322 Tugendlchre. Ethische Methodenlehre. I- Abschn.
tz. 52. «
Das experimentale (technische) Mittel der Bildung'der Tu-gend ist das gute Exempel ch) ") an dem Lehrer selbst, (vonexemplarischer Führung zu sein,) und das warnende an Anderen;denn Nachahmung ist dem noch ungebildeten Menschen die ersteWillensbestimmung zu Annehmung von Maximen, die er sich inder Folge macht.— Die Angewöhnung-sch) ist die Begründung einerbeharrlichen Neigung ohne alle Maximen, durch die öftere Befrie-digung derselben; und ist ein Mechanismus der Sinnesart, statteines Princips der Denkungsart; wobei das Verlernen in derFolge schwerer wird, als das Erlernen. — Was aber die Kraftdes Exempels, (es sei zum Guten oder Bösen,) betrifft, was sichdem Hange zur Nachahmung oder Warnung darbietetffffff), so kanndas, was uns Andere geben, keine Tugendmaxime begründen. Denndiese besteht gerade in der subjectiven Autonomie der praktischenVernunft eines jeden Menschen, mithin, daß nicht anderer MenschenVerhalten, sondern das Gesetz uns zur Triebfeder dienen müsse.Daher wird der Erzieher seinem verunarteten Lehrling nicht sagen:Nimm ein Exempel an jenem guten (ordentlichen, fleißigen) Knaben!denn das wird jenem nur zur Ursache dienen, diesen zu hassen,weil er durch ihn in ein nachtheiliges Licht gestellt wird. Das guteExempel (der exemplarische Wandel) soll nicht als Muster, sondernnur zum Beweise der Thunlichkeit des Pflichtmäßigen dienen; alsonicht die Vergleichung mit irgend einem anderen Menschen, (wie er
ff) 1. Ausg.: „Beispiel"
ffff) 1. Ausg.: „Die Angewöhnung oder Abgewöhnung"
*) Beispiel, ein deutscher Wort, was man gemeiniglich für Exempelals ihm glcichgeltend braucht, ist mit diesem nicht von einerlei Bedeutung.Woran ein Excmpel nehmen und zur Verständlichkeit eines Ausdrucks einBeispiel anführen, sind ganz verschiedene Begriffe. Das Exempcl ist ein be-sonderer Fall von einer praktischen Regel, sofern diese die Thunlichkeitoder Unthunlichkeit einer Handlung verstellt. Hingegen ein Beispiel ist nurdas Besondere (concretum), als unter dem Allgemeinen nach Begriffen^ (abstractiii») enthalten vorgestellt, und blos theoretische Darstellung einesBegriffs ff* *).
ff*) Die Verweisung auf diese Anmerkung steht in der 1. Ausg. da, wo imTexte ffffff) gesetzt worden ist.