86 Vierter Tag. Zehnte Geschichte.
Mann dies gewahr ward, wandte auch er, da sie ihmbesonders wohl gefiel, ihr seine ganze Liebe zu. SeinName war Ruggieri von Jeroli, und, obwol er von edlerAbkunft war, führte er doch ein so schlechtes Leben undwar in so traurigen Umstanden, daß er weder Freundnoch Verwandten behalten hatte, der ihm wohlgewollt oderihn nur vor sich gelassen hatte; denn in ganz Salernowar er wegen seiner Diebereien und ähnlicher Schändlich-keiten der niedrigsten Art berüchtigt. Doch, da er ihrübrigens wohl gefiel, kümmerte sich die Dame nur wenigum dies Alles und wußte es durch die Vermittelung einerihrer Dienerinnen so weit zu bringen, daß sie eine Zu-sammenkunft hatten. Als sie nun eine Zeit lang sich mit-einander ergötzt hatten, sing die Dame an, sein vorigesLeben zu tadeln, und bat ihn, ihr zu Liebe für die Zu-kunft dergleichen Dinge zu lassen. Um ihm dies abermöglich zu machen, unterstützte sie ihn bald mit einergrößeren, bald mit einer kleineren Geldsumme.
Während das liebende Paar auf solche Weise vor-sichtig seine Freuden fortsetzte, traf es sich, daß unserWundarzt einen Kranken bekam, der einen beträchtlichenSchaden an dem einen Beine hatte. Als der Arzt dasUebel untersucht hatte, sagte er zu den Angehörigen desKranken, wenn man diesem nicht einen angegangenenKnochen herausnähme, müsse er nothwendig entweder dasganze Bein verlieren, oder sterben, während er in Folgejener Operation genesen könne. In jedem Falle aber er-klärte er, könne er ihn nur als einen vollkommen Auf-gegebenen in die Kur nehmen. Auch damit erklärten dieVerwandten sich zufrieden und übergaben ihm den Kran-ken unter der erwähnten Bedingung. Der Arzt über-zeugte sich indeß, daß der Patient ohne einen Schlaftrunkdie Schmerzen nicht ertragen und die Operation nicht ge-schehen lassen würde. Zu dem Ende ließ er am Morgen(da er gegen Abend das Geschäft vorzunehmen dachte)ein Wasser über gewisse Ingredienzien abziehen, das die