130
Fünfter Lag. Dritte Geschichte.
damit Du, wenn es wirklich geschehen sollte, Dich nach-her nicht über uns beschweren könnest." So sehr die Wortedes alten Mannes das Mädchen erschreckten, so sagte siedennoch in Betrachtung der späten Stunde: „Gott wird,wenn es Ihm gefällt, Euch und mich vor solchem Unglückschützen. Ist es aber über uns verhängt, so ist es immernoch besser von den Menschen mishandelt, als im Waldevon den wilden Thieren zerrissen zu werden."
Mit diesen Worten stieg sie vom Pferde, trat in dasHaus des armen Mannes ein und theilte das spärlicheAbendessen der guten Leute. Dann legte sie sich, angekleidetwie sie war, mit ihnen auf ihr Bettchen und fand die ganzeNacht über kein Ende zu seufzen und neben ihrem eigenenUnglück das des Pietro zu beweinen, für den sie sich jaauch nichts Anderes als das Schlimmste denken konnte.
Als es schon gegen Morgen war, hörte sie die Trittevon einer Menge Leute immer näher kommen. Besorgtvor der drohenden Gefahr, erhob sie sich still von ihremLager, ging in den weiten Hofraum, der hinter demHäuschen belegen war, und verbarg sich dort in einen gro-ßen Heuhaufen, den sie in dem einen Winkel liegen sah,um, wenn jene Leute auch dorthin kommen sollten, dochnicht sobald von ihnen gesunden zu werden. Kaum hattesie sich indeß versteckt, als jene, die einen großen Heer-haufen bösen Raubgesindels bildeten, auch schon bei demHäuschen angelangt waren und sich die Thüre öffnen lie-ßen. Wie sie nun eintraten und das Pferd des Mädchensnoch völlig gesattelt und gezäumt fanden, fragten sie, werdenn da sei. Da der gute Mann das Mädchen nichtmehr sah, antwortete er: „Niemand, als wir selber. Je-nes Pferd aber, das der Himmel weiß wem entlaufen seinmag, hat sich gestern Abend hier eingefunden und da ha-ben wir es denn ins Haus geführt, damit die Wölfe esnicht fressen sollten." „Wenn es denn keinen Herrn hat,"sagte der Aelteste von jenem Gesindel, „so wird es gut füruns sein." Nach diesen Worten vertheilten sie sich, das