84
II. 3.
naturgemäss ist. Kur unterliegt es mit den Conjuncturengrossen Schwankungen. Bei jedem Aufschwünge laufen Lehr-linge und Gesellen davon, weil andere Meister und Fabrikan-ten ihnen mehr bieten; dann erschallen Klagen über den Ver-fall des Lehrlingswesens. Bei sinkender Nachfrage stellen siesich wiederum ein und fügen sich allen Bedingungen; dannrühmen sich die Meister, die alte Zucht wieder hergestellt zuhaben. Eine gründliche Fachbildung wird dabei nicht erzielt;das Monopol der Geheimkünste ist bereits lange geschwundenund findet keinerlei Ersatz in einer Schulung des Geschmackesund der Präcision, welche namentlich allen mit der Zusammen-setzung von Waffen, Messern u. s. w. beschäftigten Arbeiternfehlt. Das Mitbringen französischer und englischer Musterallein genügt nicht und die Bemühungen der Kaufleute imJahre 1844, einem Arbeiter mit falschem Wanderbuche ineiner englischen Fabrik einen Platz zu verschaffen, bliebenfruchtlos. Wenn sich dann auch im Laufe der Jahrzehntemanche Verbesserung eingestellt hat, so bleibt der Mangeleiner gründlichen theoretischen und praktischen Ausbildungdoch empfindlich fühlbar.
Die Verbesserung der im Besitze der Meister befindlichenProductionsmittel scheitert gleichfalls an ihrem Mangel anBildung. Initiative und Capital. Die technischen Vorrichtungenund die Werkstätten, namentlich die Schleifkotten, haben sichdurch Jahrhundertein demselben trostlosen Zustande erhalten;die Arbeiter halten allenthalben auf das zäheste an ihren ver-alteten Gewohnheiten fest, und sie, die in socialer und poli-tischer Beziehung meistens Hadicale sind, erweisen sich intechnischer Hinsicht als die ärgsten Conservativen. Vollendsdarf man von den lohnarbeitenden Meistern nicht den Ueber-gang zu einer höheren Betriebsform, zur Manufactur oderFabrikindustrie, voraussetzen; ein jeder derselben bildet janur ein kleines Glied der arbeitstheiligen Fabrikation, welcheer in ihrer Gesammtheit nicht zu überschauen vermag, undwelche zu vereinigen er nicht die Mittel, weder die geistigen,noch die materiellen, besitzt.
Die Leiter der Technik sind im Grunde genommen dochnoch die Fabrikanten und Kaufleute, aber auch von diesenist nicht leicht ein Uebergang zu anderen Betriebsformen zuerwarten. Die ersteren, namentlich die kleineren Fertig-macher. haben zu wenig Kenntnisse und Capital, sie stehenunter den Sorgen des Tages und schlagen sich auf ehrlicheoder unehrliche Weise mit Drücken von Preisen, Löhnen undWaarenqualitäten durchs Leben. Die eigentlichen Kaufleutehätten schon das Capital, aber bei ihrer kaufmännischen Bil-dung verstehen sie wenig von der Technik und verwerthen nichteinmal ihre Reisen für dieselben; dann besitzen die meistenauch keine Initiative und leben in einer geschäftlichen Schläf-