Zoü Ideen zur Philosophie ic.
2 . Der Druck der römischen Hierar-chie war vielleicht ein nothwendiqes Joch, eine unent-behrliche Fessel für die rohen Völker des Mittelalters;ohne sic wäre Europa wahrscheinlich ein Raub der Des-poten, ein Schauplatz ewiger Zwietracht, oder gar eineMongolische Wüste worden. Als Gegengewicht verdie-net sie also ihr Lob; als erste und sorrdaurendc Trieb-feder, hatte sie Europa in einen Tibetanischen Kirchen-staat verwandelt. Jetzt brachten Druck und Gegendruckeine Wirkung hervor, an w.lche keine der bcydcn Par-theyen dachte: Bedürfnis, Noch und Gefahr triebenzwischen bcydcn einen dritten Stand hervor, der gleich-sam das warme Blut dieses großen wirkenden Körpersseyn muß, oder derKörper geht in Verwesung. Dies istder Stand der Wissenschaft, der nützli-l i ch enT ha ti g kei t, des w e t t e i fc r n d e n K n n s t-fleisies; durch ihn ging dem .Ritter - und Pfaffen-thum die Epoche ihrer Unentbehrlichkeit nolhwendig,aber nur allmahlig zu Ende.
3 Welcher Art die neue Kultur Europa's fernkonnte, ist aus dem Vorhergehenden auch sichtbar. Nureine Kultur der Menschen, wie sie waren und seyn woll-ten; eine Kultur durch Betriebsamkeit, Wissenschaftenund Künste. Wer dieser nicht bedurfte, wer sic verachte-te oder mißbrauchte , blieb wer er war; an eine durchErziehung, Gesetze und Konstitution der Lander allge-gemein durchgreifende Bildung aller Stande und Völ-ker war damals noch nicht zu gedenken, und wenn wirddaran ;u gedenken seyn? Indessen geht die Vernunft unddie verstärkte gemeinschaftliche Thaiigkcit der Menschenihren unaufhaltbaren Gang fort, und siehcts eben als eingutes Zeichen an, wenn auch das Beste nicht zu früh reifet.