48 Erster Tag. Zweite Geschichte.
lernte er sie auch noch als so geizig und geldgierig kennen,daß sie mit Menschen-, ja mit Christenblut, und mit denheiligsten Dingen, Opfern oder geistlichen Aemtern, oderwelcher Art sie sonst sein mochten, um Geld abscheulichenHandel trieben. Aerger sah er dabei markten, und mehrMäkler beschäftigt, als jemals in Paris beim Verkaufeder Tücher oder sonst irgend einer Waare. Offenbare Be-stechung hörte er Fürsprache, und unverschämte Gierig-keit Diäten nennen; als ob Gott nicht den bösen Wil-len im verworfenen Herzen, geschweige denn den wahrenSinn der Worte erkennte und nach Art der Menschensich durch den Namen der Dinge täuschen ließe. Allesdies und noch manches Andere, das ich besser verschweige,missiel unserem Juden, der ein sittlicher und gesetzter Mannwar, auf das äußerste, und da er genug gesehen zu ha-ben glaubte, beschloß er, nach Paris zurück zu kehren,und that also.
Sobald Jeannot seine Rückkehr erfahren hatte, be-suchte er ihn, ohne einige Hoffnung, daß Abraham Christwerden würde, und Beide freuten sich herzlich des Wieder-sehens. Als er indeß einige Tage sich ausgeruht hatte,fragte ihn Jeannot, was er nun von dem heiligen Vater,von den Cardinälen und anderen Hofleuten denke. Schnellantwortete der Jude: „Nichts Gutes denke ich von ihnen,und nichts Gutes haben sie von Gott zu hoffen. Undich sage Dir, ich müßte mich sehr getauscht haben, oderich habe dort an keinem Geistlichen eine Spur von Fröm-migkeit, Andacht, guten Werken, musterhaftem Wandel,oder anderem Dergleichen bemerkt; wohl aber sah ich, wie Wol-lust, Geiz, Schlemmerei und mehr ähnliche und schlimmere La-ster, wenn es anders schlimmere gibt, bei ihnen so beliebt wa-ren, daß ich jene Stadt eher für eine Werkstätte des Teufels,als Gottes halte. Auch scheint es mir, nach meinem Dafür-halten, daß sowol Euer Oberhirt, als die übrigen Allenach seinem Beispiele ihren ganzen Scharfsinn und Sorg-falt und Mühe aufbieten, um die christliche Religion, de-