26 Vierter Tag. Zweite Geschichte.
und Mörder plötzlich, und ohne jene Laster aufzugeben,wenn er sie im Verborgenen begehen konnte, zu einemgewaltigen Prediger geworden war. Auch hatte er sichüberdies zum Priester weihen lassen und weinte, da ihmThranen, wenn er ihrer bedurfte, wenig kosteten, so ofter vor den Augen Vieler Messe las, bitterlich über dasLeiden Christi. Mit einem Worte, er wußte durch seinePredigten und durch seine Thranen die Gemüther derVenezianer in solchem Maße zu gewinnen, daß er fast injedem Testamente als zuverlässigster Vollstrecker und Be-wahrer ernannt ward, daß Viele ihr Geld ihm zum Auf-heben gaben, und daß er Beichtiger und Rathgeber desbeinahe größeren Theiles aller Männer und Frauen ward.Auf solche Weise war er denn vom Wolfe zum Hirtengeworden, und der Ruf seiner Heiligkeit war in jenerGegend größer, als der des heiligen Franciscus jemals inAssisi gewesen ist.
Nun geschah es, daß ein junges albernes und ein-fältiges Weib, die Madonna Lisetta, aus der FamilieQuirino, hieß, und an einen Großhändler verheirathetwar, der mit seinen Galeeren nach Flandern gefahren, beieben diesem heiligen Mönche mit andern Frauen zurBeichte ging. Als diese nun vor ihm kniend, nach vene-zianischer Weise (und Windmacher sind die Venezianeralle) ihm einen Thsil ihrer Angelegenheiten vorgetragen,fragte sie Bruder Alberto, ob sie keinen Liebhaber habe.Sie aber antwortete mit erzürntem Gesichte: „Wo denktIhr hin, Herr Pater; habt Ihr denn keine Augen imKopfs? Scheinen meine Reize Euch von derselben Sorte,wie bieder andern Weiber? Mehr wie zu Viele hätt' ich,wenn ich sie wollte, aber ich bin keine Schönheit, in diesich jeder Narr verlieben dürfte. Wie Viele sind Euchdenn schon vorgekommen, deren Reize den meinigen gleichkämen? Ich wäre auch im Paradiese schön." Und sofuhr sie fort von ihrer Schönheit so viel Wesens zu ma-chen, daß es gar nicht zum Aushalten war. Bruder