II. 3.
85
rigkeit dahin, welche die Quintessenz aller Vorwürfe gegensie bleibt. Sie führen nach der Tradition ihres Hauses daskaufmännische Geschäft fort; dieses können sie überschauen,davon verstehen sie etwas und wollen sich auf neue unüber-sehbare Unternehmungen nicht einlassen. Aber selbst nachUeberwindung dieser geistig-psychischen Schwierigkeiten ent-stünde die Frage: würde sich das fest angelegte Capital auchverzinsen? Jene zügellose Concurrenz von Fertigmachern undKaufleuten würde bei günstiger Conjunctur zwar weniger zurGeltung gelangen, weil die gestiegenen Löhne mit Vortheildurch die dann billigere Maschinenarbeit ersetzt würden;beim Rückgänge aber liesse der gedrückte Handlohn der Fabrikkeinen Gewinn mehr übrig. Somit wird die gegenwärtigeOrganisationslosigkeit der Hausindustrie zum grössten Hemmnisseines Ueberganges zu höheren Betriebsformen.
In England hat sich der Uebergang zum Manufactur- undFabrikbetriebe bereits vollzogen. In Frankreich nahm vonAnfang an die Industrie eine der Solinger schnurstracks ent-gegengesetzte Entwickelung. Plier ist sie uralt und hat sichim Laufe eines halben Jahrtausends vom handwerksmässigenzum hausindustriellen Betriebe mit kaufmännischer Spitzeemporgekämpft. Dort ist sie jung, ein halbes Jahrhundertalt, erst zur Napoleonischen Zeit entstanden. Damals ver-führten einzelne grosse Capitalisten belgische Arbeiter; dieselandfremd, wie sie waren, besassen weder Haus noch Werk-stätte, sie wurden sofort in Manufacturen vereinigt; diesewaren nur das kurze Durchgangsstadium zum maschinellenFabrikbetriebe, dem Geldmittel und technische Erfahrungenzur Seite standen, und der in Folge der Neuheit der Indu-strie nur einer geringen inneren Concurrenz begegnete undgegen das Ausland hohen Schutzzoll genoss. So hat sieh eineIndustrie gebildet, die durch die Gleichmässigkeit und Güteihrer Fabrikate in einzelnen Artikeln ganz gefährlich concur-rirt und auf der letzten Weltausstellung auch einige Modelle ihrerWerkstätten mit Turbinen und Dampfbetrieb ausgestellt hatte.
Die Fabriken sind naturgemäss auf eine Produktion ein-facher Massenartikel angewiesen. In England hat jede Firmaihre Specialität, durch deren Massendarstellung sie ihre Ma-schinen und Arbeiter fortlaufend im Gang erhält; ein englischerCommissionär muss an vielen Thüren anklopfen, um ein Muster-assortiment zusammenzubringen. Solingen hat diese Artikelverloren theils an das Ausland, tlieils an die Mark, wo dieMaterialien und die Löhne billiger sind und wo man ange-fangen hat, sie fabrikmässig herzustellen. Es ist daher aufdie feineren Waaren, auf eine Mannigfaltigkeit von Musternangewiesen worden, wo die Fertigkeit der Hand zur Geltunggelangen kann. Aeltere Häuser sollen z. B. in Scheeren gegenzweitausend verschiedene Modelle in Curs haben; ebenso ist