Ricciardo von Chinzica. 221
das wißt Ihr selbst. Wenn Euch die Rechtswissenschaftmehr Vergnügen machte, als Eure Frau, so brauchtet Ihrja keine zu nehmen. Mir seid Ihr aber nie wie ein Rich-ter, sondern wie ein Kalendermacher vorgekommen, so gutwußtet Ihr alle Heiligen-Tage, Feste, Fasten und Vigi-lien. Das kann ich Euch sagen, daß, wenn Ihr die Ar-beiter, die Eure Felder bestellen, so viele Feste hattet hal-ten lassen, als der Eine gehalten hat,,der mein Gärtchenbearbeiten sollte, so hättet Ihr nie ein Körnchen Getreideeingeerntet. Nun bin ich auf diesen Mann getroffen, denmir Gott aus Mitleiden mit meiner Jugend zugesührt.Mit ihm bewohne ich dieses Zimmer, in dem man vonsolchen Festen, wie Ihr, der Ihr besser Gott zu dienenwißt, als den Frauen, deren unzählige feiertet, nicht dasMindeste weiß, und über dessen Schwellen weder Sonnabendnoch Freitag noch heiliger Abend, noch Quatember, nochdie schrecklich langen Fasten kommen. Hier wird den gan-zen Tag gearbeitet und Wolle gezaußt, und wie viel wirheute Morgen schon vor uns gebracht, seit es in dieFrühmesse lautete, davon könnte ich 'mitreden. Darumwill ich auch bei Paganino bleiben und mit ihm arbei-ten, weil ich jung bin. Feste, Ablässe und Fasten hebeich mir für mein Alter auf. Euch aber rathe ich, so-bald Ihr nur könnt, mit Gott nach Hause zu reisenund ohne mich so viel Feste zu feiern, als Euch nur be-lieben wird."
Diese Rede betrübte Herrn Ricciardo unsäglich und wieer sah, daß seine Frau ausgeredet, erwiderte er: „Ach,geliebtes Leben, was für Worte habe ich von Dir hörenmüssen! So hast Du denn gar keine Rücksicht aus dieEhre Deiner Eltern und auf Deine eigene! So willstDu denn lieber eine Todsünde begehn und mit dem Men-« sehen hier gleich einer Hure leben, als in Pisa meine Frausein! Wenn der Dich einmal satt haben wird, so wirder Dir zu Deiner größten Schande die Thür weisen. Ichaber werde Dich immerdar lieb haben und immer wirst