9
die Leiche lag und ohne eine Ahnung von der Größe des Unglückserreichte sie die Schwelle. Nie kann ich — nie werde ich denAusbruch des herzzerreißenden Jammers vergessen, als sie endlichden ganzen Umfang der furchtbaren Wahrheit inne ward. Siesiel aus einer Ohnmacht in die andere und erst nach mehrerenStunden der Bewußtlosigkeit fand sie endlich die Sprache wieder.Da gab es keine Liebkosung, wie nur das Herz eines Weibs sieersinnen kann, die nicht an dem leblosen Körper verschwendet wurde.Sie nannte de» Todten „ihren Miles," „ihren geliebten Miles,"„ihren Gatten," „ihren süßen, theuren Gemahl," und wie die zärt-lichen Benennungen alle hießen. Einmal schien sie wie entschlossen, denSchläfer aus seinem endlosen Schlummer zu erwecken: „Bater,—thenrer, tHeu erster Vater !" rief sie dem armen Todten zu — sichgleichsam an den Vater ihrer Kinder wendend — der zärtlichste, der um-fassendste Beiname, welchen das Weib dem Manne ertheilen kann!„Vater — lieber thenrer Vater! öffne doch die Augen und sieh aufdeine Kleinen — sieh deine liebliche Tochter, deinen stattlichen Kna-ben! Kannst du für immer ihrem süßen Anblicks entsagen?"
Doch umsonst — die Leiche lag so regungslos, als ob derGeist Gottes nie darin gewaltet hätte; die Verwundung hattehauptsächlich jene vielgepriesene Narbe getroffen und meine armeMutter wollte nicht aufhören, beide mit ihren Küssen zu be-decken, als ob sie ihren Gatten dadurch ins Leben zurückzurufenvermöchte — Alles vergeblich; noch am selben Abend wurde dieLeiche nach unserer Wohnung geschafft und drei Tage später andem, eine Meile von Clawbonny entfernten Kirchhofe beerdigt, wosie neben drei Generationen seiner Vorväter ihre Ruhe finden sollte.
Die Leichenceremonien machten gleichfalls einen tiefen Eindruckauf mein jugendliches Gemüth und blieben mir noch lange im Ge-dächtnis Wir hatten nämlich in unserem Thals nicht wenige An-hänger der englischen Kirche und der alte MileS Waltingford, derErste dieses Namens, hatte sich als ächt englischer Gutsbesitzer in