkeit und Trage die Nachfolge des größten und innigsten Menschenzeugen sich also ins Un n a cha h m b a re, Weite und Große, in den Dust des Himmels hineinmahlet, an den man von keinem Berge reicht! Mich dünkt, wie auch unsre Wörtcrbuchschreiber das Kleid wassern mögen, Christum anziehcn, in seinem Namen, das ist, wie Ec, wandeln, handeln, und beten, und Zuversicht haben und glauben und seyn '— heiße mehr! Und wie alleinstimmig ist hier die Rede der Apostel, der Evangelisten, des Bruders, des alleinigen edelsten Bruders unsrer Menschheit, Christus selbst! Und was ists, das er nicht diesem Seyn! Glauben! Dulden! Beten wie er, für Kräfte einer unsichtbaren andern Welt, in den heiligsten Eidschwüren (als ob er immer für Zeiten spräche, denen das Noth wäre!) zusagl! Wenn ich also glaube, daß, wie überhaupt, so auch von dieser Seite das kraftvolle Vorbild, oder vielmehr die ewige Gegenwart Christi bis an den letzten der Tage nur zu oft zu lauem, kalten Wasser gemacht worden : so behaupte ich an diesem Orte getrost, daß mans für die Lehrer, als Nachfolger Christi, doppelt und dreifach also verspület. Auch hier war er nicht Zwo lf Provinzialblätter. 427 blos als Lehrer: sondern der Mensch Jesus Christus war Bote Gottes, Lehrer der Menschen mit Wort und Thal und Empfindung auf die simpelste, stärkste Weise. Die kleinen Bilder, die simpeln Gleichnisse, die Jesus da und dort aufnahm, glaubt man, daß es blos so schlechte, zeitmäßige Anspielungen gewesen, die wir allenfalls jetzt entschlauben, Inhalt und Kern wegnehmen, und das übrige seinem Meister lassen können, wie eS ist? Ich glaube es auch, und noch mehr halte ich die sclavische, amls - und affenmäßige Entschlaubung derselben, noch ungleich arger, als sclavische Nachahmung. Aber edlere Nachahmung? Nachfolge im Geist Christi? Eben so sehr in seiner Welt, mit dem ganzen Heer von Zeugen und Boten Gottes und der Natur zu sprechen! so tief in Herz und in die Einbildung der Leute zu reden! so rein und rund und kraftvoll und gewaltig, als kein Pharisäer und Schriftgelehrter sprach, sollte das nicht Nachfolge Christi seyn? Wer, wenn er die einfältigen Parabeln der Evangelisten liest, würde träumen, daß cs auch damals Schulen Hillels und Schammais, und in der Anzahl! auf der Höhe! in der Blülhe der jüdischen Theologie gegeben habe! — und siche! der einfältige JesuS hatte nichts von derselben. Ein Galiläer für Galiläer! und so gründete er das Erhabenste, Ewigste der Reiche Gottes! „Die Jünger Johannes und der Pharisäer „fasteten viel: die Jünger Jesu fasteten nicht!" Und 428 An Prediger. den Zweiflern dagegen erklärte sich der Lehrer der Menschen, der gewiß auch das Gebot der Väter und Aeltcstcn ehrte, blos in einem mehr sinnreichen und aufgeräumten , als gründlichen Gleichnisse, wie es den Doktoren der Sorbonne damals geschienen haben mag. Auch seines Johannes Freund war er: aber nicht deßwegen der Nachhaller seiner Sekte: denn frei heraus sagte ers „neuer Lappe auf altem „Tuch macht nur ärgern Riß! und neuer, brausender Most in alten Schläuchen, verschüttete „Gottesgabe und abscheulich zerrissene Schläuche!" Nach solchen Maximen lehrte und handelte Christus. Mit Z § l l n e r n und Sündern aß Jesus und freucte sich des Beinamens Zöllner- und Sün- dcrgeselle, daß er sich gar ihren Arzt und s 0 l- ch er Kranken Arzt allein nannte: hieß ein Fresser und Wcinsäufer, und ärgerte sich des Titels so wenig, daß er nur in seiner sokratischen Laune, wie man's nennen möchte, von einer Generation Kind lein redete, die am Markt säßen und riefen ihren Gesellen, Strophe und Antistroxhe, gegenüber: Wir haben euch gepfiffen Und ihr wolltet nicht tanzen! Wir haben euch geklaget Und ihr wolltet nicht weinen! — Wußte aber auch im Gegenthcil die Städte zu schelten und bis in die tiefste Hölle zu verfluchen, die ungebessert die Worte gehört, die Thaten gesehen hatten! liebte seine Nation, und Zwölf Provinzialblätter. 429 fühlte und weinte um sie, wie sie kein Landes- freund liebte, und war gar nicht vorerst gekommen, als allein zu den verirrten Schafen Israels: trug aber auch von der andern Seite kein Bedenken , seine liebsten Fabeln und besten Mcnschen- Tugendcn, den Verhaßtesten von seinem Volke, den Samaritern anzudichtcn. Jenes in jedem Worte seelergreifende Gemahlde der Barmherzigkeit des Samariters vom hochwürdigen Priester und wohlchrwürdigen Leviten! Jener wiederkehrende Fremdling, den er hervorzog: „der sich allein fand und gab Gott die Ehre" — und das war ein Samariter! Jenes kananäische Weib, deß Glaube überwindend groß: und jener Heide, deß» gleichen er sich, mit einem Eide der Verwunderung ! im ganzen rechtgläubigen Judäa nicht funden halt«: und jene Samariterin, mit der er so liebreich und selbstanbictend Gespräche rinleitete und einlenkte, „daß einmal die Zeit kom- „mcn würde, weder auf diesem noch einem andern „Berge allein anzubeten !" und auf ihre Bitte bei ihnen blieb, und zu aller Zeit und, wie cs seinen rechtgläubigen Landsfreunden wird gedünkt haben, Unzeit laut behauptete: „Viel werden von Weit „und Breit kommen, mit den Urvätern des Glaubens thronen, aber die Neichsgenosscn, denen „Bund und Rechtgläubigkeit gar schon, im Blute „lag, hinausgestoßen werden u. s. w." Und ob er auch den Namen des Samariters! Heiden! Verächters Moses davon getragen hätte — „Wehe euch „Schriftqelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! die „ihr habt Schlüssel des Himmelreichs vor den Menschen! selbst nicht hinein wollet, und doch es auch An Prediger. 