Druckschrift 
2 (1879) Die Industrie des bergischen Landes : (Solingen, Remscheid und Eöberfeld-Barmen)
Entstehung
Seite
146
Einzelbild herunterladen
 

146

II. 3.

nicht in planvoller Weise zur stetigen Ausdehnung derselben,sondern nur zu oft zur Bereicherung der momentanen Leiterder Unternehmungen durch Ausnutzung einer günstigen Con-junctur.

Ein jedes Aufsteigen der Conjunctur hat eine Ausdehnungder Production, eine Zuführung von neuen Arbcits- und Capi-talkräften zur Industrie zur Folge. In der Hegel haben sichbisher die Leiter der Industrie über die Chancen des Auf-schwungs geirrt und eine Anlage von Capital- und Arbeits-kräften hervorgerufen, welche im Stande ist. den ungesundgesteigerten Begehr auf der Höhe der Conjunctur zu (lecken.Hierauf beruht die sogen. Ueberproduction, worunter also nichtetwa nur ein übermässiger Yorrath von Waaren zu verstehenist. sondern vielmehr die Fähigkeit der Industrie, weit überdas Mittelmass des gewöhnlichen Bedarfs Waaren zu produciren.Hie letzte grossartige Ausdehnung der Industrie wurde ver-ursacht einmal durch eine ganz ungemein gesteigerte Nachfrage,welche verstärkt wurde durch die Milliardenübertragung undeine falsche Consumtionspolitik der Privaten und der Staaten,ferner dadurch, dass zeitweise auf dem internationalen Marktedas an Capital- und Arbeitskräften geschwächte Frankreichausblieb, für welches andere Länder und nicht zum wenigstenDeutschland einsprang.

Es ist eine heikle volkswirtschaftliche Frage, ob in derHausindustrie oder in der von Privaten oder von Aetienge-sellschaften betriebenen Fabrikindustrie die übermässige Anlagevon Capital- und Arbeitskräften von grösserem Schaden ist.Zunächst hinsichtlich der Capitalverwendung. Diese ruft beider' Hausindustrie die geringste Verschiebung des National-capitals hervor; dasselbe bleibt in der Hauptsache in ÜüssigerGestalt. Hingegen sind die Anlagen bei den grossen Actien-unteruehmungen ganz ungeheure, diese müssen fortlaufend inBetrieb erhalten werden, und da sie bei der Decentralisationihres Capitals direct keine Dividenden zu geben brauchen,üben sie einen furchtbaren Druck auf die Preise, Gewinne undLöhne aus.

Bei rückgehender Conjunctur zeigt sich der Unterschiedzwischen der Fabrikindustrie und den anderen Betriebssystemenauch in der wirthschaftlichen Parteinahme. Die erstere mussängstlich darauf bedacht sein, sich die Märkte und Preise fürihren fortlaufenden Betrieb zu erhalten; sie wird daher be-sonders empfindlich gegen die ausländische Concurrenz. wenndieselbe ihr im eigenen Lande die Abnehmer entzieht und ge-rade zur ungünstigsten Zeit die Preise drückt. Die Fabrik-industrie ist daher schutzzöllnerisch; bei aufsteigender Con-junctur kommt das weniger zur Geltung, da sie dann reichlichNachfrage vorfindet; beim Rückgänge aber beginnen die Klagenüber mangelnden Schutz, selbst wenn die Einfuhr gegen früher