114
Fünfter Lag. Erste Geschichte.
Diese Worte gaben dem Cimon seinen verlorenenMuth vollkommen wieder, und er antwortete ohne sichlange zu besinnen: „Lysimachus, wenn ich auf diesemWege Das erlangen soll, wovon Du mir sprichst, sokannst Du zu Deinem Unternehmen weder einen muthi-geren noch einen zuverlässigeren Gefährten finden. Be-stimme mir also nur, was Du mir zu übertragen fürgut finden wirst, und Du sollst sehen, daß ich es mit mehrals natürlicher Kraft ausführen werde." Darauf erwiderteLysimachus: „Uebermorgen werden die Neuvermählten Frauenihren ersten Einzug in das Haus ihrer Männer halten.Wir aber werden uns gegen Abend, Du mit den Deini-gen und ich mit einer Anzahl völlig zuverlässiger Gefähr-ten, beiderseits bewaffnet, dort einschleichen, die beidenBräute mitten von dem Gastmahl rauben und sie zu demSchiffe führen, das ich heimlich schon habe zurüsten lassen:Jeder aber, der sich uns zu widersetzen wagt, ist des Todes."Cimon war mit diesen Anordnungen zufrieden und kehrtebis zu der bestimmten Zeit ruhig in sein Gefängnis zurück.
Glänzend und kostbar war am Hochzeitstage das Ge-pränge und überall im Hause der beiden Brüder herrschtefestliche Heiterkeit. Als die Zeit nun dem Lysimachus ge-legen schien, vertheilte er den Cimon und dessen Gefähr-ten, sowie seine eigenen Freunde, die sämmtlich unter denKleidern Waffen trugen, nachdem er sie zuvor mit vielenWorten zur Unternehmung angefeuert hatte, in drei Haufen.Den einen hieß er sich vorsichtig im Hafen aufstellen, da-mit Niemand, wenn es dazu gekommen wäre, sie hindernkönnte das Schiff zu besteigen. Den zweiten ließ er an derHausthür, um sich zu versichern, daß sie nicht etwa eingeschlos-sen, oder ihnen der Ausgang verwehrt würde. Er selbst endlichging mit Cimon und den Uebrigen die Treppe hinauf, gradein den Speisesaal, wo sich die beiden Bräute mit nochviel anderen Damen schon in geziemender Ordnung zuTische niedergelassen hatten. Unsere beiden jungen Männeraber traten dreist heran, stürzten die Tische um, nahmen