21
Ghismonda und Guiscardo.
zur Schule, die sie noch fest in den Händen hielt, undsagte, während, sie unverwandt das Herz anblickte: „O,geliebtester Wohnort aller meiner Freuden, Fluch über dieGrausamkeit Dessen, der Schuld daran ist, daß ich Dichmit körperlichen Augen sehe. Genügte es mir doch, mitden Augen des Geistes Dich immerdar zu schauen. Duhast nun Deinen Lauf beendet und vollbracht, was DeinGeschick Dir bestimmt hatte. Du bist zu dem Ziele ge-diehen, dem ein Jeder entgegengeht. Alles Elend undalle Mühen dieser Welt hast Du hinter Dir gelassen undvon Deinem Feinde selber ein Grab gefunden, wie esDeinem Werthe gebührt. Nichts fehlt Dir nun zu Dei-ner vollen Bestattung als die Thränen Derjenigen, dieDu im Leben so zärtlich geliebt hast; damit aber auchdiese Dir zu Theil würden, gab Gott es meinem un-barmherzigen Vater ein, daß er Dich mir schickte, undich will sie Dir gewähren, wenngleich ich mir vorgesetzthatte, mit trockenen Augen zu sterben und durch keinenSchauder meine Züge verändern zu lassen. Werde ichDir meine Thränen gezollt haben, so will ich ohne Säu-men dazu thun, daß durch Deine Hülfe sich meine Seelemit derjenigen, die einst von Dir so sorgsam beherbergtward, vereinige. Und unter welchem Geleite könnte ichwol zufriedener und sicherer in jenes unbekannte Land ge-hen, als in der ihrigen. Ich glaube sicher, sie weilt nochhierinnen und betrachtet den Schauplatz ihrer und meinerFreuden, und da ich gewiß bin, sie liebt mich noch, soerwartet sie wol meine Seele, die ihr auf das zärtlichsteanhängt."
Als sie so gesprochen hatte, begann sie, ohne nachArt der Frauen laut zu klagen, über die Schale geneigt,unter tausend Küssen, die sie dem tobten Herzen gab, ei-nen solchen Strom von Thränen zu vergießen, daß eswunderbar zu sehen war, und nicht anders schien, als seiin ihrem Haupte ein Wasserquell. Ihre Gesellschafterinnen,die um sie hcrumstanden, begriffen weder, was das für