Druckschrift 
12 (1853) Der Wildtöter : eine Erzählung
Entstehung
Seite
523
Einzelbild herunterladen
 

523

sie gar nicht sein Weib sollte gewesen sein. Das kann keineTochter von ihrer Mittler wünschen! Fahrt jetzt fort, nnd laßtuns sehe» / was der viereckige Pack enthält."

Wildtödter that nach ihrem Wille», nnd sand, daß er einenkleinewKoffer von hübscher Arbeit, aber geschlossen, enthielt. DasNächste war, den Schlüssel zn finden; aber da alles Sachenfruchtlos blieb, wurde beschlossen, das Schloß anfzubrechen. Dießbewerkstelligte Wildtödter bald mittelst eines eisernen Instruments,und man fand, daß er beinahe ganz mit Papieren angesüllt war.Viele davon waren Briefe; andere Bruchstücke von Mannscrip-ten, Aufsätze, Rechnungen nnd ähnliche Urkunden. Der Falkestoßt nicht mit plötzlicherer Gier ans das Huhn, als Judith her-beisprang, nm sich dieses Schachts von bisher unbekannten Nach-richten nnd Kenntnissen zn bemächtigen. Ihre Erziehung und Bil-dung war, wie der Leser bemerkt haben wird, weit über ihreStellung im Leben, nnd ihr Auge flog über die Briefe, Blattfür Blatt, mit einer Leichtigkeit hin, welche Folge ihrer gutenSchule, zugleich aber auch mit einer Gier, welche das natürlicheErgebnis; ihrer Gefühle war. Zuerst war das Mädchen sichtlicherfreut, nnd wir dürfen beisetzen mit Grund; denn die Briese,von Frauen geschrieben, voll Unschuld nnd Zärtlichkeit, warender Art, daß sie ihr wohl einigen Stolz einflößen konnten ansDiejenigen, mit welchen sic, wie sie mit allem Grund glaubte,durch Bande des Blutes enge verbunden war. Es paßt jedochnicht in unser» Plan, von diesen Briefen mehr ntttznthcilen, alseinen allgemeinen Begriff ihres Inhalts, nnd dieß wird am bestengeschehen, wenn wir die Wirkung schildern, welche sie ans dasBenehmen, die äußere Erscheinung nnd die Gefühle des Mädchenshervorbrachten, das sie so begierig durchlief.

Es ist schon gesagt worden, daß Judith eine große Freudeüber die Papiere hatte, die ihr zuerst unter die Augen kamen. Sieenthielten die Briefe einer zärtlichen und liebevollen Mutter an