282 Religion innerh. d. Grenzen d. blosen Vernunft. III. Stück.
solchen buchstäblichen vorgezogen werden, die entweder schlechterdingsnichts für die Moralität in sich enthält, oder dieser ihren Triebfe-dern wohl gar entgegenwirkt*). — Man wird auch finden, daß csmit allen alten und neueren zum Thcil in heiligen Büchern abge-faßten Glaubensatten jederzeit so ist gehalten worden, und daß ver-nünftige wohldenkende Bolkslehrer sie so lange gedeutet haben, bissie dieselbe ihrem wesentlichen Inhalte nach, nachgerade mit denallgemeinen moralischen Glaubenssätzen in Ucbercinstimmung brach-ten. Die Moralphilosophen unter den Griechen und nachher denRömern machten es nachgerade mit ihrer fabelhaften Götterlehreebenso. Sie wußten den gröbsten Polytheismus doch zuletzt alsblose symbolische Vorstellung der Eigenschaften des einigen göttlichenWesens auszudeuten, und den mancherlei lasterhaften Handlungen,
Um dieses an einem Beispiel zu zeigen, nehme man Psalm IllIX,B. H—16, wo ein Gebet um Rache, die bis zum Entsetzen weit geht,angetroffen wird. Michaelis (Moral 2ter Lheil S. 202) billigt dieses Ge-bet und setzt hinzu: „die Psalmen sind inspirirt; wird in diesen um Straftgebeten, so kann cs nicht unrecht sein und wir sollen keine heiligereMoral haben, als die Bibel." Ich halte mich hier an den letzterenAusdruck und frage, ob die Moral »ach der Bibel, oder die Bibel vielmehrnach der Moral ausgelegt werden muffe? — Ohne nun einmal auf die Stelledes N. L-: „Zu den Alten wurde gesagt u. s. w.; ich aber sage euch:Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen u. s. w." Rücksichtzu nehmen, wie diese, die auch inspirirt ist, mit jener zusammen bestehenkönne, werde ich versuchen, sie entweder meinen für sich bestehenden sittlichenGrundsätzen anzupaffen, (daß etwa hier nicht leibliche, sondern unter demSymbol derselben, die uns weit verderblicheren unsichtbaren Feinde, nämlichböse Neigungen, verstanden werden, die wir wünschen müsse» völlig unterde» Fuß zu bringen,) oder will dieses nicht angehen, so werde ich lieber an-nchmcn: daß diese Stelle gar nicht im moralischen Sinn, sondern »ach demVerhältnis', in welchem sich die Juden zu Gott, als ihrem politischen Regen-ten, betrachteten, zu verstehen sei, so wie auch eine andere Stelle der Bibel,da cS heißt: „die Rache ist mein; Ich will vergelten, spricht der Herr!" dieman gemeiniglich als moralische Warnung vor Selbstrache auslegt, ob siegleich wahrscheinlich nur das in jedem Staat geltende Gesetz andcutct, Genug-thuung wegen Beleidigungen im Gerichtshöfe des Oberhauptes nachzusuchen;wo die Rachsucht des Klägers gar nicht für gebilligt angesehen werden darf,wenn der Richter ihm »erstattet, auf noch so harte Straft, als er will, an-zutragcn-
ch) Diese Anmerkung ist Zusatz der 2. Ausg.
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