216
gänzlich frei von allen den störenden, begleitenden und vcrrathcn-den physischen Zeichen, die so oft im Gefolge der Geistesschwächesind. Zwar ein ungewöhnlich scharfer Beobachter hätte die An-zeichen ihrer Geistesschwäche in der Sprache ihrer manchmal leerenund irren Augen entdecken können; aber es waren Zeichen, welcheeher das Mitgefühl anzogcn durch ihre gänzliche Arglosigkeit undTreuherzigkeit, als irgend eine andere Empfindung erweckten.Der Eindruck, den sie ans Hist machte — um uns dieser Dol-metschung des Namens zu bedienen — war günstig; und einer Auf-wallung von Zärtlichkeit folgend, schlang sic ihre Arme um Hetty,und drückte sie an sich mit einer gewaltsamen Rührung, die sonatürlich als warm war.
„Du gut," flüsterte die junge Indianerin; „du gut, ich wissen;es so lang, daß Wah-ta!-Wah keine Freundin gehabt — keineSchwester — Niemand, ihr Herz ansznsprechen; Du Hist's Freun-din; ich nicht Wahrheit sagen?"
„Ich habe nie eine Freundin gehabt," antwortete Hetty, diewarme Umarmung mit »»geheucheltem Ernst erwiedcrnd. „Ichhabe eine Schwester, aber keine Freundin. Judith liebt mich,und ich liebe Judith; aber das ist natürlich, und wie es uns dieBibel.lehrt; aber ich hätte gern eine Freundin! Ich will EureFreundin sein von ganzem Herzen; denn ich liebe Eure Stimmeund Euer Lächeln, und Eure Denkweise in allen Dingen, ausge-nommen was die Skalpe —"
„Nicht mehr daran denken — Nichts mehr von Skalpen sagen,"unterbrach sie begütigend Hist; „Ihr Bleichgesicht, ich Rothhaut;wir nach verschiedener Art erzogen. Wildtödter und Chingachgookgroße Freunde, und nicht von derselben Farbe; Hist und — wasEuer Name, hübsches Bleichgesicht?"
„Ich bin Hetty genannt, obwohl, wenn sie den Namen in derBibel buchstabiren, so sprechen sic ihn immer Esther."
„Was das machen? — Nichts nützen und nichts schaden. Gar