Druckschrift 
2 (1879) Die Industrie des bergischen Landes : (Solingen, Remscheid und Eöberfeld-Barmen)
Entstehung
Seite
207
Einzelbild herunterladen
 

II. 3.

207

beitern, welche die Tische mit den Füssen bewegten, eine un-geheuer beschwerliche Verrichtung. Nunmehr wurden theilsvon grösseren Grundbesitzern, theils auch von den Fabrikantenund den wohlhabenderen Meistern Etablissements mit Dampf-betrieb erbaut, wo die Meister Kaum und Dampfkraftmietheten und ihre Tische aufstellten. Die intelligenten undenergischen Meister waren es, welche zuerst Dampfkraftanwendeten und ihren Betrieb vergrösserten, sie versetztensich dadurch in eine unendlich günstigere Lage ihren klei-neren Genossen gegenüber, welche ganz zuletzt den theurenBetrieb begannen. Einmal waren jene in der Lage gewesen,in den Jahren der günstigen Conjunctur ihre Capitalanlagenschon zu amortisiren, dann vermochten sie an ihren zahlreichenTischen billigere Frauenarbeit zu verwenden, endlich erhieltensie grössere und lohnendere Bestellungen, da sie bekannter,zuverlässiger und leistungsfähiger waren. Die Kleinmeisterdagegen hatten ihre Maschinen noch unbezahlt, arbeiteten mittheurerer Manneskraft an denselben und mussten sich zu nie-drigeren Löhnen verstehen. In dieser Lage traf die Krisis von1857 die Kleinmeister; zehn Jahre lang dauerte die schlechteConjunctur und der grösste Theil der Tische gerieth ausserArbeit; die eben aufgeblühte Industrie lag vollkommen dar-nieder.

Da hob sie sich wieder im Jahre 1868 und erlebte in den Jah-ren 1870 und 71 ihre Glanzzeit. Statt 423 Tischen im Jahre1867, sollen nun etwa 1000 für Barmen gearbeitet haben, theilsdurch Vorschüsse der Fabrikanten, theils durch Creditgewährungseitens der Maschinenbauer angeschafft. Auch die Fabrikantenselbst richteten sich eigne Etablissements ein, häufig Band-wirkerei und Kiemendreherei vereinigt und etwa 400 Tischevon jenen 1000 sollen sich in ihren Händen befinden. DieStapelartikel, wie glatte Weftlitzen, weisse Spitzenzacken undüberhaupt die courantesten Waaren sind es, welche sie her-steilen. Nun brach wieder die Krisis herein. Die Fabrikantenhielten natürlich ihre Anlagen in Betrieb; der überschüssigenBestellungen bemächtigten sich vor allem die grossen Meister,und die kleinen Meister blieben arbeitslos oder sie erhieltenModeartikel, an denen sie zwar in kurzer Frist viel verdienenkonnten, dann mussten sie aber lange Zeit hindurch stille liegen.Lnterdessen verderben ihre Maschinen und sie müssen, obwohlsie beschäftigungslos sind, fortlaufend die Dampf- und Raum-miethe bezahlen; die erhaltenen Vorschüsse sind noch nichtgetilgt und Fabrikanten oder Maschinenbauer nehmen dieTische wieder an sich. Die kleinen Meister werden währendder Krisis in raschem Tempo verschlungen, die eignen Pro-ductionsmittel ihnen genommen und die hausindustriellen Meisterbald zu Fabrikarbeitern geworden sein. Schon aus einerStatistik der Jahre 1867 und 71 erhellt die Tendenz dieser