Girolamo und Salvestra.
73
ihre Weisheit entgegen zu setzen, woraus schon öfter diegrößten Unfälle erwuchsen, niemals aber das mindesteGute erfolgt ist. Weil nun aber die Liebe noch wenigerals alle übrigen Naturtriebe sich durch Rath und Wider-streben beherrschen laßt und ihrem Wesen nach sich eherin sich selber verzehren, als durch menschliche Vorkehrun-gen vertilgt werden wird, bin ich gesonnen, Euch voneiner Frau zu erzählen, die, während sie weiser sein wollte,als sie war und als sich für sie schickte, ja weiser, alsmit der Angelegenheit, in der sie ihren Scharfsinn zu zei-gen gedachte, sich vertrug, statt dem verliebten Herzen dieLiebe zu entreißen, die die Sterne vielleicht in ihm hattenentstehen lassen, nur das erlangte, daß sie Liebe und Le-ben zugleich aus dem Körper ihres Sohnes vertrieb.
In unserer Stadt nämlich lebte, wie die Bejahrterenuns erzählen, vor Zeiten ein großer und sehr begüterterKaufmann, Namens Leonardo Sighieri, der bald, nach-dem seine Frau ihm einen Knaben, welcher Girolamo genanntwurde, geboren, seine letzten Verfügungen traf und ausder Welt ging. Die Vormünder des Kindes verwaltetenin Gemeinschaft mit dessen Mutter seine Angelegenheitentreu und redlich. Der Knabe wuchs mit den Kindern derNachbaren auf; mit keinem von der Straße, auf welchersie wohnten, wurde er aber so vertraut, als mit einemMädchen seines Alters, der Tochter eines Schneiders.Wie nun Beide an Alter zunahmen, verwandelte sich dieGewohnheit des Umganges in so große und heftige Liebe,daß Girolamo nur so lange sich wohl fühlte, als er dasMädchen sah. Auf der andern Seite liebte auch sie ihngewiß nicht minder, als sie von ihm geliebt ward.
Sobald die Mutter des Knaben diese Neigung bemerkthatte, schalt und züchtigte sie ihn oft deshalb. Als aberGirolamo es doch nicht lassen konnte, beschwerte sie sichgegen die Vormünder darüber und sagte zu ihnen, in derthörichten Meinung, bei dem großen Reichthume ihresSohnes könne sie einen Mohren weiß waschen: „UnserDekameron. II. 4