43a „andern, die hinein wollen, vorm Angesichte ver- ,,schlosset — Heuchler! die Land und Wasser umziehen einen Judengenossen zu bekehren — zum „Kinde der Hölle, zwiefach mehr, denn ihr selbst „seyd!" — So der sanftmüthige Jesus! — zu seiner Zeit! gegen die Männer! die allerdings von Ursprünglichkeit der Lehre und göttlicher Gesetzmäßigkeit der Stiftung so viel für sich hatten! Sinn wars, was Christus liebte, und überall der natürlichste, Volleste, herzlichste, Seele verbes- scrndste Sinn. „Ihr habt gehöret, daß zu den Alten gesagt ist," und den Buchstaben des Gesetzes habt ihr behalten: ,,Jch aber sage euch" — und dieß ist der ganze, völlige Sinn — und so gehts Eine Reihe hin durch alle Gebote. „Warum übertreten deine Jünger die ältesten Aufsätze?" „Und „warum übertretet denn ihr Gottes Gebot um der „Acltesten Aufsätze willen? Gott hat geboten „— aber ihr lehret — und damit geschieh ts — Ihr Heuchler, von euch hat JesaiaS „gar wohl geweissaget und gesprochen: dieß Volk „naht sich zu mir mit seinem Munde, und ehret „mich mit seinen Lippen — aber ihr Herz? — „Vergeblich dienen sie mir mit ihren Menschenge- „boten — u. s. w." In Gl ei 6) nisscn redete Jesus, und ohne Gleichnisse redete er nichts zu ihnen. Und diese Gleichnisse von was galiläischcm Geschmack und Co mpositron waren sie? Man lese insonderheit den ewigen Vilderfreund Johannes! Wie er Z w ö l f P r o v i Nj i a lb lä tte r. 43». da seinen Herrn und Meister in einem Bild und Gleichniß, Brod Gottes, Fleisch, Blut, Weinstock, Bereinigung , Verklärung ganze Kapitel durch reden, gar beten laßt — wo sich denn Bilder und Gleichnisse am wenigsten hinschicken! Und wie? wenn er Gleichnisse und Parabeln häuft! wo alle ohngcfähr nur Eins bedeuten, und er mit besserer Verthei- lung und Bilderökonomie sich, scheinl's, so vieles hätte ersparen können! Und wie wenig er endigt! wie er ausschweift! vom Ziele kommt u. s. w. „Zn „derselbigen Zeit antwortete Jesus und sprach: ich „preise dich, Vater und Herr Himmels und dec „Erden, daß du solches den Weisen und Klugen „verborgen hast, und hasts den Unmündigen offenbaret. Ja Vater, denn eS ist also wohlgefällig „gewesen vor dir! Alle Dinge sind mir gelehret von „meinem Vater, und niemand kennet den Sohn, „denn nur der Vater! und niemand kennet den Vater, „denn nur der Sohn, und wems der Sohn will „offenbaren. Kommt her zu mir u. s. w." Und wer ists, der bei ihm in Einer Parabel nicht wie ungleich mehr gefunden, als in großen wortvollen Bänden! — „Wollt ihr auch Weggehen? Herr, „wohin sollen wir gehen? du hast Worte des ewigen „Lebens!" Wohl gar den mystischen Sinn des A. T. hätte Christus geliebt? Wie sonderbar er wenigstens und alle seine Evangelisten und Apostel ihm nach, die Stellen der Schrift an führen und deuten! und beinahe aus Allegorien und Wortspielen beweisen! „Habt ihr nicht gelesen von der Tobten ,-Auferstehung, daß euch gesagt ist von Gott, da „er spricht" — Und welcher unsrer Exegeten hätte 43s An Prediger. es darin gesagt gefunden? und kanns nur, wennS nicht ein Nöthbeweiß und ein so übler Zeitgeschmack gewesen wäre, darin gesagt annchmcn? und welch unwissendes Volk, das sich über einen solchen seinen Beweiß entsetzte! wer lächelt nun nicht darüber, wie über den clendallegorisirenden, fast wie Philo träumenden Paulus, und wie über den elendcitirenden Matthäus, dessen erste Kapitel also auch deßwegen unächt seyn könnten! Wie wenig ist sich also auf den Excgeten Christus zu verlassen, wenn er „ansängt von Moses und „allen Propheten, und legt ihnen alle Schrift aus, die „von ihm gesagt war," wenn er sie nemlich alle so, wie diese, und die Jünger seiner Schule, Matthäus und Johannes ausgelegt?— Aber brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege, als er uns die Schrift öffnete? und o wer eine Stunde lebendigen Unterrichts aus dem Munde des -Einfältigen genossen hätte! Und wie Christus überhaupt seine Jünger und künftigen Lehrer der Welt, als vornehmste einzige Sorge seiner Lehrjahre bereitete! Er schrieb keine Bücher, so wenig als Sokrates: und selbst seine Tenophons und Platons faßten sich kurz: denn sollten, sagt der Eine, „alle die Dinge Eins „nach dem andern beschrieben werden, achte ich, „die Welt würde die Bücher nicht begreifen, die „zu beschreiben wären!" Welch hohes Ideal, das er ihnen allweg von ihrem Amt und Stande giebt! Lichter der Welt! das Salz Zwölf Provinzialblätter. 433 Salz der Erden! auch mit dem Geringsten ihrer Lehre und ihres Lebens, Lichter der Welt, würzendes Salz der Völker! Welche Verbote, das kleinste seiner Gebote nicht aufzulösen! den größten, tiefsten Sinn jedes Gesetzes zu forschen und ganz zu lehren! Und welche Demuth ihrer erhabensten guten Werke, Gebete, Früchte und Ucbungen! Und welch unmittelbares Zutrauen sowohl auf die unmittelbarerhaltcnde Vatervorsorge Gottes, als Gefaßtheit, um seinetwillen alles zu leiden und zu ertragen! — Wer, der die sogenannte Bergpredigt Christi, und seine erste Aussendung der Zwölfe, und seine Abschiedsrede im Johannes, und das rührende Abschiedsgebet, was immer ans Herz drückt und vom Herzen wegstößt, gelesen, und nicht tausendmal empfunden: wo d e r S i n n und Geist der Religion Jesu ist? und wo wir sind? Da bettle man sich denn nun immer hinweg: „das waren erste Zeiten der Kirche! Wundcrgaben" u. s. w. '— sage das immer seinem Ohr und nicht seinem Gewissen: das fühlts anders! die ganze Einrichtung Christi, all seine Lehre und Pflichten sind auf den hohen, reinen, aufopfernden, sta r k g l a u b i g e n Gottessinn gebauet! Warum, daß Christus immer Glauben und nur Glauben selbst zu einer Zeit forderte, da noch ein offenbares Bekcnntniß „daß er Gottes „Sohn sey!" nicht lautbar werden soll? Warum daß er, wie's unläugbar ist, diesem Glauben, Heeders Werke j. Rel, u. Theol. X. .E e An Prediger. 