322 Dritter Lag. Neunte Geschichte.
zugethan wurden, auch den Grafen, dem sie nicht rechtwar, lebhaft tadelten.
Als sie nun Alles im Lande wieder in guten Standgesetzt hatte, gab sie dem Grafen durch zwei EdelleuteNachricht davon und bat ihn, wenn er um ihretwillenzögere, in seine Grafschaft zu kommen, so möge er sie da-von unterrichten und sie werde alsdann, ihm zu Gefallen,die Gegend verlassen. Der Graf antwortete ihnen äußersthart: „Mag sie thun, wozu sie Lust hat; was mich aberbetrifft, so werde ich nicht eher heimkehren, um mit ihr zuleben, als bis sie diesen Ring am Finger und ein Kind,das ich mit ihr gezeugt habe, auf dem Arme trägt." Ebenden Ring nun hielt er sehr werth und trennte sich auchwegen einer gewissen Kraft, die, wie man ihn überredethatte, demselben beiwohnte, niemals von ihm.
Die Edelleute fühlten wol die Härte der Bedingung,die von zwei fast unmöglichen Dingen abhängig gemachtwar; da sie aber sahen, daß sie ihn durch ihre Worte vonseinem Vorsatze nicht abbringen konnten, so kehrten sie zuder Dame zurück und erzählten ihr des Grasen Antwort.Sie wurde darüber gar sehr betrübt, entschloß sich indeßnach langer Ueberlegung, zu versuchen, ob sie nicht viel-leicht jene Forderungen erfüllen könne. Um nun auf solcheWeise in Zukunft ihren Gemahl wiederzugewinnen, ver-sammelte sie, sobald sie mit sich einig geworden war, wassie thun solle, einige der ältesten und tüchtigsten Männeraus der Grafschaft und erzählte ihnen ganz der Ordnungnach, mit kläglichen Worten, was sie Alles aus Liebezum Grafen gethan und was für einen Lohn sie dafürerhalten habe. Zuletzt eröffnete sie- ihnen ihre Absicht, nichtdurch ihr längeres Verweilen des Grafen ewiges Exil zuveranlassen, sondern vielmehr den Rest ihres Lebens alleinzu Pilgerfahrten und mitleidigen Werken zum Heil ihrerSeele zu verwenden. Deshalb bat sie denn jene Männer,daß sie Wache und Verwaltung der Grafschaft überneh-men und den Grafen in Kunde setzen möchten, wie sie