322 Religion innerh. d. Grenzen d. blosen Vernunft. III. Stück.
geschichte jedes Menschen betreffen: wie eS nämlich zugeht, daß einsittlich Gutes oder Böses überhaupt in der Welt sei und, (ist dasLetztere in allen und zu jeder Zeit,) wie aus dem Letzteren dochdas Erstere entspringe und in irgend einem Menschen hergestelltwerde; oder warum, wenn dieses an einigen geschieht, andere dochdavon ausgeschlossen bleiben? — hat uns Gott nichts offenbart,und kann uns auch nichts offenbaren, weil wir es doch nichtverstehen*) würden. Es wäre, als wenn wir das, was geschieht,am Menschen aus seiner Freiheit erklären und uns begreiflichmachen wollten, darüber Gott zwar durchs moralische Gesetz inunS seinen Willen offenbart hat, die Ursachen aber, aus welcheneine freie Handlung auf Erden geschehe oder auch nicht geschehe, indemjenigen Dunkel gelassen hat, in welchem für menschliche Nach-,forschung Alles bleiben muß, was, als Geschichte, doch auch ausder Freiheit nach dem Gesetze der Ursachen und Wirkungen begriffenwerden soll**). Ueber die objective Regel unseres Verhaltens aber
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*) -j-) Man trägt gemeiniglich kein Bedenken, den Lehrlingen der Re-ligion den Glauben an Geheimnisse zuzumuthcn, weil, daß wir sie nicht be-greifen d. i. die Möglichkeit des Gegenstandes derselben nicht cinsehcnkönnen, uns eben so wenig zur Weigerung ihrer Annahme berechtigen könne,als etwa das Fortpflanzungsvermögen organischer Materien, was auch keinMensch begreift, und darum doch nicht anzunchmcn geweigert werden kann,ob cs gleich ein Gchcimniß für uns ist und bleiben wird. Aber wir ver-stehen doch sehr wohl, was dieser Ausdruck sagen wolle, und haben einenempirischen Begriff von dem Gegenstände, mit Bewußtsein, daß darin keinWiderspruch sei. — Von einem jeden zum Glauben aufgestellten Geheimnissekann man nun mit Recht fordern, daß man verstehe, was unter demselbengemeint sei; welches nicht dadurch geschieht, daß man die Wörter, wodurches angcdcutct wird, einzeln versteht d. i. damit einen Sinn verbindet,sondern daß sie, zusammen in einen Begriff gefaßt, noch einen Sinn zulastenmüssen und nicht etwa dabei alles Denken ausgehe. — Dass, wenn manseinerseits cs nur nicht am ernstlichen Wunsch ermangeln läßt, Gott diesesErkenntniß uns wohl durch Eingebung zukommcn lassen könne, laßt sichnicht Lenken; denn cs kann uns gar nicht tnharircn; weil die Natur unseresVerstandes dessen unfähig ist.
**) ff) Daher wir, was Freiheit sei, in praktischer Beziehung, (wennvon Pflicht die Rede ist,) gar wohl verstehe», in theoretischer Absicht aber,was die Causalität derselben (gleichsam ihre Natur) betrifft, ohne Widerspruchnicht einmal daran denken können, sic verstehen zu wollen.
ff) Beide Anmerkungen sind Zusatz der 2, Ausg.
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