434 diesem starken Gebet in seinem Namen, diesem unmittelbaren Kindcsver trauen auf Gott auch unmittelbare Kräfte beilegt? Warum daß es selbst Stufen dieser Kräfte, die zu erreichen wären, gab, allein auf Beziehung und in Maas der Kräfte, die fassen konnten, beten konnten, glauben könnten, und durch den Unglauben (man lege es so gelind aus, als man wolle) selbst der Wunderhülfe des Mittlers gleichsam ein hinderndes Medium in Weg geleget wurde? Warum, daß nun allemal mit diesem unmittelbaren Umfassen Gottes auch die P fl i ch t e n v 0 n Aufopferung verbunden werden, die er längst voraus se in Kre u z nennet, ehe er gekreuzigt war! die er überall als den Mittelpunkt seiner Pflichten, oder die unmittelbare Erforderniß dazu (oonäitio sino )ch kann hier über eine Frage meine Meinung sagen, über die man meistens nur mit verbundenen Augen gestritten. Ursprünglich war Sabbath offenbar nur ein Tag der Ruhe, und sein Heiligen eine Niederlegung der Arbeit. Der heiße, ermattende Orient erforderte, begünstigte den Sinn dieser Sitte; der lästige, über Allerthum scrupulöse Orient hat ihn auch beobachtet und lange geheiligct. Nur da Sabbath und Heiligung in andre Lander versetzt wurde, die der Ruhe weniger bedurften, auch wirklich weniger pflegen konnten — so behielt man die Worte, das Fest immer bei; aber der Sinn der Worte, das Ideal der Feier hat sich nur zu sehr geändert! Und da wir doch alle keine Morgenländer sind — und uns doch vielleicht von Jugend an mit morgenländischen Worten täuschen — wollen Sie auch eine Predigt über unsre Predigten und Sabbathfeicr hören, meine Freunde?" 4^4 Beilagen. Agathokles und Minna schienen am meisten cinzuwilligen. Ich brachte also das Gespräch in die Frage: ob nicht unsre Idee des Feierlichen blos Absonderung von Arbeit, Erholung sey, oder was sie bei solchen, die von nichts auszuruhen hakten, die immer ruhetcn, würde? Offenbar bei Lenen ein Außerordentliches von Gefühl, von Erhebung und Anstrengung des Geistes — wir nennen es mit einem Wort „Andacht!" Ob es nicht lohnte, dies dunkle Gefühl erst psychologisch zu entwickeln, dann menschlich mit Werth und Unwerth zu beherzigen? In außerordentlichem Zustande ist die Seele immer, entweder im Anschauen eines Glanzes, oder in einer gewissen großen Erwartung. Mich dünkt, beide Zustände richten und nuanciren sich so vielfach nach Temperamenten : die eine Seele schwebet, findet sich in sanftem Schwünge: die andre staunet, und ist dem Erstaunen nahe: die dritte grauset: die vierte schwimmet in Licht und Wonne — Eine kann sich oft die Andacht der andern nicht oder kaum denken; alle aber haben doch das gemein: eine Art von Entzückung, Stillstand, gleichsam Aufhalt der Ideen — Leere, Kluft in der Seele, als wenn was Großes folgen sollte. Schon immer ein sehr mißlicher Zustand nach dieser Psychologie, sagte Agathoklcs. Denn wenn das Staunen, die Intuition nun von einem Gegenstände wäre, der keiner Intuition fähig oder würdig ist; oder wenn sie zu ängstlich gesucht wird, Beilagen. 455 oder zu lange anhalt, überhaupt, wenn sie Gestalt, Lage der Seele würde — mich dünkt, die Gestalt wäre nicht die beste! Es würt, mit dem Ausdruck unsers Freundes zu reden, endlich in ihr nichts als Hohle, Kluft! Man glaubt was zu ahnen, dunkel vorzufühlen, oder zu überschauen — und fühlt nichts. Das ist, was Rosse au sagt, Andacht ist das Opium der Seele. Vielleicht übertrieben: aber im Ganzen ist die Würkung der Andacht, wenn sie falsch oder erzwungen , oder zu lange ist, gewiß das. Ist, nach unsrer Voraussetzung das feierliche Intuition: so sey der Gegenstand ja der Intuition fähig und würdig: sonst wirds nur Intuition ähnlich, Täuschung , Gedankenleere. Jsts gar nur Vorgefühl einer Intuition erst, Ahnen eines erhabnen Gedankens : der aufregende Bote, der seinen Herrn meldet, soll uns bereiten, nicht aber so betäuben, daß wir ihn statt des Herrn oder den Herrn gar nicht empfangen. Jsts endlich immer mit einer Art von Stemmen des Gedankenstroms, von Aufenthalt des natürlichen Gedankcnlaufs der Seele verbunden — ein gewaltsamer Zustand! Er komme nicht zu oft! Er sey nur Moment des Ueberganges, Zwischenlicht oder Zwischenschatte: sonst thut er widrige Würkung, macht die Schwindclköpse, die leere, hohle, dumme Seele, die man, zur Schande des Worts, Andächtige oder Kinder des Lichts nennt — lassen Sie uns das auf die Sabbathfeier anwenden. Zum Voraus erlauben Sie mir, sagte Minna, 456 Beilagen. ein trauriges Zwischenwort; wie wir meistens von Zugend auf zur Andacht gewohnt werden ? gewöhnt werden, sage ich, wie man den Hund zum Dienen und zum Erwarten eines Buchstabens gewöhnt. „Sey andächtig!" sagt man dem Kinde, und da faltet man Gesicht und Hände — die ernste, feierliche Grimasse, aber auch nicht mehr als Grimasse geht von Gesicht zu Gesicht, von Seele zu Seele über; und da das Kind doch nichts denkt: so wird Andacht — freilich nichts als ernster Leersinn. Und, meine Minna, fuhr Agathoklcs fort, so gehts weiter. Der Knabe wird in die Kirche geführt: „sey andächtig!" Und nun stehet er das gothische, dunkle Gebäude, die Menge Volks, die sausende Windorgel, den feierlichen, lahmen, eintönigen Gesang; die Kleidung, Ton, Sprache des Priesters — das Getöse der Glocken dumpft eben drein hinzu: Kirchhof, Gräber, Gewölbe sind neben an! Von Gespcnstererscheinungcn in und um die Kirche, und zwar auf die gothische Weise, istüber- dcm seine Seele voll: die Kirche ist vielleicht auch gar mit Todtendampf, wie mit feierlichem Weihrauch, erfüllet— alle die dunkle, grausend-glänzend- abcrthcuerlich-gothische Vorstellungen sinken zum trüben Bodensatz in seine Seele. Jedes neue Gefühl der Andacht regt sie auf, oder Er, der nun gar in Angst der Seele wider Willen andächtig seyn will, oder soll, schüttelt sie mit Gewalt auf! — Sein Lebcnlang bleibt das Gefühl ihm Andacht! Nur gleich den dritten Schritt, mein Freund. Freilich geht leider! das Gefühl des Andächtigen Beilagen. 