Druckschrift 
2 (1879) Die Industrie des bergischen Landes : (Solingen, Remscheid und Eöberfeld-Barmen)
Entstehung
Seite
72
Einzelbild herunterladen
 

72

II. 3.

Verachtung preisgab. Die Waarenzahler befiel ein gewaltigerSchrecken und das allgemein verhasste Schandgewerbe wurde'wenigstens für eine Zeithing nicht öffentlich betrieben. Nur zubald lebte es aber wieder auf und zum zweiten und letzten Maletrat der Landrath dagegen auf. Jedoch vergeblich! Die Con-eurrenz der wucherischen Kaufleute war bereits so drückend,dass auch ehrenhafte Firmen nur mit den grössten Verlustendas Baarzahlen hätten fortsetzen können. Das Ehrgefühl, dereinzige Anhaltspunkt zum Guten, ging verloren. Von nun anhielt Jeder ungestraft einen Laden; bei Austheilung von Ehren-ämtern war weiter nicht die Frage, oh der Candidat ein I.ohn-verkürzer oder Waarenzahler war; in der bürgerlichen Ver-waltung, in dem Kirchen-, Schul- und Armenwesen waren dieAemter mit den ehemals geächteten Waarenzahlern besetzt;Macht, Gewalt und Einfluss ging in die Hände dieser Leuteüber. *)

Im Jahre 1845 waren von 68 Fabrikanten in der StadtSolingen 42, welche zugleich einen Laden, und 8, welche zu-gleich eine Schankstube hielten; die übrigen gaben zum TheilAnweisungen auf befreundete Läden. Selbst wenn keine er-höhten Preise gefordert werden, ist es schlimm, wenn Fabri-kanten einen Laden halten; sie verführen dadurch die Arbeiter,über ihren Bedarf Waaren zu entnehmen, um recht viel undgut gelohnte Arbeit zu erhalten; theils fälsch verstandenesInteresse, theils Nothwendigkeit, theils Leichtsinn und die ver-führerische Erleichterung, dem Luxus und der Verschwendungzu frühnen, führen zum Schuldenmachen und zur Liederlich-keit. Auf die schlechten Leidenschaften der Arbeiter wurdenun aber förmlich speculirt und die Ausbeutung in ein Systemgebracht, das alle Stadien bis zur empörendsten Gewissenlosig-keit durchlief. Das Abholen und Wiederbringen der Arbeitmachten die Gelegenheit. Bunte Zeuge, Kaffe, Zucker, Biber-mützen u. s. w. wurden entweder dringend empfohlen undsogar aufgezwungen oder den Frauen und Kindern, welchehäufig, um den Männern den Zeitverlust zu ersparen, dieArbeit allholten, neben Eisen und Stahl ganz ungefragt in denKorb gelegt. Eine practische Methode, um flotten Zuspruchim Laden zu haben, war die, auf das Comptoir für eine Arbeitstatt 68 Mann, welche sie beschäftigen konnte, 2530 kommenzu lassen. Die armen Leute machten dann drei bis vier Malden vergeblichen Gang und kauften jedes Mal etwas, um destoeher die Zutheilung von Arbeit sich zu sichern. Die Gunst so

0 Königl. Regierung zu Düsseldorf. Acta I. III. 2. 1 und 24. 5.reponirt. Privatbriefe von Peter Kneclit und die Verhandlungen zu Voll-winkel am 29. Okt. 1845, Manuscript im Besitze des Herrn Hotte in Ober-cassel. Beilage zur Elberfelder Zeitung vom 7. Juli 1845. - SolingerKreis-Intelligenzblatt. 1845. 101 u. 102, und drei Artikel im Januar 1840.Meine Beiträge a. a. 0. 8. 68 70.