632
und Aufregung buchstäblich unfähig, sich zu erheben. Die Erschüt-terung, welche ich bei ihrem Anblick empfand, will ich nicht zubeschreiben versuchen. Ich war auf eine Veränderung gefaßt, aber,großer Gott, so nahe dem Grabe, wie mir mein Herz alsbald ver-kündete — das kam unerwartet!
Grace streckte mir beide Arme entgegen, und ich stürzte aufsie zu, zog sie an die Brust und drückte sie mit einer Zärtlichkeitan mein Herz, wie man etwa ein geliebtes Kind umarmt hätte.In dieser Stellung brachen wir Beide in heftiges Weinen aus undich schluchzte wie ein Kind — ich schäme mich nicht, dies zu ge-stehen. So mochten sünf Minuten-verstrichen seyn, ohne daß einesvon Beiden ein Wort gesprochen hätte.
„Ein gnädiger, allbarmherziger Gott scy gepriesen! Du bistmir noch zur rechten Zeit wiedergegeben, Miles!" flüsterte meineSchwester endlich. „Ich fürchtete, eS mochte zu spät werden!"
„Grace! — Grace! — Was meinst Du damit, Liebe? —Theure, einzige, heißgeliebte Schwester, warum muß ich Dich sowiederfinden?"
„Muß ich Dir'S denn noch sagen, MileS? — kannst Du'Snicht sehen? — sichst Dn's denn nicht und begreifst jetzt Alles?"
Mein heißer Händedruck verkündete meiner Schwester, wievollkommen ich die ganze Geschichte verstand.
Daß Grace jemals lieben und dann vergessen konnte, daS glaubteich nicht; daß aber ihre Zärtlichkeit für Ruprecht, den ich als einenso frivolen, selbstsüchtigen Menschen kannte, sie in diesen schreck-lichen Zustand versetzen würde — das hatte ich nicht einmal als eineMöglichkeit vorausgesehen. Ich wußte noch zu wenig, wie ver-trauensvoll ein Weib liebt und wie gerne sie den Mann ihrer Wahlmit allen Eigenschaften ausstattct, die sie ihm nur immer wünschenmöchte.
„Der herzlose Bösewicht!" murmelte ich in der Angst meinesHerzens so laut, daß man eS hören konnte.