64t
für ernstlich krank, und eS kann ihm wie mir nichts nützen, wennwir ihm Schmerz verursachen."
Ich versprach ihr Verschwiegenheit und eilte mit der kostbarenSammlung von Lucy'S Briefen auf mein Zimmer. Soll ich dieWahrheit gestehen? Ich bedeckte die Papiere mit heißen Küssen,ehe ich sie öffnete und mir war, als ob ich einen Schatz besäße,da ich so viele von des thsuren Mädchens Briefen in meiner Hand hielt.
Ich fing nach der Ordnung der Datums an und begann vollEifer zu lesen. Für Lucy Hardinge war es gleichsam unmöglich, anJemand, den sie liebte, zu schreiben, ohne dabei die Wahrhaftigkeitund Natürlichkeit ihrer Gefühle an den Tag zu legen: diese zeigtensich in jedem Satze, wo eine Anspielung solcher Art am Platze war.Aus Allem ging hervor, wie die Verfasserin nichts davon wußte,daß sie an eine Kranke schrieb, wiewohl ihr Grace's Abgeschieden-heit kein Geheimniß seyn konnte. Ihr Zweck war augenscheinlich,Grace zu unterhalten, da ihr deren Seelenleiden nicht wohl fremdseyn konnten.
Aber die Briefe hatten noch andere Reize. Lucy schien eine scharfeBeobachterin zu seyn und ihre Briefe waren voll anmuihigcr Betrach-tungen über die Thorhciten, welche täglich in New-Bork so gut,wie zu Paris oder London begangen würden. Ich ergötzte michhöchlich an der scharfen aber feinen Satyre darin, welche übrigensmit gewöhnlicher Skandalsucht nichts gemein hatte. Es stand nichtsin diesen Briefen, was man nicht in einem Salon Jedermann, diebetreffenden Personen selbst natürlich ausgenommen — hätte sagendürfen; dabei überstoßen sie von einem Humor, der sich oft biszum Witze erhob, immer aber von einem Takte, einem Geschmackegemildert war, wie ein Mann ihn niemals erreicht hätte.
Aus Allem konnte ich ersehen, daß Lucy, bloS um Grace auf-zuheitern, einem natürlichen Talente freien Spielraum gab, das,ebenso wahr, als ihres Bruders Fähigkeit in diesem Betrachte buhle-risch und jesuitisch — letztere bei weitem übertras und uns Allen bis