457 fort. Gott, Gewissen, Ewigkeit, Gnade, Rechtschaffenheit, Blut, Verdienst, Tod, Gericht: so wichtig und vielsagend diese Worte scyn mögen: wer von uns hat sie durchdacht, da er sie das erstemal hörte? Der feierliche Ton, mit dem sie ausgesprochen werden < das Gefühl des Redenden und der Hörenden, seine Kleidung, das Vorurtheil von ihm! der Ort! verdunkle Zusammenhang der Rede, das würkt, das rührt! das macht Andacht! und von den Meisten wird als Sinn der Worte wenig oder nichts gedacht. Sagen Sie mir, Freunde! die Weise des Gesangs, die Kirchenmelodie, der bloße Ton und Cadenz, Todesglocke, Kniebeugen, Gang zum Altar u. s. w. machen und haben die nicht hundertmal mehr Andächtige, als die größeste, lauteste Wahrheiten ? O könnte jeder von uns als ein Gott in seine Seele sehen, und in allem die Faden seiner Empfindungen bis an den ersten Knoten zurückleiten ! wir sind alle andächtig, meine Freunde, nur Jedweder hat seine Andacht: seine fühlbare Seite. Treffen Sie ihm die — und welches ist sie? als die in seiner Kindheit zuerst tönte; wo zuerst oder am stärksten sein natürlicher Gedankenlauf angehalten wurde? — an ihr hangen alle seine andächtigen Fühlbarkeiten: der Mann, der Greis ist wieder Kind, wieder Knabe! der Frost seiner Gedanken und Lebensjahre hat ihn auf Augenblicke verlassen: er ist im ersten warmen Taumel: der Freigeist ist andächtig — was ist seine Andacht, als Spiel der Fibern? Schatten der ersten Riesenabentheucr seines Herzens. Da jene Bewegungen — jene frühen Thranrn, der Thau unsrer Morgenröthe der Unschuld — die 458 Beilagen. ersten Schläge unsres Herzens oder oster, die ersten Zeichen der Andacht, die auf uns würktcn: freilich der Spötter selbst kann Augenblicke solcher Rückkehr zu den Füßen des Altars liegen und zerfließen, und glühende Kohlen fühlen . . aber wenn nicht mehr, als das . . so stnds mechanische Augenblicke; er steht als Spötter wieder auf! — — Nun gehen Sie ganze Predigten, Lieder, Gebete, oft das ganze Ecbauungswort eines und aller Sabbathe durch — es lauft da> hinaus. Unsre Predigten haben schon solche geweihte Worte, Wendungen, Perioden; unsre Kirchenlieder solche Töne, Ausdrücke, Kadenzen; unsre Gebete und Bibelsprüche , solche orientalische Sabbathwcisen — daß die Seele freilich andächtig ruhet, aber auch nichts als ruhet. Lauter Schwung! Taumel! Peripherie, und nichts, oder sehr wenig drin. Jene allgemeinen Eingänge und Abhandlungen und Pflichten , alle so eine weite Maske, daß man dahinter nichts sieht. Jenes ewige, unbestimmte, sachenlose Seufzen und Wünschen von Rechtschaffenheit, Redlichkeit, Wahrheit — allgemeine Begriffe, bei denen sich Jeder Alles und nichts denket. Jene so oft über- und außer - und halbunmenschliche Gedankenweisen außer unsrer Zeit, Sprache und Lebenssphäre! jenes Leben im Himmel! ewige Gebet! ewiges Andenken an Tod und Grab! jenes tiefe Bewahren der Seele! Versenken in Gott und tausend Sachen mehr, so fromm und unbestimmt, andächtig und halb wahr seufzend und langweilig — das Alles nun in der Form von Worten, mit den Zeichen des Erbaulichen begleitet — das ist Beilagen. 4^9 > feierlich, andächtig! Aber ein Mensch, aus anderer Zeit, und Sinnesart und Erziehungsmethode, der in diesen frommen, weisen und andächtigen Perioden, Uebcrzeugung, Gedanken, Sachen, Helle menschliche Begriffe und Empfindungen suchte — was? oder wie wenig würde er finden? Lauter Sabbaths- ruhe! Der Grund, sagte Agathoklcs, hievon ist leicht zu finden, aber nicht so leicht zu heben: er liegt an Erbauern und Erbaueten. Die Diener unsres Sabbaths sind meistens nur — Sabbaths» diener! Sie kennen weder das menschliche Herz, noch die feinen Züge einzelner Charaktere und Lebensstande und Nothsituationen und Bedürfnisse. Ohne Erfahrung und Kenntniß der Welt, ohne geprüfte Kenntnisse verschiedner Stande und Lebensarten (denn von einigen sind sie ganz ausgeschlossen) ohne Gebrauch und Studium der Bücher, die ihnen etwa noch diese Kenntniß auf eine tobte, arme Weise ersetzen konnten — (denn die sind ihnen oft Fluch und Greuel! und das würde ja auch Fleiß und Lecture erfordern) ohne alle das haben sie — auf den Prediger studirt! das sind sie geworden ! und freilich das bleiben sie auch Zeitlebens. Das hat alles einen Zuschnitt, einen erbaulichen Gedanken - und Wortguß. Wahrheit und Pflicht, Charakter und Situation ! Alles ist in die andächtige Form gegossen, und siebet sich also gar nicht mehr gleich! Ihr Geist hat einmal Kanzelstellung bekommen, wie ihr Körper: ihre Stimme, Vortrag, Periode, Alles so andächtig, als das Pult, an dem sie stehen. Sabbath! — Wer würde die meisten, MM 46» Beilagen. wenn man sie in ihrem Amtsschmuck blos gehört hat, nachher in der Gesellschaft, nach Ton und Stimme, Denkart und Vortrag wieder kennen? Sehen Sie, so wenig ist in alle dem Zustutzen Natur und Wahrheit! Es ist unoxgecrcr, wenigstens in griechischem Sinne — heilige Form! Ueberhaupt, als Nednergattung betrachtet, sagte Palamon, hatte ihm die ganze Gattung immer nicht recht gefallen. Demosthenes und Cicero, wenn sie aufstünden — Was das nun anbetrift, Palamon, bin ich andrer Meinung , und Ihr Demosthenes und Cicero, wenn jetzt die Redcgattung nicht taugt, sinds, die mit verdorben — viele andre Ursachen milgerechnet. Palamon versicherte, daß, ob er gleich von der ganzen Gattung wenig hielte, er doch von vielen einzelnen guten und besten in der .Gattung noch immer viel Hallen könnte — Ich aber sagte: ich ließe mir auch die ganze Gattung nicht verachten. Sie ließe, als solche, ein so schönes, edles Ideal zu! Es wäre in ihr würklich auf solch einen eignen Kranz zu arbeiten — es würde gewiß noch einmal ein großer Mann kommen — (vielleicht unterhielt ich meine Freunde einmal von diesem neuen Traume l) nur, wie sie jetzt wäre, müßte sie sich freilich ganz verändern. Der neueste geistliche Redner Deutschlands, der jetzt Beilagen. 