völlig bezaubernd. Im selben Augenblick flüsterte sie mir zu: „Ichhabe cs nicht so gemeint, lieber Miles."
Doch jetzt kam die Reihe an Grace und meine Aufmerksam-keit richtete sich unwillkührlich ans die Schwester. Ein Jahrhalte viel zu ihrer Verschönerung beizntragen. Jung wie sie war>halte sie viel von ihrer kindischen Miene verloren und dafür vondem gesetzten, sittsamen Wesen der Jungfrau angenommen. Sie hattevon jeher mehr als Andere hievon besessen, jetzt aber war jedeSpur kindischer — fast möcht ich sagen mädchenhafter — Eitel-keit an ihr verschwunden. Ihr Aeußeres hatte bedeutend ge-wonnen; nur machte ihre ausnehmende Zartheit noch immer aufden Beschauer den Eindruck, daß ein solches Wesen weniger fürdiese als für eine andere Welt bestimmt sey. Eine gewisse Ge-brechlichkeit, ein rein geistiges Wesen mußte Jedem an meiner armenSchwester auffallen und man hätte sich bei ihr leicht einbilden können,sie werde eines Tags, ganz sowie sie vor unfern menschlichen Augendastand, nach einer höheren Sphäre entrückt werden.
Luey hatte alle Ursache eine Musterung nicht zu scheuen. Siewar ganz Weib und nirgends etwas an ihr, was wunderbare Er-wartungen und phantastische Schilderungen hätte Hervorrufen können:dafür schien sie aber offenbar auf dem besten Wege, ein äußerstliebliches Mädchen zu werden. Sittsam, aufrichtig, warmherzigund überströmend von ächt weiblichen Gefühle», edel und dabei geist-reich, voll Leben und doch zerfließend von Mitleid, hielt mich ihreleicht wechselnde aber gleichwohl natürliche und beständige Stimmungunaufhörlich an ihren neckenden Geist und ihre oft umspringendenLaunen gefesselt. Und doch gab'S weit und breit kein besser ge-sinntes Wesen, keine treuere, festere Freundin, kein Mädchen, daSin Allem, was für ihre Jahre wie für ihre Lage paßte, mit mehrBestimmtheit auftrat als eben Lucie Hardinge. Sogar Grace ließsich von ihrem Uriheil leiten, obwohl ich damals noch nicht wußte,wie sehr meine Schwester auf ihrer einfachen und anspruchloseren