136
II. 3.
Unterstützung zugesagt, und erklärten solches öffentlich. DerObermeister beging nun eingestandenennassen den Fehler,Freund und Feind bei diesem Glauben zu lassen und schwiegdazu: „Hätte ich gewusst, welche Strikerei daraus entstehenwürde, so hätte ichs gewiss widerrufen.“ Während frühernur 13, traten nun 25 Fabrikanten zu einem Verein zusammenvoran die Mannesmann mit 13 Führern (d. h. 13 Schmiedenwelche für je 5—10 Hauer Arbeit schaffen), und sperrtensämmtliche Feilenarbeiter aus, bis die Schmiede sich fügten.Aber die Arbeiter hatten Glück. In Kronenberg fand sicheine neu gegründete Actiengesellschaft, welche von zwei JudenCapital empfing und den grössten Th eil der Hauer zum Tarifvon 1872 beschäftigte. So vermochten die Arbeiter die Aussper-rung zu ertragen. Schon nach drei Wochen erklärte der Fa-brikantenverein, die Arbeiter dürften wieder Beschäftigung er-halten. Nun erklärten die Feilenhauer ihrerseits, zum altenLohn nicht mehr arbeiten zu können und forderten eine Er-höhung desselben. Wieder brach ein Strike aus, der dies-mal 21 Wochen dauerte. Die Arbeiter forderten statt dereinseitigen Octroiirung der Löhne, eine gemeinsame Fest-setzung derselben, also die Verwirklichung des constitutionellenPrincips in der Wirthschaft. Endlich gaben die Fabrikantennach, und ein neuer Tarif wurde am 1. Juni 1873 vereinbartmit einem Aufschläge von 15 Procent. Inzwischen war schonim Januar der Rückschlag eingetreten und die Arbeitslosig-keit trat ein; ein Feilenhauer unterbot den anderen, die Fa-brikanten drückten von oben, und im Jahre 1878 waren dieLöhne um 50 Procent hinabgegangen. Die Härte der Fabri-kanten ist hier kaum eine geringere als in Solingen. „In denguten Zeiten hatten die Arbeiter uns in ihrer Gewalt, jetzthaben wir sie in der unsern, — sie sollen fühlen, was dasheisst!“ sagte Fäuste ballend ein Fabrikant. Wehe den Be-siegten !
Die Lohnstreitigkeiten im Jahre 1873 haben viel bösesBlut und Erbitterung erzeugt. Die Fabrikanten gestehen jetztselbst ein, dass die Aussperrung sämmtlicher Arbeiter eineganz überflüssige gewesen sei, und die Arbeiter erkennen, wiezwecklos es war, bei rückgehender Conjunctur eine Lohner-höhung zu erzwingen. Die Fabrikanten suchten die einhei-mischen Arbeiter durch die Einführung von Maschinen und vonfremden Arbeitern entbehrlich zu machen. Es bildete sich inForm einer Actiengesellschaft ein Verein zur gemeinschaft-lichen Einführung und Benutzung der Feilenhau-Maschine vonDodges und stellte auch fünf derselben auf. Der Gewerbe-verein beschaffte durch die Presse, Agenten und Privatleuteaus andern Provinzen 130 Lehrlinge, namentlich aus demRegierungsbezirk Gumbinnen, deren Folgsamkeit gerühmtwurde und bei denen Vertragsbrüche weniger zu befürchten