461 fast in aller Händen wäre, und den ich, nach unserm Zustande, würklich in aller Hände wünschte, wäre noch immer so feierlich dämmernd, so wortreich, so unbestimmt und mcnschheitarm — „hier soll der bloße Gedanke so viel Kraft haben, uns in Schauder oder in Entzücken zu setzen: dort der bloße Glaube uns in Bewegung setzen; dort blos die Betrachtung jenes Gegenstandes uns ich weiß nicht womit? erfüllen — mit diesem betäubenden Feircn dämmert man durch: steht immer aufsteigende Blasen, aber nichts sonst kommt in die Höhe, schlummert unter den allgemeinen Worten „Aufrichtigkeit, Wahrheit!" so hin — Aber, meine Freunde , denken Sie denn auch, daß ein Vortrag der Religion in einer andern Art so leicht wäre? Denken Sie nur, die Wahrheiten , mit denen sich die Andacht beschäftigt, zu in- dividualisircn und charakterisieren und zu beleben? für alle die Menschen und Stände und Lebensalter, die sich da versammle»? und in den Schranken einer so engen Methode? Und nun, daß schlechthin nicht eine Wahrheit, Pflicht, Vortrag, auf keiner Stelle dem andern gleich sehe'— Sie halten , was ich sage, vielleicht unmöglich; vielleicht kann Sie ein andermal mein Ideal, oder noch vielmehr, ein Beispiel, mit dem ich Sie bekannt machen will, überzeugen. Jetzt sehen Sie nur überhaupt die wunderbaren, langsamen Schritte aller menschlichen Verbesserung. Wie viel Zeit und Mühe hat dazu gehört, nur die Wuth der Bekchrungsschwärme- reien zu schwächen. Jetzt ist man beschäftigt, nur den morgenländischen Wortunsinn zu verbannen. 462 Beilagen. Die schwerste Sache ist gewiß noch dahinten, das dämmernde Feierliche, den heiligen Rauch zu verjagen, der eben so, und vielleicht noch mehr, als jene, der menschlichen Seele schadet. Er macht ganz unthatig, entkräftet durch lauter Umgänge und Umkreise, nimmt der Wurzel auf einmal alle innere Kraft — Eine ausschlagende Flamme kann vielleicht eher gelöscht werden, als ein ewigverzehrender, langsam durchglühendcr Rauchbrand, der das ganze Herz und den ganzen Geist zur schwarzen Aschcnhöhle ausfrißt. Ich sollte mich über das letzte mehr erklären, da Minna'n die bessere Bildung ihrer Kinder zu — nicht solchen Todtenhöhlen am Herzen lag. Und nun erhob sich ein Gespräch: was lange, wöchentliche, tägliche Sympathie mit dämmernden Allge- mcinsätzcn und halb lichten Empfindungen für üble Folgen in der Denkart geben müsse? was der Kampf der Seele zwischen Denken und Nichtdenken mit der Verwüstung des Gehirns , mit der Zersprengung des Glases trauriges Aehnliches habe? . . Die bösen Erfolge von beiden Seiten, wenn der zu schwache Kopf unter der eisernen Form . unterliegt , oder sich an ihr blutig zersprenget . . Die Verwahrlosung einer muntern Iugendsecle, die einen Sabbathtag hindurch mystisircn soll, es sey daß ihre Einbildung aufflamme oder sie gar nur dämmere . . traurige Beispiele der Opfer solcher Weihungen, und der Verantwortung derer, die sie einem Abgotte voll Rauch so grausam weihen . . von der traurigen Wolke derer, die Alles dunkel-, schwefel-feierlich, und nichts, wie es ist, anschen, und was daraus auf ganze Zeitalter sich für ein Gräueldampf von Erscheinungen lagern könne . . von dem, was mit aller Autorität der Religion zur Bildung unserS Publikums ausgerichtet werden könnte, wenn alles auf Licht, Menschlichkeit, Rege ausgienge, und sich nicht unterweges verlöre? . . von dem, was jetzt nicht ausgerichtet wird u. f w. Wir kamen also natürlich auf die würdigste Sab- baths-Vcschafkigung, Betrachtung der Schöpfung zur Würkfamkeit des menschlichen Lebens. Und eben das, behauptete ich, sey alles Ideal, mit dem ich sie ein andermal unterhalten wollte! Agathokles und Minna wußten sich nichts Schöneres und Bildenderes vor« zustcllen, als wenn wir zu diesem Sabbath der Welt zurückkehrten. Wie unwürdig cs jetzt sey, daß fast alle Kenntniß Gottes aus der Natur verrufen werde, die doch einmal um uns sey, und unfern Schauplatz des Lebens, des Unglücks und Glücks machen müsse? Wie wir in unsrer Jugend Alles lernen, was wir nicht brauchen, nichts, was wir als Menschen nöthig hatten? Wie trostlos uns Jahrszeiten und Offenbarungen Gottes in der Natur vorbeischleichen, und wie arm die Lehre von der Schöpfung etwa bei der Lehre von Engeln oder Teufeln stehe, und was aus dem Geiste dieses Stücks in Materie und Bearbeitung für ein anderer Geist der Sabbalhfeicr folge? Lob Gottes, würdige Nachforschung desselben im großen Tempel der Natur, Lust und Muth zu leben, Denkart als Bild Gottes, und Würkfamkeit und Geselligkeit und Ordnung und Freude- 464 Beilagen. Der Redner Gottes. *) - - Einen Kanzclrcdncr und Schwätzer nehmt ihr, nach der Sprache des gemeinen Lebens, für eins ? Homiletische Gründe und Beweise sind Spottnahmen? Predigten Werst ihr unter Makulatur? Ihr leset sie um zu gähnen? Sic sind euch ein Schlaftrunk, und wenn ihr erwacht, Materie zu lachen ? - - - Meinetwegen wiegt euch denn ein, ihr schönen Geister, die ihr von witzigen Dämpfen übernommen und berauscht von kindischen Vorur- theilen, fieberhaften, ästhetischen Eckel fühlet, und der Ruhe entgegengähnet — wiegt euch ein in euren gedankenlosen Schlaf, träumt von witzigen Predigern nach der Mode, und wacht auf zu Crebil- lons Mährchcn zurückzukchrcn: für euch schreibe ich nicht! Wo ist der große und seltne Mann, den ich suche? ich durchgehe die erhabenen Dichter, denen man Altäre bauet, und die großen Redner vor den rostrio, welche mit Einem Wort Krieg und Frieden, Leben und Tod geben: ich staune und gehe vorüber! — Ich Um 1,765 geschrieben. Beilagen. 