74 Erster Tag. Neunte Geschichte.
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Mädchen, ist es geschehen, daß, wozu Jemanden man-cherlei Tadel und häufige Strafen nicht bewegen konnten,dazu ein zufällig und absichtlos gesagtes Wort ihn bewog.Davon gab uns die Geschichte der Lametta ein schlagendesBeispiel, und ich will Euch das Gleiche in einer kurzenErzählung darthun; denn gute Geschichten können unsimmer förderlich sein, und so soll man ihnen aufmerksamzuhören, sei auch der Sprechende wer er wolle.
So sage ich denn, daß zu den Zeiten des ersten Königsvon Cypern nach der Eroberung des gelobten Landes durchGottfried von Bouillon eine Edeldame, die, von einerPilgerfahrt nach dem heiligen Grabe heimkehrend, Eypernbesuchte, von ein paar ruchlosen Leuten auf empörendeWeise beleidigt ward. Sie konnte sich ob dieses Frevelsnicht zu Gute geben und war gesonnen, den König selberanzurufen; doch einer ihrer Bekannten sagte ihr, sie werdesich nur vergebene Mühe machen; denn der König führeein so kleinmüthiges und unwürdiges Leben, daß er, ge-schweige, den, Andern angethanen, Schimpf gerecht zurächen, unzähligen, ihm selber zugefügten mit schnöderFeigheit ertrage, sodaß, wer irgend einen Verdruß gehabthabe, seinen Unmuth in Beleidigungen und Hohn gegenden König auslaffe. Als die Dame dies vernahm, gabsie es auf, Rache zu erlangen, und wollte nur, um ihrenZorn einigermaßen zu befriedigen, diesen König wegen seinerniedrigen Gesinnung noch verspotten. Weinend trat sievor ihn und sagte: „Herr, ich komme nicht zu Dir, umRache für die Beleidigung, die mir widerfahren ist, zuerlangen, sondern, statt aller Vergeltung für diese, bitteich Dich, mir zu sagen, wie Du es anfängst, um dievielen Kränkungen, die man Dir anthut, zu ertragen.Dann werde ich, von Dir belehrt, die meinige geduldighinnehmen, wahrend ich sie jetzt, der Himmel weiß es,Dir, weil Du deren so gut zu ertragen weißt, gerne ab-gabe." Der König, der bis dahin unthatig und trägegewesen war, sing, als wäre er vom Schlafe erwacht, da-