der eigenen Zukunft. 209
unbefangenen Kindheit, nicht zu vcrlauqnen. HabenSie nicht oft Erinnerungen eines vorigen Zustandesgehabt, den Sie in dieses Leben nirgend hinzusetzenwußten? Zn den schönen Zeiten, da unsere Seelenoch eine halbgeschlossene Knospe ist, haben sie nichtPersonen gesehen, sind an Oerter gekommen, woSie hatten schwören mögen, Sie seyn schon da ge-wesen, Sie haben die Personen schon ge^hen e Unddoch war's in dies-em Leben nie (wie Sie sichbeim Ueberdenken völlig vergewissern können) —woher sind also diese Erinnerungen t Woher kön-nen sie fern, als aus einem vorigen Zustande?Daher sind sie auch so süß, so erhebend! Die se-ligsten Augenblicke, die größesten Eedankcn einesMenschen rühren daher; in gemeineren Stundenstaunen wir uns selbst an, und begreifen uns nicht.Und das sind wir! wir, die aus hundert Ur-sachen so tief hinabgesunken, und in die Materieverbleibt sind, daß uns wenige Erinnerungen so rei-ner Art übrig bleiben. Die höheren Menschen, die,von Wein und Blut gesondert, ganz in Einfalt,in Mäßigkeit, in der Ordnung der Natur lebten,brachten's ohne Zweifel höher: wie das Beispiel
Pythagoras, Zarchas, Apollonius,und anderer lehrt, die sich deutlich erinnerten,was und wie vielmal sie in der Welt gewesen wa-ren. Wenn Wir blind sind, oder kaum zweiSchritte vor uns sehen, dürfen wir deßbalb laug-nen, daß Andere hundert und kaufend weiter, jabis auf den Boden der Zeit hinab, in den tiefen,dunkeln Brunnen der Vorwelt sehen können, unddaselbst alles rein, deutlich, hell und klar gewahrwerden?
Herders Werke z, Phil, u, Ges, VII, O ^o§t§cenrcn»