466 Ich wandee durch die großen Schauspieler, von RosciuS bis zu Garcick, mit denen jedermann weint und erbebt und erblasset, und ergrimmt und zerschmilzt: ich bewundre und gehe vorüber! —- Ich komme an die Wcltweisen, die mich mit Schöpfersgeist in eine neue Welt, jetzt ist sie politisch, jetzt philosophisch, entzücken: ich bewundre und gehe weiter. Wo ist der, den ich mit den Augen suche? mein Herz schlagt, ich erhebe das Haupt, fliege umher, stehe stille, und horche, eile, wo ich einen Schall höre, lausche, vergesse alles und suche — — „Nach wem suchest du denn, verwirrter Fremdling?" — Ach! ihr verspottet den Mann: ich suchte ihn unter Dichtern und Eiceronen und Schauspielern , und Weltweisen und Staatsmännern: und fand ihn nicht: — den Redner Gottes! — Wo ist er, daß ich ihn umarme, an mein Herz drücke, daß ich ihn bringe in meiner Mutter Haus, und nie ihn von mir lasse. — -- - Gottlob! ich habe nicht umsonst gesucht gefunden — auch, unter uns — mehr als Einen —- wenige zwar gesunden; aber desto lheurer sollen sie mir seyn! thcurer als bleibende Nachbarn, die mich blos lebhaft unterhalten— <— Redner Gottes! groß im Stillen, ohne poetische Pracht feierlich, ohne ciceronischc Perioden beredt, mächtig ohne dramatische Zauberkünste, ohne gelehrte Vccnünf- telei weise, und ohne politische Klugheit einnehmend! — Herders Werke j. Nel. u, Theot. X. Beilagen. 466 Soll ich sie dir nennen? Willst du, daß ich schmeicheln, daß ich, die ich nicht nenne, beleidigen soll? — Du mußt sie dir selbst suchen, daß sic dir kostbar werden: — hier hast du ein Bild, aus meinem Gedächtnis *) und aus meinem Herzen entworfen! gefallt cs dir, so suche dir eine Person dazu, oder sey du cs selbst, wenn du es seyn kannst. Ich sähe ihn: er stand mitten unter seinen Freunden und Kindern, wo jeder auf ihn merkte, und seine Seele auf sein Gesicht gerichtet hatte, denn der Mann sprach mit ihm, der ihn getauft harte, der ihn zum Abendmahl zubereitek hatte: der seinen Eltern, seinen Brüdern und Anverwandten, seinen Kindern, ihm selbst wohl in kranken Tagen zugcsprochen, einigen darunter auf dem Todbette beigestanden; kurz, der bei allen Hauptveränderun- *) dieses lebendige Vorbild, das dem Verf. hier vor- schwebte, soll der Prediger Willamovius zu Mohrungen (Vater des zu Petersburg verstorbenen Dithyramben-Dichtcrs) gewesen seyn: ein Mann von hoher Seelengüte, in dessen Haus (durch Ordnung, Friede und Weisheit ein Himmel auf Erden!) der Knabe Herder oft kam, dessen schöner Charakter tief in seine Seele ge- » prägt war. MehrereS von ihm wird die Biographie erzählen. Anm. d. Her, Beilagen. 467 gen seines Lebens als eine wichtige Person Mil zu« gegen gewesen ist. Die Reden eines solchen Mannes haben Gewicht. Er stand mitten unter Freunden und Kindern, die sich um den Vater zudrangeten, um den Mann, der sich um das Wohl ihrer Seele bekümmert, der sie kennet, nach ihren Herzen und in ihren Hausern kennet, der ihnen in den Bekümmernissen dieses Lebens mit Trost beistehet, und ihre Seele in die Ewigkeit gleichsam versorgen soll: den sie als einen frommen, rechtschaffenen und verständigen Mann kennen: dem jedes Wort von Herzen gehl: der ein Redner Gottes ist! Er sprach: wie soll ich seine Sprache nennen? Predigt! Nein! das war kein Pcedigtton, kein Predigtstyl, kein Predigtcingang, kein Predigtthema, keine Predigtform!— War cs eine Rede? — Nein! da war kein Anstand des Redners, kein suxeroi- linin orswrlo, kein Brüsten, kein rhetorischer Donner und Bliz, kein rednerischer Schwung und Pracht, und Pathos und Geberdung! — So ein unterhaltender geistlicher Discours? — Nichts! keine Einschmeichelungen, Einfadclungen, Wendungen und Entwickelungen, keine Schraubengange und überraschende Einfälle— nichts!— So denn eine theologische Abhandlung? — Auch nicht! — kein dogmatischer Artikel, keine akademischen Erklärungen und Ein-^ theilungen, kein Gerippe einer gründlichen Disposition , keine Demonstrationen und Folgerungen und . Gg 2 Beilagen. Lehr- und Lehnsätze und Citakionen! — So denn eine Kanzelhomilie? auch nicht recht! — kein steifer Anstand, wie in der Tonne jenes sehr ehrwürdigen Dechanten, keine weitschweifige h-rme- nevtische Gelehrsamkeit, keine Eoncordanzeinheit, keine fünffache Nutz-Anwendungen, kein Donnern auf die Ketzer, noch Schimpfen auf di- Freigeister! — Nichts non diesem allen; du kannst selbst urtheilen, höre mich an! Mich dünkt, ich sehe sein Bild! das Bild eines Mannes, den, wenn die Natur durch sein Aeußercs nicht hintergchen wollte, ich gleich zu meinem Freunde wählen, dem ich mich bald ohne Zwang anvertrauen würde. Ich dachte an das Wort: „kein Verstümmelter soll vor den Herrn treten." Er sieng mit einem rührenden Segenswünsche an: nun hörte ich freilich nicht einen Anfang voll Ausrufungen und Beiheurungen an Gort, voll O und Ach, als wenn der Mann eben aus dem Himmel käme, und denselben wieder stürmen wollte: aber ich Hörle einige Worte, die mir in die Seele giengen, ich fühlte es, daß ich zu einer großen Handlung cingeweihet wurde. Er legte einige Erfahrungen, eine Beobachtung, einen Vorfall aus dem menschlichen Leben zum Grunde: das Phänomen war mir nicht unbekannt, aber ich hatte es nie genau genug, nie aufeincr solchen Seite erblickt: ich dankte dem Mann Beilagen. 