200
II. 3.
Wupperthaler Industrie: zuerst Flachs-, dann Baumwollen-und Halbwollengarn. Im Jahre 1754 traten Languetten (Bändermit eingewebten Figuren) und seit 1770 Zwirnspitzen ordinärerQualität auf. Der Hauptabsatz ging nach Frankreich. DieFonds der sogen, französischen Kaufleute wie ihre Soliditätwaren so gross, dass sie, obwohl bei Ausbruch der Revolutionihre Capitalien in Frankreich steckten und sie daher Verlusteerfuhren, dennoch ihre Arbeiter in Thätigkeit erhielten. Durchanhaltendes Fabriciren wurden die Magazine gefüllt, die Kassengeleert; als dann der Handel wieder geöffnet wurde, fandensie einen reichen Markt: die Magazine leerten und die Kassenfüllten sich wieder. Es fehlte an Waaren, eine Ueberpro-duction begann, weil man nicht bedachte, dass die Nachfragenur so lange dauern konnte, als die durch die gesperrte Com-munication entstandenen Lücken wieder gefüllt waren. Baldmusste man verkaufen, um die Circulation zu erhalten, zuniedrigen Preisen, endlich mit Schaden. Grosse Verluste undMissinuth traten ein. Da that man, w r ie schon früher einmalmit Erfolg, den Schritt zu einer Convention, in der man sichverpflichtete, nicht unter einem gewissen Preise zu verkaufen.Aber die Feinde waren im eignen Lager; zwei Kaufleuteschmuggelten Waaren auf das linke Rheinufer und verlegtenihr Geschäft dorthin; natürlich mussten die Wirker ihrenArbeitgebern folgen, und es war nur sinnlos, ihnen solches zuverbieten. Damit zogen die einfachen Seiden- und Sammet-bänder in jene Gegenden mit billigem Arbeitslohn, und alsdann nach dem Friedensschluss Frankreich und Russland durchdie Zollgesetzgebung gesperrt wurden, mussten in den Jahren1815 bis 1828 etwa 5000 Weber und Wirker zu anderenweniger lohnenden Beschäftigungen übergehen und zum Theilaus öffentlichen Mitteln unterstützt werden. Q
Ein Wendepunkt trat im Jahre 1849 ein; von da ab datirtdie Grösse der Barmer Industrie; die Bevölkerung der Stadthob sich 1850 auf 36, 1860: 46, 1870: 74, 1875: 86 und1878: 92 tausend Einwohner. Die Nachfrage war damalsaussergewöhnlich stark, selbst alte Stühle wurden hervorge-sucht und aufgestellt, und nicht selten mangelten die erforder-lichen Arbeitskräfte. Bei den steigenden Löhnen spaltete sichdie Fabrikation; die einfachen Stapelartikel wurden nur haltbarbeim mechanischen Betriebe, daneben entwickelte sich in uner-wartetem Glanze eine Modewaarenindustrie, damals namentlichvon Besatzgegenständen für Herren- und Frauenkleider undSeidenmodebänder. Als dann später in den 1860 er Jahren dieMode die gemusterten Stoffe verliess und den glatten sichzuwandte, da mussten diese doch ein Ornament haben, daswaren die Bänder. Die Bänder, welche gegenwärtig in Barmen
') von Viebahn: Statistik des R. B. Düsseldorf. 1836. S. 171.