Druckschrift 
2 (1879) Die Industrie des bergischen Landes : (Solingen, Remscheid und Eöberfeld-Barmen)
Entstehung
Seite
104
Einzelbild herunterladen
 

104

II. 3.

und erst in günstigen Zeiten wird es sich vielleicht praktischerweisen, die renitenten Kaufleute mit Bussen dafür zu belegen,dass sie ihren Arbeitern Löhne unter der Satzordnung' bezahltund damit ihren Concurrenten eine unerträgliche Concurrenzbereitet haben. Da aber keinerlei Fabrikantenvereine existirten,so erhoben die Schleifervereine auf eigne Faust die Strafenund verhängten Strikes. Hierbei sind sie brutal und einseitiggenug verfahren, aber tliaten sie im Grunde etwas anderesals die Kaufleute lange Jahrzehnte hindurch gethan hatten?War von ihnen die Lohnschraube, allerdings nach der entgegen-gesetzten Pachtung hin, nicht auch ganz einseitig gehandhabtworden? Und ist etwa in Folge der Erfahrungen der letztenJahre eine Besserung eingetreten? Keineswegs! DieDrücker-Fabrikanten- kamen in volle Thätigkeit; die Kaufleute, diewährend des Strikes die zaghaftesten waren gegenüber den An-forderungen der Arbeiter, erwiesen sich nunmehr als diemuthigsten. Jetzt sehen die Arbeiter ihr Unrecht ein undwürden gern auf gemeinsame Lohnreductionen eingehen, aberdie Fabrikanten gehen nicht auf solche Wünsche ein.

Die ganze Schwäche der freien Vereinigungen tritt zuTage. Der Concurrenzneid und die Eifersucht der Kaufleuteunter einander lassen bei flotter Conjunctur jede gemeinsameVerhandlung mit den Arbeitern scheitern; diese letztem sindbeim Rückgange derselben zu schwach, um ihren ForderungenNachdruck zu verleihen. Hätten die Fabrikanten, wie es dieArbeiter gethan, von Anfang an den Werth der Coalition be-griffen, so wäre eine grosse Anzahl von Streitigkeiten gütlichbeigelegt und das Verhältniss nicht so vergiftet worden, wiees heute ist. Aber es wird wohl noch Jahrzehnte dauern, bisauf dem Wege freier Vereinbarung sich solche Organisationenhervorbilden werden, welche in wenigen Jahren unter energischerMitwirkung von Gesetzgebung und Verwaltung hervorgerufenwerden könnten.

Die Organisationslosigkeit erweist sich als Fluch sowohlfür die Fabrikanten wie für die Arbeiter; sie verschärft nurdie Folgen einer jeden Conjunctur, der aufsteigenden zu Un-gunsten der ersteren, der rückgehenden zum Schaden derletztern. Dennoch ist trotz der ausserordentlichen Wichtigkeitder Vertheilung des Productionsvertrages zwischen jenen beidenKlassen für Solingen wie überhaupt für die bergisch-märkischeEisen- und Stahlwaaren-Industrie eine andere Frage von beiweitem grösserer Bedeutung: die nach der Erhöhung des Ge-sammtproducts. Der Kampf um die Vertheilung ist ja deshalbso bitter, weil der Antheil bei derParteien überhaupt ein kargerist; man erhöhe ihn auf beiden Seiten und sie werden gleich-massig zufrieden gestellt sein. Die Gesetzlosigkeit auf wirt-schaftlichem Gebiete während unseres «Fahrhunderts hat hiernicht zur Folge gehabt eine Concurrenz, in welcher der eine