469 in meinem Sinn für diese Entdeckung: jeder seiner Zuhörer auch, denn die Erscheinung war recht vor unser aller Augen und wir hakten sie doch nicht gesehen! dem müssen wir zuhören, denn ec sicht mehr als wir! Aber er schalt uns nicht, daß wir das nicht gesehen, oder hatten suchen wollen! Er machte eS, wie ein Lehrer, der seinem Schüler die Freude laßt, selbst eine Entdeckung zu thun. Er führte uns blos in unsre kleine Welt, in unfern Kreis von Handlungen, und in unser Herz: zeigte uns elwas, als wenn crs nicht gezeigt hatte: „mit dem Mann wollen wir gehen, denn mit ihm sind wir glücklich." Nun zeigen wir uns einander unser gefundenes: cs ist kostbar; das muß man nicht wcgwerfen; es ist merkwürdig: das muß man betrachten, von allen Seiten betrachten; ich finde viel Besonderes daran, das ich mir nicht erklären kann: ich freue mich, daß ich den Mann zur Seile habe, der mir, was ich nicht weiß, auflöset, mir allen Unterricht giebt, was es ist , und wozu ichs brauchen kann. Diese guten Augenblicke will ich nutzen: die Gesellschaft dieser Stunde auskaufcn. Wollet ihr diese Anlage Eingang, Einleitung, Vorrede, Vorbcricht nennen; wie ihr wollet: das weiß ich, daß er mich gleichsam in die rechte Lage gesetzt, um zu hören; ich sehe Neuheit, Wichtigkeit, InteresseVergnügen; ich empfinde 47 » Beilagen. alles dies: der ist nicht mein Freund, der mich stören will: der kann lieber schlafen. Nun hat er seine Situation angelegt: vertraulich! wichtig! ich will ihn keinen Schritt verlieren; ich will ihm nicht Nachdenken, mit ihm denken will ich; er soll sprechen, was ich eben jetzt und sonst nie gedacht habe, und nie vergessen will. — Jetzt bin ich mit ihm ganz allein: meine ganze Seele ist Auge: um so viel schmerzhafter und widriger, wenn mir eine fremde Störung in dieß starre, betrachtende Auge entgegen fahrt. Ich wollte sagen: so wie ein Algebraist, Wenn er auf den Flügeln seiner Ideen sich ins Unendliche setzt, ganz Gedanke wird; — aber das Gleichnis paßw überhaupt nicht; denn hier zieht sich ^die Seele zusammen, dort scheint sie sich auszudchnen. Aber dort fühlt sich der Geist schwach, und daß seine Erweiterung wieder zurücksinken werde : wohl! hier stützet mein Seelsorger meine Aufmerksamkeit: sie wird Andacht. Ich bin mit ihm nicht so auf ein gutes Ungefähr zusammen: wir sind nicht allein zusammen: Gott ist um mich! Hier fühlt die Seele einen Tropfen von dem Schauder, der sie durchströmt, wenn sie, als ein neugeschaffener Engel, einst vor Gott tritt! — da dieser Höchsts Grad der Andacht nur ein A u g e n b l i ck ist: so wünscht man sich diesen Augenblick, lieber nichts von der Religion gewußt zu haben, um jetzt mit kincmmal von einem Menschen ein Ehrist zu werden; allein der Wunsch ist unmöglich. Beilagen. 47 ^ Die Andacht muß nicht höchste Anstrengung und Leidenschaft, sondern dies ein Ton der Seele fern: und dieß ist selbst dem sinnlichsten Menschen in einem kleinen Grade möglich. Wenn zwei Brüder sich vor den Augen des Vaters, nach einer langen Trennung umarmen, so giebt seine Gegenwart ihrem ganzen Gespräche Ton: wie, wenn nicht zwei, oder drei, sondern zehn, hundert, tausende wie Brüder, vor den Herrn treten und ein Herz und e i n e S ele werden : vereint hinknien und beten — und er der Allgegenwärtige alles durchströmt, und in die Seele schauet und wirket — so öffnet sich die Seele, und wenn eine mystische Entzückung Schwärmerei, Selbstbetrug und Schade wird: so ist dieser stille Ton der Seele, da sie sich untadelhaft vor dem Auge der schauenden Gottheit erhält, gleich einem stillen See, der auf einen belebenden sanften Hauch des Abendzephyrs wartet. -— Jetzt wecke ich den, dem ich zu schlafen befahl, auf, und kann mein voriges Wort bei mir selbst kaum verantworten. Der Mann, an dessen Munde ich hange, was zeichnet er nun auf die offene Tafel meiner Seele, wo ich alles verwischt, und wo das Andenken an Gott die Oberfläche zubereitet und weich gemacht: keine trocknen Sittenlehren und geraubten Lebens- regcln: die haften nicht: er schreibt keine Worte auf sie: sondern grabt, in sie ein Bild: ein Gcmahlde mit allen seinen Zügen: das nie völlig verlöschen kann, wenigstens bleiben Spuren auf dem Grunde, 473 Beilagen. und einzelne Striche bringen uns das Ganze wieder vor. Die Idee des Bildes ist Moral: die Zusammensetzung eine Situation der Menschheit und des Lebens: die Farbe des Bildes ist Religion : so ist also seine Predigt ein vollständiges Ganzes. Ich kann keins dieser Stücke allein betrachten: denn er tragt mir keins allein vor: nicht erst Moral, dann Charaktere, dann ein leichtes Teint der Religion darüber: wie die heidnischen Sittenlchrer auf christlichen Kanzeln. Nein! die bedeutungsvolle Idee des Bildes, die Moral, wird durch di-Züge sichtbar, die er aus dem menschlichen Herzen und bürgerlichen Leben hernimmt: und jeder Zug erscheint in dem strahlenden Glanze der Religion. Eigensinn ist cs also nicht, wenn ich sage: wenn er mir Eins raubte, so hätte ich nichts. Wie soll ich nun müde werden ein Bild zu sehen, in dem alles voll Bedeutung ist: das An- schauen gebiert Wollust, denn ich fühle es, daß ich die Großheit und Würde und Einfalt fasse, die die schöne Natur ist: und jedes Anschauen gebiert neue Wollust, so lange ich neue Züge entdecke, wodurch ich mich der ganzen Idee nähere, die der Künstler dachte. Diese Idee Gottes ist die Moral, hätte ich sie von Ewigkeit her gesehen, daß kein Schat- tenzug mir fehlte: so könnte ich sagen: ,,die ewige Moral!" Aber nun ist jeder Augenblick, da ich »ine Pflicht anscharrend erkenne, ein süßes Beilagen. 473 Gefühl, das sich von weitem der Empfindung nähert, diese Pflicht zu thun. Du, der nie Süßigkeit darin geschmeckt, eine gute Handlung zu denken; du kannst sie nie wollen, unmoralisch Geschöpf! Entweder liegt cs an dir, oder an dem, der dir die Idee vorbildet. Ja freilich, wenn ich, statt des Bildes, tobte Buchstaben sehe, ich meine, trockne allgemeine Sittenlchrcn; ja so fühle ich freilich nichts von der Wollust der Anschauung , denn das trockne Allgemeine giebt kein Bild. — Hier lebet alles! laßt mich, ich habe nicht Zeit, darauf zu denken, was mir sonst die Predigten langweilig, alt und trocken gemacht; jetzt wird es mir schwer zu denken, etwas anschauend zu sehen, das an sich unerschöpflich an Reizen ist, und doch zu schlummern. Man muß mir stakt eines Gemahldes von Raphael ein N ü r n b e r g i sch e s Stück gezeigt haben. Der Mann zeigt mir nicht, daß er studirt hat: der Mann spricht mir keine Philosophie vor; aber er muß der größeste Philosoph sepn, daß sie niemand bei ihm gewahr wird, und niemand es wünscht. Wie soll mir ferner Interesse fehlen, da jeder Zug, durch den die Idee sichtbar wird, mich schildert. Die ganze Moral wird Situation, die ich nicht verkennen kann. Hier ist mein Herz getroffen, es schlagt: der Vorfall ist aus meiner Lebensbahn gehoben: ich bin vertraut mit ihm, und muß es bis an mein Ziel de§ Lebens bleiben: in diesen 474 Beilagen. Abdruck paffet niemand als ich. Ich eile meinem Bilde entgegen , ihm pocht mein Herz entgegen, es zu umarmen— kann hier Interesse fehlen? Kann Würde fehlen, wo der Glanz des Ganzen , nicht der Ueberstrich, Religion ist: ich bin mit großen Befehlen Gottes, allen seinen Handlungen und Wohlthaten umringt. Dieser Mann spricht nicht die Sprache der Bibel, aber er führt mich in ihren Inhalt, wie in ein Hciligthum ein: mit allen großen Mänkern der Religion bin ich vertraut, ich wandle unter ihnen; scheine zu ihrem Geschlecht zu gehören, denn mein Redner zieht aus der Bibel Saft und Kraft, nicht blos Schmuck und Beweise: ohne Religion wäre sein Bild ein Schattenriß. Was soll ich sagen? habe ich Moral gehört? Schlecht, wenn das allein wäre! hat er über Worte gesprochen! Nein! über Vorfälle! So ist er ein Wohlredner? Nein! er betrachtete seine Vorfälle im Lichte der Religion! Trennest du eins, so ist alles zerrissen, aber eins im andern betrachtet, was wird dieser Homilet? Ein Mann, der ein Sohn der Weisheit, in der Kenntnis: des menschlichen Lebens erzogen, und von der Religion mächtig umgcbildet worden, ein großer und seltner Mann! bei dem man Tugend, Situationen und Religion kennen lernt, wer wollte ihm nicht folgen ? Beilagen. 4?6 Aber noch wäre alles leblos und blos ein anschauender Unterricht, der für die Gegenwart vielleicht hinreichle, aber keine starken (Eindrücke nachließe; und sehet: sein Bild bekommt Leben und Bewegung. Die Situation verwickelt sich: ich komme in Verlegenheit: die Tugend, die ich an- schaucnd erkenne, werde ich sie auch ausführen? die Situation, in der ich mich sehe, werde ich sie gebrauchen, oder mißbrauchen? die Religion, die ich verehre, werde ich sie auch ausüben? — Er fragt mich, was soll ich antworten? — Antworten muß ich mir selbst. Dieser Augenblick soll ein Fest von Entschlüssen seyn: ich fühle mich verpflichtet: ich sehe mich genöthigt: ich sehe mich bewogen, mich zu der Denkart zu gewöhnen - - Gewöhnen? Einschlüsse ? - Und cntschliessest du dich zum erstenmal jetzt?- Die Situation ist verwickelter, das Blut warmer: die Brust enger! So oft war aller Entschluß und Versuch vergeblich! Es wird auch nun seyn! Ich will mich loswinden! Ich kann nicht - - Schwierigkeiten! - noch Zeit! - Der Seelsorger schließt den Kreis zu, und zieht den Knoten unvermukhet zusammen: es muß entschlossen seyn: ich sehe hier von selbst den Abgrund und dort die reizenden Bilder, allen Neichlhum der Beweggründe, von allen Seiten: ich entschliefst mich! — desto starker, vor mir selbst, vor Gott! — Er zwang mich nicht und I ch bin entschlossen: nun schmecke ich den zweiten Grad von Wollust der Seele, nicht, eine gute Handlung zu denken: sondern sie als die seine zu denken: — sie zu wollen! — 476 Beilagen. WaS soll er mehr rhun? auf mich stürmen, daß ich den Durchbruch der Gnade erkämpfe, daß'ich mich in meinem Müßiggang voll schwärmender Erfahrungen daher schleppe, lebendtodt und albern bei gutem Herzen? — Nein! er zeigt mir wieder meine Sphäre, meine Welt, Beruf und mein Herz! Ich sehe genau, wozu ich mich entschlossen , wenn und w i c und warum ichs thun muß. Ich entschließe mich nochmals, und nun tritt er mit mir vor Gort, damit mein dargebrachtcs Opfer des Herzens die Glut des Himmels trinke: er giebt mir seinen Segen, und seinen Rath, was er mir geben kann! — Seine Predigt ist zu Ende! — Gott! wenn das Bewußtsein redlicher Entschlüsse genug ist, vor dir zu erscheinen: Richter! Hier bin ich in diesem Augenblick. Soll ich nun die Predigt mit voller Stimme loben? — Ich sie loben, statt zu empfinden und zu thun? dazu ist mein Herz zu voll, meine Brust zu beklemmt, meine Seele ist ohne Gedanken stille, wie nach einem sanften Regen die erquickte Flur! Was soll ich rühmen? Gelehrt, künstlich, galant hat ec nicht gepredigt, ich weiß von keiner Disposition, fragt mich nicht drum: ich weiß kein abge- pflücktes Blümchen, keine blendende Wendung! ich weiß nicht, ob er die Regeln beobachtet, die der werthe Herr Jacob Fordyce fordert: beleidigen würde ich den Mann, wenn ich ihn handwerks- . mäßig lobe» wollte; und mich selbst noch mehr Beilagen. 477 beleidigen, wenn ich ihn als einen vortrefflichen Akteur rühmte-" *) *) Hier scheint noch etwas, aber sehr wenig, in dem Msc. zu fehlen. Anm, d- Her.